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Full text of "Geschichte der Baukunst"




PRESENTED 




TO 

The University of Toronto 




BY 

The University of Strassburg, 




O E R M A N V . 




JANUARY IOth, 1891 









GESCHICHTE 



DER 



BAUKÜN 8 T 



VON 



FRANZ KUGLER 



FÜNFTER BAND. 



ZWEITE HÄLFTE. 

MIT ISO ILLUSTRATIONEN 



STUTTGART, 

VERLAG VON EBNER & SEUBERT. 

1873. 



GESCHICHTE 



DER 



DEUTSCHEN RENAISSANCE 



VON 



WILHELM LUBKE. 



•ZWEITE HÄLFTE. 

MIT 130 ILLLTSTHATIONEIW 



STUTTGART, 

VERLAG VON EBNER & SEUBERT. 

1873. 




% 




Kap. XI. Baiern. 515 

XI. Kapitel. 

Baiern, 



Den schärfsten Gegensatz zum fränkischen und schwäbischen 
bildet das bairische Gebiet. Von den Firnen und Gletschern 
der Alpen bis gegen die Donauniederung sich erstreckend, hat 
es von jeher einen kräftigen tüchtigen Menschenschlag hervor- 
gebracht, der indess mehr für ruhiges Beharren in altgewohnten 
Zuständen und für unbekümmerten sinnlichen Gcnuss, als für 
rastloses geistiges Arbeiten und Fortschreiten angelegt zu sein 
scheint. Bis in die neueste Zeit hinein hat hier deutsches 
Geistesleben keine tiefere Förderung erfahren. Vergebens schauen 
wir uns nach jenen mächtigen freien Städten um, die in Schwaben 
und Franken wie im ganzen übrigen Deutschland schon früh der 
Sitz eines mannhaften selbständigen Bürgerthums, der Hort einer 
kräftigen Kulturentfaltung waren. Hier ist von jeher die Kirche, 
geschützt durch die mit ihr verbundene Fürstenmacht, die Len- 
kerin des Lebens gewesen. Aber auch diese hat sich in ihren 
glanzvollsten Zeiten weit nicht so schöpferisch erwiesen wie in 
den meisten übrigen Gauen Deutschlands. Wenn wir auch nicht 
verkennen wollen, was Tegernsee, Freising und andere geistliche 
Sitze für die Kultur des Mittelalters geleistet haben, so weist 
doch das ganze Land weder in der romanischen noch in der 
gothischen Epoche Monumente ersten Ranges auf, und erst im 
Ausgang des Mittelalters gelingt es den Bürgerschaften von Lands- 
hut, München, Ingolstadt, in gewaltigen, wenn auch keineswegs 
edel durchgebildeten Bauwerken Zeugnisse eines energischeren 
Strebens hinzustellen. 

Diese Verhältnisse ändern sich selbst nicht mit dem Eintritt 
in die neue Zeit. Wohl erfasst auch hier der gewaltige Drang 
nach Umgestaltung des geistigen Lebens, nach Vertiefung der 
religiösen Anschauungen die Massen ; Arsazius Seehofer, ein Schü- 
ler Luthers, weiss selbst in München der neuen Lehre zahlreiche 
Anhänger zu gewinnen. Aber eine Reihe strenggläubiger Fürsten 
unterdrückt mit Gewalt diese Regungen. Herzog Wilhelm IV, 
bis 1534 mit seinem Bruder Ludwig, dann bis 1550 allein regie- 
rend, erliess die strengsten Religionsmandate. 1 ) Ein widerwärtiges 

') H. Zschokke, Baierische Geschichten III, 49 ff. Büchner, Gesch. 
von Bayern VII, 46. 

33* 



516 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

System von Ueberwachung und Angeberei riss beim geringsten 
Verdacht ruhige Bürger aus den Armen ihrer Familie, um sie 
in's Gefängniss zu werfen. Selbst die Bischöfe waren dem Her- 
zog zu mild; auf dem Scheiterhaufen mussten Manche ihren 
Glaubensmuth büssen, und durch Einführung der Jesuiten legte 
er den Grund zu jener pfäffischen Knechtung der Geister, welche 
bis jetzt noch ihre verderblichen Wirkungen geübt hat. Die Uni- 
versität Ingolstadt wurde der Hauptsitz des Ordens, und das 
bairische Land blieb fortan, die Hauptstadt München an der 
Spitze, der Mittelpunkt des weithin gesponnenen Netzes. Wil- 
helms Nachfolger Albrecht V (1550 — 1579) steigerte noch die 
Bestrebungen seines Vorgängers und gründete den Jesuiten jenes 
gewaltige Collegium mit der Kirche des h. Michael in seiner 
Residenzstadt, welches zum Bollwerk der Gegenreformation wer- 
den sollte. In kluger Berechnung wusste der Orden durch prunk- 
volle Schauspiele den Sinn der Menge zu erhitzen und zu be- 
täuben. Mit nie gesehener Pracht wurde die Einweihung seiner 
Kirche gefeiert, und in einem barock phantastischen Singspiel 
unter freiem Himmel sah die staunende Bevölkerung den Erz- 
engel Michael seinen siegreichen Kampf gegen dreihundert Teufel 
ausfechten. Nicht minder pomphaft wurde die Frohnleichnams- 
prozession in Scene gesetzt, und glanzvolle Bühnendarstellungen 
aus der heiligen Geschichte des alten und neuen Testamentes 
thaten mit ihrer rohen Pracht das Uebrige. Da zeigten sich in 
den Festzügen alle Heiligen des alten und neuen Bundes; Adam 
und Eva scheinbar nackt; sechszehn Marien, deren letzte und 
schönste im Gewölk einherfuhr; Gott Vater selbst, „soll eine 
lange, gerade, starke, wohlformirte Person sein", wie es in der 
Vorschrift heisst; „die unter dem Angesicht schöne reslete Färb 
hat und nit gelb, kupferfarb oder finnig aussieht; soll auch fein 
einen steten Gang an sich nemen, wenig umbsehen und nit 
sauer auch nit lächerlich, sondern fein sittsam aussehen." Wäh- 
rend man so den Sinn des Volkes betäubte, musste der Bauer 
sich's gefallen lassen, dass die härtesten Wildgesetze ihn schutz- 
los gegen die Verwüstungen seiner Saaten machten; gegen die 
Feldmäuse aber wurden auf herzoglichen Befehl Kirchengebete 
angeordnet. Die höchste Regierungssorge jedoch blieb, das Land 
vor der Berührung mit Luthers Lehre zu sichern. 1 ) Die Voll- 
endung dieser Bestrebungen vollzog sich in der Regierung Wil- 
helms V (1579—1598) und mehr noch durch seinen Sohn Maxi- 
milian I, das Haupt der katholischen Liga, der für seine. Ver- 

') Vgl. die lebendigen Schilderungen im III Bd. von Zschokke. 



Kap. XL Baiern. 5^7 

fechtung der kirchlichen Interessen den Besitz der Oberpfalz 
sammt dem Kurhute davon trug. 

Dass unter solchen Verhältnissen von einem selbständigen 
Geistesleben nicht die Rede sein konnte, leuchtet ein. Nicht dass 
es den bairischen Herzogen an Sinn für Höheres gefehlt hätte; 
in ihrer Weise haben sie nach Kräften die Wissenschaft gepflegt, 
nach Keform der Geistlichkeit und der Schulen gestrebt.- Aber 
weil sie Alles unter die Vormundschaft der Kirche stellten, blieb 
jede freie Entwicklung fern; die Wissenschaft trocknete zu einer 
neuen jesuitischen Scholastik ein, und die Volksseele blieb in 
dumpfem Aberglauben befangen. Von jener Frische und Kraft 
bürgerlichen Lebens, wie es sich im übrigen Deutschland aller 
Orten in grossartigen Monumenten verkörpert hat, finden wir 
keine Spur. Die ganze Bewegung der Renaissance liegt in den 
Händen der Fürsten, die in ihren glänzenden Schlössern und in 
opulenten kirchlichen Bauten ihrer Prachtliebe wie ihrer Bigotterie 
ansehnliche Denkmäler errichtet haben. Schon Herzog Wilhelm IV 
war einer der eifrigsten Förderer der Künste, sein Hof ein 
Sammelplatz von Künstlern jeder Art. Er und sein Bruder Lud- 
wig haben zuerst die italienische Renaissance beim Bau der 
prachtvollen Residenz in Landshut nach Deutschland eingeführt. 
Aber indem sie eine ganze Kolonie italienischer Künstler zur 
Errichtung und Ausschmückung des Baues beriefen, wurde die 
selbständige Entwicklung einer deutschen Renaissance eher ver- 
hindert als gefördert. Man verpflanzte die Wunderblüthe einer 
fremden Kunst auf nordischen Boden, die hier vereinzelt und 
wirkungslos bleiben musste. Noch höher steigert sich die Pracht- 
liebe bei Albrecht V. Ueberall entstanden neue Bauten oder Ver- 
schönerungen der schon bestehenden; in den Schlössern zu Lands- 
hut, Dachau, Isareck, Starenberg wurde unablässig gebaut. Auf 
dem Starenberger See schwamm eine Lustflotte mit einer präch- 
tigen Gondel für den Herzog; seine Kapelle hatte ausgezeichnete 
Sänger und Musiker, vor Allem Orlando di Lasso, dessen Buss- 
psalmen in einem kostbaren Manuscript, geschmückt mit den 
Miniaturen Hans Mielich's, man noch auf der Bibliothek in Mün- 
chen bewahrt. Kunstwerke aller Art, Statuen in Marmor und 
Erz, geschnittene Steine und Münzen, Zeichnungen und Gemälde 
wurden erworben, kostbare Bücher und Handschriften angekauft, 
darunter die Sammlungen Hartmann Schedels und Hans Jacob 
Fuggers. Diese Bestrebungen setzte Herzog Wilhelm V fort; die 
Hofkapelle wurde noch vermehrt ; für die Gemäldesammlung wur- 
den jährlich feste Summen ausgesetzt, junge Künstler in's Aus- 
land geschickt, berühmte Maler aus der Fremde berufen. Einen 



518 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

neuen Palast, die später sogenannte Maxburg-, erbaute sich der 
Herzog in München; aber noch weit prachtvoller war die Kirche 
und das Collegium, welche er daselbst den Jesuiten errichtete. 
Ueppige Lebenslust brach vom Hofe aus sich in allen Ständen 
Bahn, und es ist bezeichnend, wie der Rath zu München jedes 
Jahr am Sonntag nach drei Königen eine Schlittenfahrt veran- 
stalten musste, zu welcher der ganze Hof geladen wurde: ein 
Gebrauch, auf dessen Einhaltung der Herzog streng bestand, 
selbst wenn der Magistrat unter thänig erinnerte, es seien die 
meisten Hausfrauen schwanger und die Gassen ohne Schnee; 
worauf der Herzog befahl „herumzufahren, es schneie oder nit." 
Man sieht aus Allem, dass die verschwenderische Kunstpflege 
hier nur eine äusserliche bleiben musste, die den Volksgeist 
nicht zu eignen Schöpfungen zu befruchten vermochte. Wie man 
die Jesuiten zur Befestigung der römischen Priesterherrschaft in's 
Land rief, so Hess man auch die Kunst durch fremde Meister 
einführen. Von der Residenz in Landshut (1536) beginnt diese 
Richtung, die völlig mit den nordischen Gewohnheiten und den 
Reminiscenzen des Mittelalters bricht ; dort wie in allen folgenden 
Bauten Baierns kommt nur die italienische Kunst zu Worte. Weil 
nun diese Bewegung eine ausschliesslich von oben geförderte 
war, die nicht aus dem Volksleben selbst mit Notwendigkeit 
hervordrang, so gewinnt sie auch keinen innerlich übereinstim- 
menden Charakter. Es sind und bleiben vielmehr grossentheils 
auswärtige Meister, welche man für die Leitung der künstlerischen 
Unternehmungen beruft; zuerst Italiener, dann italienisch gebil- 
dete Niederländer. Was sich von heimischen Kräften daneben 
bewährt, gehört meistens dem Gebiete der Kleinkünste und des 
Kunstgewerbes an. Was hierin gerade in Baiern von Einheimishen 
geleistet worden, beweist dass es im Lande nicht an Talenten 
fehlte. Auch die ersten Versuche, in der Architektur sich den 
neuen Stil anzueignen, der auf den alten Handelsstrassen unmerk- 
lich über die Alpen gedrungen sein mochte, jene ersten Versuche 
im Hofe der Residenz zu Freising, im Vorderbau des Palastes 
zu Landshut, in gewissen Grabmälern zu Freising und ander- 
wärts beweisen, dass die wackren einheimischen Meister bereit 
genug waren, das Neue sich anzueignen. Aber statt ihnen Ge- 
legenheit zu bedeutenderen Schöpfungen zu geben, aus welchen 
sich wie in Schwaben, Franken, der Pfalz und im übrigen 
Deutschland eine nationale Renaissance entwickelt hätte, zog 
man es vor, Fremde herbeizurufen und den voll ausgebildeten 
Stil Italiens nach dem Norden, zu verpflanzen. So ist eine Reihe 
glänzender Bauten von hoher künstlerischer Bedeutung, aber ohne 



Kap. XI. Baiern. Freising. 519 

inneren Zusammenhang mit dem Leben des Volkes entstanden, 
die wir nun einzeln zu betrachten haben. Es ist nicht sowohl 
deutsche Renaissance, als vielmehr Renaissance in Deutschland, 
was wir in Baiern finden. 



Freising. 

Auf dem sonnigen Hügel, welcher die Stadt Freising tiber- 
ragt, hat schon in ältester Zeit die geistliche Macht einen festen 
Sitz aufgeschlagen. Die ansehnliche romanische Domkirche und 
die benachbarte ehemalige fürstliche Residenz bilden mit den 
dazu gehörigen Bauten gleichsam eine Stadt für sich. Wir haben 
es hier zunächst mit dem Residenzschloss zu thun, welches 
in seinen älteren Theilen, namentlich dem nördlichen Flügel, zu 
den frühesten, noch unklar schwankenden Renaissancewerken in 
Deutschland gehört. Bischof Philipp Hess im Jahre 1520 den 
Bau ausführen. Von aussen ist das Schloss völlig einfach, nur 
gegen die Johanneskirche ragt ein Thurm empor, der oben acht- 
eckig und mit einem Kuppeldach geschlossen ist. Gegen die 
Stadt hin an der Nordseite ist ein einfach rechtwinkliger Erker 
ausgebaut. An der ostwärts schauenden Hauptfa^ade sieht man 
Spuren einer kräftigen Bemalung, imitirtes Quaderwerk in grau 
und grauen Tönen, unter den Fenstern barock gestaltete Schilde, 
über denselben mannigfach variirte Krönungen von Blattwerk 
und Masken, Voluten und Muscheln in grosser Abwechselung. 
Dies Alles spätere Zusätze vom Ende der Epoche. Auch das 
Portal, das sich im gedrückten Rundbogen öffnet, ist mit gemal- 
ten Bändern und Rosetten geschmückt. An der Südseite zieht 
sich eine geschlossene Terrasse hin, die in ihrer hohen Lage am 
südlichen Kamm des Hügels einen herrlichen Blick über die 
grünen von der Isar durchzogenen Wiesengründe gewährt. Am 
Horizont gewahrt man die Thürme Münchens, und dahinter die 
grossartigen Linien der Alpenkette, die das schöne Bild ab- 
schliessen. 

Das Hauptportal führt zu einem Thorweg, der in einem 
ungefähr quadratischen Hof von massiger Ausdehnung mündet. 
Den beiden vorderen Flügeln des Baues an der Eingangsseite 
und zur Rechten, also dem östlichen und nördlichen sind Arka- 
den auf schweren Pfeilern vorgelegt, mit weit gespannten Bögen, 
in welchen Mittelalter und Renaissance wunderlich sich mischen. 
Drei Treppen in rechtwinklig gebrochener Anlage und mit Po- 
desten führen aus der unteren Halle hinauf, die erste gleich 



520 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

beim Eingänge und die dritte in der Mitte des Nordflügels in 
das Hauptgeschoss, die zweite in der einspringenden Ecke der 
beiden Flügel zu einem hohen Erdgeschoss. Das Merkwürdigste 
ist indess nicht sowohl diese Anordnung, als vielmehr der selt- 
same Stil der den zweiten Stock begleitenden Galerie. Hier 
bilden sich nämlich abwechselnd auf kurzen Säulchen oder Pfei- 
lern am östlichen wie am nördlichen Flügel je fünf Arkaden mit 
Stichbögen, deren Profil in mittelalterlicher Weise aus Kehle und 
Rundstab besteht. Sämmtliche Pfeiler und Säulen, mit einer ge- 
wissen Opulenz aus rothem Marmor gebildet, zeigen verschiedene 
Behandlung, die zwischen Gothik und Renaissance schwankt, und 
den letzteren Stil offenbar nur aus dunklen Quellen kennt. Man 
sieht die wunderlichsten Spielereien, in welchen missverstandene 
antike Formen mit mittelalterlichen Gewohnheiten um die Herr- 
schaft ringen. Die Pilaster oder Pfeiler haben an den Schäften 
hübsche Flachornamente im Stil der Renaissance. Das Alles 
zeugt von einem provinzialen Meister, der seine ganze Stilkennt- 
niss etwa aus Burgkmaierschen Holzschnitten geschöpft hat. ' Sein 
Steinmetzzeichen und das Monogramm A P hat er an einem 
Pfeiler eingegraben. Eingefasst wird die obere Galerie durch 
eine derbe Balustrade, ebenfalls von rothem Marmor. Im nörd- 
lichen Flügel haben die oberen Arkaden elegant profilirte gothische 
Rippengewölbe. 

Im Innern sind zwei schöne Säle im Erdgeschoss des Süd- 
flügels bemerkenswerth, wegen der trefflichen Ausbildung ihrer 
Gewölbe, die ganz in Stuck in ausgebildeten Renaissanceformen 
einer bereits vorgeschrittenen Epoche decorirt sind. Ein reiches 
Stuckgesimse umzieht in der Kämpferhöhe den ganzen Raum mit 
Einschluss der tiefen Fensternischen. Reiche mit Engelköpfchen 
geschmückte Consolen bilden sodann die Ausgangspunkte der 
Gewölbrippen, welche sehr elegant profilirt und mit Perlschnur, 
Eierstab und ähnlichen Formen geschmückt sind. Die Grundform 
der Decke bildet das Kreuzgewölbe, in der Mitte ein vollstän- 
diges, an beiden Seiten ein halbirtes. Die einzelnen Kappen sind 
durch schön profilirte Rahmen in Form verschiedenartiger Me- 
daillons geschmückt, die kleineren davon mit geflügelten Engel- 
köpfchen ausgefüllt. Trotz der dicken Uebertünchung, welche 
die Feinheit der Glieder nur schwer errathen lässt, ist der 
Eindruck des Raumes bei 20 Fuss Breite und 40 Fuss 
Länge ein sehr harmonischer. Ein zweiter Saal von denselben 
Dimensionen zeigt ein Gewölbe von ähnlicher Behandlung aber 
andrer Eintheilung, etwas weniger reich aber nicht minder an- 
sprechend. 



Kap. XI. Baiern. Freising. 521 

Im Hauptgeschoss liegt sodann auf der nordöstlichen Ecke, 
von dem bereits erwähnten Thurm überragt, die Kapelle. Es 
ist ein quadratischer Raum, hoch und schlank durch kannelirte 
Pilaster gegliedert, dazwischen Bogennischen mit Muschelfüllung. 
Darüber steigt eine schlanke Kuppel auf, mit den Stuckrelief- 
bildern der Evangelisten, und in der Mitte dem des Salvators 
decorirt. Die architektonischen Details sind etwas zu gross und 
derb für den kleinen Raum, aber die Gurtbögen und die übrigen 
Gewölbflächen haben leichte, elegant componirte Ranken in Stuck. 
Der prachtvolle Altar, offenbar gleichzeitig mit der übrigen De- 
coration, datirt von 1621. 

Einige Ausbeute gewährt ausserdem der Dom. Schon die 
gesammte Anlage ist von einer bis jetzt nicht genug gswürdigten 
Bedeutung. Die stattliche romanische Basilika mit ihrer gross- 
artigen Krypta steht nämlich westlich mit der alten Taufkirche 
St. Johannes durch spätere Arkaden in Verbindung — wie es in 
verwandter aber alterthümlicherer Weise die Stiftskirche zu Essen 
zeigt; andrerseits sind von der Johanniskirche auch Arkaden 
nach der noch weiter westlich liegenden Residenz hingeführt. An 
der Ostseite aber wird der Dom ähnlich wie der Hildesheimer 
durch einen Kreuzgang umfasst, der freilich modernisirt ist, aber 
durch zahlreiche Grabdenkmale Interesse gewährt. Das östliche 
Ende dieses Kreuzganges wieder bildet der sogenannte alte Dom, 
eine kleine in gothischer Zeit umgebaute Basilika mit polygonem 
Chorschluss. Der Eingang der Kapelle wird durch ein Eisengitter 
aus der Renaissancezeit ' geschlossen. Mehrere Grabsteine sind 
nicht eben durch künstlerische Bedeutung, wohl aber durch das 
frühe Auftreten des Renaissancestiles von Interesse. Die ersten 
noch schüchternen Spuren des neuen Stiles zeigen sich am Grab- 
stein des Kanonikus Kaspar Marolt (f 1513). Die Nischen rund- 
bogig, die Pilaster im Charakter der Renaissance, obwohl die 
Füllungen ein ganz verwildertes gothisches Laubwerk haben. 
Plumpen Renaissancerahmen mit geschweiften Kandelabersäulchen 
findet man daneben an dem kleinen Grabstein des Petrus Kalbs- 
ohr vom Jahr 1521. Das Monogramm A P deutet offenbar auf 
den Meister der Arkaden des Residenzhofes. Aus demselben 
Jahre der Grabstein des Paulus Lang mit Putten und Delphinen 
ganz im Renaissancegeschmack, aber plump und schwer, wohl 
von der Hand desselben Meisters. Im Dome sodann haben 
sämmtliche Seitenkapellen Eisengitter der Hochrenaissance von 
einer Schönheit und Phantasiefülle, wie sie nicht leicht ander- 
wärts gefunden wird. Der Hochaltar ist ein Prachtstück 
des beginnenden Barockstils. Ebenso die Kanzel, reich ge- 



522 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

schnitzt und vergoldet, mit hohem phantasievoll componirtem 
Schalldeckel. 



Landsliut. 

Die Stadt Landshut hat schon früh durch die Residenz der 
bairischen Herzoge eine gewisse Bedeutung gewonnen. Bereits 
im 13. Jahrhundert wird die Trausnitz auf dem steil die Stadt 
überragenden Hügel zu einer mächtigen Burganlage ausgebildet, 
von deren künstlerischer Entwicklung später die Rede sein wird. 
Unten in der Stadt erbauten sich aber zur Zeit der aufblühenden 
Renaissance seit 1536 die Herzoge Wilhelm IV, Ludwig und Ernst 
eine prachtvolle Residenz, welche schon 1543 vollendet war. 
Es ist eins der merkwürdigsten, frühesten und vollkommensten 
Monumente der Renaissance in Deutschland, von deutschen Mei- 
stern in einem noch schwankenden Stil begonnen, dann aber von 
herbeigerufenen Italienern im ausgebildeten Stil ihrer Heimath 
vollendet. Wenn man in der Hauptstrasse der malerischen alten 
Stadt an der nüchternen aus späterer Zeit herrührenden Facade 
vorbeigeht, kann man nicht ahnen, welche Pracht dahinter sich 
birgt. Aber ein alter Stich j ) zeigt uns die ursprüngliche Be- 
schaffenheit der Facade. Es war über einem hohen mit kleinen 
Fenstern und drei Portalen durchbrochenen Erdgeschoss ein drei- 
stöckiger Bau, in der Mitte noch durch einen höheren Aufbau 
thurmartig überragt. Die Fenster mit ihren verschiedenen Be- 
krönungen, der reiche Fries des Kranzgesimses, die Rahmen- 
pilaster an den Ecken, endlich die seltsamen mehrfach gegürteten 
Rundsäulen und der Flachbogen des Hauptportals geben den Ein- 
druck einer spielenden Frührenaissance. Tritt man durch das 
jetzige Portal ein, so befindet man sich in einem Vestibül (A in 
Fig. 132), 2 ) aus welchem zu beiden Seiten ziemlich steil auf- 
steigende schmale Treppen in's obere Geschoss führen. Das 
Vestibül erweitert sich dann zu einer stattlichen Halle B, deren 
Kreuzgewölbe auf rothen Marmorsäulen ruhen. Dieser ganze 
Vorderbau muss das Werk eines deutschen Meisters sein, der 
hier seine ziemlich unklaren Vorstellungen von Renaissance ver- 
werthet hat. In der That erfahren wir, 3 ) dass diese Theile von 
den Meistern Niklas Ueberreiter und Bernhard Ztvitzel, einem 



*) In Mich. Wening historicotopogr. descript. etc. MDCCXXIII. — 
2 ) Die Abbildungen verdanke ich gütiger Mittheilung des Herrn Hof-Bau- 
rath Riedel in München. — 3 ) Sighart, Bayr. Kunstgesch. S. 682. 



Kap. XL Baiern. Landshut. 



523 



Schüler des B. Engelberger von Augsburg, herrühren. Die Säulen 
zeigen eine unverstandene Art von Coniposita-Kapitäl und eben 
so wunderliche runde Sockel, wozu dann noch die mittelalterlich 
profilirten Gewölbrippen kommen. Tritt man nun aber in den 
grossen ungefähr quadratischen Hof C, so ändert sich sofort der 
Eindruck und man glaubt sich in einen der mächtigsten Palast- 




Fig. 132. Erdgeschoss der Residenz in Landshut. 



höfe w Italiens versetzt. Auf drei Seiten fassen gewaltige Hallen 
DFG von dorischen Marmor-Säulen den Hof ein, rechts und 
links mit Kreuzgewölben gedeckt, an der Rückseite mit korb- 
förmigem Tonnengewölbe, in welches Stichkappen einschneiden. 
Diese letztere Halle ist von besonders stattlicher Anlage, an bei- 
den Enden mit Halbkreisnischen geschlossen, die Gewölbe mit 
feinen Profilen in Stuck gegliedert und durch grössere und kleinere 



524 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Gemälde mythologischen Inhalts geschmückt, die Halbkuppeln 
der Nischen in Rautenform getheilt, in den Feldern feine Relief- 
figürchen antiker Götter, thonfarbig hell auf braunem Grunde, 
das Ganze von heiterster Wirkung. Die Oberwände der Hof- 
facaden sind durch schlanke korinthische Pilaster von grossem 
Maassstabe eingetheilt, welche das Hauptgeschoss mit seinen 
hohen Fenstern und ein kleines Halbgeschoss darüber zusammen- 
fassen. (Vgl. den Durchschnitt Fig. 133.) Die Fenster haben die 
streng klassische Bildung der italienischen Hochrenaissance mit 
abwechselnd geraden und gebogenen Giebeln. Das Ganze zeugt 
unverkennbar von der Hand eines italienischen Architekten der 
schon etwas strengen, ja trocknen Richtung, welcher die Palladio, 
Vignola und Serlio angehören. Der Contrast mit dem Vorderhaus 
könnte nicht grösser sein. Wirklich wurden während des Baues 
neue Meister, Sigmund Walch und Antonelli, zur Fortführung des 
Angefangenen herbeigezogen, und diese beriefen noch andere 
Meister aus Mantua, aus der Schule des Giulio Romano: Barto- 
lommeo, Francesco und Benedetto mit 27 Maurern, während bereits 
die Steinmetzen Nicola Beora, Bernardin. Caesar, Samarina, Victor 
und Zemin, sämmtlich aus Italien, verwendet waren. Es ist also 
eine ganze Colonie von Italienern, von welchen hier die Renais- 
sance ausgeht. In welchem Verhältniss die Fremden zu den 
Einheimischen standen, erkennt man daraus, dass der deutsche 
Steinmetz wöchentlich einen, der Italiener monatlich 10 Gulden 
erhielt. Trotz der Niedrigkeit der Löhne kam der Bau doch auf 
52,635 fl. zu stehen. 1 ) 

Das ganze Innere des Baues, der völlig im Charakter ita- 
lienischer Stadtpaläste durchgeführt ist, zeigt dieselbe Behandlung, 
und zwar die Hand durchweg sehr tüchtiger Künstler. In der 
Hauptaxe liegt eine Durchfahrt E, welche auf eine der Haupt- 
strasse parallel laufende Gasse führt. Sie ist mit einem Tonnen- 
gewölbe bedeckt, welches durch achteckige Kassetten gegliedert 
wird. Das Erdgeschoss hat eine Anzahl ansehnlicher Zimmer, 
sämmtlich gewölbt und mit Malerei und Stuckatur verziert. Aber 
weit grösser ist die Pracht und der künstlerische Aufwand in den 
Räumen des oberen Hauptgeschosses. Man gelangt dahin ent- 
weder über die beiden Treppen des Vorderhauses oder auf einer 
breiten in Backstein mit sehr niedrigen Stufen aufgemauerten 
Treppe, welche aus der hinteren Halle rechts emporführt. Ich 
kann nicht in alle Einzelnheiten eingehen ; nur soviel sei bemerkt, 
dass es sich hier um eine Schöpfung handelt, die, wenn sie jen- 



J ) Geschichte Landshuts von Mehreren. Landshut 1835. S. 15G Note. 



Kap. XL Baiern. Landshut. 527 

seits der Alpen läge, von allen Künstlern und Architekten auf- 
gesucht, studirt und bewundert sein würde, während sie in 
Deutschland fast unbekannt und verschollen ist. Nur dies noch: 
alle oberen Gemächer sind gewölbt, die Decken in mannigfacher 
Weise getheilt, mit den elegantesten Ornamenten in Stuck ge- 
gliedert, die Felder in Fresko ausgemalt, das Ganze im klassi- 
schen Stil der italienischen Hochrenaissance, eine künstliche Süd- 
frucht auf nordischem Boden. Ich will nur die kleine quadratische 
Kapelle im linken Flügel erwähnen, mit kuppelartigem Gewölbe, 
die Wände mit einer Composita- Ordnung von Säulen und Pilastern 
elegant gegliedert, die Friese und Deckenflächen mit trefflicher 
Stuckdecoration. Namentlich der Hauptfries mit Akanthusranken, 
in welchen Engel spielen, ist von schöner Erfindung und Aus- 
führung. Das Prachtstück ist aber der grosse Saal an der Rück- 
seite des Hofes, von vornehmen Verhältnissen, etwa 27 Fuss breit 
und doppelt so lang. Die Wände sind mit ionischen Pilastern, 
deren Kapitale sparsame Vergoldung zeigen, gegliedert. Zwischen 
ihnen sind Medaillons mit feinen mythologischen Reliefs, Thaten 
des Herakles und Anderes darstellend, angeordnet. Die Wände 
sind jetzt leider weiss getüncht, aber der grosse Fries sowie das 
Gewölbe zeigen die ursprüngliche Ausstattung. Und von welcher 
Schönheit! 

Namentlich der Fries gehört ohne Frage zu den köstlichsten 
Schöpfungen der Renaissance. Man liest an ihm in grossen gol- 
denen Buchstaben den bekannten Satz: „Concordia parvae res 
crescunt, discordia maximae dilabuntur." Aber diese Buchstaben 
werden in entzückendem Spiel von muthwilligen gemalten Putten 
gehalten, das Ganze in einem Reichthum der Erfindung, einer 
Fülle des Humors, dass wohl nie ein anmuthigerer Kinderfries 
gemalt worden ist. Darüber spannt sich in gedrücktem Rund- 
bogen das Gewölbe mit ausgezeichnet schöner Eintheilung. In 
den grossen achteckigen Hauptfeldern sieht man die berühmtesten 
Männer des klassischen Alterthums von Homer an in Fresko; an 
den beiden Schildwänden des Saales sind die Künstler Zeuxis, 
Phidias und Praxiteles dargestellt, zu denen sich noch Archi- 
medes gesellt. In den kleineren Feldern der Decke sind Grau 
in Grau friesartige Scenen aus dem klassischen Alterthum gemalt, 
als Einrahmung dient ein blauer Grund mit goldenen Bändern 
und Schleifen durchzogen, darin auf kleinen Medaillons weisse 
Gemmen nachgeahmt sind. Die innere Umrahmung der Haupt- 
felder endlich besteht aus vergoldeten Ornamenten und Glie- 
derungen. Die Wirkung des Ganzen ist unvergleichlich schön 
und gehört zum Trefflichsten seiner Art. An der einen Thür des 



528 III- Buch. Renaissance in Deutschland. 

Saales liest man die Künstlermonogramme PVS, darunter das 
F (wohl „fecit"); sodann LH. 

Bezweckt die Decoration dieses Saales eine Verherrlichung 
des klassischen Alterthums, so klingt der hier angeschlagene 
Grundakkord in der Ausstattung der übrigen Räume nach. So 
sieht man ein kleines quadratisches Badezimmer, dessen Gewölb- 
malerei der Aphrodite und den ihr verwandten Gestalten gewidmet 
ist; in den Lünetten sind kleine antike Scenen auf landschaft- 
lichem Grunde gemalt, in den Stichkappen schwebende Liebes- 
götter, mit Benutzung der raffaelischen Fresken in der Farnesina, 
Alles im heitersten Stile; die Wände endlich mit prächtigen 
Blumenteppichen bedeckt. Die Gemälde zeugen hier von etwas 
geringerer Hand, alle aber tragen gleich denen des Saales das 
Gepräge der Nachfolger Raffael's. 

Dieser reichen Ausstattung, die sich durch eine Reihe grösserer 
Zimmer fortsetzt, entspricht alles Uebrige. Die Kamine der Zimmer 
und die Thürgewände sind aus rothem Marmor in klassischen 
Formen gebildet. Auffallend ist die Kleinheit sämmtlicher Thüren, 
auch derjenigen des Saales. Von grösster Schönheit sind die 
Thürflügel selbst, sämmtlich mit Intarsien geschmückt, deren 
Ranken zum Geistreichsten und Feinsten dieser Gattung gehören. 
Sie gehen aber aus Mangel an Pflege zu Grunde, weil man nicht 
einmal so viel darauf gewandt hat, sie bisweilen mit Oel einzu- 
reiben. 

Etwas abweichenden Charakter zeigt die Decoration der 
oberen Halle, welche im linken Flügel den Zugang zur Kapelle 
und die Verbindung zwischen Vorder- und Hinterhaus vermittelt. 
Ihre gemalte Decoration entspricht zwar dem Uebrigen, aber die 
ebenfalls gemalten Fürstenbilder an den Wänden, wie das Ganze 
flott und keck hingesetzt, zeugen von der Hand eines in der 
venetianischen Schule gebildeten Künstlers. Das Datum ist hier 
1536, während man im grossen Saal 1542 liest. Wir wissen, 
dass Hans Boxherger aus Salzburg von 1542—55 in der Residenz 
gearbeitet, namentlich den Gang sammt der Kapelle, ferner zwei 
Säle, die Kanzlei und den Thurm ausgemalt hat. Den Hauptsaal 
dagegen malten zwei Künstler aus Mantua, darunter jener oben 
erwähnte Antonelli. Auch Ludwig Rospingcr aus München wird 
unter den Malern genannt. 

Abweichend von allen diesen Arbeiten ist endlich der im 
zweiten Geschoss des Vorderhauses liegende geräumige Saal, 
denn er ist niedrig nach nordischer Weise und mit einer Holz- 
decke versehen, die für sich allein ein Kunstwerk ersten Ranges 
bildet. Abwechselnd auf grösseren und kleineren Consolen ruhend. 




Kugler, Gesch. d. Baukunst. V, 



Kap. XL Baiern. Trausnitz. 531 

die als prächtiges Gesims den Saal umziehen, ist die Decke in 
sehr feinem flachem Profil gehalten, um nicht zu schwer auf dem 
niedrigen Räume zu lasten. In vierzig grosse quadratische Felder, 
acht der Länge, fünf der Breite nach getheilt, welche durch 
schmale längliche Felder getrennt werden, haben sämmtliche 
Flächen herrliche Intarsien, helle Zeichnung auf dunklem Grunde, 
jedes Feld in abweichender Komposition, voll Phantasie und un- 
erschöpflicher Erfindung. Muschel- und Volutenwerk mischt sich 
mit Rosetten, Rankenge winden und anderem Blattornament. Der 
Charakter deutet auf den Ausgang des 16. Jahrhunderts. Am 
schönsten sind die Pflanzenornamente der schmalen länglichen 
Felder. 

Endlich ist noch der Fa^ade zu gedenken, welche die Rück- 
seite des Palastes bildet (Fig. 134). Sie zeigt mit der schlichten 
Rustica des Erdgeschosses und den hohen, zum Theil gekuppelten 
dorischen Pilastern, welche in ihre grosse Ordnung die beiden 
oberen Stockwerke einschliessen, den Eindruck derselben schon 
stark zum Nüchternen neigenden Behandlung, in welche die ita- 
lienische Hochrenaissance so bald ausklingt, und die auch in den 
Hoffasaden vertreten ist. Der ganze Bau ist in Stuck ausgeführt. 

Im Uebrigen hat die Stadt nicht viel Bemerkenswerthes aus 
dieser Epoche. Das Bezirksamt neben der Martin skirche ist 
mit seinen schweren Arkaden auf stämmigen selbander durch 
Architrave verbundenen Pfeilern, seinen mit Giebeln bekrönten 
Fenstern, seinem grossen gewölbten Vestibül und Treppenhaus 
ein Bau von ähnlicher streng klassischer Richtung. Dagegen ver- 
tritt das gegenüber liegende ehemalige Landschaftshaus, jetzige 
Postgebäude, mit den prachtvollen Fresken den heiteren Charakter 
jener oberdeutschen Facaden, welche ihren Schmuck ausschliess- 
lich durch die Malerei erhielten. Die architektonischen Glieder 
in den derben Formen der späten Renaissance sind hell gehalten; 
in drei Reihen zwischen den Fenstern vollfarbig gemalte Statuen 
bairischer Fürsten in dunkelbraunen Nischen ; unter den Fenstern 
bronzefarbige Medaillons mit römischen Kaiserbüsten; über den 
Fenstern Gestalten von Tugenden: das Ganze reich und harmo- 
nisch. Als „Visirer" des Landschaftsgebäudes wird 1597 ff. Pach- 
mayr genannt; die Herzogsbilder der Facade malte 1599 ff. G. 
Khnauft Dies Alles aber überragt weit an Wichtigkeit die 

Trausnitz. 

Die alte Veste erhebt sich auf einem steil an der Südseite 
der Stadt Landshut aufsteigenden Hügel. Zu ihren Füssen breitet 

34* 



532 



III. Buch. Kenaissance in Deutschland. 



sich nordwärts die Stadt, deren riesiger Hauptthurm St. Martin 
mit der Höhe der Burg wetteifern zu wollen scheint, während 
südwärts der Blick über das lachend grüne Isarthal bis zu den 
Firnen der bairischen Alpenkette schweift. Die Anlage der 
Trausnitz reicht bis in's frühe Mittelalter zurück. Spuren des 
spätromanischen Stils erkennt man aussen an den durchschnei- 
denden Bogenfriesen der beiden Eundthürme, welche den Ein- 
gang flankiren, sowie drinnen an der Kapelle mit ihren treff- 
lichen Skulpturen aus dem Anfange des 13. Jahrhunderts. Der 




Fig. 135. Trausnitz. Grundriss des Erdgeschosses. 



ganze Bau mit seiner unregelmässigen Form datirt offenbar aus 
den verschiedensten Zeiten. Nicht blos alle Epochen des Mittel- 
alters, sondern auch der Renaissance haben an ihm gearbeitet. 

Kommt man von der Stadt auf steil ansteigendem gewun- 
denem Fusspfade zur Burg hinauf, so bietet sich in A (Fig. L35) 
der von zwei vorspringenden halbrunden Thürmen flankirte Haupt- 
eingang. 1 ) Dies sind wahrscheinlich Theile des Baues von 1204, 
als man die einfache Warte Trausnitz in eine eigentliche Burg 



5 ) Beide Grundrisse verdanke ich gütiger Mittheilung des Herrn Bau- 
raths Schmidtner in Landshut. 



Kap. XL Baiern. Trausnitz. 



533 



umwandelte, in welcher in demselben Jahre Herzog Ludwig- seine 
Vermählung feierte. Die Burg folgt in ihrer unregelmässigen 
Anlage dem Kamme der steil gegen die Stadt abfallenden Hügel- 
kuppe. Die vordere Ecke bildet der mächtige Witteisbacher 
Thurm C, welcher den Aufgang zur Burg beherrscht. Tritt man 
durch die mit gothischen Sterngewölben bedeckte Eingangshalle 
in den grossen unregelmässigen Hof B, so hat man vor sich die 
beiden Hauptflügel des Schlosses, welche ursprünglich schon die 
Wohn- und Festräume enthielten. Hier finden sich vor Allen die 




Fig. 136. Hof der Trausnitz. (Baidinger.) 



jetzt als Archiv dienenden Bäume H und I, ursprünglich wahr- 
scheinlich ein einziger Saal, die sogenannte Türnitz, deren Decke 
auf achteckigen Pfeilern mit gothischen Spitzbögen ruht. Nach 
der Südseite gewähren zahlreiche Fenster und zwei vorgebaute 
Erker einen prächtigen Blick weit über das Land. Davor legt 
sich der später hinzugefügte sogenannte italienische Bau K mit 
der berühmten Narrentreppe L. Nach dem Hofe dagegen sind 
mehrere Nebenräume, auf der Ecke die Wendeltreppe Q angelegt 
und ein direkter Zugang zum Saale wird durch eine Vorhalle 
vermittelt. Eine ähnliche Vorhalle N führt zu der alten Schloss- 



534 III. Buch. Eenaissance in Deutschland. 

kapellc mit ihrem prächtigen Altar und Lettnerbau und der 
Empore für die Herrschaft, die durch eine kleine Wendeltreppe 
zugänglich ist. In P liegt die alte Sakristei. An die Kapelle 
stösst sodann der mächtige Saal M mit gewaltigen spitzbogigen 
Kreuzgewölben, deren breite Gurten und Rippen auf achteckigen 
Pfeilern ruhen. Die übrigen Räume sind für Dienstzwecke er- 
richtet; in E ist die Küche, durch den Gang C mit dem Haupt- 
bau verbunden. In D sind Wohnungen für Bedienstete, in F ist 
das Brunnenhaus mit dem bis auf die Thalsohle reichenden Zieh- 
brunnen. Die beiden oberen Geschosse des Hauptbaues sind in 
beiden Flügeln mit offnen Arkaden umzogen, deren gedrückte 
Bögen auf Pfeilern ruhen, die mit dorischen Pilastern decorirt 
sind. Dieser Vorbau sammt dem Treppenhaus, welches in R auf 
unserm Grundriss angedeutet ist, wurde seit 1578 hinzugefügt. 
Obwohl die Formen von geringem Werth und ohne besondere 
Feinheit nur in Stuck ausgeführt sind, macht das Ganze doch 
mit dem offnen Stiegenhaus und den weitgespannten Bögen der 
Galerieen einen malerischen und stattlichen Eindruck, wie unsere 
Fig. 136 zeigt. 

Das obere Hauptgeschoss, dessen Grundriss Fig. 137 dar- 
stellt, hat über der Türnitz die Haupträume, in E und F die 
Zimmer der Herzogin, besonders das erstere durch den Erker 
einen herrlichen Blick auf die Landschaft bis zu den fernen 
Alpen gewährend, in D den grossen Audienzsaal, dessen Decke 
durch zwei hölzerne Stützen getragen wird. Von da gelangt man 
durch den Verbindungsraum G in den Thronsaal H und das 
Nebenzimmer I, welches wieder direkt und durch das Vorzimmer 
M mit dem italienischen Anbau K und der Narrentreppe L zu- 
sammenhängt. Durch den Verbindungsgang N communiciren diese 
herrschaftlichen Wohnräume mit der Fürstenempore in der Kapelle 
0. Durch die offne Galerie A gelangt man sodann in den Speise- 
saal P, an welchen wieder mehrere Wohnräume, das mittlere mit 
einem Erker nach aussen, sich schliessen. Von der Galerie B, 
welche als Vorhalle zu den herrschaftlichen Wohnräumen führt, 
ist erst in späterer Zeit der Raum C abgetrennt worden. Ein 
besonderer Aufgang zu den Zimmern der Herzogin war aber 
durch die Wendeltreppe Q hergestellt. Alle übrigen Räume von 
R bis Z waren wieder für Dienstzwecke vorbehalten. Der zweite 
Stock wiederholt im Wesentlichen die Eintheilung des ersten, nur 
ist er minder reich geschmückt. 

Dass die künstlerische Ausstattung der Burg verschiedenen 
Zeiten angehört, erkennt man nicht blos aus dem Charakter ihrer 
Kunstwerke, sondern auch aus einer Reihe von Inschriften. Die 



Kap. XL Baiern. Trausnitz. 



535 



Jahrzahl 1529 trägt der kolossale eiserne Ofen in der Türnitz, 
der den Namenszug Herzog Ludwig's zeigt und in den Ornamen- 
ten noch zwischen Mittelalter und Renaissance schwankt. Die 
volle Frührenaissance mit ihren zierlichen Formen tritt sodann 
an dem Kamin des Turniersaales im oberen Stockwerk hervor, 
der die Jahrzahl 1535 bietet. Dann folgt in der Reihe ein zier- 
liches Werk des Erzgusses, der Eimer in dem Ziehbrunnen des 
Hofes mit eleganten Ornamenten, Masken und Rankenwerk ge- 
schmückt. Man liest auf ihm: Lienhardt Peringer goss mich zu 




Fig. 137. Trausnitz. Grundriss des ersten Stockes. 



Landshut als man zalt 1558 Jar. A. H. J. P. (Albrecht Herzog 
in Paiern). Der Haupttheil der malerischen Ausstattung gehört 
aber den Jahren 1576 bis 1580 an, denn diese Zahl liest man 
wiederholt in den Sälen des Hauptgeschosses. Es sind also die 
Regierungen Albrechts V und Wilhelms V, die sich hier vorzugs- 
weise verewigt haben. Die Galerie mit dem Treppenhaus ist um 
dieselbe Zeit, 1578, entstanden. Einiges, durchweg gröber und 
kunstloser ausgeführt, datirt erst von 1675, aus den Zeiten des 
Kurfürsten Ferdinand Maria. 



536 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Ich gehe hier nur auf die Arbeiten aus den siebziger Jahren 
des sechzehnten Jahrhunderts ein, die den Kern der künstlerischen 
Ausstattung bilden. Dieselbe beschränkt sich auf die Zimmer des 
Hauptgeschosses, zu jener Zeit offenbar die Wohn- und Empfangs- 
räume der Herzöge. Während die Gemächer des darüber liegen- 
den Stockwerks ganz mit Holz verkleidet sind, sowohl getäfelte 
Wände, als auch hölzerne Decken zeigen, letztere mit trefflicher 
Eintheilung und markiger Profilirung, sind die Säle des Haupt- 
geschosses vollständig auf Malerei angelegt, so dass nicht bloss 
die Wände ganz mit Gemälden überzogen sind, sondern auch 
die flach gehaltenen Decken eine farbige Dekoration tragen. Die 
Gemälde sind aber auf Leinwand ausgeführt, welche teppichartig 
die Wände bekleidet, leider jetzt grossentheils im Zustande grau- 
samer Zerstörung. Wir haben hier also ein drittes System von 
Ausstattung der Räume: in der Besidenz zu Landshut gewölbte 
Decken mit Stuckatur und Fresken, die Wände ebenfalls zwischen 
plastischer und malerischer Ausstattung getheilt; in der Münchener 
Residenz (um dies hier vorauszunehmen) die Wände auf Teppiche 
berechnet, die Decken mit Oelgemälden in vergoldeten Rahmen, 
dazu plastische Dekoration an den verbindenden Friesen und 
Wölbungen; endlich in der Trausnitz, abgesehen von den voll- 
ständig auf Holztäfelung berechneten Bäumen, eine Ausstattung 
der Hauptgemächer, bei welcher die Plastik völlig leer ausgeht 
und Alles in die Hände der Malerei gelegt ist. Der Charakter 
derselben trägt im Ganzen das Gepräge des gleichzeitigen italieni- 
schen Manierismus, wie denn die ausführenden Künstler offenbar 
in Italien ihre Studien gemacht haben. Soweit geht die Allein- 
herrschaft der Malerei, dass sogar die Thüren und ihr Rahmen- 
werk, mit Ausschluss jeder plastischen Gliederung, nur mit male-^ 
rischer Dekoration versehen sind; höchstens hier und da an den 
Decken die kleinen Rosetten (wo nicht etwa auch die Decken 
Bildschmuck zeigen) bieten mit ihrer Vergoldung einen Ruhe- 
punkt. Dies ist aber des Guten zu viel, und das Auge sucht 
vergeblich nach jenen kräftigeren Formen rhythmischer Theilungen, 
welche jeden Baum gliedern müssen, um ihn unsrer Empfindung 
nahe zu bringen. Von dem Charakter der Dekoration wird am 
besten die beigefügte Abbildung (Fig. 13S) eine Anschauung 
geben. Sie ist nach einer Photographie durch die geschickte 
Hand Baldinger's auf den Holzstock gezeichnet. Im Allgemeinen 
bewegt sich die Malerei in hellen heiteren Tönen, die grossen 
Hauptbilder werden durch gemalte Streifen und Friese eingefasst, 
welche meistens auf hellem Grunde leichte Ornamente im Stil 
antiker Wanddekoration zeigen. Zum Besten gehört das Audienz- 




Fig. 13S. Zimmer aus der Trausnitz. 



Kap. XI. Baiern. Trausnitz. 539 

zimmer, dessen Decke auf zwei Holzsäulen ruht. Zwar sind die 
grossen geschichtlichen Bilder an den Wänden, abgesehen von 
ihrer starken Zerstörung, nicht grade vorzüglich; aber die Wand- 
streifen enthalten auf weissem Grunde geistreich ausgeführte Or- 
namente, und noch glänzender sind die einfassenden Glieder der 
Decke, welche zwischen den neun grossen Bildern abwechselnd 
auf leuchtend rothem und weissem Grunde köstliche Ornamente 
zeigen. Da aber die Malerei sich unaufhaltsam vom Fussböden 
bis zur Decke und selbst über die letztere hin erstreckt, so fehlt 
jene planvolle Abstufung und Gliederung, welche in sämmtlichen 
antiken Wsnddekorationen, namentlich den pompejanischen, das 
Ganze bei allem Eeichthum so maassvoll und ruhig erscheinen 
lässt. Im Einzelnen wird man indess auch auf der Trausnitz 
vieles Anziehende, ja Vortreffliche finden. Wie übrigens die 
italienischen Anschauungen eingewirkt haben, erkennt man an 
manchen Stellen, so besonders in jenem Zimmer, an dessen Decke 
man die vier Jahreszeiten in gut ausgeführten grossen Bildern 
sieht. Die obere Einfassung besteht hier aus einem kleinen 
Fries, winzige Figürchen auf weissem Grund enthaltend, Phan- 
tastisches sowie allerlei Karnevals cenen und Maskenscherze in 
geistreichster Leichtigkeit der Darstellung. Man sieht, es war die 
Zeit, da die vornehme Welt Europa's nach Venedig und Born 
pilgerte, um den Karneval in seiner ausgelassensten Blüthe mit 
zu machen. 

In ähnlicher Weise bietet die sogenannte Narren treppe in 
ihren meisterhaft ausgeführten, leider unbarmherzig beschädigten 
Fresken die weltbekannten Scenen der italienischen Komödie in 
fast lebensgrossen Gestalten voll Laune und Uebermuth. Diese 
Treppe, die vom Erdgeschoss bis hrs oberste Stockwerk hinauf 
führt und von unten bis oben mit Fresken bedeckt ist, gehört zu 
einem besonderen Theile der Burg, der als italienischer Anbau 
bezeichnet wird. (L K in unsrem Grundriss.) Derselbe enthält 
nur wenige kleine Zimmer, deren künstlerische Behandlung sich 
völlig von der in den übrigen Käumlichkeiten herrschenden unter- 
scheidet. Hier ist nämlich die Malerei ausgeschlossen, mit Aus- 
nahme der eben erwähnten Treppe, alles dagegen in plastischer 
Gliederung mit wenigen Farbentönen auf weissem Grunde durch- 
geführt. Damit hängt zusammen, dass die Räume sämmtlich mit 
Gewölben von mannigfaltiger Form und Eintheilung versehen 
sind. In einem Vorzimmer mit einfachem Tonnengewölbe be- 
schränkt sich die Farbe in den Gliederungen auf ein kräftiges 
Blau, das mit Weiss wechselt. In dem Hauptgemach, einem 
Kabinet von rechtwinkliger Form, das Spiegelgewölbe mit Stich- 



540 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

kappen hat, ist nicht blos die Eintheilung, sondern auch die 
Gliederung und die Ornamentik überaus fein und schön, dabei 
mit grossem Geschick ausgeführt, wie denn zierliche Frucht- 
schnüre frei schwebend die Hauptlinien markiren. Die Ornamente 
sind hier in tiefem Blau und Gold auf weissem Grund. Schliess- 
lich ist noch zu erwähnen, dass im Hauptgeschoss des ganzen 
Baues grosse grün glasirte Kachelöfen, deren Einsatzstücke blaue 
Ornamente auf weissem Grund zeigen, aufgestellt sind. Wahre 
Prachtstücke der süddeutschen Thonplastik. 

Als Urheber der reichen malerischen Dekoration wird uns 
zunächst der Niederländer Friedrich Sustris genannt, der 1579 und 
1580 in der Trausnitz malte; sodann Alexander Siebenbürger, der 
schon 1564 — 78 an der Schneckenstiege und der Rathsstube be- 
schäftigt war, also jedenfalls die flotten Komödienscenen an der 
sogenannten Narrentreppe ausführte. Leider sind sämmtliche 
Theile dieser kostbaren Dekoration durch eine fast beispiellose 
Vernachlässigung, die bis in die jüngste Epoche gedauert hat — 
König Ludwig hasste bekanntlich als Kind seiner Zeit die ganze 
„Zopf" -Kunst — schmachvoll verwüstet worden. Erst jetzt, da 
König Ludwig II der Trausnitz seine Aufmerksamkeit zuwendet, 
wird vielleicht für die Erhaltung der noch vorhandenen Reste 
gesorgt werden. 



München. 

Dass eine so lebensvolle, von Kraft und Frische strotzende 
Stadt wie München in der Renaissancezeit keine bürgerliche 
Baukunst gehabt hat, die sich entfernt mit den Denkmälern auch 
nur der Reichsstädte zweiten Ranges messen könnte, liegt in den 
bereits geschilderten Verhältnissen begründet. In der That waren 
es hier ausschliesslich die Fürsten, welche die Kunst gepflegt 
und ansehnliche Bauten errichtet haben. Eins der charaktervoll- 
sten Werke ist der alte Münzhof, von dessen energisch behan- 
delten Arkaden Fig. 139 eine Anschauung giebt. Es sind in der 
Länge neun, in der Breite drei Arkaden in derber Rustika, weit 
gespannte gedrückte Bögen, in zwei Geschossen auf kurzen stäm- 
migen Säulen ruhend, während das oberste, schlankere Stockwerk 
dürftige dorische Säulen zeigt. Im Erdgeschoss haben die Säulen 
ionische Kapitale mit kannelirtem Halse, im ersten Stock korin- 
thisirende. Mit Ausnahme des zweiten Stockes ist die Behand- 
lung eine ungemein kraftvolle und originelle in gediegenem Quader- 
bau. Die Säulen des obersten Stocks bestehen aus rothem Marmor. 



Kap. XL Baiern. München. 



541 



Sodann gehört zu den grossartigsten Schöpfungen der Zeit 
die durch Wilhelm V für die Jesuiten von 1582 bis 1597 erbaute 
S. Micha elskir che, ohne Frage die gewaltigste kirchliche Schö- 
pfung der deutschen Kenaissance. Der Bau kostete nur in den 
letzten zehn Jahren seit 1587 die für damalige Zeit beträchtliche 
Summe von 131,344 fl. Ob ein Mitglied des Jesuitenordens bei 
Herstellung des Plans mitgewirkt, wie man wohl gemeint hat, 




Fig. 139. Münzhof in München. 



muss mehr als fraglich erscheinen. Die Leistung ist in technisch 
constructivem Sinne so eminent, dass nur ein praktischer Archi- 
tekt auf eine solche Conception fallen konnte; aber auch die 
künstlerische Behandlung ist von einer Feinheit, hält sich so fern 
von den berüchtigten Ueberladungen andrer Jesuitenkirchen, dass 
man auch daraus eher gegen als für Betheiligung eines Ordens- 
mitgliedes beim Bau schliessen muss. Als Meister wird der Stein- 
metz Wolf gang Müller genannt, geboren 1537. Das Gewölbe voll- 



542 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

endete er 1 589 und erhielt dafür eine Belohnung von 50 Gulden, 
was aber nicht hinderte, dass er wegen Einsturz des Thurmes 
acht Tage bei Wasser und Brod in den Falkenthurm musste. 
Neben ihm wird Friedrich Sastris genannt, der nach dem Ein- 
sturz des Thurmes das Schiff verlängerte, den Chor erhöhte und 
ausbaute. Sodann Wilhelm JSggl, 1585 entlassen, Wendel Dietrich 
von Augsburg, der in demselben Jahre vorkommt, und der Ita- 
liener Antonio Valiento. Bei der Ausschmückung des Baues wer- 
den unter andern der berühmte Bildgiesser Hubert Gerhard, Peter 
Candid, Hans Weinher der Maler und der Bildhauer Hans Krumper 
genannt. 

Das Innere (Fig. 140) ist von ausserordentlicher Schönheit 
und Grossartigkeit der Verhältnisse, dabei von einer maassvollen 
Einfachheit der Dekoration, welche die Raumschönheit noch er- 
höht, so dass kein gleichzeitiger Bau in Italien sich damit mes- 
sen kann. Es ist ein einschiffiges Langhaus, mit einem kolossa- 
len Tonnengewölbe überdeckt, von Seitenkapellen begleitet, welche 
zwischen die Pfeiler eingebaut sind und über sich Emporen haben. 
Ein Querschiff in der Höhe und Tiefe der letztern legt sich vor 
den Chor. Dieser wieder verengt sich gegen die Kirche, ist um 
mehrere Stufen erhöht und schliesst mit einer Absis. Mit grosser 
Meisterschaft ist die Beleuchtung so vertheilt, dass das haupt- 
sächlich aus den Emporen und dem Querschiff einfallende Licht 
reiche Abwechslung ergiebt. Was aber dem Innern vor allen 
andern gleichzeitigen Kirchenbauten Italiens und der übrigen Welt 
einen hohen künstlerischen Vorzug verschafft, ist die ungewöhn- 
liche Feinheit der Dekoration. Statt des beliebten Fortissimo's, 
in welchem die damalige Architektur mit den stärksten Mitteln, 
den schärfsten Contrasten, den überladensten Formen ihre Blech- 
musik zusammensetzt, sind hier selbst für die Hauptglieder nur 
die bescheidensten Ausdrucksmittel gewählt, gedoppelte Filaster 
zwischen den Kapellen und den Emporen, die Flächen mit Statuen- 
nischen angemessen belebt, die Gesimse bescheiden profilirt, die 
ganze Dekoration in weissem Stuck bei sparsamer Anwendung 
von Gold. Vor Allem aber hat das gewaltige Tonnengewölbe 
eine unvergleichliche Leichtigkeit freien Schwebens, denn statt 
der schweren Kasetten, die man den Gewölben damals zu geben 
liebte, ist es durch leichtes Rahmenwerk in verschiedene grössere 
und kleinere Felder gctheilt und durch die von den Pilasteru 
aufsteigenden Gurten rhythmisch gegliedert. Die Mitte der grös- 
seren Felder wird durch schöne Rosetten bezeichnet, dazu kom- 
men an passenden Stellen zarte Fruchtschnüre, endlieh in dem 
ganzen Baume eine figürliche Dekoration, die in allen Abstufen- 




Fig. 140. München. Michaeliäkirche. 



Kap. XL Baiern. München. 545 

gen das Motiv von geflügelten Engelköpfen und schwebenden Engel- 
gestalten variirt. Den Glanzpunkt bildet in der Axe des Quer- 
schiffes der herrliche Kranz anbetender Engel, die hier gleichsam 
die Schwelle des Heiligthums bewachen. Endlich ist zu bemerken, 
dass alle Glieder in feinster Charakteristik durch Perlschnur, Eier- 
stab, Herzblatt, Welle und ähnliche antike Formen aufs Edelste 
belebt sind. Alle Hauptpilaster haben Basen von rothem Marmor 
auf Untersätzen eines schönen grauen Marmors. Die Gitter vor 
den Kapellen sind sämmtlich in Schmiedearbeit mannigfaltig und 
schön durchgeführt. Zwei elegante Bronzekandelaber stehen am 
Eingang des Chores. Der Hochaltar ist ein in drei Stockwerken 
mit gekuppelten Säulen pomphaft aufgebautes Werk. Von maass- 
voller Pracht sind dagegen die Chorstühle, bis auf die spätere 
Rococobekrönung. Die vasenartigen Armlehnen mit Masken, die 
feinen korinthischen Pilaster, am Untertheil der Schäfte reich 
ornamentirt, mit Engelköpfen, Laub- und Blumengewinden, da- 
neben die innere Umrahmung der Felder mit Flechtbändern, die 
Flächen selbst mit Engelköpfen und Fruchtgehängen; darunter 
die Predellen gleich den oberen Friesen mit Engelköpfen und 
Cartoucheschilden, endlich als Abschluss die Muschelnischen, das 
ist ein Ganzes, wie man es von solcher Schönheit in dieser Spät- 
zeit nur selten findet. *) 

Die Fa§ade entspricht in ihrer kolossalen Massenhaftigkeit 
dem einfach grossartigen Charakter des Innern, ohne jedoch 
dessen Feinheit und Anmuth zu erreichen. Es ist ein Hochbau 
mit riesenhaftem Giebel, eben so originell und selbständig wie 
die Anordnung des Innern. Auf die conventionelle Gliederung 
durch die in Italien gebräuchlichen Elemente der antiken Archi- 
tektur hat der Meister verzichtet. Nur durch mehrere Reihen von 
Nischen mit Statuen von bairischen Fürsten und deutschen Kaisern 
werden die ungeheuren Flächen belebt. Zwei mächtige Portale 
von rothem Marmor in derben etwas barocken Formen bilden den 
Eingang. Ueber ihnen in einer Nische die kolossale Bronzefigur 
des h. Michael mit dem Drachen. 

Das anstossende Jesuitencollegium, jetzt Akademie der 
Künste, ist eine ausgedehnte aber schlicht behandelte Anlage mit 
mehreren Höfen; der erste Hof mit dorischen Halbsäulen und 
Bögen, welche die Fenster im Erdgeschoss einrahmen; die Fac^ade 
nach der Strasse einfach in Stuck ausgeführt, im Erdgeschoss 



*) Eine architektonische Aufnahme dieses herrlichen Gestühls wäre 
sehr wünschen swerth. 

Kugler, Gesch. d. Baukunst. V. 3^ 



546 HI- Buch. Renaissance in Deutschland. 

Rustika und Portale mit dorischen Pilastern, die Fenster in den 
drei oberen Stockwerken ebenfalls schlicht umrahmt, nur im ober- 
sten Geschoss mit durchbrochenen und geschweiften Bekrönungen. 
Eine nüchterne, aber imposante Kaserne für die Mitglieder der 
soldatisch organisirten Gesellschaft Jesu. 

Ein überaus einfacher Bau ist sodann die ebenfalls unter 
Wilhelm V seit 1578 ausgeführte Wilhelmsburg, jetzt unter dem 
Namen Maxburg bekannt, weil Kurfürst Maximilian sie bis zur 
Vollendung seiner neuen Residenz bewohnt hat. Hier sind die 
Formen auf das Aeusserste von Schmucklosigkeit zurückgeführt; 
die ganze Dekoration der Facade beschränkt sich auf eine Ab- 
wechselung von drei verschiedenen Tönen, welche eine gute und 
lebendige Wirkung machen. Die beigegebene Fig. 141 wird dies 
näher veranschaulichen. Nur die Einfassungen der Fenster sind 
von Stein, alles Uebrige von Stuck. 

Das grossartigste Fürstenschloss der Renaissance erbaute 
erst Maximilian I, indem er eine frühere Burg der Herzoge in 
München zu dem glänzenden Residenzbau umgestaltete, der 
noch jetzt in seinen wichtigsten Theilen erhalten ist. Das älteste 
der fürstlichen Schlösser in München ist die Ludwigsburg oder 
der Alte Hof, von Ludwig dem Strengen 1253 erbaut und von 
Kaiser Ludwig nach dem grossen Brande der Stadt 1327 wieder 
hergestellt. Ein Theil der Hoffa^ade mit dem malerischen Erker 
reicht noch in jene Zeit zurück; im Innern sind die trefflichen 
Balkendecken des Flurs im oberen Stock und die auf die Wand 
gemalten Fürstenbildnisse noch Reste der gothischen Epoche. Im 
Gegensatze zu dieser ältesten Burg errichtete Albrecht IV seit 
1460 die sogenannte Neue Veste, welche er mit Wällen, Gräben 
und Thürmen versah. Zum Zeichen seines Kunstsinnes legte er 
in ihr bereits eine Gemäldesammlung an. Da der Bau 1579 
durch Brand zerstört wurde, errichtete Wilhelm V die oben be- 
sprochene Wilhelmsburg, bis Maximilian um 1600 den Beschluss 
fasste, an Stelle der halb abgebrannten Veste die noch jetzt vor- 
handene prachtvolle Residenz aufzuführen. Nach den Plänen und 
unter Oberleitung von Peter Candicl wurde der Bau durch die Werk- 
meister Heinrich Schön und Hans Beifenstuel von 1600—1616 er- 
richtet. Die Erzarbeiten goss, wohl grösstenteils nach Candids 
Entwürfen Hans Krumper; für die malerische Ausschmückung wur- 
den Christoph Schwarz, Ulrich Loih und andere Künstler heran- 
gezogen. 1 ) Ich gebe in Fig. 142 den Grundriss des Erdgeschos- 



') München von R. und G. Marggraff. S. 273 ff. 




Fig. 141. München. Maxburg. 




Fig. 142. Grundriss der Residenz in München. 






Kap. XL Baiern. München. 549 

ses, 1 ) zu dessen Erklärung- für die Hauptpunkte der Anlage einige 
Andeutungen gentigen mögen. 

Die Hauptfagade, nach Westen gekehrt, wird durch die 
beiden Prachtportale bei A und B hinreichend als solche bezeich- 
net. Ein drittes Hauptportal liegt an der Nordseite bei C, im 
Aeussern einfach behandelt und bei Weitem nicht so prachtvoll 
ausgestattet wie jene, aber auf das grossartige Kaiservestibül -und 
die Kaisertreppe E führend, wodurch die unmittelbare Verbindung 
mit den Wohn- und Prachträumen bewirkt ist. Die Art wie der 
Architekt mit Rücksicht auf die damals noch vorhandenen Theile 
der älteren Burg (bei R im nordöstlichen Flügel) den Bau an- 
gelegt und durchgeführt hat, verdient Bewunderung. Grade diese 
Theile sind durch die Neubauten unter König Ludwig unter 
Klenze umgestaltet worden, und es ist jene kolossale aber nüch- 
terne Nordfacade gegen den Hofgarten entstanden, welche dem 
Hofe Q einen rechtwinkligen Abschluss gebracht hat. Ebenso ist 
der südliche Theil, welcher an die alten Höfe L und T stösst, 
durch die Fagade gegen den Max- Josephplatz umgestaltet worden. 
Diese neueren Veränderungen sind in unserem Grundriss un- 
beachtet geblieben, während dagegen in S das schöne aus der 
Rococozeit stammende Theater Aufnahme gefunden hat. 

Die Kardinalpunkte der alten Anlage sind die sechs grösse- 
ren und reicher ausgestatteten Höfe, in deren Form, künstleri- 
scher Ausschmückung und wechselseitiger Verbindung der Archi- 
tekt eine Leistung ersten Ranges geschaffen hat. Alle Feinheiten 
durchgebildeter Planconception sind in diesem meisterhaften Grund- 
riss zur Geltung gekommen. Ich hebe nur einige der wichtigsten 
Punkte hervor. Der grosse quadratische Kaiserhof D steht mit 
dem Kaiservestibül C und der Nordfacade einerseits, mit der 
Westfacade und dem Hauptportal B und seiner dreischiffigen 
Eingangshalle andrerseits in unmittelbarer Verbindung. Weiter 
ist ein Durchgang zu dem grossen östlichen Küchen -Hofe A ge- 
geben, in F aber eine Verbindung mit dem schmalen lang ge- 
streckten Kapellen -Hofe G. Dieser ist seiner ganzen Anlage nach 
nur ein verlängertes Vestibül und setzt das Hauptportal A und 
seine dreischiffige Eingangshalle mit der ähnlichen Halle H und 
durch diese mit dem schönen Brunnenhofe N in Beziehung. Einer 
der genialsten Gedanken war, diesen Hof diagonal zu stellen und 
durch polygonen Abschluss seiner beiden Enden nicht blos eine 
reichere Form, sondern auch die ungezwungensten Uebergänge 



*) Ich verdanke denselben gütiger Mittheilung des Herrn Hofbaurath 
Riedel in München. 



550 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

in die Hauptaxen des Baues zu gewinnen. Denn der Halle H 
mit ihren drei Portalen, neben welcher sich ein Glockenturm 
erhebt, entspricht die ähnlich ausgebildete Halle P, welche die 
Verbindung mit dem grossen nordöstlichen Hofe herstellt. Zwi- 
schen beiden liegt aber das Vestibül Q, das in seiner polygonen 
Form die Gestalt des Brunnenhofes im Kleinen wiederholt und 
den Aufgang zu einer der Haupttreppen des Baues gewährt. An 
der entgegengesetzten Seite des Brunnenhofes ist eben so origi- 
nell ein dreiseitiges Vestibül ausgebildet, das zu den dort an- 
stossenden Bäumen führt. 

Nicht minder geistvoll ist sodann die Anlage des Antiqua- 
riums M bewirkt, welches den Brunnenhof in seiner ganzen Länge 
einfasst und am südöstlichen Ende in einen achteckigen Kuppel- 
saal ausläuft, der mit grossem Geschick wieder in die anstossen- 
den Bäumlichkeiten eingefügt ist. Am nordwestlichen Ende springt 
die Ecke des Antiquariums in den dort angelegten Grottenhof 1 
vor. Der Architekt hat dies Motiv benutzt und zu einem poly- 
gonen regelmässigen Vorsprung ausgebildet, in der Mitte eine 
Brunnennische angebracht und so den schönen Abschluss jenes 
lauschig poetischen Grottenhofs geschaffen, der jedem Besucher 
der Residenz in frischer Erinnerung steht. Dieser köstliche kleine 
Hof sowie die benachbarte Kapelle K gehören gleichsam zu den 
mehr privaten Theilen der Anlage und sind durch kleine Seiten- 
pforten zugänglich. Ich will nur noch hinzufügen, dass im Erd- 
geschoss wie im oberen Stockwerk lange gewölbte Corridore von 
prachtvoller Ausstattung sich an den Haupträumen hinziehen. 
Soviel wird schon aus dieser Betrachtung erhellen, dass die letz- 
ten Reminiscenzen des Mittelalters hier verklungen sind, dass 
Wendeltreppen, Erker, Thtirme und andere Vorsprünge zu Gun- 
sten der Principien des modernen Palastbaues beseitigt wurden, 
diese aber sich mehr in der Mannigfaltigkeit und Schönheit der 
innern Raumgestaltung als in der malerischen Gruppirung des 
Aeusseren geltend machte. 

Die künstlerische Ausstattung des ungeheuren Ganzen be- 
schränkte sich ursprünglich auch im Aeussern nicht blos auf die 
beiden Prachtportale und die Nische mit dem Madonnenbilde an 
der Fagade, sondern fand ihre Ergänzung in einem System grau 
in grau ausgeführter Fresken. Das fast vollständige Verschwin- 
den dieser aus blossen Malereien bestehenden Dekoration sowohl 
der Aussenfacaden als auch der Höfe liess bisher das Ganze in 
seinem traurig verwahrlosten Zustande weder erkennen noch wür- 
digen. Sucht man sich, auf die Darstellungen alter Stiche ge- 
stützt, aus den halb erloschenen Spuren die ursprüngliche grau 



Kap. XI. Baiern. München. 553 

in grau gemalte Dekoration der Wandflächen zu ergänzen, so erhält 
man ein Bild reicher lebensvoller Pracht. Vom Flächenschmuck 
des Kaiserhofes füge ich in Fig. 143 eine Abbildung bei, die ich 
der zuvorkommenden Güte des mit der Eestauration betrauten 
Hofbauraths Riedel verdanke. Derselbe hat kürzlich versuchs- 
weise den Anfang mit Wiederherstellung der alten Bemalung 
machen lassen. 

Die gesammte Münchener Architektur jener Zeit war bei dem 
Mangel von Hausteinen zur Anwendung des Backsteins gezwun- 
gen, den sie aber nicht nach dem Beispiel des Mittelalters oder 
der oberitalienischen Renaissance künstlerisch durchbildete, son- 
dern durch einen Putzüberzug verhüllte. Diesen Stuck charakte- 
risirte sie als blosses Bekleidungsmaterial durch aufgemalte Deko- 
ration. Von den stolzen Facaden Augsburgs mit den reichen 
farbigen Gemälden, Resten jener heiteren Pracht, welche gegen 
Ende des 16. Jahrhunderts noch einen weitgereisten Mann wie 
Michel de Montaigne zur Bewunderung hinriss, ist oben an seiner 
Stelle geredet worden. In München scheint überwiegend eine 
einfachere Dekoration, Grau in Grau, beliebt gewesen zu sein, 
und von dieser Art war auch die Facadenmalerei der Residenz. 
Im Kaiserhofe ist es ein System gekuppelter dorischer Pilaster 
für das Erdgeschoss und darüber ein korinthisches für das obere 
Stockwerk. Zwischen den Pilastern sind die Wandfelder durch 
Nischen mit figürlichem Schmuck belebt, in den grösseren Wand- 
flächen dagegen die paarweise angeordneten Fenster von einem 
grossen Rundbogen umrahmt, alle Gliederungen und Felder mit 
Masken, Fruchtschnüren, Voluten und anderen dekorativen For- 
men geschmückt. Die grossen Verhältnisse, die glückliche und 
klare Eintheilung, die reiche und doch nicht überladene Deko- 
ration verleihen dem Ganzen den Eindruck vornehmer Würde bei 
einfachsten Mitteln. Erst im Zusammenhange mit solcher Deko- 
ration erhalten die Prachtportale der Aussenseite ihre volle Wir- 
kung, die hoffentlich durch eine umsichtige Restauration wieder 
zu Tage treten wird. 

Diese beiden Portale, von denen ich das eine in Fig. 144 
mittheile, sind in einem gemässigten Barockstil in jener strengen 
dorischen Rustica erbaut, welche damals als Ausdruck fürstlicher 
Hoheit und Gravität beliebt war. In rothem Marmor ausgeführt, 
überraschen sie durch die Feinheit ihrer Gliederungen, die offen- 
bar mit Rücksicht auf die gemalten Decorationen der anstossen- 
den Wandflächen so behandelt sind. Ueber den Seitenpforten 
halten Löwen das bairische, Greife das lothringische Wappen, 
letzteres mit Bezug auf Maximilians erste Gemalin Elisabeth von 



554 



III. Buch. Renaissance in Deutschland. 



Lothringen. Die verschlungenen Namensziige Beider in einem 
gekrönten Wappenschilde bilden die Spitze des ganzen Aufbaues. 




Fig. 144. Portal der Residenz. München. 



Mit grossem Geschick ist nun ein Fenster des oberen Geschosses 
in die Composition des Portales hineingezogen, so dass es mit 



Kap. XI. Baiern. München. 555 

seiner reichen etwas barocken Umrahmung- sieh zwischen den 
beiden abgeschnittenen Giebelstücken des Oberbaues erhebt. Letz- 
tere sind mit den liegenden Statuen der Regenten-Tugenden, zwei 
an jedem Portale, geschmückt. Alles Figürliche ist von Bronze, 
auch die beiden prachtvollen Löwen, welche vor jedem Portale 
Wacht halten und ein Wappen mit allegorischer Devise neben 
sich haben. Diese Bronzewerke wie die im Innern der Höfe sind 
von dem geschickten Hans Krumper meisterlich gegossen. • 

Der ernsten Pracht dieser Portale entspricht die grossartige 
Marmornische, welche in Mitten der Fa§ade die Erzfigur der 
Madonna als der Schutzpatronin Baierns enthält (Fig. 145). Hier 
ist besonders das Decorative von hoher Feinheit, namentlich die 
köstliche Bronzelaterne am Unterbau und die aus Engelköpfchen 
mit Laubgewinden originell und geistvoll componirten Kapitale 
der Pilaster. Man fühlt sich überrascht, in dieser Epoche noch 
so viel Sinn für liebevolle Durchbildung des Einzelnen anzutref- 
fen. Noch umfangreicher wurde die Plastik bei dem glänzenden 
Springbrunnen des Brunnenhofes verwendet, der eins der präch- 
tigsten Werke der Zeit ist, ebenso reich in der Anlage und dem 
Aufbau wie gediegen in der Durchbildung. Alle drei Künste 
endlich wirkten bei dem kleinen Grottenhofe zusammen, der 
mit seiner kühlen Grotte, mit den Muschel -Incrustationen der 
Wände und den Gemälden der gewölbten Decke, mit der offnen 
Säulenhalle, welche die Hauptseite einschliesst, mit dem von 
Statuen belebten Rasen und Gebüsch, endlich der wohlabgewoge- 
nen fein abgestuften x4fchitektur seiner Umfassungswände ein 
wahres Juwel künstlerischer Conception und poetischer Wir- 
kung ist. 

Die Absicht des Architekten bei dem grossartigen Bau ist 
aber offenbar dahin gegangen, die Hauptwirkungen sich für das 
Innere zu versparen. Zunächst ist schon das Kaiservestibül, 
in welches man vom Hofgarten aus freien Zutritt hat, eben so 
vornehm in der Anlage, wie schön in der Ausschmückung. Der 
imposante Raum von etwa 50 Fuss Breite bei circa 68 Fuss Tiefe 
wird von neun Kreuzgewölben bedeckt, die auf vier gewaltigen 
dorischen Säulen von rothem Marmor ruhen. Die hohen Gewölbe 
zeigen geistreich gemalte Ornamente auf weissem Grunde im 
Charakter der bekannten antiken Wandmalerei. Das leichte Phan- 
tasiegerüst der Architektur ist in der Mitte durchbrochen, so dass 
sich ein Blick in den blauen Aether zu öffnen scheint. Das mitt- 
lere Gewölbe hat eine reichere perspektivisch gemalte Architek- 
tur, die in den Ecken von bronzefarbenen Hernien aufsteigt. 
Wendet man sich von diesem im köstlichsten Geiste des klassi- 




sehen Alterthums behandelten 
Räume zur Linken, so gelangt 
man zur Kaisertreppe, die in 
einfachem, durch mehrere Po- 
deste gebrochenen Lauf, aber 
in grossartigen Dimensionen 
zum Hauptgeschoss empor- 
führt. Das aufsteigende Ge- 
wölbe der Treppe ist in feiner 
Weise mit Stuckornamenten 
gegliedert, die Felder aber 
mit Freskobildern belebt, leicht 
und reich zugleich. Auf den 
Podesten der Treppe enthält 
die Hauptwand eine prächtige 
Nische in weissem Stuck mit 
überlebensgrossen Statuen 
bairischer Fürsten, das Ganze 
von wahrhaft majestätischer 
Wirkung. Alle anderen Trep- 
pen des Palastes, obwohl im 
Maassstabe bescheidener, sind 
in ähnlicher Weise mit Stuck 
und zum Theil mit Fresken 
geschmückt. Um von dem 
Charakter dieser Ornamentik 
eine Anschauung zu geben, 
habe ich in Fig. 45 auf S. 179 
ein Stück von der Gfewölb- 
verzierung der Treppe bei- 
gefügt, welche zu den Wohn- 
zimmern des Kurfürsten führ- 
te. *) Den Grundriss dieser 
Treppe und ihres grossartigen 
Podestes giebt Fig. 146. In 
derselben Art sind nicht bloss 
die verschiedenen Treppen- 

') Ich verdanke diese Abbil- 
dung der zuvorkommenden Güte 
des k. Balibeamten Herrn Seidel 
zu München, der eine auf Borg- 
faltigen Aufnahmen beruhende 
Veröffentlichung der Residenz 
beabsichtigt 



München. Nische an der Residenz. 



Kap. XI. Baiern. München. 



557 



häuser und Vestibüle, sondern namentlich auch die grossen Ga- 
lerien geschmückt, welche in bedeutender Länge die ganze Flucht 
der einzelnen Schlossflügel begleiten, indem sie sich als Verbin- 
dungsgänge vor den Wohnräumen hinziehen. Ueberall bei diesen 
Decorationen sind die architektonischen Hauptlinien als Grund- 
niotiv betont, bei den Galerien sind es die Kanten der Stich- 
kappen, welche in die Tonnengewölbe einschneiden. Dadurch 
ergiebt sich ein klarer übersichtlicher Khythmus, der bei allem 
Reichthum der Ornamente beruhigend wirkt. In der Decoration 
selbst herrscht ein fein gezeichnetes Rankenwerk vor, mit man- 
cherlei phantastischen Masken wechselnd, in schöne Rosetten 
auslaufend. Dazwischen Genien mit allerlei Emblemen in kräftig 
eingerahmten Feldern, die Rahmen mit Perlschnur und Herzblatt 
gegliedert. Die grösseren Flächen sind in der Regel Freskobil- 
dern vorbehalten, die sich meist in Allegorie bewegen. Ihre 




Fig. 146. München. Resi 



klare lichte Färbung contrastirt wirksam gegen den weiss gehal- 
tenen Stuck, dessen Behandlung sich durch Feinheit und Schärfe 
auszeichnet. Wenn man die ausserordentliche Menge der noch 
jetzt vorhandenen Decorationen betrachtet, so muss man über 
den Reichthum und die strömende Leichtigkeit der Phantasie er- 
staunen. Aber auch selbst die Reinheit des Stils erregt in der 
Zeit des beginnenden Barocco mit Recht Bewunderung, denn 
wenn sich manche barocke Elemente freilich einmischen, so 
stehen doch diese Arbeiten im Vergleich mit den gleichzeitigen 
italienischen und mit dem überladenen Schwulst der zum Theil 
noch früheren in Fontainebleau fast classisch da. 

Die Wohnräume, welche sich noch aus der Zeit Kurfürst 
Maximilians I erhalten haben, gruppiren sich hauptsächlich um 
die Kaisertreppe. Der grosse Saal, 52 F. breit, 118 F. lang, ist 
zwar durch Klenze's Umbau ganz verdorben, aber eine Anzahl 



558 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

von Zimmern ist noch im Wesentlichen unberührt geblieben. Die 
Wände waren auf Teppiche berechnet, deren man in München 
noch immer eine grosse Anzahl besitzt. Die Decken werden 
durch Holzgetäfel gebildet, dessen Gliederung mit bescheidenem 
Relief und sparsamer Vergoldung den eingelassenen Oelgemälden 
als Rahmen dient. Hier herrscht also die in Venedig ausgebildete 
Behandlungsweise und auf Meister der venetianischen Schule 
deutet auch das Kolorit der Bilder. Die Vermittlung zwischen 
Wand und Decke gewährt eine grosse gewölbte Hohlkehle mit 
einem breiten Fries voll trefflicher Stuckornamente. Die Ein- 
fassung der Thüren ist in kräftigen dorischen Formen aus Stuck- 
marmor gebildet. Ebenso sind die Kamine behandelt, doch kommen 
auch prächtigere von weissem Marmor mit köstlichen Skulpturen 
vor. Der ganzen edlen Pracht entspricht endlich, was die Kunst- 
schreinerei der Zeit hinzugefügt hat, seien es geschnitzte Tische, 
oder die nicht minder stilvoll behandelten Flügelthüren mit schön 
profilirten Rahmen und feinen Intarsien. Selbst die Eisenwerke 
an Schlössern, Haspen und Angeln bekunden den hohen Stand 
des damaligen Kunsthandwerks durch die schönen in Gold ein- 
gelegten Ornamente ihrer Tauschir- Arbeit 1 ) 

Man liest in den Zimmern meistens die Jahreszahlen 1012 
und 1617. Wahrlich, wenn man die harnionische bis in die 
kleinsten Nebendinge in ihrer Feinheit sich gleichbleibende Durch- 
führung dieser Räume mit der Oede der unter Klenze erbauten 
Theile vergleicht, wo vor Allem der Mangel jedes feineren Kunst- 
handwerks empfindlich berührt, so muss man gestehen, dass wir 
Von jener als barock verschrieenen Zeit sehr viel lernen können. 

Von den derselben Epoche angehörenden Räumen erwähne 
ich nur noch den riesigen „Schwarzen Saal" für die Wachen, 
und die alte Schlosskapelle mit ihren prächtigen Stuckaturen, 
besonders aber das Antiquarium mit seinen trefflichen Fresken 
im Stil antiker Wanddecoration, ein wahres Muster für einen der- 
artigen Sammlungsraum. 

Der schwarze Saal, von dem Brunnenhof direkt durch eine 
stattliche Treppe zugänglich, hat ganz mächtige Dimensionen, an 
der gewölbten Decke in riesigem Maassstab perspektivisch ge- 
nialte Hallen auf Säulen. Die Thüren und Kamine von schwarzem 
Stuckmarmor, der Fussboden von weissen und rothen Marmor- 



') Eine genaue Beschreibung alles Einzelnen in I trionfi dell' arohitet- 
tura nella sontuosa residcnza di Monaco, dal Marehese Kanuccio Pallavicino. 
In Augusta 1680. 4°. Dabei auch ein Stich, welcher das Aeussere des 
Baues mit seinen Wandmalereien veranschaulicht. 




Fig. 147. München. Mariensäule. 



Kap. XL Baiern. München. 561 

platten. Die Kapelle ist ein reich mit Stuckreliefs geschmückter 
Hochbau, in drei Geschossen von Emporen umgeben, welche für 
die Herrschaft und die verschiedenen Abstufungen der Hofleute 
bestimmt waren. Von ganz besonderer Schönheit des Raumes 
und der Decoration ist aber das Antiquarium, am oberen Ende 
in eine erhöhte Estrade auslaufend, während am andern der 
achteckige Saal den Abschluss bildet. Das lange Tonnengewölbe 
mit seinen Stichkappen ist mit einer decorirenden Malerei im 
Stil antiker Wandgemälde geschmückt. Geschnitzte Kasten, zur 
Aufnahme der kleineren Kunstwerke bestimmt, umziehen die 
Wände, und in den Fensternischen sind Marmorbüsten aufgestellt. 

Eine andere Reihe von Zimmern, aus der Zeit des Kurfürsten 
Ferdinand Maria, zeigt schon mehr barocke Decoration und weit 
grössere Pracht, namentlich stärkere Ueberladung mit Gold. Be- 
sonders die sogenannten päpstlichen Zimmer zeichnen sich durch 
ihren Glanz und ihre Ueppigkeit aus. Aber auch das Rococo 
findet seine Vertretung in den sogenannten reichen Gemächern 
aus der Zeit Karls VII. Wer das köstliche, glücklich wieder her- 
gestellte kleine Residenztheater kennt, kann sich von dem gra- 
ziösen Reiz dieser Räume eine Vorstellung machen. Hier ist die 
Decoration dem Stil entsprechend ausschliesslich Goldornament 
auf weissem Grunde. Das Schlafzimmer mit dem kolossalen 
Prachtbett erregt allgemeine Bewunderung; feiner aber ist das 
japanesische Vasenzimmer, dessen Wände ganz mit kleinen Por- 
zellanvasen auf vergoldeten Consolen geschmückt sind; ferner 
das Zimmer, welches mit lauter kleinen Pastellbildchen in zier- 
lichsten Goldrahmen tapezirt ist ; endlich das Zimmer mit gestickten 
seidenen Tapeten von chinesischer Arbeit, Scenen des dortigen 
Lebens auf schwarzem Grunde darstellend. 

Von dem trotz aller Zerstörungen noch immer prachtvollen 
Ganzen habe ich hier nur das Wesentlichste kurz berührt. Sucht 
man mit der Phantasie das Ursprüngliche wieder herzustellen, 
fügt man den Schmuck der durchweg gemalten Fa^aden hinzu, 
erwägt man die Pracht der Ausstattung, die Fülle an Kostbar- 
keiten und Kunstschätzen jeder Art, welche der stolze Bau um- 
schloss, so begreift man die Bewunderung der Zeitgenossen und 
der nachfolgenden Geschlechter, welche den Bau das achte Wunder 
der Welt nannten (Pallavicino z. B. p. 1); begreift auch, dass 
Gustav Adolph bedauert haben soll, den Palast nicht auf Walzen 
nach Stockholm führen zu können. Aber nicht minder zutreffend 
ist jener andere Ausspruch des grossen Schwedenkönigs, in 
welchem er München einen goldnen Sattel auf magerem Gaule 
nennt. — 

Kugler, Gesch. d. Baukunst. V. 36 



562 HL Buch.- Renaissance in Deutschland. 

Mit einem Werke der Devotion beschliesst Kurfürst Maximilian 
seine Mün ebener Bauthätigkeit und damit zugleich die Schöpfungen 
dieser Epoche. Es ist die Mariensäule, im Jahre 1638 zu Folge 
eines Gelöbnisses wegen der siegreichen Schlacht am Weissen 
Berge bei Prag auf dem Schrannenplatz zu Ehren der Schutz- 
patronin Baierns errichtet (Fig. 147). Ein Werk von trefflichen 
Verhältnissen, kraftvoll in den Formen und glücklich im Aufbau. 
Auf den Ecken der marmornen Balustrade vier schöne Bronze- 
laternen; auf den Ecken des Sockels himmlische Kriegerknaben 
in lebhaftem Kampf mit Drachen, Schlangen und ähnlichen Un- 
gethümen. Auf der Krönung des Postaments als Vermittlung mit 
der Basis der Säule geflügelte Engelköpfchen aus Bronze, von 
lebendiger Bewegung und schönem Umriss. Auch die Statue der 
Madonna gehört zu den besten der Zeit. Sie ist von Hans Krumper 
gegossen; das Monument selbst nach einer Zeichnung Candid's 
durch Peter König ausgeführt. 

Von der reichen Farbenlust der Epoche an den Facaden der 
Häuser scheint nichts erhalten. Nur an der Fleischhalle sieht 
man, wohl schon aus der Spätzeit des 17. Jahrhunderts, eine 
derbe, heitere Freskodecoration. Besonders gut sind die grau 
gemalten Trophäen, aus einem Ochsenviertel, Schlächterbeil und 
ähnlichen Elementen zusammengesetzt. 



Was in dem oberbairischen Gebiet, etwa in Wasserburg, 
Burghausen, Braunau, Laufen und andern Orten an Kosten aus 
jener Zeit vorhanden sein mag, weiss ich nicht anzugeben. Da- 
gegen ist mir in Berchtesgaden eine kleine bemalte Hausfa^ade 
aufgefallen, nicht eben von künstlerischem Werth, aber bezeich- 
nend für das Kulturleben der Epoche. Gemalte korinthische Säu- 
len fassen die Ecken ein; die Fenster sind in beiden Geschossen 
mit grau in grau ausgeführten Cartouchen und Voluten eingefasst, 
zwischen welchen Fruchtgehänge sich hinziehen, die auch von 
einem Fenster zum andern ausgespannt sind. An dem unteren 
Fenster sind Trophäen von Schinken, Würsten, Enten, Fischen 
und dergleichen zierlich aufgehängt. In den Fensterbekrünuiiireii 
sieht man humoristische Scenen, worin Affen das menschliche 
Treiben parodiren, z. B. ein Tanz, wobei die Tanzenden wie die 
Musikanten Affen in Menschenkostüm sind; ein grosses Orchester, 
in welchem der Kapellmeister an der Orgel, der Bass, die Kla- 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 563 

rinette und die übrigen Instrumente sämmtlich Affen sind; dann 
ein Bacchuszug, wo der Gott des Weins auf seinem Wagen von 
Affen gezogen wird; weiter unten der Affe als Geldwechsler; 
zwei Affen beim Schachspiel; endlich in der Mitte Affen in der 
Tracht eleganter Cavaliere auf der Jagd, im Vordergrund der 
Hase von einem weissen Hühnerhund gestellt, im Hintergrund 
Hirsche und auf den Bergspitzen Gemsen; dabei der Vers: „Duck 
dich Hasl lass ybergahn, denn Gwalt will Recht han." Solche 
heitre und originelle Werke lassen den Untergang vieler ähn- 
licher Schöpfungen doppelt bedauern. 



XII. Kapitel. 
Die österreichischen Länder. 



Die bisherige Betrachtung der süddeutschen Gebiete hat uns 
gezeigt, dass die selbständige Ausbildung der Renaissance Hand 
in Hand geht mit der allgemeinen Erneuerung des geistigen 
Lebens, und dass sie vorzugsweise da in Deutschland zu einem 
eigenartigen Gepräge durchdringt, wo jene Erneuerung sich voll- 
zieht, wo also die Reformation und mit ihr ein freier Aufschwung 
des wissenschaftlichen und literarischen Schaffens zum Durchbruch 
kommt. Die protestantischen Reichsstädte und im Wetteifer mit 
ihnen die der Reformation ergebenen Fürstenhöfe von Baden, 
Würtemberg, Brandenburg und der Pfalz sind die eifrigen Pfleger 
und Förderer Dessen, was wir deutsche Renaissance nennen. 
Der katholische Hof der Witteisbacher dagegen steht zwar an 
Eifer der Kunstpflege keinem andern nach, aber er bethätigt die- 
selbe in den monumentalen Schöpfungen nicht durch Förderung 
einer national deutschen Renaissance, sondern durch strikte Ein- 
führung einer fremden Kunst, der italienischen, die mit dem 
deutschen Leben ebensowenig zusammenhängt, wie der von den- 
selben Fürsten eingeführte Jesuitenorden. Unter den damaligen 
Römlingen Deutschlands, die mit allen Mitteln der Gewalt die 
Herrschaft des Papstes wiederherzustellen suchten, scheint gleich- 
sam instinctinässig auch das Anlehnen an die römische Kunst zum 
Gesetz geworden zu sein. Nur Bischof Julius von Würzburg macht 
eine Ausnahme, da in seinen zahlreichen Bauten mit voller Ent- 

36* 



564 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

schiedenheit die zur reifen Entwicklung- gelangte deutsche Re- 
naissance zur Geltung kommt. Aber er ist, wie gesagt, ein 
weisser Rabe, der die allgemeine Thatsache nicht umstossen kann, 
dass die deutsche Renaissance mit dem übrigen Kulturleben, na- 
mentlich mit der Entwicklung der Reformation innig zusammen- 
hängt. Auch in Norddeutschland werden wir dasselbe Verhältniss 
erkennen. 

In den österreichischen Ländern, von denen wir nur die 
cisleithanischen in unsere Betrachtung aufnehmen, treten uns 
wieder ganz andere hocheigenthümliche Kulturbedingungen ent- 
gegen, die eine ganz besondere Stellung zur Renaissance im 
Gefolge haben. Die Länder der deutschen Ostmark, mit allen 
Reizen und Reichthümern der Natur gesegnet, markiren sich in 
jeder Hinsicht als Grenzländer, als Vorposten deutscher Kultur 
gegen den slavisch- magyarischen Osten, als Vermittler der hoch 
entwickelten Civilisation Italiens gegen Süden. Die deutschen 
Stämme Oesterreichs, in körperlichen und geistigen Anlagen 
keinem der übrigen Stämme nachstehend, empfingen durch die 
eigenthümlichen Bedingungen ihrer geographischen Lage eine 
Steigerung ihrer natürlichen Begabung, die sich besonders als 
rege Phantasie und elastischer Lebenssinn zu erkennen giebt. 
Wie diese Naturanlage sich auf künstlerischem Gebiet vornehm- 
lich ins Reich der Musik ergossen und von Haydn und Mozart 
bis Schubert eine Welt der köstlichsten Tongebilde geschaffen 
hat, weiss Jedermann. Aber auch eine freudige Lust an der 
Welt bewegter Erscheinungen, am Reiz anmuthiger Formen ist 
die unmittelbare Folge jener Verhältnisse. In fortwährender Be- 
rührung mit mannigfach verschiedenen Stämmen, mit slavischen, 
magyarischen und romanischen, erhielt das germanische Volks- 
thum hier mancherlei Mischung mit fremdem Blute, nicht stark 
genug, um die eigene Art auszulöschen, aber hinreichend um 
einen rascheren Pulsschlag zu erzeugen und bis in unsere Tage 
den Deutsch-Oesterreichern den Hauch einer jugendlichen Frische 
zu verleihen. Zugleich ergab sich aus der geographischen Lage 
die doppelte Thätigkeit des Gebens und Empfangens, des Zuriiek- 
weisens und Entgegenkommens. Nach Osten Bevölkerungen einer 
niedrigeren Kulturstufe gegenüber, wurden sie die Träger und 
Verbreiter europäischer Gesittung, deutscher Bildung, deren Pal- 
ladium sie oft genug in heissen Kämpfen gegen die Horden des 
Orients zu vertheidigen hatten. Nach Süden dagegen, der alt- 
begründeten Kultur Italiens gegenüber, waren sie in erster 
Linie berufen dieselbe in sich aufzunehmen und weiter zu 
verbreiten. 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 565 

Diese Verhältnisse erkennt man schon in den mittelalterlichen 
Monumenten des Landes. Mit grosser Kraft wird gegen Ausgang 
der romanischen Epoche dieser Stil im Wesentlichen so wie er 
in den mittleren und südlichen Gegenden Deutschlands sich aus- 
gebildet hatte herüber genommen und bis nach Ungarn und 
Siebenbürgen hinein in glänzenden Denkmalen zur Anwendung 
gebracht. Allerdings wird weder in ' den räumlichen Corabi- 
nationen, noch in der Gliederung und Gruppirung des Aufbaues, 
noch endlich in den constructiven Grundzügen Neues hervor- 
gebracht. In all diesen Punkten empfängt Oesterreich einfach 
das fertig Ausgeprägte, um es weiteren Kreisen zu überliefern. 
Wohl aber bringt jene hier im Volksgeist liegende Freude am 
heiter Schönen eine Reihe von dekorativen Werken ersten Ranges 
hervor, wie die Portale zu St. Jak, Trebitsch und Tischnowitz, 
die Riesenpforte von St. Stephan zu Wien, die. herrlichen Kreuz- 
gänge von Zwetl, Lilienfeld, Heiligenkreuz. Daneben aber dringt 
von Süden schon damals vielfach die Kunst Italiens ein, wie 
besonders die Löwenportale von Bozen, Graz, Salzburg, die 
hundertsäulige Krypta von Gurk u. A. beweisen. Dies reiche 
Kulturleben hätte in der gothischen Epoche seine höchste Blüthe 
erreichen müssen, wenn die Entwicklung des Bürgerthums, bei 
uns der mächtigste Träger der Gothik, mit derjenigen im übrigen 
Deutschland gleichen Schritt gehalten hätte. Aber ähnlich wie 
wir es in Baiern fanden bleibt auch in Oesterreich die Entfaltung 
des Städtewesens seit dem 14. Jahrhundert merklich zurück. Nur 
in Böhmen erlebt die Gothik unter dem kunstliebenden Karl IV 
eine bedeutende Blüthe, und nur der Stephansdom in Wien, 
dieser freilich mit seinem unvergleichlichen Thurm ein Monument 
allerersten Ranges, bezeugt auch hier die grossartige Lebenskraft 
deutschen Bürgerthums. Aber dies sind Ausnahmen ; im Uebrigen 
hat die Gothik trotz mancher originellen Schöpfung im ganzen 
Lande keine Denkmale höchster Bedeutung aufzuweisen. 

Neben dieser immerhin durch Intensität hervorragenden 
Glanzepoche des Mittelalters hat die Monumentalkunst in Oester- 
reich sich nur noch in einer zweiten grossen Periode machtvoll 
offenbart: in der Zeit des späten Barockstils, vom Ausgang des 
17. bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts. Nachdem die Re- 
formation niedergeworfen, ja mit Stumpf und Stiel ausgerottet 
war, gab der Klerus in Oesterreich sich jener üppigen Weltlust 
hin, welche sich noch jetzt in den gewaltigen Anlagen prunk- 
voller Abteien herausfordernd manifestirt; mit dem Prälaten- 
hochmuth aber wetteifert der Stolz der Aristokratie in Aus- 
führung jener Paläste, die vor Allem Wien und Prag ihre archi- 



566 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

tektonische Signatur aufgedrückt haben. Man darf sagen, dass 
in den pompösen, oft majestätisch angelegten und mit allen 
Mitteln ausgelassener Dekoration schwelgenden Bauten jener 
Epoche der Sieg über den Protestantismus sich mit heraus- 
forderndem Selbstgefühl breit macht. 

Was zwischen jenen beiden Epochen, zwischen Mittelalter 
und Barockzeit liegt, die' eigentliche Periode unserer Benaissance, 
ist trotz mancher vorzüglicher Schöpfungen, ja einzelner Haupt- 
werke seltenen künstlerischen Wertlies, doch gegenüber den 
Leistungen andrer deutscher Provinzen kaum in Anschlag zu 
bringen. Vergleicht man vollends den grossen Umfang und den 
Keichthum dieser Länder, die hohe bildnerische Begabung ihrer 
Volksstämme, den von Alters her regen Sinn für künstlerisches 
Schaffen und heitere Pracht des Daseins, so wird man mit 
Erstaunen und Widerstreben eine Thatsache aufnehmen, die mit 
alledem so scharf contrastirt und doch auf Schritt und Tritt dem 
Forscher sich aufdrängt. In der That, trotz so mancher glänzen- 
der Einzelschöpfung muss es ausgesprochen werden, dass die 
Benaissance auf diesem Boden mehr wie eine durch die Gunst 
der Grossen hieher verpflanzte, als wie eine vom ganzen Volke 
gehegte und gepflegte, mit dem eigenen Herzblut genährte 
Schöpfung sich zu erkennen giebt. 

Dies ist um so merkwürdiger, als in keiner deutschen Provinz 
die Formen der Renaissance so früh zu monumentaler Verwen- 
dung gelangen, wie gerade in Oesterreich. Wir treffen sie hier 
vereinzelt, was sonst kaum irgend in Deutschland vorkommt, schon 
im Ausgang des 15. Jahrhunderts. Vom Jahre 1497 datirt ein 
kleines Portal mit dem Wappen der Familie Edelsperger im 
Tirnaschen Haus, auch Federlhof genannt, zu Wien. 1 ) Im 
Wladislawsaal des Hradschin zu Prag kommt an den ausgebil- 
deten Renaissancefenstern sogar die Jahrzahl 1493 vor. 2 ] Das 
prächtige Portal der Artilleriekaserne in Wienerneustadt datirt 
von 1524, die Jagellonische Kapelle im Dom zu Krakau von 
1520, 3 ) ein Renaissanceportal iu der Kirche zu Klausenburg hat 
die Jahrzahl 1528.*) Alle diese Denkmale, selbst den frühesten 
im übrigen Deutschland in der Zeit vorausgehend, beweisen, dass 
die Renaissance Italiens an den verschiedensten Orten in Oester- 
reich schon früh zur Anwendung gekommen war. Wie ist es nun 



l ) Abb. in den Mitth. der Centr.-Coumi. 1868. p. CXI. Fig. 7 Dach 
dem Jahrb. des Wiener Alterth.-Ver. — -) F. Hertens, Prag und seine 
Baukunst in Förster's Allg. Bauzeit. 1S45. p. 15 ff. mit Abb. — 3 ) Essen- 
wein, Krakau, Taf. XXI. — «) Mitth. d. Centr.-Comm. IS65. 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 567 

zu erklären, dass diese lebensfrohe Kunst dennoch grade hier 
in ihren Schöpfungen vereinzelt bleibt, statt wie anderwärts das 
Leben ganz zu durchdringen und ihm zu vollendetem Ausdruck 
zu gereichen? 

Diese Frage lässt sich nur durch einen Blick auf die all- 
gemeinen geschichtlichen und Kulturverhältnisse beantworten. 1 ) 
Obwohl dem Centrum der deutschen Geistes Strömung weit abseits 
gelegen nimmt Oesterreich dennoch die geistige Bewegung der 
Zeit, deren Gipfelpunkt in Deutschland die Reformation bildet, 
gleich anfangs mit allem Eifer auf. Die Sache Luthers fand 
besonders beim Adel und in den Städten, bald aber auch unter 
dem Landvolk überall im Erzherzogthum Oesterreich lebendigen 
Anklang, und schon um 1522 konnte Paul Speratus, der Dichter 
des Liedes: „Es ist das Heil uns kommen her," die neue Lehre 
im Stephansdom zu Wien verkündigen. Gleichzeitig predigten 
Philipp Turriano, sowie die beiden Cisterziensermönche Jacob 
und Theobald wider Ablassverkauf und Bilderdienst. Der in 
Spanien erzogene Ferdinand I eiferte anfangs heftig wider die neue 
Lehre; der Stadtrath Caspar Tauber stirbt 1523 auf dem Scheiter- 
haufen; andre Opfer folgen; Balthasar Hubmayer wird 1528 ver- 
brannt und seine nicht minder standhafte Ehefrau in der Donau 
ersäuft. 2 ) Aber seit seiner Erhebung zum deutschen Kaiser zieht 
Ferdinand gelindere Saiten auf; die beständige Türkengefahr 
zwingt ihn bei den Landständen um Beisteuern zur Verteidigung 
nachzusuchen, für deren Gewährung er dann freie Religionsübung 
gestatten muss. 3 ) Unter seinem Nachfolger Maximilian II, dessen 
Indifferenz den Protestanten noch mehr Freiheit liess, vollzieht 
sich das Werk der Reformation in Oesterreich so vollständig, 
dass fast das ganze Land bis nach Steiermark und Kärnthen 
hinein, bis ins Salzkammergut und Tirol der neuen Lehre er- 
geben war. Erst mit Rudolph II um 1578 erhob sich die Gegen- 
reformation, welche durch die unheilvolle Regierung Ferdinands II, 
der bei den Jesuiten in Ingolstadt mit seinem Vetter Maximilian 
von Baiern erzogen worden war, zum Abschluss kam. Damals 
begann jene verderbliche Aera, welche die reiche Blüthe deutschen 
Geisteslebens in Oesterreich auf Jahrhunderte erstickte und das 



') Ueber das Geschichtl. vgl. Wiens Gesch. von F. Frhr. v. Hor- 
inayr; Gesch. der Stadt Wien von Fr. Tschischka; Gesch. des Landes 
ob der Enns von Fr. Xav. Pritz; Gesch. der Regier. Ferdinands I. von 
F. B. v. Buchholtz; Rudolf II und seine Zeit von A. Gindely, Handb. 
der Gesch. des Herzogth. Kärnten von H. Hermann; Gesch. von Böhmen 
von Fr. Palacky, u. a. m. — 2 ) Tschischka, a. a. 0. p. 285 fg. — 3 )F.B. 
v. Buchholtz a. a. 0. VIII, 123 ff. 



568 HI. Buch. Eenaissance in Deutschland. 

hochbegabte Volk der römischen Fremdherrschaft und der geister- 
mordenden Disciplin der Jesuiten überlieferte. In dem Wahne 
nur durch innige Verbindung mit der Kirche ihre Hausmacht zu 
stärken und die Herrschaft über das lose verbundene Völker- 
aggregat zu befestigen, opferten die Habsburger das geistige 
Leben und die materielle Blüthe ihres Volkes. An der Spitze 
von Dragonerabtheilungen rückten die bischöflichen Commissare 
in die einzelnen Ortschaften ein, die Bevölkerungen gewaltsam 
in den Schoos der Kirche zurückzuführen. Mit Kärnthen, Steier- 
mark und Krain wurde der Anfang gemacht; Böhmen und Oester- 
reich folgten. Die protestantischen Prediger wurden vertrieben, 
die ketzerischen Bücher verbrannt, die lutherischen Kirchen und 
Pfarrhäuser niedergerissen, selbst ihre Friedhöfe vandalisch ver- 
wüstet. Verbannung und Konfiskation traf die, welche sich nicht 
fügten. So kam die katholische Kirche wieder zur Alleinherr- 
schaft, aber die blühenden Länder waren verödet. Aus Böhmen 
allein wanderten an 36,000 Familien, darunter 1088 aus dem 
Herrn- und Ritterstande, auch zahlreiche Künstler, Kaufleute und 
Handwerker aus und Hessen sich in Sachsen, Brandenburg und 
andern protestantischen Ländern nieder. 

Die Heftigkeit dieser Verfolgungen bezeugt vor Allem den 
gewaltigen reformatorischen Umschwung, welchen damals ganz 
Oesterreich genommen hatte. Wenn man den heutigen Zustand 
dieser Länder betrachtet, so kann man sich nicht genug ver- 
wundern, wie allgemein damals der Protestantismus dort ver- 
breitet war. Wurde 1543 noch ein Edikt veröffentlicht, welches 
alle Buchdrucker und Buchhändler, die ketzerische Bücher ver- 
breiteten, zu ersäufen, die Bücher aber zu verbrennen befahl; 1 ) 
ernannte man schon vorher ein Ketzergericht aus zwölf Mit- 
gliedern der Hochschule, an deren Spitze der Bischof Johann von 
Revellis stand, so hatte doch bald darauf in Wien und dem übrigen 
Oesterreich die Sache der Reformation solche Kraft erlangt, dass 
man den Lutheranern die Minoriten- Kirche und die Landhaus- 
kapelle in der Hauptstadt einräumen musste. 2 ) Ja als in Kärnthen 
1596 die seit dreissig Jahren unterbliebene Frohnleichnamspro- 
cession zuerst in St. Veit wieder abgehalten wurde, entstand in 
dem protestantisch gewordenem Volke ein Auflauf, vor welchem 
der Priester mit dem Venerabile sich nur mit Mühe retten konnte. 3 ) 
Ebenso erging es in Villach 1594 dem Patriarchen von Aquileja, 
als er den Katholizismus wiederherzustellen versuchte. 4 ) Hier 



*) Tschischka, a. a. 0. S. 311. — 2 ) Ebenda S. 312. - 3 ) H. Hermann, 
a. a. O. II, 209. — ') Ebenda II, 210. 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 569 

war die Stacltpfarrkirche in den Händen der Protestanten, in 
Klagenfurt aber hatten sie sogar zwei Kirchen inne. Die Re- 
formation hatte also mindestens ein Menschenalter lang sich un- 
gehemmt in den österreichischen Landen ausgebreitet, und es 
war gewiss nicht Mangel geistiger Regsamkeit, wenn ihr keine 
ebenbürtige künstlerische Entwicklung zur Seite ging. Wohl aber 
scheinen die Erschütterungen, welche das gewaltsame Eingreifen 
in das religiöse Leben mit sich brachte und die auf lange Zeit 
selbst den Ruin des Wohlstandes herbeiführten, Ruhe, Mittel und 
Stimmung zu architektonischen Schöpfungen ausgelöscht zu haben. 
Vergessen wir nicht, dass abgesehen von einzelnen früheren Ver- 
suchen, die Renaissance in den deutschen Gebieten ihre Blüthezeit 
etwa seit den sechziger, siebziger Jahren des 16. Jahrhunderts 
beginnt. Gerade dies war aber der Wendepunkt, wo in ester- 
reich Kirche und Staatsgewalt den Vertilgungskrieg gegen den 
Protestantismus ins Werk setzte. So mussten wohl alle Keime 
friedlicher Kultur auf lange hinaus zertreten werden. 

Aber in kaum geringerem Grade scheinen auch die politischen 
Verhältnisse ein reicheres Kulturleben verhindert zu haben, so 
dass trotz der Kunstliebe von Kaisern wie Maximilian I, Fer- 
dinand I und Rudolph II sich keine stetige Blüthe entfalten wollte. 
Vergegenwärtigen wir uns, dass mit Kaiser Friedrichs Tode eine 
traurige Epoche für Oesterreich kaum ihr Ende erreicht hatte. 1 ) 
Eine lange Reihe von Kämpfen gegen auswärtige Feinde und 
aufständische Unterthanen, Fehden zwischen raubsüchtigen Rittern, 
Dezennien des wildesten Faustrechtes hatten das Land weithin 
verwüstet und ausgeplündert. Die Kultur des Bodens war zer- 
stört, Handel und Verkehr zerrüttet, die Städte ohne Kraft und 
Blüthe, Hunderte von Höfen lagen in Trümmern, viele Kirchen 
waren in Flammen aufgegangen, die Bewohner des Landes ver- 
wildert. Mit Maximilians I Regierungsantritt erholten sich die 
Länder allmählich von den ausgestandenen Drangsalen, aber die 
Kraft des Bürgerthums vermochte sich während der ganzen Epoche 
nicht zu so machtvollen städtischen Gemeinwesen zusammen- 
zuschliessen wie sie das südliche, mittlere und nördliche Deutsch- 
land in zahlreichen freien Reichsstädten aufweisen. Die Städte 
sind aber seit der gothischen Epoche in Deutschland der Haupt- 
herd des Kunstlebens gewesen. Sie bleiben es, wie wir gesehen 
haben, auch in der Epoche der Renaissance, jedoch so, dass 
neben ihnen die neuen Fürstensitze eine selbständige Blüthe ent- 
falten. Diese zieht indess ihren künstlerischen Nahrungsstoff wieder 



') Fr. Xav. Pritz a. a. 0. II, 181. 



570 HI« Buch. Renaissance in Deutschland. 

aus den bürgerlichen Kreisen der Städte, in welchen damals 
alles Kulturleben seinen Mittelpunkt fand. Die kunstliebenden 
Herrscher aus dem Habsburgischen Stamme rufen frühzeitig 
Meister der Renaissance aus Nürnberg- und Augsburg in ihre 
Dienste. Maximilian I bedarf zai seinen literarischen und künst- 
lerischen Unternehmungen 1 ) der Thätigkeit eines Dürer, Burgk- 
maier u. A. Für sein Grabmal in Innsbruck, dessen Grund- 
gedanke durchaus auf den Ideen der Renaissance beruht, ver- 
wendet er nicht blos einen Meister wie Peter Vischer, sondern 
auch Augsburger nnd Innsbruck er Künstler. Wo aber in dieser 
frühen Zeit Bauwerke in dem neuen Stile zu errichten waren, 
musste man fast ausschliesslich mit Italienern sich begnügen. Die 
Portale, mit welchen Ferdinand I 1524 sein Arsenal in Wiener- 
neustadt schmückte, verrathen die Hand italienischer Steinmetzen. 
Dasselbe ist der Fall mit der wahrscheinlich 1515 errichteten 
Prachtpforte der Salvatorkapelle in Wien. In Krakau wird schon 
1512 ein Meister Franciscus aus Italien erwähnt, der beim Neubau 
des Schlosses verwendet wird, ja 1520 ist es abermals ein Italiener, 
Bartholomeus von Florenz, der die Jagelionische Kapelle am Dom 
daselbst erbaut und 1536 das abgebrannte Schloss wiederher- 
stellt. Eine ganze Architektenfamilie aus Italien lernen wir unter 
Ferdinand I in Wien und Prag kennen: 2 ) 1532 Jacopo de Spazio, 
1542 Anthoni de Spazio, der an dem Neubau der Burg in der 
Neustadt beschäftigt war und Hans de Spazio, der nebst Zoan 
Maria (also dem Namen nach wohl ein Venetianer) unter Paul 
della Stella seit 1536 am Belvedere auf dem Hradschin zu Prag 
betheiligt war. 3 ) Noch 1568 wird ein Italiener Conünelli als Hof- 
baumeister Maximilians II aufgeführt, 4 ) 

Eine solche Kette italienischer Architekten lässt sich damals 
in Deutschland nur noch bei den bairischen Herzogen nachweisen. 
Wie dort begründet sie auch hier das Uebenviegen fremden Ein- 
flusses, der die Entwicklung einer selbständigen deutschen Re- 
naissance zurückdrängen musste. Dass es Ferdinand I nicht an 
Liebe und Yerständniss für Kunst fehlte, würde allein schon der 
unvergleichliche Bau des Belvedere in Prag bezeugen. Von seinem 
Verständniss der Architektur legte er eine Probe ab, als er 1563 
auf der Reise nach Frankfurt die neue Befestigung der Plassen- 
burg besichtigte und dem Markgrafen Georg Friedrich in den 



*) lieber Maximilian vgl. Herberge r, K. Peutinger etc. und den Auf- 
satz von Horawitz in der üesterr. Wochenschr. 1S72. I Bd. l s . Heft. 
Dazu Hormayr's Taschenbuch 1S21 u. ff. passhn. — -) Jos. Feil indenBer. 
des Wiener Alterth. Ver. III, 229. — 3 ) Förster's Allg. Bauzeit. 1838. 
S. 345 ff. — *) Jos. Feil a. a. 0. 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 571 

angefangenen Werken etliche Fehler nachwies, welche dem Bau- 
meister selbst entgangen waren. 1 ) Besonders aber theilte er die 
damals herrschende Vorliebe für antike Münzen, deren er eine 
bedeutende Sammlung angelegt hatte. 1 ) Von der Kunstliebe 
seines gleichnamigen Sohnes, welcher 1557 Philippine Welser 
zu seiner Gemahlin machte, legen die Ueberreste im Schloss 
Ambras und mehr noch die Schätze der Ambraser Sammlung in 
Wien Zeugniss ab. Im Ganzen beschränkte sich jedoch der 
Kunstsinn der habsburgischen Fürsten auf Bewährung eines regen 
Sammeltriebes und diesem vor Allem sind die kostbaren Schätze 
alter und neuer Kunst zu verdanken, welche noch jetzt Wien zu 
einer der reichsten Fundgruben für künstlerische Studien machen. 
Aber diese ästhetische Gesinnung, so hoch immer sie angeschlagen 
werden muss, war nicht durchgreifend genug, um monumentale 
Werke von höherer Bedeutung in grösserer Anzahl zu schaffen. 
Die Aufgaben, welche die unruhigen Zeiten grade diesen Herr- 
schern stellten, waren zu complicirter Natur, um Müsse und 
Stimmung für künstlerische Schöpfungen aufkommen zu lassen. 
Das Streben, ihre Hausmacht zu befestigen und zu vergrössern, 
die Erwerbung und Sicherung Ungarns, die stete Gefahr der 
türkischen Einfälle, die Schwierigkeiten, welche die Behandlung 
der deutschen Beichszustände boten, Alles dies noch verstärkt 
durch die unheilvolle Feindseligkeit gegen die Sache der Re- 
formation, deren Förderung allein den Habsburgern die Ueber- 
einstimmung mit dem Streben ihrer Völker und dadurch eine 
unbezwingliche Macht und siegreiche Beherrschung aller Ver- 
hältnisse gegeben hätte, dies zusammen musste für das öster- 
reichische Kulturleben beeinträchtigend wirken. Der letzte Habs- 
burger dieser Epoche, der durch Gemüthsanlage und Erziehung 
gleich unglückliche Rudolph II, suchte durch Vernachlässigung 
seiner Herrscherpflichten sich die Freiheit für allerlei private 
Liebhabereien zu verschaffen, und der Glanzpunkt in seinem 
sonst so verdüsterten Leben ist ohne Frage seine Liebe zu den 
Künsten. Aber auch bei ihm äusserte sich dieselbe weniger 
durch Hervorrufen monumentaler Schöpfungen, als durch An- 
sammlung kostbarer Gemälde, Statuen, Juwelen, Schmucksachen, 
Mosaikarbeiten und Curiositäten J ). Erst neuerdings haben wir 
durch urkundliche Mittheilungen ein Bild von der Lebendigkeit 
und dem Umfange dieser Liebhaberei empfangen. 1 ) Rudolph 
hatte die für jene Zeit bedeutende Anzahl von 413 Gemälden 



») v. Buchholtz a. a. 0. VIII, 770. — 2 ) Ebenda, VIII, 694. — 3 ) Gindely, 
a. a. 0. I, 29. — 4 ) Urlichs in der Zeitschr. f. bild. Kunst V, 47 ff 



572 HI- Buch. Renaissance in Deutschland. 

zusammengebracht, darunter einen grossen Theil jener Meister- 
werke, welche jetzt noch den Grundstock der Belvederegalerie 
bilden. In Italien und Spanien hatte er Unterhändler, welche 
für ihn den Ankauf von Kunstwerken betreiben mussten. Nicht 
oberflächlich muss die Art seiner Kunstliebe gewesen sein, sonst 
hätte er nicht mit solchem Eifer überall den Werken Dürer's 
nachgestrebt, von denen er eine Anzahl der bedeutendsten sich 
zu verschaffen wusste. Daneben sammelte er Sculpturen in 
Marmor und Bronze, antike wie Nachbildungen, rohe und ver- 
arbeitete Edelsteine, eingelegte Tischplatten von Pietra dura und 
überseeische Curiositäten aller Art. Auch manche Künstler wusste 
er heranzuziehen und zu beschäftigen, aber trotz alledem kam es 
auch unter ihm nicht zur Entwicklung einer monumentalen Kunst, 
einer national-deutschen Renaissance. 

Ueberblicken wir die Bauwerke, welche die Renaissance 
während der langen Dauer dieser Epoche in dem weiten Umfange 
der österreichischen Länder hervorgebracht hat, so finden wir fast 
nur fürstliche Bauten und Schlösser des hohen Adels, aber auch 
diese in solcher Vereinzelung über das Land verstreut, dass sie 
nicht den Eindruck einer intensiven einheimischen Schule, sondern 
vielmehr der sporadischen Thätigkeit fremder Künstler ergeben. 
Italienische Formen sowohl in der Composition des Ganzen, als 
in der Behandlung des Einzelnen herrschen hier während der 
ganzen Epoche. Das Unregelmässige in der Anlage nordischer 
Bauten tritt zurück; die Thürme, die Wendeltreppen werden fast 
völlig zu Gunsten einfacherer, klarerer Grundrissbildung beseitigt. 
Auch die Erker, die hohen Dächer mit ihren schmuckreichen 
Giebeln, der Stolz der deutschen Renaissance, spielen hier keine 
hervorragende Rolle. Begreiflich ist es daher auch, dass in den 
architektonischen Werken jene naive Mischung gothischer Elemente 
mit Motiven der Renaissance, mit welcher der neue Stil fast über- 
all in Deutschland auftritt, hier so gut wie gar nicht vorkommt. 
Eine Ausnahme machen nur gelegentlich kleinere dekorative 
Werke wie ein Flügelaltar in der Kirche zu So ding in Steier- 
mark. Dagegen wirkt überall Italien direkt ein, so dass nament- 
lich die Höfe mit Vorliebe nach südlicher Weise durch Arkaden- 
gänge, sei es auf Pfeilern, sei es auf Säulen, ausgestattet werden. 
Damit hängt zusammen, dass der in Deutschland sonst überall 
beliebte Holzbau fast durchgängig dem italienischen Steinbau 
weicht, mit Ausnahme der Gebirgsgegenden, welche an ihrem 
lokal ansgebildeten Holzbau festhalten. Besonders charakteristisch 
ist noch, dass jene geometrische Ornamentik, welche die Motive 
der Lederarbeit und des Schlosserstiles in Stein überträgt, eine 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 



573 



der ausgebildeten deutschen Renaissance anhaftende Form, in 
Oesterreich kaum angetroffen wird. Dagegen erhält sich kraft 
des italienischen Einflusses lange Zeit hindurch eine überaus edle 




f 'ii i i . i i i rn 



Fig-g. 148 — 151. Terracolten aus Schloss Schalaburs 



Behandlung des Ornamentes, von welcher wir in Fig. 14S — 151 
einige Proben geben. 1 ) 



*) Ich verdanke dieselbe gütiger Mittheilung des Herrn Prof. H. 
Ferstel nach den Aufnahmen der Wiener Bauschule. 



574 



III. Buch. Renaissance in Deutschland. 



Von den städtischen Bauten sind zunächst die sogenannten 
Landhäuser, d. h. die für ständische Versammlungen errichteten 
Gebäude, auszuscheiden, denn sie verdanken ebenfalls den pri- 
vilegirten Ständen ihre Entstehung und tragen dasselbe künst- 
lerische Gepräge, d. h. das italienische. Was sonst in den Städten 
Oesterreichs etwa an bürgerlichen Bauten vorkommt, ist an Zahl 
und Bedeutung gering. Die spätere Uebersicht wird zeigen, wie 
unbedeutend die Zahl der bürgerlichen Wohnhäuser aus dieser 
Epoche ist. An Rathhäusern oder sonstigen Werken der städtischen 
Profanbaukunst scheint selbst in den mächtigsten und reichsten 
Städten des Kaiserstaates nichts vorhanden zu sein. Wohl mag 
die künstlerische Dekoration sich überwiegend auf den Fresken- 





Fig. 152. Von einem Urnnnengitter in Salzbarg. (Franz-Josephs-Kai.) 



schmuck der Facaden oder wenigstens auf Sgraffito beschränkt 
haben. Aber auch davon sind nur geringe Spuren erhalten. 

Dagegen findet man im ganzen Lande, namentlich im Erz- 
herzogthum Oesterreich, in Tirol und dem Salzburgischeu, wie 
in Kärnthen und Steiermark noch zahlreiche Schöpfungen der 
Schlosser- und Schmiedekunst, die nirgends herrlichere Werke 
hervorgebracht hat als gerade hier. Wir geben vorgreifend einige 
Beispiele, denen später andere folgen werden: Fig. 152 von einem 
Brunnengitter am Franz-Josephs-Kai in Salzburg, Fig. 153 ein 
Grabkreuz vom Friedhof bei S.Sebastian daselbst, Fig. 151 eine 
Hausglocke vom Gasthof zur Post in Hallstadt: /.um Beweis, 
wie damals das Streben nach künstlerischer Verklärung der 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 



575 



Formen sich über alle Gebiete des Lebens und selbst des all- 
täglichen Bedürfnisses erstreckte. 1 ) 

Etwas günstiger stellt es sich in Böhmen und Mähren. Hier 
war schon unter der Herrschaft Karls IV in der zweiten Hälfte 
des 14. Jahrhunderts eine hohe Kulturblüthe hervorgerufen worden. 
Durch die Hussitenkriege wurde zwar Vieles zerstört, aber der 
hussitische und protestantische Geist hatte so mächtig in dem 





Fig. 154. Hausglocke aas Hallstadt. 



-^^fe^^a*^ 



Fig. 153. Grabkreuz vom Friedhof S. Sebastian 
in Salzburg. 



Lande sich ausgebreitet, dass er eine hohe geistige Kultur her- 
vorrief. Diesem Umstand wird es zuzuschreiben sein, dass das 
Land eine grössere Fülle von Monumenten bürgerlicher Baukunst 
auch aus dieser Epoche aufweist, und dass der künstlerische 



*) Diese Illustr. sind einem Aufsatze von Eiewel in den Mitth. der 
Centr.-Comm. 1870 entlehnt. Ich verdanke dieselben der gütigen Vermitt- 
lung des Herrn Dr. K. Lind. 



576 HI. Buch. Eenaissance in Deutschland. 

Charakter derselben, abgesehen von einzelnen italienischen Werken 
der Frühzeit, weit mehr Selbständigkeit und mancherlei Ueber- 
einstimmung mit der deutschen Architektur verräth. Alles dies 
haben wir nun durch gesonderte Betrachtung der verschiedenen 
Länder näher zu erörtern. 4 ) 



Erzherzogthuin Oesterreicli. 

Die Dürftigkeit einer so mächtigen Stadt wie Wien an 
Denkmälern der Renaissance wird immer von Neuem das Stau- 
nen des Forschers erregen. Haben wir es doch mit einer Stadt 
zu thun, die schon im Mittelalter sich einer glänzenden Blüthe 
rühmen konnte. Freilich lag der Grund zum Gedeihen Wiens 
weit weniger in selbständiger Pflege von Kunst und Gewerbe 
als vielmehr in dem lebhaften Durchzugs- und Zwischenhandel, 
den die günstige Lage der Stadt mit sich brachte. 2 ) An den 
Grenzen deutschen Landes gelegen, wurde Wien der wichtigste 
Platz des Austausches zwischen dem Westen und dem Osten und 
zugleich durch seine Verbindungen mit Italien ein Stapelplatz 
für den Handel mit dem Süden und der Levante. Welchen Reich- 
thum die Stadt im 15. Jahrhundert erlangt hatte, erkennen wir 
noch aus den lebendigen Schilderungen des Aeneas ►Sylvius. 3 ) 
Er rühmt nicht blos die glänzenden Kirchen, sondern auch die 
stattlichen Bürgerhäuser mit ihren reich gemalten Fagaden, den 
weiten Höfen, dem prächtigen Hausrath. Besonders fallen ihm 
als Zeichen des Luxus die Glasscheiben der Fenster und die 
schönen Eisenbeschläge der Thüren auf. Von alledem ist kaum 
noch eine Spur vorhanden. Und doch hat schon im früheren 
Mittelalter die Stadt eine selbständige künstlerische Entwicklung 
erlebt. Die ältesten Theile von St. Stephan, der Kern der Mi- 
chaelskirche zeugen, wenn auch nicht von grossartiger, so doch 
von feiner Ausbildung des romanischen Stiles. In der gothischen 
Epoche kamen dazu reichlichere Werke des Kirchenbaues, aber 
erst mit dem Stephansdom erhob sich die Baukunst hier zu einer 
der grossen Meisterschöpfungen der Zeit. 

! ) Werthvolle Beiträge in Aufnahmen und Notizen verdanke ich den 
Herren Prof. H. Ferstel und Dombaumeister Schmidt, Dr. Karl Lind, 
Dr. Albert Ilg und Architekt Riewel. Eine genauere Durchforschung des 
weitgestreckten Gebietes wird mit erschöpfendem Erfolg nur von lokalen 
Forschern zu erwarten sein. — 2 ) v. Hormayr, a. a. 0. IV, 120. — 3 ) 
Sylv. opera (Basil. 1571.) Epist. CLXV p. 718 Bq. 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 577 

Um so auffallender sticht dagegen die Aermlichkeit der Re- 
naissancemonumente ab. Wohl waren es Zeiten, die auch für 
Wien mancherlei Unruhe und Gefahr im Schoosse trugen. Nach 
Maximilians I Tode betheiligte sich die Stadt lebhaft an der Em- 
pörung gegen die Regierung seines Nachfolgers; doch wurde der 
Aufstand schon 1522 durch Gefangennahme und Hinrichtung der 
Rädelsführer niedergeschlagen. 1 ) Gleich darauf führte die Hin- 
neigung zur Reformation zu jenen Verfolgungen und Ketzer- 
verbrennungen, von. denen schon oben die Rede war. Anderer- 
seits drohten wiederholt die Einfälle der Türken, die 1529 durch 
Zapolya's Verrath nach Ungarn gelockt, Oesterreich und Steier- 
mark überzogen, aber durch den Heldenmuth der kleinen Be- 
satzung von Wien zurückgetrieben wurden. Die tapferen Bewoh- 
ner hatten damals ihre Vorstädte selbst zerstört und mit deren 
Holzwerk die Basteien befestigt. Die neue Türkengefahr 1532 
wurde zwar durch Pfalzgraf Friedrich rasch zurückgeschlagen; 
aber 1541 raffte die Pest den dritten Theil der Einwohner hin. 2 ) 
Zugleich steigerte sich der Kampf gegen die Anhänger der Re- 
formation, ja 1551 wurden die ersten Jesuiten nach Wien berufen, 
um der allgemeinen Bewegung nachdrücklicher entgegenzutreten. 
Zur selben Zeit ward die menschenfreundliche Verordnung erlassen, 
dass alle Juden zur Unterscheidung einen gelben Tuchlappen am 
Oberkleid auf der linken Brust tragen sollten. 3 ) Wenige Jahre 
später suchte man sie gänzlich zu vertreiben, ohne jedoch damit 
völlig durchzudringen. Mildere Zeiten kamen erst seit 1556; aber 
bald darauf drohte durch Suleiman gewaltiger als je zuvor ein 
neuer Einfall der Türken, durch Zriny's Heldentod aufgehalten, 
und durch des Grossherrn Fall vor Szigeth vereitelt. Endlich ist 
1570 das abermalige Auftreten der Pest, 1596 wiederum ein 
drohender Türkeneinfall zu verzeichnen. Aber alle diese Gefah- 
ren und Unruhen sind doch nicht ausreichend, um den Mangel 
an Denkmälern dieser Epoche zu erklären. Wohl mag die letzte 
Türkenbelagerung vom Jahre 1683 in den Vorstädten manches 
Werthvolle zerstört haben; namentlich werden die Häuser und 
Gärten, des Adels, von denen noch Merian uns Abbildungen über- 
liefert hat, 4 ) damals zu Grunde gegangen sein; dass aber in der 
inneren Stadt so Weniges erhalten ist, wird man grösstenteils 
aus der gewaltigen Bauthätigkeit zu erklären haben, welche seit 
dem Ausgang des 17. Jahrhunderts ganz Wien umzugestalten 
begann. 



*) Tschischka, a. a. 0. S. 284. - 2 ) Ebenda S. 299. — 3 ) Ebenda S. 311. 
*) Topogr. German. Tom. X. 

Ku gier, Gesch. d. Bauk. V. 37 



578 IH- Buch. Renaissance in Deutschland. 

Das erste Auftreten der Renaissance hat man wahrscheinlich 
in dem überaus eleganten Portal der Salvatorkapelle zu 
erkennen. Die Entstehung desselben wird mit dem Breve Papst 
Leo's X 1 ) vom 10. Juni 1515 zusammenhängen, welches verordnete, 
dass die Kapelle des ßathhauses künftig den Namen St. Salva- 
toris führen solle. Dies gab dem Stadtrath Veranlassung, die 
ersten Salvatorsmedaillen ausprägen zu lassen, wahrscheinlich 
auch das Portal zu errichten, welches nicht blos in seiner Com- 
position, sondern auch in der Ausführung auf die Hand ober- 
italienischer Künstler hinweist. Das Portal 2 ) wird von reich 
dekorirten Pilastern eingerahmt, vor welche Säulen mit frei be- 
handelten Compositakapitälen treten, die Schäfte am Fuss über- 
trieben stark eingezogen, zum Theil kannelirt, zum Theil mit 
kriegerischen Emblemen bedeckt, ganz im Stil der spielenden 
Frührenaissance Oberitaliens. Ueberaus elegant sind die von 
Sphinxgestalten auslaufenden Akanthusranken des Frieses, die 
Zahnschnitte, Perlschnüre, Blattkymatien des Hauptgesimses und 
der andern Glieder. Die Bekrönung bildet ein Halbkreis mit 
cassettirter Laibung, in welchem die Halbfiguren Christi und der 
Madonna als Hochrelief erscheinen, während auf den Ecken zwei 
kleinere Kriegergestalten offenbar an die Stifter der Kapelle, die 
ritterlichen Brüder Otto und Haymo, erinnern sollen. Das Ganze 
in seiner Zierlichkeit athmet den Geist echt italienischer Früh- 
renaissance. 

Weiter sind hier mehrere Grabdenkmäler anzureihen. Zu- 
nächst in St. Stephan am westlichen Ende des nördlichen 
Seitenschiffes das Epitaphium des 1529 verstorbenen Doctor Jo- 
hannes Cuspis mit seinen beiden Frauen, aus rothem Marmor 
gearbeitet, in sehr schlichter derber Renaissanceform, die Nische 
mit den Brustbildern von Pilastern eingefasst, der Bogen mit 
einer Muschelfüllung, im unteren Felde die Augehörigen in einer 
durch dorisirende Säulchen getheilten Halle knieend. Keicher 
und grösser im nördlichen Kreuzarm das Epitaph des Domherrn 
und ehemaligen Kaplans Kaiser Max I, Nicola us Engelhardt 
(f 1559), auch dies noch im Stil zierlicher Frührenaissance. Ein 
Hauptdenkmal ist das grosse Bildwerk von 1540, welches am 
Aeusseren der südlichen Chorseite angebracht, in der Mitte Maria 
und Christus, umgeben von Keliefdarstellungen der sieben Schiner- 
zen Maria enthält. Eingefasst von sehr eleganten Pilastern mit 
korinthisirenden Kapitalen, die Flächen zwischen den Bildfeldern 



*) Tschischka, S. 221. — -) Eine treffliche Abbildung desselben hat 
H. Riewel veröffentlicht. 




Fig. 155. Hof eines Hauses am Graben in Wien. 



37 : 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 581 

mit schönem Blattwerk von leichtestem Flusse, mit spielenden 
Genien, phantastischen Drachen u. dgl. ausgefüllt, Alles noch 
entschieden im Charakter der Frührenaissance, fein und elegant. 
Erkennt man hier die Hand eines vorzüglichen Meisters, so sind 
dagegen die einfassenden Pilaster, welche die zehn Passionsbilder 
an der südöstlichen Ecke des kleinen Choranbaues umfassen, 
von sehr geringem Verständniss der neuen Formen, wunderlich 
und primitiv behandelt, in seltsamem Contrast mit der grossen 
Freiheit und Lebendigkeit der figürlichen Scenen, die einen dem 
Adam Krafft ebenbürtigen Meister verrathen. — Ein Renaissance- 
grab von 1524 sieht man sodann in der Deutschordenskirche, 
ein sehr elegantes vom Jahre 1548 in der Michaelskirche. Es 
ist das grosse am südwestlichen Pfeiler des Kreuzschiffes an- 
gebrachte rothmarmorne Epitaph des Georg von Liechtenstein, 
mit fein dekorirten korinthisirenden Pilastern eingefasst, eben- 
falls noch im Geiste der Frührenaissance. Wie dasselbe Motiv 
kurze Zeit darauf schon trocken und nüchtern umgestaltet wird, 
erkennt man in derselben Kirche an dem Grabmal im nördlichen 
Seitenchor vom Jahr 1561. 

Die Bürgerhäuser aus jener Zeit haben wahrscheinlich ihren 
künstlerischen Schmuck hauptsächlich durch Fresken empfangen, 
nach deren vollständigem Verschwinden — denn es scheint keine 
Spur davon mehr vorhanden zu sein — die Fa§aden ohne alles 
Interesse sind. Wohl tritt hie und da noch ein Erker auf, aber 
ebenfalls ohne charakteristische Ausbildung. Bedeutender ist 
wahrscheinlich die Architektur der Höfe gewesen, deren Statt- 
lichkeit und Weite schon Aeneas Sylvius auffiel. Diese grossen 
Höfe, oft zu mehreren an einander gereiht, so dass daraus 
Durchgänge von der einen Strasse in die andre entstehen, ge- 
hören zu den Eigenthümlichkeiten der inneren Stadt. Aber von 
künstlerischem Gepräge ist nur ein einziger aus jener Zeit er- 
halten, in dem Hause am Graben No. 14 (Fig. 155). In stattlicher 
Anlage 1 ) wird derselbe auf drei Seiten von Arkaden umzogen, 
welche ausser dem Erdgeschoss die drei oberen Stockwerke um- 
ziehen. Die Arbeit ist nicht gerade von besonderer Feinheit, aber 
kräftig und charaktervoll in den ausgebildeten Formen der Re- 
naissance, wie sie etwa um die Mitte des 16. Jahrhunderts zur 
Verwendung kamen. Im Erdgeschoss ruhen die Bögen auf tos- 



l ) Die Abbild, verdanke ich der gütigen Verwendung des Herrn Dr. 
Karl Lind, durch welche mir von diesem und mehreren anderen Holz- 
schnitten aus den Mitth. der C. Comm. und dem Jahrb. des Wiener Alterth. 
Vereins Cliche's bewilligt wurden. 



582 HL Buch. Renaissance in Deutschland. 

kanischen Säulen, darüber folgen stelenartig verjüngte Pfeiler, 
dann ionische Säulen mit dem hohen Hals der Renaissancezeit 
und mit verschiedenartig gewundenen Schäften; endlich im ober- 
sten Stock korinthisirende Säulen, abwechselnd mit gegürteten 
und unten kannelirten Schäften; sämmtliche Stützen im Anschluss 
an die niedrigen Stockwerke von sehr kurzen Verhältnissen. Die 
Kreuzgewölbe der Arkaden ruhen in den Wänden auf Consolen; 
die Balustraden der einzelnen Arkadenreihen sind geschlossen 
und mit einem Rahmenprofil versehen. Zwei Wendeltreppen, eine 
untergeordnete links, die Haupttreppe dagegen rechts, sind in 
den vorderen Ecken des Hofes angebracht. Die Haupttreppe, 
auf unserer Abbildung sichtbar, empfängt durch Pilaster, welche 
in eigenthümlicher Weise mit Consolen verbunden sind, sodann 
durch zierliche gothische MaasswerkbrüstuDgen eine angemessene 
Gliederung. Die Anlage dieser Treppe ist weit und stattlich, die 
Spindel zeigt in ihren Profilen mittelalterliche Formen; von be- 
sonders schöner Wirkung ist aber das Netzwerk verschlungener 
Stäbe, welches mit Rosetten und kleinen Köpfen geschmückt die 
ganze Unterseite der Wendeltreppe bedeckt. Es ist dieselbe Be- 
handlung wie an der schönen Treppe im alten Schloss zu Stutt- 
gart. Den oberen Abschluss des Treppenhauses bildet hier wie 
dort ein elegantes gothisches Sterngewölbe. Wie einfach aber 
diese Häuser ihre Strassenfa^ade bildeten, und wie sehr sie auf 
farbige Dekoration rechneten, sieht man auch hier, da selbst das 
Portal die grösste Schlichtheit zeigt. 

Wie diese Hofanlagen später in's Nüchterne übersetzt wur- 
den, erkennt man u. A. an dem Hause No. 6 am Bauernmarkt, 
wo die gedrückten Arkaden des Hofes in allen Geschossen auf 
trocknen toskanischen Säulen ruhen. Das Haus trägt freilich die 
späte Jahrzahl 1662. 

Fast noch unbedeutender ist, was die Renaissance an der 
Kaiserlichen Burg hinterlassen hat. Die umfangreichen Ge- 
bäude bilden ein Conglomerat aus sehr verschiedenen Zeiten. 
Ursprünglich von Leopold dem Glorreichen erbaut, war sie 1275 
durch einen Brand verheert, aber unter Albrecht I von einem 
Meister Martin Buschperger von Osnabrück wieder hergestellt 
worden. 1 ) Eine Kapelle wurde 1298 erbaut, die jetzt vorhandene 
aber Hess Friedrich IV 1449 errichten. Umfassendere Umgestal- 
tungen scheinen unter Ferdinand I stattgefunden zu haben. Der 
aus seiner Zeit herrührende Kern des Baues besteht aus drei 
Flügeln, welche den ungefähr quadratischen Schweizerhof ein- 



») Tschischka a. a. 0. S. 221, 




vltyart. 



Fig. 156. Schlosshof zu Schalaburg. 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 585 

fassen. Den alten Zustand erkennt man auf dem 1547 von 
Bonifacius Wolmuet entworfenen Plan der Stadt und auf der von 
1552 datirenden Abbildung von Hans Sebald Lautensack, auf wel- 
cher man das in demselben Jahr errichtete Portal mit dem Namen 
und den Titeln Ferdinands sieht. Der Durchgangsbogen dieses Por- 
tals enthält den einzigen Rest der künstlerischen Aussmtickung 
jener Zeit. Das flache Spiegelgewölbe desselben ist in trefflicher 
Eintheilung mit hübschen Fresken bedeckt. Die blauen Haupt- 
felder enthalten Wappen zwischen Goldornamenten; mit ihnen 
wechseln weisse Felder mit vielfarbigen Arabesken im phan- 
tastischen Stil üppig entwickelter Renaissance, nicht gerade von 
besonderer Feinheit, aber lebensvoll und von harmonischer Wir- 
kung. Die Spiegelfläche schmückt das österreichische Wappen 
auf blauem Grund. Gemalte Bronzehermen, in grauen Feldern 
in den vier Ecken angebracht, scheinen das Mittelfeld zu halten. 
Der Name des Malers, der sich dabei selbst conterfeit hat, heisst 
Battista Porti. Das ist alles was hier von Renaissance vorhan- 
den. Die 1559 für Maximilian II erbaute 1 ) sogenannte Stall- 
burg zeigt nichts Bemerkenswerthes. 

Eben so wenig ist im Landhaus etwas aus dieser Zeit er- 
halten. Die Dekoration des grossen Saales datirt aus späterer 
Zeit. Wie sehr es übrigens während der ganzen Epoche in Wien 
gebräuchlich blieb, italienische Künstler heranzuziehen, sieht man 
daraus, dass als 1542 bis 1561 die Stadt neu befestigt und mit 
Basteien umgeben wurde, neben den deutschen Architekten 
Hermes Schallantzer, Oberbäumeisfer der Stadt, Augustin Hirsch- 
vogel und Bonifacius W r olmuet auch die Italiener Francesco de Poco 
von Mailand und Domenico Illalio aus Kärnthen zur Verwendung 
kamen. *) — 

Ein Prachtstück italienischer Renaissance besitzt Wiener- 
Neustadt in dem Hauptportal der jetzigen Artilleriekaserne, 
laut der schönen lateinischen Inschrift 1524 durch Ferdinand I 
als Zeughaus erbaut. Das Portal nimmt die Mitte des östlichen 
Flügels an dem sonst unscheinbaren Bau ein t gegenüber dem 
alten Schloss, dessen Kapelle ein reiches Werk spätgothischer 
Zeit. Die Renaissance hat hier dem Mittelalter gegenüber ihr 
Bestes versucht und ein kleines Meisterstück geschaffen. Elegante 
Rahmenpilaster mit antikisirenden Kaiserköpfen in Medaillons 
bilden die Einfassung. Die Kapitale, frei korinthisirend mit 
Akanthus, Greifen und Genien, gehören zum Besten der Re- 
naissance. Die Bogenlaibung zeigt Engelköpfchen in flachen 



') Tschischka a. a. 0. S. 313. — 2 ) Ebenda S. 301 ff. 



586 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Cassetten. In den Bogenzwickeln bilden die Füllung schöne 
Brustbilder, ein männliches und ein weibliches, eingefasst in 
Kränze mit flatternden Bändern. Darüber ein krönendes Giebel- 
feld mit dem grossen reichbemalten Wappen, das von zwei Grei- 
fen bewacht wird. Die Composition des Ganzen, die Feinheit 
der Ausführung, die Eleganz der architektonischen Glieder, das 
Alles zeugt für einen italienischen Meister. An der Rückseite 
der Kaserne ein kleineres Portal aus derselben Zeit mit gleich- 
lautender Inschrift, in Anlage und Ausstattung einfacher. Am 
Gebälk halten zwei etwas steife Genien das ebenfalls bemalte 
Wappen. — 

In den übrigen Theilen des Erzherzogthums sind allem An- 
scheine nach ein Paar Schlossbauten das Wertkvollere aus dieser 
Epoche. Zunächst das Schloss Schalaburg bei Molk, zwischen 
1530 und 1601 hauptsächlich unter Johann Wilhelm Ritter von 
Losenstein errichtet. Da dasselbe durch die Aufnahmen der 
Wiener Bauschule veröffentlicht ist, kann ich mich auf einige 
Andeutungen beschränken. Die ältesten Partien scheinen bis in's 
13. oder gar in's 12. Jahrhundert hinaufzureichen. Den künst- 
lerischen Kern der Anlage bildet jedoch der Hof mit seinen 
prächtigen Arkaden, von denen ich unter Fig. 156 nach einer 
Photographie mit Zuziehung jener Aufnahme eine Anschauung 
gebe. Auf drei Seiten umgiebt den Hof ein Bogengang auf 
Säulen, darüber eine Galerie auf Pfeilern im ersten Stock, zu 
welcher zwei mit zierlichen Eisengittern eingefasste Treppen 
hinaufführen. Hier herrscht die höchste Opulenz der Ausstattun;: : 
die Säulen bestehen aus rothem Marmor; die Stylobate der 
oberen Pfeiler sind mit Reliefdarstellungen der Thaten des He- 
rakles in zierlichen Nischen geschmückt; dazu kommen phan- 
tastisch behandelte hermenartige Figuren, als Bekleidung der 
Pilasterflächen; ferner an den Bogenzwickeln die Wappen der 
Familie Losenstein und ihrer Verwandten und endlich zahlreiche 
Portraitbüsten am oberen Fries. Die Innenwand der Galerie ist 
mit grossen Medaillons römischer Kaiser geschmückt. Wunder- 
lich, fast im Charakter mittelalterlich -romanischer Bauten sind 
die ionischen Halbsäulchen vor den Pilastern des oberen Bogen- 
fehles, wie denn überhaupt die Composition nichts weniger als 
correct, vielmehr sehr willkürlich sich ausweist. Muss man darin 
wohl das Walten einheimischer Künstler erkennen, so zeugen 
dagegen die herrlichen ernamentalen Reliefs, welche die Seiten- 
flächen der oberen Pfeiler bedecken, bei reichster Erfindungs- 
gabe von italienischer Anmuth. Noch merkwürdiger, dass diese 
köstlichen Reliefs sämintlich aus gebranntem Thon bestehen. Die 



Kap. XII. Die österreichischen Länder 



587 



Proben, welche ich nach den Aufnahmen der Wiener Bauschule 
unter Figg. 148 — 151 gab, zeigen eine Behandlung des Orna- . 
ments, die italienische Kunst verräth, ja es scheint unzweifelhaft, 
dass man die Model zu diesen im ganzen südlichen Deutschland 
unbekannten Dekorationen aus Oberitalien bezogen hat. Es 
herrscht in ihnen jene stilvolle Behandlung des Laub Ornaments, 
die in Deutschland sehr bald durch lineare Formspiele verdrängt 
wurde. Ausserdem kommen hier holzgeschnitzte Flächerideko- 

Pfiiii 







Figg. 157 — 158. Holzornamente aus Schalaburg. 

rationen vor, die aus einer ausgesparten Zeichnung auf leise ver- 
tieftem Grunde bestehen. Von ihnen fügen wir in Fig. 157 u. 158 
eine Probe bei. Die Aufnahmen, denen wir dieselben verdanken, 
geben eine hohe Vorstellung von dem geschmackvollen Reich- 
thum des Ganzen. 

Höchst grossartig scheint sodann die unfern von Eggenburg 
gelegene Rosenburg, 1593 durch Sebastian Grabner zu Rosen- 
berg und Pottenbrunn errichtet. Es ist nach den Schilderungen 1 ) 

l ) Nach gef. Mittheilungen des Herrn Dr. K. Lind. 



588 HI- Buch. Renaissance in Deutschland. 

eine bedeutende, im Wesentlichen noch mittelalterliche Anlage, 
auf steiler Felskuppe malerisch entwickelt, aber mit einem Re- 
naissancehofe und italienischen Loggien geschmückt. Ausser der 
eigentlichen Burg umfassen die mächtigen Ringmauern einen sanft 
ansteigenden Hofraum von 123 Schritt Länge bei 60 Schritt 
Breite, noch heute in seinem Namen „Turnierplatz" die ehe- 
malige Bestimmung andeutend. Ihn umgeben rings Arkaden. 
Wände und Pfeiler waren bemalt. An der Burgseite schliesst 
den Platz eine etwas niedrige Mauer mit 14 Nischen, in denen 
Statuen von Helden der römischen Geschichte aufgestellt waren. 
Ein Triumphbogen mit Pyramiden und Löwen geziert führt zur 
Brücke über den inneren Burggraben und zur Burg, die man 
durch einen massiven Thorthurm mit zw r ei zierlichen Galerien 
betritt. Man kömmt nun in den ersten Burghof, links der grosse 
Saalbau, rückwärts zur Rechten ein mächtiger Thurm. Zwischen 
diesem und einem dahinter liegenden ebenfalls ein Viereck bilden- 
den Bau zieht sich ein Graben. Ueber eine Zugbrücke gelangt 
man in diesen Theil des Schlosses, der 1614 durch den damali- 
gen Schlossherrn Vincenz Muthinger von Gumpendorf erbaut 
worden ist. Hier fällt vor allem eine schöne Freitreppe von 
breiten Quadern auf; um den ganzen ! Hof herum waren unter 
dem Gesimse Standbilder von gebranntem Thon angebracht, von 
denen bereits etliche fehlen. Was die zahlreichen Gemächer 
selbst betrifft, so sind sie meistens sehr einfach ausgestattet. 
Bemerkenswerth ist indess das Holzgetäfel am Plafond des Prunk- 
saales, der farbig glasirte Estrich einiger Gemächer, sowie die 
reichen Stuccodecken und zierlichen "Oefen. Die Kapelle aus der 
Grabner'schen Zeit hat noch gothische Reminiscenzen. Diese 
grossartige Burg, durch mehr als ein halbes Jahrhundert unbe- 
wohnt und dem Verfalle anheimgegeben, wird gegenwärtig durch 
die Sorgfalt des jetzigen Besitzers stylgeinäss hergestellt. 

Unweit von dort liegt das Schloss von Göllersdorf, mit 
Wassergraben umgeben, erbaut um 1545 bis 1596, leider stark 
verwahrlost und theilweise modernisirt. Das Hauptthor mit dem 
gräflich Suchheim'schen Wappen und der Jahreszahl 1551, ist 
eine ebenso nüchterne als lahme Composition. In der Capelle, 
einem Bau aus dem Ende des 15. Jahrhunderts, herrliche Holz- 
verkleidung und Stühle (1611). Im ersten Stockwerke gegen den 
Hof eine offene Galerie, zwar in gedrückten Spitzbogen errich- 
tet, sonst aber völlig im Charakter der Renaissance. Im Thurm- 
gemache ein sehr schöner Kamin mit vielen Figuren und der 
Jahreszahl 1615. Die Schneckenstiege, höchst merkwürdig, bis 
auf den Dachboden führend, hat sicher nicht ihres Gleichen im 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 589 

ganzen Lande. An der Unterseite sind Reliefornamente aller Art 
angebracht, Thiere, Jagdscenen, Büsten etc. und die Jahrzahl 
1555. — Ein sehr schöner Renaissancebau von 1650 ist die Burg- 
Schi einitz bei Eggenburg, leider bereits sehr verfallen. Der 
mit Marmorplatten belegte grosse Saal im zweiten Stockwerk 
hat einen vorzüglichen Stuccoplafond. Sodann das nordöstlich 
von Wiener -Neustadt gelegene Schloss von Ebreichsdorf ; eine 
ehemalige Wasserfeste, im Viereck erbaut mit mächtigem Thurm 
an einer Ecke, leider stark restaurirt; sehr interessant die Wappen- 
reihe über den Bogen des Erdgeschosses der Hofseite, um 1560. 
Am Friedhofe daselbst steht eine Tumba, als Bekrönung des 
Grufthügels, in dessen Gewölbe sich das Erbgrabmal der Familie 
Beck v. Leopoldsdorf befindet. Die Tumba, im Stile der reinsten 
Renaissance gebildet und mit vielen Wappen geziert, gehört in 
die letzten Jahre des 16. Jahrhunderts. In Gaming zählen von 
den noch bestehenden Gebäudetheilen der ehemaligen Karthause 
die Praelatur mit dem prachtvollen Bibliotheksaal, ferner der 
zweite Klosterhof mit den offenen Galerien, endlich und zwar 
insbesondere das herrliche Kirchenportal noch zur guten Re- 
naissance. Sie entstanden 1609 unter Prior Hilarion. — In 
Klosterneuburg ist das ältere Conventgebäude, ein Bau aus 
dem Ende des 16. Jahrhunderts, namentlich aber der Priester- 
gang als Werk der Renaissance sehr beachtenswerth. Ein ande- 
rer ebenfalls als bedeutend geschilderter Bau ist endlich das 
Schloss von Michelstätten. Es stammt aus der Zeit um 1600 
und gehört seinen Formen nach den letzten Jahren der schönen 
Renaissance an. Vor allem wird es dadurch merkwürdig, dass, 
während damals die feudalen Grossgrundbesitzer auf den neu 
entstandenen Landsitzen die Wehranlagen auf ein Minimum be- 
schränkten, um eine reiche Entfaltung des Bauwerks nach Aussen 
möglich zu machen, bei diesem Gebäude das Gegentheil befolgt 
wurde. Nach Aussen wehrhaft, düster, schmucklos angelegt, er- 
hielt das Schloss im Innern eine Doppelreihe rundbogiger auf 
Säulen ruhender Arkaden, wodurch offene Hallen, Galerien, ge- 
räumige Vorplätze und Communicationen ermöglicht wurden. Im 
Grundrisse bildet das Gebäude ein Sechzehneck, das nach Aussen 
nur die mit kleinen Fenstern versehenen Feuermauern und an 
den Ecken Strebepfeiler zeigt; das Dach hat nur eine Ab- 
schrägung und zwar gegen Innen, ist somit an der Aussenseite 
nicht sichtbar. In Mitte des Hofes ein mächtiger, prachtvoller 
Renaissance-Brunnen, die untere Schale ein Sechseck, die obere 
inuschelförmige Schale rund; die untere mit Wappen. Das Ganze 
mit wasserspeienden Genien, Larven, Trophäen und Blumen- 



590 



III. Buch. Kenaissance in Deutschland. 



festons geschmückt. — Ob von den bei Merian dargestellten Schlös- 
sern "NVindhag. das in mehreren Prospekten ausführlich vor- 
geführt ist. Pragthal und Zeilern in Unterösterreich noch 
etwas vorhanden ist. vermag ich nicht zu sagen. 

An bürgerlichen Bauten ist überall, auch in den andern 
Städten des Erzherzogthuins, grosser Mangel. Bezeichnend ist, 




Fig. 159. Alte GetreidebaUe in Steier. 



dasfl z. B. Orte wie Linz, die herrlich gelegene Hauptstadt von 
Oberösterreieh. keine Spur von Renaissancebauten zeigen. Nur 
von der Blüthe des Kunsthandwerks dieser Epoche, die auch 
hier vorhanden gewesen, geben mehrere Reste von gemalten 
Fayenceöfen im Museum dieser Stadt Zeugniss. Mehrere inter- 
essante Kacheln mit Reliefs biblischer Geschichten in reicher 
Polyehromie zeigen noch die Formen der Friihrenais>aiu-e. dürf- 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 



591 



ten also der Mitte des 16. Jahrhunderts angehören. Ein grosser 
prächtig gemalter und völlig erhaltener Ofen, von Wildshut 
stammend, gehört dem Schlüsse dieser Epoche an. Blau, weiss 
und gelb sind die vorherrschenden Töne; gelbe und weisse 
Fruchtgewinde fassen die Felder mit den Reiterbildern der sieben 
Kurfürsten, des Kaisers Leopold, und des Grafen von Stahrem- 
berg ein. Auf den Ecken bilden römische Krieger als Hermen 
den Abschluss. 

Zu den alterthümlichsten und anziehendsten Städten des 
Landes gehört St ei er. Aber obwohl eine charaktervolle Gothik 
hier nicht blos in kirchlichen, sondern selbst in Profanbauten 





gl J L . ■ IIP i 

Fig. ICO. Sgrafüto-Detail am Konihaus zu Steier. 



vertreten ist, geht die Renaissance wieder fast leer aus. Nur 
das Kornhaus mit seiner Sgraffitofacade ist ein origineller Bau 
vom Ende der Epoche. Wir geben in Fig. 159 nach den Auf- 
nahmen der Wiener Bauschule die einfach und doch reizvoll be- 
handelte Facade, die besonders durch den doppelten Giebel eine 
markante Physiognomie erhält. Der Charakter der Sgraffiten, 
die sich in richtiger Auffassung der Aufgabe auf blosses Um- 
rahmen der OefTnungen beschränken, wird durch Fig. 160 deut- 
licher veranschaulicht. 

Die meisten Spuren der Renaissance scheinen die Gegenden 
nördlich der Donau, welche an Böhmen und Mähren grenzen, 



592 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

namentlich das Viertel unter dem Manhardsberg, wohin auch die 
Rosenburg und Schloss Göllersdorf gehören, zu enthalten. Hier 
ist auch am ersten von einer eigentlich deutschen Renaissance 
zu reden. In Znaim soll das Rathhaus Renaissanceformen zei- 
gen, in Krems wird ein Privathaus mit zierlichem polygonem 
Erker, daran Reliefs von Landsknechtscenen, höchlich gerühmt. 
Besonders anziehend aber scheint Eggenburg, ein kleines, sehr 
interessantes Städtchen mit einer Kirche theils romanisch, theils 
gothisch, — und mit einer vollständig erhaltenen Stadtbefestigung 
aus dem 16. Jahrhundert. Bemerkenswerth vor Allem das sog. 
gemalte Haus, mit braunen Sgraffitozeichnungen an der ganzen 
Aussenseite überzogen. Wir finden Scenen der biblischen Ge- 
schichte mit riesigen Figuren, etliche mythologische Darstellungen 
und statt der Gesimsleisten Spruchbänder mit Inschriften theils 
religiösen, theils heiteren Inhalts. Als Anfertigungszeit ist der 
Mai des Jahres MDXLVII auf einem Schriftbande angegeben. 
Das Haus selbst zeigt in den Thorbögen, Fensterrahmen und 
Thüren den Charakter der Renaissance, die unteren Räume sind 
stumpfspitzbogig überwölbt, gegen den Hofraum theilweise eine 
rundbogige Arcatur. Der Erker hat noch den Charakter der 
Spätgothik. 



Steiermark und Kärnthen. 

Auch in Steiermark wurde die Renaissance durch die Kunst- 
liebe der Fürsten und des Adels eingeführt ; aber auch hier blieb 
sie wesentlich das Erzeugniss fremder Künstler. Die bedeuten- 
deren Bauten des Landes scheinen in der That italienischen 
Ursprunges. Der künstlerischen Entwicklung gereichte es zu 
besonderer Förderung, dass die Landeshauptstadt eine Zeit lang 
Sitz einer selbständigen fürstlichen Seitenlinie war. Unter Erz- 
herzog Karl II begann die Renaissance sich zu entfalten; auch 
Erzherzog Ernst und im Ausgang der Epoche Erzherzog Ferdi- 
nand, als Ferdinand II nachmals deutscher Kaiser, wandten dem 
künstlerischen Schaffen ihre Theilnahme zu. 

Das Selbständigste und Bedeutendste indess, was das Land 
in dieser Epoche hervorbrachte, waren die Schöpfungen der 
Kleinkünste und Kunstgewerbe. Zunächst sind die Arbeiten der 
Töpfer hervorzuheben, von denen mehrfach in den prächtigen 
Oefen der Schlösser ansehnliche Proben vorliegen. So in der 
Burg zu Graz, in den Schlössern Murau, Riegersburg, 
Hollenegg und Schrattenberg. Vor Allem aber zeichnet sieh 



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Fig. 161. Brück. Ziehbrunnen. 



Kugler, Gesch. d. Baukunst. V. 



38 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 595 

die Steiermark seit alten Zeiten durch ihre Eisenindustrie aus, 
die im Mittelalter und mehr noch in der Epoche der Kenaissance 
zu einer wahrhaft künstlerischen Durchbildung der Schlosser- 
und Schmiedearbeit geführt hat. Noch jetzt trifft man im ganzen 
Lande, nicht bloss in den Städten, sondern auch an schlichten 
Bauerhäusern zahlreiche Keste dieser charaktervollen Werke. 
Auch über die benachbarten Gebiete von Salzburg, Tirol und 
Oesterreich erstrecken sich diese schönen Arbeiten. Ein 'treff- 
liches Beispiel bietet der in Fig. 161 abgebildete Brunnen in 
Brück an der Mur. Trotz des späten Datums 1626 ist er in 
technischer Ausführung und stilvoller Behandlung den Werken 
der besten Zeit ebenbürtig. Man liest an ihm den Spruch: 

Ich Hans Prasser 

Trink lieber Wein als Wasser. 

Tränk ich das Wasser so gern als Wein, 

So könnt ich ein reicher Prasser sein. 

Mit diesem humoristischen Spruch hat wahrscheinlich der kunst- 
reiche Meister seinen Namen verewigen wollen. 

Mit dieser Blüthe des Kunsthandwerks contrastirt auch hier 
in auffallender Weise die Dürftigkeit der architektonischen Pro- 
duktion. Nur die Landeshauptstadt Graz scheint durch ansehn- 
lichere Werke der Renaissance sich auszuzeichnen. Der wich- 
tigste und an sich sehr bedeutende Bau ist das Landhaus, mit 
welchem Namen man in Oesterreich die für die ständische Ver- 
tretung errichteten Gebäude bezeichnet. Aber auch dieses Monu- 
ment trägt so entschieden das Gepräge italienischer Kunst, dass 
man es als Werk fremder und zwar oberitalienischer Meister 
bezeichnen muss. Die sehr ausgedehnte Facade, die über dem 
Dach von einem unbedeutenden Glockenturm überragt wird, ist 
im Erdgeschoss von einer Reihe thorartiger Oeffnungen durch- 
brochen, die wohl für Kaufläden bestimmt waren. Die beiden 
Hauptgeschosse haben gekuppelte Bogenfenster, paarweise durch 
antikisirendes Gebälk und Gesimse abgeschlossen. Dies ist völlig 
im Charakter der Paläste von Venedig und Verona. Ueber dem 
Hauptportal bildet sich eine selbdritt zusammengeschlossene 
Gruppe, die im zweiten Stock, wieder in venetianischer Weise, 
mit einem auf kräftigen Consolen ruhenden Balkon verbunden 
ist. Das oberste Geschoss hat kleine Mezzaninfenster. Im Uebri- 
gen ist die Facade ohne Gliederung, die Flächen verputzt, aber 
wohl ursprünglich bemalt. Das Hauptportal, von stark verjüngten 
kannelirten toskanischen Pilastern eingefasst und von kräftigem 
Consolensims bekrönt, zeigt in den Bogenzwi ekeln das Wappen- 
thier Steiermarks, den feuerspeienden Panther. Die Facade so- 

38* 



596 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

wie der ganze Kern des Baues ist im Charakter italienischer 
Hochrenaissance durchgeführt, edel und klar, , eben so frei von 
der spielenden Dekoration der Frühzeit wie von den entarteten 
Formen des Barocco. Nur an dem zweiten etwas einfacheren 
Bogenportal, an der linken südlichen Seite, sieht man gebrochene 
Giebel als Bekrönung. Ein weiterer Zusatz, von 1644 datirend, 
enthält ein prächtiges Portal in kräftig entwickelten Formen, 
flankirt von Nischen mit etwas manierirt bewegten Statuen. 
Prachtvolle Thürbeschläge und Klopfer, sowie schön componirte 
Gitter an den Fenstern zeugen von der Tüchtigkeit der kunst- 
reichen Schlosser und Schmiede. Am Fries über dem Portal 
sind die Wappen von fünf steirischen Adelsfamilien angebracht. 

Das Hauptstück des ganzen Baues ist aber der grosse Hof 
mit seinen edel durchgebildeten Pfeilerhallen, von denen Fig. 162 
eine Anschauung giebt. Durch einen grossen Flur mit Tonnen- 
gewölbe und Stichkappen auf dorischen Pilastern gelangt man 
in diesen Hof, der ein mächtiges Rechteck bildet, an der öst- 
lichen Frontseite von zehn Arkaden, an der nördlichen von 
fünfen eingefasst. In der nordwestlichen Ecke ist die Freitreppe 
angelegt, die in steigenden Arkaden zum Hauptgeschoss auf- 
wärts führt. Der westliche Flügel ist ein brillanter Rococobau, 
der den Ständesaal enthält. In der einspringenden Ecke an der 
Treppe liegt die Kapelle, ebenfalls ein späterer Kuppelbau. Der 
südliche Flügel endlich ist ein charakterloser moderner Zusatz. 
Der Hof erhält durch die in einfach edlem Dorismus italienischer 
Hochrenaissance durchgeführten Arkaden den Eindruck vorneh- 
mer Gediegenheit, die durch die Ausführung in trefflichem Qua- 
derbau gesteigert wird. Die Wasserspeier mit ihren Tragstangen 
sind kunstreich durchgeführt (vgl. Fig. 163). Auch die Wetter- 
fahne des Uhrthurms mit dem feuerspeienden Panther zeigt cha- 
raktervolle Behandlung. Die Haupttreppe zum Vorderbau führt 
im östlichen Flügel mit gerade gebrochenen Läufen ins obere 
Geschoss, wo sie auf kraftvoll behandelte Bogenportale mündet. 
Alles dies ist im Geist italienischer Kunst durchgeführt. 

Der sogenannte Rittersaal, der sich im westliehen Flügel 
neben dem Ständesaal hinzieht, ist ohne architektonische Bedeu- 
tung. Aus dem vorderen Hofe führt ein gewölbter Durchgang 
an der Westseite in einen einfacheren Nebenhof, dessen vier- 
eckige Fenster jedoch eine feine Einfassung im Charakter edler 
Hochrenaissance zeigen. Von hier gelangt man zur Rückseite 
des Gebäudes durch ein einfacheres, aber ebenfalls charaktervoll 
entwickeltes Bogenportal. Einen besondern Schmuck erhält der 
Haupthof durch den prächtigen Ziehbrunnen, eine der reichsten 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 



599 



und originellsten Metallarbeiten der Renaissance/ ganz aus Bronze 
mit fünf dekorirten Säulchen errichtet, die in einen prächtig 
ornanientirten Oberbau übergehen. Ranken und Blumen verbin- 
den sich darin mit Figürlichem zu reizvoller Wirkung (vgl. Fig. 164). 
Dicht bei dem Brunnen erinnert eine Tafel daran, dass der grosse 
Kepler von 1594 bis 1600 hier gelebt hat. 

Erwähnt man noch die jetzt zerstörten Theile der Burg und 
das kaum noch dieser Epoche angehörende Mausoleum Kaiser 
Ferdinands II, einen italienischen Kuppelbau in Barockformen, 
so hat man das Bemerkenswertheste der Renaissance in Graz 
erschöpft. Auch hier trifft man dieselben architektonischen Züge, 




Fig. 163. Wasserspeier vom Landhaus in Graz. 



welche fast allen Städten Oesterreichs gemeinsam sind: eine auf- 
fallende Aermlichkeit, soweit das Mittelalter oder die Renaissance 
in Frage kommen; erst in der späteren Barock- und Rococozeit 
eine reichere Entfaltung. So fehlt es auch hier nicht an statt- 
lichen palastartigen Gebäuden im italienischen Barockstil. In 
der älteren Zeit wird man auch hier sich meist mit Bemalung 
der Fagaden beholfen haben. Eine flott behandelte Fagade, frei- 
lich erst aus dem 18. Jahrhundert, sieht man noch in der Herren- 
gasse, dem Landhause schräg gegenüber. Mehrfach kommen 
polygone Erker an den Ecken vor, aber ohne architektonische 
Ausbildung. Neben dem Landhaus zeigt eine Fagade ein schlich- 
tes, aber charaktervolles Renaissanceportal. Der Hof dieses 



600 



III. Buch. Renaissance in Deutschland. 



Hauses, zu dem man durch einen gewölbten Flur gelangt, hat 
in drei Geschossen Arkaden von gedrückten Verhältnissen auf 
einfachen toskanischen Säulen. Mehrfach findet man namentlich 
in der Bürgergasse ähnlich behandelte Höfe; aber alles das ist 
von geringer Bedeutung. 




Fig. 164. Vom Brunnen im Landhaus zu Graz. 



Weiter südlich werden die Städte nur noch charakterloser 
und armseliger. So z. B. Marburg, dessen Profanbau ohne alle 
Bedeutung ist. Das Rathhaus hat zwar über dem Eingang 
einen Balkon mit Loggia vom Jahre 1565; aber die dünnen 
ionischen Säulchen sind wie das Ganze schwächlich und gering- 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 601 

fügig. Der Hof hat ebenfalls unbedeutende Arkaden auf toska- 
nischen Säulen. Dies Alles, sowie die Gliederung der in Stuck 
ausgeführten Facade, besonders auch die Einfassung der Fenster 
verräth den Einfluss von Graz, namentlich vom Landhause, aber 
auf einer provinziell verkümmerten, degradirten Stufe. Es scheint, 
dass in diesen Gegenden, wo man nicht im Stande war, ita- 
lienische Künstler herbeizuziehen, die eigne Schöpferkraft nicht 
ausreichte, bedeutendere Werke zu schaffen. Ein Portal an einem 
Hause der Postgasse, vom Jahre 1609, trägt denselben dürftigen 
Charakter, mag aber wegen seiner Inschrift hier eine Stelle 
finden, da der Bauherr sich darin verewigt hat: „Urban Munnich 
bin ich genant, in hohen teutschen Landen wol bekant, in der 
Schlesie bin ich geboren, zu Marburk hab' ich mein Bhausung 
erkoren, daselbs zu bleiben bis in mein tot, dazu helf mir der 
ewige Gott." 

Höhere künstlerische Ausbildung scheinen auch hier nur die 
Schlossbauten aufzuweisen. So namentlich die umfangreiche 
Riegersburg, welche die Gräfin Galler nicht blos als befestigte 
Burg, sondern auch als einen mit aller Pracht ausgestatteten 
Herrensitz durchführen Hess. In ähnlicher Weise erbauten die 
Fürsten von Eggen bürg ihr gleichnamiges Schloss bei Graz. 
Einzelne Theile aus dieser Zeit sollen noch an andern Herren- 
sitzen des Landes erhalten sein; so in Schrattenberg (Fresken 
und Oefen), Murau, Trautenfels, Negau und an der zum Ab- 
bruch bestimmten Burg Thalberg. Hier stammt ein Gebäude- 
flügel mit prächtigem Saal und Treppenhaus angeblich aus der 
Zeit des berühmten Siegmund von Dietrichstein, eines Freundes 
von Kaiser Max I. Dagegen scheint das kleine Schloss Felsen- 
berg in der Nähe des Lavanter Tobel bei Graz schon stark 
mit Barockformen gemischt zu sein. 

Was von kirchlichen Bauten dieser Zeit angehört, trägt durch- 
aus, wie das schon erwähnte Mausoleum in Graz, den Stempel 
italienischer Kunst. So die Kuppelkirchen des ehemaligen Chor- 
herrenstiftes Pöllau und des Benedictinerstiftes Oberburg, letz- 
tere auf den Substructionen der alten romanischen Basilika er- 
baut. So auch das Mausoleum Erzherzog Karls II in S eck au, 
ein verschwenderisch ausgestattetes Werk vom Jahre 1588, als 
dessen Künstler inschriftlich Theodorus Gysius und Alexander de 
Verdetz sich nennen. Ersterer offenbar ein Italiener. 



Noch mehr vereinzelt als in den übrigen Provinzen scheinen 
die Spuren der Renaissance in Kärnthen. Doch hat die Kunst- 



602 



III. Buch. Renaissance in Deutschland. 



liebe der Adelsgeschlechter, namentlich der Dietrichstein, Kheven- 
hiller, Ortenburg-Salamanca sich in manchen noch vorhandenen 
Denkmälern verewigt. Namentlich in den prächtigen Grabdenk- 
mälern der Stadtpfarrkirche zu Villach, besonders beachtens- 
werth das des schon oben genannten Siegmund von Dietrichstein 
und das prächtige Denkmal Georg's von Khevenhiller, der mit 




1* 9 e So 



Fig. 165. Vom Bruimengitter in Klagenfnrt. 



seinen beiden Frauen, zwei Söhnen und fünf Töchtern vor einem 
Crucifix kniet, 1580 von Ulrich Vogelsang aus rothem Marmor 
gearbeitet. Auch die marmorne Kanzel in derselben Kirche, 1 ">.">,*> 
vom Vicedom Georg Ulrich von Kynsberg gestiftet, und der 
ebenfalls aus weissem Marmor gearbeitete Taufstein, nicht min- 
der die Grabdenkmale in den Kirchen zu Wolfsberg, St. Leon- 
hard, Eberndorf, Millstadt und Friesach zeugen von einem 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 603 

lebhaften Betrieb der Bildhauerei. Eins der merkwürdigsten 
Werke der plastischen Kunst vom Ende dieser Epoche ist der 
grosse Brunnen auf dem Hauptplatz zu Klagenfurt, ein Her- 
kules mit der Keule, in einem grossen länglichen Bassin stehend 
und die Keule gegen einen riesigen wohl 24 Fuss langen Lind- 
wurm schwingend, der mit grosser Mühe aus einem einzigen 
Granitblock gehauen ist. Als das Werk vollendet war, wurde 
es von dreihundert Knaben, wie die Chroniken erzählen, 1 ) wie 
ein Palladium über die Villacherthorbrücke festlich geschmückt 
auf Walzen in die Stadt gezogen (1634). Von dem prächtigen 
Eisengitter, das die riesige Brunnenschaale einfasst, geben wir 
in Fig. 165 eine Probe. 

Neben der Blüthe der Kleinkünste und des Kunstgewerbes 
tritt auch hier die Architektur nur in vereinzelten Leistungen 
auf. Gleich zu Anfang der Epoche beginnt sie freilich mit einer 
der edelsten Schöpfungen, welche die Renaissance auf deutschem 
Boden aufzuweisen hat; aber es ist durchaus in Anlage und 
Durchführung das Werk italienischer Künstler und scheint im 
ganzen Lande vereinzelt geblieben zu sein. Ich meine das pracht- 
volle Schloss des Fürsten Porzia in Spital an der Drau, nach 
dem Zeugniss des Wappens am Portal ursprünglich von einem 
Grafen Ortenburg erbaut. Es gehört zu den grössten Ueberrasch- 
ungen, am Ausgang des unscheinbaren bedeutungslosen Fleckens' 
ein solches Prachtwerk edelster Frührenaissance zu finden. Das 
Schloss, ganz im Charakter italienischer Stadtpaläste angelegt, richtet 
seine nördliche Hauptfront gegen die Strasse und ist nach Westen 
und Süden von einem grossen parkartigen Garten umschlossen, 
der den Blick in die herrlichste Alpenlandschaft mit ihren weit- 
hingedehnten grünen Matten und den gewaltigen Gebirgslinien 
frei giebt. Inmitten dieser echt deutschen Hochgebirgslandschaft, 
in der man eher eine malerische mittelalterliche Burg erwarten 
sollte, wird man doppelt überrascht, eine völlig regelmässige ita- 
lienische Palastanlage zu finden. Nur an der nordwestlichen Ecke 
der runde Thurm, sowie ein ähnlicher an der südöstlichen Ecke 
gegen den Garten hin, der jedoch ein späterer Zusatz scheint, ver- 
treten nordische Anschauungen. Die Behandlung des Aeussern ist 
übrigens ziemlich einfach und prunklos, selbst an der Hauptfacade 
sind die Gliederungen und dekorativen Formen sparsam angewendet, 
die Flächen sogar durchweg verputzt, nur die architektonischen 
Glieder, die Pilaster sowie die Einfassungen der Fenster und Thüren 
aus dem feinen marmorartigen Kalkstein gebildet, der in der Gegend 



J ) Vgl. H. Hermann a. a. 0. II, 321, 



604 



III. Buch. Renaissance in Deutschland. 



bricht. Die Composition der Fagade ist nach italienischer Weise 
völlig symmetrisch, nur mit Ausnahme des an der nordwestlichen 
Ecke vorspringenden Thurmes ; die Fenster im Erdgeschoss wie in 
den beiden oberen Stockwerken einzeln in so weiten Abständen 
vertheilt, dass die grossen Mauerflächen sie ungewöhnlich klein 
erscheinen lassen. Nur über dem in der Mitte angebrachten 
Hauptportal schliessen sich die Fenster selbdritt loggienartig mit 






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Fig. 166. Spital. Fenster vom Palaste Porzia. 



Balkon zu einer Gruppe zusammen, wie es Fig. 166 zeigt. 1 ) 
Diese Anordnung, welche wir schon am Landhaus zu Graz fan- 
den, weist deutlich auf venezianische Vorbilder. Kurze Rahmen- 
pilaster mit feinen Kapitalen geben den einzelnen Stockwerken 



') Ich verdanke diese Abb. sowie die Grundrisse der Güte des Herrn 
Prof. H. von Ferstel, der den Bau durch die Architekturschule des 
Polytechn. hat aufnehmen lassen. 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 605 

eine Gliederung- und an den Ecken eine kräftige Umrahmung. 
Reicheren Schmuck hat nur das Portal erhalten, das von köst- 
lichen Ornamenten im Stile der feinsten venezianischen Früh- 
renaissance förmlich bedeckt ist. Die einfassenden vortretenden 
Säulen sind in spielender Weise nach unten korbartig ausge- 
baucht und mit Flechtwerk umwunden, eine kindliche Art von 
Charakteristik, deren erste Spuren in der Renaissance sich an 
Alberti's Meisterbau, S. Francesco zu Rimini nachweisen lassen. 
Das Wappen des Erbauers, von üppiger Ornamentik umgeben, 
krönt diesen prächtigen Portalbau. 

Die übrigen Theile des Aeussern sind ganz schlicht behan- 
delt. An der westlichen Seite tritt nur ein kleiner Rundthurm 
vor; die Südseite hat dagegen in der Mitte ein zierliches Portal, 
das in den Garten führt. Elegante korinthische Pilaster fassen 
es ein, an den Postamenten mit Flachreliefs geschmückt, Her- 
kules im Kampf mit dem Nemäischen Löwen, andrerseits mit 
Antäus darstellend. Auch diese Arbeiten, sowie in den Bogen- 
zwickeln die schwebenden Figuren mit Füllhörnern verrathen die 
Hand von Künstlern der lombardischen Schule, welche seit dem 
15. Jahrhundert die ganze Bildhauerei Oberitaliens bis nach Ve- 
nedig hinein beherrschten und hier wohl ihre nördlichste Ver- 
zweigung getrieben haben. 

Ein entschieden späterer Anbau ist das grosse Portal, wel- 
ches in derber dorischer Rustika neben der Ostseite des Palastes 
von aussen den Zugang zum Garten vermittelt, von einem 
schmalen Pf Örtchen begleitet. Eine prunkvolle Inschrift nennt 
Graf Johann von Ortenburg als Erbauer desselben. 

Tritt man durch das Hauptportal in's Innere des Schlosses, 
so enthüllt sich erst die ganze Bedeutsamkeit der Anlage. Man 
befindet sich in einem grossen von Arkaden umschlossenen Hofe, 
der den reichsten Palasthöfen Italiens nichts nachgiebt, ja durch 
die Anlage der Treppe und ihre Verbindung mit den Bogen- 
hallen an malerischem Reiz den meisten überlegen ist. Unsere 
Abbildung Fig. 167, nach einer Photographie ausgeführt, giebt 
die nordwestliche Ecke dieses schönen Hofes. Frei behandelte 
ionische Säulen nehmen im Erdgeschoss die Arkaden auf, wäh- 
rend korinthisirende kurzstämmige Stützen das Treppenhaus und 
die obern Arkaden tragen. Elegant durchbrochene Balustraden, 
von reichen Pfeilern rhythmisch getheilt, dienen der Treppe wie 
den oberen Arkadengängen als Einfassung. Ueberall in den Bogen- 
zwickeln, den Pilasterflächen, den Postamenten und Brüstungs- 
feldern ist zierliches Ornament in Ranken und Laubwerk, aber 
auch in figürlichen Reliefs, besonders in Medaillons mit Brust- 



606 



III. Buch. Renaissance in Deutschland. 



bildern reichlich angebracht. Giebt sich hier durchgängig die 
Feinheit italienischer Meisselführung und das volle Verständniss 
der Renaissanceformen zu erkennen, so fehlt es doch auch nicht 
an einzelnen provinziellen Wunderlichkeiten, wie z. B. die am 
Eckpfeiler der Eingangshalle als Kämpf ergesims durchgeführte 
Volute des ionischen Säulenkapitäls. Doch beeinträchtigen solche 
Einzelheiten nicht den Werth der im Uebrigen vortrefflichen Be- 




handlung. Zum höchsten Werth steigert sich diese an den zahl- 
reichen Thürgewänden, die bei den Haupträumen durchgängig 
aus weissem Marmor gearbeitet sind. Hier ist ein Reichthum der 
Erfindung, eine Schönheit der Ausführung, eine Anmuth in der 
Zeichnung der Blätter, Blumen und Ranken wie in den reichlich 
eingestreuten figürlichen Gebilden, dass man an die besten vene- 
zianischen Ornamentisten erinnert wird. 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 



607 



Die Anordnung* der Räume im Hauptgeschoss (vergl. die 
Grundrisse Fig. 168 — 169) folgt ebenfalls italienischer Tradition, 
wie ja schon die Anlage der Treppe und der Arkaden auf Ein- 
flüsse des Südens deutet. Den Hauptraum bildet der grosse 
längliche Saal über der Eingangshalle des Erdgeschosses, zu 
beiden Seiten stossen andere stattliche Räume an, während die 
privaten Wohn- und Schlafgemächer den westlichen und süd- 
lichen Flügel, also die Gartenseite mit den herrlichen Ausblicken 
in's Gebirge einnehmen. Alles ist klar und übersichtlich im 
Sinne italienischer Palastanlagen. Die Ausstattung der Räume, 







Halle im Erdgeschoss. 



Erster Stock. 



Fig. 168—169. Schloss Porzia in Spital. 

zwar würdig, ist jüngeren Datums. Von der ursprünglichen scheint 
nichts mehr vorhanden. 

Die Entstehung dieses edlen Baues darf mit aller Wahr- 
scheinlichkeit in die ersten Decennien des 16. Jahrhunderts 
gesetzt werden. Zwar habe ich keine Spur einer Jahreszahl an 
ihm entdecken können , aber die ganze Kunstweise deutet auf 
diese Zeit hin. Es ist offenbar eine der letzten Blüthen der Früh- 
renaissance Oberitaliens. Eine Bestätigung erhält diese Datirung 
durch ein der Hauptfront des Schlosses in einiger Entfernung 
gegenüberliegendes Gebäude, jetzt als Bezirksamt dienend, 
offenbar von derselben Herrschaft und zwar wahrscheinlich zu 



608 III- Buch. Renaissance in Deutschland. 

ähnlichem Zwecke erbaut. Es ist im Ganzen ein geringes Werk, 
nur an der einen Ecke durch einen polygonen Erkerthurm aus- 
gezeichnet, im Innern ohne alle Bedeutung, merkwürdigerweise 
aber durch ein köstliches Portal von weissem Marmor geschmückt, 
von dem man fast glauben möchte, es habe sich beim Schloss- 
bau als überflüssig herausgestellt und hier eine nachträgliche 
Verwendung gefunden. Ueber dem Portal sieht man das Wappen 
des Erbauers und die Jahrzahl MDXXXVII. Es wird wohl keinem 
Zweifel unterliegen, dass dies Nebengebäude erst nach dem Haupt- 
bau ausgeführt worden ist. Die architektonische Composition des 
letzteren klingt besonders darin an, dass in beiden oberen Ge- 
schossen die Hauptaxe über dem Portal durch paarweis gekuppelte 
Fenster markirt wird. 

Dass jener vornehme Prachtbau nicht umhin konnte, in 
seiner Umgebung einen gewissen Einfluss zu üben, erkennt man 
deutlich an mehreren Arkadenhöfen, freilich von sehr geringer 
Beschaffenheit, die sich in den besseren Häusern des Ortes 
befinden. 

Mit diesem einzelnen Meisterstück scheint die Frührenaissance 
in Kärnthen zu verstummen. Es kamen auch hier die Zeiten 
tiefer Erregung des religiösen Lebens. Das ganze Land, der 
Adel an der Spitze, warf sich der reformatorischen Bewegung in 
die Arme. Wir haben oben Beispiele davon gegeben, wie über- 
all auch hier in den Städten der Protestantismus zur Macht, ja 
fast zur Alleinherrschaft gelaugt war. Ohne Zweifel hätte diese 
geistige Erneuerung umgestaltend auf das ganze Leben gewirkt 
und auch die Kunst verjüngt. Aber nachdem noch der Statt- 
halter Johann Friedrich Hofmann, Freiherr auf Grünbüchel und 
Strechau, seit 1578 die neue Lehre aufs Kräftigste gefördert 
hatte, kam mit dem Kegierungsantritt des Fürstbischofs Ernst 
von Mangersdorf 1583 die Reaction zur Herrschaft, und in kurzer 
Frist wurde auch in Kärnthen der Katholicismus mit Gewalt der 
Waffen wiederhergestellt. 1 ) Wenn man auch zuerst gegen die 
Stände schonend verfuhr, so wurden doch auch diese endlich 
gezwungen katholisch zu werden, oder auszuwandern und ihre 
Güter confisciren zu lassen. Manche zogen, um ihrer Ueber- 
zeugung treu zu bleiben, letzteres vor, wie denn zwei Kheven- 
hiller ihr Heimathland verliessen und in schwedische Dienste 
traten. Unter diesen Verhältnissen konnte die Kunst unmöglich 
gedeihen, und wir werden uns nicht wundern, dass selbst die 
Landeshauptstadt Klagenfurt in architektonischer Hinsicht einen 



*) Genaueres bei H. Hermann a. a. 0. II, 208 ff. 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 609 

kläglich nichtssagenden Eindruck macht. Kein einziges Ge- 
bäude zeugt hier von höherer künstlerischer Bedeutung. Das 
Landhaus, wo man noch am meisten erwarten sollte, ist ein 
später Bau mit charakterloser Facade. Nur der Hof zeigt eine 
gewisse Stattlichkeit der Anlage. Er ist hufeisenförmig mit zwei 
den Vorderbau flankirenden, nach rückwärts vorspringenden 
Flügeln angelegt. Jeder derselben endet in einem hohen Thurni 
mit oberer Galerie und Zopfhaube. Offne Arkaden auf tos- 
kanischen Säulen von rothem Marmor bilden in dem obern Stock- 
werk eine Galerie, zu welcher in beiden Flügeln Freitreppen 
unter ähnlichen Arkaden hinaufführen. Der Zugang zu den 
Treppen liegt in den Thürmen, deren Erdgeschoss deshalb eine 
offene Halle auf Pfeilern bildet. So originell und malerisch diese 
Anlage ist, so unbedeutend und gering erscheint die Formen- 
sprache, in welcher sie sich ausdrückt. Die Balustrade an der 
Treppe und der oberen Galerie zeigt übrigens dieselbe italienische 
Form, wie im Schloss zu Spital, nur ohne feinere Durchbildung. 
Der Hauptraum im oberen Stock ist ein grosser Prachtsaal, 
mit marmornem Fussboden und Kamin, an den Wänden sämmt- 
liche Wappen des kärntnischen Adels gemalt. An der Decke 
ein grosses Freskobild, auf welchem in einer perspectivisch 
gemalten Halle Kaiser Karl VI die Huldigung empfängt. Aehn- 
lich ist die Ausstattung des „Kleinen Wappensaales", dessen 
Decke tüchtige allegorische Fresken zeigt. Die ganze malerische 
Ausstattung hat laut inschriftlichem Zeugniss Joseph Ferdinand 
Fromiler 1740 ausgeführt.' Von den Gemälden, mit welchen 
ein Meister Plumthal 1580 das Landhaus schmückte, 1 ) ist nichts 
erhalten. 

Schwache Versuche, die Sprache der Renaissance zu reden, 
findet man sodann am Rathhause. Die Facade indess ist auch 
hier dürftig, nur das Portal zeigt die Motive der gleichzeitigen 
Bauten von Graz. Es ist sogar mit Halbsäulen eingefasst, die 
gern korinthisiren möchteu, aber es nicht ganz dazu bringen. 
Doch sind die Löwenköpfe an den Postamenten, das Blattwerk 
in den Bogenzwickeln, das Rahmenprofil der Pilaster und der 
Archivolte mit den runden Schilden bei aller Dürftigkeit charakte- 
ristische Zeugnisse der Epoche. Im Innern führt ein gewölbter 
Flur zu einem quadratischen Hofe, der mit seinen Arkaden einen 
ganz italienischen Eindruck macht. Im Erdgeschoss ruhen die 
Bögen auf weit gestellten toskanischen Säulen; in den oberen 
beiden Stockwerken ist eine doppelte Anzahl von Arkaden durch 



') Vgl. Hermann a. a. 0. 

Kugler , Gesch. d. Baukunst. V. 39 



610 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Anordnimg von Säulen in den Intercolumnien erreicht. Aber die 
Formen sind hier ganz kunstlos, die Behandlung, ohne Kenntniss 
bestimmter Ordnungen, völlig roh. Man sieht wieder wie 
gering in diesen Gegenden, sobald man auf italienische Künst- 
ler verzichten musste, die selbständigen Leistungen ausfallen. 
Auch die mehrfach an Privathäusern, z. B. in der Burgstrasse, 
vorkommenden Arkadenhöfe verrathen dieselbe kunstlose Be- 
schaffenheit. 

Um so auffallender ist ein vereinzeltes Bruchstück, das sich 
in einem Privatgarten der St. Veiter Vorstadt, im ehemaligen 
Ebner'schen, jetzt Woodley'schen Garten vorfindet. Man hat das- 
selbe als antiken Cippus betrachtet und unter die römischen 
Alterthümer Kärnthens aufnehmen zu dürfen geglaubt. ') Es zeigt 
in der That auf den vier Seiten Thaten des Herakles in flachem 
Relief, auf gekörntem Grunde, in einer Behandlung, die sich 
namentlich durch den Wurf der Gewänder, durch die conven- 
tionelle perückenartige Darstellung der zweimal vorkommenden 
Löwenmähne, endlich durch die ganze Auffassung der mensch- 
lichen Gestalt deutlich als Werk oberitalienischer Bildhauer der 
Frührenaissance verräth. Der Kenner jener Kunstrichtung kann 
keinen Augenblick in Zweifel sein, hier Geistesverwandte jener 
Sculpturen vor sich zu haben, mit welchen die italienische Plastik 
gern das Aeussere ihrer Gebäude geschmückt hat. Die nächste 
Analogie bieten gewisse Reliefs an der Facade der Capeila Col- 
leoni zu Bergamo. 2 ) Könnte aber noch ein Zweifel bleiben, so 
würden die architektonischen Formen denselben zum Schweigen 
bringen, denn das krönende Gesims mit dem Karnies, welches 
den Stein umzieht, gehört der Renaissance; noch mehr aber die 
Reliefnachahmung einer Geländerdocke, wie sie nur an den 
Balustraden der Renaissance vorkommt. Man sieht dieselbe an 
der einen Seite, wo Herkules seinen Arm um sie legt; ein un- 
widersprechlicher Beweis, dass wir es hier mit dem Theil des 
Geländers [einer Treppe oder Galerie zu thun haben, wie sie 
genau in derselben Form im Schlosse zu Spital vorkommen. 
Da nun vollends dort am Portal der Gartenseite die Postamente 
der Pilaster gleichfalls mit Herkulesdarstellungen in demselben 
Stile geschmückt sind, so liegt die Vermuthung nah, dass das 
Fragment in Klagenfurt ursprünglich ebenso zur Ausstattung 
jenes Schlosses bestimmt gewesen, dann aber irgendwie Lieber 
verschleppt worden sei. 

') Mich. F. v. Jabornegg- Altenfels, Kämten's röm. Alterthümer. p, 145 
u. Taf. CCCLXIX. — 2 ) Vgl. darüber W. Lübke, Gesch. der Plastik. 
IL Aufl. p. 574. 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 611 

Erinnern wir nun noch an den oben bereits erwähnten 
Brunnen auf dem Hauptplatz, so ist die spärliche Auslese er- 
schöpft. Nur eines stattlichen, reich durchgeführten Brunnens 
in Friesach hätten wir etwa noch Erwähnung zu thun; doch 
ist derselbe in Nachahmung italienischer Werke mehr plastisch 
als architektonisch bedeutend. Ein achteckiges Becken bildet 
den Wasserbehälter, an den Flächen mit mythologischen Reliefs, 
an den einfassenden Pilastern mit Renaissance -Ornamenten ge- 
schmückt. Aus der Mitte des Beckens erhebt sich ein mit bärtigen 
Atlanten dekorirter Pfeiler, welcher eine schön profilirte Schaale 
trägt; dann folgt ein zweiter, mit spielenden Putten dekorirter 
Pfeiler, auf welchem die obere Schaale ruht. Diese endlich wird 
von einer zierlichen Bronzegruppe bekrönt. Das Ganze eine 
opulente Arbeit, die indess wohl nicht ohne italienischen Beistand 
hergestellt worden ist. 



Tirol und Salzburg. 

Tirol ist von allen deutschen Ländern vielleicht dasjenige, 
welches von jeher in nächster und lebendigster Verbindung mit 
Italien gestanden hat. Hier ist das deutsche Volksthum über 
den höchsten Kamm der Gebirge wie ein Keil weit südwärts 
in's Wälsche vorgedrungen. Eine der lebhaftesten Handels- 
strassen zog seit alten Zeiten über die tirolischen Gebirgspässe, 
namentlich den Brenner, nach dem Süden, um die Verbindung 
mit Venedig aufzusuchen und dadurch den ganzen Handels- 
verkehr mit der Levante dem deutschen Binnenlande zu ver- 
mitteln. Im künstlerischen Leben hat sich durch diese Ver- 
hältnisse ein Hin- und Her wogen des deutschen und des 
italienischen Einflusses herausgebildet. Jenseits des Brenner 
kann man diesem interessanten Prozess auf Schritt und Tritt 
nachgehen. Wie mannichfach sind in Brixen und Bozen die 
italienischen Motive mit den deutschen gekreuzt! Genau so wie 
in den Bergformen und der Vegetation deutsches Alpengebiet 
sich mit dem Charakter, den Formen und den Produkten des 
Südens mischt. Erst in Trient hat dann Italien völlig den Sieg 
davon getragen, und Land und Leute, Sprache und Gesittung, 
Kunst und Kultur gestalten sich völlig im Sinne des Südens. 

Der Ort, wo jene Kreuzung und Mischung der beiden Kul- 
turen am lebhaftesten zu Tage tritt, ist Bozen. Unverkennbar 
spricht sich dies in dem monumentalen Hauptbau der Stadt noch 
am Ende des Mittelalters aus. Die Pfarrkirche zeigt schon in 

39* 



612 III. Buch Die Renaissance in Deutschland. 

dem grossen lastenden Dach, das die drei gleich hohen Schiffe, 
offenbar nach dem Vorbilde von Sanct Stephan in Wien, bedeckt, 
noch mehr aber in der durchbrochenen Spitze ihres Glocken- 
thurmes die deutsche Tendenz; ebenso ist der polygone Chor 
mit dem Umgang* ein nordischer Gedanke. Aber die isolirte 
Stellung des Thurmes, die breite Form jenes Umganges, dem- 
jenigen am Dom zu Mailand nicht unähnlich, noch mehr das 
Hauptportal mit dem Vorbau auf marmornen Löwen, im Innern 
ferner die weite quadratische Stellung der Pfeiler und die dem 
Komanischen verwandte Bildung der Stützen sowie der Gewölb- 
gurte, das Alles sind Umgestaltungen in italienischem Sinn. 
Kein Wunder, dass hier die ausgebildete Eenaissance sehr zeitig, 
und zwar in der Form venezianischer Kunst auftritt, Dies ge- 
schieht an dem schönen Marmore pitaph des Ambrosius Wirsung 
vom Jahre 1513, welches man aussen an der Nordseite der Kirche 
sieht. Der knieende Verstorbene, der durch die Madonna dem 
mit Dornenkrone und Kuthe dastehenden Erlöser empfohlen wird, 
darüber im Bogenfelde der segnende Gottvater, ist nach Com- 
position und Formgebung ein in Stein übersetzter Giovanni 
Bellini. Ist hier ohne Zweifel die Hand eines italienischen 
Meisters zu erkennen, so zeugen dagegen die Flachreliefs der 
Thürflügel des Hauptportals vom Jahre 1521 in ihren schweren 
ungeschickten Formen wahrscheinlich die Hand eines deutschen 
Bildschnitzers, der in Italien die Renaissance kennen gelernt hatte. 
Der Privatbau der Stadt bietet nichts künstlerisch Hervor- 
ragendes; aber die Anlage der Häuser ist im Allgemeinen be- 
achtenswerth, weil man demselben Compromiss zwischen nor- 
discher und südlicher Sitte begegnet. Die häufig angebrachten 
polygonen Erker, einfach oder doppelt die Facade belebend oder 
an den Ecken hervortretend, zeugen von deutscher Gewohnheit; 
wie aber das Klima in dem eng umschlossenen Bergkessel schon 
südlich ist, so gehören die schmalen Strassen, die Arkadenreihen, 
die überhängenden Dächer italienischem Brauche an. Vorzüglich 
charakteristisch sind die engen völlig gewölbten Flure und die 
schmalen Lichthöfe, in welchen die steinerne Treppe angelegt 
ist. In den stattlicheren Häusern bilden sich diese Lichthöfe zu 
grossen reich erleuchteten Hallen aus, an deren Umfassuni: -s- 
wänden die steinernen Treppen freitragend emporgeführt sind. 
Nach aussen markiren sich diese Mittelpunkte der Hausanlage 
durch hohe Dachhauben, die das unmittelbare Aufprallen der 
Sonne aufhalten und doch durch grosse Seitenfenster Licht und 
Luft zur Genüge einlassen. Eins der stattlichsten Beispiele bietet 
der Gasthof zur Kaiserkrone. Die Anlage ist in der That aus 




Fig. 170. Wohnhans in Brixen. (Weysser.) 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 615 

den lokalen klimatischen Verhältnissen mit Notwendigkeit her- 
vorgegangen. 

Zeigt Bozen in seinen belebten engen Gassen und dicht ge- 
drängten Häusern die Handelsstadt, so prägt sich die geistliche 
Eesidenz in dem stillen, von Klöstern und Kirchen erfüllten 
Brixen aus. Der Privatbau ist im Ganzen ohne feinere Durch- 
bildung. An der hohen Fac^ade vertreten die häufig vorkommen- 
den polygonen Erker deutsche Sitte; aber die überhängenden 
Dächer, die Balkone vor den Fenstern und mehr noch die viel- 
fach angewendeten steil aufsteigenden Zinnenkrönungen — an 
die kastellartigen Adelspaläste Verona's und andrer italienischer 
Städte erinnernd — gehören dem Süden. Vielfach müssen auch 
Malereien, ebenfalls nach dem Vorbilde der benachbarten Städte 
Oberitaliens, ursprünglich die Facaden belebt haben. Ein hübsches 
Beispiel vom J. 1642, graue decorative Fresken, Putti mit Guir- 
landen, musicirende Kinder, Festons mit lustig flatternden Bändern, 
sieht man an einem Hause auf dem linken Flussufer bei der 
Brücke. Auch die Schmiedekunst hat sich in den Eisengittern 
der Balkone manriichfach erprobt. Künstlerisch durchgebildet 
findet man den Typus dieses Privatbaues an einem stattlichen, 
der Nordseite der Pfarrkirche gegenüberliegenden Privathaus 
(Fig. 170). Die verputzten Flächen zeigen mehrfach Spuren 
grauer dekorativer Malereien, Fruchtschnüre mit flatternden Bän- 
dern. Mit ihnen muss der rothe Stein der Pfeiler, Gesimse und 
Fenstereinfassungen trefflich contrastirt haben. Im Innern bildet 
sich ein grosser Flur, dessen Kreuzgewölbe auf mittelalterlichen 
Säulen mit schlanken Blattkapitälen ruhen. Von hier steigt die 
ebenfalls gewölbte steinerne Treppe mit kräftiger Balustrade 
empor. Neben ihr bleibt ein schmaler Gang frei, der zu dem 
überaus engen Hofe führt, dieser auf der einen Seite durch eine 
vorgekragte Galerie, die oben von rohen Säulen aufgenommen 
wird, noch mehr eingeengt. Es ist die Anlage, welche fast über- 
all hier wiederkehrt. 

Der geistliche Charakter der bischöflichen Eesidenz spricht 
sich vor Allem in den zahlreichen Kirchen aus. Der Dom mit 
seinem Zubehör bildet ein ganzes Conglomerat kirchlicher Ge- 
bäude, künstlerisch nicht eben erheblich, für unsre Betrachtung 
ohne Werth. Doch mag daran erinnert werden, dass der über- 
aus reiche Freskenschmuck der romanischen Kreuzgänge wieder 
auf südliche Einflüsse deutet. Die Architektur dagegen scheint 
hier in keiner Epoche höhere künstlerische Durchbildung er- 
fahren zu haben. Dies gilt auch von dem stattlichsten Gebäude, 
dem südwestlich vom Dom liegenden Bischöflichen Palast. 



616 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Es ist ein grosses Viereck, von einem tiefen breiten Graben um- 
zogen, an der südöstlichen und südwestlichen Ecke thurmartig 
erhöht. Im Innern gruppirt sich das Ganze um einen mächtigen 
Arkadenhof, dessen Pfeiler und Bögen ohne feinere Ausbildung 
doch durch die stattlichen Verhältnisse imponirend wirken. Dazu 
kommt noch in den Nischen der breiten Pfeiler der Schmuck 
zahlreicher Statuen von Kaisern, Rittern und Bischöfen in be- 
wegter Haltung, stark an die Standbilder der Innsbrucker Hof- 
kirche erinnernd, aber nicht in Metall sondern in trefflichen 
Terracotten ausgeführt. Die Zeit der Entstehung wird durch die 
Jahreszahl 1645, die man in einer Platte des Fussbodens liest, 
bezeichnet. Die Stuckdekoration des hintern Flügels aber und 
der dort aufgesetzte kleine Thurm sowie das Portal daselbst wird 
durch die Jahrzahl 1707 einer späteren Zeit zugewiesen. 

Diesseits des Brenner ist Innsbruck schon früh der Sitz 
eines regen künstlerischen Lebens und ein Ausgangspunkt der 
Renaissance gewesen. Wie Kaiser Maximilian durch seine künst- 
lerischen Unternehmungen, vor Allem durch sein Grabmal und 
die damit zusammenhängenden Werke die Kunst gefördert hat, 
ist anderwärts genügend erörtert worden. Seine Giesserei in 
Mühlau hat Werke von hoher technischer Vollendung geschaffen, 
und seine Harnischmacher waren weithin berühmt, so dass sie 
selbst an den prachtliebenden französischen Hof berufen wurden. 
Wie früh hier die Renaissance zur Aufnahme kam, erkennt man 
auch an der Altartafel Meister Sebastian Scheets, die aus' der 
Schlosskapelle von Annaberg im Vintschgau kürzlich in das Mu- 
seum von Innsbruck gelangt ist. 1 ) 

Die Architektur der Epoche hat zunächst in der Francis- 
kaner- oder Hofkirche ein würdiges Gehäuse für das Grab- 
denkmal des kunstliebenden Kaisers geschaffen. Laut der Bau- 
inschrift von Maximilian gegründet, wurde sie von Ferdinand I 
errichtet und von Leopold I weiter ausgeschmückt. Schlanke 
Säulen einer reich verzierten ionischen Ordnung mit ornamen- 
tirtem Hals tragen kühn und leicht die gleich hohen Gewölbe der 
drei Schiffe. Die Struktur deutet auf die Zeit Ferdinands I, nur 
die barocken Stuckornamente der Gewölbe sammt andren ähn- 
lichen Dekorationen gehören der späteren Zeit. Zum Schönsten 
seiner Art muss man das ganz prachtvolle, reichvergoldete in 
Blumen und Figuren auslaufende Eisengitter rechnen, welches 
das Kenotaphium des Kaisers umgiebt. Nicht minder werthvoll 



') Uebcr alles Dies haben die archivalischen Forschungen Dt Schön- 
herr's umfassende Aufschlüsse gebracht. 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 617 

ist das ähnlich behandelte Gitter an der zur silbernen Kapelle 
führenden Treppe. Am Denkmal selbst fallen die schwarzen 
Marmorpilaster mit dem eleganten frei im Stil der Frührenaissance 
gebildeten Volutenkapitäle und Rahmenschäften auf. Die Inschrift- 
schilde zeigen Einfassungen von aufgerollten Voluten und anderen 
Formen des beginnenden Barocco. Das Portal der Kirche mit 
seiner Vorhalle trägt das Gepräge der Frührenaissance. Der 
links anstossende Kreuzgang mit seinen schlichten dorisirenden 
Pfeilern von rothem Marmor, den Wandpilastern und mehreren 
einfach behandelten Portalen gehört der ausgebildeten Renais- 
sance an. 

Im Uebrigen bietet die Stadt nicht viel für unsre Betrachtung. 
Das Postgebäude mit seinen ungemein grotesken, hochoriginellen 
Masken im Hauptgesims ist ein Bau des reich ausgeprägten 
Barockstils. Dasselbe gilt von dem Landschaftshaus, das 
mit den gewaltigen elephantenmässigen verjüngten Pilastern am 
Portal, über welchen sich der Balkon aufbaut, eine imposante 
Wirkung macht. 

Reichere Spuren der Kunstpflege dieser Zeit bewahrt die 
berühmte Burg Ambras, die so herrlich von ihrer Felsenhöhe 
auf das grossartige Gebirgsthal niederschaut. Als Kaiser Fer- 
dinand I 1563 längere Zeit in Innsbruck verweilte, schenkte er 
wahrscheinlich damals seinem gleichnamigen Sohne Schloss und 
Herrschaft Ambras, welche dieser dann im folgenden Jahre seiner 
geliebten Gemahlin Philippine Welser übertrug. 1 ) Das war die 
Glanzepoche der Burg. Damals wurde sie aus einer mittelalter- 
lichen Veste zu einem glänzenden Fürstensitze umgeschaffen und 
sah jene herrlichen Sammlungen in ihren Räumen entstehen und 
sich mehren, von denen jetzt nach ihrer Uebertragung in die 
Hauptstadt des Reiches nur noch geringe Ueberbleibsel auf ur- 
sprünglicher Stelle zeugen. Der architektonische Charakter der 
vorhandenen Gebäude beweist, dass damals eine durchgreifende 
Umgestaltung vorgenommen wurde. Schon in der Vorburg zeigt 
der Hof Arkaden auf toskanischen Säulen, welche dieser Zeit 
angehören. Im innern Burghofe wird, statt einer reicheren archi- 
tektonischen Ausbildung, durch grau in grau gemalte Fresken 
ein heiteres Bild entfaltet. Unten sieht man facettirte Quadern, 
oben gemalte Nischen mit Figuren von Tugenden, dann den 
Triumph des Reichthums, Judiths Sieg über Holofernes, sowie 
die Scene aus den Gesta Romanorum, wie die Söhne nach der 
Leiche des Vaters schiessen. Die Arbeiten sind von mittlerem 



f ) Buchholtz, Ferdin. I. Bd. VIII. S. 725. 



61 g III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Wertli aber von guter Gesammtwirkung. Von den inneren Bäumen 
ist die Kapelle noch gothisch mit Sterngewölbe, die Empore für 
die Herrschaft auf stämmiger Mittelsäule ruhend, die Apsis poly- 
gen, das Ganze renovirt. Die alte Orgel zeigt prächtig eingelegte 
Arbeit und Malereien. Gegenüber der Kapelle liegt das Bad mit 
einem hübschen Vorzimmer, dessen reich profilirte Decke gleich 
dem untern Theil der Wände aus Holzgetäfel besteht. Die oberen 
Wandflächen waren mit arg zerstörten Fresken geschmückt, welche 
heitere Badescenen enthielten. Ueber der Thür die Jahrzahl 1 567, 
die wohl für die ganze Ausstattung maassgebend ist. 

In den oberen Räumen sind sowohl im ersten wie im zweiten 
Stock die Zimmer grossentheils noch mit ihrem Täfelwerk an 
den Decken und mehrfach an den Wänden versehen. Diese 
Arbeiten sind einfach und gut, aber nicht sehr reich oder kraft- 
voll. Nur ein Schlafzimmer zeigt eine ungemein reichgeschnitzte 
und eingelegte Decke. Auch der Speisesaal hat eine durch ihre 
perspektivische Eintheilung interessante Täfelung. Von der Aus- 
stattung sind manche tüchtig gearbeitete Schränke, Schreibtische, 
Kunstschreine, Schmuckkästen u. dergl. erhalten; Manches aber 
ist auch erst neuerdings dazu gefügt worden. Das Wichtigste 
ist eine ganze Reihe alter glasirter Oefen, zum Theil mit 
plastischem Schmuck, von grossem Reichthum, durchweg indess 
schon in den derben Barockformen des 17. Jahrhunderts aus- 
geführt. Auch ein gusseiserner Ofen derselben Zeit mit biblischen 
Relief darstellungen ist erhalten. Diese Arbeiten, die wohl sicher 
im Lande entstanden sind, zeugen von der langandauernden 
Blüthe und künstlerischen Ausbildung des Handwerks. 

Von den zahlreichen Schlössern des Landes 1 ) ist Manches 
zerstört, das Meiste übrigens in Anlage und Ausführung mittel- 
alterlich. Charakteristisch ist bei diesen Werken die hohe Vor- 
liebe für Freskodekoration. So in umfassendster Weise die be- 
rühmten Wandgemälde auf Schloss Runk eist ein bei Bozen, 
ferner im Schloss Reifenstein bei Sterzing, im Schloss Brück 
bei Lienz, im alten Schloss Meran u. s. w. Aus der Zeit der 
Renaissance enthielt Schloss Marienburg bei Völlau bis vor 
Kurzem mehrere mythologische Darstellungen. Reich ausgestattet 
und mit werthvollen Schätzen des Alterthums geschmückt ist 
Schloss Tratzberg, durch seinen kunstsinnigen Besitzer würdig 
hergestellt. Ein völlig erhaltenes Prachtwerk der Renaissance 
ist Schloss Welthurns bei Brixen, das von 1580 bis 1587 vom 



*) Manche wcrthvollc Notizen in zwei Aufsätzen der Beil. zur All: 
Ztg. 186S. Nr. 305 u. 331. 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 619 

Fürstbischof Freiherrn von Spaur als Sommerresidenz erbaut 
wurde. Die prächtigen Täfelungen des Fürstensaales sollen zu 
den schönsten in Deutschland zählen. Fresken und Sgraffiten sind 
überall im Lande noch in zahlreichen Resten vorhanden. Unter 
vielen anderen ist Schloss Ehren bürg unterhalb Brunecken ein 
Beispiel reicher Sgrafiitodekoration. 

Kaum eine andere Stadt diesseits der Alpen giebt sich so 
bestimmt und machtvoll als geistliche Residenz zu erkennen, wie 
Salzburg. Zugleich machen die hohen Häuser mit ihren kahlen 
Fa^aden, den flachen oder wenig geneigten Dächern, die engen 
Strassen, die weiten Plätze mit ihren pomphaften Brunnen und 
Monumenten einen so völlig südlichen Eindruck, als sei ein Stück 
Italien in Deutschland zur Erde gefallen. Alle Kunstübung ist 
hier von jeher eine geistliche gewesen. Von der Thätigkeit im 
frühen Mittelalter zeugen noch trotz mancher Zerstörungen die 
Kreuzgänge auf dem Nonnberge mit ihren Wandgemälden, die 
Kirchen zu St. Peter und zu den Franziskanern. Die Gothik 
dagegen hat auch hier keine erhebliche Blüthe getrieben und die 
Renaissance geht fast leer aus. Der Dom ist eine mächtige aber 
doch schon nüchterne Nachbildung der Peterskirche zu Rom; 
die anstossenden Paläste sind vollends trotz ihrer Grösse ohne 
Interesse. Malerisch zeigt sich die Anlage des Kirchhofs bei 
St. Peter, eins der wenigen in Deutschland vorhandenen Beispiele 
eines von Arkaden umschlossenen Friedhofes, wie Italien sie liebt. 
Die Bögen ruhen auf toskanischen Säulen, zwischen welchen 
Rustikapfeiler eingeschoben sind, die einzelnen Arkaden durch 
eiserne Gitter 'zu besonderen Kapellen abgeschlossen, die archi- 
tektonischen Formen indess nüchtern und ohne Feinheit. Aehn- 
lich der Kirchhof bei S. Sebastian, von welchem wir oben unter 
Fig. 153 ein Grabkreuz mittheilten. 

Das Werthvollste sind einige treffliche Eisenarbeiten, na- 
mentlich das schöne Gitter im Hauptportal der Residenz; mehrere 
treffliche Eisengitter in der Franziskanerkirche, das schönste 
rechts vom Eingang an der Kapelle des 'h. Antonius von Padua. 
Auch die Einfassung des Brunnens auf dem Marktplatze ist 
beachtenswerth (Fig. 171). 

Das Merkwürdigste bleibt immer der gewaltige Bau der 
Veste Höhen-Salzburg, die schon von fern mit ihren horizon- 
talen, terrassenförmig aufgethürmten Massen der Landschaft eine 
grandiose Krönung und zugleich ein südliches Gepräge verleiht. 
Aber der ganze Bau sammt der immer noch reichen plastischen 
Ausstattung, den getäfelten Zimmerdecken und verschlungenen 



620 



III. Buch. Renaissance in Deutschland. 



Netzgewölben, obwohl er im Wesentlichen dem Anfang des 16. 
Jahrhunderts gehört, ist noch völlig mittelalterlich in gothischem 




Stile durchgeführt. Erzbischof Leonhard hat gegen Ausgang des 
15. Jahrhunderts ihn begonnen, und in energischer Ballführung 
zu Ende gebracht. Ich wüsste keinen zweiten Bau in ganz 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 621 

Deutschland, der mit solcher Pünktlichkeit durch zahlreiche aus- 
führliche Inschriften — ich habe deren gegen ein Dutzend ver- 
zeichnet — über den Fortgang der Bauführung Bericht gäbe. 
Das früheste Datum ist 1496, das späteste an dem colossalen 
Grabstein des Erzbischofs an der Südseite der Kapelle 1515. 
Aber auch hier sind alle Formen noch gothisch, und das Figür- 
liche zeugt von deutschen Künstlerhänden. Auch der unvergleich- 
liche vielfarbig glasirte Ofen im Speisesaal, eins der grössten 
und schönsten Prachtstücke seiner Art, zugleich der früheste mir 
bekannte, da er die Jahrzahl 1501 trägt, ist im Aufbau, den 
Ornamenten und den figürlichen Reliefs noch völlig mittelalterlich. 
Man sieht also, dass hier die italienische Renaissance, die damals 
überall in Oesterreich schon einzudringen begann, noch völlig 
unbekannt war. Eine selbständige Blüthe scheint ihr überhaupt 
in Salzburg auch später nicht zu Theil geworden zu sein. 



Böhmen und Mähren. 

Von allen übrigen Oesterreichischen Ländern unterscheidet 
sich im Verlauf der künstlerischen Entwicklung das Königreich 
Böhmen. Schon früh nimmt es auch politisch eine gesonderte 
Stellung ein und weiss seine Selbständigkeit am längsten zu 
behaupten. Durch vielfache Beziehungen zu den benachbarten 
deutschen Gebieten gewinnt seine Kultur bereits im Mittelalter 
manch kräftigen Impuls, 'am wirksamsten unter Karl IV (1346 
bis 1378) durch die Verbindung mit der Lausitz, der Oberpfalz 
und den Brandenburgischen Marken. Die Hussitische Bewegung 
liefert den Beweis wie früh der Volksgeist hier zur kirchlichen 
Reform und Vertiefung des religiösen Lebens drängte; aber der 
durch Kaiser Sigismunds schroffe Maassregeln herbeigeführte 
Hussitenkrieg (1419 bis 1435) knickt die Blüthe des Landes und 
legt einen grossen Theil prächtiger Denkmäler in Asche. Dennoch 
ist genug übrig geblieben um zu beweisen, dass das Land während 
der letzten Zeiten des Mittelalters die /durch französische und 
deutsche Meister hereingetragene gothische Kunst mit lebendiger 
Theilnahme aufgenommen und selbständig ausgebildet hat. Wenn 
auch nicht grade durch besondere Feinheit und harmonische Durch- 
bildung, zeichnen sich doch die Werke der böhmischen Gothik 
durch manchen originellen Zug, durch kühne Constructionen, wie 
an der Karlskirche zu Prag, durch üppige Dekorationslust, wie 
an den Chören des Domes zu Prag und der Kirche zu Kutten- 
berg, endlich durch eine gewisse malerische Phantastik, wie an 



622 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

den zahlreichen kirchlichen und profanen Thurmbauten mit ihren 
Spitzen aus. Unter Georg Podiebrad (1458 bis 1471) erholte sich 
das Land allmählich von seinen Leiden, und sein Nachfolger 
Wladislav, mit dem Beinamen der Gute (1471 bis 1516) weiss 
die öfter ausbrechenden Unruhen mit glücklicher Hand zu dämpfen 
und dem Lande dauernde Ruhe zurück zu geben. Obwohl er 
auch die ungarische Krone erlangte und dadurch veranlasst wurde 
seine Residenz nach Ofen zu verlegen, unterliess er doch nicht 
in Böhmen zahlreiche Bauten auszuführen, wie sie durch den 
Zustand des Landes erfordert wurden. Denn noch lagen nicht 
blos die meisten Kirchen, Klöster und Burgen, sondern selbst 
ganze Städte wie Kuttenberg, Beneschau, Aussig, Prachatiz in 
Ruinen, so dass eine Fülle von Aufgaben der Wiederherstellung 
und des Neubaues sich drängten. So begann eine rege Bau- 
tätigkeit, bei welcher ein einheimischer Meister Benedikt (Benesch) 
von Laun die rechte Hand des Königs gewesen zu sein scheint. l ) 
Benedikt war offenbar ein begabter vielerfahrener Künstler. 
Noch in gothischer Schule aufgewachsen, handhabt er nicht blos 
in seinen zahlreichen Kirchenbauten den spätgothischen Stil mit 
Freiheit und Anmuth, sondern legt ihn auch seinen Profanwerken 
zu Grunde, nicht ohne gewisse Formen der Renaissance ein- 
zumischen. Solche finden sich am Krönungssaal des Hradschin, 
und wie es scheint auch im Rittersaal der Burg Pürglitz bei 
Rakonitz, welche ebenfalls unter Wladislav erbaut wurde. Durch 
Meister Benedikts Vorgang wird also die Renaissance in Böhmen 
eingeführt, und zwar in jener naiven Mischung mit den Formen 
des Mittelalters, wie sie die meisten Provinzen Deutschlands 
zeigen, während die österreichischen Gebiete sie kaum anderswo 
kennen. 

In der Selbständigkeit, mit welcher hier die verschiedenen 
künstlerischen Elemente der Zeit einander zu einem eigenthüm- 
lichen Stile durchdringen, dürfen wir wohl eine Einwirkung des 
durch den Hussitismus gesteigerten geistigen Lebens erkennen. 
Als unter Ferdinand I Böhmen und Ungarn mit Oesterreich ver- 
bunden wurden, begann für diese Länder die gleiche Reihen- 
folge schwerer Verhängnisse, welche im gesanimten Habsburgi- 
schen Länderbesitz alles höhere geistige Leben erstickten. Wie 
nach der Schlacht am Weissen Berge grade in Böhmen die 
Freiheit des religiösen Bekenntnisses in Strömen Bluts ersäuft 
und durch das liebevolle Bündniss von Staat und Kirche, von 



') Ueber diesen Meister vgl. den Aufsatz von B. Grueber in der 
Zeitschr. des Böhm. Archit.- Vereins. 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 623 

Dragonern und Jesuiten das Papstthum wieder hergestellt wurde, 
ist bekannt genug. Für das künstlerische Leben ist bei ober- 
flächlicher Betrachtung dies furchtbare Schicksal hier minder 
störend gewesen; hat doch sogar Mertens in einem übrigens 
geistvoll geschriebenen Aufsatz über Prag und seine Baukunst 1 ) 
die spätere Zeit des 17. Jahrhunderts als solche gerühmt, „wo 
das monarchische System seine grössten Segnungen entwickelte", 
während die Zeiten des Hussitismus und Protestantismus 'nach 
seiner Ansicht „weit zurück stehen gegen diejenigen, zu denen 
das Restitutionsedikt hinführte." Ich vermag diese Ansicht nicht 
zu theilen. Ich lasse mich durch die gewaltigen Prachtbauten, 
mit welchen die Barockzeit grade Prag so imposant geschmückt 
hat, nicht blenden. So grosse künstlerische Kräfte hier thätig 
waren, so kommt in diesen Werken doch nichts Anderes zu 
Tage als die schwere und doch freudlose Pracht jenes späten 
Barockstils, der gleichsam auf den Fittichen des Jesuitismus von 
Rom aus die ganze katholische Welt eroberte und den geistlichen 
und weltlichen Palästen jener Zeit dasselbe Gepräge einer frem- 
den Kunst aufdrückte, die nicht mehr von den frischen Quellen 
des Volksgeistes getränkt wird. Grade Böhmen zeigt trotz so 
vieler Zerstörung noch jetzt eine bedeutende Zahl von Denk- 
mälern der Renaissance, die in den Tagen des Hussitismus ent- 
standen sind. In ihnen erkennen wir denselben Prozess der An- 
eignung, Umbildung und Verschmelzung der fremden Formen, 
den wir in den meisten Gebieten Deutschlands, namentlich den 
protestantischen antreffen. Auch hier das Anschmiegen an heimische 
Sitte und Ueberlieferung, das naive Vermischen antiker Formen 
mit denen des Mittelalters, kurz überall die Frische eines selb- 
ständigen Bingens und Schaffens. Daraus entwickelt sich dann 
in den späteren Decennien des 16. Jahrhunderts eine ähnlich 
kräftige, wenn auch schon vom Barockstil angehauchte Renais- 
sance wie in Deutschland. Ganz unvermittelt stehen daneben 
einige künstlerische Unternehmungen der Habsburgischen Herr- 
scher des Landes. Vor Allem das Belvedere Ferdinands I und 
die künstlerischen Schöpfungen Rudolphs H. Zu diesen werden 
fremde Meister, namentlich Italiener berufen, die in der That 
einige Musterwerke edelster Renaissance, vor Allem jenes köst- 
liche Juwel des Belvedere, hinstellen. Aber es sind fremde 
Enclaven, Blüthen einer ausländischen Kunst, die keinen Ein- 
fluss auf das Schaffen der heimischen Meister gewinnen. 



') In Fürster's Allg. Bauzeit. 1845. p. 15 ff. 



624 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Prag. 

Die alte stolze Hauptstadt Böhmens in ihrer herrlichen Lage 
und der Fülle von Monumenten bietet eins der grossartigsten 
Städtebilder der Welt. *) Auf Schritt und Tritt bedeutende histori- 
sche Erinnerungen weckend, prägt sie ihre wechselnden Geschicke 
in Monumenten aus. Die erste künstlerische Gestalt wurde ihr 
von Karl IV gegeben. Er begann den Dom auf der Höhe des 
Hradschin, erbaute die Moldaubrücke, die Karlshoferkirche mit 
ihrem kühnen Gewölbe, die Emmauskirche, die Hungermauer, 
die mit ihren grossen Linien noch jetzt so wirksam hervortritt. 
Er gründete endlich die Neustadt mit dem grossen Viehmarkte, 
als erstes Beispiel einer planvoll regelmässigen Stadtanlage des 
Mittelalters. Dem wissenschaftlichen Leben wurde durch die 
Stiftung der Universität ein bedeutender Mittelpunkt gegeben. 
Georg Podiebrad vervollständigte die Befestigungen, indem er 
den Altstädter Brückenthurm und den Pulverthurm errichtete. 
Zum Andenken an seine erste Gemahlin baute er in der Nähe 
das 'Jagdschloss zum Stern, das noch jetzt vorhanden ist. Die 
mittelalterlichen Monumente der Stadt geben in ihrer Mannig- 
faltigkeit ein lebendiges Bild von dem reichen künstlerischen 
Leben, das hier geblüht und das in Architektur, Skulptur und 
Malerei wetteifernd eine solche Fülle von kirchlichen und Pro- 
fanwerken hervorgebracht, wie keine andere Stadt in den öster- 
reichischen Landen aufzuweisen vermag. 

Die Einführung der Renaissance vollzieht sich unter Wladislav. 
Zwar sind auch seine Bauten im Wesentlichen noch mittelalter- 
lich, in Anlage, Construction und Detailbildung noch überwiegend 
gothisch; ja in kirchlichen Bauten, und selbst in gewissen Pro- 
fanwerken, wie dem altern Belvedere im Baumgarten, das seit 
1484 errichtet wurde, lässt sich keinerlei Abweichung von der 
gothischen Tradition bemerken. Wohl aber treten Elemente der 
Renaissance, freilich noch vereinzelt in den Bauten auf, welche 
bald darauf durch Meister Benedikt von Laun an der Königlichen 
Burg zur Ausführung kamen. Den wichtigsten Theil bildet der 
gewaltige Krönungssaal (Fig. 172), ein Raum von 170 Fuss Länge 
bei 54 Fuss Breite und 45 Fuss Höhe. Schon in den Reise- 
beschreibungen des 16. Jahrhunderts wird diese herrliche ge- 
wölbte Halle bewundert und gepriesen. In der That ist sie von 
grossartiger Wirkung, namentlich das in ganzer Breite ohne 
Stützen ausgespannte Netzgewölbe mit seinen verschlungenen 

') Vgl. den oben citirten Aufsatz von Mortons. 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 



625 



Rippen, iii fünf Jochen den Raum bedeckend, reich und kühn. 
Man sieht daran die Vorliebe des Architekten für kunstreiche 
Combinationen, in denen die spätgothischen Meister zu wett- 
eifern suchten. Eine gewisse Schwerfälligkeit der Detailbildung 
hält man gern zu Gute, und die beschränkte Höhenentwicklung 
lässt man als gemeinsamen Zug der damaligen Baukunst des 
Nordens sich gefallen. Am Aeussern treten an der Nordseite 
ungemein elegante Strebepfeiler, an der Südseite Säulen hervor. 




172. Wladislavsaal in der Burg zu Prag. 



Am merkwürdigsten sind die Fenster, paarweise mit Pilastern 
einer korinthisirenden Ordnung und mit entsprechendem Gebälk 
umrahmt. Man würde sie für spätere Zusätze halten, wenn man 
nicht am Architrav die Jahrzahl 1493 und die Inschrift Wladislav 
rex Ungarie Bohemie läse, wodurch sie als gleichzeitig verbürgt 
sind. Der Saal muss also als das früheste datirte Bauwerk mit 
Renaissanceformen diesseits der Alpen bezeichnet werden. Dass 
man darum doch nicht auf zwei verschiedene Meister zu schliessen 
braucht, liegt auf der Hand. Wir haben vielmehr in Meister 



Kugler, Gesch. d. Baukunst. 



40 



626 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Benedikt von Laun einen jener Künstler, welche neben der 
gothischen Ueberlieferung, in der sie aufgewachsen waren, sich 
die Kenntniss der italienischen Kenaissanceformen zu verschaffen 
gewusst. 1 ) In den anstossenden, aus derselben Zeit herrühren- 
den Gemächern sieht man ähnliche Netzgewölbe, dagegen fehlt 
der übrige Theil der ursprünglichen Ausstattung. Aus diesem 
Flügel des Palastes wurde ein Bogengang in das südliche Neben- 
schiff des Domes geführt, wo Wladislav sich durch denselben 
Meister ein Oratorium herstellen liess, dessen Stirnseite mit reich 
verschlungenem Astwerk in spätgothischem Stil geschmückt ist. 
Man sieht also, dass bei Meister Benedikt trotz einzelner .Re- 
naissancemotive die gothische Kunst noch vorherrscht. 

Die volle italienische Renaissance tritt erst in dem Belvedere 
Ferdinands I, hier aber freilich mit einem Werk ersten Ranges 
auf. Ferdinand I begann 1534 mit dem Bau einer Brücke über 
den Hirschgraben 2 ) und der Anlage eines Lustgartens auf der 
weithinschauenden Höhe, welche sich nördlich vom Hradschin 
erstreckt. Unvergleichlich herrlich ist von hier aus der Blick 
auf den tiefen von der Moldau durchströmten Thalkessel, welcher 
bis auf die umgebenden Höhen von der gewaltigen Stadt mit 
ihren Palästen, Kirchen, Kuppeln und Thürmen erfüllt wird. 
Seit 1536 wurde hier das Belvedere erbaut, nach den Plänen 
des aus Italien herbeigerufenen Paul clella Stella, der beim Kaiser 
in hoher Gunst stand und die Leitung des Ganzen hatte. Unter 
ihm finden wir die Italiener Hans de Spaüo und Zoan Maria, sowie 
einen Deutschen Hans Trost, der ohne Zweifel in Italien sich 
mit der Renaissance vertraut gemacht hatte. 3 ) Wöchentlich wurden 
250 Rheinische Gulden auf den Bau verwendet, der namentlich 
im Jahre 1538 energisch geführt und bis zur Einwölbung des 
Erdgeschosses gebracht wurde. Dann trat eine Ebbe in der 
Kasse ein; die italienischen Arbeiter wurden widerspänstig und 
Hans de Spatio drohte sogar nach Italien zurükzukehren. Mit 
Mühe wurden sie zufrieden gestellt, so dass der Bau fortgeführt 
werden konnte und wahrscheinlich 1539 die Einwölbung beendigt 



*) Dem gegenüber muss ich freilich bemerken, dass Grueber auf 
Grund genauer Untersuchungen die Gleichzeitigkeit der Fenster mit der 
übrigen Composition in Abrede stellt. Sollte Bich diese Annahme bestä- 
tigen, — wobei freilich die Inschrift immer schweren Anstoss geben wird 

— so wäre doch spätestens an die Zeit Ferdinands I zu denken, unter 
welchem Herstellungsbauten an der Burg stattfanden. — ~) Vgl den Auf- 
satz in Förster's Allg. Bauz. 1838. S. 345 ff. u. die Taff. CCXXXI1— Cl'XXXY. 

— 3 ) Wie es sich mit dem bei Dlabacz, Künstler-Lex., als Erbauer des 
Belvedere genannten „Ferrabosco von Lagno* verhält, weiss ich nicht 
anzugeben. 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 629 

war. Als 1541 ein Brand die Stadt verheerte, musste man die 
Meister zur Herstellung der Burg und der Schlosskirche verwenden. 
Damals mögen gewisse Renaissancedetails am Hradschin, nament- 
lich auch am Wladislavsaal ausgeführt worden sein. Nur Stella 
führte mit zwei Gehülfen die Arbeit an den Reliefs fort, für 
deren jedes er zehn Kronen begehrte, was dem Kaiser zu viel 
erschien, so dass ein Urtheil von Sachverständigen erfordert 
wurde. Stella setzte sodann den Bau allein fort, der indess 
1546 wegen Geldmangels und dringender anderer Arbeiten ein- 
gestellt werden musste. 1556 wird die Arbeit wieder auf- 
genommen, wobei auch die Kupferbedachung zur Ausführung 
kommt; aber erst 1558 wird die Eindeckung des bis dahin offen- 
gestandenen Gebäudes vollendet. Hans Haidler aus Iglau führte 
das Dach aus. 1560 arbeitet man an der Pflasterung des Cor- 
ridors, aber erst unter Rudolph II wird die innere Ausstattung 
vollendet, 1589 z. B. der Fussboden der Säle mit Regensburger 
Marmor belegt. 

Das Gebäude (vgl. Fig. 173) war nur als ein Lusthaus, als Garten- 
pavillon angelegt, die Morgenseite gegen die Stadt, die Abend- 
seite gegen den Garten gerichtet,, um die herrlichen Blicke auf 
die Stadt zu geniessen und in reiner Luft, von Gartenanlagen 
mit Springbrunnen umgeben, sich an schönen sommerlichen 
Abenden der Kühle zu erfreuen. Deshalb umziehen Arkaden 
auf luftigen Säulen das Erdgeschoss, das im Innern kühle Räume 
mit Spiegelgewölben und . die Treppe zum oberen Stock enthält. 
Von der ursprünglichen Ausstattung des Innern ist keine Spur 
erhalten, die Treppenanlage durch modernen Umbau verändert. 
Das obere Stockwerk, welches zwar erst ziemlich spät aus- 
geführt, aber im ursprünglichen Plane begründet ist, besteht 
aus einem Festsaal, rings von einem freien Umgang, der über 
den Arkaden des Erdgeschosses sich hinzieht, umgeben. Der 
Bau hat in der Bestimmung und der Anlage Verwandtschaft mit 
dem um einige Decennien jüngeren ehemaligen Lusthause in 
Stuttgart, nur dass dort der untere Raun> als Bassinhalle aus- 
gebildet war. Im Uebrigen ist es von Interesse zu vergleichen, 
wie weit in der künstlerischen Auffassung die Renaissance ge- 
schulter Italiener von derjenigen eines deutschen Meisters jener 
Zeit abweicht. Statt der malerischen Mannigfaltigkeit in der 
Anlage des Stuttgarter Lusthauses mit seinen Freitreppen und 
Erkern, seinen Thürmen und hohen schmuckreichen Giebeln, 
die den Arkaden bei kleinem Massstab nur eine untergeordnete 
Bedeutung lassen, beherrscht bei dem Prager Belvedere die gross- 
artige Säulenhalle mit ihren vornehmen Verhältnissen den Ein- 



630 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

druck des Ganzen und verleiht demselben das Gepräge klassischer 
Ruhe. Auch darin zeigt sich ein durchgreifender Unterschied, 
dass in Stuttgart die Aufgänge zum oberen Geschoss als Frei- 
treppen aussen angebracht waren, wodurch der ganze obere 
Raum als grossartiger Saal sich gestaltete, während beim Bel- 
vedere die Treppe (die übrigens in neuerer Zeit umgestaltet 
worden) im Innern angebracht war und zwar so, dass auf der 
einen Seite ein gesondertes Gemach, auf der andern der grössere 
Saal angeordnet wurde. Dadurch musste letzterer in seiner Längen- 
ausdehnung beträchtlich eingeschränkt werden. 

Die Formen sind am ganzen Bau von einer Durchbildung, 
die Verhältnisse von einer Anmuth, wie sie nur die italienische 
Renaissance in ihren vollendetsten Schöpfungen erreicht. Die 
umgebende Halle bildet eine Art Peripteros von 6 zu 14 schlanken 
Säulen einer reichen ionischen Ordnung, an deren Kapitalen die 
Embleme des goldenen Vliesses zu geistvoller Verwendung ge- 
kommen sind. Auch die Stylobate der Säulen haben Reliefs, 
welche mit einer ferneren Anspielung auf jenes Ordensemblem 
ihre Gegenstände der Argonautensage entlehnen. Eine geschlossene 
Brüstungsmauer, nur vor den Eingängen durchbrochen, verbindet 
dieselben, in der Mitte jedes Intercolumniums durch einen mit 
Putten geschmückten Pilaster getheilt. Auch in den Bogenzwickeln 
sind antike Reliefscenen dargestellt, im Fries endlich die herr- 
lichsten Akanthusranken angebracht. Dies Alles ist in fein- 
körnigem Sandstein mit einer Zartheit und Vollendung aus- 
gearbeitet, wie man sie sonst nur in den Marmorbauten Italiens 
findet. Dazu kommt, dass alle architektonischen Glieder im 
Geist der edelsten italienischen Hochrenaissance wie von Bra- 
mante oder Peruzzi durchgebildet sind. Das gilt namentlich 
auch von den eleganten Consolen, auf welchen die Gesimse der 
Fenster und Thüren ruhen, sow r ie von dem durchbrochenen Gitter 
der oberen Terrasse, einem Virtuosenstück des Meisseis. Im 
Uebrigen ist das obere Geschoss einfacher behandelt, was nicht 
einer späteren Entstehung, wie man wohl geglaubt hat, zu- 
geschrieben, sondern als wohlberechtigte künstlerische Absicht 
erkannt werden muss, da die Säulenhalle des unteren Geschosses 
den ganzen Nachdruck der architektonischen Conception erschöpft, 
und die mit schlichten Fenstern und Nischen in dorischem Stil 
belebte Oberwand sich dem Auge fast völlig entzieht. Interessant 
sind als Werke deutscher Kunst die schönen Eisenarbeiten der 
Wasserspeier. Im Innern zeigen die unteren Säle flache Spieirel- 
gewölbe, deren Zwickel auf äusserst eleganten Consolen ruhen. 
Der Saal des oberen Geschosses hat dagegen ein Tonnengewölbe 




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Fig. 174. Brunnen zu Prag. 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 633 

mit leichten Rippen, das auch nach aussen mit seiner charakte- 
ristischen Form und der Kupferbedeckung sich geltend macht. 
Ohne Frage haben dabei die grossen Säle der Basiliken von 
Padua und Vicenza als Muster vorgeschwebt. Wie sehr die- 
selben die damaligen Architekten interessirt haben, erfuhren wir 
schon durch die Aufzeichnungen Schickhardts. Die Wände des 
oberen Saales werden durch Rahmenpilaster getheilt, deren zart 
gebildete, frei korinthisirende Laubkapitäle das Gebälk tragen, 
an dessen Fries der Doppeladler als Ornament wiederkehrt. Im 
Uebrigen ist von der ursprünglichen Ausstattung des Innern nichts 
mehr erhalten; die modernen Fresken vermögen dieselbe nicht 
zu ersetzen. 

Von ebenbürtigem Adel der Formen ist der Springbrunnen, 
welcher der Gartenfront dieses Lusthauses gegenüber errichtet 
wurde. Dies geschah freilich erst 1565, 4 ) ein Jahr nach Fer- 
dinande Tode, und zwar wird als Verfertiger ein einheimischer 
Künstler, der kaiserliche Büchsenmeister Thoman Jarosch genannt; 
die Figuren goss der von den Arbeiten in Innsbruck her bekannte 
Gregor Löffler. 1 ) Es wird wohl weitaus der edelste Renaissance- 
brunnen diesseits der Alpen sein (Fig. 174). Auf prächtig phan- 
tastischen Figuren ruht die schön geriefte Schaale, mit einem 
Relieffries von Masken und Palmetten gerändert. Aus ihr erhebt 
sich ein kraftvoller Ständer, nach der Sitte der Zeit mit Figuren 
umkleidet, deren Bewegung stark ins Malerische fällt. Der obere 
Theil des Ständers, durch edle Gliederung und anmuthige Orna- 
mente ausgezeichnet, träg't die obere Schaale, die wieder mit 
überaus elegantem Reliefschmuck bedeckt ist. Die Krönung des 
Ganzen bildet ein Putto, der auf einem Jagdhorn bläst. Reich - 
thum der Ausstattung verbindet sich mit rhythmisch bewegtem 
Aufbau und edler Gliederung zu trefflichster Wirkung. Bezeich- 
nend, dass es einheimische Künstler waren, die ein so edles 
Werk im Geiste echter Renaissance zu schaffen vermochten. 1 ) 

Um dieselbe Zeit Hess Ferdinand I am Jagdschloss zum 
Stern durch zwei italienische Steinmetzen gewisse Arbeiten vor- 
nehmen. Georg Podiebrad hatte 1459 das Schloss im Thiergarten 
bei Prag, etwa eine Stunde westlich von der Stadt, am nord- 
westlichen Abhänge des Weissen Berges, erbauen lassen, wobei 
er demselben, zur Erinnerung an seine erste Gemahlin Kunigunde 



') Die histor. Daten in Förter's Bauzeit, a. a. 0. und dazu eine Abb. 
Eine neuere treffliche Aufnahme in den Blättern der Wiener Bauschule. — 
2 ) So wird wohl zu lesen sein und nicht Georg, wie unsere Quelle angiebt. 
— 3 ) Unsere Abb. ist nach der von der Wiener Bauschule veröffentlichten 
schönen Aufnahme angefertigt. ■ 



634 HL Buch. Renaissance in Deutschland. 

von Sternberg, die auffallende Form eines sechsstrahligen Sternes 
geben Hess. Ferdinand I legte hier einen Thiergarten an und 
umfriedete denselben mit einer hohen Mauer. Im Innern des 
Schlosses Hess er reiche Stuckdekorationen ausführen, zu denen 
er die uns schon bekannten Italiener Paul della Stella, Hans de 
Spatio und dazu angeblich einen Meister Ferrabosco di Lagno ver- 
wandte. Zugleich wurden mehrere einheimische Maler beauftragt, 
die Sääle mit Gemälden zu schmücken. Das obere Stockwerk er- 
hielt damals Fussböden von glasirten Backsteinen, und das Gebäude 
wurde mit einem Kupferdach gedeckt, an welchem man noch 1565 
zu arbeiten hatte. Auch Rudolph II sorgte für weitere Vervoll- 
ständigung des künstlerischen Schmuckes. Wiederholt wurden 
in dem glänzend hergerichteten Lustschloss Festlichkeiten ver- 
anstaltet, namentlich Bankete bei Anwesenheit fremder fürstlicher 
Gäste abgehalten. Im Stern war es auch, wo der unglückliche 
Winterkönig am 31. October 1619 feierlich von den Vornehmen 
des Landes empfangen wurde, und von wo er seinen Einzug in 
die Königsstadt hielt. Während des dreissigjährigen Krieges 
hatte das Schloss viel zu leiden, und büsste u. a. sein ganzes 
Kupferdach ein; aber unter Ferdinand III wurde eine aber- 
malige Renovation vorgenommen, und Leopold I Hess das Innere 
neuerdings mit Gemälden schmücken. Aber unter Joseph II ward 
der Prachtbau zum Pulvermagazin herabgewürdigt, welcher Be- 
stimmung er jetzt noch dient. Nur 1866 während der preussischen 
Invasion erlebte der Bau für kurze Zeit bessere Tage, denn beim 
schleunigen Zurückweichen der Truppen nahm die Stadtgemeinde 
das Schloss in Beschlag und entfernte daraus die zum Hohn auf 
seine künstlerische Bedeutung und zu beständig drohender Gefahr 
für die ganze Umgebung darin niedergelegten Pulvermassen. Da- 
mals strömte Alt und Jung herbei, um sich an den immer noch 
reichen Ueberresten ehemaliger Pracht im Innern zu erfreuen, 
und ein kunstsinniger Architekt benutzte die nur zu kurze Frist, 
um von den Stuckreliefs Zeichnungen und Abgüsse herzustellen. l ) 
Sogleich mit dem Frieden nahm die Militärverwaltung das Ge- 
bäude wieder in ihre Hand und gab es seiner unwürdigen und 
gefährlichen Bestimmung zurück. Vergeblich sind bis jetzt alle 
Vorstellungen von Freunden der Kunst und des Alterthums ge- 
wesen, dies hochoriginale Bauwerk, ein Unicum seltenster Art, 



') Herr Emil Hofmeister in Prag hat sich in anerkennenswerther 
Weise dieser Mühe unterzogen. Ihm verdanke ieli nicht bloss Abgttase 
der Reliefs, sondern auch die hier mitgetheilton (Grundrisse und einen mit 
Sachkenntniss geschriebenen Aufsatz, auf welchem meine Darstellung be- 
ruht. Vgl. dazu Centr. Comm. Mitth. ISO 7 u. 1868. 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 



635 



seiner schmachvollen Verunglimpfung- zu entreissen. Dennoch 
muss unablässig diese Forderung wiederholt werden, um ein 
geschichtlich und künstlerisch bedeutsames Monument zu retten. 
Die Anlage des merkwürdigen Baues ist aus den beigefügten 
Grundrissen Fig. 175. 176 leicht zu verstehen. Hier nur einige 
nothwendige Erläuterungen. Der äussere Eindruck ist gegen- 
wärtig nach allen Beraubungen und Verunstaltungen ein wüster, 




Fig. 175. Schloss Stern bei Prag. Erdgeschoss. 



abstossender, höchstens durch die bizarre Form die Aufmerk- 
samkeit erregend. Die kahlen hohen Mauern, welche in sechs 
scharfen Kanten zusammen stossen, lassen jede Verzierung und 
Gliederung, ja sogar die Gesimse vermissen. Dies war freilich 
die ursprüngliche Absicht des Baumeisters; aber die ehemaligen 
Fenster, die jetzt bis auf schmale doppelt vergitterte Oeffnungen 
vermauert sind, müssen doch einen freundlicheren Anblick ge- 
währt haben. Auch war ohne Frage das ursprüngliche Kupfer- 



636 HI- Buch. Renaissance in Deutschland. 

dach ansprechender als das jetzige schwere Ziegeldach, mit der 
Unzahl von Blitzableitern. Indess lag von Anbeginn der Nach- 
druck auf der künstlerischen Ausstattung des Innern. Höchst 
originell ist wie man sieht die Anordnung des Grundrisses. 
Ueber einem Kellergeschoss erheben sich drei obere Stockwerke, 
von denen das erste als Hauptgeschoss behandelt und dekorirt 
ist. Man kann sich die Grundform des Gebäudes aus zwei gleich- 
seitigen einander durchdringenden Dreiecken entstanden denken. 
Der Durchmesser beträgt von Spitze zu Spitze 124 Fuss, und 
die Entfernung je zwei benachbarter Spitzen von einander ent- 
spricht dem halben Durchmesser. Im Kellergeschoss, Fig. 175, 
bildet den Mittelpunkt ein kreisförmiger Raum mit niedrigem 
Kuppelgewölbe, die Wandflächen von sechs einfachen kleineren 
Nischen und sechs radialen Durchgängen belebt, welche die Ver- 
bindung mit dem ringförmigen Umgang vermitteln. In den Spitzen 
des Sternes sind kleinere Räume angebracht, die durch Ab- 
schneiden der Dreieckspitzen die Form eines ungleichseitigen 
Sechsecks erhalten haben. Diese Räume stehen ebenfalls mit 
dem ringförmigen Gange in Verbindung. Sie empfingen ehemals 
durch zwei Fenster ein genügendes Licht; dagegen erhielt der 
centrale Kuppelraum nur durch die vier Fenster des äusseren 
Ganges, und zwar mittelst der in die Axe desselben gestellten 
Eingänge ein secundäres Licht. In einer der sechs Sternspitzen 
ist das sehr primitive Treppenhaus angelegt. Die Höhe der 
durchgängig gewölbten Räume beträgt 12 Fuss. In höchst be- 
merkenswerther Weise unterscheidet sich das obere Geschoss 
(Fig. 176). Sein Treppenhaus umschliesst in dem inneren Kern 
eine kleinere Wendelstiege, und ist überhaupt geräumiger und 
stattlicher angelegt. Der Unterschied, des ganzen Grundplans 
von dem des unteren Geschosses beruht aber darauf, dass ein 
mittlerer hochgewölbter zwölfeckiger Kuppelraum von 24 Fuss 
Durchmesser und 18 Fuss Scheitelhöhe strahlenförmig sechs breite 
Corridore von sich ausgehen lässt, die in der Umfassungsmauer 
auf Fenster münden und dadurch dem Centralraume ein freilich 
gedämpftes secundäres Licht zuführen. Zwischen diesen Corri- 
doren bilden sich in den Sternspitzen rautenförmige Säle, welche 
durch Abschneiden der beiden spitzen Winkel ein ungleichseiti- 
ges Sechseck werden. Sie stehen durch weite Thüröffnungen 
mittelst der Corridore unter einander und mit dem Hauptsaale 
in Verbindung. In den abgestumpften Ecken sind diese Säle. 
deren Längendurchmesser 33 Fuss bei 23 Fuss Breite enthält, 
mit kleinen Wandnischen ausgestattet, die mit polirten Marmor- 
platten bekleidet sind und ohne Zweifel für Büsten oder Statuen 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 



63' 



bestimmt waren. Von den Marmorplatten des Fussbodens sind 
nur geringe Reste erhalten; völlig verschwunden ist die künst- 
lerische Bekleidung der Wände ; dagegen sind sämmtliche Stuck- 
dekorationen der gewölbten Decken im Mittelraum, den Corri- 
doren und den fünf Ecksälen noch vollständig erhalten. Durch 
die wahrhaft geniale Eintheilung, die in jedem Räume neue Mo- 
tive anwendet, sich nirgends wiederholt, mit dem feinsten Zug 




I 1 I i 



Fig. 176. Schloss Stern bei Prag. ErsteixStock. 

architektonischer Linien unerschöpflichen Reichthum der Phantasie 
und meisterhafte technische Ausführung verbindet, gehören diese 
Werke unbedingt zu den grössten Schätzen der Renaissance- 
dekoration diesseits der Alpen. Nur bei den Corridoren herrscht 
in der Eintheilung der Felder das Gesetz rhythmischer Wieder- 
kehr, so dass der zweite dem vierten und sechsten entspricht 
der dritte dem fünften und nur der erste als Eingang eine ge- 
sonderte Behandlung zeigt. In die zart umrahmten und geglie- 



638 HI- Buch. Renaissance in Deutschland. 

derten Felder sind Rosetten, Laubwerk und Masken geschickt 
vertheilt; den Mittelpunkt der Dekoration jedes Raumes bildet 
aber eine mythologische Figur, die jedesmal in einem organischen 
Zusammenhange mit der übrigen Dekoration steht und dieselbe 
in sinnvoller Weise beherrscht. In der Ausführung dieser Werke 
waltet jene geniale Leichtigkeit des Skizzirens aus freier Hand, 
wie wir sie in antiken Dekorationen und dann wieder in den 
besten Werken der italienischen Renaissance finden. Es wird 
wohl keinem Zweifel unterliegen, dass diese Arbeiten auf Italiener 
zurückzuführen sind. Wenn man ohne Weiteres annimmt, dass 
dieselben aus der Zeit Ferdinands I stammen, so kann ich weder 
unbedingt bejahen noch verneinen, da die jetzige Verwendung 
des Gebäudes eine Untersuchung unmöglich macht. Bemerken 
muss ich jedoch, dass die Proben, welche ich in Abgüssen ge- 
sehen habe, eher auf die Zeit Rudolphs II zu deuten schienen. 

Dass neben diesen kaiserlichen Bauten bald auch der hohe 
Adel zu künstlerischen Unternehmungen schritt, erkennt man an 
dem stattlichen Palast Schwarzenberg auf dem Hradschin, 
einem Bau vom Jahre 1545. Zwei im rechten Winkel zusammen- 
stossende Flügel bilden den Hauptbau. Die hohen Giebel sind 
derb und breit geschweift, die Gesimslinie des Daches wird durch 
eine Reihe kleinerer vorgesetzter Giebel in Volutenform bekrönt. 
Dies ist ein den slavischen Gegenden eigentümliches Motiv, das 
sich z. B. am Rathhause zu Brüx und der Tuchhalle zu Kr a kau 
wiederfindet. Die ganzen Flächen des Palastes sind übrigens 
verputzt und mit Sgraffiten, meist facettirten Quadern, aber auch 
freiem Ornament dekorirt. Schon hier also ist keine Einwirkung 
der italienischen Arbeiten vom Belvedere zu spüren. 

Aber auch an städtischen Bauten kommt .die Renaissance 
bald zur Verwendung. So sieht man am Altstädtischen Rath- 
haus, einem im Wesentlichen gothischen Bau, über dem rund- 
bogigen Doppelportal eine Fenstergruppe selbdritt mit höherem 
und breiterem Mittelfenster, in zierlicher Frührenaissance deko- 
rirt. Kannelirte Pilaster mit Füllhörnern in den frei korinthisiren- 
den Kapitalen bilden die Einfassung, dies Alles in etwas scharfer 
und trockner Behandlung, aber mit einem schönen Bandfries 
verbunden. Darüber in der Mitte ein Rundbogenfeld mit elegant 
antikisirender Gliederung, welche das Wappen umschliesst Im 
Fries liest man: Praga caput regni. Ueber den Seitenfenstern 
dagegen sind wunderlich gothisirende Aufsätze fialenartig ange- 
bracht. So wächst also hier wie in den meisten Gegenden 
Deutschlands die Renaissance noch mit der Gothik zusammen. 
Das Eisengitter ist aus späterer Zeit, dagegen sieht man ein 




Fig. 177. Waldsteinhalle in Prag. (Nach Val. Teirich.) 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 641 

schönes Gitter von 1560 an dem Ziehbrunnen auf dem Kleinen 
Ring. Aus den trefflich gearbeiteten Schnörkeln entwickeln sich 
Eichblätter und Eicheln, sowie vergoldete Figtirchen. Auch in 
der Thür eines Pri^athauses an demselben Platze ein schönes 
Eisengitter. Zum Herrlichsten gehört aber das Gitter, welches 
im Dom das Grabmal Karls IV umgiebt. *) Im Uebrigen hat die 
gute Renaissancezeit in Prag wenig Spuren hinterlassen. • Nur 
auf dem Rossmarkt ist mir ein hohes Giebelhaus, jedoch ohne 
feinere Durchbildung, aufgefallen. 

Dagegen steht am Ausgang der Epoche der Palast Wald- 
stein, 1629 von dem grossen Wallenstein erbaut. Die Facade 
zeigt den etwas trocknen italienischen Palaststil der Zeit, mit 
einigen barocken Elementen, besonders in geschweiften Voluten 
versetzt. Der ungefähr quadratische Hof ist ähnlich behandelt; 
an der Eingangsseite und dem gegenüberliegenden Flügel mit 
drei Reihen von Halbsäulen dekorirt, und zwar in dorischer, 
toskanischer und ionischer Ordnung. An den beiden andern Sei- 
ten fehlen diese Ordnungen in wohlberechneter Absicht, um eine 
Steigerung für die Hauptfagaden zu ermöglichen. Sämmtliche 
Fenster sind im Rundbogen geschlossen, die Bögen von Gesim- 
sen begleitet, welche an den Seiten mit verkröpften Rahmen ver- 
bunden sind. Nur im Erdgeschoss zeigen die Fenster geraden 
Sturz und schöne Eisengitter. Im Innern ist der grosse Saal 
bemerkenswert!], der im Vorderhause zwei Geschosse einnimmt, 
von einem Spiegelgewölbe mit Stichkappen bedeckt. Die Deko- 
ration, unter welcher ein grosser Kamin hervorragt, ist in derbem 
Barockstil gehalten. Neben der sehr bequem ansteigenden Treppe 
fehlt nicht die Palastkapelle, sehr klein aber ungemein hoch, mit 
einer Empore und reicher Dekoration in Stuck und Malerei. 

Alles dies ist künstlerisch keineswegs hervorragend. Dagegen 
gehört die gigantische Halle (Fig. 177), welche an der Rück- 
seite des Palastes sich gegen den Garten mit seinen herrlichen 
Laubmassen und Baumgruppen öffnet, zu den gewaltigsten Schö- 
pfungen der Zeit; ja ich wüsste weder diesseits noch jenseits 
der Alpen, wenn man etwa die in ganz anderem Sinn und in 
anderer Zeit errichtete Loggia de' Lanzi ausnimmt, eine andere 
Halle, die an vornehmer Majestät sich mit diesem Werke messen 
könnte. Der Bau kommt der Höhe des ganzen Palastes gleich, 
ist an den Seiten mit Mauern und kräftigen Stirnpfeilern ein- 
geschlossen und öffnet sich nach vorn auf gekuppelten Säulen 
mit Bögen von gewaltiger Höhe und Weite. Die Dekoration ist 



') Mitth. d. Centr. Comm. XV. 1870. p. 60. 

Kugler, Gesch. d. Baukunst. V. 41 



642 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

allerdings schon stark barock, aber durch Verbindung von Malerei 
und Eeliefs von reicher Wirkung. Inmitten der heissen lärmen- 
den Stadt ist hier in freier Gartenumgebung ein Raum geschaffen, 
der den Genuss köstlicher Stille und Zurückgezogenheit bietet. 
An die eine Seite stösst ein Badecabinet, als Tropfsteingrotte 
charakterisirt, an die andere ein kleines Zimmer mit Tonnen- 
gewölbe, reicher Barockdekoration und gemalten Scenen der an- 
tiken Heldensage. Die Fenster sind mit schönen Eisengittern 
verwahrt. An diesen Flügel schliesst sich eine Tropfsteingrotte, 
die als Vogelhaus angelegt ist. Mit diesem mächtigen Bau 
ist die äusserste Grenze der Renaissance in Prag erreicht, ja 
zum Theil schon überschritten. — 

In den übrigen Theilen Böhmens werden zahlreiche Werke 
der Renaissance angeführt, über deren Mehrzahl ich indess nicht 
aus eigner Anschauung berichten kann. Nach den zuverlässigen 
Notizen eines sachkundigen Freundes l ) bewegt sich im Allgemei- 
nen die Renaissance Böhmens in ähnlichen Bahnen, wie die der 
meisten deutschen Länder. Auch hier scheint der fremde Stil, 
abgesehen von jenen einzelnen glanzvollen Leistungen fremder 
Künstler, von denen wir schon sprachen, mit einer gewissen 
Energie von den einheimischen Meistern ergriffen, umgestaltet 
und mit den Traditionen der Gothik verschmolzen worden zu 
sein. Künstler in der Richtung des schon genannten Benesch 
von Laun hat es offenbar mehrfach im Lande gegeben. So ent- 
stand denn auch hier zunächst ein Misch- und Uebergangsstil, 
der noch jetzt in manchen AVerken sich erkennen lässt. Bemer- 
kenswerth als Symptom von der geistigen Selbständigkeit des 
Landes ist sodann, dass neben den Schlössern der Fürsten und 
des Adels auch das Bürgerthum in den Städten durch den Bau 
von Rathhäusern und Wohngebäuden sich an der künstlerischen 
Bewegung der Zeit betheiligt. 

Um zunächst mit diesen zu beginnen, so bietet das schon 
erwähnte Rathhaus zu Brüx vom J. 1560 bei geringem Werth 
der künstlerischen Ausführung doch durch seine Anlage ein 
Ganzes von originellem Eindruck. Seine langgestreckte Facade, 
die Westseite des Marktes begränzend, öffnet sich mit theils rund- 
bogigen, theils spitzbogigen Arkaden. An der südlichen Ecke 
springt ein viereckiger Thurm mit einem in Böhmen beliebten 



*) Prof. B. Grueber hat die Güte gehabt, mich aus seiner reichen 
Kenntniss des Landes mit Nachrichten zu unterstützen. Da wir von ihm 
demnächst eine ausführliche Geschichte der Renaissance in Böhmen zh er- 
warten haben, so mögen bis dahin die nachfolgenden kurzen Bemerkungen 
genügen. 



Kap. XII. Die österreichischen Länder. 643 

Schweifdache vor, im Erdgeschoss ebenfalls eine Spitzbogenhalle 
bildend. Vor sämmtliche Arkadenstützen sind derbe Strebepfeiler 
gelegt, die mit geschweiften Giebeln abschliessen. Dies Alles so- 
wie der reiche Freskenschmuck der Fagade, die freilich spätere * 
Erneuerungen verräth, giebt dem Ganzen eine pikante Wirkung 
trotz des geringen Materials und der flüchtigen, fast rohen Aus- 
führung in verputztem Backstein. Das Bogenportal, an. den 
Seiten mit Sitznischen, hat in der Archivolte und den Zwickeln 
hübsches, wenn auch nicht eben feines Laubwerk; in der Mitte 
das Brustbild des Baumeisters. Im Innern führt eine geradläufige 
Treppe mit Podest, deren Geländer gothisches Maasswerk mit 
eleganten Renaissance-Rosetten zeigt, zu einem stattlichen Vor- 
saal, dessen Kreuzgewölbe auf einer Reihe tüchtig behandelter 
toskanischer Säulen ruhen. An den Gewölben sind in Stuck aller- 
lei Ornamente,. Sterne, Bauten, Kreuze u. dgl. ausgeführt. 

Ueber die Bauten der anderen Landestheile stelle ich einige 
Notizen zusammen, die der weiteren Ausführung bedürfen. Ein 
besonders früher Bau (1539) ist das Rathhaus zu Leitmeritz. 
Wie weit derselbe schon die Benaissanceformen aufnimmt, ver- 
mag ich nicht anzugeben. Der spätesten Entwicklung des Stiles 
gehören die Rathhäuser von Reichenberg (1600) und Wessely 
(1614) an. In Olmütz vertritt das Rathhaus seinem grösseren 
Theile nach die Renaissance. Im Ganzen scheinen aber die 
Rathhäuser in Böhmen und Mähren nicht die hervorragendste 
Partie der Entwicklung zu, bilden. Auch der bürgerliche Privat- 
bau hat nur Einiges von Bedeutung aufzuweisen. Zwei schöne 
Häuser am Marktplatz zu Pilsen, mehrere Facaden in Kutten - 
berg, das durch die Fülle seiner gothischen Denkmäler sich den 
wichtigsten Architekturstätten des Landes anreiht. — Mehrere 
Privathäuser in Wittingau, das eine von 1544, zeichnen sich 
durch Rundbogen-Arkaden auf abgefasten Pfeilern aus. Der ab- 
getreppte Giebel ist entweder mit Zinnen bekrönt, zwischen wel- 
chen Rundthürmchen, ebenfalls mit Zinnen endigend, aufsteigen, 
oder die einzelnen Absätze haben ein Halbkrejsfeld alsAbschluss. 1 ) 
Mehrere Fagaden in Budweis sind ähnlich behandelt. 2 ) In 
Mähren besitzen Brunn und Olmütz einige Renaissancehäuser. 

Der Schwerpunkt liegt auch hier im Schlossbau. Ueber alle 
Theile des Landes ist eine ansehnliche Zahl von Bauten des 
hohen Adels verstreut, die zuerst noch jenen mit gothischen Ele- 
menten versetzten Mischstil zeigen, in den letzten Decennien des 



J ) Mitth. der Centr. Comm. 1868. p. XCVI mit Abb. — 2 ) Ebenda, 
mit Abbild. 

41* 



644 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

16. Jalirh. aber die Formen der ausgebildeten nordischen Renais- 
sance vertreten. Dahin gehören das nur theilweise erhaltene 
Schlösschen Bensen unweit Bodenbach ;- das Schloss zu Wit- 
tingau; der grösste Theil des Schlosses Kr um au, diese beiden 
mit eleganten Säulenarkaden im Hofe; das als sehr bemerkens- 
werth bezeichnete Schloss Schwarz-Kosteletz von 1570, unweit 
der Station Böhmischbrod. Sodann die Schlösser zu Wittingau, 
zu Neuhaus und zu Friedland; das der spätesten Zeit ange- 
hörende Schloss Blatna (1612); endlich das Schloss zu Bischof- 
Teinitz an der bairischen Gränze; Schloss Smetschna und der 
Thurm des Schlosses Kost. Vom Waldsteinschloss in Gitschin 
ist nur ein Theil erhalten; in Mähren dagegen bietet das Schloss 
zu Nikolsburg eine bedeutende Anlage der späteren Zeit. 

In einigen Theilen des Landes, namentlich im Nordosten, 
kommt der im ganzen slavischen Gebiet einheimische Holzbau 
vielfach zur Verwendung und erhält manchmal künstlerische Ge- 
stalt. Es ist Blockwandbau, wie ihn z. B. das Rathhaus in Se- 
mil in origineller Behandlung zeigt. Eine Laube auf hölzernen 
Säulen ist vorgebaut; die Spitze des Giebels krönt ein Glocken- 
thürmchen. Wie lange dieser naturwüchsige Stil hier geherrscht 
hat, erkennt man an einigen Häusern in Hohenelbe, welche 
erst um 1730 entstanden sind. 1 ) Sie zeigen die Elemente der 
Holzconstruction auf kräftig originelle Weise in die Formen der 
Spätrenaissance übersetzt. 



XIII. Kapitel. 
Die nordöstlichen Binnenländer. 



Früher als irgend eine andere Provinz Deutschlands hat 
Schlesien die Renaissance aufgenommen und in monumentalen 
Werken angewendet. 2 ) Das erste Auftauchen der neuen Formen 
bemerken wir hier an einem Grabmal der Elisabethkirche zu 
Breslau, das bald nach 1488 entstanden sein muss. Es ist, so 
weit wir wissen, das früheste Datum eines Renaissancewerkes im 
ganzen Norden. Als sodann Bischof Johannes Thurso die alte 



') Mitth. der Centr. Comm. 1870. p. LXII mit Abb. — *) Schätzbare 
Notizen in der fleissigen Arbeit von A. Schnitz, Schlesiens Kunstlebeo 
im 15. bis 18. Jahrb. Uieslan 1872. 4. Mit Abbild. 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 



645 



Burg Kallenstein, zwischen Neisse und Glatz, abtragen und das 
neue Schloss Johannisberg errichten Hess, 1 ) brachte er 1509 
bei Vollendung des Baues sein Wappen an, das mit den beglei- 
tenden Sirenen, den aus gothischem Laubwerk und ionischen 
Kapitalen seltsam gemischten Säulen, den als Bögen verwendeten 
Delphinen eine wenn auch noch phantastisch confuse Renaissance 
zeigt. 2 ) (Fig. 178.) Dagegen tritt der neue Stil mit grosser 
Sicherheit und Opulenz schon 1517 am Portal zur Sakristei im 
Dom zu Breslau auf. Gemischt mit gothischen Elementen findet 
man ihn 1527 am Kapitelhause daselbst. Um diese Zeit scheint 
hier der Sieg der neuen Kunstweise entschieden. Nicht bloss 
von geistlichen Bauherren, auch 
in bürgerlichen Kreisen, die ander- 
wärts so lange widerstanden und 
so zähe am Ueberlieferten fest- 
hielten, wird, wenn auch bis- 
weilen noch mit Reminiscenzen 
an die heimische Kunst des 
Mittelalters , die Renaissance 
energisch aufgenommen. Wir be- 
gegnen ihr 1521, mit spätgothi- 
schen Elementen versetzt, am 
Stadthause zu Breslau; 1528 an 
dem prächtigen Portal im Erd- 
geschoss des Rathhauses; endlich 
in demselben Jahre bereits an 
einem mächtigen Bürgerhaus e 
„zur Krone" auf dem Ringe. 
Solch frühes, einmüthiges Hin- 
geben an den neuen Stil finden wir nirgend sonstwo in Deutsch- 
land. Suchen wir den Grund dieser Erscheinung zu erkennen. 
Wir haben es mit einem Gränzlande zu thun, wo seit dem 
12. Jahrhundert durch deutsche Ansiedler inmitten slavischer 
Bevölkerungen deutsche Sitte und Bildung verbreitet worden war. 3 ) 







Fig. 178. Wappen am Schlos 
Johannisberg. 



*) Nie. Pol , Jahrb. der Stadt Breslau , herausgeg. v. Büsching (Breslau 
1813. 4). II, 185. — 2 ) Die Abb. nach einer Photographie, die ich der 
Güte des um die Schlesische Kunstgeschichte hochverdienten Herrn Dr. 
Luchs verdanke. Die Inschrift ist nicht minder bezeichnend : „Johannes V 
episcopus Vratisl. hanc arcem divo Johanni Bapt. sacravit et erexit." — 
3 ) Ueber das Geschichtl. vgl. bes. Sommersberg, Scriptt. rer. Silesiac. und 
Stenzel's Samml. unter dems. Titel; Stenzel's und Tzschoppe's Urkunden- 
sammlung ; Menzel, Gesch. Schlesiens ; Stenzel, Gesch. von Schlesien u. a. m. 



646 HI« Buch. Renaissance in Deutschland. 

Allein zwischen den beiden mächtigen König-reichen Polen und 
Böhmen gelegen, wurde Schlesien, das mit dem deutschen Reiche 
nicht in politischer Verbindung stand, lange Zeit zum Spielball 
und Zankapfel seiner Nachbarn, bis es sich unter die Oberhoheit 
der Krone Böhmen stellte und durch Karl IV dauernd mit die- 
sem Lande vereinigt wurde. Das 15. Jahrh. brach unheilvoll 
über Schlesien herein; durch die verheerenden Züge der Hussiten- 
schaaren, durch die Kämpfe gegen Georg Podiebrad wurde das 
Land zerrüttet und verwüstet. Erst durch den Schutz des mäch- 
tigen Matthias Corvinus (1469) kehrte Ruhe und Frieden zurück. 
Handel und Verkehr hob sich und dehnte sich nach allen Seiten 
aus; mit dem Anbruch des 16. Jahrhunderts gehörte Schlesien 
zu den blühendsten und wohlhabendsten Provinzen Deutschlands. 
Besonders war es die glückliche Lage Breslau's, welche die 
ausgedehntesten kaufmännischen Unternehmungen begünstigte. 
Weniger durch eigenen Gewerbfleiss als durch den lebhaft und 
mit umsichtiger Kühnheit betriebenen Handel that die scnon da- 
mals mächtige Stadt sich hervor. Auf der Gränze zwischen Süd- 
und Norddeutschland gelegen, zugleich gegen den slavischen Osten 
als äusserster Punkt germanischer Kultur vorgeschoben, wurde 
sie ein wichtiges Emporium für den Verkehr zwischen Osten und 
Westen, Süden und Norden. Nicht bloss Augsburger und Nürn- 
berger, selbst Venezianer Häuser hatten ihre Niederlassungen in 
Breslau; umgekehrt gründen die Breslauer ihre Filialen in den 
Städten Süddeutschlands, Flanderns und Italiens. Der Verkehr 
erstreckte sich bis Venedig im Süden, bis Brabant und England 
im Nordwesten, ostwärts bis Prcussen und Russland, Ungarn und 
die Walachei. Ja über Polen suchten die muthigcn Kaufleute 
den Weg bis in den fernsten Osten, ohne sich durch barbarische 
Gesetze abschrecken zu lassen, wie jenes in der polnischen Stadt 
Plotzko, welches den Breslauer Bürger Hans Rindfleisch, der in 
der Herberge dort von seinem Wirthe bestohlen worden war, 
zwang den Dieb selbst an den Galgen zu hängen, wenn er nicht 
von ihm aufgeknüpft werden wollte. 1 ) Eingeführt wurden nament- 
lich niederländische und englische Tuche, Gewürze, Salz und Wein. 
Häringe, Aale und Lachse ; die Ausfuhr erstreckte sich auf Wolle, 
Eisen, Steine, Getreide, Wein und Bier. Obwohl 1506 schon ge- 
klagt ward, der Handel mit Polen und Russland habe sich nach 
Posen hingezogen, kann man im Gedeihen der Stadt keine Ab- 
nahme bemerken. Vielmehr steht die Macht der schlesischen 
Städte auf ihrem Höhepunkt, und wo etwa adlige Schnapphähne 

! ) Klose, Breslau in Stenzel, scriptt. III, 59. 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 647 

den Verkehr zu stören wagen, macht man mit ihnen kurzen 
Prozess, wie mit dem berüchtigten Schwarzen Christoph von Rey- 
sewitz, der 1513 zu Liegnitz an den Galgen gehenkt wurde. 

Aber es bleibt nicht bloss bei solchem kräftigen Verfolgen 
materieller Interessen. Der schlesische Volksstamm, als äusser- 
ster Vorposten gegen den kulturlosen slavischen Osten gestellt, 
wahrt mit hoher geistiger Regsamkeit sein Vorrecht, an den 
Gränzmarken deutsche Sitte und Bildung auszubreiten. Breslau 
versucht 1505 wiederholt, jedoch vergebens, vom päpstlichen 
Stuhl die Erlaubniss zur Gründung einer Universität zu erlangen. 
Dasselbe ist bei Liegnitz der Fall. Luthers Lehre wird im gan- 
zen Lande schnell und freudig aufgenommen, die Reformation 
gelangt ohne Kampf, fast ohne Widerspruch zur Durchführung. 
Nicht bloss die Fürstengeschlechter des Landes neigen sich ihr 
zu, auch die Städte wetteifern in ihrer Förderung. In Breslau 
führt Johann Hess aus Nürnberg, der 1522 als Pfarrer an die 
Magdalenenkirche berufen wird, schon 1525 die neue Lehre voll- 
ständig durch. Zwar bleiben der Bischof sammt dem Domkapitel, 
den Stiftern und Klöstern der alten Kirche treu; aber fast das 
ganze Land wendet sich von ihr ab. Damit geht ein frisches 
Aufblühen der Wissenschaften Hand in Hand. Gelehrte Schulen 
werden in Breslau, Brieg und Goldberg gestiftet; namentlich die 
letztere erlangt unter Valentin von Trotzendorf weitverbreiteten 
Ruf, so da.s nicht bloss aus Deutschland, Böhmen und Polen, 
sondern selbst aus Ungarn, Litthauen und Siebenbürgen Schaaren 
von Lernbegierigen, namentlich aus dem Adel, ihr zuströmen. 
Thomas von Rhediger bringt auf langjährigen Reisen einen Schatz 
von Handschriften, Büchern und Kunstsachen zusammen, die er 
1575 seiner Vaterstadt Breslau vermacht und damit den Grund 
zur Elisabethbibliothek legt. Erst mit Kaiser Rudolph II beginnt, 
wie in den übrigen österreichischen Provinzen, auch in Schlesien 
die Verfolgung und Unterdrückung des Protestantismus. Die 
Jesuiten vollführen auch hier ihr Werk der Geisterknechtung, und 
für Schlesien hebt jene unselige Epoche a% welche erst mit der 
preussischen Besitzergreifung ein Ende nimmt. Dennoch lässt 
sich der elastische Geist dieses begabten Volksstammes nicht 
ganz unterdrücken, und die Erneuerung der deutschen Poesie 
findet hier ihren Ausgangspunkt. 

Kein Wunder, dass unter solchen Verhältnissen die Kunst 
der Renaissance rasche Aufnahme fand. Wieder bestätigt sich 
die Wahrnehmung, dass die der geistigen Bewegung der Refor- 
mation zugethanen Volksstämme Deutschlands auch für die Er- 
neuerung der Kunst das Meiste gewirkt haben. Noch ein Umstand 



648 HI« Buch. Renaissance in Deutschland. 

— und zwar ein negativer — kam diesem Streben zu Statten. 
In Städten, wo wie in Nürnberg eine mächtig ausgebreitete und 
tief ge wurzelte Kunst seit Jahrhunderten blühte, haftete die Mehr- 
zahl der Meister so fest an den Traditionen des Mittelalters, dass 
sie nur schwer und langsam (mit Ausnahme etwa eines Peter 
Vischer und Dürer) sich einer völlig neuen Kunst zuwandten. 
Anders in Schlesien. Hier hat zwar das ganze Mittelalter zahl- 
reiche Werke der Kirchenbaukunst hervorgebracht und dieselben 
mit bildnerischem Schmuck aller Art ausgestattet; aber kein Werk 
ersten Ranges und höchster künstlerischer Bedeutung, keine wahr- 
haft originale Leistung ist darunter anzutreffen. Die einzige 
eminent grossartige Schöpfung jener Zeit ist hier — bedeutsam 
genug — ein Profanbau: das mächtige Breslauer Rathhaus. Wir 
finden sogar, dass wo man etwas Ausgezeichnetes verlangte, aus- 
wärtige Künstler herbeigezogen wurden. So fertigte Peler Vischer 
1496 das Grabmal Bischof Johanns IV, das man noch jetzt im 
Dom sieht. Ein anderer Nürnberger Meister Hans Pleydenwurff 
muss eine Tafel für den Hochaltar der Elisabethkirche machen. ') 
Ein andres Mal beruft man einen Meister Benedict, Maurer zu 
Krakau, weil es „grosse Nothbaue u zu Breslau gebe. 2 ) Dieser 
Benedict kommt in der. That 1518 als Stadtbaumeister vor. 3 ) 
Dagegen wird ein Breslauer Künstler Jost Tauchen vom Erzbischof 
Johann von Gnesen beauftragt, ihm sein Grabdenkmal mit eher- 
nem Bildniss auszuführen. 4 ) Genug: wenn auch Schlesien sich 
lebhaft am künstlerischen Schaffen der Zeit betheiligte, so befin- 
den wir uns hier doch nicht in einem der Mittelpunkte, sondern 
an der äussersten Peripherie deutscher Kunst; desshalb mochte 
um so leichter ein fremder Stil sich Eingang verschaffen, zumal 
der Sinn des Volkes hier durch angeborne geistige Regsamkeit 
und durch den freien Weltblick, welchen der Handel gewährte, 
allem Neuen offen stand. Dazu kam die Verbindung mit Oester- 
reich, wo wir ebenfalls eine frühzeitige Aufnahme der Renaissance 
fanden. 

Aber mehr als in den übrigen österreichischen Ländern be- 
mächtigte man sich hier mit eigener schöpferischer Kraft der 
neuen Formen. Schlesien gehört noch jetzt zu den wichtigsten 
und reichsten Gebieten deutscher Renaissance. Die hohe Geist- 
lichkeit und das Bürgerthum der Städte, die zahlreichen Fürsten- 
geschlechter und der begüterte Adel wetteifern in glänzenden 
Werken des neuen Stiles. Da derselbe so früh aufgenommen 



') Stenzel, Scriptt. III, 133. — *) Ebenda III, 185. — 3 ) A. Schultz, 
a. a. 0. S. 19, Anm. - 'j Ebenda III, 133. 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 649 

wird, so hat er gut ein Jahrhundert hindurch Zeit sich zu ent- 
falten. Wir finden ihn denn auch in allen Schattirungen von 
den ersten noch unklaren Versuchen, den einzelnen direkt 
italienischen Arbeiten, der durch diese herbeigeführten selbstän- 
digen Ausbildung bis zu den späten schon stark barocken Formen. 
Wir finden eine Anzahl von Prachtwerken in Portalen und Epi- 
taphien von ausgesuchter Schönheit, welche die Anmuth der 
Frührenaissance spiegeln. Dann haben wir Schlösser, welche 
nicht bloss durch einzelne Prunkstücke (Liegnitz), sondern durch 
grossartige Anordnung und edle Ausbildung, sei es im Geist 
italienischer Kunst (Brieg), sei es in charaktervoller nordischer 
Umgestaltung (Oels) hervorragen. Daneben feiert das Bürger- 
thuui nicht und bietet in der Entfaltung einer acht deutschen 
Renaissance an zahlreichen Privathäusern in Breslau, Brieg, Lieg- 
nitz, Neisse Musterwerke dieses Stiles. Besonders die allmählich 
zu immer grösserer Sicherheit fortschreitende Gestaltung der Gie- 
belfa^ade lässt sich durch eine Reihe von Beispielen darlegen. 
Nur der Erker hat in Schlesien so gut wie gar keine Verwen- 
dung im Privatbau gefunden. Endlich fehlt es auch nicht an 
Rathhäusern, die durch wirksame Gruppirung und kräftige Glie- 
derung den mittelalterlichen an malerischem Reiz kaum nachstehen. 
Als Material wird überall der Haustein verwendet und von dem 
gothischen Backsteinbau mit um so grösserer Berechtigung abge- 
standen, als derselbe in Schlesien fast ausnahmslos über eine 
ziemlich derbe und selbst rohe Form nicht hinausgekommen war. 
Wo die Flächen, wie dies hier häufig geschieht, verputzt werden, 
da hat man stets malerischen Schmuck in vollfarbigen Fresken 
oder wenigstens in Sgraffito zu Hülfe genommen. In wie fern 
italienische Künstler direkt bei Einführung der Renaissance be- 
theiligt sind, wird später zu erörtern sein. 



Breslau. 

s 
Die Hauptstadt Schlesiens nimmt unter den monumentalen 
Vororten Deutschlands eine weit bedeutendere Stelle ein als man 
gemeinhin weiss. Schon die Gesammtanlage der Stadt hat einen 
so grossartigen Zug, wie wenige von unseren mittelalterlichen 
Städten ihn zeigen. Die imposante Gestalt des „Ringes" mit dem 
herrlichen Rathhause, die klare, übersichtliche Anordnung der 
wichtigsten Strassen findet in Deutschland nur etwa in Danzig 
und Nürnberg ihres Gleichen. Dies wahrhaft grossstädtische Ge- 
präge verdankt Breslau, das schon um das Jahr 1000 als an- 



650 HI« Buch. Eenaissance in Deutschland. 

• 

sehnliche Stadt erwähnt wird, Karl dem IV, der nach den ver- 
heerenden Feuersbrünsten von 1342 und 1344 sie neu aufführte. 
Wie in der Folge die Stadt sich durch rege Handelsthätigkeit zu 
Macht und Blüthe aufschwang, ist oben schon erwähnt worden. 
Mit zunehmendem ßeichthum stieg den Bürgern die Lust, durch 
künstlerische Werke ihre Stadt zu schmücken. Nicht wenig trug 
zur Förderung dieses Strebens der Wetteifer mit der Geistlichkeit 
bei, die im Domkapitel sowie in mehreren Stiftern und Klöstern 
ihren Sitz hatte. Ausser Köln hat wohl keine Stadt in Deutsch- 
land noch jetzt solche Zahl mittelalterlicher Kirchen und Kunst- 
werke aufzuweisen wie Breslau. Nur dass hier das Meiste den 
späteren Epochen des Mittelalters angehört und fast ausschliess- 
lich die jüngeren Entwicklungen des gothischen Stiles und der 
begleitenden bildenden Künste vertritt, und dass an Werken 
höchsten künstlerischen Kanges hier kaum Etwas zu finden ist. 

In die neue Zeit tritt die auf dem Gipfel ihrer Macht stehende 
Stadt mit dem vollen Bewusstsein und dem regsten Antheil an 
der geistigen Wiedergeburt des Lebens. Wie sie die Reformation 
schnell aufnahm und entschieden durchführte, wie sie selbst eine 
Universität zu gründen bemüht war, haben wir schon erzählt. 
Ein nicht Geringerer als Melanchthon giebt ihr das ehrendste 
Zeugniss. „Keine deutsche Nation, sagt er in einem Briefe an 
Herzog Heinrich von Liegnitz, hat mehr gelehrte Männer in der 
gesammten Philosophie ; die Stadt Breslau hat nicht nur fleissige 
Künstler und geistreiche Bürger, sondern auch einen Senat, der 
Künste und Wissenschaften freigebig unterstützt. In keinem 
Theile Deutschlands beschäftigen sich so viele aus dem gemeinen 
Volke mit den Wissenschaften." Dagegen will es nicht schwer 
wiegen, wenn Joseph Scaliger in einer etwas wunderlichen 
Aeusserung sagt: „Die Schlesier sind Barbaren; sie wohnen am 
Ende der Christenheit. Welcher von ihnen nicht Barbar ist, 
der ist gemeiniglich ein sehr guter Kopf. Sie sind nahe an 
Slavonien und haben beinahe dieselbe Sprache." 1 ) 

Der Bestand der literarischen und künstlerischen Denkmäler 
bestätigt Melanchthon's Auffassung. Ein reger Wetteifer macht 
sich mit dem Beginn des 16. Jahrhunderts im monumentalen 
Schaffen geltend. Bischof Johann IV (f 1506) erbaut an Stelle 
des früher aus Lehm errichteten Bischofshofes einen steinernen 
Palast „mit zwei weiten Sälen, einer grossen Stube, mit feinem 
Malwerk, geziert mit den Bildnissen der Könige von Böhmen 



') Beide Stellen citirt in Menzel's Gesch. Schlesiens, p. 337. 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 651 

und der Bischöfe von Breslau, dazu eine herrliche Bibliothek." 1 ) 
In der Bürgerschaft bemerkt man zunächst eine steigende Für- 
sorge für Reinlichkeit der Strassen und Plätze; 1513 befiehlt eine 
Verordnung, 2 ) dass Jeder den Dünger vor seiner Thür ausführen ; 
dass Niemand fortan Kehricht oder andern Unrath auf den Ring, 
den Salzmarkt, den Neumarkt und die Gassen schütten; dass 
Keiner die Schweine auf dem Ring oder den Strassen -herum- 
laufen lasse, „vornehmlich an den Tagen, da man mit dem heil. 
Leichnam umgehet oder die Kreuze herumträgt." Eine gleich- 
zeitige Aufzeichnung zählt auf dem Ring sechzig Häuser, einige 
bemalt, sämmtlich drei, vier, auch fünf Gaden (Stockwerke) hoch. 
Auch die Vorderseite des Rathhauses hat Gemälde; die Stadt 
besitzt im Ganzen vierzig Kirchen und elf Klöster, die Stadt- 
mauer ist mit fünfzig Thürmen besetzt. 3 ) Breslau hat damals, 
namentlich am Ring und den Hauptstrassen, einen gewiss noch 
imposanteren Eindruck gemacht als jetzt. 

Von dem lebendigen Kunstsinn und der Empfänglichkeit, 
welche die Stadt auszeichneten, giebt noch jetzt die merkwürdig 
frühe Aufnahme der Renaissance unverkennbares Zeugniss. Wäh- 
rend in dem hoch entwickelten Nürnberg ein Meister wie Peter 
Vischer noch 1496 (an dem Grabmal im Dom) den Formen der 
Gothik' treu bleibt, hat ein allem Anscheine nach in Breslau hei- 
mischer Künstler schon 1488 oder doch nicht viel später 4 ) ein 
Werk im Renaissancestil, so gut er ihn verstand, ausgeführt. 
Es ist das schon erwähnte Grabmal des 1488 verstorbenen Peter 
Jenkwitz und seiner 1483 ihm vorausgegangenen Ehefrau, wel- 
ches man aussen an der Elisabethkirche, und zwar an der 
östlichen Ecke der Nordseite sieht. 5 ) Die anspruchslose aus 
Sandstein gearbeitete Tafel enthält die Reliefdarstellung des Ge- 
kreuzigten mit Maria und Johannes, darunter vier Wappen, das 
Ganze eingefasst von Renaissancepilastern, deren monoton wieder- 
holtes Laubwerk in der Füllung des Schaftes noch das schlaffe 



J ) Nie. Pol, Jahrbücher der Stadt BreslauT II, 186. — 2 ) Klose bei 
Stenzel, scriptt. III, 214. — 3 ) Ebenda III, 248. — 4 ) So auffallend dies 
frühe Datum ist, so liegt doch kein Grund vor, es anzuzweifeln. Wenn, 
wie es doch wahrscheinlich, der Sohn des Verstorbenen das Grabmal er- 
richten Hess, so darf man wohl daran erinnern, dass derselbe von 1499 
bis 1503 das kanonische Eecht in Rom studirte (Klose, Breslau, pag. 386) 
wo er wohl die Renaissance kennen lernen konnte. Selbst wenn er erst 
nach seiner Heimkehr das Denkmal hätte ausführen lassen, wäre es immer 
noch das früheste im Norden. Doch ist dies anzunehmen nicht einmal 
nöthig. — 5 ) Vgl. Dr. Luchs, die Denkmäler der St. Elisabeth-Kirche zu 
Breslau. Nr. 370. Bei A. Schultz a. a. 0. liest man Seite 14 durch einen 
Druckfehler 1438, während auf Seite 6 die richtige Jahrzahl steht. 



652 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Lappenblatt gothischer Farren zeigt. Dasselbe Laub bekleidet 
die Kapitale, welche keiner ausgeprägten Renaissance-Ordnung 
angehören. Es ist also offenbar ein heimischer Bildhauer, der 
den neuen Stil nur von ungefähr aus Zeichnungen oder Holz- 
schnitten kennen mochte. Ebenso vereinzelt tritt ein Renaissance- 
motiv, aber mehr ein bildnerisches als architektonisches, an einem 
andren Denkmal derselben Kirche auf: dem an der Südseite be- 
findlichen Epitaph des Hans Scholtz, f 1505. 1 ) Das recht gute 
Relief der Verkündigung sowie die gothische Einfassung verrathen 
einen Künstler, der in den Geleisen der heimischen Tradition 
wandelt: aber die beiden Engelknaben in dem Schweifbogen 
schmecken nach Einflüssen der Renaissance. Das nächste Datum, 
das uns begegnet, ist das oben mitgetheilte Wappen aus Johannis- 
berg von 1509: auch hier noch ein Gemisch beider Stile, aber 
doch ein viel stärkeres Anklingen der neuen Kunstweise. 

Aus dem folgenden Jahr 1510 datirt ein grosses treffliches 
Epitaph an der Südseite der Magd alenenkir che, welches 
Christus am Kreuz mit Maria und Johannes, S. Andreas und 
Barbara, darunter eine zahlreiche Familie knieend darstellt. Die 
Einfassung wird durch kandelaberartige Säulchen gebildet, welche 
noch unsicher die Sprache der Renaissance zu reden versuchen. 
Auch die beiden Engelputti in den Bogenzwickeln gehören der 
neuen Auffassung an. Ebenso unklar und spielend ist der italie- 
nische Stil mit gothischem Laubwerk gemischt an dem kolossalen 
Zinnkrug von 1511 im Alterthums-Museum, welcher sammt 
dem älteren gothischen, von A. Schultz veröffentlichten, zu den 
grössten Prachtstücken dieser Art zählt. Dies interessante Werk 
beweist, dass auch das Kunstgewerbe, gegen seine sonstige Ge- 
wohnheit des zähen Haftens am Ueberlieferten, merkwürdig früh 
hier die neue Richtung einzuschlagen versuchte. 

Alle diese Werke sind sichtlich Schöpfungen deutscher, wahr- 
scheinlich in Breslau ansässiger Künstler. Die Einführung der 
Renaissance in Schlesien ist also einheimischen Meistern zu ver- 
danken. Aber so unklar tastend, so schwankend und gemischt 
der Stil hier auftrat, vermochte er unmöglich die Herrschaft zu 
erobern. Dazu gehörten vollendetere, aus tieferer Kenntniss der 
neuen Bauweise hervorgegangene Leistungen. Eine solche tritt 
uns hier zuerst in dem Portal entgegen, welches aus dem süd- 
lichen Chorumgang des Domes in die Sakristei führt und die 
Jahreszahl 1517 trägt. Nach dem Muster oberitalienischer Por- 



') Dr. -Luchs, a. a. 0. Nr. 339. 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 653 

tale der Frührenaissance bilden ornamentirte Pilaster, die ein 
reich geschmücktes Gebälk tragen, die Einfassung, während ein 
Halbkreisfeld mit der Reliefdarstellung der Enthauptung Johannes 
des Täufers das Ganze abschliesst. Die volle dekorative Pracht 
italienischer Frührenaissance, ursprünglich durch ßemalung noch 
gesteigert, ist hier entfaltet; auch lässt das Relief des Bogenfeldes 
in seiner freien lebensvollen Behandlung, in der kühn bewegten 
Stellung des Henkers, der Verkürzung des Leichnams vielleicht 
auf einen Italiener schliessen, obwohl die weibliche Gestalt in 
Gesichtszügen, Tracht, Kopfhaube eher auf einen Deutschen deutet. 
Auch der seltsam geformte Eierstab des Frieses, die wenig ver- 
standene Behandlung des korinthischen Kapitals, selbst das Laub- 
werk der Pilasterf Urningen, das Alles will mir mehr deutsch als 
italienisch erscheinen. Es ist daher recht wohl möglich, dass 
wir es mit einem heimischen Künstler zu thun haben, der in 
Oberitalien seine Schule gemacht. 

Gleich vom folgenden Jahre 1518 datirt das schöne Bronze- 
Epitaph der Margarethe Irmisch an der Nordseite der Magda- 
lenenkirche: Christi Begegnung mit Maria im Beisein der 
Apostel, unten die Familie der Verstorbenen, eine lebensvolle 
meisterliche Arbeit, von schlichtem Renaissancebogen umrahmt, 
der durch Kymatienblätter und Zahnschnitte elegant gegliedert 
ist. Auch die schöne Blumenguirlande gehört zu den ächten 
Merkmalen der Renaissance. Aber auch diese Arbeit weist, und 
zwar noch bestimmter, auf deutsche Hand. 

Während hier kein Nachklang mehr an den gothischen Stil 
zu finden ist, treten solche Reminiscenzen noch einmal an den 
Arbeiten auf, welche 1521 am Leinwandhaus, (jetzt am Stadt- 
haus) ausgeführt wurden. Den wichtigsten Rest derselben sieht 
man in der Elisabethstrasse an dem Portal, das mit dem darüber 
angeordneten Fenster eine ebenso originelle als reizvolle Compo- 
sition ausmacht. Die feinen Rahmenpilaster mit eingelassenen 
Schilden, die Säulchen mit den frei korinthisirenden Kapitalen, 
die Gesimse und die Consolen erinnern an^Venezianische Muster; 
aber das Eichengeäst, welches über den Consolen sich zum Bo- 
gen verschlingt, ist ein Rückfall in spätgothischen Naturalismus. 
Das wäre einem Italiener nicht begegnet; also haben wir hier 
wohl mit Sicherheit einen heimischen Meister zu vermuthen. Die 
übrigen Reste dieses Baues verstecken sich im Kaffgesimse der 
Fenster an der südlichen und westlichen Seite des in moderner 
Berliner Gothik ausgeführten Neubaues. Es sind Relieffriese voll 
köstlichen Humors, überwiegend noch den burlesken Spässen des 
Mittelalters angehörend, dazu Genrescenen in frischem Naturalis- 



654 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

mus; auf Anschauungen der Renaissance deutet aber auch hier 
der allerliebste Fries mit tanzenden Kindern. 

Das nächste Werk fällt volle sechs Jahre später: es ist das 
Kapitel haus beim Dom, an welchem man das Datum 1527 
liest. In die Backsteinfagade wurde damals ein Sandsteinportal 
in Renaissanceformen eingesetzt; rechtwinklig geschlossen, der 
Rahmen mit Eierstab, das deckende Gesims in reicher Weise 
mit Zahnschnitt, Eierstab und Kymation belebt, dies Alles aber 
in derber, wenig verstandener Weise. Völlig mittelalterlich ist 
die Art, wie der äussere Stab des Portalrahmens sich an den 
Ecken durchschneidet; ein Motiv, das sich an den übrigen Oeff- 
nungen, namentlich den schrägen Fenstern des Treppenhauses 
wiederholt. Das kleine innere Portal hat ebenfalls einen Eier- 
stab als Einfassung und ist mit Zahnschnittgesimse und Kymation 
bekrönt; die Spindel der Wendeltreppe hat aber einen schräg 
gerieften gothischen Fuss. So mischen sich auch hier wieder die 
Renaissanceformen mit den Elementen mittelalterlicher Kunst: ein 
Beweis, dass wir es mit der Arbeit einheimischer Werkleute zu 
thun haben. Von allen diesen bis jetzt erwähnten Schöpfungen 
kann also höchstens die Sakristeithür im Dom als Leistung eines 
Italieners bezeichnet werden; denn sie ist das einzige Werk, an 
welchem keine Spur gothischer Kunstweise sich findet. Bei der 
steten Verbindung der Geistlichkeit mit Italien Hesse sich die 
Verwendung eines fremden Meisters hier am ersten erklären. 

Nun folgt das mächtige Eckhaus am Ring No. 29 „zur 
Krone." A. Schultz 1 ) will auf einer alten Zeichnung desselben 
die Jahrzahl 1523 gelesen haben; es nimmt mich Wunder, dass 
er das deutlich auf einem Täfelchen am Pilaster des Portals an- 
gebrachte Datum 1528 nicht gesehen hat. Beide Fagaden sind 
schlicht, ohne Gliederung, mit Stuck überzogen, auf welchem ge- 
wiss ursprünglich Malereien oder Sgraffiten waren. Die Fenster, 
einzeln, zu zweien oder zu dreien gruppirt, haben antikisirende 
Rahmen und Deckgesimse. Am auffallendsten sind die bogen- 
förmig gezackten Zinnen, welche das flache Terrassendach ein- 
fassen und der Fagade ein italienisches Gepräge verleihen. In 
der Ohlauerstrasse hat später eine Verlängerung des Hauses statt- 
gefunden, die sich schon durch verminderte Höhe und einen 
Wechsel in Behandlung der Fenster kund giebt. Die prachtvolle 
grosse Marmorinschrift enthält das Jahr 1544 und fügt den Spruch 
hinzu QVAEVIS TERRA PATRIA, was wohl eher auf einen frem- 
den Besitzer als auf einen auswärtigen Baumeister deuten dürfte. 



1 ) In der fleissigen, oben mehrfach erwähnten Monographie, S. 13. 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 655 

Indess mögen die Zinnen und das flache Dach als Anzeichen 
italienischer Kunst aufgefasst werden; damit stimmt das einzige 
Prunkstück der Fagade, das reich mit Ornamenten bedeckte Portal, 
das mit seinen dekorirten Pilastern, den Delphinen in den Bogen- 
z wickeln, dem Eierstab und Zahnschnittfries, kurz mit seiner 
ganzen Anordnung und Ausschmückung der Renaissance ange- 
hört. Aber die schwerfällig ausgebauchten korinthischen Kapitale 
zeugen nicht von italienischer Feinheit; noch mehr deutet die 
Inschrift „Das Haus steht in Gotes Handt, zur gülden Krone ist 
es genant" auf deutsche Arbeit. Ebenso scheint das Steinmetz* 
zeichen 1 ) einen deutschen Meister zu verrathen. Dies Urtheil 
findet weitere Bekräftigung im Innern. Zwar der Flur, jetzt 
flachgedeckt, verräth in seiner Dekoration eine spätere Umge- 
staltung; aber der auf den Hof mündende Thorbogen ist mit sei- 
ner einfachen Behandlung dem vorderen Portal gleichzeitig. Der 
Hof selbst, lang und schmal, ist an der einen Langseite in drei 
Geschossen mit Galerieen eingefasst, welche auf stark vorge- 
kragten Consolen mittelst Flachbögen aufsetzen. An der Keller- 
thür verräth sich nun wieder der deutsche Meister, welcher von 
den Traditionen des Mittelalters noch nicht ablassen kann: die 
Einfassung wird durch gekreuzte Stäbe in spätgothischer Art ge- 
bildet, obwohl das Deckgesims die Formen der Renaissance 
zeigt. Völlig gothisch mit reich durchschneidendem Stab werk ist 
aber die Umrahmung des Pförtchens, welches im ersten Stock 
auf die Galerie mündet. Dass italienische Künstler noch 1528 
an mittelalterlichen Formen festgehalten hätten, ist undenkbar; 
daher werden wir auch für diesen Bau einen deutschen Meister 
annehmen müssen. 

Das Märchen vom Uebertragen der Renaissance durch italie- 
nische Künstler ist also hier ebenso hinfällig wie es sich in 
Frankreich als unbegründet erwiesen hat. Damit fallen auch 
die Vermuthungen zusammen, welche A. Schultz 2 ) über den Ver- 
lauf der Renaissancebewegung in Deutschland aufstellt. Nur aus 
dem Ueberblick über das ganze Material, das uns jetzt zu Gebote 
steht, lässt sich diese Frage beantworten, ßemnach sind wohl 
einzelne Bauwerke im Norden von Italienern ausgeführt worden : 
so in Wiener-Neustadt, in Krakau, Prag, Landshut. Für Schle- 
sien werden wir in Brieg ein Denkmal italienischer Kunst fin- 
den. Daraus aber zu folgern, die Renaissance habe zuerst in 



*) Abgeb. bei Luchs, Bildende Künstler in Schlesien (Abdr. aus der 
Zeitschrift f. G. u. Alterth.) Seite 13. — 2 ) In der mehr erwähnten Mono- 
graphie Seite 15. 



656 III- Buch. Renaissance in Deutschland. 

Polen, Schlesien, Böhmen, Baiern Fuss gefasst und von da aus 
sich allmählich über ganz Deutschland verbreitet", ist voreilig. 
Die Renaissance hat sich vielmehr in den meisten deutschen 
Landschaften selbständig entwickelt. Vor allen Dingen aus An- 
schauung oberitalienischer Denkmale und einzelner nach dem 
Norden gelangter Kunstwerke sog sie ihre Nahrung. Es ist 
durch Nichts erwiesen, dass italienische Künstler persönlich den 
neuen Stil in Deutschland eingeführt hätten. Unsere Dürer, 
Burgkmaier, Holbein, Peter Vischer und andere Meister verwen- 
deten in ihren Zeichnungen, Gemälden, Holzschnitten, plastischen 
Werken die Renaissanceformen, ehe noch irgend eins jener no- 
torisch von Italienern ausgeführten Denkmale entstanden war. Die 
mit grossem Fleiss in dankenswerther Weise aus archivalischen 
Quellen geschöpften Ermittlungen über das Auftreten italienischer 
Maurer in Schlesien, 1 ) für die Kulturgeschichte des Landes von 
hoher Bedeutung, beweisen für das Auftreten der Renaissance 
gar Nichts. Der Meister Vincenüus de Parmentana, der 1518 in 
Breslau Bürger wurde, steht allem Anscheine nach ganz verein- 
zelt da. Wohl mag er für die Einbürgerung der neuen Formen 
thätig gewesen sein, aber es fehlt an jedem sicheren An- 
haltspunkte zur Begründung dieser Vermuthung. Wenn aber 
auch — wie es ja wahrscheinlich — von ihm Bauten in Breslau 
ausgeführt worden sind, die dann zweifellos den Renaissance- 
stil zeigten, so haben wir die neuen Formen seit 1488 dort in 
einer Reihe von fest datirten Werken ersichtlich deutschen Ur- 
sprungs nachgewiesen. Die Einführung des Stiles ist hier also 
nicht durch Italiener erfolgt. Dass sodann seit 1543 eine grössere 
Anzahl italienischer Bauleute bis in die siebenziger Jahre nach- 
gewiesen wird, hat für unsere Frage ebenfalls keine Bedeutung. 
Denn seit 1 540 verstanden die einheimischen Meister überall den 
Stil selbständig anzuwenden und bedurften keiner fremden Lehr- 
meister. Die „ganzen Schaaren" von Italienern, welche die Re- 
naissance in Deutschland eingeführt haben sollen 2 ), schwinden 
also dahin. — 

Gleichzeitig mit dem Hause zur Krone entstand nun das 
mit 1528 bezeichnete Portal, welches im Erdgeschoss des Rat li- 
hauses zum Rathhaussaal führt. Das Gebäude selbst 3 ), im 
14. Jahrhundert begonnen, war erst seit 1471 eifriger gefördert 
worden und erhielt in dieser Schlussepoche der Gothik die 



') Die wälschen Maurer in Breslau, von Dr. A. Schultz in der Zeitschr. 
des V. f. Gesch. u. Altth. IX, lieft I, S. 144 ff. — *) Schultz, a. a. 0. i>. Hi. 
— 3 ) Liidecke und Schultz, das Rathhaus zu Breslau. Br. i s »',s. 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 657 

grossartige Ausstattung mit drei Erkerthürmen und im Innern 
den imposanten Flur und den Fürstensaal, welche gemeinsam es 
zu einem der ansehnlichsten und reichsten Rathhäuser Deutsch- 
lands stempeln, ein würdiges Zeugniss von der Macht und dem 
Kunstsinn der damaligen Stadt. Sollte die neuerdings veröffent- 
lichte 1 ) Estrade im mittleren Erker wirklich von 1480 datiren, so 
hätten wir hier das früheste Auftreten von Renaissanceformen, 
wenn auch noch stark versetzt, ja überwuchert von spätgothischen 
Elementen, denn die Kassettendecke ist schon völlig im Stil 
der Renaissance, obgleich die metallnen Rosetten noch krauses 
gothisches Laubwerk zeigen. Auch die Einfassung der mit 
gothischem Maasswerk durchbrochenen Balustrade trägt die Form 
des neuen Stils. Ich glaube daher diese Theile zu den späteren 
Ausstattungen rechnen zu müssen, welche seit Vollendung des 
westlichen Erkers (1504) noch hinzugekommen sind. Die voll aus- 
gebildete Renaissance finden wir sodann 1528 an dem schon er- 
wähnten Portale des Rathssaales. Die reiche Behandlung, welche 
die Pilaster und alle übrigen Flächen mit Laubwerk und Früchten, 
mit spielenden Putten, mit Sirenen in üppigen Ranken, mit Tro- 
phäen und Emblemen verschiedener Art dekorirt hat (leider jetzt 
mit Oelfarbe dick verschmiert, ursprünglich aber gewiss poly- 
chromirt), erinnert genau an den Stil des Portales an der Krone. 
Selbst die bauchige Kapitälbildung finden wir wieder, so dass auf 
die gleiche Hand geschlossen werden darf 2 ). An einen Italiener 
werden wir um so weniger zu denken haben, als archivalische 
Untersuchungen ergeben, dass damals' die Stadtbaumeister in 
Breslau stets Einheimische waren 3 ). Die innere Seite des Ein- 
gangs wird durch ein ähnliches nicht minder reiches Portal ge- 
schmückt. Im Jahre 1548 wurde sodann der Erker im Hofe auf 
wuchtigen, mit elegantem Akanthuslaub geschmückten Consolen 
ausgeführt. Seine Rundbogenfenster werden von kannelirten Pi- 
lastern, der mittlere mit ionischen, die beiden andern mit tos- 
kanischen Kapitalen eingefasst. Dieser Bau ist im Geiste strenger 
Hochrenaissance durchgeführt- und dürfte arn ersten einem Ita- 
liener zuzuschreiben sein. Von der weiteren Ausstattung des 
Innern kommt sodann besonders die herrliche Holzbekleidung 
der Wände des Rathssaales in Betracht, 1563 bezeichnet. Die 
mit Vorliebe angewandte Intarsia, die im Architektonischen und 
Ornamentalen die höchste Feinheit zeigt, dürfte wohl italienisch 



*) Bei Schultz a. a. 0. Taf. 1. nach einer trefflichen Zeichnung von 
Lud ecke. — 2 ) Den Namenszug des Meisters H. R. giebt Luchs in s. 
bild. Künstl. in Schlesien S. 13. — 3 ) Schultz, Schles. Kunstleben S. 18. 

Kugler, Gesch. d. Baukunst. V. 42 



658 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

sein. Merkwürdig, dass die in demselben Stil behandelte Thür, 
welche in das anstossende Gemach führt, ein volles Jahrhundert 
später, 1664, entstanden ist, wenn hier nicht ein Schreibfehler vor- 
liegt. Auch der kolossale, schwarz glasirte Kachelofen aus dem 
17. Jahrhundert, prächtig mit Muschelornamenten geschmückt, an 
den Ecken mit gelb glasirten Löwenköpfen, verdient Erwähnung. 
Ein tüchtig behandeltes Eisengitter aus derselben Zeit fasst als 
Bogen den Aufgang zur Treppe ein. Der seit 1558 aufgeführte 
Rathhausthurm von Andreas Stellaaf ist eine etwas nüchterne Con- 
ception. 

Zu den vollendetsten Werken der Renaissance in Breslau 
gehören zwei Grabmäler, die wohl sicher von italienischer Hand 
herrühren. Das grössere und prachtvollere sieht man im süd- 
lichen Seitenchor der Elisabethkirche. Der kaiserliche Kath 
und Rentmeister von Schlesien, Heinrich Rybisch (f 1544), Hess 
es sich bei Lebzeiten 1534, so liest man, errichten 1 ). Die Voll- 
endung scheint erst 1539 erfolgt zu sein, denn dieses Datum 
trägt einer der Pilaster. Es ist ein Wandgrab von grossartigem 
Maassstab, aus Tiroler Marmor errichtet, von drei stark vor- 
tretenden Säulen mit reichem Gebälk eingefasst (Fig. 179) 2 ). Die 
Schäfte sind von buntem, die elegant gezeichneten Kapitale 
scheinen von weissem Marmor. Ueber den Arkaden bildet sich 
ein feines Zahnschnittgesims, als Krönung darüber dient eine 
Akanthusranke mit Delphinen, in der Mitte das Wappen des Ver- 
storbenen. Hinter den Säulen gliedern elegante Pilaster die 
Wandfläche. Die schöne Laubfüllung ist an beiden Schäften 
dieselbe, ein in dieser Zeit auffallendes Verfahren. Man bemerkt 
jedoch bald, dass die Behandlung des rechts vwestlich) befind- 
lichen Pilasters von geringerer Feinheit ist, so dass hier die 
Hand eines Gehülfen vermuthet werden muss. Ueber einer 
kleineren durch Kandelabersäulen gebildeten Wandarkade, welche 
zwei Wappen und im Mittelfelde das trefflich gearbeitete Brust- 
bild des Entschlafenen enthält, ist dieser selbst in ganzer Gestalt 
liegend dargestellt, wie in Nachsinnen versunken, auf einen 
Globus gestützt, in der Hand ein Buch haltend. Die Schönheit 
der Anordnung, die Feinheit der Ausführung, der Adel der Or- 
namente, die überall in passender Weise ausgetheilt sind, die 
zierlichen Laubgewinde namentlich, welche jedes Feld schmücken, 



') Vgl. H. Luchs, die Denkmäler der Elisabethkirche Nr. 25. — *) Die 
Abbildung nach einer Skizze A. von Hey den 's unter Zuhilfenahme von 
Detailzeichnungen C. Lüdecke's durch Baidinger auf Holz übertragen. 




/ 



/ 



I \— A 



E-OE^TUTTGj. 



Fig. 179. Grabmal Rybisch , Elisabethkirche in Breslau. 



42* 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 661 

die köstlichen kleinen Brustbilder in den Zwickeln der Bögen, 
das Alles scheint auf italienische Hände zu deuten. Doch muss 
auch hier ausdrücklich hervorgehoben werden, dass der Gedanke 
an irgend einen ausgezeichneten einheimischen, aber in Italien 
gebildeten Meister nicht ausgeschlossen ist 1 ). Als auffallend haben 
wir noch die seltsam hohe mit Blattwerk dekorirte Basis der 
Säulen zu bezeichnen. 

Dieselbe Hand erkennt man in dem kleineren, jedoch kaum 
minder anziehenden Grabmal, welches Stanislaus Sauer sich 1533 
im südlichen Querflügel der Kreuzkirche errichten Hess. Es 
erscheint wie der bescheidene Vorläufer jenes prachtvolleren 
Denkmals. Gleich jenem als Wandgrab angelegt zeigt es eine 
in den Maassen und der Ausstattung reduzirte Form. Von zwei 
kannelirten Säulen, aus welchen ein Löwenkopf herauswächst, 
wird es umrahmt. Wie dort überschneiden auch hier die Säulen 
die mit Medaillons geschmückten Pilaster der Wandfläche. Die 
Rückwand wird in völlig verwandter Weise durch Arkaden mit 
Candelabersäulchen gegliedert, aus welchen Lorberguirlanden 
mit Inschrifttafeln herabhängen. Das Mittelfeld zeigt ein etwas 
härter gearbeitetes Brustbild des Verstorbenen. Darüber, in den 
Bogenzwickeln, zwei treffliche antike Köpfe. In den Ecken des 
Frieses, der die lateinische Inschrift enthält, Köpfe, die als 
Alexander Magnus und Augustus Caesar bezeichnet werden; im 
Giebelfeld, von geschweiften Kanneluren umgeben, ein höchst 
grossartig aufgefasster Kopf des Königs Matthias von Ungarn, 
gleich den übrigen mit Lorber bekränzt. In verschiedenfarbigem 
Marmor ausgeführt, durch fein abgewogene Vergoldung noch ge- 
hoben, gehört dies Monument gleich dem oben besprochenen zu 
den edelsten Schöpfungen der Renaissance auf deutschem Boden. 
Obwohl das Ornament nicht die volle Feinheit hat, vielmehr ein- 
facher, breiter und derber gezeichnet ist als bei jenem, muss 
man doch auf denselben Meister schliessen. Auch die eigen- 
tümliche Form der Säulenbasis spricht dafür. 

Offenbar derselbe Künstler ist es, der sich an einem dritten 
Denkmal bethätigt hat: an der Fagade des Privathauses Junker- 
strasse 2, von jenem Heinrich Ry bisch 1540 erbaut. Nur der 
untere Theil der Fagade ist unversehrt erhalten, dieser freilich 
ohne Frage an Reichthum und Schönheit unter allen gleich- 
zeitigen bürgerlichen Privatbauten Deutschlands ohne Gleichen. 
Die beiden Pilaster, welche die Thür umfassen, zeigen in ihrem 



Den Namenszug des Verfertigers M. F. giebt Luchs in seinen Bild. 
Künstlern p. 15. 



(362 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Ornament eine etwas überladene Composition, aber sprudelnd von 
Geist und Leben. Merkwürdig ist darin die miniaturhaft ausge- 
führte Darstellung- einer geburtshülflichen Scene; noch merk- 
würdiger aber, dass dieselbe mit der ganzen übrigen Ornamentik 
in beiden Pilastern gleichlautend sich wiederholt. Aber die Aus- 
führung des einen, und zwar des links befindlichen, ist ähnlich 
wie an dem Grabmal des Hausherrn von geringerer Gehülfen- 
hand. Diese Pilasterstellung ist nun an der Facade fortgesetzt, 
die Schäfte jedoch sind kürzer gehalten, kannelirt und auf hohe 
Sockel gestellt. Zwischen Fenster und Thür enthält eine Nische 
mit schöner Muschelwölbung einen Löwen mit dem Wappen des 
Hausherrn. Die sichere Meisterschaft der Composition, die gut 
vertheilten und fein ausgeführten Ornamente, die köstlichen, reich 
variirten Kapitale, namentlich das mit den Sirenen, die Akanthus- 
ranke im Fries, das Alles darf man wohl für italienische Arbeit 
ansprechen. Weder das reiche Doppelportal im Rathhaus noch 
dasjenige der Krone kann sich entfernt mit diesem messen. 

Von Bürgerhäusern ist hier der Zeit nach das 1532 er- 
baute zum Goldenen Baum, in der Oderstrasse 17, anzuschliessen. 
Doch hat sich von der alten Ausstattung nur ein zierliches Bogen- 
relief im Hofe erhalten, in welchem eine hübsche Frauengestalt 
zwei Wappen hält. Den Hintergrund schmückt eine elegante 
Blumenguirlande; die Einfassung wird durch Zahnschnitt und 
Eierstab gebildet. Wie damals die Giebelfa^aden behandelt 
wurden, sieht man in einem besonders interessanten Beispiel an 
dem Hause No. 23 am Ring mit der Jahrzahl 1541 und dem 
bekannten evangelischen Spruch: V. D. M. I. E. (verlmm domini 
manet in eternum). Die Behandlung ist einfach, aber stilvoll; 
das Portal, durch späteren Zopfaufsatz Aerändert, hatte ursprüng- 
lich gleich den Fenstern der drei oberen Geschosse ein schlichtes 
Kahmenprofil, welches gleich den Gesimsen und den übrigen ein- 
rahmenden Gliedern durch eingekerbte Kanneluren wirksam be- 
lebt wird. Die Flächen sind durch Pilaster gegliedert, die Staf- 
feln des Giebels eigentümlicher Weise durch liegende Voluten 
bekrönt 1 ) (Fig. ISO). Eine etwas andere Behandlung sieht man 
an der kleinen Facade Schweidnitzer Strasse No. 4S. Auch hier 
gliedern Pilaster die Flächen, und die Fenster haben antikisirende 
Rahmen; die Absätze des Giebels dagegen sind mit Halbkreisen, 
wie die Frührenaissance sie liebt, gekrönt. 



*) Die Mittheilung der Zeichnung verdanke ich der Güte des Herrn 
Stadtbaurath C. Lüdecke, der ineine Studien in zuvorkommender Weise 
unermüdlich gefördert hat. 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 



663 



Unabsehbar reich ist Breslau an Epitaphien aus dieser 
mittleren Zeit. In keiner deutschen Stadt ist nur annähernd eine 
solche Fülle von Monumenten des kunstliebenden Bürgerthums 




Fig. 180. Haus am Ring zu Breslau. 



dieser Epoche zu finden. Hier wären für die nachbildende Kunst 
grosse Schätze zu heben, wäre es auch nur durch photographische 
Aufnahme, welche bis jetzt die Breslauer Monumente schmach- 
voll vernachlässigt hat. Ich deute nur auf einige der früheren 



(364 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Werke hin. An der Südseite der Magdalenenkirche fällt das 
Epitaph des Doctor Hirsch von 1535 durch die dürftige Behand- 
lung der Renaissanceformen auf, während ebendort an der Nord- 
seite fast gleichzeitig (1534) die unvergleichlich elegante kleine 
Bronzetafel entstand, welche nur eine Inschrift enthält, aber ein- 
gefasst von einer Umrahmung, die zu den schönsten dekorativen 
Arbeiten der Zeit gehört. Ebenso verzichtet Niklas Schebitz in 
seiner Denktafel von 1549 an der Ostseite der Kirche auf jeden 
bildnerischen Schmuck, aber die Inschrift, die beiden Wappen 
und die fein ornamentirten Pilaster des Rahmens machen ein 
Ganzes von hohem künstlerischem Reiz. Sehr zierlich ist auch 
ebendort die klebe Tafel Abraham Hornigk's vom Jahre 1551, 
welche den Gekreuzigten, von dem Verstorbenen und seiner 
Gattin verehrt, enthält. Noch manche andere aus der Mitte des 
Jahrhunderts bis zum Anfang des folgenden geben werthvolle 
Aufschlüsse über die Entwicklung der Formen. Nur beispiels- 
weise will ich auf das Epitaph des Valentin Nitius von 1557 
hinweisen, wo das Ornament mit einer für die späte Zeit auf- 
fallenden Dürftigkeit und Steifheit behandelt ist. Sehr elegant 
dagegen ebendort das grosse reiche Epitaph mit der Aufer- 
stehung Christi, von vierfachen zierlichen Pilastern eingefasst. 
Prächtig, aber schon stark barock, das Epitaph von Christoph 
Sachs (1595) mit der Darstellung Christi am Oelberg. Eine un- 
gewöhnlich elegante Arbeit ist auch das südliche Seitenportal der 
Kirche vom Jahre 1578. 

An der Elisabethkirche erscheint zunächst von Bedeutung 
die Bronzetafel von 1534, dem Landeshauptmann Sebastian Monau 
errichtet, vielleicht von dem Meister des gleichzeitigen Denkmals 
an der Magdalenenkirche. Christus am Kreuz, von dem Ver- 
storbenen, seiner Frau und Tochter verehrt, in landschaftlichem 
Hintergrund, eingerahmt von zierlichen Pilastern. Aus dem 
folgenden Jahre 1535 datirt das Denkmal des Peter Rindfleisch 
an der Nordseite der Kirche, ebenfalls ein tüchtiges Werk der 
Frührenaissance. Weit unbehülflicher in Composition und Aus- 
führung ist ebendort das Epitaph des 1557 verstorbenen Stenzel 
Monau, wahrscheinlich erst nach dem 1572 erfolgten Tode seiner 
Gattin ausgeführt. Denn stilistisch entspricht es dem an der 
Südseite befindlichen Grabmal des Hans Hertwig vom Jahre 
1575. Auch hier fällt die primitive und trockene Behandlung 
eines offenbar zurückgebliebenen Meisters auf. Zum Opulentesten 
in seiner Art gehört dagegen das im nördlichen Seitenschiff be- 
findliche grosse Wandgrab des 1561 gestorbenen Ulrich von 
Schafgotsch. Es beweist neben vielen anderen Monumenten wie 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 665 

lange hier die spielende Dekoration der Frührenaissance sich im 
Gebrauch erhalten hat. 

Die letzten Zeiten der Renaissance haben in Breslau haupt- 
sächlich eine Anzahl von Fa^aden hervorgebracht, welchen trotz 
grosser Mannigfaltigkeit im Aufbau und der Dekoration gewisse 
Grundzüge eigen sind. Meistens schmal auf eingeengtem Grund- 
plan angelegt, suchen sie in bedeutender Höhenentwicklung sich 
Raum zu schaffen. Daher die vielen überaus hohen Giebel, 
welche dem Ring und den Hauptstrassen noch jetzt ein so im- 
posantes Gepräge geben. Eine feinere Ausbildung des Einzelnen 
tritt dagegen immer mehr zurück; selbst auf reichere Gliederung 
oder Ausstattung wird in der Regel verzichtet. Nur an den Por- 
talen stellt sich zuweilen eine derbe, aber oft schon barocke 
Ausschmückung ein. Am auffallendsten ist, wie wenig diese 
Fagaden von plastischer Gliederung der Flächen Gebrauch 
machen. Die sonst in der Renaissance beliebte verticale Theilung 
durch Pilaster verschwindet seit der Mitte des Jahrhunderts fast 
gänzlich; nur die Horizontalgesimse zwischen den Stockwerken 
werden beibehalten. Ja die Abneigung gegen plastische Aus- 
bildung geht so weit, dass selbst der Erker, sonst im Norden so 
beliebt, im Privatbau gar nicht vorkommt. Dagegen war man 
ohne Zweifel darauf bedacht, die Fagaden durch farbigen Schmuck 
oder wenigstens durch Sgraffiten zu beleben. Ein ausgezeich- 
netes, wenn auch aus späterer Zeit stammendes Beispiel solcher 
gemalter Fagaden bietet ,das Haus am Ring No. 8, das bei 
seiner ungewöhnlichen Breite dem Maler um so willkommner sein 
musste. Das Hauptmotiv bilden, noch im Sinn der Renaissance, 
gemalte Säulen von rothem Marmor mit goldenen Kapitalen; da- 
zwischen Nischen mit Kaiserbildnissen; an den Fensterbrüstungen 
figürliche Reliefs. Das Ganze von vorzüglicher Wirkung, neuer- 
dings durch die anerkennen swerthe Sorgfalt des Besitzers treff- 
lich wieder hergestellt. Daneben werden dann die hohen Giebel 
durch die mannigfaltigste Silhouette charakteristisch unterschieden. 
In diesem bewegten Umriss der kühn aufragenden Hochbauten, 
welchen die Gothik bereits anstrebte, hat die Renaissance eine 
eigenthümliche und selbständige Schönheit erreicht. Die Haus- 
flure sind ursprünglich überall gewölbt gewesen, theils mit Kreuz- 
gewölben, theils mit Tonnengewölben und Stichkappen. Sie ent- 
halten den oft stattlich gehaltenen Aufgang zur Treppe. In den 
Höfen kommen bisweilen Galerieen auf Kragsteinen vor, wie an 
der „Krone", bisweilen aber auch Holzgalerieen, wie z. B. in dem 
Haus Tannengasse 3. Doch ist bei der Schmalheit des Grund- 
risses gewöhnlich diese Anordnung nur an einer Seite durchgeführt. 



666 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Zu den reicher durchgebildeten Fagaden gehört die in der 
Kleinen Groschengasse 15. Bei massigen Verhältnissen zeichnet 
sie sich vor den meisten andern durch edle plastische Gliederung 
aus, die im Erdgeschoss kannelirte Pilaster, im ersten Stock reich 
ornamentirte ionische Halbsäulen auf stark herausgebogenen Con- 
solen, im zweiten stelenartige Pfeiler zeigt. Alle Glieder sind 
im Stil des Friedrichsbaues zu Heidelberg mit Flächenornamenten 
bedeckt, das Ganze wirkt reich und elegant. Eine Anzahl in- 
teressanter Häuser findet man am Ring. No. 39 hat ein kleines 
Portal mit prächtigen Fruchtschnüren an der Archivolte, mit Me- 
tallornamenten an der Laibung, Schilde mit aufgerollten Rahmen 
in den Zwickeln. Der Flur ist mit einem herrlichen gothischen 
Sterngewölbe bedeckt, die Thüren zeigen mittelalterliche Rahmen 
mit gekreuzten Stäben, alles dies offenbar vom Anfang des 
16. Jahrhunderts. Dieselbe Behandlung haben die Fenster und 
Thüren des Hofes, der gegen Ausgang der Epoche an einer 
Seite eine kräftige Holzgalerie erhalten hat. Ein prächtiges Portal 
in derber Rustika, mit dorischen Pilastern eingefasst, in den Me- 
topen des Frieses Stierschädel und Löwenköpfe, sieht man an 
No. 52. Im Uebrigen ist diese Fagade im 18. Jahrhundert flau 
überarbeitet worden, aber drei kleine Volutengiebel geben ihr einen 
heiteren Abschluss. Im Hof vermittelt eine Arkade auf dorischer 
Säule den Aufgang zur Treppe. Eine imposante Fagade aus der- 
selben Zeit bietet No. 2, das Portal etwas zahmer, aber reich 
und lebendig, die ganze Tiefe der Laibung mit Metallornamenten 
bedeckt, Alles von feiner Ausführung. Die Fagade hat durch 
Modernisirung gelitten, aber der gewaltige Giebel ohne alle Pi- 
lastergliederung wirkt originell durch die phantastische Silhouette, 
die zum Theil in die Figuren eines aufrecht schreitenden Löwen 
und eines geflügelten Greifen, der Wappenthiere Breslau's, aus- 
läuft. Im Hof dieselbe Treppenanlage wie in No. 52, dabei aus 
früherer Zeit zwei hübsche Wappen in einer zierlichen ionischen 
Pilasterstellung. Das Nebenhaus No. 3 hat einen minder gross- 
artigen Giebel, der aber durch Pilaster und Gesimse wirksam 
gegliedert und mit maassvoll behandelten Voluten bekrönt ist. 
Im Flur sieht man ein Tonnengewölbe mit Stichkappen, elegant 
mit flachen Stuckornamenten dekorirt. Am Treppenaufgang er- 
hebt sich eine prächtige dorische Säule. Eiuen der kolossalsten 
Giebel bietet No. 27: die mächtigen Flächen nur durch Gesimse 
abgetheilt, die Giebellinie durch die seltsamsten Voluten, Schweife 
und Schnörkel phantastisch belebt. Von demselben Baumeister 
rührt No. 28 mit etwas kleinerem aber ganz ähnlichem Giebel. 
Originell ist auch No. 21, eine schmale, hohe Fagade, der Giebel 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 667 

durch einfache Pilaster getheilt und wirksam silhouettirt, ausser- 
dem durch einige Masken geschmückt. Einen hohen, geschweiften 
Giebel zeigt sodann No. 9, blos durch Gesimse eingetheilt, die 
Fenster mit eingekerbten Rahmen, wie sie hier öfter vor- 
kommen. 

Eine etwas abweichende, vereinzelt stehende Behandlung, 
hat der sehr derb geschweifte Giebel Junkernstrasse 4. • Die 
Formen des Metallstils sind hier im Grossen zur Anwendung ge- 
kommen, wie man sie sonst vorzugsweise an der Ostseeküste 
durch Einfluss niederländischer Meister antrifft. In der That 
kommt ein holländischer Meister im Dienste der Stadt vor, Hein- 
rich Muntig von Groningen, der 1583 das Neue Thor bei dem 
Fischerpförtlein baute 1 ). Auch andere niederländische Maurer 
und Bildhauer finden sich ein. Ebenso trat 1591 der Danziger 
Meister Hans Schneider von Lindau in den Dienst der Stadt und 
errichtete in der Art des von ihm dort erbauten Hohen Thores 
das Sandthor, welches 1816 abgetragen wurde 2 ). Er brachte 
eine starke Vorliebe für Rustika mit und liebte es die Quader 
mit sternförmigen Mustern zu schmücken. Das Haus an der 
Sandkirche No. 2 besitzt ein originelles Portal dieser Art, in 
kräftigster Rustika durchgeführt, die Quaderflächen abwechselnd 
glatt oder mit jenem Sternmuster belebt. Ein ähnliches Portal, 
nur etwas unbedeutender, Schuhbrücke 32; ein anderes Goldene 
Radegasse 15, ein viertes, vom Jahre 1592, am Ring 58. Ganz 
abweichend ist das Haus Hintermarkt 5, in strenger Hochrenais- 
sance durchgeführt, in der Auffassung der Form und der Com- 
position nicht unähnlich dein sogenannten Hause Ducerceau's in 
Orleans. Ein einfaches, frühes Portal vom Jahre 1559 sieht man 
am Neumarkt No. 45; dagegen finden sich in der Domstrasse 
mehrere effectvoll durchgeführte Portale der Schlussepoche, welche 
sämmtlich eine derbe Rustika zeigen, die indess mannichfach 
modificirt wird. An No. 3, vom Jahre 1599, tritt sie in Verbindung 
mit römischen Pilastern und energischen Masken auf; an No. 19, 
von 1606, sind die Quader abwechselnd glatf gelassen und mit 
flachen Metallornamenten dekorirt; No. 5 zeigt ganz ähnliche 
Behandlung, wahrscheinlich von demselben Meister. 

Von Kirchthürmen der Epoche ist zunächst der elegant mit 
doppelter Laterne entwickelte der Elisabethkirche als ein tüch- 
tiges Werk von schönen Verhältnissen zu erwähnen. Seine Spitze 
wurde an Stelle des 1529 eingestürzten schlanken gothischen 



} ) Nie. Pol, Jahrb. IV, 113, vgl. Luchs, bildende Künstler 33 und A. 
Schultz, Schles. Kunstleben 19. — 2 ) Schultz, a. a. 0. 19. 



668 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Helmes 1535 errichtet. Minder günstig wirken die Thurmhelme der 
Magdalenenkirche von 1565, deren Profil freier geschwungen 
sein könnte. Vom Rathhausthurine war schon die Rede. 

Schliesslich sei noch auf einige im Museum vorhandene 
Werke der dekorativen Kunst hingewiesen. Ausser manchen treff- 
lichen, im besten Renaissancestil durchgeführten Waffen, nennen 
wir den prächtigen grossen kupfernen Krug von Bartholomäus 
von Rosenberg (1595), mit köstlichen Flächenornamenten bedeckt, 
unter welchen nur das Figürliche etwas schwächer ist. Sodann 
einen reich mit Silberfiligran, mit getriebenen und gravirten Ver- 
zierungen geschmückten Pokal, allerdings keine einheimische, 
sondern eine Augsburger Arbeit vom Ende des 16. Jahrhunderts. 
Endlich aus derselben Zeit ein Tisch mit eingelegter Arbeit von 
grösster Schönheit, namentlich herrliche Blumenstücke von guter 
architektonischer Anordnung, auch der Tischfuss von klarem 
Aufbau. — 



Liegnitz. 

In den übrigen Städten Schlesiens wird die Renaissance 
durch die Fürsten eingeführt. Zuerst geschieht dies in Liegnitz. 
Wenn man von der Nordseite die Stadt betritt, hat man sogleich 
zur Rechten das prachtvolle Werk, mit welchem der neue Stil 
hier beginnt. Es ist das in Fig. 181 abgebildete mit der Jahr- 
zahl 1533 bezeichnete Hauptportal des Schlosses. Nach der 
Sitte der Zeit aus einem grossen Thorweg für Fuhrwerke und 
einem kleineren Pförtchen für Fussgänger bestehend, tritt es in 
einer Formbehandlung auf, die weder deutsch noch italienisch 
ist. Die mehrfach gegürteten Säulen mit dem ausgebauchten 
unteren Theil der Schäfte, den runden Fussgestellen, der selt- 
samen Ornamentik, die gewaltigen Consolen des Frieses, die 
energische Behandlung der Kapitale, endlich die rosetten- 
förmigen Ornamente der Attika zeigen eine Behandlung, die 
am ersten an burgundisch - brabantische Werke erinnert und 
ihre Analogie an dem Hofe des Bischofspalastes zu Lüttich (jetzt 
Justizpalast) findet. Die reiche Ornamentik ist ohne eigentliche 
Feinheit, die Formen weichlich und breit gedrückt, besonders 
das Blattwerk an den ausgebauchten Theilen der Säulenschäfte 
und die Blumengewinde an den oberen Partieen der Säulen, die 
an Ketten aufgehängt erscheinen. Ungleich besser und elastischer 
erscheinen die Akanthusblätter an den freicomponirten Kapitalen 
und den Consolen. Ein bezeichnendes Motiv sind auch die mehr- 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 



669 



fach verwendeten Kanneluren, die nicht blos am Stylobat und 
dem mittleren Theile des Säulenschaftes vorkommen, sondern 
auch den hohen Fries zwischen den Kapitalen schmücken. Wie 
der Architekt mit der Unregelmässigkeit der Portalanlage ge- 
kämpft hat und durch ein Kapital über dem Schlussstein des 
grossen Thorbogens sich sinnreich genug zu helfen suchte, er- 
kennt man aus der Abbildung. In der Attika aber kommt das 




Fig- 181. Schlossportal zu Liegnitz. 



Unsymmetrische der Anlage 'in der Anordnung des Wappens und 
der beiden Brustbilder empfindlich zu Tage. Diese Theile sind 
übrigens vortrefflich ausgeführt, namentlich die Brustbilder des 
Erbauers Friedrich's II (1488 — 1547) und seiner zweiten Ge- 
mahlin Sophia von Brandenburg 1 ), trotz starker Zerstörung von 
anziehender Lebensfrische. 

Wir haben hier also eine Schöpfung jenes ausgezeichneten 
Fürsten, der zu den edelsten Förderern der Geisteskultur in 
Schlesien gehört. Noch ehe er zur Regierung l$jam, bezeugte er 
durch die in seinem zwanzigsten Lebensjahr angetretene aus 
„sonderbarer Innigkeit" unternommene Pilgerfahrt nach dem 
heiligen Lande einen regen Sinn für ideale Interessen. Später 
an der Spitze eines schlesischen Städtebundes wusste er das 
Land von den Raubrittern zu säubern, und sodann während 
seiner Regierungszeit sein Gebiet nicht blos zu vergrössern und 
durch einsichtsvolle Verwaltung zu hoher Blüthe zu bringen, 



') Abgeb. in Luchs Schles. Fürstenbilder, Taf. 19 a und b. 



670 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

sondern auch das geistige Leben kräftig zu fördern. Er war es, 
der als der erste evangelische Fürst Schlesiens die Reformation 
einführte, die kirchlichen Verhältnisse in milder, weitherziger 
Weise ordnete und für die Hebung des Schulwesens ansehnliche 
Opfer brachte. Zwar scheiterte die von ihm energisch aufge- 
nommene Idee der Gründung einer Universität, aber die unter 
Trotzendorf blühende Schule zu Goldberg förderte er in nach- 
drücklicher Weise. Ein Werk dieses edlen Fürsten war der 
Neubau und die Befestigung seines Schlosses, zunächst unter dem 
Eindruck der Türkengefahr, vielleicht schon 1527, jedenfalls 
1529 1 ) begonnen. Der Bau war so bedeutend, dass er erst nach 
dem Tode des Herzogs zum Abschluss kam. 

Dass schon im Anfang des 13. Jahrhunderts hier ein Schloss 
vorhanden war, geht aus mehreren urkundlichen Aufzeichnungen 
hervor. Eine bedeutendere Bauthätigkeit wird von Ludwig II 
bezeugt, der 1415 den grossen Thurm erbaute, welcher jetzt den 
Namen des Hedwigthurmes führt. Es war wohl derselbe, dessen 
Gesimse mit dem Zinnenkranz durch einen französischen Meister 
errichtet wurde, welchen der Herzog auf einer Reise in Frank- 
reich in St. Denis kennen gelernt und nach Liegnitz geschickt 
hatte. Dieser Thurm ist noch jetzt ein wohl erhaltener Theil 
der mittelalterlichen Anlage, rund, von Backsteinen aufgeführt, 
mit schönem auf Consolen ruhendem Umgang, der noch jetzt die 
Geschicklichkeit des französischen Meisters bezeugt. Ein acht- 
eckiger Spitzhelm bildet den Abschluss. Eine weitere Bau- 
thätigkeit beginnt dann seit 1470 unter Herzog Friedrich I. 
Dieser gehört wahrscheinlich der südliche Flügel, an welchem 
man mehrere Thüren und Fenster aus spätgothischer Zeit mit 
fein profilirten, an den Ecken durchschneidenden Stäben bemerkt. 
Die Renaissance führte dann, wie wir sahen, Friedrich II schon 
zeitig im Schlosse ein. 

Betrachten wir den Bau nun im Zusammenhange, so bietet 
er mit Ausnahme des schon erwähnten Hauptportals für uns 
wenig Interesse. Das Portal selbst, in gelblichem Sandstein aus- 
geführt, während die übrigen Theile den Backstein zeigen, steht 
für sich vereinzelt da. Ob die im Eingangsbogen zu lesenden 
Buchstaben I. V. E. F. und S. P. G. T. sich auf die Baumeister 
beziehen, muss dahingestellt bleiben. Ueberraschend ist aber eine 
alte Nachricht 2 ), nach welcher der Herzog die Baumeister zum 
Schlosse aus Brabant berufen hätte, was mit dem Stile des Por- 



*) Vgl. J. P. Wahrendorff, Liegnitzische Merkwürdigkeiten, S. 88. 
2 ) Lucae's Chronik, p. 1295. 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 57 1 

talbaues völlig übereinstimmt. Die mit einem Tonnengewölbe 
bedeckte langgestreckte Durchfahrt öffnet sich mit einem schweren, 
später ausgeführten Rustikaportal auf den gewaltig grossen Haupt- 
hof, der auf drei Seiten von zweistöckigen Gebäuden in Back- 
stein umschlossen wird. Hinter dem Hauptportal erhebt sich ein 
achteckiger gothischer Thurm: der im 15. Jahrhundert aufge- 
führte Petersthurm. Alle diese Gebäude sind nach dem neuesten 
Brande des Schlosses erst in unserer Zeit hergestellt und nichts 
weniger als glücklich modernisirt worden. Die Fenster in diesem 
vorderen Hofe, meist zu zweien gruppirt, haben grösstenteils 
spätere Umrahmung; nur einige im Südflügel, mit ionischen Pi- 
lastern eingefasst, dürften mit dem Portal gleichzeitig sein. Von 
den spätgothischen Formen dieses Theils war schon die Rede. 
Die westlichen Partieen der Seitenflügel haben an den Fenster- 
rahmen die Flach Ornamente im Metallstil der Barockzeit. Diese 
Theile gehören ohne Zweifel zu den Umbauten, mit welchen 
Herzog Georg Rudolph, angeblich durch italienische Baumeister, 
um 1614 das Schloss schmückte, nachdem er seine „aus he- 
roischem Gemüthe" angetretene Reise durch Deutschland, Italien, 
die Schweiz, Frankreich und die Niederlande beendet und die 
Regierung angetreten hatte 1 ). Einer noch späteren Zeit gehört 
das reich dekorirte Bogenportal der Kapelle, inschriftlich 1658 
durch Herzog Ludwig errichtet. Aus der früheren Epoche 
stammt nur noch der polygone Treppenthurm in der südöstlichen 
Ecke des Hofes. Dagegen ist von der steinernen Galerie, welche 
sich im Erdgeschoss an der Südseite hinzog, ebenso wenig er- 
halten, wie von der prächtigen Ausstattung des Innern, besonders 
des Speisesaales und des grossen Festsaales, welche noch im 
vorigen Jahrhundert gepriesen wurden 2 ). Die Westseite schliesst 
ein moderner einstöckiger Bau, mit einer ungeschickten auf Con- 
solen gestellten Säulenreihe dekorirt. Ein viereckiger Thurm er- 
hebt sich daraus. Hier findet die Verbindung mit dem zweiten 
Hofe statt, der unregelmässig und von untergeordneten Gebäuden 
umgeben ist. Interesse bietet nur der schor>- erwähnte an der 
Südwestecke stehende Hedwigsthurm. Wenn wir schliesslich 
noch ein phantastisch barockes Portal an der Aussenseite des 
Nordflügels erwähnen, welches mit den unter Georg Rudolph er- 
bauten Theilen des inneren Hofes gleichzeitig ist, so haben wir 
das Wesentliche berührt. 

Eine gesteigerte Bauthätigkeit finden wir nun auch in bürger- 



') Lncaes's Chronik, S. 1306. — 2 ) Ebend. S. 1211. 



672 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

liehen Kreisen als unmittelbare Einwirkung der umfangreichen 
Schlossbauten; aber die späteren Zeiten haben gerade hier die 
ursprüngliche Kunstform der Facaden meistens verwischt, so 
dass fast nur die Portale ihren alten Charakter bewahren. Die 
durch eine klare und stattliche Anlage ihres Ringes und der 
Hauptstrassen imponirende Stadt hat dadurch viel von ihrem 
früheren Gepräge eingebüsst. Auch die Sgraffiten, welche hier 
vielfach vorhanden waren, sind fast spurlos verschwunden. Ganz 
besonders auffallend ist aber, dass, vielleicht mit Ausnahme eines 
einzigen schon stark barocken Beispiels, in Liegnitz die Giebel- 
fagaden völlig fehlen. Die Hausflure sind wie in Breslau durch- 
gängig gewölbt und zwar mit Kreuzgewölben. Eine Ausbildung 
des Holzbaues scheint hier noch weniger als dort versucht worden 
zu sein. 

Von Werken der Frührenaissance ist das Bedeutendste die 
Fac^ade am Ring No. 16; im Erdgeschoss völlig mit Pilastern de- 
korirt, alle Flächen mit Ornament überzogen, der Portalbogen 
mit Zahnschnitt und Eierstab gegliedert, die Zwickel mit Brust- 
bildern belebt, der Fries mit reichen Laubranken geschmückt, 
das rein Ornamentale von grosser Mannigfaltigkeit der Erfindung 
und Frische der Ausführung, das Figürliche von kindischer Un- 
behülflichkeit. Das Werk wird um 1550 entstanden sein. Von 
1556 datirt das Portal am Ring No. 13, ebenfalls Frührenaissance, 
mit korinthisirenden Pilastern eingefasst, der Bogen mit männ- 
lichen und weiblichen antikisirenden Brustbildern geschmückt, 
die Pilaster selbst mit hübschen Reliefmedaillons und gutem 
Laubornament. Um so ungeschickter sind in den Bogenzwickeln 
Adam und Eva; vollends unglaublich schlecht die wilden Männer, 
welche über dem Portal das Wappen halten. Sehr dürftig und 
kümmerlich tritt die Renaissance noch 1544 an dem kleinen 
Portal Frauenstrasse No. 9 auf. 

Die zweite Hälfte des Jahrhunderts war für Liegnitz wenig 
erfreulich. Nach dem Tode des trefflichen Herzogs Friedrichs II 
wurde schon durch seinen Sohn und Nachfolger, Friedrich III 
das Land in Zerrüttung gestürzt, die dann unter Herzog Hein- 
rich XI, wie wir schon durch Schweinichen wissen, nur noch zu- 
nahm. Erst gegen Ausgang der Epoche finden wir in Liegnitz 
wieder Spuren einer zunehmenden Kunstblüthe. Zunächst ist von 
1581 das Gymnasium zu erwähnen, das wenigstens durch ein- 
fach kräftiges Portal und wirksam umrahmte Fenster einen ge- 
wissen monumentalen Charakter zeigt, Mit dem Anfang des 
1 7. Jahrhunderts beginnt eine Nachblüthe der Architektur, welche 
mehrere Werke von ungewöhnlicher Feinheit hervorbringt. So 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 



673 



das kleine aber sehr elegante Portal Schlossstrasse 15, mit treff- 
lich behandeltem Laubwerk vom Jahre 1613. Das Meisterstück 
und überhaupt eine der schönsten Schöpfungen dieser Zeit ist 
aber das Portal am Eckhause der Frauenstrasse gegen den Ring 




Fig. 182. Liegnitz. Portal eines Privathauses. 



(Fig. 1 82). Schon seiner Composition nach gehört es zu den besten 
Arbeiten unserer Renaissance; aber die geniale Leichtigkeit und 
Feinheit der Ausführung, die wundervoll frei geschwungenen 
Akanthusranken, die geistreich behandelten Köpfe und Masken, 



K agier, Gesch. d. Baukunst. V. 



43 



674 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

die geflügelten Karyatiden der Einfassung, das Alles ist von einer 
in ganz Deutschland wohl nirgends wieder vorkommenden Schön- 
heit. Dass von solchen Werken keine Abbildungen, nicht ein- 
mal Photographieen existiren, ist ein Beweis wie weit wir noch 
im Rückstand sind 1 ). Auch die Verwendung eines sehr feinen 
Flachornaments im Charakter gepressten Leders an den inneren 
Flächen zeugt von einem bedeutenden Meister. Eine Anzahl 
kleinerer Werke derselben Zeit und ähnlicher Richtung, wenn auch 
von minderer Bedeutung, findet sich überall in den Strassen 
zerstreut. So Schlossstrasse 25 ein derberes Bogenportal mit 
stärkerer Anwendung von Flachornamenten im Metallstil jener 
Epoche. Von ähnlicher Behandlung Frauenstrasse 35 ein kleines 
Portal von 1610, im Schlussstein ein hübsches weibliches Köpfchen. 
In derselben Strasse No. 21 ein zierliches Portal mit reich ge- 
gliedertem Bogen, im Schlussstein eine groteske Maske. Am 
Ring 27 ein ähnliches mit prächtigem Löwenkopf als Schluss- 
stein, welches fast ebenso, offenbar von derselben Hand, Burg- 
strasse 8 wiederkehrt. In derselben Strasse 13 und 26, hier vom 
Jahre 1608, dieselbe Composition. Endlich ein etwas stattlicheres 
Werk Schlossstrasse 5, wo zugleich die trefflich geschnitzte 
Hausthür mit ihren Eisenbeschlägen und dem Klopfer ein cha- 
rakteristisches Ganzes ausmacht. — 



Brieg. 

Das Hauptwerk der Renaissance in Schlesien ist ohne Frage 
das B rieger Piastenschloss, selbst in seiner verstümmelten 
und misshandelten Gestalt noch immer eine der edelsten und 
grossartigsten Schöpfungen dieser Epoche in Deutschland. Und 
wiederum ist es das Werk eines der besten Fürsten des Landes. 
Georg II, der Sohn eines ebenso trefflichen Vaters, Fried rieh's II 
von Liegnitz, welchem Brieg als Erbtheil zufiel, hat in seiner 
segensreichen fast vierzigjährigen Regierung (1547 — 1586) sein 
Herzogthum Brieg in einen Stand gesetzt, dass man, wie ein 
Zeitgenosse sagt, das alte Land nicht mehr erkannte und das 
neue nicht ohne Bewunderung ansehen konnte. Als Zeugniss 
seines hohen Kunstsinnes steht noch jetzt das von ihm erbaute 
Schloss da. Noch unter Friedrich II, 1547, begann der Bau, 



') Fig. 182 ist nach einer geistreichen Reiseskizze C. Liidecke's ent 
worfen. 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 675 

der sich an der Stelle eines früheren vom Jahre 1369, ebenfalls 
schon in Stein ausgeführten, in der ganzen Pracht des Rennais- 
sancestils erheben sollte. Wie aber sein Vater für das Liegnitzer 
Schloss niederländische Meister berufen hatte, so zog Georg für 
seinen Bau italienische Künstler in's Land. Wir sind durch ur- 
kundliche Ueberlieferungen genauer über dieselben unterrichtet 1 ). 
Am frühesten tritt Meister Jacob Bahr oder Barvor aus Mailand 
als Schlossbaumeister in Brieg auf. Mit Meister Antonius von 
Theodor 2 ) erbaut er zugleich die Stadtschule und vollendet 1553 
das imposante Portal des Schlosses. Als sich gegen ihn und 
seine welschen Maurer der Neid der einheimischen regte, nahm 
der Herzog ihn durch einen Erlass vom 26. October 1564, in 
welchem er ihm das beste Lob ertheilt, in Schutz. Ein Italiener 
war auch Hans Vorrah , der 1562 am Schlossbau thätig ist. Ob 
Meister Caspar, der 1568 erwähnt wird, ebenfalls ein Ausländer 
war, wissen wir nicht. Er muss aber ein angesehener Meister 
gewesen sein, da er 1568 berufen wird für den Kanzler von 
Pernstein zu Prosznitz in Mähren ein Haus zu bauen und 1572 
auf Ersuchen Joachim Ernst's von Anhalt sogar nach Dessau ge- 
schickt wird. Später ist Meister Bernhard, ebenfalls ein Italiener, 
beim Schlossbau in Brieg beschäftigt und auch nach Breslau 
1576 zur Erbauung des Ohlauer Thores berufen. Noch ein 
Italiener, Meister Lugann, ist 1585 mit Erbauung des Schlosses 
zu Nimptsch betraut. Interessant ist bei Gelegenheit dieses Baues 
ein aus Prag aus jenem Jahre datirter Brief des Herzogs, welcher 
die dort vielfach vorkommenden unter dem Dach hinlaufenden 
Balkone 3 ) an seinem Schloss nachzuahmen anempfiehlt. 

Das Brieger Schloss, welches wir nunmehr betrachten 4 ), ist 
also ein Werk italienischer Meister. Vergleichen wir es aber 
mit der um dieselbe Zeit von Italienern erbauten Residenz in 
Landshut, welche den strengsten römischen Palaststil der Hoch- 
renaissance darstellt, so erkennen wir, dass in Brieg die fremden 
Meister sich weit mehr den deutschen Sitten anbequemt haben. 
Das zeigt schon die Fagade mit dem Prachtbau des Portals, auf 
Seite 173 unter Fig. 40 abgebildet. 5 ) Es ist ein durchaus in 
Sandstein mit grösster Sorgfalt ausgeführter Bau, an allen Flächen 
und architektonischen Gliedern mit jener Fülle von Ornamenten 



! ) H. Luchs hat das Verdienst in seinen bild. Künstl. aus Schlesien 
S. 15 ff. dieselben veröffentlicht zu haben. — 2 ) Wahrscheinlich Antonio di 
Teodoro, d. h. des Theodor Sohn. — 3 ) Jetzt z. B noch am Palast Schwarzen- 
berg erhalten, vgl. oben S. 638. — 4 ) Eine Beschreibung, mit Bezug auf 
eine ältere Abbildung, giebt H. Luchs in Schles. Vorzeit in Bild und Schrift 
II, S. 32 ff. — 5 ) Neuere photolithogr. Abbild, bei A. Schultz a. a. 0. 

43* 



676 



III. Buch. Renaissance in Deutschland. 



bedeckt, welche in diesem Reichthum nur in der Frührenaissance 
Oberitaliens vorkommt. Um so wirksamer hebt sich der Reiz 
dieser Dekoration hervor, als der Hintergrund aus einer Quader- 
mauer mit stark betonten Fugen besteht. Die Composition des 
Portales beruht auf der im Norden allgemein herrschenden Sitte, 

Fig. 1S3. 




Fig. 184. Fig. 185. 

Schioss in Brieg. Grundr. und Durchschn. (F. Wolff.) 

einen grossen Thorweg und daneben ein kleineres Pförtchen an- 
zuordnen. Die Symmetrie wird dadurch aufgehoben, aber die 
italienischen Künstler haben diese Schwierigkeiten doch glück- 
licher überwunden als die niederländischen am Portal zu Lieg- 
nitz. Dennoch blieb für die Attika nichts übrig, als zu einer 
rein symmetrischen Anordnung überzugehen. Sie ist demnach mit 
drei prachtvoll ausgeführten Wappen geschmückt, von welchen 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 679 

die beiden seitlichen von Gewappneten gehalten werden. Zwischen 
ihnen, auf den Vorsprüngen des Gesimses, sieht man die trefflich 
gearbeiteten fast lebensgrossen Gestalten des Erbauers und seiner 
Gemahlin Barbara von Brandenburg. Dann folgt das Hauptge- 
schoss mit drei grossen Fenstern von schönen Verhältnissen und 
endlich ein niedrigeres zweites Stockwerk, beide durch eine 
Doppelreihe von Brustbildern fürstlicher Ahnen getrennt. Die 
Portale und sämmtliche Fenster werden durch ein Doppelsystem 
von Pilastern der feinsten korinthischen Ordnung umrahmt, von 
denen die grösseren die vertikale Gliederung der Facade be- 
wirken. Die Fülle des Ornaments, welche alle Flächen, die Pi- 
laster, Friese, Bogenfelder, Postamente bedeckt, ist unerschöpf- 
lich. Die Ausführung derselben zeugt von verschiedenen Händen. 
Bei geistreicher Erfindung und grosser Mannigfaltigkeit der Phan- 
tasie ist die technische Behandlung meist etwas stumpf. Von 
hoher Schönheit sind die Akanthusgewinde der beiden Posta- 
mente an den Ecken der Attika; flau dagegen das Rankenwerk 
über dem kleinen Portal. Die Kapitale zeigen sämmtlich die 
durchgebildete korinthische Form. Die Archivolten sind mit ele- 
ganten Rosetten dekorirt. Trefflich sind die vielen Portraitbilder 
ausgeführt, sehr lebensvoll die beiden Hauptgestalten, nur die 
Dame durch gar zu ängstliche Ausführung des Zeitkostüms etwas 
beeinträchtigt. Am obersten Fries liest man die Sinnsprüche: 
„Verbum domini manet in aeternum. — Si deus pro nobis quis 
contra nos. — Justitia stabit thronus. " Auch sonst bei den zahl- 
reichen Bildnissen eine Menge von Beischriften, so dass auch 
nach dieser Seite der Bau zu den reichsten seiner Art gehört. 
Eine weite, mit Tonnengewölbe bedeckte Einfahrtshalle (A in 
Fig. 184) führt nach dem grossen Hofe B, wo sich dieselbe in 
einem gewaltigen, etwas zugespitzten Bogen von 30 Fuss Span- 
nung öffnet. Auch dieser Bogen ist wieder ein Prachtstück der 
Dekoration, an den einfassenden Pfeilern mit korinthischen Pi- 
lastern dekorirt, die mit Trophäen und Emblemen aller Art in 
etwas zu grossem Maassstabe geschmückt smd. Die Archivolte 
selbst ist in origineller Weise als mächtiger, von Bändern um- 
wundener Eichenkranz charakterisirt, so dass man den Eindruck 
einer Triumphpforte bekommt. In den Zwickeln sind die Wappen 
des Herzogs sowie des ihm verschwägerten Joachim von Branden- 
burg angebracht, dabei die Jahrzahl MDLI, während am äusseren 
Portal 1552 steht. An einer kleinen Nebenpforte liest man: 
„Vortruen darff aufschauen". Die Eingänge in den Keller sind 
in derber Grottenrustika gehalten, am glatten Kämpfer aber ein 
schöner Meereswellenfries. 



680 



III. Buch. Renaissance in Deutschland. 



Der Hof muss in seiner ursprünglichen Vollendung einen 
unvergleichlichen Eindruck gemacht haben. Nicht blos der Reich- 
thum der durch zwei Geschosse führenden ionischen Säulenhallen 
(Fig. 185), die zierlich umrahmten zahlreichen Fenster und Por- 
tale der oberen Stockwerke, die originellen frei und phantastisch 
antikisirenden Portraitmedaillons in den Bogenzwi ekeln, sondern 
mehr noch die ungemeine Grösse der Verhältnisse stempelten 
ihn zu einem Bauwerke ersten Ranges. Die mächtigen Axen der 
Säulenstellungen von 16 Fuss finden an deutschen Bauten der 
Zeit kaum irgendwo ihres Gleichen; dazu kommt eine Stockwerk- 
höhe von 18 bis 20 Fuss, die ebenfalls für nordische Verhältnisse 
beträchtlich erscheint. Das Alles ist jetzt grösstenteils im Zu- 




Fig. 187. Grundriss des Schlosshofes zu Bricg. 



stände grauenhafter Zerstörung. Nur wenige Säulen stehen noch 
aufrecht; im östlichen Hauptbau und in dem lang hingestreckten 
nördlichen Flügel lassen sich die ehemaligen Säulenstellungen so 
weit verfolgen wie unsere Skizze Fig. 187 andeutet. Hier ist 
auch in der Ecke bei D die diagonale Stellung der Säulen und 
die damit verbundene Treppenanlage bemerkenswerth. Der Haupt- 
eingang lag wie man sieht nicht in der Mitte des östlichen 
Flügels, sondern weit nach Süden vorgerückt, wo eine zweite 
Treppe (vgl. Fig. 184) in der Ecke gegen den fast ganz zer- 
störten südlichen Flügel sich findet. Beide Treppen sind in ein- 
fachem, rechtwinklig gebrochenem Lauf mit Podesten angelegt. 
Auf die sonst in der deutschen Renaissance so beliebten Wendel- 
stiegen hat man verzichtet. Westlich wird der Hof durch dürf- 
tige spätere Nebenbauten abgeschlossen. Ein Rest der mittel- 
alterlichen Anlage dagegen ist noch jetzt in der Kapelle erhalten, 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 683 

deren Chorschluss südlich neben dem Hauptportal nach aussen 
vorspringt. Von der reichen Ausstattung des Innern, von welcher 
berichtet wird, ist keine Spur mehr vorhanden. Der Prachtbau 
ist seit der gewaltsamen Zerstörung im vorigen Jahrhundert eine 
täglich mehr verfallende Ruine. 

Von den öffentlichen Gebäuden der Stadt ist zunächst das 
Gymnasium zu nennen, welches Herzog Georg durch denselben 
Meister Jacob Bahr bis 1564 errichten Hess. Ein schlichter Bau, 
der von seiner ursprünglichen reichen Ausstattung wenig auf- 
weist. Augenscheinlich war die Ausführung hier in geringere 
Hände, vielleicht von deutschen Steinmetzen gelegt; wenigstens 
ist das Portal mit dem kleinen Pförtchen daneben eine unge- 
schickte Arbeit, von missverstandenen ionischen Halbsäulen um- 
fasst, in den Zwickeln schlecht gezeichnete Figuren der Religion 
und der Gerechtigkeit. Ueber dem Portal zwei reich gemalte 
Wappen, von plumpen Engelknaben gehalten. Bei dem kleinen 
Pförtchen ist es auffallend, dass kein Schlussstein, sondern eine 
Fuge in den Scheitel des Bogens trifft. 

Weit ansehnlicher ist das Rathhaus, zwar gering und 
flüchtig in der Behandlung der Formen, aber durch malerische 
Gruppirung anziehend (Fig. 188). Die beiden Thürme, welche 
die Facade flankiren, schliessen eine auf drei dorischen Säulen 
ruhende Vorhalle ein, über welcher eine auf Holzpfeilern ruhende 
obere Halle die Verbindung im Hauptgeschoss bildet. Die Haupt- 
treppe, rechtwinklig mit, vier Podesten um den mittleren qua- 
dratischen Mauerkern emporsteigend, liegt in dem links befind- 
lichen Thurm, eine untergeordnete hölzerne in dem andern. Die 
obere Vorhalle mündet auf ein schlicht aber elegant behandeltes 
Portal, mit schönen Fruchtschnüren und Löwenköpfen dekorirt; 
in den Bogenzwickeln zwei weibliche Figuren. Im Innern haben 
die Thüren einfache aber schön componirte Renaissancerahmen. 
Die Ausführung könnte wohl von Italienern herrühren. Seine 
Bedeutung hat indess der Bau, wie gesagt, weniger durch die 
Einzelformen als durch die treffliche Gruppirung des Aeusseren. 
Die Treppenthürme mit der Vorhalle, das hohe Dach mit seinen 
Giebeln, das Alles überragt von dem mächtigen Hauptthurm, 
macht dies Rathhaus zu einem der malerischsten in Deutschland. 

Der bürgerliche Privatbau in Brieg gehört meist der 
Schlussepoche an. Von Werken der Frührenaissance habe ich 
nur die köstliche kleine Fagade Burgstrasse No. 6 zu verzeichnen. 
Zwar das Bogenportal mit seiner Rustika, auf jedem Quader ein 
Kopf oder eine Rosette, ist von geringerer Hand; aber die io- 
nischen Pilaster, welche das Erdgeschoss gliedern, mit ihren 



684 



III. Buch. Renaissance in Deutschland. 



prächtigen Arabesken, namentlich aber der Fries mit seinen 
Putten, die ein Wappenschild halten, mit Seepferden spielen und 
andern Muthwillen treiben, gehören in der geistreichen Erfindung, 
dem freien Schwung der aus dem Grund sich fast völlig lösenden 
Arbeit zum Trefflichsten, das wir in dieser Art besitzen. Im 
oberen Geschoss gliedern vier kleinere ionische Pilaster, eben- 
falls reich ornamentirt, die Flächen. Den Abschluss bilden 
spätere zopfige Vasen. Auch über der Thür ist eine ähnliche 
Verballhornung eingetreten. Die oberen Theile der Fagade, die 







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Fig. 189. Brieg. Doppelgiebel. (C. Lüdecke.) 



jedenfalls ursprünglich gleichmässig durchgeführt waren, sind jetzt 
ganz nüchtern modernisirt. Leider sind auch die schönen Or- 
namente durch dicke Tünche entstellt. Ob das G. M. über dem 
Portal auf den Baumeister zu deuten ist, muss dahingestellt 
bleiben. 

Die übrigen Privatbauten der Stadt gehören der letzten Epoche 
der Renaissance. Sie zeigen fast sämmtlich den Giebelbau in 
mannigfaltigster Weise entwickelt, und zwar sehr verschieden 
von der in Breslau herrschenden Ausprägung. War dort die 
plastische Gliederung zu Gunsten eines mehr malerischen Prin- 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 



685 



cips vernachlässigt, so tritt hier die erstere in ihr volles Recht. 
Nicht blos dass kräftige Pilaster und Säulenstellungen mit reich 
durchgeführten Gesimsen die Flächen rhythmisch beleben, auch 
ein reicherer Ornamentalsohmuck tritt in Flachreliefs, meist in 
Stuck ausgeführt, hinzu. Aber noch interessanter werden diese 
Facaden dadurch, dass sie häufig in zwei Giebel zerlegt sind, 
oder gar in der Mitte einen vollständigen Giebel zeigen, der von 
zwei halbirten begleitet wird. Die erstere Form kommt in sehr 
eleganter Weise an einer kleinen Fagade der Wagnerstrasse 
No. 4 zur Erscheinung (Fig. 189). Hier gliedern eingeblendete 
ionische Säulen in wirksamer Weise die Flächen, auf kräftige 




Fig. 190. Brieg. Giebelfa9ade. (C. Lüdecke.) 



Voluten gestellt, die einen vollständigen Fries bilden. Die Fenster 
sind mit geränderten und facettirten Quadern eingefasst, die 
grösseren Flächen durch Metallornamente belebt, die Silhouette 
ausserdem durch kraftvolle Voluten bereichert. Die unteren Theile 
der Fagade sind mit Einschluss des Portals ganz einfach. Aehn- 
lichen Doppelgiebel zeigt das Haus Burgstrasse No. 2, mit derben 
Pilastern und einfachen Voluten ausgestattet; das Portal in 
reicherer Weise mit hübschem Laubornament, welches die ko- 
rinthisirenden Pilaster und die Archivolte bedeckt, während der 
Fries Metallornamente zeigt. Die andere, für Brieg besonders 
charakteristische Auffassung mit einem ganzen und zwei halbirten 
Giebeln sieht man in zierlicher Weise durchgeführt an dem 



686 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Hause Burgstrasse No. 22 vom Jahre 1614. Auch hier (vgl. 
Fig. 190) kommen die eingeblendeten Säulchen vor, zwischen 
welchen eine Muschelnische einen hockenden, wappenhaltenden 
Löwen aufnimmt. Besonders elegant sind die aus Eisenblech 
geschnittenen Windfahnen. Zur höchsten Pracht ist dies Facaden- 
motiv am Ring No. 29 entwickelt. Oben am Fries liest man: 
Fidus in perpetuum benedicitur. 1621. Auch hier treffen wir die ein- 
geblendeten Säul eben;, aber alle Flächen sind mit Metallornamenten 
übersponnen, wie ich kein zweites Beispiel kenne, Alles in kräf- 
tigem Relief, als wäre die ganze Facade mit kunstvollen Eisen- 
beschlägen bedeckt. Rein malerische Behandlung zeigt endlich 
das Eckhaus der Wagnerstrasse und des Ringes, nach dem Platze 
mit Doppelgiebel vortretend, in allen Flächen mit hellen Blumen- 
ranken auf dunklem Grunde geschmückt, allerdings erst aus dem 
18. Jahrhundert, aber in guter Tradition einer früheren Zeit, da- 
bei von prachtvollster Wirkung. 



N e i s s e. 

Hier hatten die Bischöfe von Breslau seit früher Zeit ein 
Schloss, welches Jacob von Salza nach einem Brande 1523 wieder 
aufbaute. Von diesem Werke ist aber Nichts mehr erhalten 1 ), 
da an seiner Stelle im vorigen Jahrhundert der noch jetzt vor- 
handene nüchterne Bau aufgeführt wurde. Wohl aber bewahrt 
die Pfarrkirche, eine mächtig hohe, gothische Hallenanlage, 
im nördlichen Theile des Chorumgangs das Grabmal dieses 1539 
verstorbenen Bischofs. Es ist ein Freigrab in Form einer Tumba, 
auf welcher die Gestalt des Verstorbenen ausgestreckt liegt. 
Feines Laubwerk im Stil der Renaissance bildet die Einfassung, 
und in den einzelnen Feldern sind als Ausdruck der hu- 
manistischen Strömung jener Zeit, welche die christlichen An- 
schauungen völlig zurückgedrängt hatte, vier antike Heldenköpfe 
in schönen Lorberkränzen angebracht. An der einen Schmal- 
seite das treffliche Brustbild des Verstorbenen, auf der anderen 
ein possirlicher kleiner Knabe mit Weihbecken und Weihrauch- 
fass, während zwei nackte Genien die Inschrifttafel halten. Es 
ist ein feines Werk der Frtihrenaissance. Prachtvoller in einer 
Kapelle der Südseite das Grabmal des Bischofs Pronmitz (f 1562), 



*) Damit ist die bei Dr Alwin Schultz, Schlesiens Kunstleben, S. 15, 
gestellte Frage erledigt. 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 



687 



ein grossartiger, auf drei stämmigen Säulen und eben so vielen 
Halbsäulen an der Wand ruhender Baldachin, darunter auf seinem 
Sarkophag ausgestreckt die Gestalt des Entschlafenen, der den 
Kopf auf den Arm stützt. Die Einwirkung des Breslauer Ry- 
bischdenkmals ist unverkennbar; das feine Laubwerk, welches 
die Bogen und ihre Zwickel sowie die Wandfelder schmückt, gut 
behandelt, die Figur selbst jedoch, abgesehen von dem tüchtig 
aufgefassten Kopfe, von massiger Arbeit. 




Unter den zahlreichen bürgerlichen Bauten der malerischen 
Stadt nimmt das Rathhaus den ersten Rang ein. Es ist eine 
im Kern noch aus dem Mittelalter herrührende Anlage, durch 
einen hohen gothischen Thurm mit schlanker Pyramide und ge- 
schweiften Bogenfenstern ausgezeichnet. In der Spätzeit der Re- 
naissance erhielt der Bau bedeutende Umgestaltungen, kräftige 
Rustikaportale, vor Allem den bis in die Mitte des Platzes vor- 
springenden Flügel der Stadtwaage vom Jahre 1604, welchen 
unsere Abbildung Fig. 191 veranschaulicht. Es ist eine der 



688 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

best componirten Fagaden dieser Epoche, durch die imposante 
Vorhalle auf Rustikapfeilern, die gruppirten Fenster, das mächtige 
Kranzgesimse, vor Allem aber den grossartig aufgebauten Giebel 
prachtvoll wirkend. Bemerkenswerth ist namentlich der reiche 
statuarische Schmuck, der mit einer Justitia in der Nische des 
Hauptgeschosses beginnt und auf der Spitze des Giebels mit 
einer Figur der Eeligion endet. 

Die Wohnhaus fagaden von Neisse haben einen Gesammt- 
charakter, der sich ebensowohl von dem Breslauer wie von dem 
Brieger unterscheidet und den erfreulichen Beweis liefert, dass 
wir es in allen diesen Städten mit selbständigen Bauschulen 
zu thun haben. Die Neisser Fagaden sind weit kräftiger profi- 
lirt als die Breslauer und selbst als die Brieger. Sie gehen in 
der plastischen Durchbildung noch einen Schritt über die letzteren 
hinaus; wo jene eingeblendete Säulchen anzuwenden lieben, findet 
man hier markige Pilaster, meistens wie am Rathhause stelen- 
artig nach unten verjüngt. Dazu kommen in der Regel energisch 
ausgebildete Voluten am Giebelrand. Mehrfach findet man aber 
ein Giebelmotiv, das von dieser reicheren Silhouette Abstand 
nimmt und die steile Dachlinie nur durch kleine mit einem 
Giebeldach herausspringende Baldachine für die einzelnen Stock- 
werke unterbricht. Diese ruhen dann auf Pilastern, welche an 
der Giebelwand fortgeführt werden. So zeigt es ein einfaches 
Haus in der Bischofstrasse No. 72, woran sich aber der Archi- 
tekt durch ein prächtiges Portal schadlos gehalten hat. Die do- 
rischen Pilaster und der abschliessende Giebel, der in der Mitte 
das bischöfliche Wappen trägt, sind mit Metallornamenten und 
facettirten Quadern dekorirt, die Bogenzwickel mit hübsch ge- 
arbeiteten Wappen gefüllt, die Seiten wände nach einem in der 
deutschen Renaissance beliebten Motiv als Nischen ausgebildet. 
Man liest 1592 und den Spruch: Benedi c domine domum 
istam et omnes habitantes in ea. Dieselbe Giebelform findet sich, 
aber ohne reichere Zuthaten, am Ring No. 27 und noch an vier 
anderen Häusern des Hauptplatzes. Mit gekuppelten Pilastern 
und schwerbauchigen Voluten ist das Haus am Ring No. 6 de- 
korirt. Besonders reich gegliedert, mit derben Gesimsen und 
scharf markirten Voluten sowie energischen Pilastern, ist die 
Fagade am Ring No. 36. Ein schlichtes Bogenportal mit facet- 
tirten Quadern zeigt No. 42 daselbst. Ein ähnliches Breslauer- 
strasse No. 3 im derbsten Stil mit Metallornamenten und Rustika- 
quadern. Dieselbe Behandlung, zum höchsten Reichthum ge- 
steigert, finden wir an dem hohen Giebel Breslauerstrasse No. 16, 
mit ganz barock geschwungenem Profil und stelenartigen Pi- 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 689 

lästern, alle Glieder mit den beliebten Metallornamenten wirksam 
tiberzogen. Eine der grössten, derbsten und effectvollsten Fa- 
nden, in derselben Strasse No. 23, wendet an sämmtlichen Pi- 
lastern die Rustika an und fügt zwei grosse Lilien als Akroterien 
hinzu. Auch der kleinere Giebel No. 18, ebenda, ist in ähnlich 
ausdrucksvoller Weise behandelt. Eine Breitfagade sieht man 
dagegen am Ring No. 32, mit zwei einfachen Rustikaportalen, 
der grosse Flur mit Gewölben auf Rustikapfeilern, die Rippen 
und die Gewölbflächen sehr schön eingetheilt und mit Stuckor- 
namenten geschmückt. Es ist aber ein später Nachzügler, denn 
am Portal liest man 1675. Beiläufig mache ich noch auf das 
gothische Portal Ring No. 35 aufmerksam, das zu einem Haus- 
flur mit feinen gothischen Rippengewölben führt. An der Wand 
im Flur die interessante Darstellung eines jüngsten Gerichts. 

Von der lebhaften Bauthätigkeit, welche gegen Ausgang 
unserer Epoche hier geherrscht, zeugt auch das Breslauer 
Thor, dessen viereckiger gothischer Thurm durch phantastisch 
barocke Giebel auf allen Seiten, und dazwischen durch halbrunde 
Aufsätze mit Zinnen in höchst malerischer Weise geschmückt ist. 
Ein Prachtstück kunstvoller Eisenarbeit endlich ist der völlig mit 
schmiedeeisernem Gehäuse auf rundem, steinernem Unterbau um- 
schlossene Ziehbrunnen der Breslauer Strasse. Man liest daran : 
Aus Belieben ' eines loblichen Magistrats machte mich Wilhelm 
Helleweg , Zeugwarter, anno 1686 J ). Trotz dieses späten Datums 
herrscht hier noch eine meisterliche Technik, die sich mit Reich- 
thum der Phantasie in dem trefflichen Rankengeflecht und phan- 
tastisch-figürlichen Elementen verbindet. Das Werk wird durch 
Vergoldung noch gehoben. Ein recht tüchtiges Gitter vom Jahre 
1627, freilich bei Weitem nicht von diesem Reichthum, umgiebt 
in der Pfarrkirche den Tauf stein. Auch mehrere Kapellen 
sind mit guten Eisengittern dieser Zeit geschlossen. 



e 1 s. ' 

Während von den bedeutendsten Bauwerken der Frührenais- 
sance in Schlesien, den Schlössern zu Liegnitz und Brieg, nur 
Bruchstücke auf uns gekommen sind, hat sich das ansehnliche 
Schloss in Oels, gewisse Umgestaltungen abgerechnet, als das 
hervorragendste Denkmal der folgenden Epoche unberührt er- 
halten. Im Wesentlichen verdankt es seine Entstehung der 



x ) Abbild, in IL Luchs, Schlesiens Vorzeit II, Tafel. 1. 

Kugler, Gesch. d. Baukunst. V. 44 



690 



III. Buch. Renaissance in Deutschland. 



zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Das innere Hauptthor wurde 
laut Inschrift durch Herzog Johann von Münsterberg-Oels (f 1565) 
im Jahre 1559 begonnen und 1562 vollendet; der weitere Aus- 
bau des Schlosses rührt vom Herzoge Karl II, der bis 1616 es 
vollendete. 

Nähert man sich von der südöstlichen Seite, so gelangt man 
über den alten breiten Schlossgraben zu dem äusseren Pracht- 
portale (Fig. 192), welches mit 1603 bezeichnet ist, also zu den 




Fig. 102. Oels. Schlossportal. 

durch Karl II hinzugefügten Theilen gehört. Es ist ein kraft- 
voll und reich ausgeführtes Rustikawerk, an dessen Quadern 
die effectvollen Sternmuster auftreten, welche wir schon in Breslau 
mehrfach fanden. Vielleicht also eine Arbeit jenes Breslauer 
Meisters. Prunkvoll barock ist der krönende Aufsatz, in welchem 
zwei schreitende Löwen drei elegant behandelte Wappen halten. 
Dazwischen schlingen sich FruchtschnUre, wechselnd mit Masken, 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 



691 



Löwenköpfen, Schnörkelwerk und begleitet von aufgesetzten Py- 
ramiden. Das Ganze eine im Sinne jener Zeit meisterliche Com- 
position von trefflicher Ausführung. Im Friese der Spruch: Wo 
Got nicht selbst behut das haus, so ists mit unsrem Wachen aus. 
Der hinter diesem Vorbau aufragende Theil des Schlosses wird 
an der Ecke zur Rechten mit einem runden Erkerthurm, der 
durch alle Geschosse reicht und mit Bogenfenstern durchbrochen 
ist, abgeschlossen. Zur Linken springt ein rechtwinkliger Erker 




Fig. 193. Schloss zu Oels. Zweites Stockwerk. 



vor. Durch den Thorweg eintretend, wo man 1563 und die Buch- 
staben A. G. D. E. liest, gelangt man zu einem zweiten Portal, 
das aus einem Thorbogen und einem rechteckigen Seitenpf Örtchen 
besteht. Dies ist das frühere, unter Herzog Johann sammt Wall 
und Graben von 1559 bis 1562 ausgeführte Werk. Der Bogen 
besteht aus Rustikaquadern, aber die Zwickel sind mit schön ge- 
schwungenem Laubwerk ausgefüllt. Auf dem Gesimse steht eine 
Ritterfigur. Ein Durchgang, mit Tonnengewölbe und Stichkappen 
bedeckt (auf unserer Fig. 193 unter dem bei A gezeichneten Ge- 
mach), führt sodann in den äusseren Schlosshof, wo man gleich 
zur Rechten bei B einen thurmartig vorspringenden Bau mit ge- 

44* 



692 



III. Buch. Renaissance in Deutschland. 



schweiftem Hochgiebel und kleinem Bogenportal sieht 1 ). Man 
liest an demselben dass Herzog Karl 1616 am 23. April „diese 




Fig. 194. Oels. Schlosshof. 



') Den Grundriss Fig. 192 verdanke ich gütiger Mittheilung dos t'iirstl. 
Baumeisters Herrn Oppermann zu Oels. 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 693 

neu erbaute Stiege sammt den Gängen" vollendete. Es ist ein 
kleines, aber in ausgesuchter Eleganz durchgeführtes Werk. Im 
Innern zieht sich um einen quadratischen Kern die Treppe mit 
rechtwinklig gebrochenem Lauf empor. Die Verbindung mit 
dem Hauptgebäude vermittelt ein gewölbter Gang. Sämmtliche 
Gebäude zeigen reiche Spuren von Sgraffiten in Quadrirungen 
und bunten Linienspielen. Von hier führt zur Linken ein ge- 
wölbter Thorweg bis in den grossen Haupthof, der ein fast quad- 
ratisches Viereck von imposanter Ausdehnung bildet, an der 
schmälsten Stelle noch über 100 Fuss breit. Zur Linken tritt ein 
gewaltiger runder Hauptthurm D, an dessen Galerie die Jahrzahl 
1608, in den Schlosshof vor. 

Das Interessanteste der durch Grösse und malerische Ab- 
wechselung ungemein anziehenden Baugruppe sind die Ver- 
bindungsgänge, welche als offene Galerieen den Bau begleiten 
(vgl. Fig. 194). Zur Linken laufen auf mächtigen Steinconsolen 
in beiden oberen Geschossen solche Gänge hin, der obere durch 
ein auf Holzsäulen ruhendes Dach geschützt. Beide setzen sich 
um den runden Thurm fort, und der des ersten Stockes zieht 
sich dann am vorderen Flügel H als Holzgalerie hin, die auf dem 
vortretenden Mauerwerk des Erdgeschosses ruht. Eine Freitreppe 
führt bei E zum Hauptportal des hohen Erdgeschosses und zu- 
gleich auf einen offenen terrassenförmigen Gang, der sich an dem 
Flügel F hinzieht und auch hier durch eine Treppe zugänglich 
ist. Am Ende dieses Flügels tritt ein viereckiger thurmartiger 
Vorbau in den Hof vor. Von diesem zieht sich wieder eine ge- 
mauerte Terrasse im Erdgeschoss an dem Flügel G hin, die dann 
in der Ecke durch eine offene Treppe mit der Galerie des ersten 
Stockes zusammenhängt. So sind in wohlberechneter Weise die 
einzelnen Theile der ausgedehnten Anlage mit einander in Ver- 
bindung gesetzt. 

Der ganze Bau, in Backstein mit Verputzung ausgeführt, 
wurde ehemals durch Sgraffiten überall belebt. Die architek- 
tonischen Formen sind durchweg schlicht, ^aber mit sicherer 
Meisterhand ausgeführt, die Rahmen der Fenster und Portale 
derb quadrirt, auch das Hauptportal nur in einfacher Rustika mit 
dorischen Pilastern und Triglyphenfries behandelt. Das Metall- 
ornament der Zeit ist sparsam verwendet. Eine kleine Pforte 
am Thurm mit gothischem Stabwerk zeugt für das höhere Alter 
dieses Theiles. Oberhalb entwickelt sich der Thurm achteckig 
mit kräftiger Galerie, über welcher die Spitze mit ihrer doppelten 
Ausbauchung und Laterne aufsteigt. Stattlich wirken die hohen 
Dachgiebel an den beiden Hauptflügeln, und noch reicher muss 



694 III- Buch. Renaissance in Deutschland. 

ursprünglich der Anblick gewesen sein, als der Flügel F seine 
beiden oberen Galerieen noch besass. Die vorgesetzten Dach- 
giebel ziehen sich auch am Aeusseren des linken Flügels hin. 
Im Inneren ist Nichts von der alten Ausstattung erhalten, und 
nur der grosse Bibliotheksaal bemerkenswerth. Die breiten Gräben, 
welche das ganze Schloss umziehen, sind ausgefüllt, und ein 
wohlgepflegter Park umgiebt den malerischen Bau. Die Ver- 
bindung mit der Schloss- und Pfarrkirche wird durch einen 
Bogengang hergestellt. 

In der Pfarrkirche sind zwei Grabdenkmäler der Zeit be- 
merkenswerth. Das einfachere, aus einer blossen Keliefplatte be- 
stehend, Hess 1554 Herzog Johann seinem ein Jahr vorher ver- 
storbenen Bruder Georg errichten. Es ist eine fleissige, aber be- 
sonders im Figürlichen handwerksmässige Arbeit; der Rahmen 
der Platte, welche die etwas gespreizte Relief gestalt des Ver- 
storbenen trägt, wird durch reiche Renaissance-Pilaster mit frei 
componirten ionischen Kapitalen gebildet 1 ). Prächtiger ist das 
Doppelgrab des baulustigen Herzogs Johann (f 1565) und seiner 
1556 ihm vorausgegangenen Gemahlin Christina, welches der 
Fürst selbst wahrscheinlich noch bei seinen Lebzeiten hat er- 
richten lassen 2 ). Er berief dazu einen fremden Künstler, Johannes 
Oslew von Würzburg, der sich durch eine ausführliche Inschrift 
am Monument verewigt hat 3 ). Die Figuren sind steif und geist- 
los, aber die Pilaster, welche den Sarkophag auf allen Seiten ein- 
fassen, haben zierlich behandelte Ornamente, in welchen phan- 
tastisch Figürliches mit Rankenwerk sich mischt. 

Was sonst noch von Renaissancewerken in Schlesien sich 
findet, muss ich der Lokalforschung überlassen. Für die allge- 
meine Stellung Schlesiens zur Renaissance wird das Beigebrachte 
genügen und ich habe mich damit zu bescheiden 4 ). Das interes- 
sante Portal des 1580 erbauten Schlosses zu Guhlau beiNimptsch, 
welches in Abbildung vorliegt 5 ), ist besonders durch seine voll- 
ständige Bemalung werthvoll. In Composition und plastischer 



') Abbildung bei Luchs, Schles. Fürstenbilder Taf. 226. 2 ) Abbild, 
ebenda. Taff. 22 a. 1. 2. 3. 3 ) Luchs a. a. 0. Bog. 22 a. S. 4 giebt die 
Inschrift nicht ganz fehlerfrei. Alwin Schultz, Schles. Kunstleben S. 25 
rückt ihm dies vor und druckt die Inschrift mit zwei neuen Fehlern ab. 
Sie lautet: Hee dvo Monumenta ducu elaboravit Joäes Oslew Wirczburgen 
Franco. Das letzte, die Nationalität des Künstlers bezeichnende Wort 
ist beiden Forschern entgangen. 4 ) Dies um so mehr als selbst einem so 
fleissigen Specialforscher wie A. Schultz die Autopsie der Denkmäler seiner 
eigenen Heimath nur sehr vereinzelt zu Gebote steht. 5 ) Bei Luchs, 
Schles. Vorzeit II, Taf. 29. 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 695 

Ausstattung- allem Anscheine nach von geringerer Bedeutung, 
wird es wohl ein Werk provinzieller deutscher Steinmetzen sein. — 

Görlitz. 

Vielfach verwandt mit Schlesien in politischen Schicksalen 
und Kulturentfaltung erscheint die Lausitz. Namentlich in der 
hier zu betrachtenden Epoche finden wir sie (seit dem 14: Jahr- 
hundert) bei der Krone Böhmen, der sie auch während der Hus- 
sitenkriege treu blieb, obwohl sie dafür die Verheerungen der 
wilden hussitischen Schaaren auf sich zog. Später, 1467, ergab 
sie sich freiwillig dem mächtigen Schutze des Königs Matthias 
von Ungarn, erneuerte aber zugleich den alten Bund der Sechs- 
städte, die durch festes Zusammenschliessen mächtig und blühend 
dastanden und sich grosse Freiheiten zu erringen wussten. Nach 
Matthias Tode, 1490, blieben die beiden Markgrafschaften der 
Ober- und Niederlausitz bei Böhmen und theilten während der 
schicksalschweren Zeiten des 16. und 17. Jahrhunderts das Loos 
der übrigen deutschen Gebiete Oesterreichs. Die hohe Blüthe 
des materiellen Lebens, welche die durch Handel und Gewerbe 
mächtigen Städte erreicht hatten, wirkte zugleich günstig auf die 
geistigen Bestrebungen ein. Die Städte der Lausitz treten früh 
und entschieden der Reformation bei und haben dafür von den 
Habsburgern schwere Drangsale zu bestehen. Nicht minder früh 
nehmen sie die neue Kunstweise der Renaissance auf und prägen 
dieselbe in einer Anzahl 'von Denkmalen aus. Namentlich gilt 
dies von Görlitz, dessen Denkmäler für die Geschichte der Re- 
naissance in Deutschland hervorragenden Werth haben. Schon 
früher wusste die Stadt durch charaktervolle Monumente ein 
Zeugniss von einer gewissen Grossartigkeit monumentaler Ge- 
sinnung hinzustellen. Wenn man den gewaltigen Kaisertrutz, 
die fünfschiffige Peterskirche mit ihrer herrlichen Raumwirkung 
und so manches andere Denkmal des Mittelalters sieht, so er- 
kennt man die frühe Bedeutung der mächtigen, Stadt. Erst durch 
den unglücklichen Ausgang des schmalkaldischen Krieges, an 
welchem sie sich mannhaft betheiligte, wurde ihre Kraft gebrochen. 
Sie verlor 25 Dorfschaften, musste ihr ganzes Kriegsmaterial aus- 
liefern und eine bedeutende Summe zahlen. 

Eine der edelsten Blüthen der Renaissance in Deutschland 
sind diejenigen Theile, welche die Stadt in dieser Epoche ihrem 
mittelalterlichen Rathhaus hinzufügen Hess. Noch in gothischer 
Bauführung hatte man von 1512 — 1519 den Thurm errichtet, als 
dessen Erbauer der Steinmetzmeister Albrecht und Stadtzimmer- 



696 HI- Buch. Renaissance in Deutschland. 

meister Jobsten genannt werden. Als sich Tadel wegen Fahr- 
lässigkeit beim Bau erhob, berief man Peter, von Pirna („Birne"), 
des Herzogs Georg von Sachsen Baumeister, aus Dresden zur Be- 
gutachtung. Nach 1519 werden wieder Arbeiten am Thurm und 
den anstossenden Theilen vorgenommen, wobei Wendel Rosskopf 
als Maurer und Steinmetzmeister beschäftigt ist. Beim Umbau 
der Nicolaikirche, welchen er ebenfalls leitete, wird von ihm ge- 
sagt, er habe den Bau nach dem Rathe des Meisters Benedix zu 
Böhmen, obersten Werkmeisters des Schlossbaues zu Prag, seines 
Lehrmeisters, ausgeführt 1 ). Ohne Frage ist dies Benedict von 
Laun, von dessen Wirken S. 622 u. 624 die Rede war: ein werth- 
volles Zeugniss von dem Einfluss, welchen die böhmische Bau- 
schule damals auf die benachbarten Gebiete ausgeübt hat. In 
die einspringende Ecke zwischen dem Thurm und dem an- 
stossenden Seitenflügel wurde nun beinahe zwanzig Jahre später 
(1537) eine Freitreppe gelegt, die mit geschickter Ausnutzung 
des engen Raumes in gewundenem Laufe zum Hauptportal em- 
porführt. Vor dem Eingange mündet sie zur Linken auf einen 
Balkon, der zur Verkündigung von Sentenzen und Verordnungen 
bestimmt war. Die Bedeutung des Gebäudes aber spricht auf 
schlanker Säule am Aufgange der Treppe eine Justitia mit Waage 
und Schwert aus. (Fig. 195.) Die ganze Composition, zu welcher 
noch als Abschluss das Fenster über dem Portal gehört, findet 
in Schönheit der Ausführung und Anmuth der Ornamentik unter 
den gleichzeitigen Denkmalen Deutschlands kaum ihres Gleichen. 
An der Brüstung des Balkons, der auf einer originellen Stütze 
ruht, sind Sirenen gemeisselt. Nicht minder anmuthig ist die 
Säule der Justitia mit einer Harpyie und einer nach Dürer aus- 
geführten Fortuna sowie mit Fruchtschnüren geschmückt, während 
das Kapital köstliche Masken zeigt. Ueberall ist das Ornament, 
sind die feinen Gliederungen ebenso schicklich vertheilt wie voll- 
endet ausgeführt. Man wird wohl an einen Italiener denken 
müssen, wenn nicht, was freilich nicht ausgeschlossen, an einen 
in Italien gebildeten deutschen Meister. An der Brüstung liest 
man die Jahrzahl 1537. Es ist ein Ganzes von unübertroffener 
bracht, Originalität und Frische der Conception. An ober- 
italienische Weise erinnern namentlich auch die runden in die 
Pilaster eingelegten Marmorscheiben. Aus derselben Zeit datirt 
der kleine Hof im Innern des Rathhauses, auf einer Seite mit 
einer Bogengalerie auf Pfeilern, darüber eine Theilung durch Pi- 



*) Obige Notizen verdanke ich gütiger Mittheilung des Herrn Bauraths 
Marx in Görlitz. 




Fig. 105. Das Rathhaus zu Görlitz. (Baidinger nach Photogr.) 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 699 

laster mit hübschen Ornamentbändern, Blumen und dergleichen, 
bezeichnet 1534. Dagegen gehört der ebendort befindliche Erker 
auf zwei kolossalen, kurzen achteckigen Pfeilern mit seltsam ge- 
bildetem ionischem Kapital einer derberen ßehandlungsweise an, 
die sich auch in dem übertrieben kräftigen Eierstab zu erkennen 
giebt. Kannelirte korinthisirende Pilaster säumen die Ecken, 
kleinere ionische Pilasterstellungen rahmen die Fenster ein. Man 
liest die Jahrzahl 1564. Im Innern hat der Erker ein spät- 
gothisches Rippengewölbe. Hier sass ehemals das Blutgericht 
und verkündete dem Verurtheilten, der rechts die enge Treppe 
hinabgeführt wurde, seinen Spruch, der dann im Hofe selbst voll- 
streckt wurde. Es ist ein unheimliches Lokal, durch die ver- 
gitterten Kerkerfenster ringsum noch düsterer. Derselben Zeit 
gehören noch andere Theile der inneren Ausstattung: zunächst 
in einem Zimmer eine herrliche Holzdecke von 1568, von der 
schönsten Theilung und Gliederung, das Schnitzwerk von ge- 
ringerem Werth, aber die eingelegten Ornamente köstlich. Dies 
Prachtstück wurde erst 1872 bei der durch Baurath Marx ge- 
leiteten Restauration wieder entdeckt. Von 1566 datirt sodann 
der Magistratssaal, ebenfalls mit trefflicher, obwohl einfacherer 
Holzdecke, reicher Thür- und Wandbekleidung. Die zweite Thür 
hat eine steinerne Einfassung aus spätgothischer Zeit, mit einem 
Christuskopf und kleinen Engeln. Erwähnen 'wir noch ein kleines 
Steinportal im Innern, das im Charakter des äusseren Haupt- 
portals, aber einfacher durchgefürt ist, so haben wir das Wesent- 
lichste berührt. 

Aber viel früher noch als am Rathhause tritt die Renaissance 
hier an Privatbauten auf. Das erste Beispiel bietet das Haus 
Brüderstrasse No. 8, welches mit einer vorspringenden Ecke sich 
gegen den Untermarkt fortsetzt. Wie mit Nachdruck hat der 
Meister, als wäre er sich der Bedeutung dieses frühen Datums be- 
wusst, zweimal daran die Jahrzahl 1526 angebracht. Die ganz oben 
hinzugefügte Zahl 1617 kann sich nur auf einzelne spätere Zu- 
sätze im Obergeschoss beziehen. Dieses Haus ^owie die ganze 
damit zusammenhängende Gruppe, welche den Markt und die 
anstossenden Strassen umzieht, verdankt ihre Entstehung einem 
verheerenden Brande, welcher 1525 diese Stadttheile einäscherte. 
Auffallend ist und bleibt aber, dass dabei so früh und in solchem 
Umfange die Renaissanceformen zur Verwendung kommen. Denn 
allem Anscheine nach tritt an der Fagade dieses Hauses zum 
ersten Male die Behandlung ein, welche dann an einer grossen 
Anzahl anderer Häuser im Wesentlichen gleichlautend wiederholt 
wurde. Die in Höhe und Breite unregelmässigen Fenster, zu 



700 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

zweien und dreien gruppirt, erhalten nämlich die charakteristischen 
rechtwinklig- verkröpften Eahmen der Renaissance; zugleich aber 
werden sie in ein System von Pilastern eingefügt, welche die 
ganzen Facaden in ebenso klarer als lebensvoller Weise gliedern. 
Es tritt also hier eine ungewöhnlich starke Aneignung italienischer 
Renaissanceformen frühzeitig ein und führt zu einer klassi- 
cistischen Behandlungsweise, die indess noch nichts von der 
schulmässigen Nüchternheit der späteren Zeit hat. Damit hängt 
zusammen, dass die Reminiscenzen an die Gothik schon früh fast 
völlig beseitigt werden. Das rundbogige Portal bildet seine ab- 
geschrägten Seitenpfeiler zu Ecknischen mit Muschelwölbung aus 
und ist in allen Theilen reich und zierlich ornamentirt. Das 
Datum 1617 ist mit seinem kleinen Schilde ein späterer Zusatz. 
Die Pilaster der Fagade haben kannelirte Schäfte und theils io- 
nische, theils variirte Composita- Kapitale. An der Ecke gegen 
den Markt springt ein diagonal gestellter Erker vor, dessen Krag- 
stein mit Zahnschnitten und schlecht verstandenen Eierstäben de- 
korirt ist. 

Derselben Zeit wird das Haus Brüderstrasse No. 11 ange- 
hören. Es zeigt ein ähnlich componirtes Portal, an welchem der 
flache Stichbogen als Entlastungsbogen über dem Halbkreis des 
Eingangs hübsch motivirt ist. Die reiche Ornamentik, Rosetten, 
Akanthus und anderes Laub gehören dem fliessenden Stil der 
Frührenaissance. Die Fenster im Erdgeschoss und den beiden 
oberen Stockwerken sind in ein System kannelirter ionischer Pi- 
laster eingefügt. Im Rahmenwerk der Fenster erkennt man nur 
noch schwache Spuren mittelalterlicher Profilirung. Ganz dieselbe 
Behandlungsweise zeigt am Untermarkt der Gasthof zum gol- 
denen Baum vom Jahre 153S: die zu zweien gruppirten Fenster 
mit demselben Rahmenorofil und den gleichen ionischen Pilastern. 
Da das Haus gleich der ganzen Häuserreihe am Markt Arkaden 
besass, so hat der Architekt den Spitzbogen derselben sich da- 
durch schmackhaft gemacht, dass er in wunderlicher Weise ihn 
in gewissen Abständen mit kleinen Voluten, die als Krönung ein 
ionisches Kapital haben, unterbrach. Mit der stark italienisirenden 
und antikisirenden Richtung hängt es vielleicht zusammen, dass 
die Görlitzer Facaden, ähnlich den Liegnitzern, fast niemals den 
Giebel nach der Strasse kehren. Eine der seltenen Ausnahmen 
sieht man am Untermarkt No. 23, wo die Fenster der beiden 
Hauptgeschosse wieder jene streng ionisirenden Pilaster als Um- 
rahmung haben, während schwache Voluten den Giebel beleben. 

Alle diese Fagaden wiederholen mit geringen Varianten die- 
selben Grundzüge. Man erkennt eine architektonische Thätigkeit, 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 701 

die innerhalb weniger Decennien, beherrscht von einem tonan- 
gebenden Muster, den alten Theilen der Stadt ihr gemeinsames 
Gepräge gegeben hat. Der individuellen Entfaltung ist dabei 
wenig Spielraum gelassen. Auch die innere Anordnung der 
Häuser wiederholt dasselbe Motiv: einen grossen Flur mit mäch- 
tigen Kreuzgewölben, der offenbar der gemeinsame Sitz des 
Lebens und Verkehrs im Hause war. Bisweilen zieht sich eine 
Holzgalerie vor dem oberen Geschoss hin, zu welcher im Flur 
die Treppe emporführt. Dagegen sind die Höfe meist eng und 
ohne Bedeutung. An den Eckhäusern wird mit Vorliebe ein 
diagonal gestellter Erker angebracht, der an der Gliederung der 
Facade Theil nimmt: ein Motiv, welches wir in Schlesien nirgend 
fanden, das aber im mittleren und südlichen Deutschland sehr 
beliebt ist. 

Eine etwas abweichende Behandlung zeigt das Haus am 
Untermarkt No. 24. Es* ist ein Eckhaus mit schräg gestelltem 
Erker; die ehemalige Hausthür hat ungemein reich dekorirte ko- 
rinthische Pilaster und hübschen Akanthusfries. Die Gliederung 
der Fagade bietet die Variante, dass nicht die Fenster, sondern die 
Wandfelder mit ionischen Halbsäulen (statt der sonst herrschenden 
Pilaster) gegliedert sind. Allein die gar zu lang gestreckten 
schmächtigen Schäfte geben dem an sich werth vollen Motiv eine 
verkümmerte Erscheinung. Am Erker, wo toskanische Halbsäulen 
auf Untersätzen angebracht sind, ist das Verhältniss zusagender. 
Solche Halbsäulen kommen dann noch einmal Petersstrasse No. 17 
vor, jedoch in günstigerer Anordnung als Einfassung der Fenster- 
reihen in den drei oberen Geschossen. 

Mehrfach finden sich recht zierlich gearbeitete Portale, die 
das Motiv der Seitennischen in mannichfacher Weise aufgefasst 
und verarbeitet zeigen. Ein sehr elegantes Petersstrasse No. 10 
mit reicher Ornamentik : Blattranken, Kosetten, Köpfe und anderes 
Figürliche. Im Flur dieses Hauses ruhen die Kreuzgewölbe auf 
eleganter korinthischer Säule. In derselben Strasse No. 9 ein 
kleines Portal, in schlichter, aber kraftvoller Behandlung. Ein 
überaus elegantes, reich dekorirtes ebenda No. 8 vom Jahre 1528, 
also wieder zu den frühesten Werken gehörend. Es wird von 
einem Architrav bekrönt, der die hier an allen Portalleibungen 
mit Vorliebe verwendeten Rosetten an der Unterseite hat und 
ausserdem durch Zahnschnitt, Eierstab und Herzblattfries fein 
gegliedert wird. Darüber erhebt sich ein halbrundes Bogenfeld 
mit Muschelkannelirung ; in den Bogenzwickeln Laubornament, 
nicht gerade fein, aber lebendig. Die Fenster haben hier nicht 
blos eine Umrahmung von korinthischen Pilastern, sondern eine 



702 III- Buch. Renaissance in Deutschland. 

kleine ionische Pilasterstellung dient den paarweise verbundenen 
zu einer weiteren Theilung; — ein ungemein elegantes Motiv. 
Die Ecke des Hauses ist merkwürdiger Weise mit schräg ge- 
stellten Pilastern, in eigenthümlicher perspektivischer Berechnung, 
dekorirt. In derselben Strasse No. 7 ist das Portalmotiv noch 
einmal variirt und mit einem Giebel in Verbindung gebracht, 
alle Flächen reich mit Laubwerk geschmückt. Die Jahrzahl 
scheint hier 1534 zu lauten. Vom Jahre 1556 datirt eine schöne 
Facade am Untermarkt No. 8, jetzt zum Rathhause gehörig. Sie 
ist weit reicher behandelt als die übrigen, deren Motiv sie in's 
Zierlichere zu übersetzen sucht. Das Portal mit seinen elegant 
dekorirten Pfeilern wird von frei vortretenden, aber etwas müh- 
samen korinthischen Säulen eingerahmt. Sie stehen auf hohen 
laubgeschmückten Sockeln und tragen ein stark vorspringendes 
Gebälk, das an der Unterseite mit Akanthuskonsolen und Rosetten 
prächtig dekorirt ist, am Fries zierliche aber etwas dünne Ranken 
mit Masken hat, in der Mitte mit einem weit vortretenden Krieger- 
kopf prunkt. Ein kleines Consolengesims bildet den Abschluss; 
in den Zwickeln schweben komisch genug Adam und Eva ein- 
ander entgegen. Die ganze Fagade ist ausserdem im Erdge- 
schoss und den beiden oberen Stockwerken mit Pilastern ge- 
gliedert, und die Fenster haben abermals Pilaster als Einfassung. 

Alles Andere überragt aber weit die prachtvolle Fagade der 
Neiss-Strasse No. 29. Hier sind alle drei Geschosse gegliedert mit 
korinthischen Pilastern der feinsten Durchbildung, ganz mit Or- 
namenten übersät; dazu kommen an sämmtlichen Fensterbrüs- 
tungen Keliefscenen aus dem alten und neuen Testament in ma- 
lerischer Auffassung auf landschaftlichen Gründen, so dass keine 
Fläche unverziert geblieben ist. Die ursprüngliche Hausthür 
öffnet sich mit einem grossen Bogen, der von eleganten ko- 
rinthischen Säulen mit reich ornamentirteni Schaft eingefasst 
wird. Selbst die Sockel sind reich geschmückt, am Fries aber 
zieht sich die herrlichste Akanthusranke hin. Die ganze Fagade 
gehört zu den höchsten Prachtstücken unserer Renaissance, um 
so werthvoller, da sie sich von allen barocken Elementen fern 
hält. Im Fries glaubte ich 1571 zu lesen; man sollte das Werk 
aber für beträchtlich früher halten. 

Wie sehr die Pilasterarchitektur hier beliebt war, sieht man 
auch an dem grossen Bogen, der hinter der Klosterkirche die 
Strasse überwölbt. An der Nordseite ist sein Oberbau mit fein 
decorirten, frei korinthisir enden Pilasterstellungen geschmückt. 

Von ausgebildeten Hofanlagen habe ich nur ein Beispiel ge- 
funden. Es ist in dem Hause Petersstrasse No. 4, hinter dessen 




Fig. 196. Rathhaus zu Posen. (Baidinger nach Photogr). 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 705 

modemisirter Facade man nichts Interessantes vermuthet. Der 
schmale, lange Hof ist auf drei Seiten mit Galerieen in zwei 
Stockwerken (an der linken nur im Hauptgeschoss) umzogen, die 
mittelst flacher Stichbögen auf kolossalen Granitkonsolen ruhen. 
Der Anblick ist höchst malerisch und erinnert an den Hof des 
Hauses zur Krone in Breslau. 

Was den Renaissancebauten in Görlitz ihren besonderen 
Werth verleiht, ist . dass sie ohne Ausnahme den Charakter der 
Frühzeit tragen und fast keine Spur der späteren barocken 
Formen zeigen. Keine Stadt Deutschlands kann sich darin mit 
Görlitz messen, keine vermag eine solche Reihe einfach edel be- 
handelter Fagaden der Frührenaissance aufzuweisen, die sich ge- 
legentlich auch zu reichster Pracht entfalten. Wenn wir oben 
gesehen, dass die Blüthe der Stadt durch den Schmalkaldischen 
Krieg geknickt wurde, so wird uns dies durch die Monumente 
bestätigt. Sie gehören fast sämmtlich der ersten Hälfte des 
16. Jahrhunderts an. — 

Von den übrigen Städten der Lausitz, die vielleicht manchen 
Beitrag zur Renaissance liefern könnten, weiss ich Nichts zu 
melden. Weiter östlich sodann ist mir nur das Rathhaus zu 
Posen bekannt, von welchem Fig. 196 nach einer Photographie 1 ) 
eine Ansicht giebt. Die prächtige Doppelhalle wurde 1550 durch 
einen Italiener, Gio. Batt. de Quadro aus Lugano erbaut 2 ). Der 
Thurm ist mit Ausnahme der phantastisch hohen Spitze wohl 
auch italienisch, jedenfalls . ein von nordischen Thurmanlagen 
völlig abweichender Bau. 



In die Brandenburgischen Marken scheint die Renais- 
sance nur spärlich eingedrungen zu sein, ohne festen Fuss zu 
fassen. Eine höhere Kultur hatte gerade in diesen Landen an 
dem rohen raublustigen Adel ein unübersteigliches Hinderniss, 
und noch bis in den Ausgang des 15. Jahrhunderts fanden die 
Kurfürsten genug mit Niederwerfung des übermuthigen Junker- 
thums und Zerstörung der Raubnester zu thun. Erst seit Johann 
Cicero, der zuerst seinen bleibenden Wohnsitz in den Marken 
aufschlug und sich mit den Städten zur Ausrottung des Raub- 
adels verband, kehrte dauernde Ordnung im Lande ein, die 
durch den energischen Joachim I (1499—1535) eine festere Be- 
gründung erhielt. Die Stiftung der Universität Frankfurt, die 
Einsetzung des Kammergerichts zu Berlin zeugen von der urn- 



*) Ich verdanke dieselbe der gütigen Mittheilung des Herrn Dr. Alwin 
Schultz. — 2 ) Notiz von Alwin Schultz, Schles. Kunstleben S. 16. 

Kugler, Gesch. d. Baukunst. V. 45 



706 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

sichtigen Fürsorge des Fürsten, die jedoch in seiner Feindselig- 
keit gegen die Reformation eine Schranke fand. Dagegen ge- 
bührt seinem Sohn und Nachfolger, Joachim II (1535 — 1571), 
der Ruhm, in verständigem Eingehen auf die Bedürfnisse der 
Zeit und des Volkes die Reformation zur Durchführung gebracht 
zu haben. Auch hier geht die kirchliche Erneuerung des Lebens 
mit dem Umschwung der Kunst Hand in Hand: Joachim ist es, 
der an seinen Bauten die Renaissance einführt und darin seiner 
Prachtliebe einen Ausdruck schafft. Sein Sohn Johann Georg I 
(1571 — 1598) hat zu viel zu thun, die durch seinen verschwen- 
derischen Vater zerrütteten Finanzen wieder herzustellen, als dass 
man von ihm eine nachdrückliche Förderung der Kunstthätigkeit 
erwarten dürfte; aber indem er den wegen ihres Glaubens ver- 
folgten Niederländern ein Asyl in seinem Lande eröffnet, bricht 
er dem Einfluss jener in aller Kulturthätigkeit vorgeschrittenen 
Nation Bahn, so dass von da ab auch in der Architektur und 
den bildenden Künsten diese Einwirkung zu spüren ist. Jedoch 
ein kräftigeres Aufblühen dieser Länder, eine selbständige Be- 
theiligung am deutschen Kulturleben sollte erst nach den für die 
Marken so tief verheerenden Stürmen des dreissigj ährigen Krieges 
mit dem Regierungsantritt des grossen Kurfürsten erfolgen. 

Die ersten Spuren der Renaissance finden wir am König- 
lichen Schlosse zu Berlin, obwohl dieselben später durch 
den grossartigen Neubau Schlüters auf ein Minimum reducirt 
worden sind 1 ). Die Residenz der Hohenzollern befand sich zu- 
erst seit 1357 in der Klosterstrasse, an der Stelle des jetzigen 
Lagerhauses. Hier Hess sich der Kurfürst Friedrich I im Jahre 
1415 huldigen. Friedrich II erhielt 1442 von den Bürgern den 
Platz auf der kölnischen Seite der Spree hinter dem Prediger- 
kloster geschenkt, um sich dort ein neues Schloss zu bauen. 
Dasselbe war 1451 soweit vorgerückt, dass der Kurfürst darin 
seine Wohnung aufschlagen konnte. Von dieser ersten Burg 
stammt noch die alte Kapelle und der runde Thurm, welcher 
sich ihr nördlich anschliesst und von seiner Bedachung den 
Namen des grünen Hutes erhalten hat. Joachim II liess seit 
1538 die alte Burg, die seiner Prachtliebe und den gesteigerten 
Anforderungen der Zeit nicht mehr genügte, abreissen uud durch 
seinen Baumeister Kaspar Theiss ein neues Schloss errichten. Die 
Facade dieses Baues ist auf einem seltenen, 1592 bei Gelegen- 
heit eines Feuerwerks gestochenen Blatte zu sehen. Die Durch- 



') Das Geschichtliche in Nicolai, Beschreib, von Berlin und Potsdam 
1786 I. 81 ff. 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 707 

Zeichnung eines alten Gemäldes, welches ebenfalls den ursprüng- 
lichen Zustand darstellt, befindet sich im Hofbaubüreau. Man 
sieht die südliche Hauptfacade gegen den Schlossplatz, auf beiden 
Seiten von runden Erkern abgeschlossen, von denen der öst- 
liche gegen den Fluss hin in dem späteren Umbau erhalten ist, 
während der westliche der Verlängerung des Flügels weichen 
musste. Die Mitte der Fagade schmückte ein Balkon auf stark 
geschwellten Säulen, an der Brüstung mit Wappen geziert. Auch 
die Erker waren mit offenen Galerieen bekrönt, deren Kuppel- 
dach auf ähnlichen Säulen ruhte. Sämmtliche Fenster zeigen den 
spätgothischen Vorhangbogen, den bei uns die Frührenaissance 
festhält. Grosse Giebel, mit kleineren wechselnd, durch Pilaster, 
Nischen, Medaillons und reiche Friese belebt, durch Voluten und 
freisitzende Figuren silhouettirt, krönten den Bau, der nach alle- 
dem ein sehr prächtiges Werk gewesen sein muss. Vor das 
Ganze legte sich eine Colonnade mit offenen Bögen auf dorischen 
Pfeilern, die den Schlossplatz einfassten und zu Kaufläden be- 
stimmt waren. Doch muss dies ein späterer Zusatz aus der 
zweiten Hälfte des Jahrhunderts gewesen sein. 

Nur geringe schwer aufzufindende Reste haben sich von dem 
Bau Joachims erhalten. Zunächst gehören dahin die oberen 
Theile des runden Thurmes, der einerseits von der Kapelle, 
andererseits von einem später vorgelegten Bau mit polygonen 
Eckthürmen eingeschlossen und fast völlig verdeckt wird. An dem 
kleinen frei liegenden Theile bemerkt man von einem Fenster 
des angrenzenden Eckthurmes aus fein gezeichnetes Blattwerk an 
den Fenstereinfassungen, Balustersäulen und reiche Brüstungen, 
Alles im Stil der Frührenaissance. Eine zweite Säule sieht man 
im Innern des anstossenden Zimmers und zwei ähnliche in dem 
benachbarten Kapellenhofe, so dass man daraus das ursprüng- 
liche dekorative System dieser interessanten Theile herstellen 
könnte. Gleichzeitig ist an der thurmartig hohen Ostwand der 
Kapelle ein prächtiger Balkon ausgeführt worden. Endlich ge- 
hört derselben Zeit die innere Architektur . des im Aeusseren um- 
gestalteten Erkers der südöstlichen Ecke gegen die Kurfürsten- 
brücke. Das Eckzimmer öffnet sich gegen den Erker mit einem 
grossen Rundbogen, kassettirt und mit Rosetten geschmückt, die 
Zwickel und Pilaster mit hübschen Pflanzenornamenten und mit 
Brustbildern, darunter Joachim II und seine Gemahlin; Alles ur- 
sprünglich prächtig vergoldet auf azurblauem Grunde 1 ). Das 



*) Ein Bericht über die Auffindung dieses Bogens in v. Ledebur's 
Archiv VIII, 58 ff. 

45* 



708 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

sind die wenigen Ueberreste eines Baues, der die Verzierungs- 
lust der Zeit und die Prachtliebe seines Besitzers zum Ausdruck 
brachte. Der grosse Prachtsaal nahm die ganze Länge der 
Vorderseite ein und mag in seiner Ausstattung, wenn auch nicht 
in seiner Grösse mit dem gleichzeitigen von Torgau gewetteifert 
haben. Vor demselben auf einem steinernen Gange innerhalb 
des Schlosshofes waren die bemalten steinernen Brustbilder der 
Kurfürsten aufgestellt. Der ganze Bau in seiner Anlage und 
künstlerischen Ausstattung bekundet den Einfluss der sächsischen 
Schlösser zu Dresden und Torgau. Als Joachim II 1572 starb, war 
der Bau noch nicht ganz vollendet. 

Sein Nachfolger Johann Georg liess das Nöthigste durch 
Hans Räspell vollenden, namentlich die Giebel nach der Wasser- 
seite ausführen, den Thurm über der Kapelle ausbessern und aus- 
bauen. Seit 1578 liess er dann durch den Grafen Rochus von 
Lynar, einen vornehmen Baumeister von italienischer Abkunft, 
weitere Bauten ausführen. Ein vierter Stock wurde nach der 
Wasserseite aufgesetzt, besonders aber seit 1579 ein neuer Flügel 
begonnen, der den Schlosshof nach der Westseite gegen die 
Schlossfreiheit hin abgrenzen sollte. Von Pirna wurden be- 
deutende Sandsteinsendungen verschrieben und zugleich 30 säch- 
sische Maurer berufen, die wöchentlich 26 bis 30 Silbergroschen 
erhielten. 1585 schickt August von Sachsen seinen Maurermeister 
Peter Kummer. Dieser bringt eine Visirung mit, welche dann, 
durch den Grafen Lynar verbessert, der Ausführung zu Grunde 
gelegt wird. Später tritt Peter Niuron in die Bauführung ein, 
und der neue Flügel wird 1594 vollendet. In den oberen Zim- 
mern führte Meister Hleronymus Malereien aus. Dieser Flügel ist 
der jetzt noch vorhandene westliche Querbau, welcher die beiden 
grossen Schlosshöfe von einander trennt. Im Gegensatze zu den 
reich dekorirten Prachtbauten Joachims sind diese Theile schlicht 
und sparsam, aber in kraftvollen Formen ausgeführt. Namentlich 
gilt dies von der Galerie im dritten Stock, welche mit Stichbögen 
auf schön profilirten Steinconsolen eines ausgebildeten Renais- 
sancestils ruht. Der vierte Stock ist später aufgesetzt. Die Fenster, 
meist zu zweien gruppirt, haben eine Umrahmung von Rund- 
stäben und Hohlkehlen. Der nördliche Theil dieses Flügels hat 
über dem Erdgeschoss, das den Durchgang enthält, nur ein ein- 
ziges, aber sehr hohes Obergeschoss mit mächtigen gekuppelten 
Fenstern. Er enthält einen ehemals zu Theatervorstellungen be- 
stimmten Saal. 

Zu derselben Zeit wurde im Schlosshof an dem östlichen 
Flügel Joachims II eine grosse Doppeltreppe angelegt, die eine 



Kap. XIII. Die nordöstlichen Binnenländer. 709 

als Rampe zum Hinaufreiten, die andere mit Stufen. Dies gross- 
artige Treppenhaus war in einem offenen, auf Säulen ruhenden 
achteckigen Thurm angebracht. Ebenso erbaute man seit 1590 
den nach Norden vorspringenden Flügel, die jetzige Schloss- 
apotheke, welche, nachdem 1596 Lynar gestorben war, unter 
Niuron vollendet wurde. Wieder wurden im Jahre 1604 aus 
Meissen Maurer verschrieben. Das obere Geschoss, mit lasirten 
Steinen belegt, diente wahrscheinlich als Sommersaal. Gegen 
Ende der Regierung Johann Georg's wurde dann auch an 
der Wasserseite der Flügel mit den beiden polygonen Eck- 
thürmen gebaut, welcher damals das Haus der Herzogin hiess, 
also vielleicht für die Herzogin Hedwig errichtet worden war. 
Balthasar Benzelt aus Dresden scheint diesen Bau geleitet zu 
haben. Eine alte Abbildung 1 ) giebt eine perspektivische Dar- 
stellung des Schlosses, die den Hof mit seinen beiden polygonen 
Treppenthürmen, der grossen Doppeltreppe und den ehemaligen 
offenen Arkaden des Erdgeschosses anschaulich macht. 

Am besten erhalten ist von den alten Anlagen noch der 
Apothekenflügel: ein schlichter Backsteinbau mit verputzten 
Flächen, gruppirten Fenstern, deren Rahmen aus zierlichen Stäb- 
chen und Hohlkehlen zusammengesetzt sind, und mit drei statt- 
lichen Giebeln von massig barocker Behandlung. Dieselben Giebel 
finden sich dann auch an der Wasserseite. Die Gesimse und 
Einfassungen sind solid aus Sandstein hergestellt. Die Verbin- 
dung des Apothekenflügels mit dem Schlosse bewirkt ein hoher 
thurmartiger Bau mit einfacher Wendeltreppe und mittelalterlich 
profilirten Fenstern. 

In der zwanzigjährigen unglücklichen Regierung Georg Wil- 
helms schien der Bau mit dem ganzen Staate der Hohenzollern 
unaufhaltsam seinem Ruin entgegen zu gehen. Alles wurde bau- 
fällig, musste gestützt werden, so dass die Zeitgenossen klagten, 
„man müsse sich vor den Fremden schämen, die dieses kurfürst- 
liche Residenzschloss sähen". Erst der Grosse Kurfürst wandte 
dem Bau durch Memmhardt wieder seine Sorgfalt zu, und der 
erste König Preussens Hess durch Schlüter^ Genius hier das 
grossartigste Ftirstenschloss Deutschlands erstehen. Von den 
alten Theilen zeugt nur noch die dem Fluss zugekehrte öst- 
liche Seite. 

Ein Bau aus der Schlussepoche der Renaissance ist in dem 
Königlichen Marstall in der Breiten Strasse erhalten. Er be- 



') In Joh. Chr. Müller und G. Gottfr. Küster, altes und neues Berlin 
1737 I. Th. 



710 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

stellt aus zwei ursprünglich getrennten Theilen, dem 1624 von 
Hans Georg von Ribbeck erbauten Hause und dem nach 1593 
vom Oberkämmerer Hieronymus von Schlick errichteten Bau, 
welcher später in kurfürstlichen Besitz überging *). Der südliche, 
Ribbeck'sche Theil ist durch vier malerische Barockgiebel und ein 
kleines reiches Portal ausgezeichnet. Der nördliche hat drei 
ähnliche Giebel erhalten und ist durch ein barockes Portal ge- 
schmückt. Den mittleren Theil der Facade aber krönt ein mit 
grossem Relief ausgefüllter Tempelgiebel, von dem 1665 durch 
Smid ausgeführten Neubau herrührend. 

Andere Bauten dieser Epoche hat Berlin nicht aufzuweisen. 
Von den zahlreichen Schlossbauten des Caspar Theiss in den 
Marken ist nur wenig erhalten und das Wenige stark umge- 
staltet. Das Jagdschloss Grunewald bei Berlin ist nach Anlage 
und Ausführung höchst einfach. Mehrere dieser Schlösser 2 ) 
wiederholen denselben aus Venedig stammenden Grundriss: ein 
grosser Mittelsaal, durch die ganze Tiefe des Gebäudes gehend, 
zu beiden Seiten mit zwei kleineren Sälen verbunden. Es ist die 
auch am Rathhaus zu Augsburg vorkommende Anlage. An der 
Fagade ist dann nach nordischer Sitte ein runder Treppenthurm 
vorgebaut. Dicke Mauern, Gewölbe, meist in drei Geschossen, 
aber ohne jegliche Kunstform. So die Schlösser von Königs - 
wusterhausen und Lichterfelde bei Neustadt -Eberswalde, 
beide angeblich von einem Venezianer Chiaramella erbaut. Aehn- 
lich Schloss Orangen bei Schlawe in Hinterpommern, das noch 
mit runden Eckthtirmen versehen ist. Von verwandter Anlage 
Schloss Letzlingen, rings von einem Wassergraben umgeben, 
an dessen vier Ecken Rundthürme mit begleitenden Treppen- 
thtirmchen angebracht sind. Was sonst noch in den Marken an 
Schlössern etwa vorhanden ist, vermag ich nicht anzugeben. Das 
Rohr'sche Haus in Freienstein soll interessante Renaissance- 
theile besitzen. Ebenso das Schloss der Münchhausen zu 
Leitzkau. 

Dagegen zeugt von der Kunstliebe der Hohenzollern manch 
schönes Stück in den Schlössern und Sammlungen Berlin's. 
Vor Allem jener prachtvolle, grosse vergoldete Silberpokal im 
Königlichen Schlosse, den man dort für einen Benvenuto Cellini 
ausgiebt. Es ist aber, wie aus dem ganzen Aufbau, dem Cha- 
rakter der Figuren und dem zum Theil noch gothischen Laub- 
werk erhellt, ein Meisterstück deutscher, und zwar wahrschein- 



Nicolai a. a. 0. I, 117. — 2 ) Nach gefälligen Notizen des Herrn Geh. 
Reg.-Raths von Quast. 



Kap. XIV. Die norddeutschen Küstengebiete. - 71 1 

lieh Nürnberger Goldschmied^arbeit, etwa um 1560 ausgeführt 
Deutsche Arbeit, wenngleich von geringerer Art, ist auch das 
Kurschwert des Hauses Brandenburg, dessen vergoldete Silber- 
scheide ein breites, schweres, durchbrochen gearbeitetes Renais- 
sancelaub zeigt. Auch das Reichsschwert des Hauses Hohen- 
zollern mit seinen zierlichen gravirten Darstellungen weist auf 
einen süddeutschen Meister hin. 



XIV. Kapitel. 
Die norddeutschen Küstengebiete, 



Schon im Mittelalter haben die Länder der norddeutschen 
Tiefebene ein gemeinsames Kulturgebiet dargestellt. Es sind die 
Gegenden jenes energischen, nüchternen, verständigen und wil- 
lensstarken Geschlechtes, das schon im 13. Jahrhundert den bald 
so gewaltigen Bund der Hansa stiftete, der mit den Königreichen 
des Nordens Krieg führte und die Macht der grossen Handels- 
städte zu einer überall gefürchteten Weltstellung erhob. Die 
Kunst dieser Gegenden erreicht, im Einklang mit den politischen 
Verhältnissen, in der gothischen Epoche ihren Höhepunkt. Jene 
gewaltigen Backsteinkirchen, die noch jetzt mit ihren dunklen 
Massen über die hohen Giebelhäuser emporragen, sind in ihrer 
derben trotzigen Kraft, in ihrem nüchternen Ernst ein treues Bild 
des Bürgerthums, welches sie aufgethürmt hat. Schmucklos nach 
aussen, nur etwa in riesigen Thürmen ihre Macht verrathend, 
sind sie im Innern noch jetzt angefüllt mit den reichen Kunst- 
schätzen, welche das Mittelalter zu ihrer Ausstattung geliefert 
hat: mit Schnitzaltären, Chorstühlen, Kanzeln, Lettnern und 
Orgeln, mit Gemälden und Sculpturen, mit kunstvoll gegossenen 
Broncewerken, Kronleuchtern, Taufbecken, Grabplatten, so dass 
Gotteshäuser wie die grossen Marienkirchen von Danzig und 
Lübeck an Reichthum und malerischem Reiz des Innern weithin 
ihres Gleichen suchen. Da alle diese Städte früh den Protestan- 
tismus annahmen, aber sich meist von der wüsten Bilderstürmerei 
frei hielten, so hat eine schöne Pietät jene alten Schätze überall 
sorglich bewahrt. Auch jene Barock Schöpfungen, durch welche 
in anderen Gegenden der Alteweibersommer des jesuitisch wieder- 
hergestellten Katholicismus so manche alte Kirche um ihre 



712 • HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

früheren Kunstwerke gebracht hat, konnten hier nur massig sich 
einnisten, so dass der Eindruck bei allern Reichthum und grosser 
Mannichfaltigkeit ein harmonischer ist. 

Die Kenaissance kommt in diesen Gebieten merkwürdiger 
Weise erst sehr spät, zum Durchbruch. Lagen sie Italien zu 
fern? war die nordisch ernste Weise der anmuthig heiteren Kunst 
verschlossen? blieb man lieber in treuem Festhalten bei der 
gothischen Kunst der Väter stehen, oder wirkten alle diese Um- 
stände zusammen? Genug, es wird sich vor 1550 kaum ein nen- 
nenswertes Werk der Renaissancekunst aufweisen lassen. Um 
diese Zeit aber beginnt auch hier die neue Kunst einzudringen. 
Es sind hauptsächlich die durch nahen Handelsverkehr ver- 
bundenen Niederlande, durch welche allem Anscheine nach die 
Renaissance hier eindringt. Plastische Werke, namentlich Bronce- 
arbeiten, werden um diese Zeit mehrfach von dort bezogen oder 
von niederländischen Künstlern ausgeführt. Die Architektur folgte, 
und ahmte den Niederlanden jenen schon stark barocken und 
dabei trocken ernsthaften Stil nach, der sich alsbald über das 
ganze Küstengebiet bis nach den fernsten Punkten der Ostsee- 
provinzen verbreitete. Der Backstein wird festgehalten, aber in 
allen constructiven Theilen, den Fenster- und Thüreinfassungen, 
den Gesimsen, Pilastern, Giebeln und Krönungen mit Haustein 
verbunden. So entsteht jener malerisch wirkende Stil, den wir 
schon oben (S. 1 89 ff.) kurz charakterisirten und dessen Einwirkung 
in manchen Gegenden ziemlich tief landeinwärts sich ver- 
folgen las st. 

Der Mehrzahl nach handelt es sich in diesem Gebiet um 
städtische Bauten, Ratkhäuser, Gildenhallen, Zeug- und Kauf- 
häuser, Stadtthore und Befestigungen, um bürgerliche Wohnhäuser 
sodann, die besonders im Innern den ganzen Reichthum damaliger 
x\usstattung empfangen. Ein besonderer Einfluss niederländischer 
Sitte giebt sich in den bedeutenden Stockwerkshöhen zu er- 
kennen, welche namentlich den Rathssälen, aber auch im bürger- 
lichen Wohnhause den Haupträumen und dem grossen Flur ge- 
geben werden, der den Charakter einer hohen luftigen Halle 
gewinnt, 

Die fürstliche Macht spielt in diesen Gegenden nur eine 
zweite Rolle. Doch kommt sie im Gebiete der Herzoge von 
Pommern, mehr noch in den Mecklenburgischen Landen in einigen 
grossartigen und reich ausgeführten Bauten zum Ausdruck. In 
Mecklenburg bildet sich sogar eine besondere Behandlung der 
Renaissance aus, die auf künstlerischer Durchbildung des Back- 
steinbaues beruht und in zierlich ausgeführten Terrakottenreliefs 



Kap. XIV. Die norddeutschen Küstengebiete. 713 

an Gesimsen, Einfassungen, Friesen, Portalen und Fenstern den 
Facaden ein überaus anmuthiges Gepräge verleiht. Wir wenden 
uns nun zur Betrachtung des Einzelnen. 



Danzig. 

Mit dem äussersten Nordosten haben wir zu beginnen^ mit 
dem einst mächtigen Freistaat Dan zig, der seine Unabhängig- 
keit durch die mannigfaltigsten Geschicke zu behaupten wusste 
und als eine der vier Quartierstädte der Hansa hohes Ansehen 
genoss. Durfte doch ein Danziger Bürgermeister einst wagen, 
dem König von Dänemark den Krieg zu erklären! 

Die ältesten Zeugen künstlerischen Schaffens in Danzig sind 
die kirchlichen Gebäude. Doch reicht keines derselben über das 
14. Jahrhundert hinauf, ja die hauptsächlichste Thätigkeit auf 
diesem Gebiete fällt bereits in die letzten Epochen mittelalter- 
licher Kunstrichtung. Dies waren auch die Zeiten, in welchen 
die Stadt voll kräftigen Selbstgefühles mächtig aufblühte. Ihre 
Anfänge sind in Dunkel gehüllt. 1 ) Zwar wird der Name schon 
im 9. Jahrhundert durch den Biographen des heiligen Adalbert, des 
Apostels der heidnischen Preussen, erwähnt, allein von einer festen 
Stadt konnte damals in diesen Gegenden noch nicht die Rede 
sein. Im 11. Jahrhundert kam sie unter die Herrschaft der Polen 
und wurde die Residenz eines Fürsten von Pommerellen, der als 
Vasall der polnischen Krone die Burg von Danzig inne hatte. 
Diese lag in dem Winkel, den die Radaune bei ihrem Einfluss 
in die Mottlau bildet, wo noch jetzt in den Namen der Burg- 
strasse und der Rittergasse ihr Andenken fortlebt. An diesen 
festen Punkt lehnte sich westwärts der älteste Theil der Stadt, 
die Altstadt. Hier finden sich noch jetzt die Katharinen- und 
Brigittenkirche, weiterhin die Bartholomäus- und die Jakobikirche, 
das altstädtische Rathhaus, jetzt in ein Kreisgerichtsgebäude um- 
gewandelt, und endlich in dessen Nähe die Elisabeth- und Kar- 
meliterkirche. Als darauf im Anfange des 14. Jahrhunderts die 
Ritter des deutschen Ordens die Stadt erobert und sich auf der 
Burg festgesetzt hatten, veranlassten die neuen Herrscher im 
Jahre 1311 die Gründung einer neuen Stadt, der sogenannten 
Rechtstadt, neben welcher jedoch die Altstadt zunächst ihre 
Selbständigkeit in eigener Verwaltung und Gerichtsbarkeit be- 
hielt. Allmählich jedoch schwang sich die Rechtstadt zur 



*) Vergl. über das Geschichtliche G. Löschin, Gesch. Danzigs. 2 Bde. 



714 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

grösseren Bedeutung empor, wie sie denn auch noch jetzt den 
glänzenden Mittelpunkt bildet. Hier erhebt sich der kolossale 
Bau der Hauptpfarrkirche zu St. Marien, einer der grösseren 
Kirchen Europa's, hier liegen die Johannes-, die Dominikaner-, 
die h. Geistkirche; hier sind die schönsten Strassen mit den 
prachtvollsten Häusern, hier ist vor Allem der Lauge Markt mit 
dem Artushof und dem imposanten Rechtstädtischen Rathhaus. 
Unter der klugen Herrschaft der Ritter entwickelte sich in andert- 
halb Jahrhunderten die Blüthe der Stadt, die durch ihre Lage in 
fruchtreicher üppiger Gegend und besonders in der Nähe der 
Weichsel, mit der sie durch die selbst für grössere Schiffe fahr- 
bare Mottlau in unmittelbarer Verbindung steht, sich bald zum 
wichtigen Handelsemporium, zu einem der vier Vororte der Hansa 
und zur Kornkammer des Nordens aufschwang. Nachdem sie 
im Jahre 1454, zu gesteigertem Selbstgefühl erstarkt, die drückende 
Herrschaft des Ordens abgeschüttelt hatte, kehrte sie unter die 
Oberhoheit der polnischen Krone zurück, jedoch mit so bedeutenden 
Privilegien, dass sie für sich einen kleinen, aber mächtigen Frei- 
staat bildete. In diese Zeit fallen wiederum bedeutende Bau- 
unternehmungen, namentlich der Umbau und die Erweiterung der 
Marienkirche zu ihren jetzigen grandiosen Dimensionen. Dass 
auch in den folgenden Jahrhunderten diese Blüthe noch im Zu- 
nehmen begriffen gewesen, erkennt man an der prachtvollen 
Entwicklung, welche in diesen Zeiten der Privatbau erfuhr, an 
der reichen Ausschmückung und Vollendung der öffentlichen 
städtischen Gebäude und der Kirchen. Im siebzehnten Jahr- 
hundert scheint die Bevölkerung der Stadt bis auf 80,000 Ein- 
wohner gestiegen zu sein, eine Höhe, welche sie erst seit Kurzem 
wieder erreicht, ja überschritten hat. 

Diesem Entwickelungsgange entsprechend hat sich auch die 
Physiognomie der Denkmäler gestaltet 1 ). Mit der Anlage der 
Rechtstadt im 14. Jahrhundert begann wohl erst eine bedeutendere 
Entfaltung des Kirchenbaues; mit zunehmender Bevölkerung 
musste durch Neubau und Vergrösserung der Körper der kirch- 
lichen Gebäude verändert werden, bis endlich den nachfolgenden 
Geschlechtern nur noch übrig blieb, durch kostbare Ausrüstung 
und Verzierung auch ihrem frommen Eifer zu genügen. Es ist 
nun bezeichnend, wie die Kirchen in ihrer Gesammthaltung merk- 



*) Ueber keine deutsche Stadt besitzen wir ein auch nur annähernd 
so schönes und bedeutendes Werk wie über Danzig in den Radirungen 
von Prof. Schultz. Dazu kommen neuerdings zahlreiche photographische 
Aufnahmen der Herren Ballerstadt und Radtke in Danzig. 



Kap. XIV. Die norddeutschen Küstengebiete. 715 

würdig von dem künstlerischen Charakter der Profan- und Pri- 
vatarchitektur abweichen. Während diese überwiegend eine üp- 
pige Renaissance zeigen, erheben sich jene in ernsten, schweren 
Massen eines gothischen Backsteinbaues, und selbst das Material 
bildet einen Unterschied, da die Privathäuser grösstenteils aus 
Hausteinen, und nur einige grössere öffentliche Gebäude aus einer 
Mischung dieses Materials mit dem Backstein aufgeführt . sind. 
Dagegen hat aber spätere Geschmacksrichtung sich nicht blos an 
den mannigfaltigen Gegenständen der inneren Ausrüstung schad- 
los gehalten, sondern consequenter Weise fast jedem der zahl- 
reichen Kirchthürme der Stadt seine wunderlich schnörkelhaften 
Hauben aufgezwängt. 

Betritt man zum ersten Mal die Strassen Danzigs, so ist man 
überrascht von der hohen malerischen Schönheit dieser Anlage, 
der seltenen Grossartigkeit, der üppigen Pracht, die sich überall 
kund giebt. Vor Allem bestimmend für den Eindruck der Stadt 
sind die sogenannten „Beischläge", die leider seit einiger Zeit 
dem modernen Verkehrsbedürfniss immer mehr zum Opfer fallen. 
Nur wer diese noch in ganzer Vollständigkeit gesehen, weiss was 
das alte Danzig gewesen. Diese „Beischläge" sind für die 
Strassen Danzigs das eigentlich Charakteristische. Auch in andern 
alten Städten finden sie sich, aber nirgends so grossartig ange- 
legt, nirgends so stattlich architektonisch ausgeprägt, nirgends 
(wenigstens bis vor Kurzem) so zahlreich erhalten wie hier. Sie 
wurden in den meisten mittelalterlichen Städten durch die Be- 
schaffenheit der Häuser und die Sitte der Bürger hervorgerufen. 
In jener Zeit waren die Wohnungen selbst des reicheren Privat- 
mannes eng, niedrig, beschränkt. Es galt auf möglichst kleinem, 
fest umgürteten Bezirk eine möglichst grosse Menge zu Schutz 
und Trutz Verbundener zusammenzudrängen. Der enge Hausraum 
wurde daher fast gänzlich von den für die geschäftliche Thätig- 
keit des Besitzers notwendigen Lokalitäten in Anspruch ge- 
nommen. Aber am Abend, nach vollbrachtem Tagewerke, wollte 
man gern einen freieren Platz zur Hand haben, auf dem die 
Familie im traulichen Beisammensein sich von der Arbeit erholen 
konnte. Aus diesem Bedürfniss entstanden gewisse breite, mit 
mehreren Stufen über das Niveau der Strasse sich erhebende, 
die ganze Front des Hauses begleitende Vorplätze, die man mit 
steinernen Balustraden und eisernen messingverzierten Geländern 
umgränzte und mit Bänken ausstattete. Diese Vorbauten nennt 
man „Beischläge". Gegenwärtig hat zwar seit geraumer Zeit das 
Familienleben sich von den Beischlägen in's Innere der Häuser 
zurückgezogen. Der Bürger des neunzehnten Jahrhunderts ist 



<\ 



716 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

nicht so streng in die Ringmauern seiner Stadt geschlossen, wie 
der des fünfzehnten und sechszehnten es war. Er kann um so 
leichter daher die Beischläge entbehren, zumal da heutzutage an 
die Stelle des öffentlich gemeinsamen Lebens, welches ehedem 
die Bürger einer Stadt so zu sagen zu einer einzigen Familie 
verband, ein zurückgezogenes Wesen getreten ist. 

Was an Danzig vorzugsweise fesselt, sind nicht sowohl die 
kirchlichen Denkmäler, obschon auch deren einige beachtens- 
werthe sich finden, sondern die bauliche Gesammtanlage der Stadt, 
und die Art, wie städtische Macht und bürgerlicher Reichthum 
sich hier architektonisch verkörpert haben. Leicht erkennt man 
aus dem Complex verschiedener jüngerer Zusätze die Bestand- 
teile der eigentlichen alten Stadt heraus. Sie schliesst sich an 
die Mottlau, welche die natürliche Grenze nach Osten bildete, 
während nördlich die in jene sich ergiessende Radaune den Ab- 
schluss gab. Hier liegt die Altstadt, hier die alte Rechtstadt mit 
ihrem Rathhause, dem Artushof und den meisten Kirchen. Noch 
ist die alte Stadtmauer mit zahlreichen malerischen mittelalter- 
lichen Thoren an der Mottlau entlang erhalten, eine Stadt in der 
Stadt umzirkend. Denn zunächst schliesst sich die durch einen 
anderen Arm des Flusses begränzte Speicherinsel an, die mit 
ihren langen Reihen hoher backsteinerner Speicher einen nicht 
minder eigenthümlichen Charakter bildet. Dann erst folgen die 
neuen, für uns uninteressanten Stadttheile, Langgarten und 
Niederstadt. 

In den älteren Stadttheilen laufen alle Hauptstrassen so 
ziemlich von Osten nach Westen bis zum Fluss hinab. Unter 
ihnen dominirt durch stattliche breite Anlage und hervorragende 
Bauwerke die Lange Gasse, die sich am Rathhause plötzlich 
zum Langen Markt erweitert. Sie beginnt landwärts mit dem 
Hohen Thor und öffnet sich gegen das Wasser mit dem Grünen 
Thor. Der Blick von letzterem gegen das Rathhaus hin, das mit 
seinen gewaltigen Mauermassen wie eine trotzige Wehr vor- 
springt und den Markt abschliesst, gehört zu den schönsten 
städtischen Architekturprospekten die ich kenne. Die hohen, 
reich verzierten Giebelhäuser, die bei den sanft geschlängelten 
Windungen der Strasse dem Auge das Bild mannichfacher Ver- 
schiebungen darbieten, vollenden das wirksam Charakteristische 
der Strassenphysiognomie. Merkwürdig ist, dass manche Haupt- 
strassen noch eine parallel mit ihnen laufende Hintergasse haben, 
welche den Wagen zum Anfahren diente. Diese Einrichtung 
wurde durch die ganze Anlage der Häuser herbeigeführt. Da 
nämlich die ganze Vorderseite des Hauses durch den Beischlag 



Kap. XIV. Die norddeutschen Küstengebiete. 



717 



eingenommen wird, so bleibt dort kein Platz für eine Anfahrt 
übrig. Von dem erhöhten Beischlage (A in Fig. 197) betritt man 
sofort durch die Hausthür den Flur B, der hoch und breit ange- 
legt ist und nur an der einen Seite bisweilen ein niedriges Zimmer, 
Comptoirstube des Besitzers, hat 1 ). Diesen hellen geräumigen Flur 
hat man sich als den Mittelpunkt zu denken, 
in welchem ehemals das ganze vielfältige Leben 
des Hauses seine Fäden vereinigte. Hier war 
das Centrum der gemeinsamen Thätigkeit. Von 
hier führte eine mächtige Treppe von Eichen- 
holz in die oberen Stockwerke; von hier er- 
streckte sich häufig ein Corridor nach den 
Hintergebäuden und Hofräumen; von hier ge- 
langte man auch in das saalartige, nach dem 
Hofe D gelegene Zimmer C, welches überall 
mit Vorliebe ausgeschmückt erscheint und offen- 
bar die Familie an Sonntagen und sonst wohl 
bei festlichen Gelegenheiten zu abgeschlossener 
Gemeinsamkeit beim frohen Mahle vereinigte. 
Diese Hauptdisposition findet sich in den 
meisten Häusern, so weit sie den altertüm- 
lichen Zuschnitt noch bewahren, durchweg 
festgehalten. Dabei haben die Häuser nach 
mittelalterlicher Art in der Regel nur eine 
Breite von drei Fenstern,, während sie eine 
enorme Tiefe besitzen. In Folge dieser An- 
lage sind allerdings Licht und Luft, wo man 
nicht neuerdings restaurirt hat, ein wenig karg 
zugemessen. Ein geräumiges Hinterhaus E, 
welches die Verbindung mit einer schmalen, Figl97Danzig>Privathauae 
der Hauptstrasse parallel laufenden Gasse ver- (Bergau). 

mittelt, bildet den Abschluss des Ganzen. 

Mit Ausnahme einiger unbedeutenden gothischen Giebelhäuser 
von Backsteinen, die in den engen Gassen bekder Marienkirche 
und an der alten Stadtmauer vorkommen, gehören die Danziger 
Häuser einer späteren Epoche an, wo Reichthum und Wohlleben 
sich auch in der inneren Ausstattung der Räume geltend machte 
und dem prunkvollen Aeusseren ein nicht minder schmuckes 
Inneres entsprach. Die Renaissance hat ihre Formenfülle her- 
leihen müssen, um den Facaden wie den Zimmerdekorationen ein 
glänzendes Leben zu verleihen. Aber aus der seltsamen Ver- 





') Den Grundriss Fig. 197 verdanke ich Herrn Prof. R. Bergau. 



718 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

bindung, welche die Formen der antiken Kunst mit den mittel- 
alterlichen Verhältnissen des Grundrisses und Aufbaues eingehen 
mussten, ist auch hier ein merkwürdiger Mischlingsstil hervorge- 
gangen. Dennoch wirken diese Fa^aden, blos malerisch be- 
trachtet, höchst bedeutend, wozu die reiche Fülle des Ornaments 
und die Gediegenheit des Materials — ein trefflicher Haustein, 
ja selbst Marmor scheint vorzukommen — das Ihrige beitragen. 
So finden sich an einem Hause der Langgasse, welches mit 1567 
bezeichnet ist, Triglyphenfriese mit Schilden und Thierköpfen, 
darunter Maskenkonsolen und reizende Arabesken; oben ge- 
schweifter Giebel mit grossen Reliefmedaillons. Meistens werden 
die Systeme der antiken Baukunst in kräftigen Pilasterstellungen 
den schmalen, aber hohen Fagaden vorgesetzt; oft auch erhält 
dann das Ganze als Abschluss eine Balustrade mit Statuen, 
welche den abgewalmten Giebel zu verdecken hat. So in dem 
reich behandelten Hause det> Langgasse, welches wir unter 
Fig. 198 beifügen. Manche Beispiele dieser prächtigen Facaden 
mit ihren Beischlägen finden sich in dem schönen Werke von 
Schultz; eine noch grössere Anzahl liegt in Photographien vor, 
welche nach Prof. Bergau's Anweisungen gefertigt sind. Es ge- 
nügt hier, auf diese Publicationen zu verweisen. Ein stattliches 
Hausportal ist oben unter Fig. 31 auf S. 161 abgebildet. 

Gelegentlich führte die Verbindung der antiken Formen mit 
den mittelalterlichen selbst in der Construetion zu seltsamen 
Formspielen. So ist in einem anderen Hause der Langgasse, 
welches einer Buchhandlung gehört, der vordere Raum eine grosse 
Halle, deren reiche Sterngewölbe auf toskanischen Säulen ruhen. 
Diese Gewölbe sind aber ohne Rippen aufgeführt und dürften in 
constructiver Hinsicht nur die Bedeutung von Tonnengewölben 
haben. Der nach dem Hofe liegende Saal ist dagegen flach be- 
deckt, die Decke prächtig in Holz geschnitzt mit zierlich ausge- 
bildeten Zapfen und farbig eingelegten Figürchen. In einem 
schönen Hause derselben Gegend sieht man einen Saal mit nicht 
minder trefflich geschnitzter Holzdecke, deren Eintheilung in 
glücklichem Verhältniss zur Grösse des Raumes steht, und deren 
Felder mit gemalten Darstellungen versehen sind 1 ). 

Unter den städtischen Profanbauten tritt das Recht- 
städtische Rathhaus vor Allem bedeutsam hervor 2 ). Seinem 
Hauptkörper nach stammt es noch aus gothischer Zeit, aus der 



f ) Die Darstellungen von Prof. Schultz, a. a. 0. I, 8. II, 12 und a. 
ergeben vorzügliche Bilder dieser prachtvollen Innenräume. — 2 ) Vergl. 
Hoburg, Gesch. des Rathh. der Rechtstedt D. 1857. 




Fig. 198. Danzig, Stephanshaus, 



Kap. XIV. Die norddeutschen Küstengebiete. 721 

Epoche, wo die junge Rechtstadt in mächtigem Emporblühen des 
Handels und Wohlstandes ihrem höchsten Glänze entgegen ging. 
Charakteristisch ist nun an diesem Bau, dass er ganz aus Quadern 
aufgeführt ist, da doch sämmtliche Kirchen und 'Privathäuser der 
mittelalterlichen Epoche Backsteinbauten sind. Späterhin scheint 
sogar der gebrannte Stein fast das ausschliessliche Material für 
kirchliche Bauten zu werden, während an den Bürgerhäusern und 
den stattlichen Profangebäuden der Renaissancezeit man sich über- 
wiegend dem Hausteine zuwandte, oder aus ihm wenigstens die 
wichtigsten architektonischen Theile, Gesimse, Einfassungen und 
Ornamente bildete. Das Rathhaus hat durch die altergeschwärzten 
Quadern, durch das trotzige Vorspringen in die Strassenlinie, 
durch den horizontalen Abschluss der compacten Massen etwas 
Imponirendes, einen Ausdruck von Macht und Herrschaft erhalten. 
Grosse viereckige Fenster, durch steinerne Stäbe getheilt, durch- 
brechen die Flächen. Auch der Thurm ist in seinen unteren 
Theilen noch gothisch, 1465 aufgeführt, nur die schlanke zier- 
liche Spitze datirt von einer Restauration aus den Jahren 
1559 — 1561. Diese Spitze ist die feinste Blüthe jener üppigen, 
schnörkelhaften schon in's Barocke auslaufenden Spätrenaissance, 
ein Wunder in ihrer Art. Der Barockstil scheint hier einen Wett- 
kampf mit der luftig aufstrebenden Gothik versucht zu haben, so 
leicht, elegant und zierlich in der Verjüngung, so mannichfaltig und 
reich in ihrem Umriss steigt diese Spitze in die Luft. Aller- 
dings von dem strengen geometrischen Formalismus, dem orga- 
nischen Aufwachsen einer ' gothischen Thurmpyramide ist nicht 
die Rede; aber um so bemerkenswerther, ja in malerischer Hin- 
sicht den gothischen Thürmen wohl noch überlegen, ist dies 
krause Spiel von rundlichen Formen, die eigentlich dem Princip 
des luftigen Aufstrebens fremd, doch aufs Schönste zu ver- 
wandter Wirkung benutzt sind. Die ganze Spitze ist vergoldet 
und mit einer ebenfalls vergoldeten geharnischten Figur bekrönt, 
so dass im hellen Sonnenschein der Eindruck noch glänzender, 
ätherischer wird. ^ 

Auf einer prächtigen, bequemen, aus Eichenholz geschnitzten 
Wendeltreppe 1 ) gelangt man im Innern zum Hauptgeschoss und 
zunächst in die Sommerrathsstube, die in reichster Pracht der 
Renaissalicezeit mit ihrer brillant vergoldeten und gemalten Decke, 
von welcher durchbrochene, äusserst reich und zierlich gearbeitete 
Zapfen niederhängen, ein Bild stolzen, üppigen Wohlstandes ist 2 ). 



») Abbild, bei Schultz Nr. 11. — 2 ) Vergl. Schultz Nr. 12. 

Kugler, Gesch. d. Baukunst. V. 46 



722 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Sie wurde bis 1596 durch eiuen holländischen Künstler, Vrede- 
man de Vries aus Leuwarden ausgeführt. Die Schnitzwerke 
arbeitete Simon Herle, wahrscheinlich ein einheimischer Künstler, 
und der Kamin wurde durch Wilhelm Barth in Stein gehauen, 
aber durch Vredeman bemalt und vergoldet. Bios für die Decken 
zahlte die Stadt in zwei Jahren 2645 Thaler. Besonders graziös 
und durch feine polychrome Behandlung ausgezeichnet ist die 
Winterrathsstube, welche wiederum die Vermischung gothischer 
Gewölbe mit antikisirenden Formen an Konsolen und dergleichen 
zeigt 1 ). Ein anderes Gemach, der Weisse Saal, ist erst in 
jüngster Zeit mit Sterngewölben auf schlanker Granitsäule ver- 
sehen worden. Dagegen gewährt die Kämmereikasse 2 ) mit ihrer 
feinen einfachen Holzdecke, dem schönen Wandgetäfel, der reich 
geschnitzten Thüre von 1607 und dem bemalten und vergoldeten 
Kamin von 1594 ein ebenso harmonisches als prächtiges Bild. 
Auch die gleichzeitig erbaute Depositalkasse 3 ), ein kleines ge- 
wölbtes Gemach, erhält durch die reiche Wandbekleidung einen 
ansprechenden Schmuck. 

Um dieselbe Zeit erbaute die Stadt (1588) das Hohe Thor 4 ), 
wahrscheinlich nach den Plänen und unter Leitung des Anthony 
von Obbergen aus Mecheln, der damals in Danzig Stadtbaumeister 
war. 5 ) Es ist ein machtvoller aus Sandsteinen aufgeführter Bau, 
in strenger Rustika mit dorischen Pilastern, sämmtliche Steine 
mit gemeisseltem Laubwerk bedeckt. Die Anlage folgt den drei- 
thorigen römischen Triumphpforten; kräftige Consolen tragen das 
Gebälk, über welchem eine hohe Attika mit den Wappen des 
Königreichs Polen, der Stadt Danzig und der Provinz West- 
preussen, ersteres von Engeln, das zweite von Löwen, das dritte 
von Einhörnern gehalten. Es ist ohne Frage das grossartigste 
Thor, welches die Renaissance irgendwo hervorgebracht hat 
Wahrscheinlich durch denselben Meister liess die Stadt im Jahre 
1587 das Altstädtische Rathhaus erbauen. Wir haben auf 
S. 205 eine Abbildung desselben gegeben, die den einfachen 
Ziegelbau mit seinen kräftigen Hausteineinfassungen, den grossen 
Verhältnissen, den malerischen, durch eine Balustrade verbundenen 
Eckthürmchen und dem pikant silhouettirten Hauptthurme als ein 
Werk niederländischen Einflusses bezeichnet. Endlich errichtete 
die Stadt in derselben Epoche (1605) ihr Zeughaus, das den- 
selben Stil, aber in ungleich reicherer Ausbildung zeigt. Von den 



x ) Abbild, bei Schultz, Nr. 6. — 2 ) Ebenda II, 16. — 3 ) Ebenda II, 17. 
— 4 ) Ebenda, Dedicationsblatt. — 5 ) Nach anderen Nachrichten (vergL 
oben S. 667) war Hans Schneider von Lindau der Baumeister. 



Kap. XIV. Die norddeutschen Küstengebiete. 723 

derben Barockgiebeln und den kraftvollen Portalen, mit welchen 




selbst die hintere Facade ausgestattet ist, giebt unsere Abbildung 

46* 



724 



III. Buch. Renaissance in Deutschland. 



auf S. 190 ein Bild. Ungleich tippiger gestaltet sich mit zwei 
vorspringenden Treppenthürnien und einem vor der Mitte der 
Fagade sich erhebenden Brunnen die Hauptfront (Fig. 199). An 
allen diesen Gebäuden sind die zahlreichen Skulpturen und Or- 
namente noch durch Vergoldung hervorgehoben. Die beiden 
Treppen in den Eckthtirmen sind in kunstreicher Weise als Wen- 
delstiegen, die eine mit einer Spindel ausgeführt. Das Innere des 
Baues bildet eine gewaltige vierschiffige Halle* deren 24 Kreuz- 
gewölbe auf 15 freistehenden Pfeilern ruhen. 




Danzig, Müller^ewerkhaus. 



Geben alle diese Werke von der damaligen Macht und dem 
hohen Monumentalsinne der Stadt ein bedeutsames Zeugniss, so 
mag als letzter Nachklang einer malerischen und eigenartigen 
Architektur das Müllergewerkhaus (Fig. 200) hier seine Stelle 
finden. Es ist ein charakteristisches Beispiel des bis in diese 
Gegenden reichenden deutschen Fachwerkbaucs, durch die hölzerne 
Freitreppe und die zierlich gedeckte Laube des oberen Geschosses 
von anziehender Wirkung. Der Dachgiebel mit dem an kräftigem 
Querbalken herausgehängten hübsch geschnitzten Gewerkschild 
erhöht die Wirkung des kleiuen Baues. 



Kap. XIV. Die norddeutschen Küstengebiete. 725 

Pommern. 

Der Boden von Pommern scheint für die Renaissance wenig 
ergiebig gewesen zu sein. Die mächtigen Städte Stralsund, Greifs- 
wald, Stargard u. a. haben ihre entscheidende Rolle ausgespielt 
und lassen in ihren mittelalterlichen Monumenten Zeugen ihrer 
früheren Blüthe schauen. Mit der neuen Zeit beginnt auch hier 
das Fürstenthum sich zu erheben. Schon Herzog Bogislaw X 
(f 1523) sucht die fürstliche Macht zu organisiren und fester zu 
begründen. Er beruft Doctoren des römischen Rechts in's Land, 
um die neue Ordnung durchzuführen 1 ). Unter seinen Söhnen 
Georg und Barnim X setzt sich in den Städten die Reformation 
gegen den Willen der Fürsten durch. Nach Georgs Tode (1531) 
theilt Philipp I mit Barnim die Regierung, bis erster er 1560 stirbt 
und letzterer 1569 entsagt. Barnim, eine friedliche, den Künsten 
ergebene Natur (der übermüthige Adel verspottete ihn oft wegen 
seiner „Spillendreherei", d. h. Liebe zum Drechseln und Bild- 
schnitzen), ist uns besonders durch bauliche Unternehmungen be- 
deutsam. Sodann aber tritt der hochsinnige, prachtliebende und 
gebildete Johann Friedrich (1570 — 1600) als Förderer der Künste 
auf. Maler, Formschneider und Kupferstecher finden Beschäf- 
tigung; Johann Baptista, „fürstlich pommerischer Contrefaitmaler", 
wahrscheinlich ein Italiener, galt als der beste Künstler in Nord- 
deutschland. An Stelle des durch Brand zerstörten Schlosses zu 
Stettin liess Johann Friedrich durch einen wälschen Meister seit 
1575 einen ansehnlichen Neubau aufführen, der zwar im October 
des folgenden Jahres wieder durch Feuer beschädigt wurde, aber 
1577 schon seine Vollendung erhielt. Auch das Jagdschloss 
Friedrichswalde, tief im Forste unweit der Ihna, erbaute er, und die 
verfallenen Schlösser inStolp, Lauenburg u. a. stellte er wieder her. 
Noch eifrigere Förderung von Kunst und Wissenschaft finden 
wir sodann bei dem edlen, sinnigen Philipp II, (gest. 1618), den 
seine religiösen Grübeleien nicht abhielten, mit warmem Antheil 
den Schöpfungen der Kunst zu folgen, Münzen^-Gemälde, Minia- 
turen und andere Kostbarkeiten zu sammeln und für sein reiches 
Kunstkabinet einen besonderen Flügel dem Schloss in Stettin 
anzubauen. Von der feinen Sitte, welche an seinem Hofe herrschte, 
von der acht humanen Gesinnung und der für jene Zeit selten 
hohen Bildung giebt uns Philipp Hainhofer's Reisetagebuch 1 ) an- 
ziehenden Bericht. Noch ist (im Museum zu Berlin, vgl. oben 



Barthold, Geschichte von Rügen und Pommern IV, 2 S. 4 ff. 
2 ) Herausgegeben in den Baltischen Studien. II. Bd. Stettin 1836. 



726 IH- Buch. Renaissance in Deutschland. 

S. 98 fg.) der berühmte pommerisehe Kunstschrank erhalten, 
welchen der Augsburger Patricier im Auftrage des Fürsten hatte 
arbeiten lassen und den er, zugleich mit einem zweiten ähnlichen 
Prachtwerk, dem jetzt verschollenen sogenannten Meierhof, selbst 
nach Stettin überbrachte. 

Der ansehnlichste Rest von den architektonischen Schöpfungen 
der pommerschen Herzoge, wenn auch in seiner jetzigen Gestalt 
künstlerisch nicht eben bedeutend, ist das Schloss zu Stettin. 
Seine Front mit dem Hauptportal, das übrigens einer späteren 
Zeit angehört, liegt gegen Süden. Neben dem Portal, zur Rechten 
des Eintretenden, erhebt sich, aus dem Mauerkörper vorspringend, 
ein viereckiger Thurm, der oben in's Achteck übergeht. Dieser 
Flügel ist eben in einem völligen Umbau begriffen, wobei eine 
schöne alte Holzdecke wieder zur Verwendung kommen soll 1 ). 
Tritt man durch das Hauptportal ein, so befindet man sich 
in einem grossen viereckigen Schlosshofe von ziemlich regel- 
mässiger Anlage, der wieder durch zwei viereckige Thürme 
ein stattliches Gepräge erhält. Der eine, am westlichen Flügel 
vorspringend, enthält den Aufgang zu den dortigen Räumen; der 
andere, oben in's Achteck übergehend, dient als Uhrthurm. Im 
Uebrigen ist der ganze Bau von grösster Einfachheit, die Flächen 
verputzt, die architektonischen Glieder aber von Stein. Die 
Form durchweg die einer schlichten classicistischen Renaissance, 
die Fenster mit antikem Rahmenprofil und Deckgesims, im öst- 
lichen und dem anstossenden Theil des nördlichen Flügels, die 
eine besondere Bauführung zeigen, zu zweien gruppirt. Die Ab- 
wesenheit aller mittelalterlichen Reminiscenzen, noch mehr aber 
die Bekrönung des Ganzen mit einer hohen Attika, deren Ge- 
simse durch liegende Voluten abgeschlossen wird und blos dazu 
dient das Dach zu maskiren, deutet auf italienische Hand 2 ). Ein 
schlichter Erker ist am nördlichen Ende des Westflügels, ein 
ebenfalls einfach behandeltes Doppelportal, darüber eine kleine 
Loggia mit kannelirten dorischen Pilastern, im nördlichen Haupt- 
flügel angeordnet. Auch die Treppe, die hier in geradem Uaufc 
aufsteigt, zeigt italienische Anlage. An diesen beiden Flügeln 



*) Ich habe die Decke wegen des eben begonnenen Umbaues nicht zu 
sehen bekommen. Kugler, der über dieselbe (Pomm. Kunstgesch., in den 
Kl. Sehr. I, S. 774) berichtet, hat sie anfangs dem durch Herzog Bogislav 
X seit 1503 ausgeführten Bau zuschreiben wollen ; nachher aber (ebendort, 
Note 2) spricht er Bedenken aus und meint sie doch der zweiten Hälfte 
des Jahrhunderts zuschreiben zu sollen. — 2 ) Damit stimmt denn auch die 
oben gegebene historische Notiz. 



Kap. XIV. Die norddeutschen Küstengebiete. 727 

liest man zweimal die Jahreszahl 1577. Es sind also die Theile, 
welche seit 1575 unter Herzog Johann Friedrich „durch einen 
wälschen Maurer, Antonius Wilhelm", aufgeführt wurden. Andeu- 
tungen einer reicheren ehemaligen Gliederung sind in einigen Pi- 
lastersystemen am Westflügel erhalten. Ebenso glaubt man am 
östlichen Ende des Hauptbaues Spuren einer ehemaligen Arkade 
zu bemerken. Im Innern ist die gleichzeitig erbaute Schlosskirche 
der wichtigste Kaum: ein Rechteck mit Spiegelgewölbe, in drei 
Geschossen von Arkaden mit Emporen umzogen. Im unteren 
standen nach Hainhofer's Bericht „die Diener und Stadtleute, im 
mittleren die Fürsten, Räthe, Junker und Pagen, im oberen die 
Fürstinnen, Frauenzimmer und Mägde." Von einem früheren 
Baue dagegen stammt offenbar das am östlichen Flügel einge- 
setzte Wappen mit dem Namen Herzog Barnims X vom Jahre 
1538. Es ist in primitiven, wenig verstandenen ßenaissanceformen 
ausgeführt. Ob die Bautheile, an welchen es sich befindet, noch 
jenem früheren Bau angehören, ist weder mit Bestimmtheit zu 
bejahen noch zu verneinen. Gewisse Umgestaltungen und Zu- 
sätze abgerechnet (namentlich die Attika) ist es wohl möglich, 
dass der östliche Flügel im Wesentlichen noch aus Barnims Zeiten 
herrührt. 

Wenn man im westlichen Flügel einen offenen Durchgang 
passirt, so gelangt man in einen zweiten kleineren Hof, der sich 
in derselben Tiefe, aber nur in geringerer Breite parallel mit dem 
ersten erstreckt. Ein vierter stattlicher Thurm schliesst ihn an 
der Nordostecke ab und beherrscht hier die Verbindung nach 
aussen, während an der Südseite ein zweites Thor auf die Strasse 
mündet. Auch hier herrscht grosse Einfachheit, aber eine hübsche 
Tafel mit den Brustbildern Philipps II und Franz I meldet, dass 
diese Fürsten den Bau 1619 als „musarum et artium conditorium" 
ausgeführt haben. Es war also der für die Bibliothek und die 
Kunstsammlungen des Herzogs bestimmte Bau, von welchem auch 
Hainhofer berichtet. Damit schliesst hier die Bauthätigkeit unserer 
Epoche ab. ** 

Die Stadt selbst zeigt keinerlei Spuren von irgend welcher 
Kunstblüthe während der Renaissancezeit. 

Die übrigen Renaissancebauten Pommerns gehören über- 
wiegend der späteren Zeit an 1 ). So das Schloss zu Pansin bei 
Stargard, das Schloss Pudagla auf der Insel Usedom vom Jahre 
1574, das Schloss Mellenthin vom Jahre 1575, mit schönen 



») Die Notizen bei Kugler a. a. 0. S. 776 ff. 



728 HI- Buch. Renaissance in Deutschland. 

Gewölben im Inneren, das Schloss von Plathe in den wenigen 
noch erhaltenen Theilen; endlich das stattliche Schloss zu Bti- 
tow, 1623 durch Bogislaw XIV erbaut. Alle diese Werke sind, 
bei oft stattlicher Anlage, doch von geringer künstlerischer Be- 
deutung. Höheren Werth erhielten sie jedenfalls nur durch die 
nicht mehr vorhandene innere Ausstattung. 

Von bürgerlicher Architektur dieser Zeit ist in Pommern 
nicht viel zu melden. Die mächtigen Städte hatten hier mit dem 
15. Jahrhundert ihren Glanzpunkt überschritten. Nur ein statt- 
liches Hausportal zu Stettin in der Grossen Oderstrasse No. 72, 
und ein anderes zu Stralsund in der Battinmacher Strasse, vom 
Jahre 1568, ist zu erwähnen. 



Meklenburg. 

Aehnliche Verhältnisse wie in Pommern begegnen uns in 
Meklenburg. Auch hier hatte im Mittelalter die geistliche Macht 
und mehr noch die Kraft des Bürgerthums in den gewaltigen 
Backsteinkirchen von Dobberan und Schwerin, von Rostock und 
Wismar sich bedeutende Monumente gesetzt. In der Renaissance- 
zeit tritt das Bürgerthum hier ganz vom Schauplatz zurück, aber 
die lebensfrohen und baulustigen Fürsten des Landes errichten 
eine Reihe von Schlössern, welche zu den reichsten Denkmälern 
der deutschen Renaissance gehören und namentlich durch die 
Ausbildung eines edel gegliederten Backsteinbaues eine hohe und 
selbständige Bedeutung erhalten. 

Es ist vornehmlich der treffliche Herzog Johann Albrecht I, 
sodann neben ihm sein Bruder und Mitregent Herzog Ulrich, 
welche als eifrige Förderer der Kunst auftreten und die Renais- 
sance durch eine Reihe glänzender Schöpfungen in Meklenburg 
einführen. Auch hier treffen diese Bestrebungen mit einer all- 
gemeinen Steigerung des geistigen Lebens, namentlich mit der 
reformatorischen Thätigkeit zusammen. Besonders tritt uns in 
Johann Albrecht I (f 1576) die anziehende Gestalt eines durch 
hochherzige Gesinnung, edle Geistesbildung und schöpferische 
Thatkraft hervorragenden fürstlichen Mannes entgegen 1 ). Nicht 
blos führte er in seiner fast dreissigjährigen Regierung die Re- 
formation in seinem Lande durch, sorgte für eine neue Kirchen- 
verfassung, erneuerte und verjüngte die Hochschule des Landes 



') C. von Lützow, Versuch einer pragmat. Gesch. von Meklenburg, 
III, S. 119. 



Kap. XIV. Die norddeutschen Küstengebiete. 729 

zu Rostock, wies das Vermögen der aufgehobenen Klöster milden 
Stiftungen und vor Allem den neu begründeten Schulen zu, 
sondern schuf in Rechtspflege, Verwaltung und Polizei, im Münz- 
wesen, in Einrichtungen für Handel und Verkehr die Grundzüge 
eines neuen auf die allgemeine Wohlfahrt abzielenden Staats- 
lebens. Nach dem Tode des trefflichen Fürsten trat Herzog Ul- 
rich als Gebieter des gesammten Landes mit Kraft und Ernst in 
die Fusstapfen seines Bruders und brachte das von diesem An- 
gebahnte zur vollen Durchführung. Diesen beiden Fürsten ver- 
dankt Meklenburg nun eine thätige Aufnahme der Renaissance, 
die sich noch jetzt in glänzenden Zeugnissen erhalten hat. 

Das Hauptwerk im Lande ist der Fürstenhof zu Wismar. 
Die Geschichte dieser Residenz der Meklenburgischen Fürsten 
wirft grelle Schlaglichter auf das Verhalten der mittelalterlichen 
Städte, auf ihren Trotz und ihren stolzen Unabhängigkeitssinn 1 ). 
Seit 1256 hatten die Herzöge von Meklenburg in der Stadt eine 
von Johann I erbaute Burg, die jedoch, als die übermüthigen 
Bürger 1276 ihre Stadt mit einer Mauer umzogen, aus dem 
städtischen Mauerring ausgeschlossen wurde. Nach einem Brande 
des Jahres 1283 wurde die Burg zwar wiederhergestellt, aber 
schon 1300 sah sich der alternde Fürst Heinrich der Pilger ver- 
anlasst, um den Hauptgrund der fortwährenden Zwistigkeiten mit 
den Bürgern zu beseitigen, die Burg abzubrechen und in der 
Stadt auf einem ihm dafür eingeräumten Platze einen Hof zu 
errichten. Dieser wurde 1310 in einer neuen Fehde mit der 
Stadt zerstört, allein Heinrich II, der Löwe, des Pilgers Sohn, 
setzte gegen den Willen der hartnäckig widerstrebenden Bürger- 
schaft den Bau einer befestigten Burg innerhalb der Ringmauern 
an anderer Stelle durch. Gleich nach dem Tode des kräftigen 
Fürsten wussten jedoch die Bürger es dahin zu bringen, dass die 
Vormünder seines noch minderjährigen Nachfolgers ihnen die 
Burg samint ihren Festungswerken verkauften, wogegen indess 
den Herzogen gestattet wurde, einen anderen Hof in der Nähe 
der Georgenkirche ferner zu bewohnen. Dies ist der noch jetzt 
vorhandene Fürstenhof. Von den um 1430 darin aufgeführten 
Gebäuden ist schwerlich noch etwas erhalten, es sei denn dass 
in dem schräg hinter den Hauptgebäuden sich hinziehenden Stall 
noch ein Rest der alten Anlage stecke. Der Hauptbau besteht 
aus zwei Flügeln, welche rechtwinklig zusammenstossen und mit 
dem Stall einen dreieckigen Hof umschliessen. Der von Süd 



*) Vergl. die verdienstliche Arbeit von Dr. Lisch in dessen Jahrbuch 
V, S. 5 ff 



730 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

nach Nord laufende „alte Hof" wurde 1512 — 1513 zur Feier der 
Vermählung Herzog Heinrichs des Friedfertigen mit der Prin- 
zessin Helene von der Pfalz errichtet. Der neue Baumeister hiess 
Georg, der Maurermeister Ertmar oder Ertman Both. Das Gebäude 
wird im Jahre 1576 als zwei Stockwerk hoch geschildert. Im 
Hauptgeschoss war links die grosse Hofstube (Hofdornitz 4 ), rechts 
die Küche, beide Räume wie noch heut gewölbt und mit rund- 
bogigen Portalen versehen. Die Gewölbe ruhen auf derben kurzen 
Säulen von schmuckloser Art. Gegen den Schlosshof hatte das 
Haus drei Erker und an der Facade nach der Kirche fünf in 
Holz errichtete Giebel. Auf dem Hofe war eine Wendeltreppe 
angebracht. Ein im Jahre 1516 erbauter Gang stellte eine un- 
mittelbare Verbindung mit der benachbarten Kirche her. 

An diesen im Laufe des 16. Jahrhunderts stark verfallenen 
und nachmals in der schwedischen Zeit durch einen Brand zum 
Theil verwüsteten Theil fügte Herzog Johann Albrecht I seit 
1553 den stattlichen Bau des neuen Hofes, indem er denselben 
im rechten Winkel an den alten Flügel seines Oheims Heinrich 
anschloss. Der Bau wurde durch Meister Gabriel van Aken im 
Sommer 1553 begonnen, neben ihm war ein anderer Meister, Va- 
lentin von Lira dabei beschäftigt, und als Gabriel von Aken schon 
Ende November desselben Jahres wegen Misshelligkeiten mit 
seinem Collegen plötzlich den fürstlichen Dienst verliess und nach 
Lübeck zog, von wo er dem Herzoge einen Absagebrief schrieb, 
wurde Valentin von Lira mit der Fortsetzung des Baues beauf- 
tragt 2 ). Allein der Herzog muss der Geschicklichkeit dieses 
Mannes nicht unbedingt vertraut haben, denn sogleich nach dem 
Abgange Gabriels von Aken wandte er sich an den Kurfürsten 
August von Sachsen mit der Bitte, ihm seinen Oberzeug- und 
Baumeister Caspar Yogi zu senden, um ihm „zu seinen vor- 
habenden Gebäuden räthlich zu sein". Da dieser aber mit dem 
Festungsbau von Dresden beschäftigt war und den Auftrag er- 
halten hatte, das Fundament zum neuen Schlosse zu Leipzig, der 
Pleissenburg, abzustecken, um den Beginn des Baues vorzube- 
reiten, so verweigerte der Kurfürst die Erfüllung der wiederholt 
ausgesprochenen Bitte, Noch um Weihnachten 1554 schickte der 
Herzog sodann seinen Maurer nach Weimar an Johann Friedrich 
den Aelteren, um dessen Schloss Grimmenstein bei Gotha, na- 
mentlich die Schliessung der Gewölbe unter dem Walle zu be- 



*) In den süddeutschen Schlössern als „Türnitz" bekannt. 2 ) Sämmt- 
liche Nachrichten über die Künstler verdanken wir den werthvollen Mit- 
theilungen von Lisch im Jahrb. V, S. 20 ff. 




~ E.ADE.X.A..STU7TG.. 



Fig. 201. Fürstenhof in Wismar. 






Kap. XIV. Die norddeutschen Küstengebiete. 733 

sichtigen. Von dort nahm der Meister einen Polirer mit nach 
Meklenburg zur Vollendung der angefangenen Bauten, und am 
24. Februar 1555 konnte Johann Albrecht seine Vermählungsfeier 
mit der Prinzessin Anna Sophie von Preussen in dem neuen 
Fürstenhof feiern. 

Der Bau gehört durch Grossartigkeit der Verhältnisse und 
edle Pracht der Ausstattung zu den hervorragendsten Werken der 
deutschen Renaissance. Um von seiner Anordnung eine An- 
schauung zu geben, fügen wir zu der Aussenansicht auf S. 187 
noch eine Darstellung der Hofseite unter Fig. 201 hei. Das 
Ganze besteht, wie man sieht, aus einem Erdgeschoss und zwei 
oberen Stockwerken. Die Verhältnisse sind grossartig, das Erd- 
geschoss hat gegen 22 Fuss Höhe, das erste Stockwerk etwa 
20 und das zweite gegen 1 4 Fuss. Dazu kommen die ungemein 
weiten Axen, die etwa 18 Fuss messen. Die Fagade hat sieben 
Fenster Front, aber die sämmtlich dreitheiligen Fenster sind von 
solcher Breite, dass die Länge gegen 130 Fuss betragen mag. 
Das ganze Mauerwerk besteht mit Ausnahme der aus Dänemark 
herbeigeholten Quadern für die Fundamente aus Backsteinen. 
Nur die Hauptportale und der prachtvolle Relieffries, der das 
Erdgeschoss an beiden Fagaden abschliesst, sind in Sandstein 
ausgeführt. Die Flächen des Mauerwerks jedoch hatten ursprüng- 
lich, wie es scheint durchgängig, einen Ueberzug in Putz, der 
an der Aussenseite im Erdgeschoss durch horizontale breite Fugen 
gegliedert ist. Mit feiner Berechnung hat der Künstler der Archi- 
tektur des Aeussern und der des Hofes einen wesentlich ver- 
schiedenen Charakter verliehen, indem er nach aussen den Por- 
talen und Fenstern reichere Einfassungen durch Hermen, den 
Fenstern im Erdgeschoss und im ersten Stock zierlich dekorirte 
Giebel gegeben hat. Dafür aber stattete er die Hofseite in den 
beiden oberen Geschossen mit fein geschmückten Pilastern aus, die 
am Treppenhause sogar bis in's Erdgeschoss durchgeführt sind. 
Für die Fenster selbst wählte er consequent die Dreitheilung, 
und zwar im Erdgeschoss mit Bogenabschlüsseir; in den oberen 
Stockwerken dagegen mit gradlinigem Sturz. Das ganze Rahmen- 
und Pfeilerwerk der Fenster ist mit Ornamenten von Laub- 
und Fruchtschnüren bedeckt. Den Abschluss dieser reichen Or- 
namentik, die durchgängig in gebrannten Steinen ausgeführt ist, 
bilden die beiden prachtvollen Friese, welche am Aeussern und 
Innern die Stockwerke trennen, der obere wieder aus Terra- 
cotten und zwar einer Reihenfolge von Portraitmedaillons zusam- 
mengesetzt, der untere in Sandstein ausgeführt, allem Anscheine 
nach in seinen zahlreichen bewegten Figurengruppen irgend eine 



7 34 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

antike Begebenheit darstellend. Derselbe Reichthum von Deko- 
ration schmückt auch die zahlreichen Portale, von denen die 
kleineren im Hofe mit ihren halbkreisförmigen Abschlüssen, den 
eleganten Laubornamenten, den feinen Kapitalen und den in den 
Zwickeln und Friesen angebrachten Portraitmedaillons wahre 
Meisterwerke der Dekoration sind. Dagegen erkennt man in den 
zahlreichen Hermen und Karyatiden der Fenster und der beiden 
Hauptportale eine weit gröbere Hand und eine starke Hinneigung 
zum Barocken. Trotzdem gehört der Bau, eben wegen dieser 
durchgebildeten Thonplastik, zu den merkwürdigsten Denkmalen 
unserer Renaissance, und es ist für uns von hohem Werth zu 
erfahren, dass seit der zweiten Hälfte des Jahres 1552 der Stein- 
brenner Statius von Düren diese Ornamente aus gebranntem Thon 
gefertigt hat. Noch 1557 stand er in herzoglichen Diensten und 
lieferte auch für Herzog Ulrich verschiedene thönerne Werkstücke, 
wobei ihm für ein „grotes Stück Biltwerk" fünf, für ein kleines 
zwei Schillinge bezahlt wurden. Später Hess er sich in Lübeck 
nieder, wo wir ähnliche Arbeiten finden werden. Neben ihm 
war zu Schwerin noch ein alter Ziegelbrenner thätig, zu Dömitz 
aber wurden holländische Ziegelbrenner beschäftigt. Statius' Her- 
kunft von Düren weist nun freilich auch auf die an Holland 
grenzende Gegend des Niederrheins, und es läge also die Ver- 
suchung nahe diesen Stil von dort herzuleiten. Allein da wir 
in jenen Gegenden nichts Derartiges kennen, so haben wir wohl 
diese anderwärts in Deutschland und überhaupt im Norden nirgends 
vorkommende Ausbildung des Terracottastils unsrer Epoche als 
eine ausgezeichnete Eigenschaft der Meklenburgischen Gebiete 
zu betrachten. Dass die Kenntniss der oberitalienischen Backstein- 
bauten dabei den ersten Anstoss gegeben habe, dürfen wir wohl 
vermuthen. 

Von der alten Einrichtung ist nichts mehr erhalten. Links 
von dem gewölbten Eingange, der als Durchfahrt zum Hof diente, 
war die Hofstube, rechts die Wohnung des Pförtners und anderer 
Diener. Im ersten Stock war der grosse Tanzsaal, der die ganze 
Länge des Flügels umfasste; im dritten Stock, der eine anmuthige 
Aussicht gewährt, befand sich der Speisesaal, daneben der Her- 
zogin Gemach, und die Rathsstube. Den Zugang zu den oberen 
Stockwerken vermittelte die am östlichen Ende in einem vier- 
eckigen Treppenhaus angebaute Wendelstiege. Das Dach hatte 
ursprünglich Giebelerker mit Gemächern, die aber 1574 abge- 
tragen wurden, weil von ihrer Last das Gebäude gesunken war. 
Die Deckenverzierungen für die Säle des Fürstenhofes sowie des 
Schlosses zu Schwerin malte 1554 Meister Jakob Strauss zu Berlin. 



Kap. XIV. Die norddeutschen Küstengebiete. 735 

Sie bestanden aus vergoldeten Rosetten, welche in Berlin auf 
Leinwand gemalt und dann an Ort und Stelle befestigt wurden. 
Der Fürstenhof war nicht der einzige Bau, welchen Johann 
Albrecht ausführte. Als er den Thron bestieg, fand er sämmt- 
liche fürstliche Schlösser klein, unwohnlich und durch lange Ver- 
wahrlosung verfallen. Schon 1550 stellte er seinem alternden 
Oheim Herzog Heinrich die Notwendigkeit von Neubauten vor, 
„damit es nicht so gar schimpflich stehe und ihnen zum Spott 
gereiche." Der alte Herzog meinte aber, er habe sich bei seinem 
Beilager mit den vorhandenen Gebäuden beholfen und könne, 
namentlich bei bevorstehender Erndte, sich auf nichts weiter ein- 
lassen. Kaum hatte daher Johann Albrecht den Fürstenhof in 
Wismar prachtvoll erneuert, so begann er mit seinem Bruder 
Ulrich weitere Neubauten der Schlösser von Schwerin, Dömitz 
und Güstrow, mit welchen zugleich umfassende Befestigungs- 
werke verbunden waren. Zu den umfangreichsten Werken gehörte 
vor seiner neuesten Umgestaltung das Schloss von Schwerin, 
schon durch die unvergleichliche Lage auf einer Halbinsel des 
anmuthigen, von Laubwald eingefassten Schweriner Sees, von 
unvergleichlicher Wirkung. Das alte Schloss, jetzt durch einen 
von Demmler im Stil Franz' I begonnenen, durch Stüler und 
Strack im modernen Berliner Geschmack vollendeten Neubau 
verdrängt, bestand seinen wichtigsten Theilen nach aus Bauten 
des 16. Jahrhunderts, unter denen die von Johann Albrecht I 
hinzugefügten die meiste künstlerische Bedeutung hatten. *) Der 
kunstliebende Herzog Hess hier dieselben Ornamente von gebrann- 
tem Thon anwenden, welche sich schon am Fürstenhof zu Wismar 
bewährt hatten. Seit 1555 wurde das Hauptportal mit der doppel- 
ten Wendeltreppe errichtet, und von 1560 die Schlosskirche aus- 
geführt, welche nach Anlage und Durchbildung von hervorragen- 
der Bedeutung war. Als Baumeister wird Johann Baptista Parr 
genannt, der Bruder des Franziskus Parr, welcher für Herzog 
Ulrich gleichzeitig das Schloss zu Güstrow baute und öfter auch 
beim Schlossbau in Schwerin zu Rathe gezogen wurde. Ein 
dritter Bruder Christoph Parr war ebenfalls an beiden Schloss- 
bauten beschäftigt, und errichtete 1572 ausserdem den Fürsten- 
stuhl im Dom zu Schwerin. Ueber die Herkunft dieser Brüder 
Parr ist leider aus den Urkunden nichts zu ermitteln. Dass sie 
keine Norddeutsche waren, geht schon aus ihren Hochdeutsch 



*) Das Geschichtliche bei Lisch, Jahrb. V, S. 32 ff. mit Abbildungen 
des Grundrisses. Vergl. das Prachtwerk über das neue Schloss. 



736 



III. Buch. Renaissance in Deutschland. 



abgefassten Schriftstücken hervor; ob sie aber Ausländer waren 
oder aus Oberdeutschland stammten, muss dahin gestellt bleiben, 
obwohl der Taufname Johann Baptista auf italienische Abstam- 
mung zu deuten scheint. J ) Dass Johann Albrecht gleichzeitig 
auch italienische Künstler berief, ist mehrfach bezeugt. Schon 
1557 empfahl Hercules von Ferrara dem Herzoge einen Bau- 
meister Francesco a Borno von Brescia, 2 ) welcher alsbald in 
Dienst genommen wurde und mit einer Anzahl welscher Maurer- 
gesellen aus Trient und einem italienischen Ziegler nach Meklen- 




Fig. 202. Schloss zu Güstrow. Vorderseite. 



bürg kam. Damals hatte jedoch schon ein andrer welscher Bau- 
meister Paul dort Vorarbeiten begonnen. Selbst des Kurfürsten 
von Brandenburg italienischen Baumeister Francisco Chiaramella 



x ) Sollte eine Verwandtschaft mit Jacob Bahr, den wir in Brieg kennen 
lernten, vorliegen? Die laxe Orthographie jener Zeit schliesst die Identität 
der Namen nicht aus, zumal die Parr auch „Pahi" geschrieben werden. 
2 ) Ueber alle diese Künstler vergl. Lisch, a. a. 0. 6. 22 ff. 






Kap. XIV. Die norddeutschen Küstengebiete. 737 

von Venedig entbot der Herzog zu sich, um von ihm Rath und 
Pläne zu erhalten. Bei diesen Italienern handelte es sich um die 
Befestigungen zu Dömitz und Schwerin, denn die Italiener stan- 
den damals, wie bald darauf die Niederländer im Festungsbau 
in hohem Ansehn. Von der ehemaligen Pracht der Ausstattung 
des Schlosses gaben zuletzt nur noch die zahlreichen Terracotten, 
welche man zur Ausstattung der gegen den Garten gelegenen 
grossartigen Grotte verwendet hat, Zeugniss. Es sind meisten- 
theils männliche und weibliche Portraits fürstlicher Persönlich- 
keiten, wozu jedoch noch Medaillons mit antiken Bildnissen kom- 
men, "die in Wismar fehlen. Auch Löwen, Doppeladler und 
andere Thiere, trefflich stilisirt und gleich den Medaillons in 
Lorbeerkränze gefasst, sind eingestreut. 

Das dritte dieser grossartigen Schlösser, das zu Güstrow, 
ist, obwohl jetzt zur Strafanstalt degradirt, im Wesentlichen noch 
wohl erhalten. Es wurde nach einem Brande 1558 von Herzog 
Ulrich durch den Baumeister Franciscus Parr neu aufgeführt und 
bis 1565 vollendet. Der nördliche Flügel brannte 1586 ab, worauf 
bis zum Jahre 1594 eine durchgreifende Wiederherstellung erfolgte. 
Am südlichen Ende der sauberen, freundlichen Stadt erhebt sich 
mit imposanten Massen, auf den Ecken und in der Mitte durch 
hohe Pavillons mit flankirenden Thürmen malerisch gruppirt, der 
sehr ansehnliche Bau (Fig. 202). Die Architektur desselben, voll- 
ständig in Stuck durchgeführt mit Nachahmung mannigfaltigen 
Quaderwerks, weicht von dem Terracottastil der meisten übrigen 
meklenburgischen Schlösser in auffallender Weise ab, und er- 
innert durch ihre Formen und besonders durch die Pavillons mit 
ihren steilen Dächern und die zahlreichen Schornsteine an fran- 
zösische Renaissance, während der deutschen Sitte wieder durch 
hohe, kräftig gegliederte Giebel Rechnung getragen wird. Man 
nähert sich dem Schlosse von der Westseite, wo der tiefe Graben 
überbrückt ist und durch einen späteren von Herzog Gustav Adolf 
ausgeführten Vorbau beherrscht wird. Der grosse Thorweg liegt 
nicht in der Mitte, sondern etwas seitwärts geschoben im west- 
lichen Hauptflügel, der sich in einer Länge von 192 Fuss bei 
80 Fuss Höhe erstreckt. Er enthält auf jeder Seite des Thor- 
weges (vergl. Fig. 204) zwei grosse beinahe quadratische Zimmer 
von 25 Fuss Tiefe, zu welchen an der längeren Südseite noch 
ein Ecksaal von 30 zu 34 Fuss hinzukommt. Beide Eckräume 
erhalten eine Erweiterung durch polygone Erkerthürme, deren 
Fenster köstliche Ausblicke auf die umgebende liebliche Land- 
schaft mit ihren saftigen Wiesengründen, Baumgruppen und 
klaren Seespiegeln gewähren. Vom Hauptbau zieht sich ein süd- 

Kugler, Gesch. d. Baukunst. V. 47 



738 



III. Buch. Renaissance in Deutschland. 



licher breiterer, und ein nördlicher, minder tiefer Flügel im 
Rechteck ostwärts hin. Auch die Stockwerkhöhe weicht im nörd- 



Fig. 203. 




Fig. 204. Grundriss des Schlosses zu Güstrow. 



liehen Flügel von der im westlichen und südlichen Bau ab ; deun 
während das Erdgeschoss hier 20, der erste Stock 19, der zweite 



Kap. XIV. Die norddeutschen Küstengebiete. 739 

16 Fuss misst, betragen die Höben im Nordflügel nur 11 Fuss 
im ersten, 13 Fuss im zweiten Stock. Der südliche ist ausserdem 
durch eine mächtige Säulengalerie im Erdgeschoss und den oberen 
Stockwerken zur Verbindung der Räume ausgezeichnet. Sie 
schliesst östlich mit einem grossen ovalen Treppentkurm, der die 
breite, sanft ansteigende Hauptstiege entkält. Am ■ nördlichen 
Flügel aber ist nur im Hauptgeschoss eine kleinere Galerie von 
geringerer Tiefe angebracht. Dagegen erkennt man, dass am 
Vorderbau ehemals auf mächtigen Kragsteinen eine Galerie das 
Hauptgeschoss gleichfalls begleitete. Diese Galerien bildeten wie 
immer bei den Bauten jener Zeit die einzige Verbindung der 
Räume, da diese stets* die ganze Tiefe der Flügel einnehmen. 
In wie grossartigem Sinn auch die Eintheilung der oberen Ge- 
sckosse sick auf eine Anzahl durchweg sehr geräumiger Zimmer 
und Säle beschränkt, zeigt unser Grundriss des Hauptgeschosses 
Fig. 203. *) Die beiden Säle des südlichen Flügels haben bei 
einer Tiefe von 37 Fuss eine Länge von 53, resp. 58 Fuss. Zu- 
gleich erkennt man aus derselben Figur die zahlreichen, meist 
in den Mauern versteckt liegenden Wendeltreppen, welche fast 
für jeden Raum eine selbständige Verbindung nach aussen ermög- 
lichen. Es ist das eine besonders in den französischen Schlössern 
der Zeit mit feiner Berechnung durchgeführte Anlage. 

Dass der Bau nicht vollständig erhalten ist, erkennt man 
unschwer am östlichen Ende des Südflügels, wo der Treppen- 
thurm in seiner Anlage auf eine ehemalige Fortsetzung des Baues 
hinweist. In der That ist eine solche auf einer alten Abbildung 2 ) 
vorhanden, doch so, dass der erste Stock mit einer von Balu- 
straden umgebenen Plattform abschloss. Da diese Theile durch 
Wallenstein während seiner kurzen Herrschaft vollendet worden 
waren, Hess Herzog Gustav Adolf sie abbrechen, „ne indigna W. 
memoria exstaret." Diesem Theil entsprach im nördlichen Flügel, 
der jetzt mit einem viereckigen Thurm schliesst, eine ähnliche 
Verlängerung, welche an ihrem östlichen Ende die Kapelle ent- 
hielt und dort zugleich durch einen hohen runcLen Thurm ausge- 
zeichnet war. Den Abschluss des Hofes bildete ein östlicher 
Flügel, der 1795 für baufällig erklärt und abgerissen wurde. 3 ) 
Die noch immer bedeutende Wirkung des Hofes muss ursprüng- 



! ) Die Mittheilung der Grundrisse verdanke ich der zuvorkommenden 
Güte des Directors der Anstalt, Herrn von Sprewitz. — * 2 ) Ich verdanke 
dieselbe gütiger Mittheilung des Herrn Hofbaurath Demmler zu Schwerin. 
— 3 ) Das Geschichtliche in Besser, Beiträge zur Geschichte der Vorder- 
stadt Güstrow, S. 363 ff. 

47* 



740 



III. Buch. Renaissance in Deutschland. 



lieh eine wahrhaft grossartige gewesen sein. Ein wichtiges Ele- 
ment in diesem Eindruck bildet die herrliche Säulenhalle des 
Südflügels (Fig. 205). Im Erdgeschoss sind es vier Bogen auf 
ionischen Säulen von Granit, kraftvoll und mächtig in Axen von 
15 Fuss Weite, die Halle selbst gegen 10 Fuss tief, Alles freilich 
durch eiserne Anker, die Säulenschäfte selbst durch eiserne Bänder 
gehalten. Im oberen Geschoss eine ähnliche Halle auf korin- 




thischen Säulen, und darüber im zweiten Stock eine Loggia mit 
doppelter Anzahl von Säulen, welche das Gebälk und den Fries 
aufnehmen. 

Der ganze Bau ist wie schon bemerkt in Stuck durchgeführt, 
dessen Behandlung von grosser Sorgfalt zeugt. Das Erdgeschoss 
hat eine kraftvolle Kustika, die in mancherlei Variationen der 
Quaderbildung sich gefällt. Im ersten Stock stuft sich die Rustika 
feiner ab und ist gleichmässiger durchgeführt, im oberen Geschoss 
endlich ist bei glatt verputzten Flächen durch Blendnischen und 



Kap. XIV. Die norddeutschen Küstengebiete. 741 

Säulenstellungen eine reichere Gliederung bewirkt, die an den 
hohen Giebeln des Aeusseren durch Häufung der Säulenstellungen 
etwas phantastisch Unruhiges erhält. Das Hauptgesims mit seinen 
frei gruppirten Consolen giebt einen wirksamen Abschluss. Sämmt- 
liche Fenster sind im Stichbogen gewölbt und erhöhen bei grossen 
Verhältnissen und bedeutenden Axen den wahrhaft vornehmen 
Charakter des Baues. Mit Recht aber hat der Architekt an der 
Südseite die zahlreicheren Fenster dicht zusammengedrängt, um 
von der entzückenden Aussicht in die Landschaft möglichsten 
Vortheil zu ziehen. Die dort liegenden grossen Säle gehören 
durch Stattlichkeit des Raums, Fülle des Lichts, Freiheit der 
Lage zu den schönsten ihrer Art. Was den Haupträumen des 
Schlosses noch einen besonderen Reiz verleiht, sind die zahl- 
reichen tiefen Nischen und Erker mit ihren freien Ausblicken, 
die auch das Aeussere mannigfach beleben. Die Lust an der 
Dekoration ist bis zu den Schornsteinen des Daches gedrungen, 
die mit Voluten und andern Ornamenten reich geschmückt sind. 
Auch die zahlreichen Wetterfahnen auf den Dächern zeigen 
lustigen figürlichen Schmuck. An dem östlichen thurmartigen 
Vorsprung des Nordflügels ist im zweiten Stock ein Balkon 
herausgebaut, welcher mit hübschem Wappen und einer Inschrift 
geschmückt ist. Diese besagt, dass Herzog Ulrich, nachdem 
1586 das alte Haus abgebrannt, dasselbe in den beiden folgenden 
Jahren wieder erbaut habe. Die Jahrzahl 1589 liest man an 
einem Giebel desselben Flügels. Die Einzelheiten dieses Her- 
stellungsbaues zeichnen sich durch eine strengere Behandlung 
mittelst antikisirender Pilasterstellungen aus. 

Was endlich diesem majestätischen Bau seine besondere 
Bedeutung verleiht, ist, dass er die umfangreichste, schönste 
und merkwürdigste Stuckdekoration besitzt, welche irgendwo in 
Deutschland aus jener Epoche anzutreffen ist. Schon die reiche 
Stuckbekleidung des Aeussern, durch eigends geformte Back- 
steine vorgemauert, zeigt in der wohlberechneten mannigfaltigen 
Gliederung und Abstufung eine wahre Künstlerhand. Am Unter- 
bau z. B. sind dunkelgefärbte horizontale Rundstäbe als Einlagen 
verwendet und eingerahmt. Gradezu unvergleichlich ist aber die 
Ausstattung des Innern. Die Decken und Gewölbe sämmtlicher 
Säle und Gemächer, zum Theil auf Säulen ruhend, haben eine 
Stuckdekoration, welche eben sowohl durch die Mannigfaltigkeit 
der Eintheilungen wie durch die Schönheit des Einzelnen be- 
wundernswürdig ist. In den reich variirten Formen der Decken, 
Kreuzgewölbe, Flachdecken und Spiegelgewölbe bot sich die 
willkommenste Gelegenheit stets neue Motive der Eintheilung und 



742 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Gliederung anzuwenden. Die Rippen sind z. B. als Blattkränze 
charakterisirt, durchweg- aber ist bei allem Reichthum das edelste 
Maasshalten zu erkennen und dabei ein musterhafter Takt in der 
Abstufung- vom Einfachsten zum Prachtvollsten. Besonders schön 
sind die Decken der Erker ausgeführt, aber auch das südwest- 
liche Eckgemach im Erdgeschoss ist überaus prächtig. Selbst 
in den Hallen und Bogengängen und der Einfahrt ist Alles in 
ähnlicher, wenn auch schlichterer Weise mit Stuck dekorirt. Man 
kann nicht genug beklagen, dass solche Schätze bis jetzt in 
Deutschland so gut wie unbekannt waren, während sie in vollem 
Maasse eine sorgfältige Aufnahme verdienten. 

Das Güstrower Schloss steht in seiner Anlage und Aus- 
schmückung unter den meklenburgischen Bauten jener Zeit ver- 
einzelt da, Zeuge eines fremden Einflusses, der auf die Persön- 
lichkeit seines Baumeisters zurückzuführen ist. Weitere Spuren 
fremder Kunstrichtung finden wir im Dom zu Güstrow in den 
Prachtgräbern der meklenburgischen Fürsten, welche die Nord- 
wand des Chores einnehmen. Sie wurden im Auftrage des Her- 
zogs Ulrich durch einen niederländischen Meister Philipp Brandin 
von Utrecht von 1576 bis 1586 ausgeführt. Derselbe Meister 
hatte schon früher zugleich mit einem anderen Steinhauer Conrad 
Floris, offenbar ebenfalls einem Niederländer, mehreres für Her- 
zog Johann Albrecht in Schwerin gearbeitet. Es handelt sich in 
Güstrow zunächst um ein prachtvolles marmornes Epitaphium 
des Herzogs Ulrich und seiner Gemahlinnen Elisabeth und Anna. 
Die Gestalten, aus weissem Marmor gearbeitet, knieen hinter- 
einander an reichen Betpulten, in vergoldeten Prachtkostümen, 
in einer gewissen Steifheit der Haltung, doch nicht ohne Lebens- 
frische aufgefasst. Wahrheit und Glaube als Karyatiden bilden 
die architektonische Einfassung und tragen das phantastisch ge- 
krönte Gesimse, an welchem weitere Figuren von Tugenden an- 
gebracht sind. Dazu prächtige Wappen und ein ganzer Stamm- 
baum, dies Alles auf schwarzem Marmorgrund mit zahlreichen 
goldnen Inschriften und Emblemen. Am Fries obendrein Reliefs, 
das Ganze von höchster Opulenz. Von derselben Hand ist offen- 
bar das kleinere Epitaph der Herzogin Sophia (f 1575). Sie 
liegt betend auf einem Sarkophag, toskanische Säulen bilden die 
Einfassung und tragen ein barockes Gesimse, in dessen Krönung 
Christus als Salvator erscheint. Daneben reiht sich östlich das 
dritte grosse Werk an, mit 1574 bezeichnet, ein riesiger Stemm- 
baum der meklenburgischen Fürsten, freilich nur aus Sandstein, 
aber reich vergoldet. Prachtvolle korinthische Säulen fassen das 
Ganze ein und tragen das Gebälk. Auch diese bedeutende 



Kap. XIV. Die norddeutschen Küstengebiete. 743 

Arbeit zeigt die eleganten Barockformen der damaligen nieder- 
ländischen Kunst. Sämmtliche drei Epitaphien werden von einem 
trefflichen schmiedeeisernen Gitter umschlossen. Minder bedeutend, 
aber aus derselben Epoche und Richtung ist die in Sandstein 
ausgeführte Kanzel. — Auch in der Pfarrkirche stammt die 
Kanzel, die Empore und das Stuhlwerk aus derselben Zeit, wenn 
auch von geringeren Händen. 

Neben solchen Schöpfungen fremder Kunst begegnet uns 
gegen Ausgang der Epoche noch einmal ein Werk der ein- 
heimischen zierlichen Backsteinbaukunst im Schloss zu Gade- 
busch bei Schwerin. 1 ) Es ist die Schöpfung Herzog Christoph's, 
der im Jahre 1569 nach vielen Leiden dem erzbischöflichen 
Stuhle Lievlands entsagt hatte und in sein Bisthum Ratzeburg 
zurückgekehrt war. Mit gebildetem Geiste und mildem Sinne 
wandte er sich wissenschaftlichen und künstlerischen Bestrebungen 
zu. Diesen verdankt man den Bau des Schlosses, welcher 1570 
begann und im folgenden Jahre vollendet wurde. Als Baumeister 
wird Christoph Haubitz genannt, welcher seit 1549 bei den Bauten 
des Herzogs Johann Albrecht als Maurermeister gedient hatte 
und nach dem Abgange der Brüder Parr (1572) zum Baumeister 
desselben ernannt wurde. Dieser alte einheimische Meister griff 
zu dem früheren Stile zurück und führte ein Werk auf, das in 
seinem Haupttheil noch wohl erhalten dasteht. Auf einem durch 
künstliche Untermauerungen gestützten Hügel erhebt sich das 
Schloss als einflügliger Bau in einem langgestreckten Rechteck 
von ansehnlichen Verhältnissen. Ein vortretendes quadratisches 
Treppenhaus enthält das Portal und den Aufgang zu den beiden 
oberen Stockwerken. Das Aeussere ist in seinen Mauerflächen 
verputzt, aber in Friesen, Gesimsen und Pilastern ganz mit Terra- 
cotten geschmückt. Die Friese enthalten wie an den Schlössern 
von Wismar und Schwerin hauptsächlich Medaillons mit männ- 
lichen und weiblichen Brustbildern fürstlicher Persönlichkeiten, 
auch römische Imperatoren in Lorbeerkränzen wie zu Schwerin, 
Alles gut durchgebildet, wenn auch im Figürlichen nicht beson- 
ders fein. Die Gesammtwirkung ist wieder eine reiche und 
prächtige. An beiden Portalen, von denen das eine zum Treppen- 
aufgang führt, sind, wohl mit Bezug auf den geistlichen Charakter 
des Erbauers, in Thonreliefs der Sündenfall und die Erlösung 
durch Christi Kreuzestod und Auferstehung dargestellt. 

Im Innern sind zunächst die mächtigen Tonnengewölbe des 
Kellers beachtenswerth, zu welchem eine Thtir gleich neben dem 



l ) Das Historische bei Lisch. Jahrb. V, S. 61 ff. 



744 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Hauptportal hinabführt. Die Treppe zum oberen Geschoss hat 
hübsche Kreuzgewölbe mit elegant profilirten Rippen. Sie mündet 
oben auf einen grossen Vorplatz, von wo zwei zierliche mit 
Terracotten dekorirte Portale in die Gemächer führen. Grosse 
gebrannte Platten mit Delphinen und anderen Thieren bilden die 
Pilaster, welche auf frei behandelten Kapitalen einen Ranken- 
fries mit tanzenden Putten tragen. Im Erdgeschoss hat die Küche 
ein reiches Portal mit Medaillonköpfen. In den Gemächern neben 
der Küche sieht man schön profilirte Unterzugsbalken, welche 
auf abgefasten Ständern die Decke tragen. Auch ein schlichter 
alter Kachelofen mit schwarzer Glasur, auf eisernem Unterbau 
ruhend, ist noch vorhanden. 

Noch verdient das Rathhaus als kräftig barocker Bau. von 
1618 mit einer Loggia auf Pfeilern und mit Rusticafenstern Er- 
wähnung. Er ist ein weiterer Beweis, wie bald hier überall der 
Terracottenstil verlassen wurde. 

Welchen Charakter die Schlossbauten zu Dargun haben, 
vermag ich aus eigener Anschauung nicht zu sagen. Mit Be- 
nutzung von Theilen des ehemaligen Cistercienserklosters *) wurde 
durch Herzog Ulrich, den Erbauer des Güstrower Schlosses, schon 
seit 1560 hier ein fürstliches Jagdschloss aufgeführt, und 1590 
war das „lange Haus" vollständig eingerichtet. Die Jahrzahl 
J 586 liest man an einem der Gebäude, aber das Ganze wurde, 
wie es scheint, erst im 17. Jahrhundert vollendet. Es bildet ein 
grosses Viereck mit einem Hofe von circa 130 Fuss im Quadrat, 
der im Hauptgeschoss von Galerieen umzogen ist. Der ansehn- 
liche Bau lehnt sich mit seinem östlichen Flügel an das nördliche 
Querschiff der Kirche und drängt sich mit dem südlichen und 
dem Ende des westlichen Flügels in das ehemalige Langhaus 
derselben hinein. Der Haupteingang liegt in der Mitte des öst- 
lichen, ein anderer in der des westlichen Flügels. Drei grosse 
runde Thürme flankiren das Schloss auf den freiliegenden Ecken ; 
nur wo das Querschiff der Kirche anstösst, hat man auf den 
Thurm verzichtet und sich mit einem Treppenthürmchen begnügt. 
Der Hauptaufgang zu den oberen Gemächern befindet sich aber 
als Wendeltreppe in einem Treppenthurm , der die nordöstliche 
Ecke des Hofes einnimmt. Ueber die künstlerische Ausstattung 
des Baues weiss ich nicht zu berichten; doch lässt sich so 
viel aus den mir vorliegenden Zeichnungen 2 ) vermuthen, dass 
der östliche Flügel der älteste noch von Herzog Ulrich erbaute 



») Das Geschichtliche bei Lisch, Jahrb. III, 169 ff. - -) Die Zeich- 
nungen verdanke ich gütiger Mittheilung des Herrn Hofbaurath Demmler. 



Kap. XIV. Die norddeutschen Küstengebiete. 745 

Theil sein wird. Er zeigt nämlich im Erdgeschoss und dem 
ersten Stock Arkaden auf weit gestellten Säulen, im zweiten da- 
gegen eine Galerie mit doppelter Anzahl von Säulen, welche 
das Dachgesims aufnehmen. Dies ist genau die am Stidflügel 
zu Güstrow vorkommende Form. Die andern Theile des Baues 
mit ihren schweren massiven Pfeilerhallen im Erdgeschoss und 
im ersten Stock gehören wohl dem 17. Jahrhundert an. 



Lübeck. 

Im Gegensatz zu den meklenburgischen Landen, wo die 
ganze Bauthätigkeit auf den Fürsten beruhte, zeigt uns der alte 
mächtige Vorort der Hansa, Lübeck, die Kunst eines bürger- 
lichen Gemeinwesens. Aber man erkennt bald, schon beim Heran- 
nahen an die vielthürmige Stadt, mehr noch beim Durchwandern 
ihrer Strassen, dass ihre grössten Tage doch in die Zeiten des 
Mittelalters fallen. So grossartige Denkmale wie die Marienkirche 
und der Dom mit ihren gewaltigen Thurmpaaren, wie die übrigen 
noch zahlreich erhaltenen gothischen Kirchen hat keine Stadt 
des Norddeutschen Küstenlandes, mit alleiniger Ausnahme von 
Danzig, aus jener Epoche noch aufzuweisen. Dazu kommt, dass 
Lübeck's Kirchen einen höheren Grad von künstlerischer Durch- 
bildung zeigen als die Danziger, und dass sie mit einem noch 
reicheren Schmuck von kirchlichen Denkmälern aller Art ausge- 
stattet sind. Wer von Weitem herannahend, die Stadt, umgeben 
von Wiesengründen, Laubgruppen und Wasserspiegeln, mit ihren 
sieben gewaltigen Kirchtürmen und zahlreichen kleineren Spitzen 
sieht, der ahnt etwas von der ehemaligen Macht jenes Frei- 
staates, der an der Spitze der Hansa mit seinen Flotten die 
Ostsee beherrschte, Dänemark bezwang und in den nordischen 
Angelegenheiten den Ausschlag gab. Die Anlage der Stadt, 
wenige Meilen von der Ostsee, an der selbst für Seeschiffe zu- 
gänglichen Trave bot die günstigsten Verhältnisse. Der Platz 
ist mit besonderer Umsicht gewählt, denn er hat die Gestalt 
einer Halbinsel, die nur nach Norden durch eine schmale Zunge 
mit dem Lande zusammenhängt, östlich von der Wakenitz, west- 
lich von der Trave umschlossen, auf einem hügelartig ansteigen- 
den Terrain, das seine Vertheidigung durch das Wasser erhielt. 
An dem einzigen zugänglichen Punkte, der Nordspitze dieses 
ovalen Stadtplanes, schloss eine feste Burg und das noch vor- 
handene Burgthor die Stadt ab. Von dort ziehen die Hauptstrassen 
in zwei parallelen Zügen, der Breiten- und der Königstrasse, in 



746 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

leichter westlicher Abweichung bis nach dem Südende, wo sie 
an dem Dom und der dazu gehörigen Baugruppe ihren Abschluss 
finden. Zahlreiche Querstrassen schneiden sich mit diesen Haupt- 
adern im rechten Winkel, sämmtlich von kurzer Entwicklung, da 
die grösste Breite der Stadt ungefähr die Hälfte ihrer Längen- 
ausdehnung beträgt. Das gewaltige, noch wohlerhaltene Holsten- 
thor mit seinen beiden Thürmen bezeichnet hier die Hauptstrasse, 
welche nach Westen auf das angrenzende holsteinische Gebiet 
und gegen Hamburg führt. Wo diese Strasse sich mit der grossen 
Längenpulsader der Breitenstrasse schneidet, breitet sich das weite 
Kechteck des Marktes aus, auf zwei Seiten, der nördlichen und 
der östlichen von den ausgedehnten Gebäuden des Rathhauses 
eingefasst. Hier ist das Herz der Stadt, hier erhebt sich auch 
die Hauptkirche zu St. Marien, die mit ihren dunklen Backstein- 
massen und den beiden riesigen Thurmhelmen hoch über die 
mittelalterlichen Giebel des Rathhauses emporragt. An der andern 
Seite des Marktes erhebt sich die Petrikirche, etwas weiter öst- 
lich St. Aegidien und im nördlichen Theile der Stadt die wiederum 
sehr ansehnliche Jacobikirche, dabei das Spital zum Heiligen 
Geist. Damit sind die Hauptpunkte in der Plananlage der Stadt 
gezeichnet. Ein grossartiger Zug voll Freiheit und Klarheit spricht 
sich in ihr aus. 

Das Gepräge der wichtigsten Denkmäler gehört überwiegend 
dem Mittelalter und verräth unverkennbar, dass das 13. und 14. 
Jahrhundert den Höhepunkt in der Machtentwicklung Ltibeck's 
bezeichnen. Schon das 15. Jahrhundert steht darin zurück; man 
spürt ein Nachlassen in der monumentalen Entwicklung oder 
vielmehr ein Umwenden vom kirchlichen zum Profanbau; denn 
das Holstenthor und das Burgthor, sowie ausgedehnte Theile des 
Rathhauses gehören dieser Zeit an. Mit dem Anfang des 16. 
Jahrhunderts finden wir Lübeck von einem engherzigen Patriziat 
beherrscht, 1 ) welches der Strömung der Zeit sich feindlich ent- 
gegenstellt. Die Reformation, die in der Bürgerschaft allgemein 
Anklang gefunden, wird vom Rathe mit eiserner Hand unterdrückt. 
Bürger, welche nach Oldesloe gehen, um den dort eingesetzten 
evangelischen Prediger zu hören, werden mit Landesverweisung, 
Gefängniss oder Geldbusse gestraft. Der Prediger Johann Ossen- 
brügge, der heimlich in die Stadt gekommen war, um in einem 
Privathause lutherischen Gottesdienst zu halten, wird in's Gefäng- 
niss geworfen, und als er endlich auf Andringen der Bürger- 
schaft befreit wird, muss er froh sein, zu Schiffe nach Reval zu 



») Vergl. J. R. Becker, Gesch. der freyen Stadt Lübeck II, S. 3 ff. 



Kap. XIV. Die norddeutschen Küstengebiete. 747 

entkommen, wodurch er den Mönchen die Freude macht aus- 
sprengen zu können, der Teufel habe ihn geholt. Ein blinder 
Bettler wird aus der Stadt gewiesen, weil er auf der Strasse ein 
lutherisches Lied gesungen ; ein Buchbinder, der des Reformators 
Schriften verkauft, wird in den Thurm geworfen; ja noch 1528 
werden Luthers Bücher durch den Büttel auf offenem Markte ver- 
brannt. In der Bürgerschaft war aber der Drang zum Evange- 
lium so stark geworden, dass einst beim Gottesdienst in der 
Jacobikirche, während der katholische Priester predigte, zwei 
Knaben den Choral Luthers „Ach Gott vom Himmel sieh darein" 
anstimmten, die ganze Gemeinde mit einfiel und den Prediger 
zwang, die Kanzel zu verlassen. Erst als der Rath von der 
Bürgerschaft eine ausserordentliche Steuer verlangte, erzwang 
diese durch ihre standhafte Opposition, dass die evangelische 
Lehre endlich frei gegeben und bald darauf die Reformation 
völlig durchgeführt wurde. Aber die Starrheit der Aristokratie 
ist damit nicht bezwungen. Der kühne Versuch Wullenwebers 
eine Volksherrschaft aufzurichten und Lübeck's Macht noch ein- 
mal aufs Höchste zu steigern, misslingt, und fortan ist wohl 
noch eine Zeit lang von materiellem Gedeihen, aber nicht mehr 
von politischer Machtstellung zu reden. In jenen Kämpfen haben 
wir wohl den Grund zu suchen, warum noch 1518 die Marien- 
kirche in einem durch die Gegensätze geschärften Eifer mit 
reichster Ausstattung in gothischen Formen geschmückt wurde. 
Zugleich aber hängt damit* zusammen, dass die Renaissance hier 
erst spät auftritt und keine hervorragende Rolle spielt. Doch 
sind einige prächtige Werke aus ihrer spätem Entwicklung 
erhalten. 

Der wichtigste Bau ist das Rathhaus. Der älteste Theil 
desselben ist das grosse Rechteck, 150 Fuss breit und 120 Fuss 
tief, welches den Markt an der Nordseite begränzt und mit seiner 
Südseite an den Marienkirchhof stösst. Hier ist der Rathskeller 
mit seinen gewaltigen Gewölben; der Bau selbst ^aber wird durch 
drei colossale Satteldächer bedeckt, die mit ihren riesenhohen 
Backsteingiebeln über alle spätere Bauten hinausragen. Vor diese 
Fac^ade, die nach Süden schaut, wurde seit 1570 die Renaissance- 
halle gesetzt, von der wir noch zu sprechen haben. In dem 
gegen die Breitestrasse liegenden östlichen Theil dieses Baues 
befand sich ehemals der grosse Hansasaal, die ganze Tiefe des 
Baues von 120 Fuss bei einer Breite von 30 Fuss einnehmend. 
An diesen Hauptbau wurde noch im Mittelalter ein die Ostseite 
des Marktes abschliessender Flügel gesetzt, im Erdgeschoss eine 
langgestreckte zweischiffige Halle auf Granitpfeilern bildend, 



748 HI- Buch. Renaissance in Deutschland. 

ehemals bis 1868 zum Theil als Arbeitsstellen für die Gold- 
schmiede benutzt, neuerdings zum grossen Vortheil für die Ge- 
sammtwirkung geöffnet und sorgfältig wieder hergestellt. Zwei 
gewölbte Durchgänge stellen die Verbindung mit der Breiten- 
strasse her. Der südliche Theil enthielt ehemals die Rathswaage, 
und an ihn wurde gegen Ende des 16. Jahrhunderts nach der 
Strassenseite die prächtige Freitreppe gebaut, die ein Hauptstück 
der Renaissance ist. Im oberen Stock befand sich ehemals der 
Löwensaal, 90 Fuss lang und 24 Fuss breit, daneben ein Vorplatz 
und die sogenannte Kriegsstube, 36 Fuss breit und 48 Fuss lang. 
Der ganze Flügel aber erstreckt sich zu einer Länge von 150 Fuss. 1 ) 

Für unsere Betrachtung ist zunächst von Wichtigkeit der 
prächtige Vorbau, welcher 1570 der Südseite vorgelegt wurde 
(Fig. 206). Die zierlichen Hallen, auf zwölf Pfeilern mit kräf- 
tigen etwas gedrückten Bögen sich öffnend, werden nach oben 
durch drei Giebel abgeschlossen, von denen der mittlere als 
dominirender Theil höher emporragt. Die Composition ist vor- 
trefflich, die Gliederung reich und doch klar, aber das Figürliche 
zeugt von schwachen Händen, und das ganze Werk, so ansehn- 
lich es auch ist und so bestechend das schöne Sandsteinmaterial 
wirkt, gehört doch nicht zu den vorzüglichsten Schöpfungen der 
Zeit, ist z. B. dem Bremer Rathhaus keineswegs ebenbürtig. 
Vom Jahre 1594 datirt sodann die prächtige Freitreppe, welche 
an der Breitenstrasse auf vier Pfeilern angelegt ist, eine überaus 
malerische Conception, in kräftigen und reichen Formen durch- 
geführt, namentlich die einzelnen Quadern mit jenen Sternmustern 
geschmückt, welche in dieser Spätzeit allgemein beliebt waren. 
Weiter nordwärts aus derselben Epoche ein prächtiger Erker in 
ähnlichen Formen. Auch das Innere des Baues wurde damals 
reich geschmückt, besonders die Kriegsstube zeigt noch jetzt die 
prachtvolle Ausstattung jener Epoche. An dem Marmorkamin, der 
neuerdings barbarischer Weise mit dunkler Oelfarbe überschmiert 
war, 2 ) liest man die Jahrzahl 1595. Zum Schönsten in dieser 
Art gehört die Wandvertäfelung, bei welcher Schnitzwerk und 
eingelegte Arbeit zusammenwirken. Auch das Portal zum Raths- 
saale ist eine treffliche Schnitzarbeit. Sie datirt von 1573, hängt 
also mit dem Bau der südlichen Arkadenfront zusammen. 

Von den städtischen Bauten ist sodann noch das ehemalige 
Zeughaus beim Dom vom Jahre 1594 zu nennen. Es ist ein 



') Werth volle Notizen verdanke ich der Güte des Herrn Stadtbau - 
direktors Krieg. — 2 ) Seit Kurzem durch die Sorgfalt des Herrn Krieg 
gereinigt. Trefflich photogr. Aufnahme von Nöhring. 



Kap. XIV. Die norddeutschen Küstengebiete. 



749 



mächtiger, aber einfacher Backsteinbau mit Sandsteingliederungen 
in dem aus den Niederlanden stammenden Mischstil, wohl an 




Fig. 206. Rathhaus halle zu Lübeck. 



Grösse, aber bei Weitem nicht an künstlerischer Behandlung mit 
dem Danziger Zeughaus zu vergleichen. 

Auch der Privatbau der Stadt steht an Reichthum der Durch- 
bildung dem von Danzig weit nach; allein in der Anlage der 



750 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Häuser erkennt man dieselben Grundzüge. Das Erdgeschoss 
bildet unten auch hier eine weite und hohe Halle, die ihr Licht 
aus mächtigen Fenstern vom Hofe her erhält und ihren Zugang 
von der Strasse in einem riesig hohen Portale besitzt. Ueber 
der Hausthtir ist jetzt oft eine kleine Kammer angebracht, die 
aus dem mit dem Portal verbundenen Oberfenster ihr Licht er- 
hält. Eine kleine Comtoirstube ist stets vom Flur abgetrennt. 
Im Hintergrunde führt eine oft reich geschnitzte Treppe zu einer 
Galerie, welche den Zugang zu den niedern Schlafkammern und 
den oberen Geschossen vermittelt. Die Fagaden der Häuser 
zeigen fast ohne Ausnahme den schlichtesten Backsteinbau, neuer- 
dings fast immer mit Oelfarbe überstrichen. Einfache Staffel- 
giebel, durch Lisenen und Mauerblenden gegliedert, bilden den 
Abschluss. Von der reichen Ausstattung mit den Formen der 
Renaissance bei überwiegender Anwendung von Sandstein, wie 
wir es in Danzig fanden, ist hier nirgends die Rede. Den Erker 
hat man hier wie in Danzig und den andern niederdeutschen 
Seestädten vermieden. Nur indem man zahlreichen Häusern 
prachtvolle Portale im beginnenden Barockstil vorsetzte, suchte 
man der allgemeinen Zeitrichtung Rechnung zu tragen. Karyatiden 
und Hermen, Statuen von Tugenden, Masken und Fruchtschnüre 
spielen dabei eine grosse Rolle. Ein Prachtstück dieser Art vom 
Jahre 1587 sieht man Schlüsselbuden No. 190, mit zwei gewal- 
tigen Hernien, darüber in einer Nische eine weibliche Figur, von 
zwei liegenden Gestalten eingeschlossen, sämmtlich sehr lang- 
beinig und manierirt. Ein hübsches Portal ebenda No. 196, 
gleichfalls mit Figuren geschmückt und sämmtliche Flächen mit 
Metallornamenten dekorirt. Ein prächtiges Portal ebenda No. 195, 
mit Kriegerfiguren und allegorischen Darstellungen, auch hier 
das Figürliche unerträglich manierirt. Auf solchen Schmuck ver- 
zichtet das Portal an No. 194, erholt sich dagegen an reichen 
Fruchtgehängen und Masken. Mehreres von ähnlichem Charakter 
in der Fischstrasse. Eins der üppigsten schon stark überladenen 
und geschweiften an No. 85; ein ganz kleines, blos mit Rosetten 
und Köpfen dekorirt an No. 96; facettirte Quadern mit Stern- 
mustern an No. 104, wo ausnahmsweise auch der Hausgiebel 
mit Voluten geziert ist. Die sehr langen Figuren findet man 
wieder an No. 106. Ueberaus reich mit Festons und Hermen ist 
No. 107 dekorirt, wo auch die oberen Theile der Fagade ähn- 
lichen Schmuck erhalten haben, und in der Mitte eine Abundantia 
in einer Nische aufgestellt ist. Einfacher in Anlage und Be- 
handlung No. 105. Mehreres auch in der Breitenstrasse. Phan- 
tastisch reich mit Masken geschmückt No. 785. Noch stattlicher 



Kap. XIV. Die norddeutschen Küstengebiete. 751 

mit zwei kannelirten ionischen Säulen, deren unterer Theil reich 
dekorirt, dazu über dem Gebälk zwei liegende Figuren an No. 819. 
Dagegen No. 793 zierliche Metallornamente an den Flächen, fein 
kannelirte korinthische Pilaster, von Quaderbändern durchbrochen, 
als Einfassung. 

Ganz abweichend ist die grosse Fagade in der Holstenstrasse 
No. 276. Das Portal gehört zwar derselben Gattung an, wird 
durch kriegerische Atlanten eingefasst und von den Figuren des 
Glaubens und der Liebe bekrönt. Dabei der Spruch : Sperantem 
in domino misericordia circumdabit. Dies Alles wie gewöhnlich 
in Sandstein. Die Fagade selbst ist aber ein Prachtstück von 
Renaissancedekoration in Terracotta, offenbar um einige Dezennien 
früher als das Portal, vielleicht das Werk des Gabriel v. Aken 
und Statius v. Düren, die sich wie wir wissen in Lübeck nieder- 
gelassen hatten. Doppelte Lisenen, aus gerippten Eundstäben be- 
stehend, auf Maskenkonsolen ruhend, th eilen den hohen Giebel, 
und ähnliche Rundstäbe fassen sämmtliche Fenster ein. Die ein- 
zelnen Stockwerke aber werden bis oben hinauf von Medaillonfriesen 
in Terracotten gegliedert, welche den Arbeiten in Wismar, Schwe- 
rin und Gadebusch verwandt sind. Leider hat ein späterer Zopf- 
zusatz die ursprüngliche Reinheit getrübt; jedenfalls ist aber die 
Fagade sehr interessant wegen der Anwendung eines durchgebil- 
deten Terracottenstils. Aehnliche Werke kommen noch ein paar 
Mal in der Wahmstrasse vor. 

Von dem Reichthum der Ausstattung, welcher ehemals die 
Patrizierhäuser auszeichnete, geben noch einzelne Ueberreste 
Zeugniss; am prachtvollsten der Saal im Hause der Kauf- 
leute (Fredenhagen'sches Zimmer), dessen Getäfel in Eichen-, 
Linden-, Nussbaum- und Ulmenholz zu den edelsten der Zeit 
gehört. Gekuppelte korinthische Halbsäulen mit reich geschnitzten 
Schäften tragen ein Gebälk mit elegantem Rankenwerk am Ge- 
simse, und darüber eine Doppelstellung von Atlanten und Karya- 
tiden, die mit einem zweiten nicht minder reich dekorirten 
Gesimse abschliessen. Die Wandfelder zeigen unten eine Nach- 
bildung kräftiger Steinarkaden und darin tabernakelartige Auf- 
sätze, darüber eingelassene Alabasterreliefs, sicherlich nieder- 
ländische Arbeiten, Alles aufs Reichste plastisch dekorirt. Den 
oberen Theil der Wände schmücken Gemälde in Goldrahmen. 
Die Decke zeigt ein reich cassettirtes Balkenwerk, kraftvoll ge- 
gliedert und elegant geschnitzt. *) 



f ) Vergl. die Notiz von A. Meier im Dresdener Corr. Bl. 1853, Dec. No. 3. 



752 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Einige werthvolle Werke finden sich sodann in den ver- 
schiedenen Kirchen der Stadt. Bemerkenswerth zunächst in der 
Marienkirche die grossartige Ausstattung mit Messinggittern, 
welche den ganzen Chor und die zahlreichen Kapellen, ebenso 
auch das Taufbecken umgeben. Sie datiren sämmtlich von 1518 und 
zeigen im Wesentlichen zwar noch die Elemente des gothischen 
Stiles, aber doch in einer Umbildung, welche nicht ohne Ein- 
wirkung der Renaissance zu denken ist. Diese selbst mit ihren 
zierlichen Formen findet man sodann, freilich ganz vereinzelt, an 
der schönen Grabplatte des in demselben Jahre 1518 verstorbenen 
Gothard Wigerinck, ebenfalls ein Bronzewerk. Weit geringer 
war um dieselbe Zeit hier die Steinarbeit, z. B. an dem Grab- 
stein des Christoph und Johann Tidemann im Chorumgang des 
Doms, stumpfe Gestalten in schlichter Einfassung von korin- 
thischen Halbsäulen, die Schäfte oben kannelirt, unten mit Orna- 
menten geschmückt, sicher erst nach der Mitte des Jahrhunderts 
gearbeitet. Holzschnitzerei und Metallguss sind und bleiben die 
hier bevorzugten Künste. Erstere ist besonders an der pracht- 
vollen Orgel der Aegidienkirche, sowie an dem 1587 ausge- 
führten Lettner, dessen gewundene Treppe auf Atlanten ruht, 
nicht minder an dem meisterhaften Uhrwerk der Marienkirche 
vom Jahr 1562 vertreten. Dagegen ist die Orgel in derselben 
Kirche ein ebenso prächtiges Werk der spätgothischen Epoche, 
gleichzeitig mit der übrigen Ausstattung der Kirche 1516 — 1518 
von Meister Barthold Hering ausgeführt. Auch das Stuhlwerk der 
Kirche zeigt eine bewundernswürdig reiche und edle Ausbildung, 
die Füllungen namentlich mit Arabesken vom feinsten Geschmack 
und voll Phantasie. Zwei reich geschnitzte Orgeln hat auch die 
Jacobikirche, und zwar die eine von 1504, die andere von 
1637, aber auch diese noch mit überwiegend gothischen Formen. 

Was an Bronzewerken in Lübeck's Kirchen vorhanden, über- 
steigt jede Vorstellung. Von der unvergleichlichen -Pracht der 
zahlreichen Gitter in der Marienkirche, die freilich überwiegend 
noch der Gothik angehören, war schon die Rede. Von andern 
Werken der früheren gothischen Epoche habe ich hier nicht zu 
berichten; wohl aber von dem herrlichen Bronzegitter der Bremer- 
kapelle vom Jahr 1636, mit Säulen, Hernien und Karyatiden ge- 
gliedert, schon sehr barock, aber höchst geistreich und elegant, 
dabei von meisterhafter Technik. Prachtvolle Kronleuchter finden 
sich in der Jacobikirche, noch glänzender aber sind die Kron- 
leuchter, Wandleuchter und Gitter in St. Peter, datirt von 1621, 
1639, 1644, voll Phantasie und Anmuth, mit kletternden und 
spielenden Putten dekorirt. Auch die Aegidienkirche und der 



Kap. XIV. Die norddeutschen Küstengebiete. 753 

Dom sind mit ähnlichen Kronleuchtern ausgestattet. Ich hebe 
hier nur das Wichtigste heraus ; die Fülle des noch Vorhandenen 
verdiente in einer statistischen Darstellung der Renaissancewerke 
Deutschlands eingehendere Beachtung. 



Lüneburg. 

Lüneburg ist eine Wiederholung Ltibeck's im kleineren Maass- 
stabe; zugleich hat die Stadt Bedeutung, weil sie die südliche 
Grenze des niederdeutschen Backsteinbaues bezeichnet. Schon 
in Celle hört derselbe auf und macht dem mitteldeutschen Fach- 
werkbau der Harzgegenden Platz. In der mittelalterlichen Epoche 
und noch in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts beherrscht 
der derbe niederdeutsche Backsteinbau hier die ganze Profan- 
architektur. Die Bürgerhäuser sind schmal und hoch mit ein- 
fachen Staffelgiebeln. Der Erker kommt hier so wenig vor wie 
in Lübeck oder Danzig, nur ein paar Mal finden sich ganz be- 
deutungslose Fachwerk -Erker dem Erdgeschoss und ersten Stock 
vorgesetzt: ein von den Hannoverschen Städten ausgehender Ein- 
fluss. Mit dem 16. Jahrhundert bürgert sich an diesen Bauten 
die Renaissance ein, doch in etwas verschiedener Art als zu 
Lübeck. *) Wie dort nämlich werden zwar die Fa^aden durch 
jene schräg gerippten Rundstäbe gegliedert, die Fensternischen 
und die Lisenen damit eingefasst, und ebenso die Friese und 
die Medaillons, welche die Stockwerke trennen, eingerahmt. Die 
Friese sollten nun Füllungen von Terracottareliefs erhalten, welche 
indess in den meisten Fällen nicht ausgeführt sind. Dagegen 
trifft man häufig in den Medaillons zeitgenössische Bildnisse, 
Wappen u. dergl. in farbig glasirten Terracotten. Denkt man 
sich die ganzen Friese in dieser Weise geschmückt, so müssen 
die Fagaden, die jetzt durch den dunklen Ton des Backsteins 
etwas Düsteres haben, von prächtiger Wirkung gewesen sein. 
Das Hauptbeispiel dieser Art ist der grosse Giehel, welcher die 
lange Perspektive der Hauptstrasse Am Sand dominirend ab- 
schliesst, bezeichnet 1548. Die einfassenden Rundstäbe mit ihrem 
schrägen Rippenwerk machen fast den Eindruck von Laub- 
kränzen, welche die Glieder umrahmen. Die dekorirenden Me- 
daillonköpfe, Wappen und figürliche Darstellungen, Knaben auf 
Delphinen, Simson mit dem Löwen, mit den Thoren von Gaza 
u. dergl. sind lebensvoll behandelt. Auch der kleinen daneben- 



*) Einige Abbildungen in den Publ. des Lüneb. Altherth. Ver. 

Kugler, Gesch. d. Baukunst. V. 4§ 



754 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

stehenden Fagade hat man denselben Schmuck gegeben. Ein 
anderes noch etwas früheres Beispiel vom Jahr 1543 bietet die 
Fagade an der Münze No. 9. Die farbig glasirten Reliefmedaillons 
mit den zeitgenössischen Portraitköpfen sind derb und lebendig 
ausgeführt. 

Etwas später tritt eine Veränderung im Stil dieser Terra- 
cotten auf. Statt des farbig geschmückten Flachreliefs stellen 
sich im kräftigsten Hochrelief weit vorspringende Köpfe ein, die 
nun keine Glasur mehr erhalten. Der malerische Stil macht 
einem mehr plastischen Platz. Ein charakteristisches Beispiel 
dieser Art gewährt ein Haus von 1559 in der Bardowiker Strasse 
No. 30, mit sehr gut behandelten Relief köpfen ; vom Jahre 1560 
das Haus am Markte No. 1 , wo aber diese Köpfe und die Wappen 
in Sandstein eingesetzt sind. In der Mitte ein hübsches Barock- 
schild, von Engeln gehalten. Um diese Zeit dringt also der 
Hausteinbau ein und findet namentlich an einzelnen Pracht- 
portalen, offenbar nach dem Vorgange von Lübeck, seine Ver- 
wendung. So an dem Hause Neue Sülze No. 27. Ein anderes 
in der Grossen Bäckerstrasse No. 30, mit korinthischen Säulen 
eingefasst, deren Schaft am untern Theil mit Metallornamenten 
bedeckt ist. Das Prachtstück aber in derselben Strasse No. 9, 
die Rathsapotheke, wo das Portal mit Hermen eingefasst ist, 
welche medizinische Gefässe halten und an den Schäften reich 
dekorirt sind, darüber ein Bogen mit Masken und Festons, in den 
Zwickeln zwei sitzende weibliche Figuren. Das Portal ist nach 
dem Vorbilde der Lübecker von ungewöhnlicher Höhe. 

In charaktervoller Weise haben die verschiedenen Kunst- 
epochen sich am Rathhause ausgesprochen. Es ist gleich dem 
von Lübeck ein Conglomerat, in mehreren Perioden allmälig 
durch neue Ansätze vergrössert. Im Wesentlichen aus verschie- 
denen Epochen des Mittelalters stammend, ist es äusserlich ohne 
grossartigere Gesammtwirkung, und die Hauptfagade am Markt 
mit ihren Bogenhallen und den mit Figurennischen dekorirten 
Pfeilern trägt den Charakter einer späten Restauration. Man liest : 
Exstructum 1720, renovatum 1763. Interessanter ist das Innere, 
welches in verschiedenen Epochen eine zum Theil prachtvolle 
Ausstattung erhalten hat. Noch völlig gothisch ist der mit höl- 
zernem Tonnengewölbe überdeckte Saal, der durch seine Glas- 
gemälde, seine schönen Bodenfliesen, in welchen man vor den 
Sitzen der Rathsherren noch die Oeffnungen der Luftheizungs- 
röhren mit ihren Metallverschlüssen sieht, mit seiner polychromen 
Deckenmalerei und der völlig erhaltenen Wandvertäfelung mit 
ihren Schranken und den Sitzen für die Rathsherren einen unver- 



Kap. XIV. Die norddeutschen Küstengebiete. 755 

gleichlich harmonischen Eindruck macht. Letztere gehören der 
Renaissance an und sind mit ihren eingelegten Holzmosaiken 
1 594 ausgeführt. Die Gemälde der Decke sind im Geist und den 
Formen der Kranach'schen Schule behandelt. Am Eingang des 
Saales bilden zwei ungleiche Flachbögen auf kräftiger Rundsäule 
eine Art Vorhalle. Im Flur ist ein prachtvolles Eisengitter von 
Hans Rüge 1576 ausgeführt, ohne alles phantastische Element, 
nur mit schön stilisirten Blumen geschmückt. Das Zimmer rechts 
vom Eingange im Erdgeschoss zeigt eine gute Holztäfelung vom 
Jahre 1604. 

Den Stolz des Rathhauses bildet aber der Rathssaal, 1566 
bis 1578 durch Albert von Soest mit einer künstlerischen Aus- 
stattung versehen, welche alles überbietet, was jemals deutsche 
Schnitzkunst hervorgebracht. Man liest daran: Albertus Suza- 
tiensis fecit. Zunächst sind die Schranken mit den Sitzen für die 
Rathsherrn auf's Reichste mit zierlich ausgeführten Reliefs der 
biblischen Geschichte dekorirt. Man sieht das Urtheil Salomon's, 
das jüngste Gericht, Moses das Volk strafend, dazu die Statuetten 
von Moses, Aron und Josua, Alles in kleinstem Maassstabe mit 
hoher technischer Meisterschaft durchgeführt. Einfacher ist die 
Bekleidung der Wände, sowie die cassettirte Decke mit ihren 
vergoldeten Rosetten. Der Künstler hat sich die Hauptwirkung 
für die architektonisch hervorragenden Theile aufgespart. Schon 
die Friese mit den herrlichen kleinen Köpfchen, die aus den 
Ranken hervorragen, gehören zum Köstlichsten ihrer Art. Aber 
die grösste Pracht entfaltet sich an den vier Thüren. Die beiden 
ersten, einfacheren sind mit Hermen und Karyatiden eingefasst 
und mit figurenreichen Reliefscenen bekrönt. Eine dritte Thür 
hat ebenfalls Karyatiden und ähnlichen Reliefschmuck. Alles wird 
aber überboten durch die vierte Thür, vor welche als Stützen 
des Gebälks völlig durchbrochen gearbeitete Pfeiler treten, die 
in unglaublichem Reichthum mit Voluten, Masken und Hermen 
sich aufbauen, in der Mitte Nischen mit Kriegerstatuetten ent- 
halten, diese wieder eingerahmt von Pfeilern, die wiederum auf 
Postamenten mit spielenden Putten kleinere Statuetten der Tugen- 
den zeigen unter Baldachinen, die von Genien gehalten werden. 
Darüber thürmt sich nach Art mittelalterlicher Baldachine und mit 
reichlicher Anwendung von durchbrochenen gothischen Fenstern, 
Strebepfeilern und Fialen ein Oberbau auf, der wieder mit den 
winzigsten Figürchen und allen erdenklichen Elementen der Re- 
naissance-Ornamentik ausgestattet ist. Das Ganze bietet den 
Eindruck höchster Ueppigkeit, voll jener bewundernswürdigen 
Phantastik, die auch im Sebaldusgrabe Peter Vischer's waltet, 

48* 



756 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

nur ist Alles hier überladener und von einem minder reinen Form- 
gefühl beherrscht, jedenfalls aber in staunenswerther Technik mit 
miniaturartiger Feinheit durchgebildet. Dazu kommen über den 
Portalen grosse Reliefs aus der biblischen und römischen Ge- 
schichte, die mit einer Darstellung des jüngsten Gerichtes ab- 
schliessen. 

Noch wäre der ungemein grosse Fürstensaal zu nennen, an 
den Wänden mit Bildnissen von Fürsten und Fürstinnen im 
Charakter des 15. Jahrhunderts bemalt, auch an der Balkendecke 
Gemälde, Brustbilder in Medaillons und Ornamente aus der Spät- 
zeit der Renaissance. Fünf mittelalterliche Kronleuchter mit figür- 
lichem Schmuck und ein sechster in streng gothischem Stil er- 
leuchten den Saal. 

Zu den grössten Schätzen gehört sodann die Silberkammer 
des Rathhauses, eine vielleicht unvergleichliche Sammlung von 
Prachtgeräthen aus den verschiedenen Epochen der Gothik und 
der Renaissance. Für unsre Betrachtung sind von besonderer 
Bedeutung die herrlichen Pokale, welche die ganze Mannigfaltig- 
keit der Renaissance im Aufbau, den dekorativen Formen und 
dem figürlichen Schmuck verrathen. Der Münzpokal vom Jahre 
1536, der eine Elle hohe vergoldete Pokal von 1538, ein anderer 
von 1562, wieder ein anderer, über 2 Fuss hoch, von 1560, ein 
kleinerer von 1586 und ein ganz grosser von 1600 mögen hier 
als die wichtigsten kurz erwähnt werden. Zu den edelsten Wer- 
ken gehören aber die beiden silbernen Schüsseln mit dem Stadt- 
wappen, in der Mitte und am Rande mit Laubfriesen und kleinen 
Portraitmedaillons geschmückt, endlich die grosse Waschschüssel 
von 2 Fuss im Durchmesser, vom Jahre 1536. 

Einiges ist noch aus der Johanniskirche nachzutragen. 
Vom Jahre 1537 das bemalte Epitaph eines Herrn v. Dassel, mit 
reichem krautartig behandeltem Pflanzenornament, das Ganze 
noch etwas unreif in den Formen und bezeichnend für das erste 
Auftreten der Renaissance in diesen Gegenden. Von elegant aus- 
gebildeter Renaissance sind die Chorstühle, deren Laubfriese mit 
den Relief köpfchen an die Arbeiten im Rathhaus erinnern, wenn 
sie auch nicht von derselben Vollendung sind. Doch erscheint 
die Arbeit voll Geist; nur die Karyatiden und Atlanten zeigen den 
schlottrigen Stil der Epoche. Auch die Brüstung einer Empore 
ist in ähnlichem Schnitzwerk um dieselbe Zeit ausgeführt. 

Noch ist der Springbrunnen auf dem Markt vor dem 
Rathhaus, ein Metallbecken mit kleinen figürlichen Darstellungen, 
hier zu nennen als ein Werk der Frührenaissance. Nur (h\* 
untere gusseiserne Becken gehört moderner Reparatur. Auf der 



Kap. XIV. Die norddeutschen Küstengebiete. 757 

Säule eine winzig kleine hochdrollige Diana mit Bogen und Pfeil 
in einer an Dürer erinnernden stark gespreizten Stellung. Die 
Jahrzahl 1530 hat nichts Unwahrscheinliches. 



Von Hamburg hat der verheerende Brand des Jahres 1842 
nicht viel Alterthümliches übrig gelassen, so malerisch auch die 
inneren Theile der Stadt mit ihren an Holland erinnernden hoch- 
giebligen Häusern sind. Als eins der wenigen noch vorhandenen 
Beispiele des energisch ausgebildeten Profanbaues der Renaissance 
geben wir unter Fig. 207 ein Giebelhaus der Gr. Reichenstrasse, 1 ) 
eine jener Facaden, die in ihren Flächen, wie in sämmtlichen 
Gliederungen an Fenstern und Portalen, Gesimsen und Pilaster- 
stellungen aus Sandstein bestehen. Die niedrigen Verhältnisse 
der Stockwerke geben den Pilasterstellungen etwas Verkrüppeltes, 
aber die derben Formen, die klare Eintheilung und Gliederung 
und die lebensvolle Ausbildung des Giebels mit seinen kräftig 
wirkenden Nischen, seinen barocken Schweifvoluten und aufge- 
setzten Pyramiden (letztere in der Zeichnung ergänzt) machen 
einen tüchtigen Eindruck. Ein stattlicher Giebelbau von ähn- 
licher Anlage ist der sogenannte Kaiserhof vom Jahre 1619, eben- 
falls mit energischen antikisirenden Säulenstellungen, dazu in 
Bogenzwickeln und andern Flächen mit flott behandeltem Bild- 
werk dekorirt. 2 ) Eine andre, jetzt nicht mehr vorhandene Fagade 
von reicher Durchbildung ist wenigstens in Abbildung erhalten. 3 ) 
Von den eleganten steinernen Waschbecken, welche auf den 
Fluren ansehnlicher Häuser nicht zu fehlen pflegten, sind noch 
zwei zu sehen. 4 ) Endlich muss der Thurm der Katharinen- 
kirche wegen der Schönheit der Verhältnisse und der Anmuth 
seiner feingeschwungenen Umrisse erwähnt werden. 



Bremen, 

Ungleich reicher ist die Ausbeute in Bremen. Die Ent- 
wicklung der Stadt bietet manche Verwandtschaft mit Lübeck. 
Wie dort finden wir auch hier, und zwar schon seit Karls des 



') Die Abbildung verdanke ich Herrn A. Schröder , Assistent am Poly- 
technicum zu Hannover. — 2 ) Abbildungen in der Schrift: Hamburg, hist. 
topogr. und baugeschichtl. Mittheil. 1869. — 3 ) Samml. des Ver. für Hamb. 
Gesch. — 4 ) Abbildungen ebenda. 



758 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Grossen Zeiten, einen Bischofssitz, unter dessen Obhut die Stadt 
im frühen Mittelalter sich immer kräftiger entwickelte, bis sie im 
Kampf mit ihren Bischöfen sich allmälig zur Unabhängigkeit 
aufschwang und als Mitglied der Hansa immer machtvoller er- 
blühte. Aber während im Anfang der neuen Zeit der reactionäre 
Rath von Lübeck sich lange und hartnäckig gegen die Refor- 
mation wehrte, gebührt Bremen der unvergängliche Ruhm, unter 
den niederdeutschen See -Städten zuerst Luthers Lehre mit Hin- 
gebung erfasst und durch ihren Eifer im Schmalkaldischen Bunde, 
durch hochherziges Standhalten nach der Schlacht von Mühlberg 
zur Rettung des Protestantismus vor dem Untergange wesentlich 
beigetragen zu haben. In der architektonischen Anlage der Stadt 
spricht sich ähnlich wie in Lübeck ihr doppeltes Wesen aus; 
aber während dort der Mittelpunkt der geistlichen Gewalt des 
Mittelalters an dem einen Ende der Stadt eine isolirte Lage ein- 
nimmt, steht hier der mächtige Bau des Domes im Herzen der 
Stadt, gegenüber dem stolzen Bau des Rathhauses, und der Dom- 
hof sammt dem Marktplatze geben in ihrer Verbindung einen 
Prospekt von grossartiger Wirkung. Langgestreckt, ähnlich wie- 
der wie Lübeck, zieht sich die alte Stadt am rechten Ufer der 
Weser hin, während erst später das linke Ufer mit der neuen 
Stadt besetzt wurde. 

Die Renaissance tritt auch hier erst spät auf, aber sie treibt 
in dem grossartigen Bau des Rathhauses 1 ) eine ihrer pracht- 
vollsten Blüthen (Fig. 208). Der Bau ist seinem Kerne nach eine 
Schöpfung des Mittelalters, 1405 bis 1410 errichtet: ein mächtiges 
Rechteck, an der südlichen Schmalseite durch das Portal und drei 
hohe Spitzbogenfenster belebt. An diesen einfachen gothischen 
Bau fügte man 1612 die prachtvolle Facade der Ostseite mit 
ihrer Bogenhalle, dem breit vorspringenden Erker- und Giebelbau 
in der Mitte und den riesig hohen Fenstern des oberen Stock- 
werks. Auf zwölf dorischen Säulen ruht die in der ganzen Länge 
den Bau begleitende Halle, deren gothische Rippengewölbe in 
der Wand auf reichen Consolen aufsetzen. Im ersten Stock bildet 
sich über der Säulenhalle eine von durchbrochener Balustrade 
abgeschlossene Altane, in der Mitte durch den vorgebauten Erker 
unterbrochen, aber durch Thtiren mit demselben verbunden. Die 
ehemaligen, ohne Zweifel spitzbogigen Fenster des Obergeschosses 
sind in sehr hohe rechtwinklige Fenster verwandelt und abwech- 
selnd mit gebogenen oder dreieckigen Giebeln gekrönt. Den Ab- 
schluss des Ganzen bildet ein elegant skulpirter Fries mit kraft- 

J ) Vergl. die Monogr. von Müller, das Rathhaus zu Bremen. 




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Fig. 207. Kranzhaus in Hamburg. (A. Schröder). 



Kap. XIV. Die norddeutschen Küstengebiete. 761 

voll ausgebildeten Consolen und darüber eine durchbrochene 
Balustrade, mit kleinen Pyramiden und an den Ecken mit Sta- 
tuen besetzt. Darüber ragt dann in der Mitte der hohe Giebel 
des Erkers und auf beiden Seiten ein kleinerer Dachgiebel auf. 
Alle diese Zusätze sind dem Backsteinkern des Baues in durch- 
gebildetem Quaderbau angefügt. 

Muss schon die Composition als ein Meisterwerk ersten Ranges 
bezeichnet werden, so gehört vollends die Durchbildung zu dem 
Vollendetsten, was wir in diesem schon barock umgebildeten 
Renaissancestil in Deutschland besitzen. Die Schönheit der Ver- 
hältnisse, die meisterhafte Behandlung der architektonischen Glie- 
der, die Feinheit in der Ausbildung derselben übertrifft z. B. weit 
die Facade des Lübecker Rathhauses, ja in schwungvoller An- 
wendung bildnerischen Schmuckes muss selbst der Friedrichsbau 
in Heidelberg zurückstehen. Alle Flächen sind mit Sculpturen 
bedeckt, in den Zwickeln der Arkadenbögen sind es Figuren 
antiker Gottheiten und allegorischer Personifikationen; meister- 
haft aber vor Allem sind die grossen Friese prachtvoll bewegter 
phantastischer Meeresgeschöpfe, Nachklänge jener berühmten an- 
tiken Gestalten, deren Erfindung im letzten Grunde bis auf Skopas 
zurückgeht. Ein stürmisch bewegtes Leben spricht sich hier mit 
Kraft und Kühnheit aus, als trefflichster Ausdruck für die in der 
Nähe des Meeres gelegene Seestadt. Dieser reiche Schmuck ge- 
winnt an dem Erker und den Dachgiebeln erhöhten Glanz und 
verbindet sich dort mit 'Säulenstellungen, Hermen und all den 
phantastisch barocken Formen dieser üppigen Zeit. Dazu kommt, 
dass das Figürliche, welches hier in solchem Umfang zur An- 
wendung gebracht ist, grösstenteils von sehr geschickten Händen 
herrührt, so dass die Ausführung hinter der Absicht kaum zurück- 
bleibt. Nach alledem muss man den sonst unbekannten Meister 
dieses Baues, Lüder von Bentheim, zu den hervorragendsten Künst- 
lern unsrer Spätrenaissance zählen. Dagegen sind die zwischen 
den Fenstern beibehaltenen aus dem Mittelalter herrührenden 
Statuen ohne höheren Kunstwerth. 

Im Innern besteht das Erdgeschoss aus einer Halle, deren 
Decke auf einfachen Holzpfeilern ruht. Nur ein Portal in kräftig 
reicher Schnitzarbeit ist hier zu erwähnen. Auf einer elegant 
in Holz geschnitzten Wendeltreppe gelangt man in den oberen 
Saal, der die ganze Ausdehnung des Gebäudes, 140 Fuss bei 
45 Fuss Breite und etwa 30 Fuss Höhe umfasst. Er hat eine 
in barocken Formen gemalte Holzdecke, rings an den Wänden 
Täfelwerk, an der Fensterseite Bänke, welche die 5 Fuss tiefen 
Fensternischen umziehen und mit hübsch geschnitzten Wangen 



762 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

und Seitenlehnen geziert sind. An der innern Langseite des 
Saales sieht man eine Thtir zu einem angebauten Sitzungszimmer, 
mit Putten und Akanthusranken in einfacher Frührenaissance 
dekorirt, inschriftlich 1550 ausgeführt. Daneben in derselben 
Wand zwei reichere Barockportale. Die grösste Pracht entfaltet 
sich aber an der hölzernen Wendeltreppe, welche zu dem im 
Erkerbau angebrachten oberen Sitzungszimmer führt, mit 1616 
bezeichnet. Hier ist geradezu Alles in geschnitzte Ornamente 
und in Figuren aufgelöst, namentlich das Portal aussen und 
innen von der erdenklichsten Ueppigkeit, davor auf einer Säule 
die Figur eines Herkules. Es ist die Blechmusik des beginnen- 
den Baroco in ihrem berauschendsten Fortissimo. Der kleine 
Saal selbst hat treffliche Täfelung mit reichen Pilastern. Auch 
das untere Sitzungszimmer zeigt eine prachtvoll geschnitzte Thür. 
Neben den Holzsculpturen im Rathhaus zu Lüneburg sind diese 
Arbeiten die glanzvollsten Schöpfungen der deutschen Schnitz- 
kunst der Renaissancezeit. — 

Von den übrigen Gebäuden der Renaissance ist zunächst die 
Schütting von 1537 zu nennen. Ein ganz aus Quadern errich- 
teter Bau, der eine Giebel einfach abgetreppt, mit übereck ge- 
stellten gothischen Fialen, der andere in guter Renaissance 
durchgeführt, mit Pilastern und Bögen, darin Medaillons mit 
Köpfen in Hochrelief; als Krönung Voluten, von denen die eine 
in Löwenklauen endet, auf dem Giebel eine Statue. Diese Theile 
wird man um 1560 setzen müssen. Die Fagade dagegen mit 
ihren beiden riesig hohen Fensterreihen, dreitheilig in der Höhe 
und zweitheilig in der Breite, mit gedrückten, spätgothischen 
Schweif bögen wird der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ange- 
hören. Eine Balustrade in eleganter Renaissanceform bildet den 
Abschluss; darüber in der Mitte ein Dacherker mit der Relief- 
darstellung eines Schiffes. Im Uebrigen hat das Gebäude moderne 
Umgestaltungen erfahren. 

Ein stattlicher Bau von 1587 ist die Stadtwaage, ein hoher 
Backsteingiebel, mit gekuppelten Rustikapilastern, Voluten und 
Pyramiden in Sandstein gegliedert. Auch die beiden Portale in 
kräftiger Rustika, die Quader mit Sternornamenten sind von 
Sandstein. Die gekuppelten Fenster haben eine hübsche Muschel- 
bekrönung. Das Ganze ist einfach und tüchtig. Etwas reicher 
wiederholt sich derselbe Stil an dem Kornhaus von 1591. Auch 
hier ist Backstein und Haustein verbunden; die Fenster zeigen 
dieselbe Behandlung, die Quader sind sämmtlich reich orna- 
mentirt, der enorm hohe Giebel mit Voluten und Pyramiden 
geschmückt. 




Iffi»iäl»^ 










Fig. 208. Kathhaus zu Bremen 



Kap. XIV. Die norddeutschen Küstengebiete. 765 

Denselben Stil findet man an einem Hause der Langen Strasse 
No. 14; der Giebel ebenfalls barock geschweift. Leider sind 
diese Häuser meist mit Oelfarbe überstrichen, wodurch die reiche 
farbige Wirkung im Gegensatz des Backsteins zu dem Sandstein 
aufgehoben wird. So zeigt es z. B. auch das Haus am Markt 
No. 9, besonders zierlich in den Verhältnissen, die Quader mit 
den beliebten Sternornamenten, die krönenden Pyramiden auf 
grotesken Masken. Ganz intakt dagegen ist ebendort No. 16, 
wo trotz der späten Jahrzahl 1651 dieselben Elemente in Com- 
position und Ausschmückung festgehalten sind. Dazu kommt ein 
Erker, der freilich später in Rococoformen umgestaltet worden. 
Die oberste Bekrönung des Giebels bildet eine schöne Blume 
von Schmiedeeisen. Aehnliche findet man noch mehrfach in 
gleicher Weise verwendet. Eine stattliche Backsteinfa^ade, nur 
mit Sandsteinumrahmung der Fenster und mit einem ebenfalls 
in Quadern vorgebauten Erker, der jedoch blos das Erdgeschoss 
und den ersten Stock begleitet, sieht man in der Langen Strasse 
No. 127. Von derselben einfachen Art sind ebendort No. 124 
und 126. Ein mächtiges Giebelhaus von Backstein, aber mit 
Quadergliederungen, die durchweg reiche plastische Dekoration 
zeigen, in derselben Strasse No. 112. Dasselbe gemischte System, 
wenn auch nicht mit dem vollen plastischen Reichthum, ebendort 
an No. 16. Vereinzelt kommen auch Facaden vor, welche ähn- 
lich den Danziger Häusevn ganz aus Quadern errichtet sind. So 
das schmale hohe Giebelhaus der Langen Strasse No. 13, mit 
zwei symmetrisch angebrachten Erkern, Alles in üppigen Barock- 
formen ungemein energisch mit Säulen, Hermen, Muschelwerk 
und stark geschweiften Voluten dekorirt. Es trägt die Jahr- 
zahl 1618. 

Ziehen wir eine Parallele der drei grossen norddeutschen 
Seestädte, deren Privatbau der Spätrenaissance angehört, so zeigt 
Danzig die reichste Blüthe und die vollständigste Aufnahme des 
durch die Renaissance eindringenden HausteinBaues. Lübeck 
dagegen beharrt bei seinen überlieferten Ziegelfacaden und be- 
gnügt sich, denselben durch prachtvolle Portale in Sandstein 
einen zeitgemässen Schmuck zu geben. Bremen endlich nimmt 
eine mittlere Stellung ein, indem es drei verschiedene Systeme 
in Anwendung bringt: die Backsteinfacade mit sparsamer Be- 
nutzung von Haustein an den Gesimsen und Einfassungen der 
Fenster; dieselbe Construktion mit vollständiger und zwar sehr 
reicher Ausbildung sämmtlicher Glieder in Quaderbau; endlich in 
einzelnen Beispielen reine Hausteinfacaden. Ausserdem ist Bremen 
die einzige von diesen Städten, welche an den Privatbauten zu- 



766 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

weilen den Erker anwendet. Er kam ihr wahrscheinlich eben- 
daher, wo sie auch den Sandstein zu ihren Bauten holte: aus 
der oberen Wesergegend. 

Dass man an den städtischen Bauten durchweg* die Quader- 
construktion wählte, haben wir schon gesehen. Das glänzendste 
Beispiel dieser Art ist das ehemalige Krameramthaus, jetzt 
Gewerbehaus bei der Ansgarikirche. Es ist ein grossartiger 
Prachtbau, dessen tippige Formen bereits das 17. Jahrhundert 
verrathen. Zwei colossale Giebel, durch eine Balustrade ver- 
bunden, bauen sich an der breiten Fa^ade auf. In der Mitte 
des hohen mit gewaltigen dreitheiligen Fenstern fast völlig durch- 
brochenen Erdgeschosses ein Portal mit korinthischen Säulen, 
reich mit Figuren geschmückt, Alles bemalt und vergoldet. Das 
obere Geschoss hat fast eben so hohe Fenster von ähnlicher An- 
ordnung, wie sie überall in unseren nordischen Städten aus den 
Niederlanden eingeführt wurden. Zwei breite Friese, ganz mit 
Masken, Voluten und figürlichem Bildwerk bedeckt, ebenfalls 
bemalt und vergoldet, schliessen die beiden Stockwerke ab. Die 
Giebel endlich erschöpfen mit ihren Nischen, Statuen, geschweiften 
Voluten alle Formen dieses üppig barocken Stils. Die den ein- 
zelnen Geschossen aufgesetzten schlanken Pyramiden sind sämmt- 
lich mit vergoldeten schmiedeeisernen Blumen gekrönt. Die phan- 
tastische Pracht solcher Silhouetten überbietet selbst die reichsten 
Giebelcompositionen der gothischen Epoche, wurzelt aber trotz 
der Verschiedenheit der Formen in demselben ästhetischen Be- 
dürfniss. Auch der Giebel der Seitenfa^ade ist ähnlich behandelt. 
Der grossartige Bau hat im Aeussern und Innern eine sorgfältige 
neuere Herstellung erfahren. 



In Ostfriesland ist es namentlich Emden, welches für Re- 
naissance werthvolle Ausbeute bietet. Der saubere Ort mit seinen 
graden Strassen, den Backsteinhäusern, den zahlreichen Kanälen, 
Brücken und Schleusen macht völlig den Eindruck einer hollän- 
dischen Stadt. Durch ihre günstige Lage schon früh reich und 
blühend, errichtete sie 1574 bis 1576 ihr stattliches Rathhaus, 
das ebenfalls den Einfluss der benachbarten Niederlande verräth. 
(Fig. 209). An der Hauptfront ganz in Haustein ausgeführt, hat 
es im Erdgeschoss und im oberen Stockwerk jene dichte Reihe 
hoher, durch steinerne Stäbe getheilter Fenster, die aus Holland 
stammen. Darüber erhebt sich ein Halbgeschoss mit einer auf 
Consolen den ganzen Bau umziehenden Galerie, ein etwas später 




e.ADC.X.A.STUTTCAIIT. 



Fig. 209. Emden. Ratnhaus. 



Kap. XIV. Die norddeutschen Küstengebiete. 769 

am Stadthaus zu Antwerpen sich wiederholendes Motiv. Mitten 
durch den Bau führt die Hauptstrasse, die deshalb sich mit einem 
mächtigen, etwas vortretenden Bogenportal als Durchgang charak- 
terisirt. Dieser wird wirksam durch einen mit dem Hauptgeschoss 
in Verbindung stehenden Balkon abgeschlossen. Ein reich mit 
Wappen und Figuren geschmückter Dachgiebel markirt . auch 
nach oben die Mitte der Fagade; darüber ragt aus dem rings 
abgewalmten hohen Dach ein in Holz construirter viereckiger 
Thurm auf, nach oben mit achteckigem Aufsatz und darüber 
wieder mit einem Glockenstuhl und schlanker Laterne bekrönt. 
Von den Galerieen des Thurmes geniesst man einen prächtigen 
Blick über die weitgestreckten Marschlande und die Meeresbucht 
des Dollart. Der ganze ansehnliche Bau ist an der Fagade in 
Quadern, an der Rückseite in Backstein aufgeführt; nur die obere 
Galerie, sowie der Uhr- und Glockenturm sind in Holz con- 
struirt. Die feinen Ornamente und Skulpturen am mittleren 
Dachgiebel zeugen von einer geschickten Hand. Auch hier spielen 
die schmiedeeisernen Blumen als Krönungen eine Rolle. 

Der Eingang zum oberen Geschoss liegt in dem kleinen zier- 
lichen Portal neben dem grossen Thorwege. Es hat eine kräftig 
geschnitzte Thür und einen Löwenkopf als Thürklopfer. Die 
Treppe zeigt Netzgewölbe ohne Rippen, aber getheilt durch Quer- 
bögen, welche auf hübschen Renaissanceconsolen ruhen. Diese, 
so wie die Gurte und das Geländer schimmern von Gold und 
Farben. In den Ecken des Treppenhauses ist zweimal auf einer 
elegant durchgebildeten Console ein Schränkchen mit Glasthür 
als Lichtständer angebracht. Der obere Vorsaal ist jetzt weiss 
getüncht und hat nur einige alte Gemälde mit kräftig geschnitzten 
Rahmen und einen zierlichen Messingleuchter als Ausschmückung. 
Die Balken der rohen Bretterdecke ruhen auf hübsch dekorirten 
Consolen. In dem anstossenden Vorzimmer sieht man einen fein 
geschnitzten Schrank aus jener Zeit. Der Sitzungssaal ist ganz 
modernisirt, das Innere überhaupt nicht mehr von Bedeutung. 
Sehenswerth sind aber mehrere ausgezeichnete silberne Renais- 
sancegefässe : eine Fruchtschaale, Waschschüssel und Kanne, drei 
prachtvolle Pokale und ein als Schiff gestalteter Becher. Eine 
zuerst steinerne, dann hölzerne Wendeltreppe führt in das zweite 
Geschoss, dessen ganzer Raum durch eine grosse Sammlung 
alter, zum Theil künstlerisch werthvoller Waffen ausgefüllt wird. 

Ein gediegener Bau derselben Zeit ist die Brücke, welche 
in der Axe des Rathhauses über den Fluss führt, mit fünf Bögen 
in Backstein errichtet, aber mit reichem Sandsteinschmuck von 
Wappen, Fruchtschnüren und Masken dekorirt. Auch die Neue 

Kugler, Gesch. d. Baukunst. V. 49 



770 HI. Buch. Die Renaissance in Deutschland. 

Kirche ist ein Bau derselben Zeit, ebenfalls aus Backstein, die 
Gliederungen in Sandstein, namentlich die hohen Rundbogen- 
fenster, welche gothisirendes Maasswerk zeigen. Der Bau ist in 
Kreuzform angelegt, mit hohen einfachen Giebeln, alles ziemlich 
nüchtern. 

Ein merkwürdiges Renaissancewerk besitzt die an sich sehr 
unbedeutende Grosse Kirche St. Cosmas und Damianus. *) Es 
ist das Denkmal des 1540 gestorbenen Grafen Enno II von Ost- 
friesland, 1548 — jedenfalls von Niederländischen Künstlern — 
ausgeführt. Die Marmorfigur des Verstorbenen, auf dem Sarko- 
phag liegend, ist schon sehr modern und wohl stark restaurirt; 
aber überaus originell zeigt sich die Einfassung der Kapelle. 
Elegante dorische Säulen wechseln mit phantastischen Hermen, 
welche Löwenköpfe haben, und deren Füsse wie aus Futteralen 
hervorragen: Formen, die in der französischen und niederlän- 
dischen Renaissance öfter vorkommen. Dazwischen sind kleinere 
Theilungen durch Hermen und Karyatiden, abwechselnd mit den 
elegantesten ionischen Säulchen hergestellt. Die Postamente der 
grossen Säulen und Hermen sind mit Trauergestalten dekorirt. 
Endlich sieht man oben in den fünf Bogenfeldern und den Friesen 
die ganze Leichenbestattung, die Züge der Trauernden mit der 
Bahre, den Leichenwagen und das Gefolge der Leidtragenden 
in trefflich ausgeführten Reliefs. Es ist als ob man die Be- 
schreibung eines jener prunkvollen fürstlichen Begräbnisse der 
Zeit lebendig werden sähe. In der Mitte baut sich sodann auf 
Pilastern ein Baldachin mit Tempelgiebeln auf. Nach innen sind 
statt der Karyatiden nur ionische Säulenreihen in eleganter Canne- 
lirung dem Bau vorgesetzt. Der obere Baldachin stützt sich hier 
auf zwei wachthaltende Krieger. Das Ganze trägt durchaus das 
Gepräge französisch -niederländischer Kunst. 

Etwas weniger ausgiebig ist Oldenburg; doch bieten die 
älteren Theile des Schlosses, am nordöstlichen Sockel mit 1607 
bezeichnet, einen wenn auch nicht bedeutenden Rest dieser Zeit, 
welcher sich indess immerhin charaktervoll von den späteren 
kasernenartigen Zusätzen unterscheidet. Es sind zwei Stockwerke, 
denen in der Mitte ein drittes Geschoss aufgesetzt ist. Die breiten 
dreitheiligen Fenster, mit gebrochenen Giebeln geschlossen, haben 
eine Einfassung von Hermen und barockgeschweiften Rahmen. 



') Ausserdem eine Messingplatte des Priesters Hermann Wessel aus 
Rostock (f 1500) ein edles spätgothisches Werk, mit feinen gravirten Dar- 
stellungen, in der Mitte die grosse Gestalt Christi, rings von kleinen 
Heiligenfiguren umgeben. 



Kap. XIV. Die norddeutschen Küstengebiete. 771 

Die Ecken des Gebäudes zeigen reich ornamentirte Quader, den 
oberen Abschluss bildet eine Balustrade, darüber ein wohl später 
umgestaltetes Mansardendach, endlich ein Thurm mit kuppel- 
artiger Spitze. Das Ganze nicht rein und nicht ausgezeichnet, 
aber doch wirksam (bis auf die späte nüchterne grosse Pilaster- 
stellung in der Mitte). Alle diese Bauten haben doch, etwas 
individuell Lebensvolles, daher der frische anziehende Eindruck. 
Der Bau wurde 1 ) durch Graf Anton Günther, der 1603 im Alter 
von 23 Jahren zur Regierung kam, neu aufgeführt, als er 1606 
von einer Reise nach dem kaiserlichen Hof zu Prag und von dort 
durch Oesterreich und Oberitalien zurückkehrte und das alte 
Schloss zu schlecht fand. Architekten waren ein Italiener Andrea 
Speza de BoniOy der aber während des Baues davonlief, und ein 
herzoglich meklenburgischer Baumeister Georg Bernhardt. Vollen- 
det wurde der Bau 1616 und erhielt wegen der „vielen bequemen 
mit künstlichen Gemälden verzierten Gemächer" den Beifall der 
Zeitgenossen. Im Archiv zu Oldenburg befindet sich eine Er- 
klärung der „sinnreichen Embleme und allegorischen Figuren im 
grossen Saale. " Von den Tugenden heisst es z. B. : „ die Jungfer 
auf der rechten Seite giesst aus einer Giesskanne in ein Becken : 
also soll auch ein Fürst, dem Gott der Herr die Mittel gegeben, 
Geld und Gut nicht schonen, sondern freiwillig dahingehen .... 
Die geharnischte Jungfer mit dem blossen Schwerdt und einer 
brennenden Laterne, hinter sich eine Gans und auf dem Kopfe 
einen Kranich, zeigt an, wenn gleich Hannibal ante portas und 
itzt auf dem Kapitolio in Ihro hochgräfl. Gnaden Saal Mahlzeit 
halten wollte, so sollen doch I. Gn. stets munter und in Bereit- 
schaft gefunden werden." Von diesem Saale ist keine Spur 
mehr vorhanden, und selbst in den Grundrissen bei Thura 2 ) lässt 
er sich nicht mehr nachweisen. 

Derselben Zeit gehört des Rathhaus an, welches die Jahr- 
zahl 1635 trägt. Es ist ein bescheidener Bau, der jedoch in den 
drei hohen Barockgiebeln der Fagade und den Seitengiebeln 
sowie dem etwas kleinlich behandelten Portal, das mit Figuren 
und einem vergoldeten und bemalten Wappen verziert ist, sich 
anziehend wirksam darstellt. Prächtig sind die phantastischen 
Wasserspeier mit ihren Drachenleibern. 

Den Beschluss möge eins der merkwürdigsten Denkmale 
bilden, welche die deutsche Renaissance hervorgebracht hat, das 



*) Das Geschichtl. in Winckelmann's Oldenb. Chronik. — 2 ) Danske 
Vitruvius II, Taf. 158—160. 

49" 



772 HI- Buch. Renaissance in Deutschland. 

Grabmal des 1511 gestorbenen Edo Wiemken, von seiner Tochter 
Maria 1561 bis 1564 in der Kirche zu Jever errichtet. (Fig. 210). 
Es war der letzte Häuptling der drei friesischen Landschaften, 
welche den ersten gleichnamigen Herrn dieses Geschlechts um 
die Mitte des 14. Jahrhunderts frei zu ihrem Herrscher gewählt 
hatten. Das Denkmal, lange Zeit verwahrlost, sodann 1825 mit 
Sorgfalt durch 0. Lasius wieder hergestellt, 1 ) besteht in seinem 
Kern aus einem mit feinen Arabesken geschmückten marmor- 
nen Sarkophag, auf welchem der Verstorbene in voller Rüstung 
mit gefalteten Händen liegend dargestellt ist. Zu Häupten und 
zu Füssen stehen weibliche Figuren mit Schildern, deren eines 
das Jever'sche Wappen, das andere die Inschrift trägt. Das 
Ganze erhebt sich auf einem sarkophagartigen hohen Unterbau 
von Marmor, dessen schwarzmarmorne Deckplatte von sechs 
Statuen christlicher Tugenden gestützt wird, vier davon neuer- 
dings ergänzt. Sechs weinende Kindergestalten mit umgekehrten 
Fackeln sind zwischen ihnen etwas weiter rückwärts aufgestellt. 
Den untern Sarkophag schmückt ein Alabasterfries mit Dar- 
stellungen aus dem Leben Christi, weiter unterhalb ein zweiter 
Fries mit Scenen aus dem alten Testamente. Endlich sind auf 
den unteren Marmorstufen sechs liegende kleine Löwen ange- 
bracht. Dies prachtvolle Denkmal wird nun von einem in Eichen- 
holz luftig aufgeführten achteckigen Kuppelbau eingeschlossen, 
der im Chore der Kirche eine selbständige Grabkapelle bildet. 
Das untere Geschoss umgeben acht tiefe Bögen in Form von 
cassettirten Tonnengewölben, welche aussen auf kurzen gegürteten 
korinthischen Säulen, innen auf Pfeilern mit angelehnten Atlanten 
ruhen. Durchbrochene Balustraden, die äusseren von zierlichen 
Docken, die innern von Karyatiden gebildet, schliessen den Raum 
ab. Durch die weiten Bögen ist der Blick auf das Denkmal von 
allen Seiten frei gegeben. Ueber den inneren Pfeilern steigen 
acht weitere Stützen als oberes Geschoss auf, das wieder mit 
acht weiten Bögen sich öffnet und als Decke ein prachtvolles 
Sterngewölbe hat, mit Laubwerk in Schnitzarbeit geschmückt. 
Wie ein luftiger Baldachin, an den Ecken von Atlanten und 
Karyatiden eingefasst und mit reichem Consolengesims abge- 
schlossen, krönt es den ganzen Bau. An den vier Hauptseiten 
trägt es barocke Giebelaufsätze, am vorderen das Bild des Ge- 



*) Die Zeichnung rührt von einer Aufnahme des Hern Sonnekes in 
Jever, mir durch Güte des Herrn Oberbaudirektor Lasius in Oldenburg 
sammt ausführlicher Beschreibung mitgetheilt. 



Kap. XIV. Die norddeutschen Küstengebiete. 



773 



kreuzigten, darüber Gottvater und die Taube des h. Geistes, an 
den drei andern Moses, Petrus und Paulus. Ist dies Alles aus 
christlicher Anschauung geschöpft, so sind dagegen die Eck- 




Fig. 210. Jever. Grabmal. 



figuren am Baldachin als Mercurius, Venus, Jupiter, Minerva, 
Saturnus, Fortitudo', Mars und Luna bezeichnet. Nicht minder 
wunderlich werden die Eckfiguren des untern Geschosses — 



774 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

ebenfalls abwechselnd männliche und weibliche — als Rhetorika, 
David, Dialektika, Salomon, Musika, Josias (?), Memoria und 
Saul bezeichnet. Sämmtliche Figuren und Säulen sind in weisser 
Farbe gehalten. Die Architrave über diesen Figuren zeigen Friese 
mit Reliefs von höchst merkwürdigem Inhalt. Sie beginnen wie 
an dem Grabmal zu Emden mit der Darstellung des Leichen- 
zuges, wobei unter dem Sarge der treue Hund als Leidtragender 
mit geht; dann kommen phantastische Züge von Kriegern, Faunen 
und Satyrn, Kämpfe von Rittern, endlich allerlei Phantastisches, 
Ungeheuer, Fratzen und dergleichen. Ausserdem sind sämmtliche 
Deckenfelder der Wölbungen in ihren Cassetten mit Schnitz- 
werken geschmückt, die einen unerschöpflichen Reichthum von 
Erfindung zeigen. Das ganze Werk, wohl sicher von Nieder- 
ländern ausgeführt, ist eins der prachtvollsten und originellsten 
seiner Zeit. 

Von ähnlichem Reichthum ist die geschnitzte Holzdecke, welche 
den Saal des Schlosses zu Jever schmückt: ein weiterer Be- 
weis, dass auch an diesen fernen Gestaden die Prachtliebe jener 
Zeit nach künstlerischem Ausdruck verlangte. 



XV. Kapitel. 
Obersachsen. 



In den obersächsischen Landen tritt uns die Renaissance 
frühzeitig mit bedeutenden Schöpfungen entgegen. Und zwar ist 
es hier fast ausschliesslich das Fürstenthum, welches dieselbe 
fördert und einführt, während, was die grösserem Städte wie 
Leipzig, Dresden, Altenburg, Halle, Erfurt an bürgerlichen Bauten 
aufzuweisen haben, daneben von geringerem Belang ist. Das 
sächsische Kurhaus, an der Spitze der reformatorischen Bewegung, 
war auch für die Entfaltung des gesammten Kulturlebens, nament- 
lich der Bau- und Bildkunst von eingreifender Bedeutung. Was 
die Höfe von Stuttgart und Heidelberg für Süddeutschland waren, 
das wurde in noch höherem Maasse der sächsische Hof für Nord- 
deutschland. Zwar waren bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts 
die Kurfürsten in erster Linie durch die reformatorische Thätig- 
keit in Anspruch genommen, aber ein reger Eifer für Erneuerung 



Kap. XV. Obersachsen. 775 

des religiösen Lebens und Pflege der Wissenschaft ging bei die- 
sem Fürstenhause mit einem höheren Kunstsinn Hand in Hand. 
Wie die sächsischen Fürsten seit Friedrich dem Weisen die nam- 
haftesten Meister Deutschlands mit Aufträgen betrauten, wie ein 
Dürer, Cranach, Peter und Hermann Vischer u. a. für sie be- 
schäftigt waren, ist bekannt. Die Denkmäler der Schlosskirche 
in Wittenberg, Dürers Marter der Zehntausend, zahlreiche Gemälde 
Cranachs geben davon Zeugniss. Weniger hat man bisher ihre 
Bauten ins Auge gefasst. . Ich kann hier nur das Wichtigste 
berühren. Ein so gewaltiges Fürstenschloss wie die Albrechts- 
burg in Meissen, von dem Stifter der Albertinischen Linie 1471 
bis 1483 durch den westfälischen Meister Arnold Bestürling noch 
ganz in gothischen Formen, aber in mächtigster Raumentwicklung 
erbaut, hat das Mittelalter in Deutschland nirgends, nur etwa 
mit Ausnahme der Marienburg, hervorgebracht. In der Zeit der 
Frührenaissance stellt Johann Friedrich der Grossmüthige das 
Schloss zu Torgau seit 1532 als ein ebenbürtiges Werk von nicht 
minder grossartiger Anlage hin. Kurfürst Moritz bewirkt dann 
seit 1547 den ehemals prachtvollen Neubau des Schlosses zu 
Dresden, nachdem schon Georg der Bärtige 1530 das elegante 
Zierstück des Georgenbaues errichtet hatte. Aber schon vorher 
war die Renaissance hier eingeführt worden, und zwar durch 
einen Augsburger Meister Adolph Dowher, welcher 1519 den Haupt- 
altar der Stadtkirche zu Annaberg aus Solenhofer Kalkstein 
auf einem Grunde von rot,hem Marmor arbeitete. *) Aus derselben 
Frühzeit (1522) datirt ebendort die Thür der Sakristei, wahr- 
scheinlich das Werk eines einheimischen Meisters, in einem Ge- 
misch von gothischen und Renaissanceformen ausgeführt. 2 ) Den 
neuen Stil soll auch ein Portal an der Burg Stolpen vom Jahre 
1520 zeigen. 3 ) — Die höchste Steigerung gewinnt aber auch hier 
das künstlerische Leben, nachdem die Kämpfe um Religionsfreiheit 
zum Abschluss gebracht sind und der kraftvolle, kluge, bei allem 
lutherischen Starrsinn kunstliebende und kulturfördernde Kurfürst 
August in langer friedlicher Regierung (1553 bis 1*586) über dem 
Lande waltet. Unter ihm wird das Schloss zu Dresden vollendet 
und prachtvoll ausgestattet. 

Die sächsischen Baumeister wendeten seit 1530 den Renais- 
sancestil an und erlangten bald weithin in Norddeutschland 



') Vergl. Waagen, Kunstw. und Künstl. in Deutschland I, 38 ff. — 
2 ) Ebenda, S. 36 fg. — 3 ) Dr. Julius Schmidt im Archiv für Sachs. Gesch. 
XI, S. 167. 



776 in. Buch. Renaissance in Deutschland. 

solchen Ruf, dass sie von Fürsten und Städten in schwierigen 
Fällen um Rath gefragt wurden. So in Görlitz beim Bau des 
Rathhauses, wo man im Jahr 1519 den herzoglich sächsischen 
Baumeister von Dresden zur Entscheidung über eine angebliche 
Fahrlässigkeit des ausführenden Meisters berief (vgl. oben S. 696). 
Von Berlin wurden ebenfalls sächsische Meister wiederholt be- 
rufen, und die Arbeiten des Caspar Theiss am Schlosse dort 
legen die Vermuthung nah, dass derselbe an den Bauten in 
Dresden und Torgau seine Ausbildung erhalten. Wenigstens sind 
die runden, an den Ecken ausgekragten Erker, die offenen Gale- 
rieen, selbst die Ornamente in ihrer Zeichnung und Ausführung 
offenbar auf die sächsischen Vorbilder zurückzuführen. Später 
(1585) schickt Kurfürst August seinen Maurermeister Peter Kummer 
behufs des Schlossbaues dorthin (oben S. 708); 1604 werden 
Maurer aus Meissen verschrieben, und um dieselbe Zeit baut 
Balthasar Benzelt aus Dresden das Haus der Herzogin im Schlosse 
(vgl. S. 709). Ebenso haben wir erfahren, (S. 730), dass Johann 
Albrecht I von Meklenburg 1554 vergeblich vom Kurfürsten August 
seinen Baumeister Caspar Voigt erbat, der damals mit dem Festungs- 
bau von Dresden und den Fundamenten zur Pleissenburg be- 
schäftigt war. 

Italienische Künstler wurden schon früher, unter Kurfürst 
Moritz, ins Land gerufen; aber es ist doch bezeichnend, dass 
ein deutscher Meister Hans Dehn der Rothfelser die Oberleitung 
des Schlossbaues zu Dresden in Händen hat, während unter ihm 
welsche Estrichschläger, Steinmetzen, Maurer und Maler thätig 
sind. In der späteren Zeit zog nun Kurfürst August fremde 
Künstler in's Land, darunter namentlich Giov. Maria Nassem aus 
Lugano (geb. 1544), der 1575 als kurfürstlicher Bildhauer und 
Maler angestellt wird und bis zu seinem Tode 1620 grosse Ar- 
beiten ausführt. 1 ) Schon vorher (1563) hatte der Kurfürst nach 
Rissen der „welschen Musici und Maler" Gabriel und Benedict de 
Tola aus Brescia, welche bei Ausschmückung des Schlosses in 
Dresden beschäftigt waren, das prachtvolle Monument seines 
Bruders Moritz für den Dom in Freiberg ausführen lassen. Ein 
niederländischer Meister Anton von Seroen hatte es in Antwerpen 
gearbeitet. Die zehn Greifen, welche die obere Platte mit der 
Statue des knieenden Fürsten tragen, mussten in Lübeck ge- 
gossen werden, da die marmornen Greifen nicht genügend waren 
die Last zu tragen. Wolf Hilger in Freiberg goss das Krucifix, 



x ) Vergl. über Dies und das Folgende den werthvollen Aufsatz von 
Dr. Julius Schmidt im Archiv für Sachs. Gesch. XL Heft 1 u. 2. 



Kap. XV. Obersachsen. 777 

vor welchem der Betende kniet. Eine „feine, kurze, tapfere 
Grabschrift" zu bekommen, hielt besonders schwer, da Melanch- 
thon, von dem der Kurfürst eine solche wünschte, darüber ge- 
storben war. Nun beschloss der Kurfürst, den Chor des Domes 
zu einer Grabkapelle der Fürsten seines Hauses glänzend umzu- 
gestalten. Nosseni entwirft 1585 den ersten Plan zu diesem 
grossartigen Werke, das die Formen der italienischen Hoch- 
renaissance hier zum ersten Mal zur Geltung bringt. Um das 
Material für die Bauten herbeizuschaffen, muss der Künstler 
überall im Lande nach Steinbrüchen von Marmor, Alabaster, Gyps 
und Kalk suchen; schon früher hatte der Kurfürst, stets eifrig 
bemüht neue Erwerbsquellen seinem Lande zu erschliessen, unter 
Zusicherung einer besonderen „Ergötzlichkeit", zum Auffinden sol- 
cher Steinlager seine Baumeister angefeuert, Zur Ausschmückung 
seiner Schlösser berief er den Maler und Bildschnitzer Hans Schröer 
aus Lüttich (dem Namen nach eher ein Niederdeutscher als ein 
Niederländer), den er beim Landgrafen Wilhelm von Hessen in 
Cassel kennen gelernt hatte. Dieser malte u. A. für das Schloss 
Freudenstein bei Freiberg achtzehn Bilder aus der Geschichte 
des Amadis von Gallien. Auch im Schloss zu Dresden war er 
1575 beschäftigt. Er wird als ein Künstler bezeichnet, der im 
Malen, Giessen und „in der weissen Arbeit, so man Stuck nennt" 
erfahren sei. Den im Festungsbau gepriesenen Grafen Rochus 
Lynar, einen Italiener, der später in Brandenburgische Dienste 
trat (siehe oben S. 708) berief August schon 1570, um durch ihn 
Dresden befestigen und die Schlösser Annaberg, den Freuden- 
stein bei Freiberg und die Augustusburg oben im Erzgebirge 
erbauen zu lassen. Die Kunstkammer in Dresden war damals 
schon wegen ihres Keichthums an Meisterwerken aller Art die 
Bewunderung der Zeitgenossen. 

Der baulustige Christian I. (1586 bis 1591) setzt die von 
seinem Vater angefangenen Unternehmungen nicht minder eifrig 
fort. Nosseni reist 1588 nach Italien, gewinnt dort, durch Ver- 
mittlung des Giovanni da Bologna, für die Bronzewerke des Frei- 
berger Grabdenkmals den florentiner Erzgiesser Carlo de Cesare 
und beruft noch andere welsche Künstler, versäumt auch nicht 
in Murano 600 venezianische Krystallgläser für den Kurfürsten 
zu kaufen. Während in Freiberg an der Grabkapelle fortgebaut 
wird, beginnt man in Dresden auf der grossen Jungfernbastei 
an der Elbe ein Lusthaus zu errichten, wie es damals an allen 
Höfen als Schauplatz für die prunkvollen Feste beliebt war. Der 
Bau, an der herrlichen Stelle des jetzigen Belvedere gelegen, wo 
die Aussicht über den Strom und die mit Wein bekränzten und 



778 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

mit Villen übersäeten Hügelzüge sich in voller Lieblichkeit öffnet, 
wurde nach langer Unterbrechung erst 1617 von Nosseni wieder 
aufgenommen und durch seinen Nachfolger Sebastian Walther 
vollendet. Mit seinen vier ionischen Marmorportalen und den in 
Alabaster, Marmor und Serpentin getäfelten Wänden, den zahl- 
reichen Büsten, den von vergoldeten Blumengewinden eingerahm- 
ten Freskogemälden der Decke war er ein Wunderwerk der Zeit. 
Der Blitz, der 1747 in das unbegreiflicher Weise unter ihm an- 
gebrachte Feuerwerklaboratorium schlug, zerstörte den reichen 
Bau. Die Grabkapelle in Freiberg wird 1593 vollendet und dem 
ehrgeizigen Italiener gestattet, sein Verdienst um diese in einer 
Marmorinschrift zu rühmen. Der Aufwand für den ganzen Bau 
hatte sich auf 51,000 Meissner Gulden belaufen. Neben alledem 
wird Nosseni vielfach nicht bloss vom Kurfürsten, sondern auch 
von den befreundeten Höfen veranlasst, für die glänzenden Fest- 
lichkeiten die Dekorationen zu entwerfen und die künstlerischen 
Ideen anzugeben. So bürgert sich hauptsächlich durch seine 
Wirksamkeit die Renaissance nach allen Seiten ein. 



T o r g a u. 

Die Stadt Torgau, berühmt durch das 1526 hier geschlossene 
Btindniss und die 1530 hier abgefassten Torgauer Artikel, die 
Grundlage der Augsburgischen Confession, war im 14. Jahrhundert 
die Residenz der Markgrafen von Meissen. Seit 1481 erbaute 
Herzog Albrecht das steil über der Elbe aufragende Schloss 
Hartenfels, dessen älteste Theile noch aus dieser Zeit stammen. 
Die Vollendung des ansehnlichen Werkes erfolgte dann unter 
Johann Friedrich dem Grossmüthigen, mit dessen Regierungs- 
antritt (1532) wir inschriftlich dort neue Bauthätigkeit nachweisen 
können. Nächst der Plassenburg ist das Schloss zu Torgau das 
gewaltigste Denkmal der Renaissance in Deutschland. Auf einem 
erhöhten steil abfallenden Hügel an der Elbe erhebt es sich und 
kehrt seinen südöstlichen Hauptbau (H in Fig. 211) mit weit 
vorspringendem thurmartigem Erker F dem Flusse zu. J ) Der Bau, 
jetzt als Kaserne benutzt und dadurch vielen Umgestaltungen und 
modernen Zusätzen anheimgefallen, ist eine unregelmässige An- 
lage, deren Kern noch dem Ausgang des Mittelalters angehört. 
Johann Friedrich der Grossmüthige, der hier 1503 geboren wurde, 



') Der Grundriss ist mir auf gütige Vermittlung des Herrn Ferd. v. Quast 
durch die K. Commandantur der Festung Torgau mitgetheilt worden. 



Kap. XV. Obersachsen. 



779 



hat das Schloss in grossartigem Sinne vollendet und daraus eins 
der reichsten Werke unserer Frührenaissance geschaffen. Der 
Zugang liegt an der Westseite in der rechten Ecke des Fitigels A. 




Fig. 211. Schloss zn Torgau. Grundriss des I. Stocks. 

Nach aussen zeigt der Bau hier kräftig barocke Giebel vom 
Schluss der Renaissancezeit. Derselben Epoche gehört das in 
derber Rustika durchgeführte Hauptportal, über welchem zwei 



780 HL Buch. Renaissance in Deutschland. 

Löwen das prachtvoll ausgeführte kursächsische Wappen halten. 
Auch der Hauptthurm hat seine Bekrönung in derselben Spätzeit 
empfangen. Tritt man ein, so befindet man sich in einem un- 
regelmässigen Hofe, dessen grösste Länge gegen 240 Fuss be- 
trägt. Die ältesten Theile liegen in dem südwestlichen Flügel 
zur Rechten des Eintretenden bei K, während an der anderen 
Seite der übereck gestellte Thurm B, der ungeschickt in die 
späteren Bauten hineingreift, den Abschluss dieser ältesten Theile 
bezeichnet. Der von zwei Treppenthürmen flankirte südliche 
Theil L scheint auch zeitlich die Fortsetzung der früheren An- 
lage zu sein. An ihn stösst in der südöstlichen Ecke der Haupt- 
thurm des Schlosses, an diesen aber legt sich der grosse östliche 
Flügel H mit seinem gewaltigen Treppenhause G, dem pracht- 
vollsten, welches die Renaissance in Deutschland hervorgebracht 
hat. Zwei Freitreppen mit besonderer Verdachung führen zum 
Hauptgeschoss empor und münden dort auf eine freie Altane, 
welche sich über dem viereckigen Unterbau um das halbrunde 
Treppenhaus herumzieht (vergl. Fig. 212). Diese Treppe selbst 
ist in den grössten Dimensionen als Wendelstiege um eine Spindel 
emporgeführt. Das ganze Innere des Flügels scheint im Haupt- 
geschoss nur einen einzigen Saal von circa 200 Fuss Länge bei 
38 Fuss Breite gebildet zu haben. Auf beiden äusseren Ecken 
sind halbrunde Erker mit freiem Blick über den Fluss und die 
weite Flachlandschaft angebracht. In der Mitte springt thurm- 
artig bei F ein grosser Pavillon vor. Im zweiten Stockwerk zieht 
sich auf gewölbter Auskragung (vergl. Fig. 212) eine Galerie 
im Innern des Hofes vor diesem Hauptflügel hin, die Verbindung 
mit den anstossenden Bauten vermittelnd. J ) Am Hauptthurm da- 
gegen ist in beiden Obergeschossen die Verbindung durch eine 
auf Säulen ruhende Galerie bewerkstelligt, die im zweiten Stock 
ihre Fortsetzung am Flügel L bis zum benachbarten Treppen* 
hause in einer offenen Galerie findet. Fast im rechten Winkel 
stösst sodann der nördliche Flügel an, mit dem Hauptbau durch 
eine im Halbkreis geführte kleine Galerie verbunden. Nach Aussen 
wird dieser Flügel durch die beiden grossen Rundthürme E und 
D, nach innen gegen den Hof durch den prachtvollen auf S. 159 
abgebildeten Erker J charakterisirt. Der östliche Theil dieses 
Flügels ist übrigens völlig bdeutungslos, der westliche aber ent- 
hält die Schlosskapelle C, die gegen den Hof durch ein reich 
dekorirtes Portal zugänglich ist. Die früheste Jahreszahl 1532, 



*) Die Abbildung des Hofes nach einer Photographie von Palmie in 
Torgau. 



Kap. XV. Obersachsen. 



781 



die ich am Schlosse bemerkt habe, findet sich an dem östlichen 
Hauptflügel H und zwar südlich am zweiten Fenster des Erd- 
geschosses. Der Schlussstein der grossen Treppe enthält neben 




Fig. 212. Schlosshof zu Torgau. 

den Brustbildern des fürstlichen Erbauers und seiner Gemahlin 
die Jahrzahl 1536. An dem prächtigen Erker des Nordflügels 
liest man 1544, und dieselbe Jahrzahl trägt die Thür der Kapelle. 
Demnach sind diese Theile des Schlosses von circa 1532 bis 1544 



782 HI. Buch. Die Renaissance in Deutschland, 

ausgeführt worden. Zwei Jahre vor der unseligen Schlacht bei 
Mühlberg vollendete der edle Fürst sein Werk durch die schöne 
Einweihungstafel in der Kapelle. 

Der Grossartigkeit des Baues entspricht der Keichthum des 
plastischen Schmucks. Auch darin ist er nur mit der Plassen- 
burg zu vergleichen, die er jedoch durch Feinheit der Ausbildung 
weit übertrifft. Am einfachsten sind die älteren südwestlichen 
Theile. Sie haben gekuppelte Fenster mit spätgothischen Vorhang- 
bögen, die auch in ihrer Gliederung noch mittelalterlich sind. 
An den beiden Hauptflügeln, dem östlichen und nördlichen, haben 
die Fenster zwar dieselbe Form, aber weit grössere Verhältnisse 
und sind in den Bogenzwickeln mit feinen Renaissance -Ornamen- 
ten, Laubwerk, Festons, Delphinen und Putten geschmückt. Von 
grösster Zierlichkeit sind die Säulengalerien am Eckthurm, mit 
Fürstenbildnissen und anderem Ornament überdeckt. Noch grösser 
aber ist die Pracht an dem östlichen Hauptflügel, wo die Frei- 
treppen, die Altane und das thurmartig vorragende mit gebogenem 
Giebel abgeschlossene Treppenhaus an ihren Balustraden, Pi- 
lastern und Gesimsen mit einer Ornamentik von unübertroffenem 
Reichthum prangen, die auch an der langen Galerie des zweiten 
Geschosses durchgeführt ist. Mit dem grossen Reichthum ver- 
bindet sich ein seltener Geschmack in Feinheit der Abstufung, bei 
einer durchweg im Flachrelief ausgeführten Zeichnung, welche 
Vegetatives und Figürliches zu trefflicher Wirkung verbindet. 
Prächtig sind die Wappen behandelt, lebensvoll die Medaillons 
mit fürstlichen Brustbildern. Das Gewölbe der grossen Wendel- 
treppe zeigt verschlungene gothische Netzgewölbe und mündet 
mit dem ersten Podest auf einen elegant dekorirten Bogen und 
sodann auf ein Portal mit Säulen und Ornamenten in demsolben 
Frührenaissancestil. Dies war der Eingang in den grossen Fest- 
saal. An der Treppe ist nicht blos die Spindel, sondern jede 
Stufe an der Unterseite mit Hohlkehlen und Rundstäben in mittel- 
alterlicher Weise kraftvoll gegliedert. Die Spindel endet mit 
einem fein dekorirten Rundpfeiler, und das Treppenhaus schliesst 
mit einem Netzgewölbe, dessen Schlussstein die Brustbilder Jo- 
hann Friedrichs und seiner Gemahlin zeigt. 

Kehren wir zum Aeusseren zurück, so finden wir selbst die 
Unterseite der langen Galerie mit schräg gekreuzten Kassettirungen 
und mannigfaltigen Rosetten geschmückt. Die höchste Pracht und 
Feinheit erreicht die Dekoration an dem Erker des Nordflügels 
(vergl. Fig. 29). Die Säule, auf welcher er ruht, hat am Kapital 
Sirenen von köstlicher Bewegung; ausserdem sieht man Dar- 
stellungen der Judith, der Lukretia, Friese mit Kampfscenen, so 



Kap. XV. Obersachsen. 783 

dass jede Fläche mit Ornament übersponnen ist. Dagegen sind 
an diesem Flügel die ornamentalen Füllungen der Fenster bei 
Weitem nicht so fein und mannigfaltig wie am östlichen Haupt- 
bau. Von besonderer Anmuth ist dagegen das Portal zur Sehloss- 
kapelle, dessen Bogen mit Rankenwerk ausgefüllt, in welchem 
spielende Putten in kühner fast theatralischer Bewegung die 
Marterwerkzeuge halten. Darüber als besondere Tafel, von ge- 
schweiften Säulchen eingefasst, ein Relief der Grablegung und 
Beweinung Christi. Dabei die Inschrift: Im 1544 Jar angefangen 
und vorbracht. 

Im Innern zeigt die Kirche sich als einfaches Rechteck mit 
gothischen Netzgewölben, mit eingefügten schlichten Emporen. 
Der gut aufgebaute Altar hat in einem hübschen Rahmen von 
korinthischen Säulen ein Alabasterrelief aus der Schlosskirche 
zu Dresden, elegant ausgeführt und reich vergoldet. Links neben 
dem Altar ist eine grosse Bronzetafel in die Wand eingelassen, 
welche die Dedikation enthält. Sie berichtet, dass Johann Frie- 
drich 1544 diesen Tempel erbaut habe. Der Rand zeigt pracht- 
volles Ornament auf Goldgrund, das oben in eine Akanthusranke 
ausläuft und ein Medaillon mit dem Brustbild des Kurfürsten um- 
schliesst. Diesem entspricht unten das Porträt Luthers, zu beiden 
Seiten die jungen Prinzen Johann Wilhelm und der später so 
unglückliche Johann Friedrich. Unten und oben sind ausserdem 
zwei Engel als Wappenhalter angebracht; die Brustbilder und 
Figuren sämmtlich bemalt, die Ornamente auf Goldgrund, das 
Ganze von hohem dekorativem Werth, inschriftlich 1545 durch 
Wolf und Oswald Hilger *) zu Freiberg gegossen. 

Das Aeussere des Schlosses ist schlicht durchgeführt, nur von 
den beiden runden Erkern des Saalbaues hat der nordöstliche 
edle Gliederung und reichen Schmuck von Brustbildern, figür- 
lichen Friesen und anderem Ornament in delikatester Behandlung. 
Von der inneren Ausstattung scheint, da das Schloss seit langer 
Zeit als Kaserne dient, Nichts mehr vorhanden.^ Dass es aufs 
Reichste geschmückt war und namentlich durch die Hand Ladcas 
Cranachs und seiner Gehilfen prächtige malerische Ausstattung 
erhalten hatte, erfahren wir aus den noch vorhandenen Rech- 
nungen. 2 ) Im Saal waren Bildnisse von Fürsten und Kaisern, 
dann Christi Himmelfahrt und des Papstes Höllenfahrt gemalt. 



') Von Wolf Hilger in der Petrikirche zu Wolgast das Denkmal 
Herzog Philipps I von Pommern; vergl. meine Gesch. der Plast. S. 748. — 
2 ) Aus dem Gesammtarchiv zu Weimar mitgetheilt in Schuchardt's Leben 
Lucas Cranachs I, 93 ff., III, 265 ff. 



784 



III. Buch. Die Renaissance in Deutschland. 



Wie der Untergang der Bilder bei der Verwüstung des Schlosses 
durch die Spanier selbst von katholischen Zeitgenossen betrauert 
wurde, haben wir aus der Zimmerischen Chronik (oben S. 36) 
erfahren. Andrer Art war freilich die Ausschmückung der „ Spiegel- 
stube", wo man „zwo Tafeln, daruff Bulschaften gemalt" sah. 
Später (seit 1576) arbeitete Gio. Batt. Nosseni 1 ) für das Schloss 
Kredenztische mit allerlei Prachtgefässen aus Alabaster, geschnitzte 
Sessel mit geschliffenen Steinen besetzt, Büsten römischer Kaiser 
u. dergl mehr. Von alledem ist Nichts mehr vorhanden; dagegen 




geben am Treppenhaus einige prächtig behandelte Eisengitter 
Zeugniss von gediegener Schmiedekunst. 



! ) Vergl. Dr. Julius Schmidt im Archiv für Sachs. Gesch. XI. S. 128. 



Kap. XV. Obersachsen. 785 

der grössten Pracht der Ornamentik, oben im Bogenfelde Adam 
und Eva unter dem Baume sitzend (Fig. 213). Daneben ein ehe- 
maliges Fenster, in derselben Weise behandelt, nur statt der 
Säulen mit reich dekorirten Pilastern eingefasst, darüber in einem 
Giebelfelde Kains Brudermord; 1537 bezeichnet. 1 ) In derselben 
Strasse No. 469 ein kleines Portal mit hübschem Doppelwappen. 
Aehnliche elegant dekorirte Portale sieht man noch an mehreren 
Stellen in der Ritterstrasse, der Schlossstrasse, der Fischerstrasse, 
hier z. B. von 1571, ja sogar eins von 1624. Das Portal bildet 
gewöhnlich einen kleinen Bogen, mit Zahnschnitten, Eierstab und 
Perlschnur wirksam gegliedert, an den Seiten mit Nischen, welche 
Sitzbänke haben und mit feiner Muschelwölbung geschlossen sind. 
Auch einige kleine spätgothische Portale kommen vor; wie sehr 
sind ihnen aber die Renaissanceportale an Reiz überlegen! 

Endlich hat Torgau auch ein Rathhaus von stattlicher An- 
lage mit drei hohen Giebeln, neuerdings freilich stark modernisirt. 
An der südwestlichen Ecke baut sich ein runder Erker aus, nach 
dem Vorbilde der beiden am Saalbau des Schlosses angelegt 
und auf's Reichste plastisch geschmückt. Er ruht auf zwei 
Pilastern, über welchen consolenartig bärtige Männergestalten an- 
gebracht sind. Elegant dekorirte Pilaster und Friese gliedern die 
Flächen, und an den Fensterbrüstungen sieht man ganz oben 
Kaiserbilder, dann Figuren von Tugenden, endlich die Brustbilder 
eines Fürsten mit seiner Gemahlin, vielleicht Johann Friedrichs 
des Mittleren, denn das Werk scheint um 1560 entstanden. 



Dresden. 

Dresden ist recht eigentlich in Norddeutschland als die Stadt 
der Renaissance zu bezeichnen. Die Denkmäler des Mittelalters 
können weder an Zahl noch an Werth sich mrt den späteren 
Schöpfungen messen. Noch im Ausgang des Mittelalters steht 
Meissen bedeutend voran, durch seinen Dom und die gewaltige 
Albrechtsburg ausgezeichnet. Erst mit dem 16. Jahrhundert erhält 
Dresden als Hauptresidenz des kurfürstlichen Hofes höhere Be- 
deutung und bleibt dann Jahrhunderte lang der Sitz einer glän- 
zenden Kunstthätigkeit. Das Hauptwerk der Frührenaissance ist 
das Königliche Schloss. 



*) Die Abbild, nach einer Photographie von Palmie. 

Kugler, Gesch. d. Baukunst V. 50 



786 HI. Buch. Die Renaissance in Deutschland. 

Schon im Mittelalter hatte weiter südlich von dem jetzigen 




Schloss eine Burg der Markgrafen von Meissen bestanden, die in- 
dess baufällig geworden war, so dass 1494 der an derselben er- 



Kap. XV. Obersachsen. 787 

richtete Thurm vom Sturmwinde niedergeworfen werden konnte. 1 ) 
Inzwischen war bereits der Grund zu einem neuen Bau gelegt 
worden, weiter abwärts an der nordwestlichen Ecke der Altstadt 
gegen den Strom zu. Die nordwestlichen Theile des vorhandenen 
Schlosses enthalten die Reste jener Anlage. An sie fügte seit 1530 
Herzog Georg der Bärtige den aus der Gesammtmasse nach Norden 
gegen die Elbe vorspringenden Georgenflügel. Zwanzig Jahre später 
vollzog Kurfürst Moritz den durchgreifenden Umbau, welcher dem 
Schlosse seine neue Gestalt geben sollte. 

Der Kern der Anlage 2 ) gruppirt sich um einen grossen Hof 
(B in Fig. 214.) Man gelangt dahin durch den Eingang A, welcher 
in der nördlichen Hauptfacade unter dem grossen alten Thurme 
sich befindet. Diese Facade, gegen den Fluss gewendet, machte 
ursprünglich einen anderen Eindruck, als sie noch ganz mit Fresken 
dekorirt war und noch nicht durch die später vorgebaute katho- 
lische Kirche verdeckt wurde. In diesem Nordflügel bei E lag die 
ehemalige Schlosskapelle, deren prachtvolles Portal später an die 
Sophienkirche versetzt und erst ganz kürzlich abgetragen wurde, 
um in einem Schuppen der sicheren Zerstörung anheimzufallen. 
Der westliche Flügel, an welchem in der Nordwestecke ein kräf- 
tiger Erker vorspringt, umschliesst die Schätze des sogenannten 
Grünen Gewölbes. Das ganze Erdgeschoss ist mit Kreuzgewölben 
auf Pfeilern versehen. Der grosse Schlosshof, ehemals mit Fresken 
ganz ausgemalt, enthält jetzt nur in den vier Treppenthürmen und 
der mittleren Loggia Reste der alten Pracht. Die Anordnung ist 
die, dass bei F und G in den vorderen Ecken die beiden Haupt- 
treppen liegen, polygon vorgebaut mit kraftvollen ionischen Pi- 
lastern gegliedert, die Portale mit Hermen und Karyatiden ein- 
gerahmt, die Flächen mit eleganten Ornamenten bedeckt (vgl. Fig. 
215). Ueber dem sehr gedrückten Erdgeschoss hat die Treppe 
einen Austritt auf eine von eleganten Eisengittern umschlossene 
Altane. Darüber steigt das Treppenhaus mit schlanken frei korin- 
thisirenden Pilastern weiter empor, und schliesst dann in der Höhe 
des Hauptgesimses mit einer zweiten Altane, über welcher der 
obere Aufsatz sich als Rundbau mit Kuppeldach erhebt. Die 
Dekoration der unteren Theile ist nicht blos von grösster Pracht, 
sondern auch in der Zeichnung und Ausführung der Arabesken, 
Ranken, Putten und anderer Figuren voll Freiheit und Leben, die 
Kapitale mit Füllhörnern und eleganten Sphinxgestalten, der obere 



l ) Vgl. Weeck Beschreib- und Vorstellung von Dresden (1680). S. 24. — 
2 ) Die Mittheilung des Grundrisses verdanke ich der Güte des Herrn Hof- 
bauraths Krüger. 

50* 



788 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Fries endlich mit Reiterkämpfen voll Geist und Schönheit. Am 
nordöstlichen Treppenhause liest man 1549, am nordwestlichen 
1550. Es sind also Theile des von Kurfürst Moritz ausgeführten 
Baues, als deren Architekten wir Hans Dehn den Roihfelser kennen 
gelernt haben. Die beiden andern Treppen bei H und J sind minder 
stattlich angelegt und minder reich geschmückt, haben aber eben- 
falls an den Ecken Pilaster mit eleganter Dekoration aus derselben 
Zeit. Dass die Ausführung aller dieser Werke von welschen Stein- 
metzen herrührt, haben wir bereits erfahren. Endlich gehört dahin 
die Bogenhalle, welche sich an der Mitte des nördlichen Flügels 
über dem Eingange erhebt, im Hauptgeschoss ehemals gleichfalls 
geöffnet, die Bogen unten auf dorischen Säulen ruhend, in den 
oberen Geschossen auf ionischen und korinthischen, während im 
dritten Stock feine korinthische Säulen das Dachgesims aufnehmen. 
In den oberen Hallen sieht man noch jetzt Reste farbiger Wand- 
gemälde. An der Balustrade des ersten Stockes ist die Geschichte 
Josua's in wirksamen Reliefs dargestellt, in den Bogenzwickeln 
Medaillonköpfe. 

Ein späteres Portal bei C führt zu einem Durchgang, der links 
auf eine ebenfalls spätere Treppe D, gradeaus aber auf den klei- 
neren zweiten Hof K mündet. Von hier gelangt man durch die 
grosse Einfahrt L auf die Schlossstrasse, welche den östlichen 
Flügel des Baues begränzt. Alle diese Theile sowie die weiter 
südwestlich hinzugefügten Bauten sind späteren Ursprungs und 
scheinen unter Christian I entstanden. Die ältere Markgrafenburg 
war, wie aus einem alten 1622 angefertigten Modell hervorgeht, 
ein weit kleinerer Bau, der den grossen Thurm A auf der nord- 
westlichen Ecke hatte. Von hier zog sich ein Flügel südwärts 
in der Richtung von B nach dem Flügel C hin, so dass das da- 
malige Schloss ungefähr die Hälfte des jetzigen grossen Hofes ein- 
nahm. 1 ) Kurfürst Moritz verfuhr, als er 1547 zur Regierung kam, 
mit diesem Bau grade so, wie Franz I um dieselbe Zeit es mit 
dem Louvre machte: er Hess den westlichen Flügel abbrechen, 
führte den nördlichen und den südlichen in westlicher Richtung 
weiter fort und schloss dieselben dort rechtwinklig durch den heu- 
tigen Westflügel. In die Schlossstrasse sprang aber am östlichen 
Flügel in der Gegend des Treppenhauses D ein alter runder Thurm 
vor, dessen Spuren man jetzt noch auf dem Trottoir daselbst er- 
kennt. Er bildete damals die südöstliche Ecke des Schlosses und 
findet sich noch auf dem Modell von 1622, welches den zweiten 
kleineren Hof noch nicht enthält. Dagegen gehört zu den älteren 



') Abbild, desselben bei Weeck Taf. S. 




Fig. 215. Dresden, Schlosshof. 



Kap. XV. Obersachsen. 791 

Theilen des Schlosses der an der nordöstlichen Ecke gegen den 
Fluss hinausgeschobene Flügel, durch welchen noch jetzt der ganze 
Verkehr aus der Schlossstrasse nach der Eibbrücke seinen Weg 
nimmt. Er hat in der Mitte eine mit Kreuzgewölben versehene 
Durchfahrt, an beiden Seiten Passagen für Fussgänger, an der 
inneren Stadtseite bei N im Erdgeschoss eine gewölbte Vorhalle 
auf Pfeilern, die aber ein späterer Zusatz ist, da sie die reichen 
Portale bis auf das zur linken und einen Theil des mittleren 
verdeckt hat. An dem ersteren liest man zweimal die Jahrzahl 
1530, dabei die lebendig ausgeführten Medaillonportraits der Her- 
zöge Georg des Bärtigen und seines Sohnes Johann. Die Orna- 
mente sind hier noch sehr spielend und etwas flach gezeichnet, 
aber reich und zierlich, die Profile der Glieder in mittelalterlicher 
Weise aus Kehlen und Rundstäben zusammengesetzt. Die ganze 
Fagade, ehemals von der grössten Pracht, 1 ) war mit figürlichen 
Friesen, Pilastern und Gesimsen glänzend dekorirt und mit einem 
hohen Giebel abgeschlossen, auf dessen Stufen Drachen und Vo- 
luten angebracht waren, während dieEcklisenen von Statuen bekrönt 
wurden. In der Mitte der Fagade rankte sich ein doppelter ver- 
schlungener Baumzweig empor, in den beiden Hauptgeschossen 
die mittleren Fenster umrahmend, am Giebel dann sich vereinigend 
und bis zum obersten Schlussfelde aufsteigend, wo Maria mit dem 
Kinde auf ihm thronte, von Engeln umringt. Diese sowie sämmt- 
liche übrige Bildwerke der Facade sammt zahlreichen Sprüchen 
entwickelten den Gedanken der Erlösung, bewegten sich also, den 
klassischen Gewohnheiten der Zeit entgegen, in ausschliesslich 
christlichem Ideenkreise. Bemalung und Vergoldung steigerte noch 
die Pracht des Ganzen. 

An der Aussenseite bei M ist das Mittelportal in derselben 
spielenden Frührenaissance dekorirt, mit kandelaberartigen Säulen 
eingefasst, die in ihren rundlichen Formen fast wie von Bronze 
erscheinen. Alle Flächen, die Sockel, Pilaster, sind mit spielenden 
Ornamenten völlig bedeckt. Am Schlussstein ist^-ein Todtenkopf 
ausgemeisselt, über welchem die halb zerstörte Inschrift: Per invi- 
diam diaboli mors intravit in orbem. Darüber sechs Wappen mit 
der Jahrzahl 1534. Dies wird also die Vollendungsepoche sein. 
Ehemals zog sich in der Höhe des zweiten Stockes das grosse 
Relief eines Todtentanzes an der Facade hin, welches später durch 
den vorgebauten Balcon verdrängt, in die Mauer des Neustädter 
Kirchhofs eingesetzt wurde. Es ist eine treffliche Arbeit voll Aus- 
druck und Leben, etwa 3 F. hoch und gegen 40 F. lang. 



') Abbild, bei Weeck, Taf. 9. 



792 HI. Buch. Die Renaissance in Deutschland. 

Die Abbildung bei Weeck belehrt uns aber, dass dies nicht 
der einzige Schmuck der Fagade war. Sie hatte über dem Portal 
einen Aufsatz mit der Reliefdarstellung von Kains Brudermord, 
zu beiden Seiten mit den Statuen von Adam und Eva bekrönt. 
Dies im Zusammenhange mit dem Todtentanz veranschaulicht also 
den Gedanken, dass durch den Sündenfall der Tod in die Welt 
gekommen sei, während die andere Facade mit Beziehung darauf 
die Versöhnung durch Christi Menschwerdung und Leiden aussprach. 
Wer erkennt nicht in der Wahl dieser Gegenstände die Geistes- 
art des edlen aber unglücklichen Erbauers, der, obwohl von dem 
Bedürfniss einer inneren Reform der Kirche tief durchdrungen, 
doch, durch die stürmischen Bewegungen der Zeit erschreckt, sich 
der Reformation abwendet, und im Zwiespalt mit seinem luthe- 
risch gesinnten Volke 1539 starb! Aus dem Portal wuchs ein 
stattlicher Baum mit der Schlange des Paradieses empor, und 
über ihm trat ein mit fürstlichen Brustbildern und Wappen ge- 
schmückter Erker in beiden oberen Geschossen heraus. Dieser 
leider so schmählich verstümmelte und verdorbene Georgsbau geht 
also dem von Moritz ausgeführten Hofbau um fast zwanzig Jahre 
voran, und da er selbst noch früher als der Schlossbau zu Torgau 
ist, so haben wir ihn als das früheste bedeutendere Denkmal der 
Renaissance in ganz Norddeutschland zu bezeichnen. 

Das Portal der ehemaligen Schlosskapelle, jetzt wie gesagt 
in unverantwortlicher Weise dem Verderben gewidmet, bezeichnet, 
da es von 1555 datirt ist, den unter Kurfürst August bewirkten 
Abschluss des von Moritz begonnenen glänzenden Werkes. Es 
ist weitaus die edelste Portalcomposition der ganzen deutschen 
Renaissance, in Schönheit der Verhältnisse, Klarheit der Compo- 
sition, Anmuth der Ornamente und Feinheit der Gliederung den 
Geist durchgebildeter Hochrenaissance verkündend. Vier cannelirte 
korinthische Säulen von klassischer Form bilden die Einfassung 
und tragen das stark vortretende Gebälk, an dessen Fries eine 
herrliche Akanthusranke, wie nach den besten römischen Mustern 
gearbeitet, sich hinzieht. Ein Gesims mit Zahnschnitt, Eierstab 
und Consolen bildet den Abschluss. Darüber eine Attika mit 
vier Pilastern, reich ornamentirt, in den Seitenfeldern zwei Apostel- 
figuren, in dem breiteren Mittelfeld die Auferstehung Christi in 
trefflichen Reliefs. Dazu kommen vier andere Heilige in eleganten 
Nischen, welche zwischen den Säulen die Seitenfelder gliedern. 
Von demselben Reichthum und von gleicher Schönheit ist das 
Schnitzwerk der Thür, sowohl im Ornamentalen als auch im Figür- 
lichen von unübertroffenem Adel. Um so unverantwortlicher dass 
man dies herrliche Werk, sicherlich eine Arbeit italienischer 



Kap. XV. Obersachsen. 793 

Künstler, statt es wieder an seine alte Stelle im Schlosshof zurück- 
zuversetzen, dem Untergang Preis giebt. 

Zusätze und Umgestaltungen von durchgreifender Art erfuhr 
das Schloss am Ende unserer Epoche. Zu diesen Arbeiten gehört 
das in derber Rustika ausgeführte Hauptportal der Nordseite bei 
A, mit vier dorischen Rustikasäulen dekorirt und mit Trophäen 
und Wappen reich geschmückt; das ähnlich behandelte Portal, 
welches bei C in den zweiten Hof führt, ferner die ganze einfach 
derbe Architektur des Hofes K, mit den kräftigen Arkadengängen 
an der östlichen und südlichen Seite, endlich das stattliche Haupt- 
portal, welches den Eingang L nach der Schlossstrasse einfasst 
und in einem mit Plattform abgeschlossenen Vorbau liegt. Es ist 
ein ungemein grandioses Werk, unter Christian I seit 1589 wohl 
durch Nosseni ausgeführt. Gekuppelte dorische Rusticasäulen 
fassen den Bogen ein, in dessen Schlussstein eine trefflich ge- 
arbeitete Gruppe des Pelikan, der für seine Jungen sich die Brust 
öffnet, „wodurch dann die Affection eines guten Regenten gegen 
seine getreue Unterthanen angedeutet sein soll." In den Metopen 
des Frieses sind prächtige Löwenköpfe gemeisselt. 1 ) 

Alle diese späteren Theile sind in einem grossartigen, aber 
etwas freudlos strengen Stile behandelt. Ferner gehören dieser 
Spätzeit die hohen Dachgiebel, welche an einzelnen Theilen des 
Baues, im grossen Haupthofe und an der Aussenseite des West- 
flügels sich finden. Ursprünglich war das Schloss, wie das Modell 
im Historischen Museum und ein ebendort befindliches altes Ge- 
mälde von Andreas Vogel beweisen, überall mit solchen Giebeln 
geschmückt. Dazu kam eine vollständige Dekoration mit Fresken 
an den Aussenwänden wie in den Höfen, meistens grau in grau, an 
einzelnen Punkten, z. B. der obern Loggia des Hofes, in reicherer 
Farbenpracht. Das Erdgeschoss zeigt in der Abbildung facettirte 
Quaderungen, darüber einen hohen Triglyphenfries. Die übrigen 
Stockwerke werden durch breite Laubfriese getrennt, die Flächen 
zwischen den Fenstern sind figürlichen Darstellungen vorbe- 
halten. Bis zur Spitze der zahlreichen hohen Giebel erstreckte 
sich diese Decoration, die dem weitläufigen Bau einen Ausdruck 
üppigen Reichthums verlieh. 2 ) 

Die Fenster der späteren Theile sind zu zweien gruppirt und 
mit Giebeln abgeschlossen, die älteren vom Bau des Kurfürsten 
Moritz haben breite schräge Laibungen mit Rahmenprofil und 
runden Schilden, bisweilen auch mit Kanneluren. 



*) Abbild, d. Portalbaues mit der eleganten, das Ganze wirksam krönenden 
Kuppelrotunde bei Weeck Taf. 11.— 2 ) Vgl. bei Weeck die Taf. 12 u. 13. 



794 III- Buch. Eenaissance in Deutschland. 

Von der ehemaligen Pracht des Innern ist fast Nichts er- 
halten. Nur im obersten Stock sieht man zwei Zimmer mit treff- 
lichen Holzdecken, schön gegliedert und gut eingetheilt. Der 
Reichthum der Ausstattung, an welcher Welsche Künstler aller Art 
betheiligt waren, muss ausserordentlich gewesen sein. Das von 
Moritz Begonnene wurde von seinen Nachfolgern mit noch grösserer 
Pracht fortgeführt, so dass JVosseni in drei Jahren allein für Marmor- 
arbeiten im Schloss 3881 Gulden, für solche im Lusthaus während 
derselben Epoche 6540 fl. erhielt. Die Gesammtkosten des Schloss- 
baues wurden blos von 1548 bis 1554 auf 100,941 Meissner Gulden 
berechnet. 1 ) 

In Verbindung mit dem Schloss, an den östlich vorspringenden 
Georgsbau anstossend, Hess Christian I seit 1586 den Stallhof 
erbauen, dessen Anfang auf unserer Fig. 214 bei verzeichnet 
ist. Hans Irmisch wurde unter dem Zeugmeister Hans Buchner 
mit der Bauführung betraut. Von aussen wird das Gebäude durch 
eine hohe kahle Mauer abgeschlossen, welche durch mächtige 
Portale im derben Spätrenaissancestil, denen des Schlosses ent- 
sprechend, durchbrochen sind. Das obere Geschoss hat gekuppelte 
Fenster mit Giebelkrönungen. Diese einfachen Formen erhielten 
durch vollständige Bemalung der Facaden ihre Belebung: im Ercl- 
geschoss facettirte Quaderungen, dazwischen Felder mit einzelnen 
Kriegerfiguren; darüber ein mächtiger Fries mit Reiter- und 
Wagenzügen in der ganzen Länge des Gebäudes; endlich oben 
zwischen den Fenstern wieder einzelne Gestalten. Wie beim Schloss 
war also auch hier Alles auf prachtvolle malerische Ausstattung 
angelegt. 2 ) 

An dein vorderen Portal meldet eine Inschrift, Herzog Christian 
habe den Bau „equorum stationi et militarium exercitationi" er- 
richtet. Im Innern bietet das Gebäude einen schmalen lang- 
gestreckten Hof, an der nordöstlichen Langseite durch zwanzig 
Arkaden auf mächtigen dorischen Säulen eingefasst, ehemals offen, 
jetzt bis auf den Thorweg vermauert. Das Obergeschoss, welches 
die Gewehrkammer enthält, zeigt die gekuppelten Fenster mit 
Giebeln wie am Äussern. Bei ist eine Halle mit gothischon 
Rippengewölben auf kurzen Rundpfeilern, welche ehemals die 
Verbindung mit dem Schloss vermittelte. In diesem schönen Hofe, 
der ehemals nach dem Zeugniss alter Abbildungen 3 ) aufs Reichste 
bemalt war, namentlich zwischen den Fenstern die Thaten des Her- 
kules enthielt, fanden die Ringelrennen statt, von welchen noch jetzt 



! ) Vgl. den oben citirten Aufsatz von Schmidt a. a. 0. S. 167. — 2 ) Abb. 
bei Weeck, Taf. 14. — 3 ) Bei Weeck, Taf. 15. 



Kap. XV. Obersachsen. 795 

die beiden prachtvollen Bronzesäulen Zeugniss ablegen. An den 
Postamenten mit Trophäen, am untern Theil des Schaftes mit 
Arabesken, Waffen und Emblemen geschmückt, tragen sie auf den 
eleganten korinthischen Kapitalen ein verkröpftes Gebälk und auf 
diesem kleine Obelisken. Diese trefflich ausgeführten Arbeiten 
sind von Martin Eilger gegossen. 1 ) An der andern Seite schliesst 
sich dem Hofe eine geräumige Remise an, dreischiffig mit schlich- 
ten Kreuzgewölben auf 18 in zwei Reihen gestellten dorischen 
Säulen, eine überaus grossartige Anlage. Dieser Theil des Ge- 
bäudes, der später umgebaut, im oberen Geschoss lange Zeit die 
Gemäldegalerie beherbergte, zeigt an der Fagade noch jetzt zwei 
grossartige Portale, den beiden andern sowie denen des Schlosses 
entsprechend. Der ganze Bau in seiner ursprünglichen Erscheinung 
mit zahlreichen marmorgeschmückten Sälen und Zimmern war 
ein Prachtwerk, zu dessen Herstellung in fast sechs Jahren nicht 
weniger als 200,000 Gulden aufgewendet worden waren. 2 ) Man 
hatte Nichts gespart, ihn von aussen wie von innen aufs Reichste 
auszustatten. Nosseni bestellte für die Decoration desselben in 
Modena 180 bemalte und vergoldete runde Schilder, Carlode Cesare 
goss 46 fürstliche Bildnisse mit Postamenten und Wappenschildern 
„für die Galerie hinter dem Stall" und 23 Bilder aus gebranntem 
und glasirtem Thon. 3 ) An kostbaren Geräthen, geschnitzten Sesseln 
mit eingelegten Steinen, marmornen Kredenzen, Kunstsachen aller 
Art fehlte es ebenfalls nicht, so dass das Ganze ein Museum ge- 
nannt werden konnte. 4 ) Leider hat der ursprünglich so glänzende 
Bau später dieselbe Verwahrlosung und Verunstaltung über sich 
ergehen lassen müssen, die auch das Schloss jetzt so unscheinbar 
macht. 

Der bürgerliche Privatbau in Dresden bietet grade nicht 
Bedeutendes für unsre Epoche, aber immerhin doch einige an- 
ziehende Werke. Das erste Stadium der Frührenaissance wird 
namentlich durch einen reich decorirten Erker am Eckhaus von 
Neumarkt und Frauengasse vertreten. Die runde Qrundform, die 
Art des Auskragens erinnert an die Erker am Saalbau zu Torgau, 
der Fries mit spielenden Putten zeigt Verwandtschaft mit dem 
Georgsbau und mag von derselben Hand wie jener ausgeführt 
sein. Ein ähnlicher Erker, aber in den kräftigeren Formen der 
Spätzeit mit derb facettirten Quadern und einer Schlange als 
Console ist an einem Hause weiter abwärts in der Frauengasse. 



') Dr. J. Schmidt a. a. O. S. 162. — 2 ) Weeck, S. 55. — 3 ) Dr. J. Schmidt, 
a. a. O. S. 137 u. 139. — 4 ) Die Abb. und Beschreib, bei Weeck S. 53 ff. 
geben eine lebendige Anschauung des vormal. Zustandes. 



796 



III. Buch. Kenaissance in Deutschland. 



An mehreren Häusern der Schlossgasse und anderer Strassen sieht 
man hübsche kleine Bogenportale, zu beiden Seiten Muschelnischen 
mit Sitzen, die Archivolte kräftig und zierlich mit Zahnschnitt, 
Eierstab, Consolen und ähnlichen Formen gegliedert. Bezeichnend 
für die meist schmalen aber sehr hohen Fagaden ist die häutige 
Anwendung viereckiger Erker, üder dem Erdgeschoss auf Con- 
solen herausgebaut, mit Pilastern decorirt, oben mit einem ge- 
schweiften Dach abschliessend, statt dessen man später oft einen 
offenen Balcon angebracht hat. Diese Erker, nicht selten paar- 
weise angeordnet, geben den Fagaden viel 
Keiz und Leben. Ein Haus in der Wilsdruffer 
Gasse hat einen Erker mit nachgeahmter Holz- 
architektur ; ebenso sind sämmtliche Fenster 
desselben mit einem barocken Rahmenwerk 
eingefasst, welches die Formen des Holzbaues 
imitirt und schon dem 17. Jahrhundert ange- 
hört. 1 ) Aus dem Anfange desselben Jahrhun- 
derts stammt das Haus Schlossgasse No. 19; 
am Erker die ungeschickt gemachten Brust- 
bilder Kurfürst Christians II und seiner Ge- 
mahlin Hedwig von Dänemark, dabei das 
sächsische Herzogswappen, das kurfürstliche 
und das dänische Wappen. Im Hausflur eine 
hübsch ornamentirte Thür, welche zur Treppe 
führt. In derselben Strasse No 22 ein Haus, 
dessen tiefer schmaler Flur auf einen kleinen 
Hof mündet, wo rechts die steinerne Treppe auf 
Pfeilern angelegt ist, an der Rückseite des Hofes Arkaden in drei Ge- 
schossen, je zwei weitgespannte Rundbögen auf dorischer Mittelsäule. 
Ein zierliches Portal der oben beschriebenen Art vom Jahr 1579 in 
der Kleinen Kirchgasse, fein gegliedert und mit sinniger Inschrift: 

„Einer Säule gleich bin ich, 

Alle Leute hassen mich, 

Und alle die mich hassen, 

Die müssen mich bleiben lassen-, 

Allen die mich kennen 

Wünsche ich was sie mir gönnen, 

All mein Anfang und Ende 

Stehet in Gottes Händen." 

Ähnliche Portale in der Weissen Gasse, wo noch ein anderes in 
mehr mittelalterlicher Weise mit Hohlkehlen und Rundstäben geglie- 
dert ist. Ein ähnliches in der Neustadt, an der Mejssenerstrasse. 




Fig. 216. Von einem Portal 
zu Dresden. 



') Abb. in Puttrich's Sachsen. 



Kap. XV. Obersachsen. 797 

Wieder ein anderes, mit facettirten Quadern, Zahnschnitten, Eier- 
stab und Consolensims gegliedert, in der Pfarrgasse, mit hübsch 
geschnitzter Thür und eisernem Klopfer. 



Seitdem in Dresden die Renaissance zur Herrschaft gekommen 
war und durch den glänzenden Hofhalt der Fürsten die Stadt 
sich mit Prachtbauten schmückte, begann ein durchgreifender 
Einfluss sich auf die benachbarten Städte geltend zu machen. 
In Meissen, diesem alten Sitz der Markgrafen, bietet zunächst der 
Dom in mehreren Denkmalen sehr frühe Beispiele der Renaissance. 
Unter den zahlreichen ehernen Grabplatten in der Begräbniss- 
kapelle der Fürsten zeigt die von 1510 datirte des deutschen 
Ordens -Hochmeisters Friedrich von Sachsen Motive des neuen 
Stils in den Ornamenten, am Rande Vasen mit Blumen, über dem 
Kopfe zwei Putten in Laubgewinden. Es ist wohl eine Nürn- 
berger Arbeit. In der Georgenkapelle ist die Reliefplatte des 
Herzogs Georg (f 1539) und seiner Gemahlin mit hübschen Orna- 
menten einer noch phantastisch spielenden Renaissance geschmückt, 
denen am Georgsbau in Dresden verwandt. 

Weiter sieht man an zahlreichen Bürgerhäusern der Stadt den 
Einfluss eines kunstliebenden Hofes. Der Frühzeit gehört das 
Haus an der Ecke der Eibgasse, mit hohem Giebel, der fast noch 
in mittelalterlicher Weise durch Lisenen gegliedert und in seinen 
Staffeln durch Halbkreise bekrönt ist. Ein grosser rechtwinkliger 
Erker, auf der Ecke diagonal angeordnet, hat Wappen und Brust- 
bilder sächsischer Fürsten in zwei Stockwerken, an den Pilastern 
flache Ornamente im Stile des Georgsportals zu Dresden, aber 
minder fein, bezeichnet 1533. Ein Portal von 1536 in der Burgstrasse 
No. 61, an der Seite Sitznischen, der Bogen noch mittelalterlich 
gegliedert und mit Rundbogenfries eingefasst, die Krönung mit 
Voluten und Laubwerk von sehr unreifer Renaissance. Sehr 
kindlich ist auch der neue Stil an einem Portal der Schnurren- 
gasse vom Jahre 1538, mit geschweiftem gothischem Flachbogen 
verbunden. Ebenso zeigt ein grösseres Bogenportal am Heinrichs- 
platz vom Jahre 1540 ein mühsames, kümmerliches Laubwerk der 
Frührenaissance. Um nichts besser ist das kleine Portal der Eibgasse 
vom Jahre 1561, welches später erneuert wurde und in langer In- 
schrift die Gräuel der Schwedenzeit schildert. Mit weit grösserem 
Aufwand ist ein ansehnliches Giebelhaus hinter der Stadtkirche be- 
handelt, am Portal 1571 bezeichnet, mit einem ungeschickten Relief, 
welches Simson mit dem Löwen kämpfend darstellt. Es ist die 



798 HI- Buch. Renaissance in Deutschland. 

Arbeit eines wohlmeinenden aber schlecht geschulten Steinmetzen. 
Der hohe Giebel ist mit Pilastern, Voluten, aufgesetzten Henkel- 
vasen effectvoll gegliedert. 

Um den Beginn des 17. Jahrhunderts erhebt sich die bürger- 
liche Architektur hier zu etwas reicheren und durchgebildeteren 
Formen. Häufig findet man kleine Portale mit zierlicher Bogen- 
gliederung nach Dresdner Muster. So in der Burgstrasse No. 
108 vom Jahre 1605, ein sehr hübsches am Görnischen Platz vom 
Jahre 1603, mit Consolen, Eierstab, Zahnschnitt und facettirten 
Quadern. Ein ähnliches, aber mit Karnies, Zahnschnitt und sehr 
grossem Eierstab in der Görnischen Gasse, wieder ein anderes vom 
Jahre 1600 in der Fleischergasse, der Bogen aber mehr mittelalter- 
lich gegliedert, in der Neugasse ein Portal von 1606 mit hübschen 
Flachornamenten, ein ganz vortreffliches reich gegliedertes von 
1603 am Kleinen Markt und ebenda ein anderes von 1601, ähnlich 
behandelt und mit dem Spruch: Herr nach deinem Willen. Alle 
diese Varianten kehren noch mehrmals wieder, namentlich am 
Hahnemannsplatz und in der Baugasse. Ein phantastisch derbes 
aber wirkungsvolles Barockportal mit Rustikapilastern, Voluten 
und Obelisken vom Jahre 1614 bildet den Aufgang zum Kirchhofe. 
Eine derbe und flotte Arbeit aus derselben Zeit ist das Portal am 
Gasthof zum Hirsch, mit einer naiven Darstellung von Diana und 
Actäon. Hohe malerische Dachgiebel auf beiden Seiten hat das 
Eckhaus am Markt, jetzt Apotheke, in der Mitte mit einem Erker 
auf Consolen und eleganter toskanischer Säule. Ein später Nach- 
zügler mit schon flau gewordenen Formen ist ein Haus am Kleinen 
Markt mit einem Portal, in dessen Giebel Gottvater mit der Welt- 
kugel sich zeigt. Ein kleineres ebendort von ähnlicher Behand- 
lung trägt die Jahrzahl 1675; ein Beweis wie lange hier diese 
Formen nachgewirkt haben. — 

Einiges findet sich sodann in F reib erg. Zum Frühesten 
gehört das Haus No. 266 am Marktplatz. Es hat ein sehr reiches 
Portal der üppigsten Frührenaissance, mit dem weichen, lappigen, 
krautartigen Laubwerk dieser Epoche ganz überzogen. Die Pi- 
laster, Archivolten und Zwickelfelder, welche ein männliches und 
weibliches Medaillonbildniss zeigen, völlig bemalt, das Ganze ein- 
gefasst von jenen pflanzenartigen Säulen mit wulstiger Basis, wie 
wir sie vom Georgenbau zu Dresden her kennen, der Schaft mit 
Laubwerk bedeckt, die breitgedrückten Kapitale mit Thier- und 
Pflanzenornament, auf den Ecken vascnartige Aufsätze, dazwischen 
ein grosser Giebel als Bekrönung, welcher in einem anziehenden 
Relief die Arbeiten des Bergmanns enthält; wohl um 1540 ent- 
standen. Daneben in No. 267, dem ehemaligen Kaufhaus, 1545 



Kap. XV. Obersachsen. 799 

bezeichnet, ein Portal von anderer, einfacherer Composition, aber 
nicht minder reich und schwungvoll ornamentirt ; die breiten Flächen 
der Archivolten mit Akanthusranken, in den Zwickeln Medaillon- 
bilder, oben als Krönung frei verschlungenes Laubwerk von 
schöner Zeichnung, dazwischen das Wappen der Stadt. Im Innern 
bewahrt das Hauptgeschoss ein Zimmer mit prachtvoller Holz- 
balkendecke, die Balken tief ausgekehlt, in mittelalterlich er Be- 
handlung, in der Mitte eine phantastisch geschnitzte Renaissance- 
säule, über deren korinthisirendem Kapital die mächtigen Kopf- 
bänder elegant in Rosetten auslaufen und an den Seiten mit Laub- 
werk und Drachen dekorirt sind. Rings um die Wände zieht sich 
auf halber Höhe ein Gesims auf Consolen. Der Rahmen der Thür 
ist mit Blattranken im Stil der Frührenaissance geschmückt. 

Zahlreiche kleine Portale verrathen den Einfluss von Dresden, 
sowohl in der Anlage wie in der zierlichen Ausbildung. Das 
schönste dieser Art ist Rittergasse No. 519, mit geistvollen Arabes- 
ken geschmückt, offenbar vom Meister des Kaufhauses. Mehrere 
den Dresdner Portalen verwandte, mit Sitznischen an den Seiten, 
die Archivolten reich gegliedert, sieht man Kirchgasse 357 ; ganz 
ähnlich Rittergasse 515; etwas reicher Kleine Rittergasse 689; 
wieder abweichend, die Archivolten mit Laub und Früchten dekorirt, 
Burgstrasse 628; mit feinen Arabesken, ähnlich wie 519, nur ein- 
facher und mit kräftig geschnitzter Hausthür am Marktplatz 286. 
Unzählige Häuser zeigen noch die für das Auge so erfreuliche, 
die Facade wirksam belebende Profilirung der Fenster mit Hohl- 
kehlen und Rundstäben, wie sie das Mittelalter ausgebildet hat. 
Giebel kommen nur ausnahmsweise vor ; ein riesig hoher in derben 
Barockformen Ecke der Burgstrasse und Weingasse mit diagonal 
gestelltem Erker, der sehr energisch mit Pilastern und Metall- 
ornamenten dekorirt ist, die Fenster der Hauptfagade reich und 
originell in diesem Stil umrahmt. Gleich daneben in der Burgstrasse 
zwei einfachere Erker, rechtwinklig in der Mitte der Fagade aus- 
gebaut, den Dresdner Erkern verwandt. 

Das Rathhaus ist ein schlichter mittelalterlicher Bau von 
1510 mit gothisch profilirten Fenstern. Ein viereckiger Thurm 
tritt UDgefähr in der Mitte der dem Markte zugekehrten Langseite 
vor. Ein Erker von 1578 in derben Formen der Spätrenaissance 
ist auf zwei klotzigen Kragsteinen vorgebaut, die von Löwenköpfen 
getragen werden. Im Giebel ein stark herausragender Kopf. Um 
dieselbe Zeit hat wahrscheinlich das Rathhaus seine hohen kräftig- 
geschweiften Giebel mit aufgesetzten Pyramiden erhalten. 

Von den prachtvollen Fürstengräbern im Chor des Doms ist 
schon oben (S. 87) die Rede gewesen. Ein kraftvoll durchge- 



800 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

führtes, reich vergoldetes Eisengitter schliesst den Chor ab. Eine 
der schönsten und reichsten Arbeiten dieser Art, voll Schwung 
der Phantasie und von grösster Mannigfaltigkeit ist das innere 
Gitter des Chores. Diese Gitter sind von Hans Weber und Hans 
Klencke, Schlossermeistern in Dresden, für 325 Gulden gefertigt 
und 1595 aufgestellt worden. 1 ) Im Schiff der Kirche ist neben 
der phantastischen als prachtvolle Blume durchgeführten früheren 
Kanzel eine zweite in eleganten Renaissanceformen mit tüchtigen 
Reliefs zu erwähnen. — 

In Zwickau sind keine Bauten der Renaissance erhalten, aber 
in der stattlichen spätgothischen Marienkirche zählt die Kanzel 
vom Jahr 1538 zu den zierlichsten Werken der Frtihrenaissance. 
Der Pfeiler, auf welchem sie ruht, zeigt noch gothisehe Behand- 
lung, aber die Thür mit den hübschen Pilastern, die Brüstung 
mit den geschweiften Säulchen, die reiche Ornamentik, noch dazu 
bemalt und vergoldet, gehört dem neuen Stil. Ausser zwei kleinen 
aber trefflich gearbeiteten Kronleuchtern von Messing und den sehr 
eleganten einarmigen Wandleuchtern von demselben Metall sind 
die Rathsherrnstühle unter der Orgel, 1617 von Paul Corbian ge- 
arbeitet, mit ihren eleganten Figuren und Intarsien bemerkenswerth. 
Sodann am Begräbniss des Obersten Böse das 1678 gefertigte 
prachtvolle Eisengitter, reich vergoldet und mit Masken, Blumen, 
kleinen Gemälden ausgestattet. 



Leipzig. 

Gegenüber den Städten, welche nur als Residenzen durch 
fürstliche Macht ihre Bedeutung erlangt haben, tritt Leipzig uns 
von Anfang als eine Stadt entgegen, die ihre Blüthe dem Bürger- 
thum verdankt. Durch ihre centrale Lage schon früh für den 
Handelsverkehr zwischen dem Norden und Süden, dem Westen 
und Osten von grosser Bedeutung, hatte die Stadt bereits seit dem 
12. Jahrhundert in ihren von allen Seiten besuchten Messen 
wichtige Mittelpunkte für den Welthandel gewonnen. Auf den 
Höhepunkt ihres Ansehens gelangte sie, als während der Schreck- 
nisse der Hussitenkriege, welche die meisten Städte der Umgegend 
verwüsteten, sie sich hinter starken Festungswerken als sicherer 
Schutz für Menschen und Güter erwies. 2 ) Der unablässige Eifer ihrer 
Bürger wusste die Vortheile der Lage und der Verhältnisse nach 



*) Dr. J. Schmidt a. a. 0. S. 149 fg. — 2 ) K. Grosse, Gesch. der 
Stadt Leipzig. I. 372 ff. 



Kap. XV. Obersachsen. 801 

Kräften auszubeuten und durch kaiserliche und fürstliche Privi- 
legien ihre Stellung immer mehr zu befestigen und weithin zur 
herrschenden zu machen. Zugleich aber war die seit 1409 be- 
stehende Universität eine tüchtige Pflegerin der wissenschaftlichen 
Bestrebungen, obwohl sie sich der Reformation anfangs hartnäckig 
widersetzte. Minder ergiebig war die Thätigkeit der immer 
kräftiger aufblühenden Stadt auf künstlerischem Gebiete. Es ist 
auffallend, wie wenig das ganze Mittelalter hier in architektonischen 
und plastischen Arbeiten geleistet hat. In der Malerei sind wenig- 
stens die neuerdings mit Sorgfalt wiederhergestellten Wandbilder 
des Pauliner-Kreuzganges ein umfangreiches Werk ; allein an künst- 
lerisch hervorragenden Schöpfungen jener Epoche fehlt es durchaus. 
Unter den öffentlichen Bauten der Stadt nehmen die Werke 
des Mittelalters in der That nur geringe Bedeutung in Anspruch. 
Dagegen verleiht die Renaissance den älteren Theilen ihr charakter- 
volles Gepräge. Der Zug der Strassen mit den dicht gedrängten 
hochragenden Bürgerhäusern verräth die Wichtigkeit, welche da- 
mals schon Leipzig als Handelsstadt besass. Für die Anlage 
der Häuser ist die Rücksicht auf die Messen und den Handels- 
verkehr maassgebend gewesen. Das Erdgeschoss besteht immer 
aus grossen Gewölben, die sich mit weiten Bogenstellungen gegen 
die Strasse öffnen. Die Anordnung derselben ist jedoch überall 
modernisirt, wird aber denen in Frankfurt a. M. ungefähr ent- 
sprechend gewesen sein. Charakteristisch sind die weiten Höfe, 
manchmal zwei hinter einander, durch Hintergebäude getrennt, 
so dass die Anlage bis an die benachbarte Parallelstrasse reicht 
und wie in Wien Hausflur und Höfe sich zu öffentlichen Durch- 
gängen gestalten. In der Entwickelung der Facaden ist ein Ein- 
fluss von Dresden zu bemerken, doch herrscht hier durchweg 
grössere Einfachheit. Bemerkenswerth z. B. die beiden Portale 
in der Kleinen Fleischergasse No. 8 und 19, den bekannten Dres- 
dener Portalen entsprechend, aber weit hinter ihnen an Feinheit 
der Ausbildung zurückstehend. Der Sandstein ist überhaupt hier 
sparsamer verwendet, die zierlicheren Formen, Gliederungen, Or- 
namente fehlen fast durchweg. Dagegen ist die Conception im 
Ganzen kräftig und gediegen, namentlich werden die Erker in 
ähnlicher Weise wie in Dresden verwendet, und geben den 
Strassen das lebensvolle und zugleich wohnliche Gepräge. Die 
reicheren unter diesen Erkern gehören freilich erst der späteren 
Zeit an und werden dann mit Vorliebe in Holz und zwar in 
reichem Schnitzwerk ausgeführt. Ein Prachtstück dieser Art z. B. 
Petersstrasse No. 6 , und eine überaus reiche Barockfacade im 
üppigsten Zwingerstil ebendort No. 41. 

Kugler, Gesch. d. Baukunst. V. 51 



802 HL Buch. Renaissance in Deutschland. 

Das interessanteste und früheste Privathaus ist Hainstrasse 
No. 33, welches wir in Fig. 217 mittheilen. Das Haus wurde 
1523 erbaut, und aus dieser Zeit stammt im Wesentlichen die 
Facade mit den tief eingekehlten Fensterrahmen und dem hübschen 
Erker, dessen Auskragung ein gothisches Rippengewölbe zeigt, 
während in der Brüstung des Fensters der neue Stil sich mit zier- 
lichen Balustersäulchen und Laubgewinden versucht. Auch die 
Säulchen, welche oben die kleine Loggia bilden und das ge- 
schweifte Dach aufnehmen, gehören dieser Zeit. Dagegen sind 
die derben Voluten des Giebels, dessen Absätze ursprünglich 
ohne Zweifel Pyramiden oder andere Aufsätze trugen, einer Restau- 
ration des 17. Jahrhunderts zuzuschreiben, während das pikant 
ausgebaute polygone Thürmchen, welches den Giebel abschliesst, 
der ursprünglichen Anlage gehört. Zahlreiche Inschriften sind in 
den Hohlkehlen der Gesimse und Fensterrahmen sowie an der 
oberen Brüstung des Erkers angebracht. 

Wie die ausgebildete Renaissance sich hier gestaltet, erkennt 
man an dem im Jahre 1556 von Hieronymus Lotter erbauten Rath- 
hause. 1 ) Es ist ein ausgedehntes Rechtek, die östliche Langseite 
des Marktes begrenzend, überaus einfach in verputzten Backsteinen 
aufgeführt. An der südlichen Schmalseite ist ein kleiner Erker 
ausgebaut ; ebenso an der Nordseite. Die nach Westen gewendete 
Hauptfront ist mit sieben unregelraässig angeordneten Giebeln 
bekrönt, die über dem mit Zahnschnitten ausgestatteten Haupt- 
gesimse aufsteigen. Derb und tüchtig behandelt, zeigen die Ein- 
fassungen der Voluten ein Rustikaquaderwerk (Fig. 218). Ein 
achteckiger nicht genau in der Mitte der Fagade ausgebauter 
Thurm enthält das Hauptportal und die Wendeltreppe. Das Ganze 
ist von malerischer Wirkung, aber ohne höheren Kunstwerth. Eine 
im Jahre 1672 nothwendig gewordene Erneuerung hat sich mit 
Verständniss dem Charakter des Ganzen angeschlossen. 2 ) 

Die Fenster am ganzen Bau sind paarweise gruppirt, mit 
durchschneidenden Stäben in spätgothischer Form eingefasst, jedes 
schmückende Ornament ist vermieden, nur eine grosse Inschrift 
in römischen Majuskeln umzieht als Fries den ganzen Bau. Das 
Hauptportal, mit gekuppelten kannelirten ionischen Säulchen ein- 
gefasst, hat über sich auf kräftigen Consolen eine offene Altane 
als Abschluss des viereckigen Thurmgeschosses. Ueber dieser 
geht der Thurm in's Achteck über und ist mit einem geschweiften 
Dach geschlossen. Die östliche gegen den Naschmarkt gerichtete 
Fagade entspricht in ihrer Behandlung der westlichen, nur dass 

') Vogel's Leipz. Annalen S. 202. — 2 ) Ebenda S. 745. 




Fig. 217. Leipzig, Haus in der Hainstrasse. 



51* 



Kap. XV. Obersachsen. 



805 



der Thurm fehlt. Im Innern enthält das Hauptgeschoss zunächst 
einen grossen Vorsaal, dessen Decke auf acht gut und kräftig 
behandelten Holzpfeilern ruht. Drei stattliche Kamine aus Sand- 
stein mit Atlanten und Karyatiden schmücken die innere Wand. 
Daneben ein kleines Verbindungszimmer mit Kreuzgewölbe und 
einem ähnlichen Kamine. Der Rathssaal, ein quadratischer gegen 
die Grimmaische Strasse gerichteter Raum, hat eine flache Felder- 
decke mit vergoldeten Rosetten und einen eisernen Ofen von ziem- 
lich roher Arbeit, dagegen einen prächtigen Schrank mit schönen 
Intarsien von' Blumen und flachem Lederornament. 







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Fig. 218. Vom Leipziger Rathhaus. 



In ähnlich schlichter Behandlung ist das jetzige Polizeiamt 
ausgeführt, bei aller Einfachheit eines kräftig gegliederten Stuck- 
baues doch von tüchtiger und ansprechender Wirkung, besonders 
in dem hohen geschweiften Giebel an der Reichsstrasse. Die 
vordere Fac^ade am Naschmarkt ist stark verändert. An einem 
Fenster im Hofe liest man die Jahrzahl 1578. Malerisch ist im 
Erdgeschoss der Rathskeller, dessen grosse Kreuzgewölbe auf 
zwei mittleren Säulen mit originellen dorisirenden Kapitalen ruhen. 

Derselben Spätzeit gehört auch das Wenige an, was an der 
Pleissenburg sich von künstlerischen Formen findet. Doch 



806 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

bietet der Bau in seiner schlichten festungsartigen Behandlung 
einiges Interesse. Dass im Jahre 1554 der kurfürstliche Bau- 
meister Caspar Voigt beauftragt wurde, die Fundamente des Baues 
zu graben, haben wir schon anderwärts (S. 730) erfahren; nach 
anderer Nachricht 1 ) wäre das Werk schon 1551 begonnen worden. 
Der Bau bildet in seiner Grundform ein rechtwinkliges Dreieck, 
welches seine Hypotenuse nordostwärts gegen die Stadt wendet, 
während die beiden Katheten mit einem auf der Ecke vorge- 
schobenen runden Thurm sich südwestlich nach aussen wenden. 
Der Haupteingang liegt auf der Stadtseite in der Mitte der 
Diagonale. Die Behandlung des Ganzen ist massenhaft, und alle 
Einzelheiten tragen den derben festungsartigen Charakter. Ein 
mächtiger Wulst trennt als Gesimse den Unterbau vom Haupt- 
geschoss. Aehnlich sind die Fenster und die Portale eingefasst, 
und rohe Lisenen gliedern an einzelnen Theilen das Haupt- 
geschoss. An einzelnen Stellen ist eine Rustika -Behandlung 
durchgeführt. Gegenüber dem Haupteingang springt ein Vorbau 
mit Erker in drei Geschossen aus dem Winkel des Dreiecks vor. 
Hier befindet sich zur Rechten das einzige feiner behandelte Por- 
tal, das zu einer Wendeltreppe führt. Ein anderes, gleich den 
übrigen Theilen sehr derb gehaltenes Portal im südlichen Flügel 
mündet ebenfalls auf eine Wendeltreppe. Der grosse runde Thurm 
an der Südspitze dient jetzt als Observatorium. 

Im Gegensatze zu all diesen äusserst schlicht behandelten 
Werken stellt sich das Fürstenhaus in der Grimmaischen Strasse 
als das einzige Gebäude von feinerer Durchbildung dar. Seit 
1575 durch Doctor Georg Rode erbaut, 2 ) erhebt es sich mit 
langer Front in zwei Stockwerken und einem durch Erker charak- 
terisirten Dachgeschoss mit seiner Langseite an dieser Haupt- 
strasse der Stadt, an beiden Enden mit runden ausgekragten 
Erkern geschmückt (Fig. 219), die nicht blos die reichste archi- 
tektonische Gliederung zeigen, sondern auch durch Brustbilder, 
Laubwerk, Wappen und Inschrifttafeln geziert sind. Die facet- 
tirten Quadern, die Anwendung von dorischen Pilastern und Tri- 
glyphenfriesen, so wie das häufig vorkommende aufgerollte Band- 
werk entsprechen dem Charakter dieser Spätzeit, während der 
Reichthum der Behandlung und die Zierlichkeit des Details fast 
den Eindruck von Frührenaissance machen. Die Composition 
dieser Erker und ihre Art der Ausschmückung ist als spezifisches 
Merkmal der Obersächsischen Schule aufzufassen; in Torgau und 
Dresden haben wir Aehnliches gefunden. Während diese Theile 



Vogel, a. a. 0. S. 190. — 2 ) Ebenda S. 235. 




Fig. 219. Fürstonhaus zu Leipzig. 



Kap. XV. Obersachsen. 809 

in Sandstein ausgeführt sind, zeigt die Fagade den Putzbau und 
wird nur durch die paarweis gruppirten Fenster mit ihren kräf- 
tigen im Charakter des Mittelalters gearbeiteten Rahmen belebt. 
Ein zierliches Consolengesims bildet den Abschluss; die Dachgiebel 
sind maassvoll und fein mit Pilastern eingefasst und durch Zahn- 
schnittgesimse gegliedert. Ein schlichtes Bogenportal, darüber das 
bemalte sächsische Wappen und eine Inschrifttafel, führt in den ge- 
wölbten Flur, und von dort gelangt man zu einer rechts in einem 
runden Thurm gegen den Hof vorgebauten Wendeltreppe. Den oberen 
Theil dieses Treppenthurmes erblickt man auf unsrer Abbildung. Am 
westlichen Erker der Facade bezeichnet ein Steinmetzzeichen nebst 
den Buchstaben P W wahrscheinlich den Namen des Baumeisters. 
Reichere Entfaltung gewinnt die Architektur in Leipzig erst 
gegen Ausgang der Epoche um die Mitte des 17. Jahrhunderts. 
Eine grössere Üppigkeit in der Dekoration macht sich an den 
Fagaden geltend. Ein Prachtstück dieser Art ist das Haus in 
der Nicolaistrasse No. 47, ein hoher Giebelbau, im Erdgeschoss 
Rustika, die oberen Stockwerke mit schlanken dorischen und 
ionischen Halbsäulen, darüber der Giebel mit ionischer und korinth- 
ischer Ordnung, an den Seiten barock geschweift mit Voluten und 
Schnörkeln. Die derben und schweren Ornamente an den Fenster- 
brüstungen, die schwülstigen Rankenfriese und Fruchtschnüre 
deuten schon auf sehr späte Zeit. Über der Hausthür ein noch 
gut stilisirtes Eisengitter. Wie man ein einfacheres Portal Mos 
durch facettirte Quaderungen an Pfeilern und Archivolten wirksam 
ausbildete, zeigt die übrigens modernisirte Facade Reichsstrasse 
No. 44. In derselben Strasse No. 5 eins der wenigen Häuser mit 
eleganter ausgebildeten Gliedern, die Fagade zwar einfach, aber 
das breite rundbogige Portal mit hübschen Muschelnischen und 
reich gegliederter Archivolte; darüber ein rechtwinkliger Erker, 
dessen Auskragung prächtig decorirt ist, endlich als Abschluss 
ein hoher Giebel mit zwei Ordnungen schlanker korinthischer Halb- 
säulen, ausserdem mit barocken Voluten eingefasst- Nicht minder 
prächtig ein diagonal gestellter Erker in derselben Strasse an 
dem Eckhaus No. 3, (Specks Hof). Dagegen ein polygoner Erker 
mit prächtigem, aber schon krautartig breitem Akanthuslaub, 
welches alle Flächen überzieht, an dem Hause Grimmaische Strasse 
No. 35. Die Behandlung dieser Arbeiten ist nicht mehr die knappe, 
scharfe der Steintechnik, sondern die weiche, breite der Holz- 
schnitzerei. Eins der spätesten Beispiele endlich ist Haio Strasse 
No. 4, wo ein prachtvoller Erker in drei Geschossen an allen' 
Flächen dies üppige Laubornament zeigt. Damit ist aber die 
Gränze unserer Epoche schon überschritten. 



810 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 



Altenbnrg. 

Seit 1445 den Kurfürsten von Sachsen zugetheilt, die eine 
Zeit lang dort residirten, entwickelte die Stadt Altenburg im 
Lauf des 16. Jahrhunderts eine rege Bauthätigkeit, welche schon 
früh zur Aufnahme der Renaissance führte. Zuerst treten die 
Formen des neuen Stils an dem grossen Hause der Sporergasse 
No. 1 uns entgegen. Es hat ein Portal vom Jahre 1531 in 
schlichten frühen Renaissanceformen, die einrahmenden Pilaster 
mit flachen Kugeln geschmückt, ähnlich den älteren Fenstern 
am Schloss zu Dresden, die Bekrönung ein Bogenfeld mit muschel- 
artiger Dekoration, ebenfalls mit Kugeln besetzt. An den Fenstern 
und dem breiteren Thorwege zeigen sich noch die durch- 
schneidenden Stäbe der Gothik. Ein anderes ebenfalls unbedeu- 
tendes Portal vom Jahr 1537 findet sich in derselben Strasse 
No. 18. Es trägt die bekannte Inschrift: Verbum domini manet in 
aeternum. Dazu: Amen dico vobis ego sum ostium ovium. In 
derselben Strasse No. 2 ein Portal des späteren Stiles mit Seiten- 
nischen, 1569 erbaut, 1605 im Fries umgestaltet. 

Das Hauptwerk ist aber das Rathhaus. Es wurde 1562 
begonnen, im Frühling des folgenden Jahres unter Dach gebracht 
und am 10. November 1564 äusserlich durch Aufsetzen des 
Thurmknopfes vollendet. Die Hauptleitung des Baues hatte der 
als Erbauer des Schlosses zur fröhlichen Wiederkunft bekannte 
fürstliche Baumeister Nicolaus Grohmann zu Weimar, von dem auch 
der Entwurf herrührte. Die Bildhauerarbeiten wurden durch flatis 
Werner und Caspar Böschel aus Chemnitz ausgeführt. 1 ) Es ist 
ein stattlicher reich behandelter Bau von edlen Renaissanceformen, 
(Fig. 220) mit gewaltigem rings abgewalmtem Dach bedeckt, an der 
Vorderseite mit einem polygonen Treppenthurm ausgestattet, auf 
beiden Ecken gegen den Markt mit den ausgekragten halbrunden 
Erkern geschmückt, welche in ähnlicher Anlage und Dekoration 
zuerst in Torgau vorkommen, und in ähnlicher Weise am Fürsten- 
hause zu Leipzig auftreten. Das Untergeschoss des Thurmes ist 
in der damals beliebten Weise rechtwinklig angelegt und mit 
einer Altane geschlossen. Das Hauptportal sowie zwei andere 
Portale sind mit ionischen Säulen eingefasst und mit zahlreichen 
Inschriften geschmückt. Auch der Unterbau hat eine Umrahmung 
von sehr lang gezogenen kannelirten Säulen derselben Ordnung. 
Die Fenster mit den eingekerbten Rahmen und einem Giebel mit 

') E. v. Braun, Gesch. des Rathh. zu Altenburg (1864) S. 12. 




E.ADI.S7UTT0 



Fig. 220. Altenburg, Rathhaus. 



Kap. XV. Obersachsen. 813 

eingelassener Kugel, die Gesimse mit ihren kräftigen Consolen, die 
Erker mit ihren Pilastern und Reliefs, rechts Fürstenportraits, 
links die Geschichte des Sündenfalles, endlich die maassvoll be- 
handelten Giebel, welche dem Dache vorgesetzt sind und gemalte 
Ornamente zeigen, das Alles zeugt von einer tiberwiegend klassi- 
zistischen Behandlung, doch ohne Trockenheit. An Feinheit der 
Ausführung ist übrigens die Dekoration der Erker der am Fürsten- 
hause zu Leipzig untergeordnet. 

Im Innern führt die breite Wendeltreppe zu einer herrlichen 
grossen Halle mit reich gegliederter Balkendecke auf kannelirten 
ionischen Holzsäulen. Auch die Kopfbänder sind als antikisirende 
Consolen behandelt. Mehrere prächtig dekorirte Thüren, Kamine 
und eine Tribüne für die Musiker schmücken diese ansehnliche 
Halle. Ueber der Thüre zum Rathssaal liest man das bedeutsame 
Motto : Blandis verbis et atrocibus poenis. Das Rathszimmer 
selbst hat ähnlich reiche Decke wie der Vorsaal, die Fenster- 
rahmen sind auf kraftvolle ionische Säulen gestützt, die Portale 
ungemein reich geschnitzt, mit Hermen und Karyatiden eingefasst, 
über dem einen der thronende Weltrichter. Ein anstossendes 
Gemach, das auf den Erker hinaus geht, zeigt einfachere Behand- 
lung an Decke und Fenstern, aber ähnliche Portale. 

Das Schloss, eine ausgedehnte Anlage, deren Entstehung in's 
Mittelalter hinaufreicht, ist mit Ausnahme der reichen spät- 
gothischen Kapelle ohne künstlerisches Interesse. Nur im innern 
Schlosshof sieht man den Ansatz einer dreistöckigen Arkade, von 
der jedoch nur zwei Systeme ausgeführt sind: im Erdgeschoss 
Rustika mit übertrieben geschwellten dorischen Säulen, die beiden 
oberen Stockwerke mit flachgedrückten Bögen, im ersten Stock 
auf toskanischen Säulen, im zweiten auf Pfeilern, die mit ähnlichen 
Halbsäulen bekleidet sind, eine Arbeit der Zeit um 1600 ohne be- 
sondere Feinheit. Auch der damit verbundene Treppenthurm und 
das Portal desselben ist nur Mittelgut. 



Halle. 

Unter den Städten dieses Gebiets, welche eine selbständige 
Rolle spielen, ist vorzüglich Halle zu nennen. Schon seit dem 
13. Jahrhundert hatte die Stadt durch ihre Salzwerke solche Be- 
deutung erlangt, dass sie mit den Erzbischöfen von Magdeburg 
hartnäckige Fehden durchfechten und sich 1435 gegen ein starkes 
Heer des Erzbischofs Günther uud des Kurfürsten von Sachsen 
behaupten konnte. Ihr Wohlstand nahm im Laufe des 15 Jahr- 



814 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

huuderts durch den immer ausgedehnteren Handel stetig zu ; aber 
die stets wachsende, durch die sächsischen Fürsten geförderte 
Blüthe Leipzigs, mehr noch innere Streitigkeiten zwischen Patriciat 
und Volkspartei zerrütteten bald ihre Machtstellung, so dass Erz- 
bischof Ernst, im Bunde mit den Demokraten, sich 1478 der Stadt 
bemächtigen und durch Anlegung der gewaltigen Moritzburg 
(1484 — 1503) festen Fuss darin fassen konnte. 1 ) Noch entscheiden- 
der griff Erzbischof Albrecht von Brandenburg (1513 — 1545) in 
die Geschicke der Stadt ein. Dieser weltlich gesinnte, aber nach 
allen Seiten unternehmende und rücksichtslos vorgehende Kirchen- 
fürst, 2 ) der seit 1514 die beiden mächtigen Erzbisthümer von 
Mainz und von Magdeburg besass, 1518 dazu die Kardinalswtirde 
erhielt, säumte nicht, in umfassender Weise die inneren und äusse- 
ren Verhältnisse der Stadt umzugestalten. Ohne Pietät für das 
Althergebrachte, seinem Hange zur Pracht und zu glänzenden 
künstlerischen Unternehmungen nachgebend, riss er alte Kirchen 
ein, veränderte die Pfarrsprengel, gründete neue Stiftungen, fügte 
ansehnliche Bauten hinzu und bürgerte den Stil der Renaissance 
in Halle ein, wie er ihn bei dem schönen Brunnen auf dem Markt- 
platz zu Mainz (oben S. 425) ebenfalls zur Geltung gebracht hatte. 
Seine erste bedeutende Unternehmung in Halle ist die Domkirche, 
welche er mit Beibehaltung der mittelalterlichen Anlage seit 1520 
zum Collegiatstift umwandelte und glänzend ausstattete. Damit 
verband er einen neuen Palast zwischen den Gebäuden am Dom 
und dem Klausthor, die noch jetzt vorhandene Residenz (1529). 
Noch gewaltsamer riss er die beiden alten Kirchen am Markte 
nieder und erbaute seit 1529 die grossartige Marienkirche, noch 
ganz in gothischem Stil, aber mit reicher Renaissancedecoration 
des Innern. Schon vorher hatte er seinem Günstling Hans von 
Schönitz mehrere Kapellen am Markte geschenkt, um aus deren 
Steinen eine Reihe stattlicher Gebäude zu errichten. Die grandiose 
Anlage des Marktplatzes, der kaum einem anderen in Deutschland 
zu weichen braucht und den die gewaltigen zum Theil noch mittel- 
alterlichen Thürme sammt den imposanten Massen der Marienkirche 
überragen, ist Albrechts Werk. Noch verdienstlicher war es, dass 
er den Rath bewog, die verderbliche alte Sitte des Beerdigens in 
der Stadt aufzugeben und vor den Thoren jenen Friedhof anzu- 
legen, dessen grossartige Gestalt und künstlerische Ausstattung in 



x ) Vgl. Dreyhaupt, Beschreib, des Saal-Creyses. 1755. 2 Bde. Fol., 
sowie C. H. vom Hagen, die Stadt Halle. I. Bd. 1867. — 2 ) C. H. vom 
Hagen, I, 52 ff. Dazu J. H. Hennes, Albrecht von Brandenburg. Mainz 
1858 und J. May, Albrecht I von Mainz und Magdeburg. I. Bd. 1865. 



Kap. XV. .Obersachsen. 815 

Deutschland einzig- dasteht. Endlich wurde Albrecht gegen seine 
eigne Absicht mittelbar Anlass zur Einführung der Reformation 
in den Diöcesen Magdeburg und Halberstadt, da er 1539 den 
versammelten Stauden gegen Bezahlung seiner ansehnlichen Schul- 
denlast freie Religionsübung bewilligte. 

In der Geschichte der Deutschen Renaissance gebührt diesem 
Kirchenfürsten eine hervorragende Stelle. Auf der Universität 
zu Frankfurt an der Oder, wo er auch Ulrich von Hütten kennen 
lernte, war er durch humanistische Studien in den Geist der neuen 
Zeit eingeführt worden. Auf religiösem Gebiete zwar hielt er, 
durch seine hohe kirchliche Stellung in eingewurzelten Vorurtheilen 
festgebannt, streng am Althergebrachten ; aber um so rückhaltloser 
gab er sich der Pflege des künstlerischen Lebens hin. Unter 
allen gleichzeitigen Fürsten Deutschlands hat keiner in so nach- 
drücklicher Weise die Künste gepflegt wie er. Was durch seine 
Bestellungen Meister wie Dürer, Grünewald, Hans Sebald Beham, 
Lucas Cranach geschaffen haben, ist bekannt. Die Pinakothek 
in München, die Galerien zu Aschaffenburg, Berlin, Darmstadt 
und Mainz, die Gemäldesammlung des Louvre, die Kirchen zu 
Halle und Aschaffenburg weisen eine reiche Zahl von Gemälden 
auf, die durch ihn hervorgerufen wurden. In der Bibliothek zu 
Aschaffenburg sieht man mehrere Missale's und Gebetbücher, die 
durch Niklas Glockendon und Hans Sebald Beham mit pracht- 
vollen Miniaturen aufs reichste geschmückt sind. Zweimal stach 
Dürer sein Bildniss in Kupfer" ; durch die vorzüglichsten Meister Hess 
er seine Siegel stechen, die zum künstlerisch Werthvollsten dieser 
Gattung gehören. Peter Vischer musste ihm das ausgezeichnete 
Grabdenkmal für die Stiftskirche zu Aschaffenburg arbeiten; von 
Johann Vischer Hess er dann ebendort das schöne Reliefbild der 
Madonna setzen, und auch das in edlen Renaissanceformen durch- 
geführte, jedenfalls aus der Vischerischen Werkstatt herrührende 
Grabmal der h. Margaretha in derselben Kirche ist durch ihn her- 
vorgerufen. Die von ihm neu gegründeten kirchlichen Stiftungen, 
namentlich den Dom zu Halle stattete er mit prachtvollen Para- 
menten, Reliquien und künstlerisch geschmückten heiligen Gefässen 
aus. Die „Heiligthümer" dieser Kirche musste dann Dürer in 
einem eignen Werke in Kupfer stechen. Von den architektonischen 
Schöpfungen des kunstliebenden Fürsten besitzt Halle noch eine 
ansehnliche Zahl. Wie an jenem Brunnen zu Mainz, ja noch 
einige Jahre früher tritt hier die Renaissance in dem vollen Zauber 
ihrer spielenden Decoration auf, so dass diese Arbeiten zu den 
frühesten gehören, welche der neue Stil in Deutschland geschaf- 
fen hat. 



816 



III. Buch. Renaissance in Deutschland. 



In seinem Eifer für den katholischen Glauben wandte Albrecht 
hauptsächlich der Ausstattung von Kirchen seine Aufmerksamkeit 
zu. Der Dom oder die Predigerkirche ist keineswegs, wie man 
wohl gesagt hat, von ihm erbaut worden ; vielmehr zeigt der Chor 
eine strenge frühgothische Composition in edlen Formen vom 
Anfang des 14. Jahrhunderts, während das Schiff etwas später 
entstanden zu sein scheint. Als aber Albrecht das Collegiatstift 
hier gründete, schmückte er seit 1520 den Bau mit einer An- 
zahl bedeutender Werke. Er wusste dafür Künstler heran zu 




ziehen, welche den neuen Stil in selbständiger, zum Theil meister- 
hafter Weise zu behandeln verstanden. Dieser Zeit gehört im 
nördlichen Seitenschiff die elegant in Frührenaissanceformen behan- 
delte Dedikationstafel vom Jahre 1523. Ferner die Kanzel vom 
Jahre 1526, eins der reichsten Skulpturwerke unsrer Renaissance 
(Fig. 221). Völlig mit Laubwerk, spielenden Putten, reichen 
Gliederungen und plastischen Darstellungen geschmückt, Alles in 
Sandstein mit grossem Geschick ausgeführt, bemalt und vergoldet, 
hat das Werk den Ausdruck üppigster Lebensfrische. Ueber dem 
Aufgang ist ein Eccehomo, an der Treppenbrüstung sind die 
Kirchenväter, an der oberen Einfassung die Apostel und die Evan- 
gelisten dargestellt. Von derselben Pracht ist die Thür zur Sa- 



Kap. XV. Obersachsen. 817 

kristei, fabelhaft reich dekorirt, mit zwei ganz in Bildwerk auf- 
gelösten Säulen eingefasst. Auch das kleine südliche Portal der 
Kirche zeigt dieselbe spielende Eleganz. Endlich gehören in die- 
selbe Zeit die Apostelstatuen an den Pfeilern des Schiffes, höchst 
bedeutende Gestalten im grossartigsten Stil Dürer'scher Kunst, 
machtvoll in der Ausprägung der Charaktere, die Gewänder in 
dem knittrigen Stil, der damals namentlich in Nürnberg herrschte. 1 ) 
Die reichen Baldachine, unter welchen sie stehen, sind im 
Wesentlichen noch gothisch und nehmen kleine Consolen auf, 
welche Statuetten von Propheten tragen. Hier mischen sich 
Formen der Renaissance ein, namentlich aber sind die grossen 
Consolen der Hauptfiguren in elegantester Weise mit Voluten 
und Ornamenten des neuen Stils dekorirt. Von dem Baue Albrechts 
stammen endlich die Halbrundgiebel, welche die Kirche an der 
Aussenseite bekrönen und ihr ein so seltsames Gepräge geben. 
Hoch auf ziemlich steilem Ufer über der Saale aufragend, sieht 
der Dom mehr einem weltlichen als einem kirchlichen Gebäude 
gleich. Die beiden Thürme, welche Albrecht an der Westseite 
hinzufügte, waren in der Hast so unsolide ausgeführt, dass man 
sie 1541 abtragen musste. 2 ) Bald darauf (1529) führte der bau- 
lustige Fürst die Alte Residenz neben dem Dome auf, die 
freilich, jetzt arg verbaut und entstellt, wenig von ihrem ursprüng- 
lichen Glänze bewahrt hat. Man sieht zwei grosse Bogenportale, 
jedes mit einem kleineren Pf Örtchen zur Seite, in einfachen 
Frührenaissanceformen. Die Rahmen der Pilaster und Bögen 
haben eingelassene Schilde, die an dem einen Portal ungeschickter 
Weise sogar über die Umfassung hinausgreifen. Der weite, 
unregelmässige Schlosshof muss ehemals einen bedeutenden Ein- 
druck gemacht haben. Im Erdgeschoss sind noch Theile des 
Säulenganges erhalten, welcher mit weitgespannten gedrückten 
Bögen von 16 F. Axe das Ergeschoss umzog. Die stark geschwell- 
ten Säulen haben schlichte Frührenaissanceform. 

Völlig mittelalterlich dagegen ist die gewaltige Ruine der 
von Erzbischof Ernst (s. o.) erbauten Moritzburgf die am völlig 
gothisch behandelten Wappen 3 ) des Einganges die Jahrzahl 1517 



l ) Der Eindruck dieser herrlichen Werke leidet empfindlich durch die 
abscheuliche Zopfdecoration von Pahnzweigen und Draperien über den 
Arkaden, welche die ganze Kirche verunstalten. — 2 ) Von der ursprüng- 
lichen Pracht der Ausstattung dieser Kirche, die Albrecht mit Reliquien, 
Prachtgefässen, flandrischen Teppichen und Kostbarkeiten jeder Art ver- 
schwenderisch begabte, giebt das Gedicht des Sabinus (abgedr. bei May, 
a. a. 0. Beil. XL VI) lebendige Anschauung. — 3 ) Nicht in Renaissance- 
formen, wie man wohl behauptet hat. 

Kugler, Gesch. d. Baukunst. V. 52 



818 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

zeigt. In der Ulrichskirche ist neben dem Altar ein Taber- 
nakel, das sich aus spätgothischem Astwerk aufbaut, dann mit 
Consolen und Säulchen in die zierlichste Frührenaissance über- 
geht, um zuletzt wieder mit naturalistisch verschlungenem Astwerk 
zu enden. Es ist das seltsamste Gemisch, das von der künst- 
lerischen Gährung jener Epoche lebendige Anschauung giebt. In 
derselben Kirche eine reich geschnitzte Kanzel von 1588 mit 
biblischen Geschichten, in den Formen schon stark barock. Eine 
ähnliche Kanzel, nicht minder reich, aber auch stark barock in 
der Moritzkirche. 

Ein höchst bedeutendes Werk ist aber die grossartige Aus- 
schmückung, welche die Marienkirche (Marktkirche) in allen 
Theilen aufzuweisen hat. Der grossartige Bau des Langhauses, 
eine hohe Hallenkirche von herrlicher Raumwirkung, ist eins der 
spätesten Werke der Gothik in Deutschland, von 1530 bis 1554 
durch Meister Nikolaus Hofmann ausgeführt. An der südlichen 
Empore steht: „Durch Gottes Hülf hab' ich Nickel Hofmann diesen 
Bau in 1554 vollendet." Das Merkwürdigste ist aber, dass der- 
selbe Meister den ganzen gothisch construirten Bau m Renaissance- 
formen decorirt hat. In den Seitenschiffen sind nämlich Emporen 
auf gothischen Pfeilern und gerippten Kreuzgewölben angeordnet, 
aber die ganzen Zwickelflächen in Sandstein mit Renaissance - 
Ornamenten, Laub und- Ranken werk, mit Figürlichem gemischt, 
bedeckt. Die Brüstung der Emporen ist mit Kandelabersäulchen 
im Stil der Frührenaissance eingetheilt, aber mit gothischem 
Maasswerk gegliedert. Ebenso zeigt die obere Empore im nörd- 
lichen Seitenschiff dieselben Formen in Holzschnitzerei. Hier sind 
auch an den Pfeilern der oberen Empore zwei prächtige Palm- 
bäume ausgeführt. Dazu kommt nun, dass die ganze Kirche in 
den Seitenschiffen unter den Emporen mit einem Stuhlwerk der 
besten Renaissance versehen ist,* die Rückwände mit feinen Pi- 
lastern decorirt, Alles reich und mannigfaltig, sämmtliche freie 
Flächen mit edlem Laubwerk bedeckt. Ein dorischer Triglyphen- 
fries mit einer trefflich stilisirten Bekrönung bildet den Abschluss. 
Man liest wiederholt die Jahreszahlen 1562 bis 1566 und kann 
das Fortschreiten der Arbeit bis in's Einzelne verfolgen. Dazu 
kommen Chorstühle vom Jahre 1575, endlich hinter dem Hoch- 
altar die prachtvollsten Sedilia, in Schnitzarbeit von etwas 
üppigeren Formen, vom Jahr 1595. Der Frührenaissance gehört 
dagegen die Kanzel, bei welcher sogar in den Details noch über- 
wiegend die Gothik herrscht; die Pilaster des Eingangs aber 
zeigen die Renaissanceformen. 

Die Profanbauten stehen hier hinter den Kirchen auffallend 



Kap. XV. Obevsachsen. 819 

zurück. Das Kathhaus ist ein geringerer Bau spätgothischer 
Zeit. Die Loggia des Mittelbaues errichtete 1558 der uns schon 
bekannte Nikolaus Hofmann. Im Innern zeigt der obere Vorsaal 
tüchtig gegliederte Balkendecken mit Kassettirungen, die Balken 
in mittelalterlicher Weise ausgekehlt; ausserdem ein steinernes 
Portal in Frührenaissanceform, einfach, mit Pilastern und muschel- 
gefülltem Bogengiebel. Sodann ein schöner Schrank mit eingelegter 
Arbeit, architektonische Prospekte darstellend. Wichtiger ist die 
neben dem Rathhaus liegende Stadtwaagejetzt als Schule dienend, 
ein stattlicher Steinbau mit sehr reichem Portal aus guter Re- 
naissancezeit, 1573 bis 1581 entstanden. 1 ) In der Dekoration des 
Portals, an den Schäften der dorischen Pilaster, an Bogenzwickeln, 
dem Fries und Aufsatz herrscht ein schön gezeichnetes Laubwerk 
vor, namentlich im Fries Akanthusranken mit spielenden Putten, 
an den Zwickeln zwei kräftige Köpfe in Hochrelief weit heraus- 
schauend, die Archivolte selbst facettirt, endlich an den Posta- 
menten Löwenköpfe. Ein kleines Pf Örtchen für Fussgänger 
daneben hat Seitennischen mit Muschelwölbung. Ursprünglich 
erhielt die Fagade ein reicheres Gepräge durch zwei im ersten 
Stock vorgekragte Erker, die man auf der Abbildung bei Dreyhaupt 
noch sieht. Im Innern führt ein mächtiger flachgedeckter Flur 
zu einer schönen Wendeltreppe mit gekehlter Spindel, sodann zu 
einem weiten Hofe, dessen rechter Flügel in charaktervollem 
Fachwerk gebaut, mit tief gekehlten Balken und elegant ge- 
schnitzten Consolen aufgeführt ist. 

Ein vereinzeltes Beispiel der Frührenaissance ist das Eckhaus 
am Markt und der Kleinschmiedenstrasse, auf beiden Seiten mit 
hohem Giebel, dessen Voluten sammt den Friesen blos durch 
Einkerbungen wirksam belebt sind. Der Bau mag zu jener Gruppe 
von Häusern gehören, welche Hans von Schönitz am Markt auf- 
führen Hess. Aus der mittleren Zeit stammt das Haus an der Ecke 
der Grossen und Kleinen Steinstrasse, mit einem ausgekragten 
runden Erker, der freilich jetzt halb verbaut ist, aber an der 
Brüstung noch elegantes Rankenwerk zeigt. Die "übrigen Privat- 
bauten gehören hier erst der Schlusszeit an und sind weder an 
Zahl noch an künstlerischer Bedeutung hervorragend. Eine Aus- 
nahme macht das grosse Prachtportal in der Leipzigerstrasse No. 6, 
datirt vom Jahr 1600. Es hat auf den Seiten Sitznischen mit 
Muschelwölbungen und öffnet sich mit einem grossen reich und 
derb ornamentirten Bogen; darüber Hermen, die das Gesimse 
tragen, in den Zwickeln die liegenden Gestalten von Sonne und 



l ) Dreyhaupt, I, 359. 

52 : 



820 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Mond; auf dein Gesimse Justitia, Temperantia und Simson mit 
dem Löwen, dazwischen Inschriftschilde von Fruchtschnüren ein- 
gefasst. Das Ganze prachtvoll barock, von grosser decorativer 
Wirkung-, die aber in Missverhältniss steht mit der zu kleinen 
Facade. Der mit Kreuzgewölben bedeckte Flur mündet auf einen 
Hof, der von kräftigen Fachwerkbauten eingefasst ist. Ein hüb- 
sches kleineres Portal mit zierlicher Gliederung sieht man in der 
Grossen Moritzstrasse ; ein kraftvoll derbes Barockportal mit tos- 
kanischen Säulen auf hohen Postamenten, daneben eine kleine 
rechtwinklige Pforte in der Grossen Steinstrasse No. 71. Wie 
lange gelegentlich die frühere Renaissanceform hier nachwirkt, 
sieht man an dem Portal der Kleinen Klausstrasse No. 6 vom 
Jahr 1658. Einige Male kommen reich geschnitzte Holzerker vor, 
die in Anlage und Behandlung den späten Leipziger Erkern ent- 
sprechen. So an dem Haus Kleinschmiedenstrasse No. 2 ein bis 
oben hinauf ganz mit Laubwerk und Fruchtschnüren bedeckter. 
Aehnlich, nur nicht ganz so reich, Grosse Märkerstrasse No. 2. 

Ein Werk von besonderer Grossartigkeit, meines Wissens in 
Deutschland einzig dastehend, ist der alte Friedhof. Wenn man 
an der Ostseite der Stadt bei den neuen Anlagen sich rechts 
wendet, so führt zwischen hohen Mauern der sanft ansteigende 
Weg in einigen Minuten nach diesem Gottesacker, der mit seinen 
herrlichen Baumgruppen die Höhe beherrscht und einen wunder- 
vollen Blick auf die Stadt mit ihren Thürmen bis in das Saale- 
thal gewährt. Ein Thorweg, über welchem sich ein Kuppelthurm 
aufbaut, führt in ein ungeheures Viereck, welches rings von Ar- 
kaden, und zwar 94 Bögen von etwa 16 Fuss Spannung eingefasst 
ist. Es sind Flachbögen, auf Rahmenpilastern ruhend, jeder ein 
besonderes Familienbegräbniss einschliessend, an den Archivolten 
mit Inschriften bedeckt, an sämmtlichen Pilastern und Zwickel- 
flächen mit Ornamenten der besten Renaissance geschmückt, 
lieber dem Eingangsportal das kräftig behandelte Brustbild des 
Baumeisters Nickel Hufmann. Aber auch ohne dies monumentale 
Zeugniss würde man aus der Aehnlichkeit mit den Formen der 
Marktkirche auf denselben Architekten schliessen. Ja sogar in 
denselben Jahren, als das umfangreiche Stuhlwerk jener Kirche 
geschnitzt wurde, geschah die Ausführung des Friedhofs. Man 
liest wiederholt die Jahreszahlen 1563 bis 1565, dazu mehrmals 
die Namenszüge des Meisters, ausserdem noch die Buchstaben T. R, 
und an der Ostseite nennt sich einmal Hans Reuscher. An der 
Südseite sind eine Anzahl von Bögen in einem besonderen Stil 
dekorirt, so dass die Ranken des Laubwerks sich wie Weinranken 
in wunderbar reichem Spiel in und um einander verschlingen. Im 



Kap. XV. Obersachsen. 821 

Uebrigen herrscht grosse Einheit der Dekoration, und es ist er- 
staunlich, wie an einem so ausgedehnten Werk das dekorative 
Talent und die Erfindungsgabe nimmer erlahmt. Dass man die 
Ausführung auf verschiedene Hände vertheilen musste, ist begreif- 
lich; manches ist von vorzüglicher Feinheit, nur das Figürliche 
zum Theil von geringerem Werth. Dass aber die Stadt , neben 
den grossartigen Arbeiten in der Marktkirche noch ein solches 
Werk zu gleicher Zeit fördern konnte, ist ein schöner Beweis für 
ihren Monumentalsinn und wohl auch für ein besonders reges 
religiöses Leben. 



Merseburg. 

Dieser uralte Bischofssitz bewahrt in dem mächtigen Schloss 
ein grossartiges Zeugniss der Fürsten, die hier residirt. Mit 
seinen drei Flügeln umfasst es einen weiten viereckigen Hofraum, 
dessen vierte nach Süden gelegene Seite der Dom begrenzt und 
zwar derart, dass die westlichen Facaden des Schlosses und des 
Domes in derselben Flucht liegen. 1 ) 

Die nordwestliche Ecke des Schlosses ist von einem mit 
Bäumen bepflanzten Hof umgeben, um den sich kleinere Wirth- 
schaftsgebäude gruppiren. Man betritt diesen Hof vom Domplatz 
aus durch ein stattliches Portal in kräftiger Bossagenarchitektur 
mit etwas barockem Aufsatz (das Merseburger Wappen von Löwen 
gehalten). Durch einen verhältnissmässig kleinen Durchgang ge- 
langt man von da in den imposanten innern Schlosshof. Hier 
steht auch der alte schwarze Käfig, in welchem der historische 
Merseburger Rabe gefüttert wird. 

Vor den letzten Giebel der Westfacade legt sich ein schlan- 
ker hoher Treppenthurm, dessgleichen einer vor den mittleren 
Giebel der Nordfacade. Die letztere ist gegen den Schlossgarten 
gerichtet, in dessen Axe ein stattlicher Colonnadenbau aus späterer 
Zeit steht. Eine bepflanzte Terrasse mit prächtiger Aussicht liegt 
vor der nach dem anmuthigen Saale -Thal blickenden Ostfacade, 
die im Verein mit den schlanken Thürmen des Schlosses und der 
mittelalterlichen vierthürmigen Domkirche vom jenseitigen Fluss- 
ufer aus ein ungemein malerisches Bild gewährt. 

Die Architektur des Aeussern wie auch des innern Schloss- 
hofes ist wesentlich bedingt durch die hohen Giebel, welche 



*) Werthvolle Notizen über das Nachfolgende verdanke ich Herrn 
Architekt Ludwig Neher. Vgl. Seemann's D. Ren. Heft 14. 



§22 HI- Buch. Renaissance in Deutschland. 

sich (am Nordflügel in weiteren, am Ost- und Westflügel in 
engem Zwischenräumen) über dem durchlaufenden Hauptgesimse 
bis zur Firsthöhe erheben, in drei Stockwerke getheilt, deren 
Verjüngungen durch Voluten und Obelisken vermittelt sind, oben 
mit geradlinigem Giebel geschlossen. 

Die Hauptstockwerke zeigen grosse rechteckige Fenster, 
durch Steinkreuze getheilt, oder, wie hauptsächlich im Hof, 
Fenster mit vorhangartigem, aus drei einwärts gekrümmten Seg- 
menten gebildetem Abschluss. Diese in den sächsischen Gegenden 
beliebte Form gehört dem Ausgang des Mittelalters an. In der 
That wurde das Schloss grösstentheils in jener Epoche durch 
den Bischof Thilo von Trotha (f 1514) errichtet. 

Im Uebrigen sind die äussern Facaden völlig schmucklos. 
Um so reicher gestaltet sich der innere Schlosshof. Zu den in 
die südwestliche und südöstliche Ecke sich legenden mittelalter- 
lichen Thürmen der Domkirche gesellt sich in der nordöstlichen 
Ecke ein imposanter Treppenthurm mit kräftigem Consolengesimse 
und stattlichem Helm, die Facade fast um die doppelte Höhe 
überragend. Ein hübsches Portal (mit einer Umrahmung korin- 
thischer Ordnung; in der einfachen mit Voluten geschmückten 
Attika das erste schiefe Treppenfenster) führt in das Innere des 
Thurmes, an den sich längs des östlichen Flügels ein von üppigem 
Grün überwachsener terrassenartiger Vorbau lehnt. In der Mittel- 
axe des folgenden Giebels springt ein durch die zwei Hauptstock- 
werke und das erste Giebelstockwerk reichender Erker vor, auf 
frei hängenden gothischen Rippen ruhend, oben durch eine Attika 
mit Rundfenstern und Voluten abgeschlossen. In der südöstlichen 
Ecke baut sich aus dem zweiten Hauptstock ein langer bedeckter 
hölzerner Balkon auf Steinconsolen heraus. Die zum Theil sehr 
grossen Fenster dieses ganzen Ostflügels zeigen fast alle stich- 
bogigen Abschluss. 

Ein reiches Portal bezeichnet die Mitte des nördlichen Flügels, 
dessen unterster Stock an zwei andern Portalen noch mittelalter- 
lichen Einfluss verräth. Die umrahmenden dorischen Säulen auf 
Stylobaten tragen über ihrem Gebälk die Statuen des h. Laurentius 
mit dem Rost und des Evangelisten Johannes, zwischen beiden 
als krönenden Abschluss das bischöfliche Wappen, kräftig um- 
rahmt, von Löwen gehalten. Alles ist reich decorirt, der obere 
Theil des Säulenschaftes cannelirt, doch sind die Details etwas 
schwulstig; das Ganze hat sehr gute Verhältnisse. In ähnlichem 
Geschmack ist der stattliche Erker dieses Flügels auf reich ge- 
schmückter Unterkragung, im ersten Stock rustik mit dorischer 
Ordnung, im zweiten ionische Pilaster auf stehenden Consolen. 



Kap. XV. Obersachsen. §23 

Das Ganze durch eine Attika mit Rundfenster und Volutenornament 
gekrönt. 

In ähnlicher Weise ist auch der westliche Flügel geschmückt, 
namentlich ziehen hier viele steinerne Wappen das Auge auf 
sich. 

Die Südseite des Schlosshofes wird nun von der Domkirche 
mit ihren steilen Giebeln und Thürmen eingenommen, und- so bil- 
det dieser Hof ein Ganzes von grandiosen Dimensionen und un- 
gemein malerischer Wirkung. Denkt man sich dazu die ehemalige 
Bemalung (von welcher zahlreiche Spuren namentlich am Nord- 
flügel über den Fenstern etc. zeugen), so muss dieser Hof ehedem 
einen prachtvollen Eindruck gemacht haben. 

Gegenwärtig zeigt das Mauerwerk überall grosse Einfachheit. 
Nur an den Portalen und den Erkern giebt sich die reiche Deko- 
rationsweise der Spätrenaissance mit ihren Metallornamenten zu 
erkennen. Diese Theile stammen offenbar vom Ausgange des 1 6. 
oder Beginn des 17. Jahrhunderts. Als Architekt nennt sich 
Simon Hofmann, vielleicht ein Sohn jenes in Halle thätigen Meisters. 
Das Hauptstück der Dekoration ist im Innern die prachtvolle, in 
einem polygonen Treppenhaus angelegte Wendelstiege, ähnlich 
der schönen Treppe in Göppingen an der Unterseite völlig mit 
Ranken, Masken, Wappen und allerlei Figürlichem in fein be- 
handelten Reliefs bedeckt. Das Treppenhaus schliesst mit ele- 
gantem Sterngewölbe in spätgothischen Formen, daran die Inschrift: 
Herr Johann von Kostitz* Domprobst. Eine zweite Treppe, kaum 
minder reich geschmückt, ist an der Unterseite völlig mit Orna- 
menten in dem bekannten Charakter von Metallbeschlägen bedeckt. 

Zu erwähnen ist noch der originelle, dreiseitige Ziehbrunnen. 
Auf kräftiger Brüstung öffnet sich nach drei Seiten je ein Bogen, 
von dorischen Säulen mit reichgeschmücktem verkröpftem Gebälk 
umrahmt; drei Bügel, feurige bewegte Seepferde tragend, wölben 
sich darüber zusammen; den gemeinschaftlichen Schlussstein 
krönt ein Neptun mit dem Dreizack. Zwischen den Seepferden 
über den Bogenaxen ist je ein Wappen mit reicfier Umrahmung. 
Bei barockem Detail hat das Ganze eine ungemein lebendige Sil- 
houette und trägt den Stempel einer üppigen phantasievollen 
Epoche. (Abgeb. in den Studienbl. des Arch. Ver. am Polyt. in 
Stuttgart.) 

Im Dom bezeichnet die Kanzel (c. 1526), ein im Wesent- 
lichen spätgothisches Werk, reich mit Reliefs in Holz geschnitzt, 
in einzelnen Renaissance -Elementen den Eintritt des neuen Stils. 



824 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 



Thüringen. 

In den thüringischen Landen tritt, mit Ausnahme von Erfurt, 
kein städtisches Gemeinwesen in dieser Epoche selbstthätig her- 
vor. Wohl aber ist Manches von fürstlichen Bauten zu melden, 
mit welchen die sächsischen Herzoge und Kurfürsten ihre zahl- 
reichen Eesidenzen geschmückt haben. Doch finden wir darunter 
keine Schöpfung ersten Ranges. Das für unsre Betrachtung Er- 
hebliche mag kurz erwähnt werden. 

Von dem alten Schloss zu Weimar ist zunächst der runde 
Thurm, freilich mit späterem Aufbau, erhalten. Mit ihm verbunden 
einige ältere Theile, unregelmässig und unbedeutend, mit Ausnahme 
eines ziemlich ansehnlichen Bogenportales, dessen schräge Lai- 
bung mit Ornamenten der Frührenaissance umfasst wird; (c. 1530 
entstanden). Ebenso der krönende Aufsatz mit dem Wappen, zu 
dessen Seiten Delphine angeordnet sind. Die gewölbte Eingangs- 
halle führt zu einer ganz schlichten Wendeltreppe. Die Giebel 
dieses Baues, mit einfachen Bogenabschlüssen und dürftigen Lise- 
nen gegliedert, gehören derselben Frühzeit. Ein Modell auf der 
grossherzoglichen Bibliothek giebt eine Anschauung des alten 
Baues vor dem Brande von 1618. Herzog Johann Ernst begann 
1619 den Neubau, welcher dann 1790-1803 durch den modernen 
Umbau grösstentheils beseitigt wurde. Aus diesen Zeiten stammt 
das Rothe Schloss, welches mit seinen Portalen und Giebeln den 
beginnenden Barockstil, aber ebenfalls ohne höheren künstlerischen 
Werth vertritt. 

Auch sonst bietet die Stadt für Renaissance nicht viel Be- 
deutendes. Am Interessantesten ist das Cranachhaus am Markte, 
um 1526 entstanden und mit dem Wappen des Meisters geschmückt. 
Es hat im Erdgeschoss der unregelmässigen Facade ein System 
von grossen Bogenöffnungen im Charakter spielender Frührenais- 
sance, mit dünnen kandelaberartigen Säulchen, üppigem breit ge- 
zeichnetem Laubwerk und mancherlei figürlichen Elementen deko- 
rirt. Die schrägen Seitenwände der Bogenöffnungen zeigen die be- 
liebten Muschelnischen mit Sitzsteinen. Die ebenfalls abgeschrägten 
Archivolten, die Zwickelflächen und die horizontal abgestumpften 
krönenden Giebel haben reiches Laubwerk. Mit der modernen 
Ladeneinrichtung hat eine Restauration dieser Theile stattgefunden, 
welche sich dem Charakter des Ursprünglichen gut anschliesst. 
Die Fenster der Facade, unregelmässig vertheilt, zeigen mittelalter- 
liche Kehlenprofile, der obere Abschluss wird durch zwei aufge- 
setzte Giebel bewirkt, die in nüchterner Weise mit dürftigen 



Kap. XV. Obersachsen. 825 

Lisenen gegliedert und mit geschweiften Bogenlinien abgeschlos- 
sen sind. 

Die ausgebildete Renaissance zeigt sich an dem einfach derben 
Bau des städtischen Brauhauses von 1566. Die Fenster sind mit 
schweren Giebeln bekrönt, haben aber trotzdem gothische Kehlen- 
profile. Das Portal schliesst ein ähnlicher Giebel ab, der auf 
kannelirten toskanischen Säulen ruht. An den Seiten sieht man 
wieder die Muschelnischen. Der ungemein hohe abgetreppte 
Giebel wird durch Voluten profilirt, die in üppiges Laubwerk, 
am obersten Absatz in kolossale Delphine auslaufen, und die Be- 
krönung macht die Figur eines Gewaffneten. Vom Jahr 1568 
datirt am jetzigen Kriminalgebäude ein elegant gearbeitetes Doppel- 
wappen in einem Rahmen aufgerollter und zerschnittener Bänder. 
Mehrere kleine Renaissanceportale sieht man an verschiedenen 
Häusern, z. B. in der Breiten Strasse. 

In der Stadtkirche hat das herrliche grosse Altarbild von 
Cranach vom J. 1555 eine frei geschnitzte Bekrönung von Wappen, 
Reiterfiguren und prachtvollem Laubwerk, das theils der Renais- 
sance, theils dem spätgothischen Naturalismus angehört. Das 
Ganze ist völlig bemalt und vergoldet, von hohem künstlerischen 
Werthe. Ausserdem ist das Epitaph Herzog Johann Wilhelms 
von 1576 eine brillante Marmorarbeit von virtuosenhafter Aus- 
führung, wahrscheinlich das Werk eines italienisch gebildeten 
Niederländers. 



Erfurt, im Mittelalter eine der grössten Städte Deutschlands, 
bewahrt noch jetzt in seinen Denkmalen bedeutende Zeugnisse 
ehemaliger Macht. Sein Dom mit der gewaltigen Freitreppe, die 
auf die Höhe führt, rechts gegenüber die hohen Hallen der 
Severikirche, bilden den monumentalen Mittelpunkt, eine Art Akro- 
polis der Stadt. Das Bürgerthum, welches durch Handel und 
regen Austausch zwischen Süden und Norden, sowie durch frühe 
Verbindung mit der Hansa mächtig geworden war, hat auch an 
der Bewegung der Renaissance sich kräftig betheiligt. 

Schon zeitig tritt der neue Stil an einzelnen Privatbauten auf. 
In der Allerheiligenstrasse ist der ansehnliche Bau des Collegium 
Saxonicum, inschriftlich 1521 gegründet, mit einem Renaissance- 
wappen von 1542 geschmückt. Im oberen Geschoss sind gekup- 
pelte Fenster angebracht, in sehr wunderlicher unbeholfener Früh- 
renaissance von Säulen eingefasst, mit kräftigem Gesims ab- 
geschlossen und darüber Flachbögen mit Muschelfüllung, an den 
Ecken aufgesetzte Kugeln. Dieselben Fenster, offenbar von dem 



826 UI« Buch. Renaissance in Deutschland. 

gleichen Meister, sind im Erdgeschoss des Hauses No. 6 ebenda 
verwendet, die oberen Fenster dagegen einfach mit mittelalterlichem 
Profil. Dagegen ist die prächtig geschnitzte Hausthür mit ihren 
korinthischen Säulen und ornamentalen Flachreliefs von schönem 
Schwung der Zeichnung ein Werk des vollendeten Stiles. In 
derselben Strasse an No. 8 herrscht noch 1533 und 1537 aus- 
schliesslich die Gothik. Von 1549 datirt sodann ein kleines 
Renaissanceportal der Michaelisstrasse No. 48 mit eigenthümlich 
entwickelten Ecknischen. 




Eine stattliche Composition ist das Giebelhaus No. 7 am 
Fischmarkt, zum rothen Ochsen, vom J. 1562. Das Portal ist mit 
facettirten Quadern eingefasst und hat Seitennischen, welche statt 
der anderwärts üblichen Muschelwölbung oben durch Voluten ab- 
geschlossen sind: eine in Erfurt häufig wiederkehrende Form. 
Ueber dem Erdgeschoss läuft ein Fries mit spielenden Kindern 
hin. Der erste Stock wird durch kannelirte ionische Pilaster an- 
gemessen gegliedert, die Fenster haben Giebel mit plastischen 
Köpfen. Der zweite Stock ist einfacher behandelt, ohne Gliede- 
rung, die Fenster mittelalterlich profilirt. Feine Zahnschnittfriese 
trennen die Geschosse. Am originellsten ist der das Satteldach 
verdeckende Giebel (Fig. 222) mit seinen Pilasterstellungen und 



Kap. XV. Obersachsen. 



827 



kräftigen Fensterrahmen, namentlich aber den phantastischen 
Figurengruppen, welche die Absätze an den Ecken verbinden. 

Aehnliche Composition, aber in reicherer Ausführung mit 
stärkerer Anwendung von plastischem Schmuck und entschiednerer 
Hinneigung zum Barocco, zeigt an demselben Platze die pracht- 
volle Facade No. 13, vom J. 1584. Ueber dem Erdgeschoss ziehen 
sich malerisch behandelte Flachreliefs hin, durch reiche Cdnsolen 
getrennt. Phantastische Hermen gliedern das Hauptgeschoss, 
korinthische Pilaster auf kräftigen Consolen den zweiten Stock. 
Fein ornamentirte Friese bilden den Abschluss der Stockwerke, 
und ein elegantes Zahnschnittgesims trennt das obere Geschoss 




von dem Giebelaufsatz. Die Fenster des ersten Stockes haben 
reiche barock verschlungene Krönungen; alle übrigen, auch am 
Dacherker, haben Giebelaufsätze mit stark vortretenden Köpfen. 
Die Silhouette des abgetreppten Oberbaues wird wieder durch figür- 
liche Gruppen belebt. Es ist eine der durchgebildetsten Fagaden 
unsrer Renaissance, durch treffliche Verhältnisse ausgezeichnet. 
Im Innern ein Flur mit schönen gothischen Netzgewölben, der zu 
einer stattlichen Wendeltreppe führt. Die Spindel ruht auf schlan- 
ken Säulen, und die untere Seite der Stufen ist auf's Reichste 
mit ornamentalen Reliefs dekorirt. 

Beträchtlich früher, feiner und schlichter ist das Haus am Anger 
No. 37 v. J. 1557. Das Portal (Fig 223) vertritt in anziehender 
Weise die hier übliche Form der Seitennischen, deren Ausbildung 



828 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

beachtenswei*th ist. Die Pilaster, welche das Portal einfassen, 
sind wie der Fries mit hübschen Ranken geschmückt; die Zwickel- 
felder enthalten die Köpfe von Christus und Paulus in Medaillons. 
Die übrigens einfache Fa§ade erhält durch einen polygonen im ersten 
Stock ausgebauten Erker einige Belebung. Ein schönes Eisengitter 
füllt das Oberlicht über der Thür. Im Flur sieht man zwei pracht- 
voll gearbeitete Säulen aus späterer Zeit. 

Ein zierliches Werk ist der am Aeussern der Michaelis- 
kirche angebrachte Grabstein des Melchior Sachse und seiner 
Frau, durch den Sohn wahrscheinlich nach dem Tode der letztern 
(1553) errichtet. Die Gestalten der Verstorbenen werden von 
einem eleganten Renaissancerahmen auf kannelirten toskanischen 
Pilastern umschlossen. Die Arbeit ist in sicherer Meisterschaft 
durchgeführt. Ganz in der Nähe, Michaelisstrasse No. 38, das 
ansehnliche Haus dieser Familie, vom Jahr 1565. Ein Portal mit 
Ecknischen, von ionischen Halbsäulen eiugefasst, die Archivolte 
mit facettirten Quadern gegliedert, in den Zwickelfeldern zwei 
Medaillonköpfe, ähnlich wie bei dem Haus am Anger, im Fries 
der Spruch: „Was Gott bescheert bleibt unerwert." Darüber ein 
Aufsatz in Form einer Aedicula, von korinthischen Säulchen ein- 
gefasst und mit Giebel geschlossen, darin die Wappen von Melchior 
Sachse und Elisabeth Langen. Zwei riesige geflügelte Dephine 
bilden auf beiden Seiten eine barocke Einrahmung. Die Ecke 
des Hauses ist originell als kräftige Rusticasäule mit toskanischem 
Kapital behandelt. Die Fenster haben noch durchweg das mittel- 
alterliche Kehlenprofil. Ein kleines Haus neben der Michaelis- 
kirche besitzt ein stattliches Portal von 1561, gleich den übrigen 
mit Seitennischen und fein gegliederter Archivolte, eiugefasst von 
korinthischen Säulen. Am Fries die Inschrift: „Gott spricht es, 
so geschieht es. — llgen Milwicz, Anna Schwann 1 ogelin." Dabei in 
den Zwickelfeldern trefflich behandelte Wappen. Die Fenster des Erd- 
geschosses haben ebenfalls korinthische Säulchen als Einfassung, 
derb facettirte Quader am Fries und kleine Giebel als Krönung. 

Den Abschluss der Epoche bildet eins der reichsten und 
elegantesten Häuser dieses Stiles, das Haus zum Stockfisch in der 
Johannisstrasse, vom Jahr 1607. Zwei stattliche Portale (Fig. 
224) in kräftig barocken Formen und ein Erker schmücken die 
ziemlich breite Facade. Die Hausthür zeigt treffliches Schnitz- 
werk, die Einfassung zu beiden Seiten wieder die beliebten 
Nischen. Ganz prachtvoll ist aber die Belebung der Flächen 
durch eine Rustika, deren Quader abwechselnd glatt oder mit 
feinen flachbehandelten Bandornanienten geschmückt sind. Im 
Hausflur ein kräftiges von ionischen Säulen eingefasstes Portal. 




Fig. 224. Erfurt, Haus zum Stockfisch. 



Kap. XV. Obersachsen 831 

Einiges findet sich auch in den Kirchen. Im Dom ein grosses 
Wandepitaph vom Jahr 1576 im südlichen Seitenschiff, altarartig 
aufgebaut, im Stil schon sehr barock, dabei reich polychromirt 
das Monogramm des Meisters E. G. Aus derselben Zeit ein 
Doppelgrab, ebendort, bezeichnet H. F. Sodann noch ein Epitaph 
am östlichen Ende desselben Seitenschiffs, von ähnlicher Compo- 
sition und Ausführung. Weiter gehört hierher der Tauf stein von 
1587, mit Figuren von Tugenden zwischen phantastischen Hermen 
und Karyatiden, ausserdem sehr reich mit Metallornamenten ge- 
schmückt. Um den Taufstein erhebt sich auf sechs ionischen 
reich dekorirten Säulen mit Goldornamenten auf blauem Grund 
ein grosser phantastischer Baldachin, über dem Gebälk mit hoher 
Kuppel aus durchbrochenen Rippen bekrönt, auf den Ecken 
schlanke Pyramiden, in der Mitte oben ein riesiger Obelisk, der 
bis an's Gewölbe reicht, alles dies reich dekorirt und bemalt, 
neuerdings hergestellt, von phantastisch barocker Wirkung. 

Feiner und zierlicher ist die Kanzel in der Severikirche, 
ein elegantes Werk von 1576. 

In Jena 1 ) finden sich zwei vollständige Renaissancehäuser 
von auffallend strenger Architektur. Der sogenannte Burgkeller, 
dicht neben der Stadtkirche gelegen, ist ein Giebelbau von be- 
scheidenen Dimensionen. Etwas seltsam wirkt der zwiebeiförmige 
Abschluss des Hauptgiebels wie auch des Dacherkers über dem 
Pultdach der Nebenseite. 

Vor die etwas in die "Ecke gedrückte Hauptpforte legt sich 
eine kleine Freitreppe. Die Architektur dieser Pforte zeigt die 
in Jena wie in ganz Thüringen häufige Form : rundbogiges Portal 
mit abgeschrägter Leibung, in deren vertikaler Fläche meist mit 
Muschelwölbung geschmückte Nischen mit runden Steinsitzen 
angebracht sind; die gebogene Fläche der Leibung ist durch reiche 
Profilirung mit Eierstab, Zahnschnitt, kleinen Consolen gegliedert, 
(vgl. oben Fig. 216.) Die Fensteröffnungen zeigen hübsche Detail- 
bildung, sämmtlich mit geradlinigem Giebelabschluss. In wohl- 
berechneter Steigerung lichten sich, bei stets reicherer Umrahmung 
der Fenster, die Mauermassen. Die weiten Oeffnungen des ober- 
sten Hauptstocks werden durch schlanke ionische Säulchen ge- 
theilt, dessgleichen die Oeffnung des Dacherkers auf der Neben- 
seite durch eine dorische Zwergsäule. 

Das zweite Haus, wenige Häuser in der nächsten Gasse ent- 
fernt, zeigt eine fast italienische Fagadengliederung. Im untern 
Stockwerk zwei stattliche Bögen, von einer toskanischen Pilaster- 



l ) Dies nach Notizen von Herrn Architekt Ludwig Neher. 



832 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Ordnung umrahmt; dabei ist merkwürdigerweise mittelst Durch- 
führung des Kämpfergesimses die Bogenöffnung als Fenster eines 
Mezzaninstockes benutzt. Der Fries der Hauptordnung trägt als 
Inschrift: Gloria in excelsis etc. Das Stockwerk darüber zeigt 
eine feine Pilasterarchitektur mit verdoppelter Axenzahl. Die 
Fenster sind einfach umrahmt. Die weiteren Stockwerke scheinen 
später hinzugefügt. Das Innere unbedeutend. 

Ausser diesen Häusern findet man häufig das oben be- 
schriebene Portal wiederkehrend; auch der Giebelabschluss des 
Jenaer Rathhauses mit kunstreicher Uhr gehört in die Renais- 
sanceperiode. 



Das Wenige, was Gotha an Renaissancebauten besitzt, zeugt 
nicht gerade von einer bedeutenden künstlerischen Thätigkeit, 
reiht sich indess den Arbeiten der benachbarten Orte an und 
dient zur Vervollständigung des Bildes. Das Rat hh aus ist ein 
langgestrecktes Rechteck, mit hohem Giebel an der schmalen 
Nordseite gegen den Markt, mit viereckigem Treppenthurm an 
der Südseite. Die Facade von 1574 hat später eingreifende Um- 
gestaltungen durch vorgesetzte Stuckpilaster erfahren. Das Portal 
aber mit seinen Seitennischen, darüber ein Aufsatz mit dem 
Wappen, zu beiden Seiten unförmliche Delphine, entspricht der 
Behandlung, wie wir sie in Erfurt und Weimar fanden. Auch 
der hohe Giebel mit seinen barocken Voluten und ihrem phan- 
tastischen figürlichen Schmuck ähnelt den gleichzeitigen Erfurter 
Bauten. Den Abschluss bildet ein durchbrochener Bogen mit der 
Uhrglocke, darauf als Krönung eine kleine Ritterfigur. Schön ist 
an der oberen Galerie des Thurmes das zierliche schmiedeeiserne 
Gitter; ausserdem über einem modernisirten Portal der westlichen 
Langseite ein fein gearbeitetes Wappen, von zwei Löwen gehalten. 
Eine schlichte Wendeltreppe führt um einen achteckigen Pfeiler 
im Thurm zum oberen Geschoss, welches eine grosse lange Vor- 
halle enthält. 

Ein etwas einfacheres Portal im Charakter des Rathhauses, 
ebenfalls mit Nischen und Sitzsteinen, hat das Gebäude der Post 
am Markt. Mehrfach finden sich noch ähnliche Pforten. Etwas 
abweichend ist die Behandlung des Portals am Eckhaus der 
kleinen Erfurter Gasse und des Marktes von Jahr 1563. 

Ueber der Stadt erhebt sich an der Südseite auf weit hin- 
schauendem Hügel die kolossale aber ziemlich nüchterne Anlage 
des Schlosses Friedenstein, im Wesentlichen dem 1646 durch 
Ernst den Frommen ausgeführten Neubau angehörig. Bei der 



Kap. XV. Obersachsen. 833 

Exekution gegen Johann Friedrich den Mittleren (1567) wurde 
das durch ihn erbaute Schloss Grimmenstein eingenommen und 
geschleift und an seiner Stelle später das jetzt vorhandene mit 
dem Namen Friedenstein erbaut. Es ist ein gewaltiges Viereck, 
vorn und auf beiden Seiten von den Hauptgebäuden eingeschlossen, 
der Hof von derben Pfeilerarkaden auf allen vier Seiten umzogen, 
die an der Rückseite mit einer Plattform abgeschlossen und in 
der Mitte mit einem Portal durchbrochen sind, das den Blick und 
den Austritt in den Park frei lässt. Vom alten Grimmenstein 
stammt nur das Portal der Kapelle, unter den Arkaden links vom 
Eingang, datirt von 1553. Es hat die grösste Verwandtschaft mit 
dem Portal der Schlosskapelle zu Torgau, ähnliches Laubwerk 
im frischen Stil der Frührenaissance und in den Ranken ebensolche 
Engelfiguren. Die Einfassung mit barocken Voluten gehört dem 
Umbau des 17. Jahrhunderts. 

In der Kunstkammer, bisher im Schloss aufbewahrt, ist 
Manches an werthvollen Werken der deutschen Kleinkunst: zier- 
liche Trinkgefässe, Becher und Pokale, ein Globus mit herrlichem 
Untersatz, astronomische Instrumente, schöne Uhren, Glasgefässe 
und Schmelzarbeiten, vor Allem aber das kleine angebliche Brevier, 
in Wirklichkeit aber ein fürstliches Stammbuch des 16. Jahr- 
hunderts, eins der köstlichsten Juwele deutscher Goldschmiede- 
kunst, dort natürlich dem Benvenuto Cellini zugeschrieben, in 
Wahrheit aber, wie aus der Art der Technik und den künst- 
lerischen Formen hervorgeht, das Werk eines ausgezeichneten 
deutschen Meisters. Aus massivem Golde ist der Deckel gearbeitet, 
mit Diamanten, Rubinen, Smaragden und Schmelzwerk geschmückt, 
dazu in fein getriebener Arbeit auf der Vorderseite die Anbetung 
der Hirten und die vier Evangelisten, auf der Hinterseite die 
Auferstehung und die vier evangelischen Frauen, auf dem Rücken 
die Erschaffung der ersten Menschen und der Sündenfall. Das 
köstliche kleine Buch, etwa zwei Zoll breit und 3*/a Zoll hoch, 
ist aus dem Besitze der Grossherzoge von Mecklenburg- Schwerin 
durch Schenkung nach Gotha gekommen und für das Kunstkabinet 
erworben worden. 



Weiter nordwärts bis gegen den Rand des Harzes sind nur 
unbedeutende Arbeiten der Renaissance zu verzeichnen. In 
Nordhausen ist das Rathhaus ein äusserst schlichter Bau von 
1610, die Giebel in Fachwerk ohne künstlerischen Schmuck. Die 
Fenster und die grosse Bogenhalle, mit welcher sich das Erdge- 
schoss gegen den Markt öffnet, zeigen das mittalterliche Kehlen - 

Kugler, Gesch. d. Baukunst. V. 53 



§34 HI. Buch. Kenaissance in Deutschland. 

profil. Vor die Mitte der Facade legt sich ein Thurm mit statt- 
lich breiter Spindeltreppe, die auf die Bogenhalle mündet. Der 
Vorsaal im Innern ist nicht gross, quadratisch ; auf derber Mittel- 
säule, welcher in den Wänden Halbsäulen entsprechen, ruhen die 
Balken der Decke. Die Kapitale sind fast romanisch, auch das 
Gebälk zeigt mittelalterliche Gliederung. An seinen Kopfbändern 
liest man: Hans Hacke 1609. Ein kleines Portal in Sandstein 
hat dürftige trockene Formen der späten Renaissance. Im Vor- 
saal des zweiten Stockes bietet die Mittelsäule das auffallendste 
Beispiel von gründlichem Missverständniss der Renaissanceformen 
in so später Zeit. 

In Eisleben ist mir in der Andreaskirche nur ein messinge- 
ner Kronleuchter aufgefallen, der zu den schönsten seiner Art 
gehört, mit Weinranken, Trauben und kleinen Figürchen ge- 
schmückt. 



Ungleich günstiger und reicher gestaltet sich die Renaissance 
in den südlichen Ausläufern unseres Gebietes. Zu den interes- 
santesten Werken der Zeit gehört zunächst die Held bürg, ein 
auf mittelalterlicher Grundlage durch den unglücklichen Johann 
Friedrich den Mittleren seit 1558 ausgeführter Prachtbau. 1 ) Die 
Burg erhebt sich auf einem vier Wegstunden südlich von Hild- 
burghausen aufragenden kegelförmigen Basaltfelsen, der durch 
seine malerische Form und reiche Bewaldung schon von fern das 
Auge fesselt. Die alte Veste ist ein ziemlich unregelmässiger Ge- 
bäudecomplex ebensowohl in Folge beengender Terrainverhält- 
nisse als ungleichzeitiger Erbauung, (vgl. Fig. 225.) 

An dem terrassenförmig vortretenden, auf dem Niveau des 
innern Schlosshofes gelegenen Ziergarten Q vorbei gelangt man bei 
A über die Zugbrücke durch ein stattliches Thor in den zwinger- 
artigen äussern Hof, und von da, immer steigend, einerseits an 
der Pferdeschwemme N, andrerseits an dem Brunnenhaus mit 
dem bis zur Thalsohle reichenden, in den Basaltfelsen gehauenen 
Ziehbrunnen vorüber, durch die Einfahrt B in den innern Schloss- 
hof C. Auch von der entgegengesetzten Seite führt eine Einfahrt 
F bei der ehemaligen geräumigen Stauung G 2 ) in den Hof. Von 
welcher Seite man auch eintritt, stets zieht der sogen, französische 



*) Das Folgende nach Notizen von L. Neher, dem ich auch die Auf- 
nahme des Erkers Fig. 226 und den unter Fig. 225 mitgetheilten alten 
Grundriss der Burg verdanke. Eine malerische Abbildung des Hofes brachte 
die Gartenlaube 1872 S. 133. — 2 ) Dieselbe wurde in letzter Zeit als Ka- 
pelle benutzt. 



Kap. XV. Obersachsen. 835 

Bau an der Südseite des Hofes mit den reichgeschmückten Erkern 
D, E und dem runden Treppenthurm den Blick auf sich. Die 
Umrahmungen der Fenster und des hübschen Pförtchens zeigen 
überfeine, fast magere Profile. Um so kräftigeres Relief hat die 
Architektur der Erker (Fig. 226) und des schönen Portals am 
Treppenthurme. Die originelle Galerie des letztern (die, untere 
Balusterreihe ist Stein, die obere Holz) gewährte wahrscheinlich 
über die niedrigem Theile Aussicht ins Thal hinab; der obere 
erkerartige Ausbau soll früher als Uhrgehäuse gedient haben. 



Fig. 225. Grmidriss der Heldburg. 

Ungeachtet der Volksmund die Theile F G H als „alten 
Heidenbau" bezeichnet, scheint von den jetzt stehenden Gebäuden 
die älteste Partie in dem am Haupteingang B liegenden Gebäude 
zu stecken. Hier ist nämlich schon am Aeussern durch rund- 
bogige Fenster eine früh mittelalterliche Kapelle angedeutet; man 
findet aber auch im Innern (freilich nur schwer zugänglich und 
spärlich beleuchtet) deutliche Spuren kirchlicher Wandmalereien 
(Christus am Kreuz, von Maria und Johannes beweint). Spitz- 
bogige Portale kommen allerdings am sogenannten „Heidenbau" 
aber auch am Commandantenbau L M vor, obgleich letzterer 

53* 



836 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

sonst, namentlich an den Rundthürmen, (von denen der eine über 
der Einfahrt B,) Einflüsse der Renaissance zeigt. Der Theil J K, 
welcher ehedem die grossartigen Küchenräume enthielt, ist abge- 
rissen; seine Grundmauern dienen jetzt als Terrasse, von wo sich 
eine anmuthige Aussicht bietet. 

Der interessanteste, künstlerisch bedeutendste Theil ist jener 
französische Bau, der durch seine strenge Fensterarchitektur mit 
den einfach gegliederten Giebeln auch dem Aeussern des Schlosses 
ein stattliches Ansehen verleiht. Der Charakter der Formen er- 
innert in der That an französische Bauten. 

Ueber die Ornamentik der Erker, die von sehr verschiedenem 
Werth, ist noch folgendes zu bemerken : der Erker D zeigt ausser 
einem schönen Friesornament mit Vögeln in der ionischen Ord- 
nung des ersten Stocks meist Embleme des Kriegs, der Erker 
E aber Embleme der Jagd, des Fischfangs etc., wie auch bei 
D trotzige Kriegergestalten, bei E Nixen und andere weibliche 
Figuren in den Ornamentflächen eine Hauptrolle spielen. An dem 
einen Erker liest man die Jahrzahl 1562. 

Die innern Räume enthalten Weniges von künstlerischer Be- 
deutung; die Thüren haben derbe, nüchterne Einfassungen; in 
den Zwickeln sind einige gute Medaillon - Porträtköpfe. Die noch 
vorhandenen Kamine sind im Verhältniss zum Aeussern roh be- 
handelt; das Deckgesimse von plumpen Consolen oder Hermen 
getragen. Im übrigen sind die Räume verputzt und schmucklos. 

Eine grossartige Anlage ist die Veste zu Coburg, gegen 
Ende des 1 5. Jahrhunderts begonnen, grossentheils noch mit reichen 
gothischen Dekorationen, im Hof ein malerisches offenes Treppen- 
haus mit drei Stockwerken, sehr gut in Holz geschnitzt. Ein 
Prachtstück der spätesten Renaissance ist das sogenannte Horn- 
zimmer, ein ganz mit Täfelwerk und zwar in farbig eingelegter 
Arbeit geschmückter Saal. Zwischen barocken Pilastern sieht 
man reiche figürliche Darstellungen an den Wänden. Am schönsten 
aber ist die Decke mit ihren kraftvoll gegliederten Balken und 
Kassetten, sämmtliche Felder mit feinen Ornamenten dekorirt. 
Dies Prachtzimmer gehört zu den durch Johann Casimir (seit 1596) 
ausgeführten Werken 1 ). Derselbe Fürst hat auch die Stadt mit 
mehreren ansehnlichen Bauten geschmückt und die an Stelle des 
früheren Barfüsserklosters errichtete Ehrenburg 1612 durch den 
italienischen Baumeister Bonallino umgestalten lassen (seit 1816 
modernisirt.) 



') Abbildungen bei Puttrich, II. Abth. 1. Band. 




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Fig. 226. Erker der Heldburg (L. Neher.) 



Kap. XV. Obersachsen. 839 

Von den Bauten Johann Casimir's nenne ich zunächst das 
Regierungsgebäude, ein im Ganzen unbedeutendes Werk vom 
Anfang des 17. Jahrhunderts, nur durch zwei hübsche Erker mit 
Fürstenbildnissen und Consolenfriesen ausgezeichnet. Aehnlicher 
Art das Gymnasium, 1605 gestiftet, und das Zeughaus, immer- 
hin tüchtige Bauten der Schlussepoche, in Sandstein ausgeführt, 
doch ohne feineres Gefühl oder höhere architektonische Conception. 

In der Moritzkirche sind einige Grabdenkmäler zu nennen. 
Zunächst mehrere Bronzeplatten, darunter die sehr gediegen aus- 
geführten Johann Friedrich's des Mittleren, der 1595 in der Ge- 
fangenschaft zu Steier starb, und seiner Gemahlin Elisabeth, die 
ihm um ein Jahr vorausging und, wie die Grabschrift sagt, in ihres 
Herrn Custodia zu Neustadt in Oesterreich verschied. Aehnlich, aber 
viel roher die Denkplatte Johann Casimir's (f 1633). Das grosse 
Epitaphium, in Alabaster ausgeführt und völlig bemalt, ist ein 
hoher schon sehr barocker, bunt überladener altarartiger Bau. 



Anhalt. 

Die anhaltinischen Länder gehören durch den Charakter ihrer 
Renaissancewerke zur obersächsischen Gruppe, obwohl sie zugleich 
gewisse Einflüsse des benachbarten niedersächsischen Gebietes 
empfangen. Letztere bestehen namentlich in einzelnen Beispielen 
jenes künstlerisch ausgebildeten Holzbaues, den wir in den Harz- 
gegenden antreffen werden. 

Den werthvollsten Rest aus unsrer Epoche besitzt Dessau 
an dem westlichen Flügel des herzoglichen Schlosses. Das Ge- 
bäude umfasst an drei Seiten einen rechtwinkligen Hof, hat aber 
im östlichen und südlichen Flügel eine charakterlose moderne 
Umgestaltung in den Zeiten des nüchternen Kasernenstils erfahren. 
Neuerdings wird dem Mittelbau ein grossartiges Treppenhaus in 
Formen des Friedrichsbaues von Heidelberg vorgesetzt. Dagegen 
ist der ganze westliche Flügel ein werthvolles Werk der beginnen- 
den Renaissance, zu den frühesten in Deutschland gehörend; denn 
an der Giebelseite, die mit schweren Frührenaissancebögen ab- 
gestuft ist, enthält ein Wappen den Doppeladler und die Inschrift : 
Carolus V. Romanorum imperator 1530. Die Pilaster, welche hier 
und an der Hofseite das obere Stockwerk gliedern, scheinen einer 
modernen Restauration anzugehören. In der Mitte dieses Flügels 
baut sich im Hof die Hauptstiege vor (Fig. 227), in einem polygonen 
Thurme angelegt, zu welchem von beiden Seiten Freitreppen empor- 
führen, deren Podest sich als rechtwinklige Altane um das Stiegen- 



840 



III. Buch. Eenaissance in Deutschland. 



haus herumzieht. Die Pilaster der Brüstung, sehr htihsch mit 
Wappen haltenden Bären bekrönt, gehören gleich den Baluster- 
säulchen des Geländers der Frührenaissance ; aber die Maasswerke 
der einzelnen Felder und die Portale der Treppe sowie des unteren 
zum Keller führenden Einganges mit ihren durchschneidenden 
gothischen Stäben sind mittelalterlich. Ebenso überall die Um- 
rahmungen der Fenster. Die Wirkung dieser reichen und origi- 
nellen Arbeit wird durch völlige Bemalung und Vergoldung noch 
gesteigert. Die Renaissance tritt sodann in einzelnen Ornamenten 




Fig. 227. Dessau, Schlosshof. 



der Balustrade, in den reichen Bekrönungen der Portale anziehend 
auf. Die Composition des Treppenhauses ist dieselbe wie in 
Torgau, aber etwas früher und von einem Meister, der zum Theil 
noch der Gothik angehört. Am Hauptportal des Thurmes liest 
man, dass die Fürsten Johann, Georg und Joachim gemeinsam 
den Bau 1533 ausgeführt haben. Die Jahrzahl 1531 glaubte ich 
an einem kleinen Täfelchen zu erkennen. Dem entsprechen die 
historischen Nachrichten, welche melden, dass Fürst Johann II im 
Verein mit seinen Brüdern Georg und Joachim den Neubau des 
in seinen älteren Theilen von den Brüdern Albert und Woldemar 



Kap. XV. Obersachsen. 841 

1341 errichteten Schlosses ausgeführt habe 1 ). Wahrscheinlich gab, 
wie so oft, die bevorstehende Vermählung des Fürsten (1533 mit 
Margaretha, der Tochter Joachims I von Brandenburg, Wittwe 
des Herzogs Georg von Pommern) den äussern Anlass zum Neubau. 
Johann war ein baulustiger Herr, munterte auch seine Unterthanen 
zum Bauen auf und schenkte ihnen das dazu nöthige Holz, 2 ) indem 
er sagte, „er sehe lieber, dass ein Mensch neben und bei ihm 
wohne, als dass das Holz im Walde stehe und darunter Hirsche 
und andre wilde Thiere sich aufhalten sollten". Sein Bruder 
Joachim, der bis 1531 am Hofe Herzog Georgs von Sachsen lebte 
und zur grossen Bekümmerniss dieses dem alten Glauben treu er- 
gebenen Fürsten sich der Reformation anschloss, setzte seit seines 
Bruders Tode (1551) die begonnenen Bauten fort. In der That 
sieht man an demselben westlichen Flügel weiter einwärts eine 
ziemlich primitive Renaissancetafel, welche den Namen Joachim 
und die Jahrzahl 1549 enthält. 

Im Innern des Stiegenhauses ist die Treppenspindel am Fuss 
mit eleganten Renaissance - Ornamenten geschmückt, während 
die kleinen Fenster des Treppenhauses gothische Motive zeigen. 
Am oberen Podest der Treppe findet sich ein Portal, dessen ge- 
brochener Spitzbogen noch dem Mittelalter angehört, während die 
einfassenden Pilaster, die Füllungen und namentlich die wunder- 
lichen unsymmetrisch am Fries angebrachten Delphine eine un- 
geschickte Renaissance verrathen. Das Portal unter der Treppe 
führt zu einem Raum, dessen schönes gothisches Sterngewölbe auf 
einer Mittelsäule ruht. (Leider jetzt durch eine Wand getheilt 
und in seiner Wirkung beeinträchtigt). 

Einer späteren Epoche gehören die beiden in entwickeltem 
Renaissancestil prachtvoll durchgeführten Portale, welche in den 
Ecken des Hofes angebracht sind, das westliche zu einer Treppe 
mit rechtwinklig gebrochenem Lauf, das östliche zu der in einem 
polygonen Thurme angelegten zweiten Wendelstiege führend. 
Dies sind Theile des grossartigen Erweiterungsbaues, welcher, 
die jetzt fast ganz erneuerten östlichen und südlichen Flügel um- 
fassend, von Joachim Ernst seit 1577 unternonmen wurde. 3 ) Es 
wäre nicht unmöglich, dass der Meister Caspar, welcher 1572 von 
Brieg nach Dessau geht, um diesem Fürsten seinen Rath zu er- 
theilen, 4 ) mit diesen Arbeiten irgendwie in Verbindung stände. 
Aber auch Peter Muron aus Lugano, den wir beim Schlossbau 



') J. Chr. Beckmann, Historia des Fürstenth. Anhalt (Zerbst 1690 Fol. 
III, 349 ff. V, 175. — 2 ) Ebenda V, 172. — 3 ) Beckmann, III, 350. — 
4 ) Luchs, Schles. Künstler p. 19. 



§42 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

in Berlin kennen lernten, wurde wie es scheint in Dessau beim 
Schlossbau verwendet. Kraftvolle Nischen mit Sitzsteinen bilden 
die Einfassung beider Portale; energisch vorspringendes Gebälk 
mit Triglyphenfries ruht auf Akanthusconsolen; der Schlussstein 
des Bogens ist mit weit vorragendem Kopfe geschmückt, und der 
elegante attikenartige Aufsatz, von einem Giebel bekrönt, enthält 
die fürstlichen Wappen. Es sind Arbeiten einer freien vollendeten 
Meisterschaft, leider das östliche Portal in unbegreiflicher Weise 
fast vollständig verwittert. Durch den nüchternen Umbau, welcher 
gerade diese Theile fast vollständig getroffen hat, ist Alles be- 
seitigt worden, was ehemals diesem Baue sein reiches Gepräge 
gab; namentlich die Bogengänge und Altane, welche zur Ver- 
bindung der einzelnen Gemächer angeordnet waren und dem 
Hofe ehemals einen ungemein malerischen Charakter verliehen. 
Auch die prächtige Ausstattung des Innern, von welcher berichtet 
wird, 1 ) ist fast völlig verschwunden. Bemerkenswerth scheint 
nur ein grosses gewölbtes Zimmer im Erdgeschoss mit kräftig 
barocker Stuckdekoration. In den Ecken ruhen die Gewölb rippen 
auf Consolen in Gestalt fratzenhafter hockender Teufel von bur- 
lesker Phantastik. 

Die Stadt enthält nicht viel Bemerkenswerthes an älteren 
Privatbauten. In der Schlossstrasse No. 1 sieht man ein zier- 
liches Portal mit Seitennischen und reichgegliederter Archivolte, 
nach Art der Dresdner Portale. Aehnliche noch an mehreren 
Häusern, z. B. in der Schlossstrasse und der Zerbsterstrasse 
No. 34. Mehrere Giebelhäuser der beginnenden Barockzeit in 
letztgenannter Strasse No. 41 und 42, auch einige Fach werkbauten, 
z. B. ebenda No. 40, aber ohne Bedeutung. Ein reicheres Holz- 
haus in der Schlossstrasse No. 12, vom Jahre 1671, doch auch 
dies nicht von hervorragendem Werth. 

Das Rathhaus von 1563 zeigt einfache Anlage und schlichte 
Ausführung, an der Facade wie zu Leipzig mit polygonem Treppen- 
thurm versehen und durch zwei hohe schlichte Giebel mit Pilas- 
tern und Voluten charakterisirt. Rechts vom Treppenthurm ein 
kräftig gegliedertes Portal mit Sitznischen vom Jahr 1601. — 

In Z erb st tritt die Renaissance in früher spielender Form 
an dem Gebäude 'der Bürgerschule auf. Das Hauptportal 
gegen den Markt, vom Jahre 1537, zeigt eine phantastische Com- 
position ohne organischen Aufbau, aber mit sehr zierlicher Deko- 
ration. Die einfassenden Säulchen haben noch die geschweifte 
Candelaberform, das Pflanzenwerk zeigt die krautartig krausen 



') Beckmann III, 350 ff. 



Kap. XV. Obersachsen. 843 

Blätter der Frühzeit. Die beiden Wappen des Fürstenthums und 
der Stadt schmücken die Attika, darüber ein zweiter Aufsatz mit 
dem Reichsadler und der Kaiserkrone, abgeschlossen von einem 
Giebel, in dessen Feld ein Imperatorenkopf. Die übrigen Portale 
sowie die Fenster des ansehnlichen Gebäudes zeigen die spät- 
gothische Form. 

Das Rathhaus hat 1610 und 1611 an der langen*, dem 
Markt zugekehrten Fagade vier stattliche Giebel mit Pilastern 
und derben Voluten erhalten, zugleich ein Portal in kräftigen 
Barockformen. Werthvoller sind die beiden hohen Backstein- 
giebel der Schmalseiten in reichen gothischen Formen vom Jahre 
1481. Im Innern enthält der grosse Vorsaal des oberen Stock- 
werks, zu welchem auch hier eine Wendeltreppe führt, an der 
einen Schmalseite eine spätgothische Holzvertäfelung, darin ein 
mittelmässiges Portal vom Jahre 1611. 

In der Nikolaikirche ist das Epitaphium Johanns II 
(f 1551) eine geringe Steinmetzen -Arbeit in unreifen Frührenais- 
sanceformen, ursprünglich völlig bemalt. Das Taufbecken, ein 
Broncewerk der Spätrenaissance, etwas stumpf im Guss, aber 
von ansprechender Composition, namentlich der Deckel reich 
mit Engelfigürchen, Engelköpfen, Masken und Volutenwerk ge- 
schmückt. 

Unbedeutend ist der Privatbau; das beste ein noch gothisches 
Haus am Markt vom Ende des 15. Jahrhunderts, in kräftiger 
Holzschnitzerei mit Figürchen von Aposteln und andern Heiligen 
an den Holzconsolen. Hier wie in Dessau merkt man an dem 
Fachwerkbau die Nähe des Harzes mit seiner reichen Holzarchi- 
tektur. Die Anhaltische Gruppe bildet daher den Uebergang zu 
Niedersachsen. Zwei Häuser am Markt zeigen den Holzbau in 
einfachen Renaissanceformen. Ein kleines Steinportal der üblichen 
Anordnung mit Seitennischen, am Markt No. 25, beweist in seiner 
Jahrzahl 1687 das lange Andauern traditioneller Gewohnheiten. 
Zwei prächtige Wasserspeier mit schönen schmiedeeisernen 
Stangen, ebenda No. 24, zeugen von der Tüchtigkeit des Kunst- 
gewerbes. 

Am dürftigsten ist die Ausbeute in Cöthen. Das Schloss, 
von weitem durch seine Kuppelthürme verlockend, zeigt sich in 
der Nähe als ein armseliger Putzbau, der in drei ausgedehnten 
Flügeln einen grossen Hof umgiebt. Der Eingang liegt in dem 
westlichen Hauptgebäude, von welchem nördlich und südlich die 
Seitenflügel rückwärts auslaufen, jeder mit einem polygonen 
Treppenthurm ausgestattet. Alles aber, sowie die stark zerstörten 
Portale ohne erhebliche Bedeutung. Die schönen Baumgruppen, 



844 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

welche den Bau umgeben, sind das Beste. Ausserdem ist mir 
nur in der Schlossstrasse No. 12 ein kleines hübsches Fachwerk- 
haus mit zierlichem Steinportal aufgefallen. 

Eine umfangreiche, aber ebenfalls künstlerisch wenig be- 
deutende Anlage ist das Schloss zu Bernburg. Auf einer ziem- 
lich steil gegen die Saale abfallenden Höhe gelegen, macht es 
von unten gesehen mit seinen gewaltigen Massen, den zahlreichen 
Giebeln und Thürmen einen imposanten und malerischen Ein- 
druck. Der Bau reicht zum Theil in's Mittelalter hinauf und ist 
dann im 16. und 17. Jahrhundert stark verändert und erweitert 
worden. Wenn man in den Schlosshof tritt, so hat man zur 
Seite rechts einen vorgeschobenen Bau mit mächtigem viereckigem 
Thurm, der im Anfang des 16. Jahrhunderts aufgesetzte Giebel 
erhalten hat, jedenfalls aber seinem Kerne nach aus dem Mittel- 
alter stammt. Zur Linken liegt die alte Schlosskapelle mit einem 
Portal von 1565, welches trotz dieses späten Datums noch halb 
gothisch mit durchschneidenden Stäben und dabei mit dürftigen 
Kenaissanceformen ausgestattet ist. Der Hauptbau zieht sich in 
beträchtlicher Entfernung nordwärts hin, in zwei Stockwerken 
mit schlicht behandelten Fenstern und bekrönt mit Giebeln, 
welche die Form der Frührenaissance in ziemlich kunstloser 
Weise und in geringem Stuckmaterial zeigen. (Fig. 228). Links 
springt ein Seitenflügel vor, im 17. Jahrhundert (1682) mit einer 
Freitreppe, die am Hauptbau angelegt ist, und einer oberen, ehe- 
mals offenen Loggia auf toskanischen Säulen ausgestattet. Dieser 
Flügel endet mit einem breiten pavillonartigen Bau, der durch 
aufgesetzte Giebel im Charakter des Hauptbaues sich malerisch 
darstellt. Die lange Front des letzteren wird durch zwei Erker, 
der eine auf Säulen, der andere auf Consolen ruhend, etwas be- 
lebt. Ungefähr in der Mitte führt ein Portal zu einer Wendel- 
treppe, die indess nach aussen nicht hervortritt. Alle diese 
Theile gehören, sowie die oben erwähnte Kapelle zu den um 
1567 durch Fürst Joachim Ernst ausgeführten Bauten. Während 
der ganze Bau kunstlos in Backstein mit Stucküberzug errichtet 
ist, sind die Erker in rothem Sandstein mit Laubornament, Figuren 
von Tugenden und kräftig vorspringenden Köpfen in guter, wenn 
auch keineswegs hervorragender Arbeit geschmückt. 

Zur Rechten schliesst sich an den Hauptbau eine hölzerne 
Verbindungsbrücke nach dem sogenannten „ Eulenspiegel ", dem 
ursprünglichen Donjon des Schlosses. Er ist rund, in primitiver 
Art aus Feldsteinen aufgemauert, mit späteren Giebelaufsätzen 
versehen. An diesen schliesst sich rechts eine bis zum vorderen 
Eingang laufende Mauer, die den äusseren Vorhof vom innern 



Kap. XV. Obersachsen. 



845 



Schlosshof abgränzt. Sie trägt die Jahrzahl 1682, gehört also 
sammt der oben erwähnten Freitreppe und Loggia zu den unter 
Fürst Victor Amadeus hinzugefügten Theilen. 1 ) Die Krönung der 
Mauer bilden zinnenartig angeordnete, paarweis gruppirte liegende 
Voluten. Dies eigenthümliche Motiv, das auch am Schlosse zu 
Stettin vorkommt, findet sich in einfacherer Weise, noch im 




Fig. 228. Vom Schloss zu Bernburg. 

Charakter des 16. Jahrhunderts, an dem vorderen Theil der 
Mauer, welche rechts vom Eingang in halbrunder Biegung den 
innern Hof abschliesst. So gering hier im Ganzen die künst- 
lerische Ausbeute ist, so reichlich lohnt von oben der weite Blick 
auf die tief unten vorüberfliessende Saale mit den herrlichen 
Baumgruppen ihres Ufers und die in Duft getauchten Berglinien 
des Harzes. 

In der Stadt ist mir nur ein Haus am Markt No. 15 aufge- 
fallen, das mit einem steinernen Erker und einem kräftig behan- 



*) Die histor. Notizen bei Beckmann, a. a. 0. III, 123 ff. 



846 HI- Buch. Renaissance in Deutschland. 

delten Portal von 1562 sich den gleichzeitig entstandenen Theilen 
des Schlosses anreiht. Auch hier lassen die Gliederungen noch 
starke Reminiscenzen des Mittelalters erkennen. Durchschneidende 
Stäbe rahmen die im gedrückten Korbbogen ausgeführte Wölbung 
ein, und zwei Nischen mit Sitzsteinen bilden die Seitenwand. 
Es ist ebenfalls eine Arbeit von geringer Bedeutung. 



XVI. Kapitel. 
Niedersachsen. 



Die niedersächsischen Lande, von denen ich nur die mittleren 
Gebiete zu gemeinsamer Betrachtung zusammen fasse, da die 
dazu gehörigen Küstenstriche schon oben dargestellt worden sind, 
bieten mancherlei Ueb ereinstimmendes in ihrer Aufnahme und 
Verarbeitung der Renaissance. Es handelt sich um jene acht 
deutschen Provinzen, deren centraler Gebirgsstock der waldreiche 
Harz mit seinen nördlichen und westlichen Ausläufern ist. Nörd- 
lich breiten sich die fruchtbaren, von sanften Hügelzügen durch- 
setzten Niederungen aus, in welchen eine Anzahl kräftiger Städte 
schon seit dem frühen Mittelalter zu selbständiger Bedeutung 
emporblühten. Westlich setzt der Lauf der Weser mit ihren an- 
muthigen, von Wald und Wiesengründen belebten Ufern unsrer 
Betrachtung ihre Gränze. 

Auf diesem Gebiete, das wir im engern Sinne als Nieder- 
sachsen bezeichnen, tritt die fürstliche Macht zur Zeit der Renais- 
sance keineswegs so tonangebend hervor wie in Thüringen und 
Obersachsen. Nur die herzoglichen Linien von Braunschweig 
machen sich durch künstlerische Unternehmungen bemerklich; 
allein ihre wichtigeren Werke (Celle, Wolfenbüttel, Helmstädt) 
gehören meistens erst in die Schlussepoche des Stils. Etwas er- 
heblicher kommt die geistliche Fürstengewalt hier zur Bethätigung ; 
die Bischofssitze Halberstadt und Hildesheim bezeugen regen Eifer 
in Aufnahme der Renaissance. Durchgreifender und entscheidender 
ist Das, was die bürgerliche Baukunst der Städte hervorbringt; 
ja durch kraftvolle Ausbildung des altheimischen Holzbaues und 
lebensvolle Umgestaltung desselben im Sinn des neuen Stiles 
prägen sie ein echt nationales, volkstümliches Element der Con- 



Kap. XVI. Niedersachsen. 847 

struction zu Schöpfungen von hohem künstlerischen Werthe aus. 
Unvergleichlich ist noch jetzt die Wirkung dieser Städte mit ihren 
in ganzen Reihen erhaltenen Fachwerkhäusern, deren Fa^aden 
durch die vorgekragten Geschosse mit den reichen Schnitzereien 
und den kraftvollen Profilirungen einen so lebensvollen Eindruck 
gewähren. Wir können gerade hier die Geschichte dieser acht 
deutschen Bauweise verfolgen; wir werden sie aus den mittel- 
alterlichen Formgebungen sich stufenweise zu den reizvollen Bil- 
dungen der Renaissance entfalten sehen. Braunschweig mit 
seinen grossartigen, kraftvoll entwickelten, meist noch strengen 
Formen bezeichnet die erste Stufe. Auf die Höhe klassischer 
Vollendung hebt sich dieser Stil in den Bauten von Halberstadt. 
Zu üppiger Nachblüthe in verschwenderisch angewandter Bild- 
schnitzerei, nicht ohne deutliche Spuren eines Einflusses von 
Seiten des Steinbaues, bringt es zuletzt Hildesheim. 1 ) In zweiter 
Linie schliessen sich Städte wie Celle, Wernigerode, Goslar, Stol- 
berg und viele andre aja. 

Gegenüber diesem charaktervollen Holzbau findet die Stein- 
architektur hauptsächlich in den Bauten der Fürsten, des Adels 
und der Geistlichkeit ihre Anwendung, von da aus dann auch 
mancherlei Aufnahme in bürgerlichen Kreisen, wie denn in Braun- 
schweig dieses Material sich neben dem des Holzes eindrängt, 
und in Hannover sogar die Oberhand gewinnt. Dieser Steinbau 
aber gehört fast ausnahmslos der letzten Epoche der Entwicklung 
und zeigt in seinen üppigen, aber derben Formen überwiegend 
den Einfluss der Niederlande und des norddeutschen Küstenge- 
bietes. Nur dass es reiner Hausteinbau ist, welchen die überall 
vorhandenen Sandsteinbrüche des Landes begünstigen. So schei- 
det sich denn unser Gebiet gegen die nördliche Gruppe der 
Backsteinbauten scharf ab. Schon oben (S.753) wurde bemerkt, 
dass die Gränze zwischen Lüneburg und Celle hinläuft. 

Celle. 

Beginnen wir mit den fürstlichen Bauten, so hat Celle den 
Anspruch an der Spitze der Betrachtung zu stehen. Das 
Schloss gilt gewöhnlich für einen spätgothischen von der Her- 
zogin Anna am Ende des 15. Jahrhunderts errichteten Bau, mit 



*) Womit nicht gesagt sein soll, dass nicht in jeder dieser Städte auch 
einzelne Beispiele der anderen Entwickelungsstadien sich fänden. Ich 
zeichne hier zunächst nur den bis jetzt noch nirgends betonten Ge- 
sammtcharakter der Architektur jener Hauptorte. 



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III. Buch. Kenaissance in Deutschland. 



angeblich gleichzeitigen Kenaissanceformen. Der Thatbestand 
widerspricht dieser Vermuthung, da nur die noch völlig gothische 
Schlosskapelle (1485 von Herzog Heinrich dem Mittleren von 
Braunschweig- Lüneburg gestiftet) jener Zeit angehört, die vor- 
kommenden Renaissanceformen aber den von Ernst dem Bekenner 
(seit 1532) begonnenen und nach seinem Tode (1546) durch Wil- 
helm den Jüngeren vollendeten Neubauten entstammen. Ja der 




Fig. 229. Schloss zu Celle. 

grösste Theil des Baues ist erst unter Georg Wilhelm von 1665 
bis 1670 durch einen italienischen Architekten Giacomo Bolognese 
ausgeführt worden. 

Am südwestlichen Saume der Stadt erhebt sich mit seinen 
stattlichen Massen (Fig. 229) der ansehnliche Bau, als ein nach 
Süden und Norden langgestrecktes Rechteck, das mit vier Flügeln 
den geräumigen Hofraum umzieht. Die östliche Langseite wendet 
sich als Hauptfagade der Stadt zu. Ehemals war das Ganze von 
einem tiefen Wassergraben umzogen, der jetzt trocken liegt und 
mit dem prächtigen Park unmittelbar verbunden ist. Bevor man 
zu demselben gelangte, hatte man auf beiden Ecken zwei kleine 
pavillonartige vorgeschobene Bauten zu passiren, von denen der 
zur Rechten (südlich) befindliche noch erhalten ist. Das kleine 
einstöckige Gebäude mit den beiden originellen polygonen Erker- 



Kap. XVI. Niedersachsen. §49 

ausbauten, die Fenster mit dem schrägen Rahmenprofil und den 
eingelassenen Medaillons der Renaissance bezeugen, dass wir es 
hier mit einem Theil jener Bauten zu thun haben, welche durch 
Herzog Ernst den Bekenner errichtet wurden. 

Das Schloss selbst enthält in seinem östlichen Flügel die 
ältesten Theile. lieber einem unbedeutenden Erdgeschoss erheben 
sich zwei hohe Stockwerke mit unregelmässig vertheilten Fenstern, 
überragt von einem Dachgeschoss mit sieben Erkern, deren ein- 
fach behandelte halbrund abgestufte Giebel den Eindruck der 
langgestreckten Fagade malerisch beleben. Die ganze Architektur 
ist einfach und trägt in den Rahmenprofilen der Fenster das Ge- 
präge der Frührenaissance. Ungefähr in der Mitte der Fagade 
ist ein runder, oben in's Polygon übergehender und mit halb- 
runden Giebeln abgeschlossener Treppenthurm vorgebaut. Hinter 
ihm erhebt sich, wiederum unregelmässig angebracht, ein bedeu- 
tend höherer Dacherker, gleich den übrigen abgetreppt und mit 
halbrunden Abschlüssen versehen. Auf beiden Enden wird dieser 
Hauptflügel durch mächtige polygone Thurmbauten eingefasst, 
der rechts befindliche nördliche in der Barockzeit umgestaltet 
und mit einem Zeltdach versehen, der südliche, welcher den Chor 
der Kapelle enthält, noch in ursprünglicher, den übrigen Theilen 
der Fagade entsprechender Architektur ; an den halbrunden Giebeln 
des Kuppeldaches mit hübsch gearbeiteten fürstlichen Bildnissen 
in Medaillons geschmückt. Zwei stattliche Bogenportale dicht 
neben diesen Thürmen führen in's Innere. Sie gehören trotz der 
Imitation früherer Renaissanceformen in ihrer jetzigen Gestalt 
den später hinzugefügten Theilen an. Gleich den Einfassungen 
der Fenster sind sie in Sandstein ausgeführt, während alles 
Uebrige einfacher Putzbau ist. 

Der grosse Schlosshof zeigt nur im östlichen Flügel Spuren 
der ursprünglichen Architektur, namentlich an den beiden Seiten- 
portalen, obwohl man auch hier spätere Umgestaltungen erkennt. 
Ein Vorbau, ursprünglich im ersten Stock als offener Säulengang 
ausgebildet, jetzt aber geschlossen, zieht sich vor ihm hin. In 
der Mitte tritt ein grosser polygoner Treppenthurm vor, der eben- 
falls spätere Umgestaltung verräth. Die drei anderen Flügel 
sind unter Georg Wilhelm in der zweiten Hälfte des 17. Jahr- 
hunderts in einfach derben Barockformen errichtet worden. In 
jedem Flügel befindet sich ein Doppelportal, ebenfalls von schlich- 
ter Anlage, nur das im Westflügel feiner ausgebildet. Auf den 
beiden äusseren Ecken dieses Flügels wurden in Ueberein- 
stimmung mit der Fagade zwei hohe polygone Pavillons mit 
thurmartigem Kuppeldach ausgebaut, (vgl. die Fig. 229.) 

Kugler, Gesch. d. Bauk. V. 54 



§50 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Im Innern, das seit 1837 zu einer Residenz der Könige von 
Hannover eingerichtet und sorgfältig hergestellt wurde, ist die 
Kapelle eins der glanzvollsten Prachtstücke unsrer Renaissance. 
Der einschiffige Bau mit seinen gothischen Kreuzgewölben und 
polygonem Chorschluss gehört noch dem Mittelalter, aber die un- 
vergleichlich reiche Ausstattung und Dekoration wurde um 1565 
durch Herzog Wilhelm den Jüngern, den Sohn Ernst's des Be- 
kenners, hinzugefügt. Auf kräftigen Steinconsolen über flachen 
Stichbögen erhebt sich die fürstliche Empore, mit Fenstern ver- 
gittert, deren runde Scheiben in vergoldetes Blei gefasst sind. 
An der Brüstung der Emporen sieht man die Halbfiguren der 
Apostel in bemalten Steinreliefs, zwischen ihnen an den Pilastern 
Engel mit Musikinstrumenten. An der Südseite ist in zierlichen 
Renaissanceformen die Kanzel angebracht, mit bemalten Reliefs 
aus der biblischen Geschichte und mit einer von Gold und Farben 
glänzenden Ornamentik bedeckt. Der zierliche Baldachin mit 
seinem Netzgewölbe, von kleinen muschelgeschmückten Rund- 
giebeln bekrönt, ruht auf schlanken Kandelabersäulchen. Am 
Eingang die Jahrzahl 1565. An der westlichen Seite der Kapelle 
sind zwei Emporen auf Rundsäulen eingebaut, gleich dem Übrigen 
reich geschmückt. Säinmtliche Consolen an den Brüstungen der 
Emporen sind mit herrlich gearbeiteten Köpfen von Engeln, Frauen 
und Männern dekorirt. Sämmtliche Betstühle endlich unter den 
Emporen und im Schiff der Kapelle erhalten durch gold'ne Orna- 
mente auf blauem Grund eine Theiluug, deren grössere Felder 
mit Oelgemälden aus der heiligen Geschichte gefüllt sind. Den- 
selben Schmuck zeigt der Altar, dessen Hauptbild eine grosse 
Darstellung der Kreuzigung enthält, während auf den Flügeln 
Herzog Wilhelm und seine Gemahlin im Gebet knieend dargestellt 
sind. Inschriftlich wurde dies Werk 1569 durch Martin de Vos 
aus Antwerpen ausgeführt. Die Bilder, in ganzer Farbenfrische 
wohlerhalten, sind tüchtige Arbeiten der damaligen flandrischen 
Schule. Nicht minder ist auch die Orgel reich ornamentirt und 
mit innen wie aussen bemalten Flügeln versehen. Dazu kommt 
endlich an allen Flächen, den Einrahmungen der Fenster und 
der Wendeltreppe eine Bemalung von Goldornamenten auf blauem 
Grunde, so dass eine unvergleichliche Gesammtwirkung dies 
Meisterstück der Polychromie auszeichnet. Auch die Gewölbe 
haben goldene Sterne auf himmelblauem Grunde, und von den 
elegant dekorirten Schlusssteinen mit ihren goldenen Kronen und 
Rosetten hängen vergoldete Kugeln, Täfelchen und Schilde herab, 
die den Eindruck dieser Pracht noch steigern. Auf einem dieser 
Täfelchen die Jahrzahl 1570. 



Kap. XVI. Niedersachsen. 851 

In den neueren Flügeln des Schlosses sind sämmtliclie Zimmer 
und Säle mit den prachtvollsten Decken in meisterhaft behandelten 
Stuckornamenten geschmückt. Es ist ein fabelhafter Reichthum, 
in den üppigsten Formen des Barocco, offenbar von Italienern 
ausgeführt. Alle diese Werke verdienten wohl eine genauere Ver- 
öffentlichung. — ■ 

Aus derselben Zeit stammt der glänzende innere Umbau der 
Stadtkirche, einer einfachen gothischen Anlage mit einem Chor 
aus dem Zwölfeck, die aber in der Spätzeit des 1 7. Jahrhunderts 
ein Tonnengewölbe und eine prachtvolle Stuckdekoration im glän- 
zendsten Barockstil erhalten hat. Der Chor gestaltet sich durch 
seine fürstlichen Prachtgräber zu einem vollständigen Mausoleum. 
Im Chorschluss zunächst das überaus elegante Epitaph Ernst's 
des Bekenners, nach seinem Tode (1546) durch seinen Sohn Herzog 
Wilhelm errichtet. Der Verstorbene mit seiner Gemalin Sophia 
(f 1541) sind knieend in etwas steifer Haltung vor einem Crucifix 
dargestellt, in drei mit schwarzem Marmor bekleideten Nischen. 
Die Einfassung derselben wird durch korinthische Säulen gebildet, 
welche gleich dem übrigen Aufbau in weissem Marmor ausgeführt 
sind. Das Ganze ist vom feinsten ornamentalen Reiz, namentlich 
die herrlichen Akanthusfriese. Die Bekrönung wird in der Mitte 
durch ein Giebelfeld mit Gottvater, zu beiden Seiten durch die 
Wappen der Verstorbenen gebildet. Feine Vergoldung hebt die 
Ornamentik noch mehr hervor, wie denn das Werk zu den ele- 
gantesten Schöpfungen der Zeit gehört. Man darf wohl auf einen 
niederländischen Künstler schliessen. 

Noch weit prachtvoller, aber auch überladener und später ist 
ein zweites, reich vergoldetes Marmorepitaph, das in die nördliche 
Chorecke eingebaut ist. Es enthält wieder in drei Nischen zwischen 
korinthischen Säulen die knieenden Figuren des Herzogs Ernst 
(f 1611), Wilhelm (f 1592) sowie seiner Gemalin Dorothea (f 1617) 
und ihres Sohnes Christian, Bischofs von Minden. Auf den Ecken 
sind Tugenden als Karyatiden angebracht, oben drei tabernakel- 
artige Aufsätze mit biblischen Reliefs, bekrönt"" von den theo- 
logischen Tugenden. Die übrigen Epitaphien, namentlich das 
ganz pompöse von schwarzem Marmor an der Südseite, gehören 
schon dem späten Barockstil an. Sie sind den Herzögen Christian 
Ludwig, Georg und Georg Wilhelm gewidmet. Köstliche Schnitz- 
arbeiten sind die Sedilia im Chor; der Hochaltar endlich mit seinen 
Gemälden und Schnitzwerken, die Orgel und die Kanzel, sowie 
der zierlich aus Marmor gearbeitete Taufstein vervollständigen 
die Ausstattung der Kirche. 

Von den städtischen Bauten verdient zunächst das Rathhaus 

54* 



852 HI- Buch. Renaissance in Deutschland. 

Erwähnung. Es ist ein einfacher Langbau, in der Mitte der FaQade 
durch eine originelle auf zwei stämmigen ionischen Säulen 
ruhende Arkade durchbrochen, welche die Eingänge enthält. 
Links im Erdgeschoss ein vorgebauter Erker, rechts ein ähnlicher 
im oberen Stock, auf kraftvollen Consolen ruhend und in einen 
Dacherker auslaufend, welcher mit zwei andern den Bau malerisch 
belebt. Die Seitenfacade erhält durch einen hohen mit Pilastern 
in vier Ordnungen und mit barockgeschweiften Voluten sowie 
Obelisken geschmückten Giebel charaktervolle Ausbildung. Es 
ist ein trefflich componirtes, meisterlich durchgeführtes Werk von 
prächtiger Wirkung, bezeichnet 1579. 

Die bürgerlichen Privathäuser machen uns hier zuerst mit 
dem aus den benachbarten Harzgegenden her üb ergreifenden Holz- 
bau bekannt. Eine stattliche Anzahl von reich und mannigfach 
entwickelten Beispielen bietet sich dar. Eins der frühesten und 
zugleich prächtigsten Werke, zweimal mit der Jahrzahl 1532 be- 
zeichnet, sieht man in der Poststrasse, Ecke der Rundstrasse. 
Die Schwellen sind noch in mittelalterlicher Weise mit einem 
spätgothischen, um einen Stab gewundenen Laubwerk von zackiger 
Zeichnung dekorirt. Dazwischen aber flicht sich allerlei Figürliches, 
burleske Genrebilder, Köpfe, Delphine und andres, zum Theil in 
entschiedenen Renaissance -Motiven ein. Daneben in der Post- 
strasse ein Haus vom J. 1549 mit flachem Erker, einfacher be- 
handelt, die Gebälke rein antikisirend und zwar mit eleganten Zalin- 
schnitten und Flechtbändern über hübsch geschnitztem Consolen- 
friese geschmückt. Die Inschrift lautet: Dass dieses Haus aus 
Noth und nicht aus Lust gebauet, weiss der so voriges hat jemals 
angeschauet. Dazu fügte man 1701: „Non tentatusnon christianus." 

Die Mehrzahl der Häuser fällt bereits ins 17. Jahrhundert. 
So ein kleines Haus von 1617 in der Rundstrasse mit hübschem 
giebelgeschlossenem Erker, der ein Muster zierlicher Behandlung. 
Die Ornamentik durchweg im Flachstil des Barocco. In derselben 
Strasse an der andern Seite ein besonders elegantes Häuschen 
derselben Zeit, in klassischem Geschmack mit Zahnschnittfriesen 
sammt Eierstab, Consolen und Perlschnur gegliedert. In der Mitte 
ein Dacherker. Ein ähnliches von gleich schöner Wirkung (vom 
J. 1640), mit zahlreichen Sprüchen bedeckt, sieht man in der 
Strasse hinter dem .Brauhause. Wieder ganz anders behandelt, 
sehr energisch dekorirt zwei Häuser gegenüber dem Rathhause, 
das eine von 1617. Endlich ein hübsch mit Consolenfriesen, 
Sprüchen und Flachornamenten geschmücktes an der Stechbahn. 



Kap. XVI. Niedersachsen. 853 



Schlossbauten. 

Zunächst sind hier einige benachbarte Schlösser anzureihen. 
Eins der frühesten, wie es scheint, das Schloss zu Gif hörn, 
welches der dritte Sohn Heinrichs des Mittleren und Bruder Ernst 
des Bekenners, Herzog Franz seit 1525 erbaut hatte. Nachdem 
er 1539 mit dem Amte Gifhorn abgefunden war, bezog er das 
Schloss, wo er 1549 starb und in der Kapelle beigesetzt wurde. 
Der unregelmässig angelegte Bau, den ich nicht selbst untersucht 
habe, scheint ziemlich einfach, in den Formen noch stark mit spät- 
gothischen Elementen gemischt. Die Kapelle ist derjenigen im 
Schloss zu Celle verwandt. 1 ) 

Sodann das Schloss Wolfsburg, 2 ) zwischen Fallersleben 
und Vorsfelde gelegen, etwas späteren Datums als jenes, auch 
durchweg einfacher gehalten, dem letzten Viertel des 16. Jahrhun- 
derts zuzuschreiben. Von einem herrlichen Park umgeben und 
von einem Graben umschlossen, imponirt der Bau durch seine 
Grösse. Er besteht aus vier Flügeln von ungleicher Höhe (zwei 
gleichhoch, die beiden andern niedriger), die einen rechteckigen 
Hof einfassen. An der Hauptfacade ein stattliches Portal in 
späten Formen, von zwei Kriegerfiguren flankirt, darüber ein 
Wappen. Die nicht hohen Fenster an den beiden Hauptflügeln 
in vier Geschossen meist zu zweien gekuppelt; die Dächer von 
Giebeln mit barocken Profilen belebt. 

Der Hof malerisch, in den Ecken mit drei Treppenthürmen 
versehen, die hoch über das Dach emporsteigen; zwei davon 
rechtwinklig, der dritte polygon. Der letztere sammt dem damit 
zusammenhangenden Theil des Baues älter als das Uebrige, da 
neben diesem Thurm ein Ausbau mit spätgothischen Fenstern 
sich zeigt, während im Uebrigen nur Renaissanceformen, und zwar 
in schlichter Behandlung, vorkommen. Prächtig wirkt der uralte 
Epheu, mit welchem innen und aussen fast alle Wände des Schlos- 
ses bewachsen sind. 

Ungemein reich entfaltet sich in der letzten Epoche der Re- 
naissance der Schlossbau am mittleren Laufe der Weser. Der 
Adel wetteiferte mit den Fürsten in Errichtung stattlicher Wohn- 
häuser, die sich meist auf ebenem Terrain, von tiefen Gräben 
umzogen, als Wasserburgen darstellen. Vielleicht hat kein Ge- 



*) Vgl. den Aufsatz von Mithoff in der Zeitschr. des Hannov. Arch. 
Ver. Bd. X S. 68 ff. mit Abbildungen von Celle u. Gifhorn. — 2 ) Nach gef. 
Notizen des Herrn Oberbaurath Mithoff zu Hannover. 



854 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

biet Deutschlands eine solche Zahl im Ganzen noch wohlerhal- 
tener Renaissance- Schlösser aufzuweisen als dies anmuthige 
Flussthal. Die Bauten sind durchweg regelmässig angelegt, ent- 
weder mit vier Flügeln einen rechteckigen Hof umgebend, oder 
hufeisenförmig einen ähnlich angeordneten Hof einfassend. Trep- 
penthürme mit Wendelstiegen erheben sich mit ihren Kuppel- 
dächern in den Ecken des Hofes ; Erker sind vielfach ausgebaut, 
und verleihen mit den zahlreichen Dachgiebeln den Bauten ein 
malerisches Gepräge. Die Formen sind tiberall schon die der 
Spätzeit, stark barock geschweift, mit mancherlei geometrisch spie- 
lenden Ornamenten, wie jene Zeit es liebte. Das Alles ist aber 
mit einer Sicherheit gehandhabt, mit einer Virtuosität des Meisseis 
in dem schönen Sandstein der Gegend vorgetragen, dass man die 
ruhig sich entfaltende Thätigkeit einer bedeutenden Provinzial- 
schule erkennt. 

Ich beginne mit dem Prachtstück dieser Gruppe, der gross- 
artigen Hämelschenburg, eine Meile südlich von Hameln an 
einem sanft ansteigenden schön bewaldeten Bergzuge gelegen. 1 ) 
Der stattliche ganz in Sandstein aufgeführte Bau wurde von 1588 
bis 1612 von Georg von Klencke errichtet, dessen Familie bis auf 
den heutigen Tag im Besitz des wohlerhaltenen Herrenhauses 
geblieben ist. Das Schloss (Fig. 230) gruppirt sich in Hufeisen- 
form, zum Theil noch von dem alten Burggraben umgeben, um 
einen Hof von 137 Fuss Länge und 108 Fuss Breite. Der Zu- 
gang liegt an der östlichen offenen Seite des Hofes, wo eine 
feste Steinbrücke, vorn mit einem prachtvollen Portal geschlossen, 
über den Graben führt. Ein zur Rechten sich ausbreitender 
Teich giebt im Verein mit reichen Baumgruppen dem Ganzen 
eine erhöhte malerische Wirkung. An der offenen östlichen 
Seite schliesst eine mächtige Futtermauer mit Strebepfeilern den 
Hof ein. Links von der Brücke ist das erhöhte Terrain zu einer 
Blumenterrasse verwendet. Hat man die Brücke passirt, so 
breitet sich dem Eintretenden gegenüber der langgestreckte west- 
liche Flügel mit drei hohen Giebeln aus, von welchem südlich 
und nördlich im rechten Winkel zwei kürzere Flügel vorspringen. 
In die Ecken sind zwei polygone Treppenthürme gelegt, beide 
durch reiche Portale ausgezeichnet, der südliche etwas grösser 
und stattlicher. Der nördliche Flügel ist der ältere, seine Archi- 
tektur die feinere und elegantere, seine Stockwerkhöhe bedeutender, 



') Eine Beschreib, in Mit hoff s Kunstdenkm. im Hannov. I 8. 30 rt". 
Umfassendere Aufn. in den Reiseskizzen der polyt. .Schule zu Hannover. 
1870 foi. Nach diesen ist unsre Abb. entworfen. 



Kap. XVI. Niedersachsen. 857 

die Verhältnisse deshalb schlanker und ansprechender. Bezeich- 
nend ist namentlich die Architektur der Fenster, welche durch- 
weg gekuppelt sind, mit vortretenden Säulchen eingefasst, im 
hohen Erdgeschoss schlanke ionische, im oberen Stockwerk und 
den Dacherkern kürzere korinthische. Es ist die an den meisten 
gleichzeitigen Bauten von Hannover (s. unten) herrschende Be- 
handlung, und wahrscheinlich hat man von dort einen Meister für 
diese Theile berufen. 

Die übrigen Theile des Schlosses verrathen eine andere Be- 
handlung, kürzere Verhältnisse, derbere Formen, aber ungemein 
prachtvolle Durchführung. Alles wird von energischen Pilastern 
eingefasst; diese sowie das ganze Mauerwerk bis zur Spitze der 
zahlreichen hohen Giebel und Dacherker sind mit breiten horizon- 
talen Bändern geschmückt, welche die beliebten Sternmuster 
und andere Ornamente der Spätzeit in glanzvoller Ausführung 
zeigen. Dadurch bekommt die Architektur den Charakter einer 
schweren fast festungsartigen Derbheit, der sich besonders an 
der Aussen wand des westlichen Flügels und noch mehr an der 
des südlichen, die sich über einer gewaltigen Futtermauer erhebt, 
ausspricht. Diese Behandlungsweise, die wir in Breslau, Danzig, 
Lübeck, Bremen in ganz verwandter Weise fanden, bildet einen 
gemeinsamen Zug in der Spätrenaissance des nördlichen Deutsch- 
lands. Dazu kommen zahlreiche ähnlich durchgeführte Portale, 
mehrfache Erker an den äussern und innern Fagaden, die aber 
überall nur dem hohen Erdgeschoss angehören und auch dadurch 
diesem seine hervorragende Bedeutung sichern. Die zahlreichen 
hohen Dachgiebel, die aufgesetzten Kamine, das Alles in kräftigen 
Barockformen dekorirt, sodann die originellen Wasserspeier voll- 
enden den malerischen Eindruck des mächtigen Baues. 

Einer besonderen Anlage ist noch zu gedenken, die nicht 
bloss künstlerisch anziehend wirkt, sondern auch einen werth- 
vollen Beitrag zur Kulturgeschichte jener Tage gewährt. Links 
in der südwestlichen Hofecke neben dem Treppenthurm, zugleich 
in Verbindung mit den Eingängen zur Küche und zum Schloss- 
keller ist die sogenannte Pilgerlaube angebracht: eine offene 
reichgeschmückte Halle, in welcher die Pilger und Armen aus 
einer direkt auf die Küche mündenden Ausgabeöffnung allzeit 
Speise und Trank erhielten. Unter der Oeffnung zieht sich auf 
Consolen tischartig eine Steinplatte hin, und Bänke zum Ausruhen 
sind an den Seitenwänden angebracht. Noch jetzt wird von der 
Schlossherrschaft diese alte schöne Sitte geübt. 

Das Innere des Baues hat in der Eintheilung und Ausstattung 
vielfach Veränderungen erfahren; nur eine Anzahl von Kaminen 



858 III- Buch. Renaissance in Deutschland. 

in demselben reichen Barockstil gehören der ursprürj glichen Bau- 
zeit an. 

Eine ähnliche Anlage, nur in kleineren Maassen und minder 
prächtig ausgeführt, ist das Schloss Schwöbber, 1574 von Hilmar 
von Münchhausen begonnen 1 ). Auch hier ein hufeisenförmiger 
Grundriss mit zwei polygonen Treppenthürmen in den Ecken. 
Der älteste ist der westliche Flügel, an welchen sich dann der 
1588 vollendete Südflügel anschloss, während der nördliche erst 
1602 aufgeführt wurde. Auch hier die hohen Giebel, die auf 
Consolen ausgebauten Erker, die zahlreichen Dacherker, in den 
Formen besonders am jüngsten Flügel den Arbeiten von Hämel- 
schenburg verwandt. Der ehemalige Wassergraben ist zum Theil 
erhalten und breitet sich an der Nordseite zu einem Teich aus, 
der in Verbindung mit den prächtigen alten Linden, aus welchen 
die zahlreichen Giebel hervorschauen, den malerischen Reiz des 
Ganzen noch erhöht. Auch hier finden sich im Innern zahlreiche 
tüchtig gearbeitete alte Kamine. 

Weiter ist das ebenfalls als Wasserburg erbaute Schlösschen 
Hülse de bei Lauenau zu nennen 2 ), das indess seinen Haupt- 
theilen nach älter ist, da es 1529 bis 1548 erbaut wurde. Während 
diese Theile noch mittelalterliche Formen zeigen, ist der in der 
südöstlichen Ecke angelegte Treppenthurm sammt der reichen 
sich an ihn schliessenden offnen Galerie 1589 von Hermann von 
Mengerssen in ausgebildeten Renaissanceformen hinzugefügt worden. 
Das Schloss weicht von den oben genannten darin ab, dass es 
sich mit vier Flügeln um einen geschlossenen Hofraum gruppirt. 
Im Innern sind auch hier noch mehrere alte Kamine erhalten. 

An der Weser ist sodann noch das Schloss Hehlen zu nennen. 
Wichtiger, und durch eine neuerdings erschienene Aufnahme 3 ) all- 
gemein bekannt Schloss Bevern, eine Stunde von Holzminden 
in einem schön belaubten Waldthal gelegen. Es wurde durch 
Statius von Münchhausen seit 1603 in neun Jahren mit grossem 
Aufwand ausgeführt und ist als eins der durchgebildetsten Werke 
dieser Spätzeit zu bezeichnen. Rings von einem tiefen Graben 
umzogen gruppirt es sich mit vier Flügeln um einen fast quadra- 
tischen Hof von 90 zu 96 Fuss Ausdehnung. In der Ecke links 
vom Eingang erhebt sich ein polygoner Treppenthurm, welchem 
in der diagonal gegenüber liegenden Ecke ein zweiter entspricht. 
Die Architektur hat Verwandtschaft mit der von Hämelschenburg, 
besonders in der Ausschmückung der zahlreichen Portale und 

l ) Mithoff, a. a. 0. S. 167. — -) Ebenda S. 105. - 3 ) Seemann's deutsche 
Renaiss. 7. Lief. Schloss Bevern von B. Liebold. 



Kap. XVI. Niedersachsen. 859 

den barockgeschweiften Giebeln der Dächer und der Dacherker. 
So wenig- der Stil dieser Werke auf Reinheit Anspruch machen 
kann, so bedeutend wirken sie doch durch die malerische Com- 
positum, den ßeichthum und die Eleganz der Ausführung. 



Fürstliche Bauten. 

Bedeutende Werke der Eenaissance sind nun auch von den 
Herzogen von Braunschweig- Wolfenbüttel zu verzeichnen. Der 
wilde Heinrich, der geschworene Feind der Reformation, war 
freilich kein Mann der friedlichen Bestrebungen, der Förderung 
von Kunst und Wissenschaft. Aber als er 1568, zuletzt noch zum 
Lutherthum übergetreten, im hohen Alter starb, folgte ihm sein 
Sohn, der treffliche, friedfertige und gelehrte Herzog Julius, einer 
der besten Fürsten der Zeit, gleich dem Herzog Christoph von 
Würtemberg in der Schule der Leiden aufgewachsen. In jeder 
Weise bemüht den Wohlstand seines Landes zu fördern, Handel 
und Industrie zu heben, zog er fremde Handwerker in's Land, 
begabte sie mit besonderen Freiheiten, vergrösserte Wolfenbüttel 
durch die Anlage einer Juliusstadt, baute und verbesserte die 
Landstrassen, machte die Flüsse schiffbar und war ein so guter 
Haushalter, dass er bei seinem Tode (1589) vier Millionen im 
Staatsschatz hinterliess. Die Wissenschaften förderte er durch 
Gründung der Universität Helmstädt 1576. Sein Sohn Heinrich 
Julius (1589 — 1613) trat in die Fusstapfen seines Vaters, den 
er in gelehrter Bildung noch übertraf. Schon im zwölften Lebens- 
jahre übernahm er das Rectorat der Universität, wobei er durch 
lateinische Reden aus dem Stegreif seine Zeitgenossen in Er- 
staunen setzte. Das römische Recht führte er im Lande ein, die 
Wissenschaften pflegte er eifrig, besondre Gunst wandte er der 
Entwickelung des Schauspiels zu, wie er denn bekanntlich selbst 
eine Anzahl von Tragödien und Komödien geschrieben hat. 1 ) 
Prachtliebend und baulustig wandte er auch den bildenden Kün- 
sten seine Theilnahme zu, ja zu mehreren von ihm aufgeführten 
Schlössern soll er selbst die Zeichnungen entworfen haben. 

Unter seiner Regierung (von 1593 bis 1612) ist der gross- 
artige Bau entstanden, welcher ehemals in Helmstädt die Uni- 
versität aufnahm und noch jetzt als Juleum bezeichnet wird. 
Als Architekt ist in den Akten des Landesarchivs zu Wolfenbüttel 
PaulFrancke genannt, der schon unter Herzog Julius als Baumeister 



l ) Vgl. obenJS. 10. 



860 HI. Buch. Kenaissance in Deutschland. 

fungirte, nachmals die ansehnliche Marienkirche zu Wolfenbüttel 
begann und nach seinen Plänen grossentheils vollendete. Er starb 
1615 im Alter von 77 Jahren als herzoglicher Bau-Director. Dass 
er zu den hervorragendsten Meistern unserer Renaissance gehört, 
wird die Betrachtung seiner beiden grossartigen Schöpfungen 
darthun. 

Das Juleum ist ein mächtiger Bau, etwa 130 Fuss lang bei 
40 Fuss Breite, durch die bedeutenden Verhältnisse, die enormen 
Stockwerkhöhen, die reiche Pracht der Ausführung in einem noch 
massig barocken Renaissancestil imposant wirkend 1 ). Gewaltig 
hohe mit Säulenstellungen und Statuen geschmückte Giebel zieren 
den Bau von allen Seiten nach aussen gegen die Strasse, (Fig. 231) 
an beiden schmalen Enden sowie an der innern Hofseite. Bei 
letzterer wird auffallender Weise der mittlere Giebel durch den 
gleichzeitig vorgelegten polygonen Treppenthurm grösstenteils 
verdeckt. Dem ungewöhnlich hohen Erdgeschoss entspricht ein 
nicht minder bedeutendes oberes Stockwerk, beide durch riesige 
Fenster mit steinernen Stäben, unten viertheilig, oben dreitheilig, 
erhellt. Die Behandlung dieser Fenster, unten mit hineingezeich- 
neten Kreisen, oben mit andern willkürlicheren Formen lässt eine 
dunkle Reminiscenz gothischer Fensterbehandlung erkennen. Da- 
gegen ist die Composition der Portale und die reiche Gliederung 
der Flächen in den acht hohen Giebeln des Gebäudes eine völlig 
durchgebildete Renaissance, etwa dem Stil des Friedrichsbaues 
zu Heidelberg entsprechend. Auf den Absätzen der Giebel stehen 
kühn bewegte Figuren von Kriegern, welche mit ihren Hellebarden 
den Umriss prächtig beleben. Auf dem Gipfel jedes Giebels sieht 
man Statuen von Tugenden. Sämmtliche architektonische Glieder 
und Ornamente, Gesimse, Ecken und Einfassungen sind in Sand- 
stein ausgeführt, die Flächen dagegen verputzt 

In das untere Geschoss, welches zu vier Fünfteln einen ein- 
zigen grossen Saal, die Aula, ausmacht, mündet rechts neben dem 
Thurm ein überaus reiches triumphbogenartig componirtes Portal, 
mit vier ionischen Säulen eingefasst und von einer hohen Attika 
bekrönt, mit Statuen und Reliefs geschmückt. Ein kleineres, aber 
nicht minder elegantes Portal führt in das Stiegenhaus. Der 
Thurm erhält durch eine auf mächtigen Consolen ruhende Galerie 
eine wirksame Bekrönung. Darüber steigt das geschweifte Kuppel- 
dach auf, und eine schlanke Spitze über einer Laterne bildet den 
Abschluss. 



') Die historischen Notizen verdanke ich Herrn Lehrer Th. Voges in 
Wolfenbüttel. 




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Fig. 231. Helmstädt, Universität. 



Kap. XVI. Niedersachsen. 863 

Im Innern wird der grosse Saal der Aula in der Mitte durch 
Bogenstellungen auf drei kräftigen Pfeilern getheilt, die höchst 
originell in einer derben Rustika mit Rosetten und facettirten 
Quadern behandelt sind. Die Pfeiler ruhen auf grossen Löwen- 
krallen über kraftvoll behandelten Stylobaten. Zwei Riesenfenster 
an der westlichen Schmalseite, zwei an der südlichen und vier 
an der nördlichen Langseite geben dem Raum ein reichliches 
Licht. An der östlichen Schmalseite führt eine Thür in einen 
kleineren Nebenraum. Die Schlusssteine der korbartig gedrückten 
Bögen, auf welchen die Balkendecke ruht, sind in meisterhafter 
Weise durch herabhängende Zapfen mit Köpfchen, Früchten und 
anderem Ornament decorirt. An der Westseite des Saales auf 
einer Estrade von drei Stufen erhebt sich das Katheder, freilich 
nicht mehr in ursprünglicher Form. Die Dimensionen des Saales 
sind etwa 90 Fuss Länge bei 40 Fuss Breite und c. 24 Fuss 
Höhe. 

Die aussen angebrachte Wendeltreppe führt zu dem oberen 
Geschoss in den grossen Bibliotheksaal, welcher, etwa 120 Fuss 
lang, die ganze Breite und Länge des Gebäudes einnimmt. Seine 
innere Einrichtung bewahrt nichts mehr von der früheren Anlage. 

Zwei selbständige Flügel, in einiger Entfernung von dem 
Hauptbau rechtwinklig vorspringend, schliessen den südwärts sich 
ausdehnenden Hof ein. Sie sind beide ganz kunstlos, im obern 
Geschoss nur aus Fachwerk errichtet, jeder mit einem polygonen 
Treppenthurm, der östliche mit einem Barockportal, von Greif 
und Löwen bewacht, 1695 restaurirt. Aus derselben Zeit (1697) 
wird am Portal des Hauptbaues ebenfalls eine Restauration be- 
zeugt. Der östliche Flügelbau hat von der Strasse aus seinen 
Zugang durch ein kräftig behandeltes Hauptportal, von Hermen 
eingefasst, welche Polster statt der Kapitale auf dem Kopfe tragen. 
Die ganze Anlage ist eine Composition von hohem Werthe, das 
Einzelne am Hauptgebäude mit voller Meisterschaft durchgebildet, 
fein und scharf zu energischer Wirkung gebracht. 

Von demselben Meister rührt ein zweiter grossartiger Bau, 
die Marienkirche in Wolfenbüttel, 1604 unter Herzog Heinrich 
Julius vorbereitet und seit 1608 begonnen, sodann unter seinem 
Sohn und Nachfolger Friedrich Ulrich seit 1613 weitergeführt. 1 ) 
Jm Jahre 1615 starb Paul Francke, „dreier Herzöge zu Braun- 
schweig gewesener Baudirektor, so diese Kirche durch seine In- 



*) Die ausführlichen gesch. Notizen verdanke ich der Güte des Herrn 
Voges, welcher sie dem Corpus bonorum entnommen hat. 



§64 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

vention erbauet." 1 ) Bis 1613 war der Chor vollendet, bis 1616 
die Sakristei aufgeführt, bis 1623 arbeitete man am Kirchendach, 
nachdem seit 1619 die ersten Giebel an der Nordseite aufgerich- 
tet worden waren. Zugleich wurde die grosse Orgel erbaut und 
1621 die Kanzel aufgestellt, ein Werk des Bildhauers Georg Fritzsch 
aus Quedlinburg. Der Hauptaltar ward 1623 durch den Bild- 
schnitzer Burckhard Diedrich aus Freiberg vollendet. Während 
der Wirren des dreissigj ährigen Krieges erlitt der Bau eine Unter- 
brechung, so dass erst unter Herzog August dem Jüngeren von 
1656 bis 1660 die letzten Giebel an der Südseite aufgerichtet 
wurden. Die jetzige Thurmspitze, ein hässliches Werk von abscheu- 
lichen Verhältnissen und Formen, datirt von 1750. 

Der Bau ist ein vollständiges Compromiss zwischen Mittel- 
alter und Kenaissance: gothisch in Grundriss, Aufbau und Con- 
struktion, in der Anlage der Pfeiler, Gewölbe und Fenster, wäh- 
rend die künstlerische Ausbildung des Einzelnen mit der ge- 
sammten Ornamentik dem neuen Stil angehört. Und zwar tritt 
derselbe in der üppigen, schon stark barocken Umbildung der 
Schlussepoche auf. Die Planform zeigt eine dreischiffige Hallen- 
kirche von breiter Anlage, das 36 Fuss weite Mittelschiff durch 
6 achteckige Pfeiler von den 22 Fuss breiten Seitenschiffen ge- 
trennt, östlich ein Querschiff von 100 Fuss Länge, dann ein kurz 
vorgelegter aus dem Achteck geschlossener Chor, am Westende 
ein viereckiger Thurm in's Mittelschiff eingebaut, die gesammte 
innere Länge 215 Fuss im Lichten. 

Am frappantesten wirkt das Aeussere. Der seltsame Misch- 
stil erreicht hier eine Pracht der Ausführung, eine Energie der 
Behandlung, welche dem Werke den Stempel der Meisterschaft 
aufprägen. An das hohe Dach des Mittelschiffs stossen im rech- 
ten Winkel die fünf Querdächer jedes Seitenschiffs und das 
höhere und breitere Dach der Kreuzarme. Diese alle mit ihren 
hohen reich dekorirten Giebeln, welche sich über dem kräftigen 
durchlaufenden Hauptgesimse erheben, den Bau zu malerischer 
Wirkung abschliessend. Die bunte Phantastik dieser Giebel, 
ihre reiche Belebung durch ionische und korinthische Säulen- 
stellungen mit Gebälken und eingerahmten Nischen, die bunte 
Silhouette mit ihren phantastisch geschweiften Hörnern und Vo- 
luten, die völlige Belebung der Flächen durch Fruchtschnüre, 
Blumengewinde, Masken und andern figürlichen Schmuck stehen 
in ihrer barocken Pracht unübertroffen da. Kraftvoll ist auch 
die Architektur der unteren Theile. Die Wandflächen sind an 



') Inschrift auf dem Grabstein, im südl. Seitensch. der Kirche. 



Kap. XVI. Niedersachsen. 



865 



allen Ecken mit derben Quadern eingefasst, welche durch orna- 
mentale Linienspiele, Drachen und andere Thierfiguren völlig be- 
deckt sind. 

In derselben Weise hat man die Einfassungen der Fenster 
ausgebildet. Im Uebrigen zeigen die Fenster die gothische Con- 
struction und ziehen sich, durch zwei Stäbe getheilt, in bedeu- 
tender Höhe von circa 40 Fuss bis dicht unter das Dachgesimse 
hinauf, wo sie im Spitzbogen schliessen. Am merkwürdigsten 
ist aber das Maasswerk behandelt: (Fig. 232) aus den korinthi- 
sirenden Kapitalen der Theilungsstäbe 
schwingt es sich in freier Bewegung, 
nach Art der Renaissance aus Laub- 
büscheln zusammengesetzt und mit 
mancherlei figürlichem Schmuck ver- 
sehen, in bizarrer Phantastik empor, 
eine geniale Travestie des gothischen 
Maasswerks. Am Querschiff sind kür- 
zere und schmalere Fenster, je zwei 
neben und über einander angebracht. 
Auch die Strebepfeiler sind der Gothik 
entnommen, aber in der Absicht, sie 
ebenfalls zu antikisiren, hat der Künst- 
ler sie zu schwerfälligen nach oben 
verjüngten Pfeilern umgestaltet, die 
auf dem derben Kranzgesimse unor- 
ganisch genug Statuen der Apostel 
tragen und dem Baue willkürlich an- 
gelehnt erscheinen. Verknüpft werden 
sie diesem nur durch das kraftvolle 
Sockelgesims und ein in halber Höhe 
umlaufendes Friesband, welches mit 
Engelköpfen, Früchten, Blumen und Blättern belebt ist. 

Die beiden Portale an der Nord- und Südseite sind in 
Rustika ausgeführt, an den Seiten mit Sitznischen ausgestattet 
und mit unkannelirten ionischen Säulen eingefasst, welche das 
Gebälk sammt dem Giebel tragen. Zur höchsten Pracht entfaltet 
sich das Hauptportal an der Westfront, (Fig. 233) triumphbogen- 
artig mit dreifach gruppirten korinthischen Säulen eingefasst, 
beiderseits Nischen mit Statuen. Ueber dem mittleren Bogen 
erhebt sich eine hohe Attika, nach Art gothischer Wimperge das 
dahinter liegende Fenster halb verdeckend. Die Composition des 
Ganzen, obwohl ziemlich locker, ist energisch und nicht ohne 
Reiz; die Einzelformen, namentlich die zusammengedrückten 

Kug 1 er, Gesch. d.. Baukunst. V. 55 




Fig. 232. Fenster der Kirche zu 
Wolfenbüttel. 



866 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Voluten, deuten schon auf ziemlich späte Zeit des 17. Jahr- 
hunderts. Wie spät hier noch gebaut wurde, beweisen auch die 
Jahrzahlen 1657 und 1658 an den Giebeln der Südseite. Anstatt 
des vorhandenen abscheulichen Thurmbaues gebe ich nach einer 
alten Abbildung das ursprüngliche Project des Baumeisters, 1 ) 
welches uns eine der elegantesten Thurmcompositionen der Re- 
naissancezeit vorführt. 

Im Innern zeigt sich ein Hallenbau von lichter Weite und 
schönen Verhältnissen, durch die hohen Fenster reichlich beleuch- 
tet. Aber auch hier sind die gothischen Construktionen in Re- 
naissanceformen übersetzt. Namentlich gilt das von den acht- 
eckigen Pfeilern. Sie sind auf hohe Sockel gestellt und mit zwei 
Bändern gegürtet, welche Friese von Engelköpfen und Blumen 
enthalten. Auf originelle Weise (Fig. 234) wird am oberen Ende 
durch vortretende Consolen der Uebergang in's Viereck und in die 
breiten Gurtbögen der Gewölbe vermittelt. 2 ) Die überaus hohen 
Gesimse, die sich hier bilden, erhalten in grosser Mannigfaltigkeit 
reichen Schmuck durch Blattwerk im Stil des beginnenden Ba- 
rocco, durch ausgebogene Schilder im bekannten Leder- und 
Metallstil, durch Früchte, Engelköpfe und anderes figürliche Bei- 
werk in grotesker Ueberladung. Auch die Gewölbrippen sind, 
wie man aus unserer Abbildung sieht, durch antike Eierstäbe 
eingefasst und haben in der Mitte eine vorgesetzte Perlschnur. 
In den Wänden der Seitenschiffe entsprechen den Pfeilern grosse 
Consolen von ähnlich reicher Behandlung. In der Thurmhalle 
sieht man ein gothisches Netzgewölbe mit reich ausgebildetem 
herabhängendem Schlussstein in ähnlichen Formen. Noch ist zu 
bemerken, dass die Seitenflügel des Querschiffes rechts als fürst- 
liche Gruft, links als Sakristei vom Hauptraum abgetrennt sind. 
Die Wirkung des Innern wird durch die moderne Tünche, welche 
alle' Theile bedeckt, etwas beeinträchtigt. Auch die Holzschnitz- 
werke, die ursprünglich bemalt waren, sind jetzt mit Oelfarbe 
überstrichen. Entstellend wirken ferner die beiden im nördlichen 
Seitenschiff über einander eingebauten Emporen. Dagegen ge- 
hört die Empore im südlichen Schiff mit gemalter Brüstung auf 
korinthischen Holzsäulen zur ursprünglichen Einrichtung. 

Ein stattliches Werk ist der Hochaltar, freilich schon stark 
barock und in's Malerische übertrieben. Doch ist als bemerkens- 
werthe Nachwirkung mittelalterlicher Sitte die durchgängige An- 



*) Aus M. Gosky, Arbustum Augustaeum, wo auch das Innere der 
Kirche in ausgeführtem Stich dargestellt ist. — -) Die Abb. nach einer 
Zeichnung des Herrn Voges. 




Fig. 233. Wolfenbüttel, Marienkirche. 



55 



Kap. XVI. Nicdersachsen. 



869 



wendung der Holzschnitzerei zu bezeichnen. In der Predella das 
Abendmahl, an den Seiten Christus in Gethsemane und durch 
Pilatus dem Volke vorgeführt, darüber die Kreuzabnahme und 
endlich ein grosser Crucifixus, letzterer von edlen Formen bei 
massvollem Ausdruck, wenn auch etwas zu gestreckt. Zu den 




Seiten des Altars über den beiden offenen Durchgängen zwei 
manierirte Engel mit den Leidens Werkzeugen. Aus früherer Zeit 
stammt das Taufbecken, ein trefflicher Messingguss, inschriftlich 
1571 auf Befehl des Herzogs Julius von Gurt Meriten dem Ael- 
teren gegossen, die schöne Gesammtform noch in gothischer Weise 



870 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

profilirt, fein gegliedert und mit figürlichem Ornament und Reliefs 
bedeckt. Das prächtige Eisengitter mit schön ornamentirten messin- 
genen Einsatzfeldern und Wappen haltenden Engeln ist von 1584. 
Ein herrliches Eisengitter mit vergoldeten Rosetten und frei be- 
handelten Blumen findet sich auch an der Treppe zur Fürsten- 
gruft. Reich und prächtig in kraftvollem Barockstil ist die Orgel 
geschnitzt. Ebenso die Orgelempore, die auf Bögen mit skulptirten 
Quadern ruht. 

Im Gegensatz zu der reichen Pracht dieser Kirche ist es auf- 
fallend wie unbedeutend, ja armselig das herzogliche Schloss 
ausgeführt ist. Nur etwa der stattliche Thurm von 1643 mit 
hübschen aufgesetzten Giebeln und prächtigem Eisengeländer an 
der Galerie ist zu bemerken. Gleich daneben das Zeughaus, 
jetzt Kaserne, vom Jahre 1619, ein stattlicher Bau, 220 Fuss lang 
bei 70 F. Breite, mit reich geschmückten Giebeln und einem tüchtig 
behandelten Portal im Stil der Marienkirche. 

Ein gutes Portal derselben Spätzeit besitzt sodann noch die 
alte Apotheke am Markt. 

Die Städte. 

Unter den Städten dieses Gebietes nimmt an Bedeutung und 
Macht Braun schweig die erste Stelle ein. Aus einem Fürsten- 
sitze des frühen Mittelalters hervorgegangen, schon durcli Heinrich 
den Löwen zu ansehnlicher Stelluug erhoben, schwang die Stadt 
sich früh durch Thätigkeit und Umsicht ihrer Bürger zu einem 
Gemeinwesen von selbständiger Kraft empor. In regem Handels- 
verkehr nach allen Seiten gewann sie durcli den Beitritt zur 
Hansa zunehmende Blüthe und erwarb den Ehrenplatz einer Quartier- 
stadt des Bundes. In ihren wiederholten Kämpfen um völlige 
Unabhängigkeit mit den Landesfürsten, in dem frühen Uebertritt 
zur Reformation (1528), in ihrem mannhaften Festhalten am 
Schmalkaldischen Bunde bekundete sie ihren tüchtigen Sinn. Als 
Zeugnisse einer durch Jahrhunderte andauernden stets gesteigerten 
Blüthe weist sie eine Anzahl hervorragender Denkmäler aus allen 
Epochen des Mittelalters auf, grossartige kirchliche Bauten der 
romanischen und gothischen Epoche und eins der schönsten Rath- 
häuser des Mittelalters. Schon im 15. Jahrhundert fällt die 
monumentale Pracht und Grossartigkeit der Stadt einem Kenner 
wie Aeneas Sylvius auf 1 ). In unverkümmerter Frische nimmt 



l ) Aen. Sylv. Piccol. opp. Basil. 1571. p. 424: „oppiduin tota Germania 

meniorabile magnuin et populosuni magnificae domus, perpolitae 

plateae, ampla et ornatissima templa. Quinque hie fora ■ 



Kap. XVI. Niedersachsen. 871 

sie nun auch an der Entwicklung der Renaissance ihren Antheil 
und bringt eine Reihe von stattlichen Profanwerken des Stils 
hervor, die bis hart an den Beginn des dreissigj ährigen Krieges 
reichen, der auf lange Zeit die Blüthe der Stadt vernichten sollte. 

Gleichwohl können wir hier nicht von besonders frühzeitiger 
Aufnahme des neuen Stils sprechen. Die Formen desselben 
schleichen sich nur langsam und fast unvermerkt ein, und erst 
spät kommt es zu bedeutenderen Schöpfungen. Dies hängt wohl 
damit zusammen, dass fast ausschliesslich der Holzbau die Profan- 
architektur hier beherrschte, wodurch die mittelalterliche Tradition 
sich lange in Kraft erhielt. Man kann schrittweise die Entwicklung 
der Formen verfolgen: wie bis ins 16. Jahrhundert die gothische 
Behandlung sich ungetrübt geltend macht, dann gewisse Motive 
der Renaissance sich einschleichen, bis endlich, durch die Richtung 
des neuen Stiles begünstigt, der Steinbau sich einmischt, zuerst 
in Verbindung mit dem Holzbau etwa an den Portalen oder dem 
Erdgeschoss und dem ersten Stock Platz greift, endlich aber in 
einigen vollständigen Fagaden sich ausspricht. 

Um diesen Prozess im Einzelnen darzulegen, beginnen wir 
mit der Betrachtung der früheren noch völlig in mittelalterlichem 
Sinn behandelten Bauten. Sie zeigen durchweg noch ein strenges 
Anschliessen der Dekoration an die Elemente des constructiven 
Gerüstes. Die Schwellbalken und die Füllhölzer erhalten kräftige 
Auskehlung und Abfasung, wodurch die horizontalen Linien der 
über einander vorkragenden Stockwerke wirksam betont werden. 
Ueberaus beliebt ist die Dekoration mit rechtwinklig gebrochenen 
Linien, die man als mäanderartig bezeichnen kann. Damit wechselt 
aber ein anderes Ornament, das seine Motive dem Pflanzengebiet 
entlehnt, aus einer Laubranke bestehend, welche sich um einen 
horizontalen Stab windet und die charakteristischen Formen des 
bekannten spätgothischen Blattwerks zeigt. Nicht minder reich 
werden die Balkenköpfe, welche consolenartig die vorkragenden 
Stockwerke stützen, behandelt. Sie erhalten nicht blos kräftig 
ausgekehlte Profile, sondern bisweilen in Hochrelief durchgeführte 
figürliche Darstellungen, Apostel und andre Heilige, aber auch 
Genrehaftes und Burleskes. 

Was die Gesammtcomposition der Fagaden betrifft, so kommt in 
Braunschweig die schmale hochgethürmte Giebelfacade, die z. B. in 
Städten wie Lübeck, Bremen, Danzig so gut wie ausschliesslich 
herrscht, nur selten vor. Meistenteils sind die Häuser mit der Lang- 
seite gegen die Strasse gekehrt, erhalten aber durch einen oder meh- 
rere Dacherker mit ihren Giebeln eine nicht minder reiche male- 
rische Belebung. Dagegen fehlt der Erker diesen Fagaden durchaus. 



g72 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Ueberaus gross ist die Anzahl der oben charakterisirten Bauten 
der ersten Epoche. Sie sind meistens datirt und umfassen die 
letzten Decennien des 15. und die ersten des 16. Jahrhunderts. 
Eins der frühesten dieser Häuser ist das kleine in der Poststrasse 
N'o. 10 gelegene vom Jahre 1467. Vom Jahre 1469 datirt ein ähn- 
liches am Südklint No. 17, oben mit hübschen Heiligenfiguren an 
den Balkenköpfen. Ein anderes am Altstädter Markt No. 3 trägt 
die Jahrzahl 1470. Aus demselben Jahre eins der reichsten Häuser 
Scharm Strasse No. 13, aufs üppigste mit Figuren von Heiligen, 
sowie phantastischen und genrehaften Bildwerken decorirt. In den 
rund abgefasten tauförmig gedrehten Schwellbalken, einer sehr 
häufig vorkommenden Form, darf man wohl ein noch aus roma- 
nischer Zeit nachwirkendes Motiv erkennen. Eine ganze Gruppe 
ähnlicher Häuser sieht man am Kohlmarkt, No. 11 z. B. ein statt- 
liches vom Jahre 1491. Ein etwas reicher dekorirtes Schuhstrasse 
No. 20, ein anderes mit besonders reichgeschnitzten Kopfbändern 
Kleine Burg No. 13. Ebenda No. 15 eine langgestreckte kräftig 
behandelte Fagade von 1488. Trefflich geschnitzte gothische Laub- 
friese Wendenstrasse 13 und ebendort No. 1 vom Jahre 1529, ferner 
No. 69 vom Jahre 1533. Das Mäanderornament findet man ebendort 
No. 2 vom Jahre 1491, verbunden mit reich profilirten Balken- 
köpfen. (Das steinerne Portal vom Ende des 16. Jahrhunderts.) 
Dasselbe Ornament ebenda No. 6 an einem stattlichen Haus von 
1512, an den Kopfbändern die Madonna und andere Heilige ge- 
schnitzt. Das kräftig behandelte steinerne Portal ist wieder ein 
späterer Zusatz. Im Innern ist die alte Einrichtung des riesig hohen 
Hausflurs mit seiner Balkendecke und Holztreppe bemerkens- 
werth. 

Reich und hübsch sieht man den gothischen Laubfries an einem 
kleinen originellen Hause Hagenbrücke No. 12, dasselbe Orna- 
ment ist aber auch an der Brüstungswand unter den Fenstern 
des ersten Stocks ausgebreitet. Ein schönes Beispiel desselben 
Frieses Schützenstrasse No. 9 im zweiten Stockwerk, dagegen 
im ersten ein reicher Figurenfries, allerlei Genrehaftes, Derb- 
komisches, Thierfabeln etc. enthaltend. In derselben Strasse No. 2 
zeigt ein stattliches Haus von 1490 das Mäandermotiv, dabei stark 
unterschnittene und ausgekehlte Balkenköpfe. Auch hier ein derbes 
Steinportal der Spätrenaissance, reich mit Karyatiden und Atlanten 
eingefasst, aber von mittelmässiger Ausführung. 

Noch ganz mittelalterlich ist das kolossale Eckhaus vom Jahre 
1524 am Wollmarkt No. 1, derb in den Formen, fast roh geschnitten, 
mit wenig Detail, aber mit kräftig ausgekehlten Schwellen und 
von imposanter Wirkung. Nicht minder machtvoll das grosse 



Kap. XVI. Niedersachsen. 873 

Haus No. 14 hinter der alten Waage vom Jahre 1526, mit dem 
Mäandermotiv und reich geschnitzten Kopfbändern, durch zwei 
stattliche Dacherker malerisch belebt. Die Alte Waage selbst sodann, 
1534 errichtet, ist ein Bau von riesiger Anlage, noch ganz mittel- 
alterlich mit gothischen Laubfriesen, Drachen und andrem Figür- 
lichen an den Balkenköpfen und Schwellhölzern geschmückt; neuer- 
dings trefflich restaurirt (Fig. 235). Zu den frühesten Bauten dieser 
Gruppe gehört ein andres riesiges Haus, an der Ecke der Knochen- 
hauer- und Petersilienstrasse gelegen, vom Jahre 1489; ungemein 
reich und derb in der Behandlung, an den Balkenköpfen allerlei 
Figürliches, an den Schwellhölzern das Mäandermotiv. Reicher 
Figurenfries, Ernstes und Possenhaftes vermischend, Steinstrasse 3 
vom Jahre 1512. Aehnliche Behandlung an dem kleinen Haus 
Gördelinger Strasse 38, wo in den Flächen der Schwellhölzer 
Thierfigürchen, an den Balkenköpfen Humoristisches und Paro- 
distisches aus der Thierwelt vorkommt. Ein prachtvolles Beispiel 
des schön behandelten gothischen Laubfrieses Südklint 22 vom 
Jahre 1524. Ebenda No. 1 ein grosses Haus mit dem Mäander- 
ornament vom Jahre 1482. In derselben Strasse No. 11 eine 
Breitfacade mit Dacherker, die Schwellhölzer tief ausgekehlt und 
die Kanten mit gewundenen Tauen decorirt. Aehnlich die Kopf- 
bänder behandelt. Sämmtliche Fenster mit Vorhangbögen und 
durchschneidenden gothischen Stäben. 

Die Renaissance bringt in dieser Behandlung zunächst nur 
einige Bereicherung des Ornamentalen. Eins der frühesten Bei- 
spiele vom Auftreten der neuen Formen sind die trefflichen 
Reste von einem abgebrochenen Rathsküchengebäude von 1538, 
welche man in der Alterthümer- Sammlung des Neustädter Rath- 
hauses sieht. 1 ) Candelaber und andere Ornamente, auch Figür- 
liches im Stil der Renaissance verbindet sich noch mit allerlei 
mittelalterlichen Spässen, dem Luderziehen u. a. Noch etwas früher 
(1537) ist das kleine Haus am Papenstieg No. 5, ziemlich schlicht 
behandelt, aber interessant, weil es an den Fensterbrüstungen 
ein charakteristisches Motiv des neuen Stils, die muschelartige 
oder fächerförmige Decoration, 2 ) in breiter Entfaltung, wenn auch 
noch in ziemlich steifer und harter Behandlung zeigt. Noch 
etwas früher (1536) dasselbe Ornament an einem kleinen Hause 
Wendenstrasse No. 14. Aus demselben Jahre rührt das stattliche 
Haus Langestrasse No. 9, das sehr reich geschnitzt ist und noch 



J ) Diese interessante Sammlung verdankt ihre Entstehung dem uner- 
müdlichen Wirken des Dr. C. Schiller, der mich durch manche werthvolle 
Notizen und Nachweise unterstützt hat. — 2 ) Vgl. die Abbild. Fig. 243. 



874 



III. Buch. Renaissance in Deutschland. 



starke Anklänge ans Mittelalter, z. B. in den Vorhangbogen der 
Fenster zeigt. Aber das Fächerornament, die Candelabersäulchen 




Fig. 235. Braunschweig, Alte Waage. 



am Portal und die Delphine gehören der Renaissance. Im Innern 
ist die hohe wohlerhaltene Flurhalle bemerkenswerth. Dasselbe 
beliebte Fächermotiv, aber reicher ausgebildet und mit den tief 
ausgekehlten und abgefasten Schwellhölzern wirksam verbunden, 



Kap. XVI. Niedersachsen. 875 

sieht man am Sack No. 9. Ebendort No. 5 ist dann das Pracht- 
stück dieser Decoration, die sich an allen Flächen, unter den 
Fenstern, an den Kopfbändern und Füllhölzern, den Schwellen, 
den Fensterrahmen und sämmtlichen Pfosten in überschwänglichem 
Reichthum ausbreitet. Die Elemente der Renaissance in Delphinen, 
Candelabern, Putten, Gottheiten und Helden des Alterthums sind 
noch unbefangen mit allerlei Mittelalterlichem, mit Genrescenen, 
Possenhaftem und Unfläthigem gemischt. Es ist ein wahrer 
Fasching der Phantasie. (Ich glaubte die Jahrzahl 1536 zu lesen). 

Um diese Zeit taucht ein neues Motiv für die Decoration 
der Schwellhölzer auf: eine Verschlingung von Zweigen, die fast 
wie Bänder aussehen und friesartig sich ausbreiten. So zeigt es 
in der Wendenstrasse No. 49 ein Haus vom Jahre 1545, wo zu- 
gleich die Fensterpfosten hübsch mit Ranken geschmückt sind. 
An der alten Waage (Fig. 235) kommt dies Motiv im obersten 
Stockwerk vor. Aehnlich, nur einfacher die kleinen Häuser am 
Werder 34 und 35. Dasselbe Motiv am Burgplatz No. 2 vom 
Jahre 1573, ferner am Papenstieg No. 2 vom Jahre 1581, endlich 
in besonders schöner Ausbildung am Wilhelmsplatz No. 8 vom 
Jahre 1590, mit der Inschrift: „Was menschlich Vernunft für un- 
möglich acht, das hat Gott in seiner Macht." 

Um diese Zeit erfährt der Holzbau seine letzte Umwandlung. 
Der Steinbau der durchgebildeten Renaissance beginnt auf ihn so 
stark einzuwirken, dass die Formen desselben fortan einfach in 
Holz nachgeahmt werden.* Bisher waren die Glieder durch Ab- 
fasen und Einkerben, durch Auskehlen und Unterschneiden 
recht im Sinne der Holzconstruktion ausgebildet worden. Diese 
Behandlungs weise tritt jetzt zurück und macht der Nachahmung- 
antiker Bauglieder Platz. Die Balkenköpfe werden mit Vorliebe 
als Consolen mit elegant geschwungenem Profil dargestellt, die 
Schwellbalken durch Zahnschnitt, Eierstab und Perlschnur im 
Sinn der Antike ausgebildet, das Ganze freilich nicht mehr im 
Sinn einer nach mittelalterlichem Prinzip aus der Construktion 
hervorgegangenen Dekoration, sondern einer freien Ornamentik, 
die den Mangel construktiver Notwendigkeit durch den Reiz 
einer edlen Formenwelt zu ersetzen sucht. Dazu gesellt sich oft 
eine weiter gehende Flächendekoration, die ebenfalls ihre Motive 
aus der Ornamentik des Steinbaues der Spätrenaissance schöpft. 

Die üppigste Blüthe dieser letzten Entwickelungsreihe werden 
wir in Hildesheim antreffen. Braunschweig besitzt indess einige 
charakteristische Beispiele. So am Bohlweg No. 47 ein Haus 
von 1608, reich mit Flachornamenten geschmückt, selbst die 
Unterseite der Schwellhölzer mit Metalldecoration bedeckt, auch 



876 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

die Pfosten mit linearen und figürlichen Ornamenten geschmückt. 
In verwandter Weise ist das Haus Küchenstrasse No. 11 vom 
Jahre 1623 behandelt. Am Südklmt 21 ein schönes Beispiel 
dieser späteren Behandlungsweise mit imitirten Arkaden an den 
Pfosten und hübschem Rankenwerk an den Fensterbrüstungen. 
Aehnlich das kleine Haus am Bäckerklint vom Jahre 1630. Eins 
der spätesten von 1642 ist das grosse Haus Schützenstrasse 34, 
an allen Flächen mit hübschen Ranken dekorirt, die in Masken 
auslaufen. 

Der reine Holzbau nimmt aber in dieser Zeit überhaupt auf- 
fallend ab und theilt zunächst die Herrschaft mit dem Steinbau 
und zwar in der Weise, dass die Erdgeschosse mit ihren Por- 
talen und meist auch der erste Stock diesem anheim fallen, 
während die oberen Stockwerke den Holzbau beibehalten. Von 
solchen prächtigen Steinportalen ist schon mehrfach die Rede ge- 
wesen. Andere Beispiele dieses gemischten Stiles haben sich 
noch mehrfach erhalten. Eins der prachtvollsten ist das grosse 
Eckhaus am Hagenmarkt 20, Erdgeschoss und erster Stock in 
Stein ausgeführt, mit stattlichem Barockportal, das an den Seiten 
Sitznischen und einfassende Hermen hat, die Fenster noch mit 
mittelalterlichen Rahmen, aber zugleich durch Perlschnüre ge- 
schmückt, der obere Stock in reichem Holzbau durchgeführt. 
Ein stattliches Beispiel derselben Art vom Jahre 1591 am Süd- 
klint No. 15, wiederum beide Untergeschosse in Stein, mit zwei 
Bogenportalen, davon das eine facettirte Quaderumfassung mit 
Perlschnur und Herzblatt, das andere die reiche Form mit Seiten- 
nischen, Hermen und Masken, dabei die Inschrift: „Nisi deus 
frustra." Aehnliche Inschrift: „Nisi dominus frustra" kehrt an 
einem eleganten Portal vom Jahre 1584 in der Gördelinger- 
strasse No. 43 wieder, wo ebenfalls noch ein zweites einfacher 
behandeltes Portal für die Einfahrt vorkommt; wahrscheinlich 
von demselben Meister. 

Eins der grössten Prachtstücke ist das mächtige Haus am 
Bäckerklint No. 4, wiederum in beiden unteren Geschossen aus 
Stein mit einem üppigen Barockportal, mit Masken, Hermen und 
schnörkelhaften Voluten, in den Zwickeln ungeschickte Victorien^ 
der obere Aufsatz durch einen herausspringenden Löwen wunder- 
lich abgeschlossen. Es ist eine stillose Composition, überladen 
und unklar. Die oberen Holzgeschosse üppig dekorirt, die Ran- 
ken an den Schwellbalken und den Fensterbrüstungen in barocke 
Masken auslaufend. Ein derbes Werk derselben Zeit ist am 
Kohlmarkt No. 2, Portal und Fenster mit Rustikaquadern einge- 
fasst, die abwechselnd das Sternornament zeigen. Auch das 



Kap. XVI. Niedersachsen. 



877 



kleine Haus an der nordöstlichen Ecke des Burgplatzes, dessen 
Fenster den Eierstab als Einfassung- haben, gehört hierher. 




Fig. 236. Braunschweig, Gymnasium- 

Hieran schliesst sich eine Gruppe von Häusern, welche völlig 
auf den Holzbau verzichten und ausschliesslich die Steincon- 
struktion aufnehmen. Das schönste unter ihnen ist das ehemalige 
Gymnasium am Bankplatz vom Jahre 1592 (Fig. 236). Ein 



878 HI- Buch. Die Renaissance in Deutschland. 

stattlicher Quaderbau mit üppig barockem Portal, durch allerlei 
Figuren von Tugenden, Reliefs, Masken, Blumen- und Fruchtge- 
winde geschmückt. Die beiden oberen Stockwerke haben ge- 
kuppelte Fenster, die bei mittelalterlichem Rahmenprofil wieder 
von kräftigem Eierstab umfasst werden. Diese Fensterform 
kommt in Braunschweig in oftmaliger Wiederholung vor. Was 
aber dieser Fagade besonderen Reiz giebt, sind die hübschen 
Nischen zwischen den Fenstern, welche mit freilich sehr manierir- 
ten Figuren von Tugenden ausgefüllt sind. Die Flächen, welche 
jetzt das rohe Bruchsteingemäuer zeigen, waren ursprünglich ohne 
Zweifel verputzt und bemalt. 

Stattlich ist auch das Steinhaus an der Martinikirche No. 5, 
im Ganzen zwar einfacher behandelt, aber mit einem der üppig- 
sten Barokportale, eingefasst von vier Hermen und Karyatiden, 
in der Bekrönung wieder aufrechtstehende Löwen, die ihren 
Vorderleib durch einen Ausschnitt der Cartouche stecken, ähnlich 
wie am Bäckerklint No. 4.) Zu beiden Seiten zwei Krieger. Ein 
stark barockes Portal ist auch an einem grossen Hause in der 
Wilhelmstrasse vom Jahre 1619. Ebenso ein Portal an dem 
prächtigen Hause Poststrasse 5, dessen Fenster wieder die ele- 
gante Einfassung mit Eierstäben zeigen. 

Eine andere Behandlung sieht man an dem stattlichen Eck- 
haus des Altstädter Marktes, dessen Fenster breite flache Rahmen 
haben , die oben in einen rosettengeschmtickten Giebel auslaufen. 
Das Portal gehört schon dem völligen Barocco an. Aehnliche 
Fenster mit derselben Umrahmung sieht man auch an der Burg, 
deren hintere Fagade barocke Volutengiebel zeigt. Als vereinzeltes 
Beispiel einer hohen Giebelfacade steht das Haus am Kohlmarkt 
No. 1 da. Die Fenster sind noch mit durchschneidenden gothischen 
Stäben eingefasst, der Giebel aber mit Voluten, geschweiften 
Hörnern und Pyramiden dekorirt, doch ohne alle plastische Gliede- 
rung der Flächen. 

Während alle diese Werke nicht von hervorragendem Werth 
in Composition und Ausführung sind, gehört der östliche Giebel 
des Gewandhauses, 1590 durch die Meister Magnus Klinge und 
Balzer Kircher ausgeführt, zu den vollendetsten Meisterwerken der 
Zeit. In der Anordnung der Geschosse sah man sich durch die alte 
Anlage des vorhandenen Baues, der noch in frühgothische Epoche 
hinaufreicht, gebunden. Daher die niedrigen Stockwerke, welche 
mit der gewaltigen Höhe des Baues wunderlich contrastiren. Es 
ist ein riesiger Giebelbau, der seine hohen Stirnseiten westlich 
gegen den Altstädtischen Markt, östlich gegen die Poststrasse 
kehrt. Die Ostfacade ist bei der niedrigen Stockwerkhöhe durch 



Kap. XVI. Niedersachsen. 879 

gekuppelte Fenster und sparsam ausgetheilte Säulenstellungen 
mit feinem künstlerischem Takt rhythmisch belebt. Im Erdgeschoss 
ist auf Pfeilern mit gedrückten Korbbögen eine Halle vorgelegt, 
die mit gothischen Kreuzgewölben auf zierlichen Renaissance- 
consolen eingedeckt ist. Dieselbe Bogenform kehrt an der kleinen 
Loggia des ersten Stocks und an den mittleren Fensteröffnungen 
der übrigen Stockwerke wieder. Gothische Reminiscenzen finden 
sich an der Masswerkbrüstung der Loggia und den Einfassungen 
der Fenster, zu welchen in den oberen Geschossen jedoch noch 
die hier beliebten Eierstäbe kommen. Das Ganze ist trefflich in 
Sandstein ausgeführt und durch reiche Vergoldung ausgezeichnet. 
Die klare Eintheilung, die volle Meisterschaft in Anwendung der 
antiken Formen, die massvolle Beimischung barocker Elemente, 
endlich die hohe Sicherheit in der Behandlung des Ornamentalen 
und Figürlichen geben dieser Fa§ade einen hervorragenden 
Werth 1 ). An der westlichen Facade hat man sich begnügt, den 
Giebel mit Voluten zu schmücken und die Rahmen der Fenster 
und der Giebelkanten mit Quaderwerk in Sternmustern einfach 
und wirksam zu gestalten. 

Ein schönes Stück innerer Dekoration ist sodann noch in 
dem Sitzungssaal des Neustädtischen Rathhauses erhalten. Ein 
reich dekorirter und bemalter Kamin vom J. 1571, von kannelirten 
ionischen Säulen eingefasst, dazu eine prächtige Balkendecke, rings 
an den Wänden treffliches Getäfel, an allen Flächen der Pilaster, 
Friese und Bogenzwickel mit eingelegten Ornamenten auf dunklem 
Grunde bedeckt. 



Der alte Bischofssitz Halb er Stadt, in anmuthiger Landschaft 
an den nördlichen Ausläufern des Harzes gelegen, zeigt nicht 
blos in bedeutenden kirchlichen Bauten, unter denen der gothische 
Dom zu den Monumenten ersten Ranges gehört, die Macht eines 
geistlichen Fürstenthums des Mittelalters, sondern bietet daneben 
auch in zahlreichen Profanwerken das Bild eines rüstig bewegten 
kunstliebenden Bürgerthums. In dem breiten Zug der Strassen, 
den zahlreichen freien Plätzen, die sich theils um den Mittelpunkt 
bürgerlicher Macht, theils um die grossen kirchlichen Monumente 
ausdehnen, spricht sich der Doppelcharakter der Stadt unverkenn- 
bar aus. 

Wir haben es bei unsrer Betrachtung nur mit Werken der 
Profanarchitektur zu thun, und zwar steht der Holzbau unbedingt 



*) Eine Abb. dieser Facade in Rosengarten, Archit. Stilarten. 



880 HI. Buch. Die Renaissance in Deutschland. 

in erster Linie. Ausschliesslicher als in Braunschweig beherrscht 
er die bürgerlichen Wohnhäuser, ohne dem Steinbau Eingang zu 
gestatten. Deshalb hat er sich auch reiner entwickelt und gerade 
in der Epoche der besten Renaissance seine feinste Blüthe entfaltet. 
Aus der letzten Epoche des Mittelalters zählt er auch hier eine 
Anzahl charaktervoller Werke, die sich durch besondren Reichthum 
an figürlicher Plastik auszeichnen. Der späte Nachsommer der 
Renaissance kommt hier nicht mehr zum Ausdruck ; dagegen sind 
die mittleren Zeiten des Stils durch eine ungemein grosse Zahl 
von Bauten vertreten, welche das Gepräge einer geradezu klas- 
sischen Anmuth tragen. Die Formen behalten überwiegend den 
Charakter einer aus der Construction hervorgegangenen Ornamen- 
tik bei ; die Balkenköpfe sind durch Auskehlen und Unterschneiden 
mannichfach gegliedert, auf den Oberflächen oft elegant geriefelt 
in diagonaler oder vertikaler Linienführung, an den Seiten manch- 
mal durch Sterne, Rosetten und andre Muster belebt (vgl. Fig. 54 
auf S. 197.) Die Schwellhölzer und Füllbalken sind ausgekehlt 
und abgefast, meist mit ähnlichen diagonalen Riefelungen plastisch 
dekorirt. Unter den Fenstern findet sich entweder das Fächer - 
(Muschel) -Ornament, oder es ist in Nachahmung des Steinbaues 
eine Blendarkade auf kleinen Pilastern durchgeführt (vgl. oben Fig. 
53 und 54) i ). Auf dieser edelsten Stufe der Ausbildung verharrt 
der Halberstadter Fachwerkbau, nur im Einzelnen eine Fülle 
anmuthiger Flächendekoration hinzufügend. 

Was die Gesammtanlage der Häuser betrifft, so sind sie 
grösstenteils wie in Braunschweig nicht schmale Hochbauten 
mit der Giebelwand nach der Strasse, sondern breite Langbauten, 
über denen in der Mitte stets ein Dacherker aufragt, die monotone 
Fläche des Satteldaches wirksam durchbrechend, wie Fig. 53 zeigt. 
Doch kommen hier seltener jene riesigen Häuserkolosse vor, welche 
Braunschweigs bürgerlichen Bauten einen so machtvoll domi- 
nirenden Charakter verleihen. Hier ist vielmehr Alles feiner, zier- 
licher, anmuthiger auch in den Verhältnissen. Sodann aber wird 
der an der Fa§ade ausgebaute Erker, den man in Braunschweig 
vergeblich sucht, öfter angewandt. Auch dadurch ist der malerische 
Reiz dieser Bauten gesteigert. 

Zu den bedeutendsten mittelalterlichen Werken gehört der 
stattliche Bau des Rathskellers am Holzmarkt vom J. 1461. Die 
prachtvolle Wirkung beruht hauptsächlich auf den ungemein stark 



') Ich bemerke hier schon berichtigend, dass obige beide Abbild, der 
geschickten Hand des Herrn Architekten E. Grisebach in Hannover zu 
verdanken sind. 



Kap. XVI. Niedersachsen. 881 

vorspringenden Geschossen mit ihren dreimal wiederkehrenden 
effektvoll geschnitzten Balkenköpfen, die durch zahlreiche Heiligen- 
figürchen consolenartig ausgebildet sind. Auch gothische Mass- 
werke, Thierfriese und dgl. kommen vor. Es ist eins der reichsten 
Beispiele seiner Art. Von ähnlicher Behandlung das grossartige 
Eckhaus am Fischmarkt No. 1, in vier Geschossen mit herrlichen 
Friesen geschmückt; die Schwellen mit dem Mäandermotiv, das 
wir schon in Braunschweig fanden; die Balkenköpfe stark unter- 
schnitten und gekehlt, zugleich mit Mass werken dekorirt; die Ecke 
bis oben hinauf durch zahlreiche Figuren kraftvoll geschmückt. 
Ueberhaupt herrscht hier an den mittelalterlichen Bauten das 
figürliche Element in reicher Ausbildung ; so bei den Häusern am 
Fischmarkt No. 11 und 12, No. 10 von 1520, No. 9 von 1529, 
No. 8 von 1519. 

Den Uebergang zur Renaissance bezeichnet ein Haus vom 
Jahr 1532 am Holzmarkt No. 4; die Schwellen doppelt gekehlt, 
die Balkenköpfe kräftig mit Rundstab und Hohlkehle gegliedert. 
Ebendort No. 5 dasselbe Motiv, aber alles zierlicher, feiner, schon 
mehr im Sinne des neuen Stils durchgebildet, mit flachen Rosetten 
u. dgl.; an den Fensterbrüstungen das Fächerornament. Es ist 
eins der seltenen Giebelhäuser, datirt 1552. Aehnliche Häuser 
Breiteweg No. 39 vom Jahr 1558 und ebenda No. 38 von 1559. 
Das Motiv der Blendarkaden unter den Fenstern tritt sodann an 
dem stattlichen Haus Ecke der Schmiedestrasse und des Holz- 
marktes vom Jahr 1576 auf; feine Zahnschnittfriese begleiten die 
Gesimse. Ein auf einer Holzsäule ruhender Erker, das Dach 
durchbrechend und bis zur Firsthöhe desselben emporgeführt, be- 
lebt malerisch die Fagade. Dasselbe Motiv findet seine glanz- 
vollste Ausbildung an dem grossen Prachtbau des Schuhhofes, 
jetzt die drei Häuser am Breitenweg, Ecke der Schuhstrasse bildend, 
vom Jahr 1579. Die vielfach gekerbten, gerieften und gemusterten 
Schwellbalken, die mit Figürchen und Ornamenten geschmückten 
Balkenköpfe sammt ihren consolenartigen Stützen, die mit ge- 
schnitzten Wappen ausgefüllten Blendarkaden, (im oberen Geschoss 
einfacher behandelt), endlich die feine Ornamentik, welche die 
Pilaster, die Fensterrahmen, die Eckpfosten, kurz alle Flächen 
belebt, geben diesem Bau einen unübertroffenen Ausdruck von 
Eleganz (Fig. 237). Nur die nackten Ziegelflächen, ursprünglich 
zum Theil allerdings durch drei vorgebaute Erker etwas unter- 
brochen, wirken störend. 

Ein ähnliches, wenn auch nicht ganz so reiches Beispiel 
bietet ein Haus in der Göddenstrasse von 1586 mit einem hüb- 
schen Erker. Ferner eins der schöneren und reicheren das süd- 

Kugler, Gesch. d. Baukunst V. 56 



882 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

lieh neben dem Dom gelegene Haus, dessen Blendarkaden theils 
mit Wappen, theils mit schon stilisirten Ranken geschmückt sind. 
Mit einfacherer Behandlung der Arkaden, aber trefflich geglieder- 
ten Schwellen ein Haus von 1584 in der Schmiedestrasse No. 17, 
durch die consequente zwar einfache aber feine Behandlung bis 
hoch in den aufgesetzten Dachgiebel anziehend. Es trägt die 
Inschrift: „Mannicher sorget vor mich; wäre besser er sorget vor 
sich." Ein kleineres von derselben Art Harsleberstrasse No. 9, 
vom Jahr 1604, ebenfalls mit hübschem Dacherker und der In- 
schrift: „Wie es Gott fügt, also mir gentigt." Etwas früher (1589) 
das grosse Haus in derselben Strasse No. 6, kräftiger dekorirt, 
mit mancherlei geometrischen Mustern und einem Erker auf hübsch 
behandelter Holzsttitze. Aehnlich ebenda No. 10 vom Jahr 1618. 

Neben dem hier so sehr beliebten Motiv der Blendarkaden 
kommen dann auch immer noch Beispiele des Fächerornaments 
an den Fensterbrüstungen vor. So Hoheweg No. 1 6 in besonders 
zierlicher Ausbildung, alles mit linearen Ornamenten durchsetzt, 
die Fächer z. B. gefiedert. Aehnlich in derselben Strasse No. 13 
an den Schwellen mit dem in Braunschweig beliebten Ornament 
der Flechtbänder. Ein sehr hübsches Beispiel Göddenstrasse 13 
mit feinen Fächern und reich gegliederten Schwellen. Ebenso 
Harsleberstrasse 15, wo wieder geometrische Linienspiele zu 
reicher Verwendung gekommen sind. 

Der Steinbau ist nur an einigen öffentlichen Monumenten, 
und an keinem in hervorragender Weise zur Entwicklung ge- 
kommen. Das früheste Denkmal der Renaissance scheint der 
hübsche Erker an der Südseite des Rathhauses, bezeichnet 1545. 
Er ist dem noch strenggothischen Bau in einem malerischen 
Mischstil vorgesetzt, wie er denn auf einem reich durchschneiden- 
den mittelalterlichen Rippengewölbe ruht, aber mit Candelaber- 
säulchen der Frührenaissance und hübsch gearbeiteten Wappen 
geziert ist. Auch das breite dreitheilige Fenster, welches neben 
ihm die Wand im Hauptgeschoss durchbricht, hat die spielenden 
Rahmenpilaster der Frühzeit mit den eingelassenen Medaillon- 
schilden als Umrahmung. An der Rückseite des Baues (gegen 
Osten) sieht man einen Erker in ähnlichem Mischstil der frühen 
Renaissance. Dagegen wurde an der Hauptfront gegen Süden in 
der Schlussepoche eine doppelte Freitreppe mit offner Bogenhalle 
auf Pfeilern vorgebaut, die im ersten Geschoss als selbständiger 
Erker oder Laube sich fortsetzt und mit einem reich behandelten 
Giebel schliesst. Die reiche ornamentale Belebung aller Flächen 
an Brüstungen, Pfeilern, Stylobaten, Bogenzwickeln und Fenster- 
rahmen macht von fern den Eindruck der Frührenaissance, aber 




Fig. 237. Halberstadt, Schuhhof. 



56* 



Kap. XVI. Niedersachsen. 885 

bei näherer Betrachtung erkennt man in dem üppigen Schwulst 
der Formen und in der stumpfen Behandlung eine Arbeit der 
Spätzeit, die durch das Datum 1663 bezeichnet wird. Trotz der 
geringen Ausführung ist aber das Ganze von hohem malerischen 
Reiz. Derselben Zeit gehört wahrscheinlich im Innern der grosse 
Vorsaal, dessen schlichte Holzdecke auf geschnitzten Säulen von 
spielender spätbarocker Form ruht. Zwei hübsche messingene 
Kronleuchter schmücken den Raum. 

Ein origineller, bei aller Einfachheit malerisch wirkender 
Bau der Frührenaissance ist sodann der Petershof, nördlich von 
der Liebfrauenkirche gelegen. Ungefähr in der Mitte des langen 
Flügels ein viereckig vorspringendes Treppenhaus mit einem 
Portal von 1552, erbaut von Sigismund Erzbischof von Magdeburg, 
Administrator von Halberstadt, Markgraf von Brandenburg etc. 
wie die Inschrift meldet. Die Behandlung der Formen schwankt 
noch zwischen Gothik und spielender Frührenaissance. Aehnlich 
der links daneben von unten herausgebaute Erker. Auch die 
Wendeltreppe ist mit gothischen Kehlen und Stäben gegliedert. 
Aus derselben Zeit im Innern des Erdgeschosses, das durch statt- 
liche Gewölbe ausgezeichnet ist, im Zimmer zur Linken ein Stein- 
portal derselben Frühzeit von reicherer ornamentaler Ausbildung. 
Auch die beiden prachtvollen Thürschlösser sind beachtenswerth. 

Dagegen rührt aus der Spätepoche das jetzige Steueramt, 
gegenüber dem Rathhaus, inschriftlich von Herzog Julius zu 
Braunschweig, postulirtem Bischof von Halberstadt 1596 erbaut. 
Derb und schlicht, mit zwei hohen Stockwerken über dem Erd- 
geschoss, auf beiden Seiten mit kräftig vorspringenden Eckrisaliten 
eingefasst, die von hohen Giebeln bekrönt werden, dazwischen 
am Mittelbau zwei Dacherker, sämmtliche Giebel mit derben 
Rustikapilastern und barocken Aufsätzen dekorirt, dazu endlich 
ein ähnlich behandeltes Portal mit Freitreppe, von zwei Statuen 
in Nischen flankirt. 

Endlich ist das langgestreckte einstöckige Gebäude am Dom- 
platz als ein Werk derselben Spätzeit hier zu erwähnen. Im 
Erdgeschos's eine kraftvoll behandelte Bogenhalle auf Pfeilern, 
an den Bogenzwickeln prächtige, zum Theil schon stark überladene 
Wappen, das obere Geschoss in einfach aber zierlich behandeltem 
Holzbau. 



III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Wie Halberstadt ist auch Hildesheim durch doppelte Be- 
deutung als uralter Bischofssitz und als Mittelpunkt eines reg- 
samen, energisch emporstrebenden bürgerlichen Gemeinwesens 
ausgezeichnet. Ja noch weit nachdrücklicher als dort hat sich 
hier schon im frühen Mittelalter die kirchliche Macht in gross- 
artigen Denkmälern ausgesprochen. Der Dom, die Kirchen von 
S. Michael und Godehard, zu welchen noch die kleine auf einem 
Hügel vor der Stadt gelegene Moritzkirche sich gesellt, gehören 
zu den ansehnlichsten Bauten des romanischen Stiles. Aber im 
Schatten der bischöflichen Gewalt blühte ein kraftvolles Bürger- 
thum empor, bald in Kämpfen mit den geistlichen Oberherren 
seinen Freiheitsdrang bethätigend, durch Handel und Gewerbe 
immer unabhängiger, als Mitglied der Hansa geachtet und gefürch- 
tet, endlich beim Eintritt in die neue Zeit durch rasches Hinneigen 
zur Reformation sich auch zu kirchlicher Freiheit erhebend. 

Von diesem Bürgerthum zeugen in erster Linie die Denk- 
mäler, welche unsre Betrachtung aufzusuchen hat. 1 ) Es ist vor 
Allem der altsächsische Holzbau, der auch hier fast ausschliesslich 
den Privatbau beherrscht. Aber er entwickelt sich in ganz 
selbständiger Weise. Die mittelalterliche Form kommt nur ver- 
einzelt vor; häufiger sind schon die Werke, in welchen die Re- 
naissance ihren Einfluss bethätigt; allein die grosse Mehrzahl der 
Monumente gehört doch erst der letzten Epoche des Stils, zeigt 
eine völlige Umbildung des Holzbaues im Sinn der Steinarchitek- 
tur und verbindet damit eine Pracht und Fülle freier figürlicher 
Ornamentik, die den Hildesheimer Bauten ihr hocheigenthümliches 
Gepräge giebt. 

Um mit den nicht eben zahlreichen Bauten aus der Schluss- 
epoche des Mittelalters zu beginnen, so lassen sie die auch anders- 
wo beobachteten Grundzüge ziemlich übereinstimmend erkennen: 
kräftiges Betonen des constructiven Gerüstes, energisches Hand- 
haben einer plastischen Gliederbildung, gelegentliches Herbeiziehen 
figürlichen Schmuckes. So ein kleines Haus in der Eckemäker- 
strasse, mit hübschen Heiligenstatuetten an den Balkenköpfen, die 
Flächen der Schwellen mit aufgemaltem gothischen Laubwerk. 
Aehnlich zwei alterthümliche Häuser bei der Andreaskirche, die 
in verwandter Weise behandelt sind. 

Aber schon 1529 tritt in diesen Formenkreis des Mittelalters 
die Renaissance an demjenigen Gebäude, welches unter allen 



*) Von den Hildesheimer Bauten liegen treffliche grosse Photographieen 
von G. Koppmann (Verlag von Gebr. Gerstenberg in H.) vor, nach wel- 
chen unsere Abb. gezeichnet sind. 



Kap. XVI. Niedersachsen. 887 

Holzhäusern Deutschlands wohl unbestritten als das grossartigste 
dasteht, dem Knochenhaueramthaus, an der nordwestlichen Ecke 
des Marktes. Es ist ein riesig aufgethürmter Giebelbau, im Erd- 
geschoss mit zwei kleinen Erkern ausgestattet, darüber die Fen- 
ster eines Halbgeschosses, in der Mitte ein weites Bogenportal, 
das in feiner Einfassung mit geschnitzten Candelabersäulchen, 
Putten und Festons den frühen Eintritt der Renaissance bezeichnet. 
Darüber erheben sich, mit weit vorgestreckten Balkenköpfen 
herausgebaut, vier obere Stockwerke, von denen zwei dem Giebel 
angehören. So bewirken fünf Reihen mächtiger Consolen mit 
ihrem reichen Schnitzwerk, verbunden mit den ebenso verschwen- 
derisch dekorirten Schwellbalken einen unvergleichlich malerischen 
Effect. Die Behandlung der Formen weicht aber von dem in 
Braunschweig und Halberstadt Ueblichen erheblich ab und be- 
gründet die später an allen Hildesheimer Bauten wiederkehrende 
Auffassung. Diese besteht darin, dass die feine durch Auskehlen, 
Einkerben und Unterschneiden gewonnene plastische Gliederung 
fortfällt, und an ihrer Statt die Schwellbalken in rechteckigem 
Durchschnitt einen ununterbrochenen Friesstreifen darstellen, der 
mit flachgeschnitzten Ornamenten ausgefüllt wird. Ebenso erhält 
die Unterseite der Hölzer zwischen den Balkenköpfen eine Ver- 
schalung, auf welcher ornamentale Muster aufgemalt werden. 
Einerseits erkennt man in dieser Vereinfachung der Grundform 
die Einwirkung des Stein stils, andrerseits in dem Zurückdrängen 
plastischer Gliederung das Streben nach malerischer Dekoration. 
Auch die Fensterbrüstungen werden durch aufgemalte Fächer- 
muster belebt. (Das Haus ist in neuerer Zeit trefflich restaurirt 
worden). 

Unerschöpflich reich ist der plastische Schmuck an dieser 
grossartigen Fagade. An den Consolen herrschen mittelalterliche 
Elemente vor, in derber humoristischer Auffassung; in den Friesen 
dagegen sind die Motive der Frührenaissance in musicirenden 
und spielenden Putten, in Blumen- und Fruchtschnüren, in Cande- 
labersäulchen u. dgl. überwiegend. An der Seitenfa^ade dagegen 
sind die mittelalterlichen Formen, die gothischen Blattranken 
u. dgl. noch in Kraft. Die Behandlung des Einzelnen ist von 
verschiedenem Werthe, die Friese der Hauptfront von grosser 
Tüchtigkeit. 

Ausser diesem monumentalen Prachtstück giebt es nur 
wenige Bauten hier, welche den Charakter der Frühzeit tragen 
und damit noch Elemente der Spätgothik verbinden. Ein Haus 
der Schelenstrasse v. J. 1540 zeigt eine grosse Einfahrt, geschmückt 
mit Renaissancesäulchen und phantastisch verschlungenen Drachen; 



III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

letztere noch völlig im Charakter des Mittelalters. Auch die Fenster 
zeigen gothische Details, die Consolen kräftige Köpfe, die Schwel- 
len gemalte Ornamente. Ueberwiegend mittelalterlich mit spär- 
lichen Elementen der Renaissance ist auch das Haus zum Gol- 
denen Engel in der Kreuzstrasse, vom Jahre 1548, ausgezeichnet 
durch doppelte Erker, zwischen welchen der mittlere Giebel domi- 
nirend emporsteigt. Dieser Mischstil erhält sich hier ungewöhn- 
lich lange, so an einem Hause von 1557 in der Almstrasse 32, 
wo die Schwellbalken den gothischen Vorhangbogen zeigen und 
an den Brüstungen ein feines Fächerornament auftritt. Dasselbe 
wiederholt sich, wahrscheinlich von gleicher Hand ausgeführt, 
Schelenstrasse 286. Ebenso daselbst No. 280 vom Jahre 1560, 
wo jedoch im oberen Stock der bekannte um einen Stab ge- 
wundene gothische Laubfries vorkommt. Ueberwiegend mittel- 
alterlich ist sogar noch ein Haus im Kurzen Hagen vom Jahre 
1564. Hier findet sich auch an den Consolen ein oft vorkom- 
mendes sehr einfaches Ornament, aus mehrfach wiederholten ein- 
gekerbten Dreiecken bestehend. Dasselbe auch an einem grossen 
Hause der Jacobistrasse. Ueberwiegend gothisch ist selbst noch 
ein kleines Haus der Eckemäkerstrasse vom Jahre 1566. Da- 
gegen kommt in der Schelenstrasse No. 312 die völlig ausge- 
bildete Renaissance mit dem Datum 1563 in den kräftigen Voluten 
der Consolen, den Pilastersystenien der Wände, den figürlichen 
Reliefs des Erkers zur Herrschaft. 

Mit den Achtziger Jahren, vielleicht auch schon etwas früher 
tritt nun der ausgebildete Stil der Spätrenaissance auf, der dann 
bis tief in's 17. Jahrhundert hinein die bürgerliche Baukunst aus- 
schliesslich beherrscht. Die Fagaden dieser Art sind noch jetzt 
so zahlreich vorhanden, dass sie im Wesentlichen den architek- 
tonischen Eindruck der Stadt bestimmen. Was zunächst ihre 
Composition betrifft, so kommt für dieselbe die äusserst häufige 
Verwendung des Erkers wesentlich in Betracht. Fast jedes Haus 
hat wenigstens einen derartigen Ausbau, der oft schon vom Erd- 
geschoss, bisweilen mit dem ersten Stock beginnt, die ganze Höhe 
der Fagade einnimmt und mit selbständigem Giebel abschliesst. 
Am schönsten ist aber die Gruppirung da, wo zwei Erker in 
symmetrischer Anlage die Fa^ade einfassen. Durch ihre Giebel- 
schlüsse, zwischen welchen dann der Hauptgiebel höher empor- 
steigt, wird eine rhythmische Bewegung und eine pyramidale 
Gipfelung erreicht, welche diesen FaQaden (vergl. Fig. 239) einen 
hohen architektonischen Werth verleiht. 

In der Gliederung und Ausschmückung herrscht völlig das 
Gesetz der Renaissance und zwar die Nachbildung des Stein- 



Kap. XVI. Niedersachsen. 



889 



baues (Fig. 238). Die ganze Fac,ade wird mit Holz verkleidet, 
so dass alle Tbeile der Construction bis auf die als kräftige Con- 
solen entwickelten Balkenköpfe mit ihren Stützen verhüllt werden. 
Die Schwellbalken bilden einen durchlaufenden Fries, der mit 
Ornamenten bedeckt ist. Eine consequente vertikale Theilung 
wird durch flachgeschnitzte eingeblendete Säulen, Pilaster oder 
Hermen bewirkt. Ihre Fort- 
setzung und Verbindung erhal- 
ten die einzelnen Systeme durch 
die pilasterartige Eintheilung der 
breiten Friese, welche die Fen- 
sterbrüstungen bedecken. An 
diesen entfaltet sich in figür- 
lichen Reliefs der unerschöpf- 
liche Keichthum dieser Schule. 
Antike Mythologie und Geschich- 
te, altes und neues Testament, 
Allegorie und Parabel schütten 
hier ihren reichen Inhalt aus. 
Verbindet man damit die zahl- 
reichen meist sententiösen In- 
schriften, so erhält man einen 
Blick in die Anschauungen jener 
Zeit, der wohl einmal vom 
Standpunkt der Kulturgeschichte 
ausführlichere Darstellung ver- 
diente. Um die zierliche An- 
muth des Ganzen zu vollenden, 
sind alle Hauptlinien durch die 
feinen Glieder antiker Kunst, 
durch Zahnschnitte, Consolen, 
Perlschnur und Eierstab belebt. 
Eine wahrhaft classische An- 

muth ist über diese Werke ausgegossen, die den Mangel eines 
constructiven Grundprinzips der Ornamentik übersehen lässt, und 
selbst mit dem häufig hervortretenden Ungeschick im Figürlichen 
aussöhnt. Bei alledem kann man keinen Augenblick vergessen, 
dass diese unermesslich reiche Schnitzkunst, die in der ganzen 
Bevölkerung eine allgemein verbreitete Lust an heiterem Schmuck 
des Lebens voraussetzen lässt, hier durchaus in den Dienst eines 
malerischen Prinzips getreten ist, welches in dem bescheidenen 
Relief dieser Flächendekoration sein Gesetz offenbart. 

Ich beginne mit dem Musterbeispiel dieses Stiles, dem Wede- 




238. 



Detail von einem Hause zu 
Hildesheim. 



890 



III. Buch. Renaissance in Deutschland. 



kindschen Hause vom J. 1598 am Markt, das neuerdings durch 
sorgfältige Restauration seinen ursprünglichen Glanz wieder- 
gewonnen hat. Der grossartige Aufbau mit zwei Erkern, deren 
Giebel mit dem Mittelgiebel einen imposanten Abschluss bilden, 
die reiche Dekoration, welche sich über alle Theile ausbreitet, 
ist aus unsrer Abbildung Fig. 239 genügend zu entnehmen. Ein- 
facher und schlichter ist ein Haus von 1585 in der Almsstrasse 




Fig. 239. Hildesheim, Wedekindschcs Hans. 



28. Ebendort No. 20 ein kleiner Erker von 1598, ohne figürlichen 
Schmuck, aber durch ionische Säulchen, Voluten und Barock- 
rahmen lebendig gegliedert. Ebenda No. 25 ein ähnlicher Erker, 
nur flacher behandelt. In ähnlicher Weise zeigt ein Haus im 
Langen Hagen vom J. 1591 bei ganz schlichter Ausführung einen 
durch kannelirte Pilaster und Rankenfriese von massigem Werth 
geschmückten Erker. Eins der reichsten und prächtigsten Häuser 
mit der Jahrzahl 1608 sieht man im Hohenweg No. 391, mit 
zwei symmetrisch angebrachten Erkern in beiden Hauptgeschossen; 
(vgl. Fig. 238.) Die Consolen energisch in antiker Form; die 
Ecken mit Säulen eingefasst, alle Flächen mit Ornament und 



Kap. XVI. Niedersachsen. 891 

Figürlichem, den Elementen, Jahreszeiten, Planeten, Tugenden 
etc. bedeckt. Ebenda 394 ein kleineres Haus mit einem durch 
korinthische Säulen und barockes Volutenwerk dekorirten Erker. 
Dasselbe Motiv, aber ohne Erker, an dem Hause 393. Eine ganz 
grosse prachtvoll ausgeführte Fagade in derselben Strasse Ecke 
der Stobengasse, mit kräftigen Consolen, Säulen und barocken 
Atlanten, an den Brüstungen die Thaten des Herkules, die Be- 
schäftigungen der Monate etc. von einer geringeren Hand ge- 
schnitzt. Ebendort, Ecke der Marktstrasse, ein ähnliches Haus, 
vielleicht von demselben Meister. 

Ein Haus in der Marktstrasse 318 mit zwei Erkern, datirt 
1611, ist ebenfalls bis in die Giebel hinauf mit Ornamenten und 
Figuren bedeckt, unter denen man Chiron, Apollo, Aesculap u. s. w. 
erkennt. Zwei reiche Erker hat auch ebendort No. 59 vom 
J. 1601, doch fehlt hier der figürliche Schmuck. Dagegen bietet 
No. 60 einen mit Reliefs reich dekorirten kleinen Erker. Ein 
ebenfalls reicher Erker ist an einem Hause der Eckemäkerstrasse 
vom J. 1608. Ebenda am Ausgang der Strasse gegen die Andreas- 
kirche ein überaus reiches Haus mit Erker. Gleich daneben ein 
anderes von 1615, zu den zierlichsten dieser Art gehörend, ausser- 
dem sehr malerisch um die stumpfe Strassenecke gebaut, mit 
zwei in den Obergeschossen vortretenden Erkern. Auch in der 
Altpetristrasse sieht man ein ähnliches unregelmässig angelegtes 
Haus mit derb geschnittenen Reliefs aus dem alten Testament, 
mit barocken Friesen und Laubgewinden. Ein sehr stattliches 
Beispiel ist noch in der Eckemäkerstrasse das Rolandshospital 
vom J. 1611, mit einem die Hälfte der Fagade einnehmenden 
Erker und Reliefs aus dem alten Testament und den Beschäf- 
tigungen der Jahreszeiten. Ungemein grossartig ein Eckhaus an 
der Osterstrasse vom J. 1604 mit Einzelfiguren von Herrschern 
und Tugenden und mit riesig hohen Giebeln am Erker und der 
Fagade. Eine der besten Arbeiten endlich ist ein Haus vom 
J. 1623 an der Andreaskirche, im Erdgeschoss mit einem auf 
steinernen Pfeilern ruhenden Durchgang, das Figürliche und 
Ornamentale sehr gut behandelt. — 

Der Steinbau ist hier nur in vereinzelten Fällen zur An- 
wendung gekommen, hat aber wenigstens ein Prachtstück ersten 
Ranges hervorgebracht: das sogenannte Kaiserhaus im Langen 
Hagen vom J. 1587. Unsre Abbildung (Fig. 240) giebt von dem 
Reichthum der Fagade eine Andeutung. Schon am Sockel beginnt 
die Ornamentik mit Kaisermedaillons und Metallornamenten alle 
Flächen zu überspinnen; die höchste Steigerung erreicht sie im 
Hauptgeschoss, dessen Fenster mit vortretenden ionischen Säulen 



892 



III. Buch. Renaissance in Deutschland. 



und prächtigen Friesen eingefasst sind, während Statuen römischer 
Kaiser die Zwischenräume ausfüllen. Noch üppiger wird der 
Erker durch kraftvolle figürlich belebte Consolen, Hermen, Reliefs 
und Figurenfriese charakterisirt. Der obere Stock hat sich dafür 
mit absoluter Dürftigkeit behelfen müssen ; die Mittel haben offen- 
bar zu weiterer Durchführung nicht ausgereicht. Dagegen ist die 




lange Hoffagade, welche auch den Eingang enthält, in ähnlichem 
Reichthum, wenn auch in minder energischen Formen, mit Metall- 
ornamenten bedeckt und durch ein kleineres System ionischer 
Pilaster sammt phantastisch barocken Hermen gegliedert. Das 
ganze Werk dürfte niederländischen Ursprungs sein. Die Figuren 
zeugen von grosser Anstrengung, aber unbedeutender Hand. — 

Ein vereinzeltes Werk derselben Spätzeit ist der stattliche 
und reich ausgeführte Erker, welcher 1591 der Facade des so- 
genannten Templerhauses am Markt, einem strengen früh- 
gothischen Bau, angefügt wurde. Er zeigt ähnliche Pracht der 



Kap. XVI. Niedersachsen. 



893 



Decoration, die im Figürlichen indess nur mittelmässigen Werth 
behauptet. 

Dagegen gehört der mittleren Renaissancezeit der Brunnen 
auf dem Markt, dessen achtekiges Becken von Candelabersäulchen 




eingefasst und an den Flächen mit je zwei antikisirenden Brust- 
bildern geschmückt ist. In der Mitte eine elegante Säule, von 
einer Ritterfigur bekrönt. 

Ein wahres Meisterstück der besten Renaissance ist endlich 
der steinerne Lettner, (Fig. 241) welcher den Chor im Dom ab- 
schliesst, mit der Jahrzahl 1546 auf beiden Seiten bezeichnet: 



894 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

ein Werk nicht bloss höchster decorativer Pracht, sondern auch 
edelster künstlerischer Anlage und Ausführung*. In feinkörnigem 
Sandstein mit grösster Delicatesse gearbeitet schliesst er den 
Chor in ganzer Breite ab, nur von zwei Thüröffnungen durch- 
brochen, die ein prächtig stilisirtes Gitter von Schmiedeisen aus- 
füllt. Dazwischen baut sich eine Kanzel vor, die jetzt als Altar 
benutzt wird. Fein dekorirte Pilaster und Friese gliedern den 
Aufbau und rahmen kleinere Felder ein, welche mit Reliefbildern 
aus der Passion und aus dem Leben der Madonna geschmückt 
sind. Ueber dem Hauptgesimse, das durch einen herrlichen Ran- 
kenfries vorbereitet wird, erhebt sich ein attikenartiger Aufsatz, 
von fünf nach der Mitte aufsteigenden, in der Höhe abgestuften 
Halbkreisfeldern abgeschlossen. Auf dem mittleren und höchsten 
erhebt sich ein grossartiges Cruzifix mit edel in Holz geschnitztem 
Christus; auf den beiden benachbarten Bogengiebeln Maria und 
Johannes. Die Consolen, auf welchen dieselben ruhen, werden 
von Candelabersäulchen unterstützt. Der edle Stil der Sculpturen, 
welche die innere und äussere Seite des reich geschmückten 
Werkes bedecken, erinnert etwa an Holbeinsche Gestalten, und 
auch die im Charakter zierlicher Frührenaissance durchgeführte 
Architektur, die im Aufbau und den Einzelheiten noch manche 
mittelalterliche Reminiscenz zeigt, steht in Anmuth und freiem 
Schwung den Schöpfungen jenes Meisters nahe. Man darf nach 
Alledem gewiss nur an einen deutschen Künstler denken, der 
hier in Stein ein Werk geschaffen hat, welches hinter dem Meister- 
werk deutschen Erzgusses; dem Sebaldusgrabe Peter Viseher's 
kaum zurücksteht. Um so schwerer empfindet man die Unmög- 
lichkeit, Namen und Herkunft eines so hervorragenden Künstlers 
nachzuweisen. Erkennen wir indess mit Freuden an, dass die 
Geistlichkeit in Hildesheim das herrliche Werk zu schätzen 
weiss. Möchte dasselbe niemals eine Barbarei zu erfahren haben, 
wie der grossartige spätgothische Lettner des Domes zu Münster, 
der von den tonsurirten Vandalen vor Kurzem schmählich be- 
seitigt worden ist. 



Eine besondere Bedeutung nimmt nun auch die Stadt Han- 
nover in Anspruch. Seit dem 15. Jahrhundert der Hansa ange- 
hörend, zeigt die Stadt seit jener Zeit in ihren Mouumenten deut- 
liche Spuren wachsender Macht und künstlerischen Sinnes. Nicht 
blos in kirchlichen Werken, sondern auch in städtischen Profan- 
bauten, wie dem mächtigen Rathhaus, kommt dies schon im 



Kap. XVI. Niedersachsen. 895 

Ausgang des Mittelalters zur Erscheinung. 1 ) Aber auch der 
bürgerliche Wohnhausbau bleibt nicht zurück und erhebt sich 
besonders in der Epoche der Renaissance zu edler Blüthe. Drei 
verschiedenen Systeme begegnen sich hier: der norddeutsche 
Backsteinbau, der nicht blos in den Kirchen, sondern auch in 
den älteren Theilen des Rathhauses (1455 vollendet) eine glän- 
zende Anwendung erfahren hat ; der mitteldeutsche Fachwerkbau, 
welcher u. A. in dem 1844 abgebrochenen Apothekenflügel des 
Rathhauses vom Jahre 1566 sich aussprach; und endlich der 
durch die Renaissance eingebürgerte Quaderbau, der durch die 
trefflichen Sandsteinbrüche des benachbarten Deistergebirges ge- 
fördert wurde. 

Ich beginne mit den Steinbauten, die eine besondere Fein- 
heit in der Ausbildung des Renaissancestiles bekunden. Das 
Charakteristische ist hier, dass fast ohne Ausnahme die Häuser 
ihre Giebelseite nach der Strasse kehren und dieselbe nach Höhe 
und Breite ungemein imposant entwickeln. Die Portale sind im 
Rundbogen geschlossen und kräftig, aber ohne Ueberladung aus- 
gebildet. Horizontale Gliederungen theilen die Stockwerke und 
verbinden die Fensterbrüstungen. Ebenso sind die hohen Giebel ge- 
gliedert und an den Kanten durch Voluten und pyramidale Aufsätze 
belebt Dagegen fehlt diesen Fagaden die vertikale Theilung durch 
Pilastersysteme. Ihren Hauptreiz gewinnen diese Bauten aber 
durch die elegante Architektur der Fenster, welche stets eine 
Einfassung und Theilung 'durch feine Säulenstellungen erhalten. 
Um den malerischen Eindruck zu steigern, wird in der Regel ein 
stattlicher Erker, rechtwinklig vom Erdgeschoss anfangend, vor- 
gelegt, bisweilen auch sind in symmetrischer Anordnung deren 
zwei angebracht. Sie erhalten durch gesteigerten Reichthum in 
Gliederung und Ausschmückung den Charakter besonderer Pracht- 
stücke. 

Das Hauptwerk dieser Architektur ist das Leibnitzhaus 
in der Schmiedestrasse, welches dem grossen Philosophen als 
Wohnung gedient hat. Es trägt das späte Datum 1652 2 ) und 
verbindet damit den stolzen Zusatz: „Posteritati." In dem macht- 
vollen Aufbau, der kräftigen plastischen Gliederung, dem reichen 
figürlichen Schmuck am Erker, aus Scenen des alten und neuen 
Testaments bestehend, gestaltet sich die Fagade zu einer her- 



') Reichhaltiges Material in Aufnahmen und histor. Darstellung in 
Mithoff 's Archiv für Niedersächs. Kunstgesch. u. in dess. Verf. Kunst- 
denkm. im Hannoverschen. 1. Abth. — 2 ) Die Angabe 1552 in MithofFs 
Kunstdenkm. I, 88 beruht auf einem Druckfehler. 



896 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

vorragenden Schöpfung der Zeit (Fig. 242). Gleich daneben zur 
Kechten ein Haus von ähnlicher Anlage, ebenfalls mit einem Erker 
geschmückt, die Fenster von Säulen eingefasst, das Ganze schlicht 
und anspruchslos, aber in den Formen von einer Zartheit und 
Delikatesse, welche ein spezifisch hannoverscher Zug ist. Am 
untern Theil der Säulen z. B. ganz feine lineare Ornamente, in den 
einzelnen Stockwerken die verschiedenen Säulenordnungen ver- 
wendet. Etwas später, in den Formen trockner, die Säulen aus- 
schliesslich im dorischen Stil, das riesig hohe schräg gegenüber- 
liegende Giebelhaus, ebenfalls mit einem Erker versehen. Die 
Fahne auf dem Giebel trägt die Jahrzahl 1658. Genau diesem 
Bau entsprechend, wahrscheinlich von demselben Meister ausge- 
führt, das gewaltige Haus am Markt No. 16. In der Schmiede- 
strasse No. 5 ein ähnliches, aber ohne Erker, in den Friesen 
reiche Metallornamente. 

Ein üppiger schon stark barocker Giebelbau mit Masken 
und andern Ornamenten Leinstrasse 3, (der untere Theil der 
Fagade nüchtern modernisirt). Ebenda No. 32 ein stattliches 
etwas trocken behandeltes Haus mit einem eleganten Erker vom 
Jahre 1583. Von dem Hause derselben Strasse No. 25 sind nur 
die unteren sehr zierlichen Säulen des Erkers erhalten. Am 
Markte No. 6 eine imposante Fagade von 1663, dem Leibnitz- 
haus an Reichthum nahe stehend, doch ohne figürliche Ornamentik. 

Alle diese Häuser haben sehr stattliche Verhältnisse und 
ungewöhnlich hohe Stockwerke, die durch ihre Säulenstellungen 
ein noch vornehmeres Gepräge gewinnen. Vergleicht man sie 
mit den durchweg niedrigen Geschossen der Holzhäuser, so 
erkennt man auch darin leicht die Einwirkung fremdländischer 
Sitte. Eins der schönsten Werke vom Jahre 1621, Lange Laube 
No. 1, ist in neuerer Zeit abgebrochen, aber durch Mithoff für 
Professor Oesterley mit Beibehaltung aller alten Theile sehr ge- 
schickt in einer den modernen Anforderungen entsprechenden 
Composition wieder aufgebaut worden. 

Mehrmals verbindet sich an den Fa^aden, ähnlich wie in 
dem benachbarten Braunschweig, der Steinbau mit dem Holzbau, 
so dass Erdgeschoss und erster Stock dem ersteren gehören, die 
oberen Theile in Fachwerk ausgeführt sind. So in ungemein 
reizvoller Verbindung an einem Hause Rossmühle No. 8, wo be- 
sonders der Steinbau zu hoher Eleganz durchgebildet ist. Aehn- 
lich Köblingerstrasse No. 9, wo auch der Fachwerkbau zierlich 
entwickelt ist, und die unteren Theile die hier so beliebte Säulen- 
architektur der Fenster in edelster Behandlung zeigen. In dersel- 
ben Weise das Haus Burgstrasse 23 vom Jahre 1620, durch 




Fig. 242. Hannover. Leibnitz- Haus. 



Kugler, Gesch. d. Baukunst. V. 



57 



Kap. XVI. Niedersachsen. 899 

prächtigen Erker ausgezeichnet. Ein kleines Haus desselben 
Mischstils Knochenhauerstrasse 61, das Erdgeschoss modernisirt, 
das Uebrige fein und elegant. In derselben Strasse No. 7 zeigt 
ein Haus von 1594 einfache Steinarchitektur, aber reich und 
kraftvoll entwickelten Holzbau. 

Endlich giebt es einige reine Fachwerkbauten im Renaissance- 
stil. Schmiedestrasse No. 43 ein Haus von 1554, nicht eben 
bedeutend, aber die Balkenköpfe elegant als antikisirende Con- 
solen gestaltet. Eins der reichsten und grössten, No. 15 am 
Markt, hat an den Fensterbrüstungen das Muschel- oder Fächer- 
ornament in besonders schöner Ausbildung. Ein anderes von 
1585 neben dem Rathhaus in der Köblingerstrasse 57 zeigt hübsch 
profilirte Consolen. Besonders reich dekorirt ist das Haus Burg- 
strasse 28, an den Schwellen mit kräftig gerippten Rundstäben, 
an den Fensterbrüstungen das Fächerornament, dazu reicher 
Blumen- und Laubschmuck. Einfacher ist das Haus Knochen- 
hauerstrasse 36, aber in der Mitte durch aufgesetzten Dacherker, 
an den Seiten durch zwei reich dekorirte symmetrisch angebrachte 
Erker belebt. 



In den mittleren Wesergegenden, deren reiche Schlossbauten 
wir schon kennen lernten, gehört zunächst Hameln zu den wich- 
tigeren Orten der norddeutschen Renaissance. 1 ) Der bürgerliche 
Privatbau hat hier aus der Schlussepoche der Renaissance mehrere 
grossartige Monumente hinterlassen, die von dem Reichthum und 
der Kunstliebe des damaligen Bürgerthumes glänzendes Zeugniss 
geben. Es sind fast durchweg Steinbauten, nicht von der Fein- 
heit der Hannoverschen, sondern mehr in dem kraftvoll barocken 
Charakter der Hämelschenburg. Meistens sind es Giebelfacaden, 
in den energischen Formen der Spätzeit dekorirt und mit einem 
oder auch zwei Erkern ausgestattet. So die beiden Häuser der 
Osterstrasse No. 9 mit einem, No. 12 mit zwei Erkern. Das 
prachtvollste ist das sogenannte Rattenfängerhaus vom Jahr 1602. 
In seiner derben Ausstattung mit dekorirter Rustika und ener- 
gischer durch alle Geschosse reichenden Pilasterarchitektur, der 
kolossale Giebel mit phantastisch barocken Schweifen und Voluten 
geschmückt, im Erdgeschoss und ersten Stock ein reicher Erker, 



*) Vgl. Mithoff, Kunstdenkui. I, 58 ff. und die Aufn. der Architektur- 
schule zu Hannover. 

57* 



900 III- Buch. Renaissance in Deutschland. 

erinnert diese imposante Fa^ade an die späteren Theile der 
Hämelschenburg und darf wohl als Werk desselben Meisters be- 
trachtet werden. Von demselben Stil, nur in etwas einfacherer 
Behandlung, welche auf die reichen Pilasterstellungen verzichtet, 
der gleichen Hand zuzuschreiben ist das grandiose Hochzeitshaus, 
welches die Stadt mit ungewöhnlichem Aufwände 1610 errichten 
liess. An den beiden Schmalseiten erheben sich kolossale reich 
dekorirte Giebel und an der langen Strassenfront sind drei Dach- 
erker mit ähnlichen Giebeln ausgebaut. Das Haus war nicht blos 
für die Hochzeitsfeste der Bürger, sondern auch für andere öffent- 
liche Zwecke und Versammlungen bestimmt. Endlich darf man 
demselben Meister das Haus No. 7 am Pferdemarkte zuschreiben, 
welches der Bürgermeister der Stadt Tobias von Dempter 1607 
für sich erbauen liess. Die unteren Theile sind in demselben 
Stil von Sandstein ausgeführt, die oberen aber in reichgeschnitztem 
Fachwerkbau. Ausserdem kommen auch reine Holzbauten vor; 
so das schön geschnitzte Haus No. 8 an der Osterstrasse. 

Weiter südwärts herrscht in den Städten dieses Gebietes der 
Holzbau vor. So in besonders eleganter Weise in Höxter, über 
dessen Bauten ich mich hier kurz fassen kann, angesichts der 
neuerdings erfolgten trefflichen Publikation. *) Die Bauten zeigen 
hier theils die Giebelform, theils die breitere Anlage, welche dann 
durch Dacherker malerisch belebt wird. In der eleganten und 
kraftvollen Durchbildung der Schwellhölzer, der Kopfbänder und 
Consolen sowie der Fensterbrüstungen mit ihren vielfach variir- 
ten Muschel- oder Fächerformen (Fig. 243) gehören sie unbedingt 
zu den schönsten Schöpfungen dieses Stils. Musterhaft ist der- 
selbe entwickelt an der Dechanei vom Jahr 1561, durch stattlichen 
polygonen Erker ausgezeichnet; noch durchgebildeter an dem 
Hütteschen Hause vom Jahr 1565, wo namentlich das Rundbogen- 
portal eine herrliche Einfassung im besten Schnitzstil zeigt. Ein- 
facher, mehr durch phantastisches Rankenornament belebt, der 
Erker am Freise'schen Hause von 1 569. An den späteren Häusern 
geht der Holzbau zu einer völligen Nachahmung der Steinformen 
der Renaissance über. So an dem reich behandelten Vorbau des 
Wilke'schen Hauses von 1642 und an dem ungefähr gleichzeitigen 
Erker und Thorweg des sogenannten Tilli'schen Hauses. 

Manches Interessante bietet die malerisch am Zuzammenfluss 
der Werra und Fulda gelegene Stadt Münden. Zunächst das 
ehemalige herzogliche Schloss, ein gewaltiger aber in hohem Grade 



J ) Seemann's Deutsche Renaiss. Heft 10 von B. Liebold, welchem unsero 
Abb. entlehnt ist. 



Kap. XVI. Niedersachsen. 



901 



ruinöser Bau. Die gegen den Fluss gerichtete Nordfagade von 
kolossaler Höhe und mächtiger Ausdehnung lässt nur noch die 
vermauerten Fenster der drei Hauptgeschosse mit ihren steiner- 
nen Kreuzstäben erkennen. Sechs Dacherker in später, schon 
barocker Form erheben sich über dem Gesimse. Den westlichen 
Abschluss dieses Fitigels bildet ein hoher Giebel mit barocken 
Voluten und Figuren. Am östlichen Ende dagegen sieht man 




Fig. 243. Höxter, vom Hütteschen Haus. 



drei hohe Spitzbogenfenster der Kapelle, gleich dem daneben 
ausgebauten polygonen Erker von einem früheren Bau aus dem 
Ende des Mittelalters stammend. Im Hofe gehört zu diesem älteren 
Theil der polygone Treppenthurm in der Ecke des nördlichen 
und östlichen Fitigels, inschriftlich durch Herzog Erich den Aelteren 
von Braunschweig 1501 begonnen. Am entgegengesetzten Ende 
bemerkt man den Ansatz zu einem westlichen Flügel mit zwei 
Arkaden in beiden Hauptgeschossen, dekorirt mit dorischen und 
ionischen Pilastern, bekrönt mit barocken Giebeln, dies Alles gleich 
dem nördlichen Fitigel von einem seit 1566 vorgenommenen gross- 
artigen Neubau herrührend. Köstlich ist von der nördlichen Fa- 
gade der Blick auf den Fluss und die gegenüberliegenden mit 
Buchenwäldern belaubten Höhen. 



902 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

In der Stadt ist das Rathhaus ein ansehnlicher Bau von 
1605. In grossartigen Verhältnissen erhebt sich die Facade, von 
drei mächtigen Giebeln bekrönt, im Erdgeschoss und den beiden 
oberen Stockwerken mit gekuppelten Fenstern von mittelalter- 
lichem Rahmenprofil durchbrochen. An der rechten Seite baut 
sich, vom Erdgeschoss beginnend, ein rechtwinkliger Erker heraus, 
mit Hermen, Fenstersäulen, eleganten Friesen und Brüstungen 
geschmückt und mit einem Barockgiebel abgeschlossen. Noch 
prächtiger ist in der Mitte der Facade das grosse Hauptportal. 
Von beiden Seiten führt eine doppelte Freitreppe hinauf und 
mündet auf einen mit reichem Steingeländer eingefassten Vorplatz, 
der durch zwei untergestellte Säulen sich nach vorn altanartig 
erweitert. Das Portal selbst, im Rundbogen geschlossen, von ge- 
kuppelten ionischen Säulen eingefasst und von einem reichen Auf- 
satz mit dem Wappen der Stadt bekrönt, hat gleich dem Erker 
durch Vergoldung noch mehr Glanz erhalten. Durch die prächtig 
geschnitzte und mit schönen Eisenbeschlägen ausgestattete Thür 
gelangt man im Innern auf einen grossen Vorsaal, dessen Balken 
auf kräftigen Holzsäulen mit reich dekorirten Kopfbändern ruhen. 
Die durchweg gross angelegten jetzt vielfach verbauten Räume 
verrathen in Portalen und mächtigen Kaminen noch die ursprüng- 
liche reiche Ausstattung. Im oberen Geschoss ruhen die Balken 
der Decke auf toskanischen Säulen, über welchen die Kopfbänder 
in Volutenform vorspringen. 

Die Bürgerhäuser beherrscht hier ausschliesslich der Fach- 
werkbau, der aber, in ebenso mannigfaltiger als zierlicher Weise 
durchgebildet, den Strassen der freundlichen Stadt ein anheimeln- 
des Gepräge giebt. Die Häuser sind in der Regel in ihrer Lang- 
seite der Strasse zugewendet und in der Mitte durch einen hohen 
Dacherker abgeschlossen. Dieser setzt mit seinem Giebelbau die 
Behandlung der Fagade fort, die in stark herausgekragten Stock- 
werken angelegt ist. In der künstlerischen Ausbildung zeigen 
diese Fagaden jede Abstufung vom Einfachsten bis zum Reich- 
sten. 

Die älteste noch gothische Form ist roh construktiv behan- 
delt, aber mit leicht aufgeheftetem Ornament versehen. So das 
kleine Häuschen nordöstlich der Kirche gegenüber, an den Con- 
solen mit Blumen und Thieren geschmückt, die Schwellbalken 
ohne alle Gliederung in glatter Fläche als Schriftbänder behan- 
delt. Man liest: Benedic et sanctifica domum istam in sempiternum 
deus israhel. MCCCCLVII. Hans von Fenneste me fecit. Oben: 
Henricus Gobele. Dann kommen die tief ausgekehlten und ab- 
gefaßten Schwellhölzer (Fig. 244), wie an dem hübschen Hause 



Kap. XVI. Niedersachsen. 



903 



der Langen Strasse mit der Inschrift: Aedes Jodolphus Piscator 
condidit istas 1548. Ebenso das mächtige Eckhaus der Markt- 
und Langenstrasse vom Jahre 1554, an der einen Seite mit einem 
Dacherker, an der andern mit zwei sonst hier nicht vorkommenden 
Erkern belebt. 

Bald darauf treten die reicheren Formen der diagonal ge- 
kerbten und gerippten Kundstäbe an den Schwellhölzern -in den 
schönsten Mustern auf, ähnlich den Häusern in Höxter. Endlich 
geht Alles in antikisirende Formen über, die Balkenköpfe werden 
als Consolen mit geschwungenem 
Profil und hübscher Perlschnur be- 
handelt, die Schwellen und ihre 
Füllbalken mit feinen classischen 
Gliederungen und zierlichen Con- 
solen- oder Zahnschnittfriesen in 
mehrfachen Reihen dekorirt. So an 
einem der grössten und schönsten 
Häuser, der Südseite der Kirche ge- 
genüber; noch zierlicher antikisirend 
gleich daneben am Pfarrhaus. Genau 
dieselbe Behandlung an einem Hause 
der Marktstrasse mit der Inschrift: 
Psalm 68. Tu recreas bonitate tua 
afflictum deus. Wilhelm Spangen- 
berg anno dni MDLXXX. X. Juni. 
In beiden Fällen die Hausthür durch 

antikisirende Pilaster oder Säulen im Charakter des Steinbaues 
eingefasst. Ungemein kraftvoll behandelt, aber nicht mehr so fein 
gegliedert eins der spätesten Häuser vom Jahre 1648 in der Kath- 
hausstrasse. 

Ein vereinzeltes Werk edler Frührenaissance besitzt die Blasius- 
kirche in dem Epitaph Herzog Erichs (f 1540) und seiner Ge- 
mahlinen Katharina von Sachsen (f 1524), und Elisabeth von Bran- 
denburg, wohl noch zu Lebzeiten des Fürsten angefertigt. Es ist 
eine ganz vorzügliche Arbeit, in der Architektur noch schlicht, im 
Figürlichen voll Lebensgefühl und Adel, in Solenhofer Kalkstein 
wahrscheinlich von einem süd- oder mitteldeutschen Meister aus- 
geführt. 

Die Orgel in derselben Kirche hat ein Gehäuse von 1645, in 
reichen schon ziemlich barocken Formen geschnitzt, in Gold und 
Weiss decorirt. 




Fig. 244. Aus Münden. (F. Hoffmann.) 



904 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

XVII. Kapitel. 
Die nordwestlichen Binnenländer. 



In diese Schlussgruppe fasse ich Kurhessen, Westfalen und 
den Niederrhein zusammen. Es sind Gebiete, welche für die 
Entwicklung der Renaissance keine hervortretende Bedeutung be- 
sitzen, wenngleich sie, zumeist aus der Spätzeit, manches werth- 
volle Werk des Stiles aufzuweisen haben. Wieder spiegeln sich 
auch hier in den Denkmalen die allgemeinen Kulturverhältnisse. 
Das weltliche Fürstenthum, ein Hauptträger der Renaissancekunst, 
kommt nur in den östlichen Theilen dieses Gebietes zu bedeu- 
tenderer Entfaltung : es sind die hessischen Fürsten, denen einige 
ansehnliche Monumente verdankt werden. Weitaus aber herrscht 
das geistliche Element vor; die mächtigen Diöcesen von Köln 
und Trier, die kleineren von Münster, Osnabrück, Minden und 
Paderborn, deren Territorien noch jetzt grösstentheils dem Katholi- 
cismus angehören, sind keine hervorragenden Förderer der Re- 
naissancekultur. In einzelnen kirchlichen Decorationswerken, 
Grabmälern, Lettnern, Altären u. dgl. erschöpft sich hier die neue 
Kunst. Erst im Ausgang der Epoche stellen die Jesuiten mehrere 
grosse kirchliche Bauten (Köln, Coblenz) als Denkzeichen der 
Gegenreformation hin. Dagegen schlummert fast gänzlich die Kraft 
des Bürgerthums. Abgesehen von einzelnen Prachtwerken (Rath- 
haushalle zu Köln) treibt dasselbe hier bei Weitem nicht jene 
unerschöpfliche Fülle von Monumenten hervor, welche an andern 
Orten die Städte erstehen lassen. Selbst eine Stadt wie Köln 
ist arm daran. Nur das Wesergebiet, soweit es in diese Gruppe 
gehört, nimmt Theil an jener üppigen Nachblüthe der Schluss- 
epoche, deren Spuren wir schon im vorigen Kapitel begegneten. 
Neben den Steinbauten prägt sich auch hier der Holzstil mannich- 
fach und anziehend aus. Und zwar in zwei gesonderten Gruppen. 
Die östliche, dem hessischen Lande und den angrenzenden Theilen 
Westfalens angehörend, schliesst sich im Charakter der Bauten 
dem in Niedersachsen herrschenden System an. Die westliche, 
an Rhein und Mosel auftretend, zeigt ein wesentlich abweichendes 
Gepräge, das mit dem der mittel- und Südwest -deutschen Gruppe 
zusammenhängt, diese aber zur edelsten und feinsten Entwicklung 
führt. 



Kap. XVII. Die nordwestlichen Binnenländer. 905 

Niederhessen. 

Hier ist zunächst der von den hessischen Landgrafen aus- 
geführten Bauten zu gedenken. Die vielbewegte, durch die Stürme 
derReforniationszeit erfüllte Regierung Philipps des Grossmüthigen 
war einer stetigen Kunstpflege nicht günstig. Dagegen tritt sein 
Sohn und Nachfolger, Wilhelm IV der Weise (1567—1592) als 
Freund der Wissenschaften und Förderer der Künste auf. Edlen 
Sinnes, auch in religiösen Angelegenheiten sich einer milden Auf- 
fassung zuneigend, vielseitig gebildet, dabei ein ebenso kraftvoller 
als erleuchteter Regent, nimmt er unter den besten Fürsten jener 
Zeit einen Ehrenplatz ein. Seine Lieblingsbeschäftigungen richteten 
sich auf Astronomie und Mechanik; besonders aber war er ein 
Freund der bildenden Künste und begann schon 1557 noch unter 
seines Vaters Regierung den Grundstein zu einem neuen Residenz- 
schloss in Cassel zu legen, dessen Goldner Saal, nach der Sitte 
der Zeit mit fürstlichen Bildnissen geschmückt, erst 1811 durch 
einen Brand zerstört wurde. Mit dem Schloss war auch hier ein 
Lustgarten verbunden, der sich auf der Höhe in der Gegend der 
jetzigen Bellevue ausdehnte und mit seltnen Pflanzen aus fernen 
Ländern, mit türkischen Tulpen, orientalischen Hyacinthen und 
dgl. ausgestattet war. Für die Myrthen und Cypressen, Granaten, 
Lorber-, Citronen- und Feigenbäume erbaute er ein eigenes Pome- 
ranzenhaus, in dessen offnem Saale ein „Spritzbrunnen" seinen 
Wasserstrahl bis zur Decke warf, und von dessen Galerieen und 
Altanen der Blick die Gartenanlage der „Au u beherrschte. In 
seinem daranstossenden Obstgarten pflegte der Fürst trotz seiner 
Corpulenz das Geschäft des Pfropfens und Oculirens als guter 
Hausvater und Landwirth selbst zu besorgen. Seine geliebte 
Gemahlin, die sanfte Sabine von Würtemberg, unterstützte ihn in 
solchen friedlichen Bestrebungen. 

Von jenen Prachtbauten ist keine Spur mehr vorhanden; 
nur die untergeordneten Bauten des Renthofes und des Marstalls 
tragen noch das Gepräge jener Zeit. Aber in der ehemals kur- 
hessischen, jetzt preussischen Enklave Schmalkalden zeugt das 
stattliche Schloss, trotz arger Verwahrlosung doch in seiner ganzen 
Anlage noch vollständig erhalten, von der regen Bauthätigkeit 
des edlen Fürsten. Als Schmalkalden 1583 nach dem Aussterben 
der hennebergischen Grafen an Hessen fiel, Hess Wilhelm IV 
sofort die alte Burg Walrab niederreissen und an ihrer Stelle das 
jetzige Schloss, die Wilhelmsburg errichten. Von der mittelalter- 
lichen Burg zeugt nur noch an der Ostseite ein unregelmässig 



906 IH- Buch. Kenaissance in Deutschland. 

sechseckiger Thurm mit angelehntem runden Treppenthurm. Im 
Uebrigen ist das Schloss in einem Guss entstanden; 1586 liest 
man im Hofe; 1590 wurde die Kapelle geweiht und 1610 in der 
Ausstattung vollendet. 

Das Schloss bietet sich von aussen, auf sanft ansteigender 
Höhe über der Stadt gelegen, als ein schmuckloses, massenhaft 
behandeltes Viereck, an der westlichen, der Stadt zugekehrten 
Seite mit einem Haupteingang und auf dem südlich vorspringenden 
Flügel mit einem viereckigen Thurm versehen, der mit achteckigem 
Aufsatz über dem Dache emporragt. Im Innern entfaltet sich in 
dem grossen viereckigen Hof ein reicheres architektonisches Leben. 
In der Hauptaxe liegen die beiden dominirenden Eingänge mitten 
im westlichen und östlichen Flügel, der letztere mit dem Brust- 
bilde des fürstlichen Erbauers geschmückt. In den Ecken sind 
vier polygone Treppenthürme angebracht, mit reich behandelten 
Portalen. Noch drei andere Eingänge liegen im Hofe, so dass 
dieser im Ganzen mit neun Portalen versehen ist, alle verschieden 
behandelt, sämmtlich in üppigem schon stark barock entwickeltem 
Stil, mit reicher Anwendung von Metallornamenten opulent und 
gediegen in Sandstein durchgeführt. 

Im südlichen Flügel führt ein Portal in die Kapelle. Es 
ist ein einfaches Rechteck etwa 50 F. lang und 40 F. breit, durch 
zwei Reihen von Pfeilern in drei Schiffe getheilt, mit flachbogigen 
Kreuzgewölben bedeckt. An der Westseite erhebt sich der Altar, 
über ihm an der Schlusswand die Kanzel und darüber die Orgel. 
An den drei andern Seiten ziehen sich niedrige Umgänge, darüber 
zwei Emporen um das Mittelschiff. Der Zugang zu diesen liegt 
am Ostende des südlichen Seitenschiffs in einer Wendeltreppe, 
der Zugang zur Kanzel und Orgel in dem der Westseite vorge- 
bauten Thurm. Der Raum empfängt in allen Theilen ein reich- 
liches Licht durch gekuppelte Fenster mit gothischem Kehlenprofil. 
Die Gewölbe des Mittelschiffs werden durch dreifache Zuganker 
zusammengehalten. Die obere Reihe derselben, die ursprüngliche, 
ist in der Mitte mit hübsch gemalten Fruchtschnüren geschmückt. 

Einen hervorragenden Werth darf der kleine Raum bean- 
spruchen durch die ebenso massvolle als wirksame Dekoration, 
die in solcher Vollständigkeit und Erhaltung kaum anderswo 
sich findet. Alle Flächen sind aufs Eleganteste mit Stuck be- 
kleidet, an den Gewölbrippen sieht man feine Perlschnüre, an den 
Gewölben der Emporen und des Mittelschiffes entfaltet sich die 
reiche Ornamentik der Zeit mit Masken, Frucht- und Blumen- 
gewinden, Voluten und mannigfach erfundenen Metallornamenten. 
Die letzteren bekleiden ausserdem sämmtliche Flächen der Pfeiler, 



Kap. XVII. Die nordwestlichen Binnenländer. 907 

Bogenfelder und Friese. Das Alles ist auf weissem Grunde, in 
den Seitenschiffen farblos, im Mittelraum aber mit sparsamer An- 
wendung* von Gold und Farbe zu einer bewundernswürdig ele- 
ganten Wirkung gebracht. Die Ornamente sind in einem braunen 
Ton contourirt, mit kräftigen Schattenlinien und massvoller An- 
wendung von Gold ; die überall als Ausläufer der Form sich ent- 
wickelnden Masken und dgl. sind farbig gehalten, das Gold für 
die Hauptlinien aufgespart, so dass die Wirkung höchst delikat 
und elegant ist. Die Brüstungen der Emporen, durch barocke 
Consolen getheilt, haben die für sie bestimmten Reliefs, welche 
durch fortlaufende Nummern angedeutet werden, wohl niemals 
erhalten und fallen deshalb aus der Gesammtwirkung heraus. 
Dagegen sind von trefflichem Effekt die zahlreichen goldenen 
Schilde an den Friesen, welche mit Bibelsprüchen in dunkler 
Schrift bedeckt sind. An den obersten Schildbögen sind liegende 
Apostelgestalten in Stuck ausgeführt. Der Altar von weissem 
Kalkstein ruht auf den Emblemen der Evangelisten. Sehr hübsch 
ist über ihm auf einer Console die Kanzel vorgebaut. In der 
ganzen Deutschen Renaissance kenne ich keinen Innenraum von 
ähnlicher Feinheit der Dekoration. 

Die übrigen Theile des Schlosses befinden sich in einem Zu- 
stande schmachvoller Verwahrlosung, dem die preussische Re- 
gierung hoffentlich bald ein Ende machen wird. Da nämlich 
1813 das Schloss als Lazareth verwendet wurde, litt die innere 
Ausstattung desselben erheblich, erfuhr dann aber vollständige 
Verwüstung, weil in Folge des ausgebrochenen Lazarethfiebers 
alle Gegenstände, und zwar nicht blos die vergoldeten Leder- 
tapeten, sondern auch die Fenster, Thüren und Fussböden heraus- 
gerissen wurden. 1 ) Im nördlichen Flügel enthält das obere Stock- 
werk den Riesensaal, welcher bei 90 F. Länge und 45 F. Breite 
die geringe Höhe von etwa 15 F. misst. Seine langen Deck- 
balken sind in der Mitte durch drei Holzsäulen, an den Wänden 
durch entsprechende Steinpfeiler gestützt, die sehr originell als 
barocke Consolen ausgebildet sind. Die Decke zeigt noch Reste 
von Malereien, ebenso die Wände. Ein Kamin erhebt sich an dem 
einen Ende, an dem andern ein grosser Ofen, der untere Theil 
von Eisen, 1584 bezeichnet, der obere Theil von schwarzglasirtem 
Thon mit Hermen und Karyatiden dekorirt, an den Feldern Chris- 
tus am Kreuze und andere biblische Darstellungen in etwas stum- 
pfen Reliefs; der Abschluss gegen die Wand wird in phan- 



') v. Dehn-Rotfelser und Lotz, die Baudenkm. im Reg. -Bezirk Cassel, 
S. 247. 



908 DL Buch. Renaissance in Deutschland. 

tastischer Weise durch eine grosse gewundene Hermenfigur ge- 
bildet. Noch mehrere anstossende Zimmer haben reich, aber 
barock gemalte Thüreinfassungen, Reste von Wandgemälden, gut- 
gegliederte Holzdecken und alte Oefen. Alles aber liegt in einem 
kläglichen Zustande von Verödung. 

In der Stadtkirche ist einer der prachtvollsten messingenen 
Kronleuchter der Renaissance, zum Theil noch mit gothisirenden 
Blumen, die einzelnen Arme in Männerköpfe auslaufend. 

Der Hennebergerhof, südlich unter dem Schlossberg gelegen, 
hat zwei Portale in später Renaissance und an der langgestreck- 
ten nordöstlichen Fagade im oberen Stock eine Galerie auf tos- 
kanischen Säulen. — Das Gasthaus zur Krone, in welchem 1531 
der schmalkaldische Bund geschlossen wurde, ist ein schlichter 
Fach werkbau, dessen altes Tafel werk im Innern durch Tapeten 
verkleidet ist. 

Wenig, auch dies Wenige ohne sonderliche Bedeutung, ent- 
hält Cassel. Von den fürstlichen Bauten ist der Marstall zu 
erwähnen, ein ausgedehntes Werk, einfach und tüchtig mit einer 
Anzahl schwerer Barockgiebel decorirt, deren Form auf die Re- 
gierungszeit des baulustigen Wilhelm IV deutet. Von demselben 
Landgrafen wurde seit 1581 der Renthof begonnen, der dann 
1618 vollendet wurde. Ebenfalls ein ziemlich einfacher Bau mit 
Barockgiebeln und reich behandeltem Portal; im Hofe ein Brun- 
nen aus derselben Zeit. Ein Prachtstück dagegen ist das gross- 
artige Grabmal Philipps des Grossmüthigen (f 1567) im Chor der 
Martinskirche. Es wurde von einem wahrscheinlich in den 
Niederlanden gebildeten Künstler, Elias Godfro aus Emmerich be- 
gonnen, der aber noch vor völliger Beendigung seiner Arbeit 
starb. Nach Art eines Altars aufgebaut, aus Marmor und Ala- 
baster, reich mit Sculpturen geschmückt, zeigt es die prunkvoll 
überladenen Formen des beginnenden Barocco. 

In den Bürgerhäusern herrscht abwechselnd Steinbau und 
Fachwerk, bisweilen beides verbunden; aber auch darunter ist 
nichts von hervorragendem Werth. Mehrfach kommen stattliche 
Doppelportale vor, aus zwei völlig gleich behandelten Bogen, 
meist in kräftiger Rustika bestehend. Das schönste Beispiel am 
Markt in dem Eckhaus gegen den Renthof, die Pfeiler mit Nischen 
durchbrochen, die Facadc ausserdem durch zwei polygone Erker 
an den Ecken belebt. Ein ähnliches Portal an einem Hause 
des Altstädter Marktes, die Facade mit hohem, breitem Barock- 
giebel abgeschlossen. Die Erdgeschosse sind bei diesen Häusern 
stets in kräftiger Rustika mit facettirten Quadern durchgeführt, 
alles jedoch weder besonders reich noch fein. Mehrere Häuser 



Kap. XVII. Die nordwestlichen Binnenländer. 



909 



mit kräftig barocken Giebeln und Portalen in der Obersten Gasse; 
ein Eckhaus daselbst mit Fachwerkbau in den oberen Geschossen, 
die Formen antikisirend, die Schwellen mit Zahnschnittfriesen, 
bezeichnet 1651. Mehrere hübsche Holzhäuser in der Oberen 
Marktgasse, der Kettengasse, der Oberen Fuldagasse und hinter 
dem Judenbrunnen. 

In Hersfeld 1 ) ist vor Allem ein stattliches Rathhaus • zu ver- 
zeichnen, das bescheidnere und kleinere Vorbild des Rathhauses 
zu Münden, mit zwei kraftvoll barocken Giebeln an der Front 
und je einem ähnlichen Giebel an den beiden Seitenfa^aden, in der 
Mitte des Daches ein hölzernes Glockenthürmchen in gothischen 
Formen, die Fenster auch hier 
durchweg paarweise gruppirt, mit 
gothischer Umrahmung, das Portal 
mit seiner Freitreppe ebenfalls ein 
reducirtes Vorbild des Mtindener 
Portals. Im Innern hat der Sitz- 
ungssaal eingelegtes Täfelwerk, 
jetzt leider mit weisser Oelfarbe 
angestrichen. Ueber der Eingangs- 
thür die Jahrzahl 1597, über einem 
Portal im Hofe 1612. 

Allendorf ist durch einige 




reich ausgebildete Fachwerkbau- 



Fig. 245. Aus Allendorf. (F. Hoffmann.) 



ten bemerkenswerth, welche durch- 
weg den entwickelten Renaissancestil zeigen. Namentlich werden 
die Balkenköpfe als elegante Consolen behandelt, die Schwellen 
sammt den Füllbalken mit Zahnschnitten, derben Eierstäben und 
Perlschnur geschmückt. (Fig. 245). 

In Fritzlar ist das seit 1580 erbaute Hochzeitshaus, jetzt 
Kaserne, ein Fachwerkbau über steinernem Erdgeschoss, durch 
ein reiches Portal und einen Erker, sowie im Innern durch eine 
steinerne Wendeltreppe ausgezeichnet. 

Etwas mehr bietet Marburg. Die ehemalige fürstliche Kanz- 
lei, jetzt Regierungsgebäude ist eine schlichte vierstöckige Anlage 
vom Jahr 1575 mit Barockgiebeln, in der Mitte der Facade ein 
viereckig vorspringendes Treppenhaus mit steinerner Wendelstiege 
und Renaissanceportal. An dem gothischen Rathhaus ist der 
Giebel mit der Uhr in ähnlichen Formen 1581 dem Treppenthurm 
aufgesetzt. Die stattliche Herrenmühle, 1582 von Meister Eber- 



J ) Werthvolle Notizen, von Zeichnungen" L. und F. Hoffmann's begleitet, 
verdanke ich der zuvorkommenden Güte des Bauraths v. Dehn-Rotfelser. 



910 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

hard Baldewein erbaut, hat ebenfalls am Mittelbau einen kräftig 
barocken Giebel. 

Den Renaissancestil zeigt auch das Eckhaus am Marktplatz 
No. 73, in den oberen Geschossen Fachwerk über steinernem 
Unterbau, durch polygonen thurmartigen Erker auf steinerner 
Auskragung ausgezeichnet. Ein stattlicher Bau der Spätepoche 
ist das Eckhaus an der Markt- und Wettergasse, ebenfalls aus 
Stein- und Holzbau gemischt und durch zwei rechteckige Erker 
belebt. Ein reiches Portal mit Muschelnischen und von Doppel- 
säulen eingefasst, ungefähr aus derselben Zeit, hat das Haus 
No. 408 am Steinwege. Auch dieses hat über zwei massiven 
Geschossen in den oberen Theilen Fachwerk. Ebenso das grosse 
Eckhaus No. 207 an der Hofstatt, mit zierlich ausgebildetem 
Holzbau. Zu den reichsten Fachwerkhäusern gehört No. 76 am 
Marktplatz, an der Ecke mit dem hier sehr beliebten polygonen 
Erker versehen. 

In den südlichsten Theilen des Landes sind einige Denkmale 
zu verzeichnen, welche hauptsächlich dem Kunstsinne der Isen- 
burger Grafen ihre Entstehung verdanken. Graf Anton (1526 — 
1560), der in hoher Gunst bei Karl V stand und lebhafte Be- 
ziehungen zu dem künstlerisch regsamen Frankenlande unter- 
hielt — sein Sohn Georg vermählte sich mit einer Tochter aus 
dem Stollberg'schen Geschlechte zu Wertheim, wo er in der 
Kirche sein Grabmal gefunden hat (vgl. oben S. 84) — führte 
ansehnliche Neubauten am Schloss zu Rönne bürg in der Wet- 
terau aus. Der gewaltige noch aus dem Mittelalter stammende 
Rundthurm erhielt 1533 den orginellen Aufsatz mit vier ausge- 
kragten Erkern und einer durchbrochenen in Renaissanceformen 
behandelten Galerie 1 ). Auch am Schloss zu Wächtersbach, 
das Anton später häufig bewohnte, scheint er gebaut zu haben, 
denn der Hauptthurm zeigt eine dem Thurm der Ronneburg 
verwandte Behandlung. Sein Sohn Georg baute als Wittwensitz 
seiner Gemalin 1569 den Oberhof zu Büdingen, der im Wesent- 
lichen noch wohl erhalten ist. Der einfach, aber tüchtig behan- 
delte und malerisch gruppirte Bau besteht aus einem Wohnhause 
und verschiedenen Wirthschaftsgebäuden, welche einen nach der 
Strasse von einer Mauer umschlossenen, nach Osten sich an die 
Stadtmauer lehnenden Hof umgeben. Die Ostseite als die Haupt- 
front hat das hübsch behandelte Hauptportal, neben welchem links 



x ) Die geschichtlichen Notizen verdanke ich dem Herrn Prof. Haupt in 
Durlach, die von Aufnahmen unterstützte Beschreibung des Schlosses Herrn 
Archit. A. Haupt daselbst. 



Kap. XVII. Die nordwestlichen Binnenländer. 911 

ein viereckiger Treppenthurin, rechts ein rechtwinkliger von unten 
auf durch alle drei Geschosse reichender Erker aufsteigt. Die 
meist dreifach gruppirten Fenster zeigen noch mittelalterliche 
Umrahmung, ihre Brüstungen am Erker spätgothisches Mass- 
werk. Der Giebel nach der Strasse ist in seinen einzelnen Ge- 
schossen einfach mit Kreissegmenten abgeschlossen und durch 
Pilaster gegliedert. An der Südseite, wo ebenfalls ein' Erker 
vorgebaut ist, aber erst über dem Erdgeschoss ausgekragt, sind 
interessante Spuren einer Grau in Grau ausgeführten Bemalung 
erhalten: im Erdgeschoss facettirte Quader, in den oberen Stock- 
werken Ornamentales und zum Theil auch Figürliches 1 ). 

Auch sonst bietet die alterthümliche, malerische Stadt, die 
ihren Charakter noch fast unberührt bewahrt hat, einzelne Re- 
naissancewerke neben manchem Mittelalterlichen. In der Stadt- 
kirche ist das Denkmal des Grafen Anton, 1563 von seinen 
Söhnen errichtet, ein stattliches Werk mit fein und reich behan- 
delter Ornamentik. 



Westfalen. 

In dem weitgestreckten westfälischen Gebiet zeigen nur die 
Wesergegenden eine lebhaftere Aufnahme der Renaissance, die 
dort und in dem dazu gehörigen Lippeschen Lande gegen Ausgang 
der Epoche eine Anzahl glänzender Bauten, sowohl in Stein wie 
in Holz, herrvorgebracht hat. Zunächst sind hier mehrere Schloss- 
bauten zu nennen: Thienhausen bei Steinheim, Schloss Varen- 
holz im Lippeschen (1595), ein umfangreicher Bau, aus vier 
Flügeln bestehend, an zwei Ecken mit mächtigen quadratischen, 
oben ins Polygone übergehenden Thürmen flankirt; die Fenster 
noch mittelalterlich mit dem Vorhangbogen; im Hof ein hübscher 
Renaissance -Erker. Sodann Haus Assen und Schloss Neuhaus. 
Eins der stattlichsten ist Schloss Brake bei Lemgo, dessen Hof 
eine elegant behandelte Galerie auf Consolen im ersten Stock 
und eine ungewöhnlich grossartig ausgebildete Fensterarchitektur 
im Erdgeschoss und oberen Stock zeigt (Fig. 246). 

Unter den Städten nimmt Lemgo eine hervorragende Bedeu- 
tung in Anspruch. Das stattliche in seinem Kern aus gothischer 
Zeit datirende Rathhaus erhielt 1589 eine an die Nordseite an- 
gebaute Vorhalle (Laube) mit Freitreppe, darüber ein erkerartiges 
Obergeschoss. Es ist eine Anlage ähnlich der am Rathhaus zu 



l ) Zeichn. und Beschreibung liegen mir von Herrn A. Haupt vor. 



912 



III. Buch. Renaissance in Deutschland. 



Halberstadt, aber in edleren Formen durchgebildet. Im Erdge- 
schoss gliedern breite ionische Pilaster mit offnen Arkaden den 




Fig. 246. Brake, Schlosshof. 



Bau; im oberen ist er ganz von Fenstern durchbrochen; die 
abwechselnd durch ionische Säulen und feine Pilaster gegliedert 
werden. Reicher figürlicher Schmuck an Stylobaten, Friesen und 
Fensterbrüstungen erhöht die Eleganz des zierlichen Baues. Noch 



Kap. XVII. Die nordwestlichen Binnenländer. 913 

üppiger, mit stärkerer Anwendung- von Barockformen ist der zwei- 
stöckige ebenfalls ganz mit Fenstern durchbrochene erkerartige 
Vorbau an der nördlichen Ecke. Die Fenster sind hier im Erd- 
geschoss und im obern Stock mit ionischen und korinthischen 
Säulen und dazwischen mit fein ornamentirten Pfeilern gegliedert, 
die Brüstung im oberen Stock mit kräftigen Bildnissen ausgestattet, 
der Giebel mit krausem Barfdwerk des Barockstils völlig bedeckt. 
An dem entgegengesetzten südlichen Ende der langen Westfacade 
ist wiederum ein Erker im Hauptgeschoss vorgebaut, auf zwei 
breit gespannten Flachbögen mit dorischen Säulen ruhend, ähnlich 
behandelt, wenn auch im Ganzen etwas nüchterner, die Quader 
an den Bögen und den Fensterpfosten mit Sternmustern ge- 
schmückt, dazwischen einzelne Steine mit prächtigen Löwenköpfen 
und Masken, am untern Theil der schlanken Säulen Relief figürchen 
von Tugenden, die Giebel etwas trocken mit aufgerollten Bändern 
eingefasst. 

Ausserdem ist eine grosse Anzahl von Giebelhäusern, theils 
in Stein theils in Holzbau, meistens aus der Epoche der Renais- 
sance in den Hauptstrassen noch vorhanden, die der Stadt ein 
uugemein malerisches, altertümliches Gepräge verleihen, wie es 
wenige deutsche Städte noch so unberührt besitzen. Unter den 
Steinbauten ragt durch Grossartigkeit der Anlage und gediegene 
Pracht der Ausführung ein Haus der Breiten Strasse vom J. 1571 
hervor, mit fein behandeltem Bogenportal und zwei prächtigen 
Erkern, von denen der eine im Hauptgeschoss auf Consolen vor- 
gebaut ist, während der andere gleich von unten emporsteigt 
(Fig. 247.) Der mächtige Giebel und der obere Theil der Fagade 
erhält durch kannelirte Halbsäulen ionischer und korinthischer 
Ordnung und reich gegliederte Gesimse eine wirksame Eintheilung. 
Auch die kraftvollen Voluten mit ihren Muschelfüllungen ent- 
sprechen dem Charakter des Uebrigen. Im ersten Geschoss erheben 
sich über dem Portal Adam und Eva, und zwischen ihnen der 
Baum der Erkenntniss. An den Brüstungen der Erker sieht man 
links zwei wappenhaltende Engel und die Figuren von Glaube 
und Hoffnung, an dem kleineren Erker rechts Liebe, Tapferkeit 
und Gerechtigkeit. Ueber der Thür die Inschrift : In Gades Namen 
unde Christus Frede heft dyt Hues Herman Kruwel buet an dise 
Stede. — Weiter besitzt das jetzige Hauptsteueramt an der 
Facade des sonst unbedeutenden Baues einen vielleicht von dem- 
selben Meister errichteten Erker, mit reichen Wappen in den Fenster- 
brüstungen und mit drei halbrund geschlossenen Giebeln. 

Besonders schön ist der Fachwerkbau entwickelt, und zwar 
in jener eleganten Form, die wir in dem benachbarten Höxter 

Kugler, Gesch. d. Baukunst. V. 53 



914 III. Buch. Kenaissance in Deutschland. 

kennen lernten. Unvergleichlich kraftvoll und mannigfaltig ist 
die Dekoration der Schwellbalken und Füllhölzer mit Flechtwerk, 
gewundenen Bändern, eingekerbten Rippen »und dgl. An den 
Fensterbrüstungen spielt das Fächermotiv in grosser Mannigfaltig- 
keit die Hauptrolle. Daneben kommen menschliche Figuren, 
Genrescenen, phantastische Drachen und Thiere vor, und endlich 
sind auch kraftvoll geschnitzte Ranken an Pfosten und Friesen 
hinzugefügt. Eine der prächtigsten dieser Fagaden in der Breiten 
Strasse, bezeichnet 1598, zeigt unter anderm die mehrfach wieder- 
kehrende Darstellung eines Mannes mit dem Splitter und eines 
andern mit dem Balken im Auge. 

Auch das kleine benachbarte Salzuffeln bewahrt eine Anzahl 
von Stein- und Holzbauten desselben prächtigen Stiles. Beson- 
ders fein und wiederum von den Bauten zu Lemgo abweichend 
ist der Giebel eines steinernen Wohnhauses, der in fünf Stock- 
werken durch kleine Rundbogenfenster, eingerahmt von cannelirten 
Pilastern, lebendig gegliedert wird. Gleich daneben ein anderer 
Giebel von schwereren Formen in stark ausgeprägtem Barockstil. 
Vom grössten Werth sind die Holzbauten, aufs Reichste mit 
Schnitzwerken im Charakter der Bauten von Lemgo geschmückt, 
ja mit Ornamenten aller Art oft förmlich überladen. 

Zu dieser Gruppe gehört nun auch Herford, das nicht blos 
durch seine allgemein bekannten grossartigen kirchlichen Denk- 
male des Mittelalters, sondern auch durch ansehnliche Monumente 
der Renaissance Beachtung verdient. An das Rat h haus, einen 
geringen mittelalterlichen Bau, legte man im Ausgang der Renais- 
sancezeit eine jener beliebten Lauben, im Erdgeschoss als offne 
Halle abwechselnd auf Pfeilern und kraftvollen Säulen ruhend, 
mit Kreuzgewölben überdeckt, darüber ein erkerartiger Ausbau 
von zwei Barockgiebeln bekrönt. Vortretende schlanke Säulchen 
gliedern in beiden Stockwerken die Wände. Den Fenstern des 
Hauptbaues gab man zugleich eine Dekoration von Giebeln, und 
dem Portal, zu welchem eine doppelte Freitreppe emporführt, 
eine Umrahmung in demselben Stil. Leider ist der Bau im Zu- 
stand äusserster Verwitterung und Vernachlässigung. 

Eine hübsche Anlage derselben Zeit, datirt 1616, ist der 
kleine Ziehbrunnen am Markte. Ueber der ovalen Einfassung 
steigen zwei Pfeiler mit einem Querbalken für den Zieheimer auf, 
von einer hübschen Krönung in barocken Volutenformen ab- 
geschlossen. Etwas früher (1600) datirt die grossartige Facade 
des Neustädter Kellers, einer der imposantesten Giebelbauten der 
Zeit. Ueber zwei hohen unteren Stockwerken, durch dreitheilige 
Fenster belebt und mit Rustikapilastern eingefasst, steigt der 



Kap. XVII. Die nordwestlichen Binnenländer. 917 

Giebel, durch eine kleinere Etage vorbereitet, in vier Geschossen 
empor, durch kannelirte korinthische Säulen auf Stylobaten und durch 
reich dekorirte Gesimse abgetheilt, an den Seiten mit phantastisch 
barocken Voluten eingefasst, Dazu gesellt sich ein alle Flächen 
tiberspinnendes Ornament im Metallstil der Zeit, wie es so reich 
mit Ausnahme jener Fac^ade in Brieg (S. 686) nicht wieder vor- 
kommen dürfte. 

Etwas massvoller tritt derselbe Stil an der Fagade des Löffel- 
mannschen Hauses am Neustädter Markt vom Jahr 1580 auf. 
Statt der Pilaster- oder Säulenstellungen sind verschränkte Stab- 
und Bandwerke für die Dekoration des Giebels verwendet, die 
Fenster aber wie im Rathhaus mit dekorirten Giebeln bekrönt. 
Ein kleineres Haus daneben zeigt noch zierlichere Behandlung. 
Schwerfällig und offenbar aus etwas früherer Zeit ist die 
ungemein breite Facade am Markt No. 640, der Giebel durch 
einfache Voluten mit Muschelornament eingefasst. 

Auch der Holzbau kommt mehrfach vor. An zwei Häusern 
in der Brüderstrasse von 1521 und 1522 noch ganz mittelalter- 
lich mit rohen Figürchen an den Consolen. Die feiner durchge- 
bildete Form mit der Fächerdekoration und den kraftvoll geriefel- 
ten Schwellen an einem Hause dicht am Markt vom Jahr 1587. 
Reich geschmückt mit den Metallornamenten der Spätzeit ein 
Haus von 1638, gegenüber der Radegundiskirche. 

Alle diese Orte unterscheiden sich von den Niedersächsischen 
hauptsächlich dadurch, dass fast ohne Ausnahme die Häuser ihre 
Giebelfront gegen die Strasse kehren, während dort (in Münden, 
Braunschweig, Celle, Halberstadt, Hildesheim) meistens die Breit- 
seite, durch einen oder mehrere Dacherker bekrönt, die Strassen- 
front bildet. 

Bielefeld zeigt in den nicht gerade bedeutenden Bürger- 
häusern dieser Epoche dieselbe Anlage und verwandte Ausbildung. 
Eine Steinfacade von ziemlich früher Zeit, in den Formen noch 
gothisirend, in den Bogenschlüssen des Giebels mit Muschelorna- 
ment, sieht man in der Niedernstrasse No. 251. Im obersten 
Giebelfeld die Reliefdarstellung eines Schiffs. Von ähnlich ein- 
facher Behandlung das grosse Giebelhaus No. 273, während eben- 
dort No. 252 noch gothisches Maasswerk zeigt. Der stattliche 
Giebel No. 265, mit verjüngten Pilastern und barockgeschweiften 
Voluten, datirt dagegen vqm Ausgang der Epoche. Eine ähnliche 
Fagade vom Jahr 1593 in der Obernstrasse. Ebendort noch ein 
anderes Beispiel derselben Gattung und ebenso die Facade am 
Markt No. 61. Von Holzbauten ist namentlich die am Gehrenberg 
No. 127, sowie das Haus an der Ecke der Niedern und Oberen 



918 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Strasse mit steinernem Unterbau zu beachten. Ein reicher und ori- 
gineller Steinbau der Spätrenaissance war der ehemalige Waisenhof, 
von welchem interessante Theile bei dem neuen Gymnasium durch 
Kaschdorffs geschickte Hand zur Verwendung gekommen sind. 

Etwas reicher ist die Ausbeute in Minden. Die prächtige 
Facade der Hohenstrasse, welche in der Axe der Bäckerstrasse 
steht, gehört zu den schönsten der Zeit. Bis zur Spitze des 
Giebels in sieben Geschossen mit kannelirten am untern Theil 
frei dekorirten korinthischen Säulen gegliedert, die Voluten des 
Giebels mit Männerfiguren durchbrochen, zeigt sie ein reiches pla- 
stisches Leben. Die Formen deuten auf die Zeit von c. 1570. 
Neben der Facade führt ein Bogenportal in den Hof, wo man 
zwei vermauerte Säulenordnungen in der Seitenfacade bemerkt. 
Ueber dem Portal sieht man in reich dekorirten Nischen sieben 
Statuetten, bezeichnet als Alexander Magnus, Julius Caesar, Augustus 
Caesar, Harminius dux Saxonum, Carolus Magnus, Widekindus 
rex Saxonum, Hector dux Trojanorum. 

Von ähnlicher Art, aber etwas später, ist die stattliche, breite 
und hohe Facade in der Bäckerstrasse 48, auch hier der mächtige 
Giebel mit Halbsäulen in drei Geschossen gegliedert, dazwischen 
Flachnischen, Alles mit Bändern geschmückt, die ein sternförmiges 
Ornament zeigen. Die Voluten des Giebels mit durchbrochenen 
Gliedern entwickelt, in welchen männliche Figuren klettern. Die 
beiden Erker des Erdgeschosses und ersten Stocks sind in reichen 
Kococcoformen umgearbeitet. In derselben Strasse 56 eine schlich- 
tere Facade ohne Verticalgliederung, aber mit seltsam barocken 
Voluten am Giebel. Erker kommen öfter vor und erinnern in 
Anlage und Form an die Hannoverschen. Eine der späteren 
Fagaden, am Markt 172, vom Jahr 1621 ist an Pfeilern und Frie- 
sen mit Metallornament reich bedeckt ; ebenso an dem Bogenportal, 
dessen Quader mit Sternmustern geschmückt sind; ein durch drei 
Geschosse reichender Erker hat als Einfassung elegante Säulen. 
Einen ähnlich hübsch decorirten Erker hat auch das gothische 
Rathhaus an der Rückseite, während die Vorderseite mit trefflich 
wirkenden frühgothischen Arkaden ausgestattet ist. Ein sehr ele- 
gantes Barockportal vom Jahr 1639 zeigt die übrigens moderni- 
sirte Facade am Poos No. 90. Ausserdem kommen noch einige 
unbedeutende Holzbauten vor. 

In Paderborn ist das Rathhaus ein grossartiges Werk der 
Schlussepoche. An einen aus dem 13. Jahrh. rührenden Bau 
legte man von 1612 — 1616 1 ) nach Westen einen Neubau, der 



') Die histor. Notizen verdanke ich Herrn Professor Giefers. 



Kap. XVII. Die nordwestlichen Binnenländer. 



919 



mit seinem gewaltigen Barockgiebel und zwei symmetrisch ange- 
ordneten auf kräftigen dorischen Säulen ruhenden und mit ähn- 




lichen Giebeln geschlossenen Vorbauten einen ebenso imposanten 
als malerischen Eindruck macht (Fig. 248). Die gruppirten, durch 
ionische Pilasterstellungen eingerahmten Fenster beleben den Bau 
in wirksamer Weise; die Behandlung trägt durchweg das Gepräge 
einer sicheren Meisterschaft. 



920 III- Buch. Renaissance in Deutschland. 

Nur Weniges haben wir in Osnabrück zu verzeichnen. 
Ein Steinhaus am Markt No. 18 mit hohem, auch ziemlich einfach 
decorirtem Giebel gehört der mittleren Epoche an. Einige hübsch 
geschnitzte Holzhäuser bewegen sich in den mehrfach erwähnten 
Formen: Fächer und Rosetten an den Brüstungen, gewundene 
und gerippte Rundstäbe an den Schwellen. So das elegant durch- 
geführte Haus Krahnstrasse No. 7 vom Jahre 1586. Von der- 
selben Hand die Fa^ade No. 43 in der Dielinger Strasse. An 
beiden in der Mitte Adam und Eva dargestellt. 

Weit ansehnlicher kommt die Renaissance in Münster zur 
Geltung. Die alterthümliche Stadt ist nicht blos wegen ihrer 
grossartigen kirchlichen Denkmäler des Mittelalters von Bedeu- 
tung, sondern sie steht auch in erster Linie unter denjenigen 
deutschen Städten, welche einen reich durchgebildeten Profanbau 
aus den verschiedensten Epochen aufzuweisen haben. Das edle 
gothische Rathhaus, dessen GiebelfaQade eine der schönsten Com- 
positionen des Mittelalters zeigt, wird von ganzen Reihen hoch- 
ragender Privatbauten begleitet, welche wie sonst nirgendwo in 
Deutschland die Hauptstrasse, besonders den Principalmarkt mit 
ihren stattlichen steinernen Arkaden einfassen und denselben 
einen ungemein grossartigen monumentalen Ausdruck etwa im 
Charakter der Strassen von Bologna, Padua und andern italie- 
nischen Städten verleihen. Die Mehrzahl dieser Häuser stammt 
noch aus dem Mittelalter, die Arkaden ruhen mit schlanken 
Spitzbögen auf einfach kräftigen viereckigen Pfeilern, oder auch 
auf Rundsäulen, und die Giebel sind abgestuft und auf den 
einzelnen Absätzen mit geschweiften gothischen Maasswerkfül- 
lungen versehen. Alle diese Profanbauten geben ein deutliches 
Zeugniss von der frühen Entwicklung der Stadt, welche, oft im 
Gegensatz zu der bischöflichen Gewalt, sich zu selbständiger Be- 
deutung erhob und durch ihre Verbindung mit der Hansa zu 
hoher Blüthe gelangte. Beim Eintritt in die neue Zeit schien es 
sogar einen Augenblick, als ;ob sie sich dem Protestantismus 
zuwenden würde, und selbst der Bischof Friedrich III (1532) war, 
im Gegensatz zu dem heftigen Widerstreben des Domkapitels, 
der Einführung der Reformation nicht abgeneigt. Aber durch den 
Wahnwitz der Wiedertäuferei wurde die ruhige Bahn der Reform 
gekreuzt, und als diese wilde Orgie 1536 blutig erstickt war, 
erhob sich als natürliche Folge eine kirchliche und staatliche Re- 
action. Dennoch erstarkte der trotzige Unabhängigkeitssinn der 
Bürger bald zu neuer Opposition und erst dem gewaltigen Bischof 
Christoph Bernhard von Galen (1661) gelang es dauernd den 
stolzen Sinn der Bürgerschaft zu brechen. 



Kap. XVII. Die nordwestlichen Binnenländer. 921 

Eine ansehnliche Zahl von Profanbauten der Spätrenaissance 
giebt von dieser letzten Blüthe bürgerlicher Selbständigkeit Zeug- 
niss. Eins der prachtvollsten Werke ist der neben dem Rathhaus 
sich erhebende hohe Giebelbau, in den Formen der Spätzeit 
kräftig durchgeführt, mit besonders reichem auf Säulen ruhendem 
Balkon und phantastisch barock geschweiftem und gekröntem 
Giebel (Fig. 249). Namentlich der Balkon ist ein ausgezeich- 
netes Werk von grosser Delikatesse der Ausführung. Der Kern 
des Baues, der früher als Stadtweinhaus, im unteren Geschoss als 
Stadtwaage diente, stammt aus dem Mittelalter und wurde erst 
um 1615 mit der prächtigen Fagade geschmückt, welche als eins 
der glänzendsten Werke der schon stark zum Barockstil gewen- 
deten Spätrenaissance zu betrachten ist. Der als „Sentenzbogen" 
bezeichnete Vorbau war zur Verkündigung der gerichtlichen Ur- 
theilssprüche bestimmt. Ergötzlich klingt eine Urkunde des städ- 
tischen Archivs, laut welcher zwei Mitglieder des Steinhauer- Amtes, 
weil sie die Architektur des Baues nicht als „opus doricum" 
gelten lassen wollten, vom Magistrat wegen solcher Missachtung 
seines Baumeisters zu 20 Thlrn. Injurienstrafe verurtheilt wurden 1 ). 
Man hatte also damals schon verschiedene Ansichten über dori- 
schen Stil! 

Zu den frühesten Bauten dagegen gehört das Haus am 
Prinzipalmarkt No. 17 und 18 mit einem DoppeJgiebel vom Jahre 
1571. In strenger classizistischer Behandlung wird das Erdge- 
schoss von dorischen, der erste Stock von toskanischen, der 
zweite von ionischen Halbsäulen gegliedert. Ein hübscher Erker, 
auf eleganten Consolen ausgebaut, hat einen antiken Giebel als 
Abschluss. Die ganze Behandlung ist einfach, aber edel. Die 
Facade in der Seitengasse ist schlicht in Backstein ausgeführt, 
nur die Einrahmungen der Fenster und die Gesimse in Sandstein. 
An einem polygonen Treppenthurm liest man die Jahrzahl 1569. 
Von ähnlicher Einfachheit ist die grosse Fagade Rothenburg No. 
167, nur noch sparsamer gegliedert, mit Fortlassung der ver- 
tikalen Theilung. Auch hier ein hübscher Erker auf Consolen 
im Hauptgeschoss, mit |Lisenen der Fvührenaissance eingefasst. 
Dies Motiv des Erkers kommt in späterer Zeit an einem Hause 
der Bogenstrasse No. 34 zu einer ebenso reichen als eleganten 
Durchbildung im kraftvollsten Stil der Spätzeit. Der obere Theil 
der Facade leider nüchtern verzopft. 

Die Mehrzahl der Münsterschen Facaden gehört derselben 
Spätzeit, meist schon dem 17. Jahrhundert. Es sind sämmtlich 



Fr. Tophoff, Aufn. in der Wiener Allg. Bauzeitung 1872. 



922 III- Buch. Renaissance in Deutschland. 

hohe Giebelbauten, grösstenteils im Erdgeschoss mit Arkaden, 
welche auf kräftige dorische Säulen gestellt sind und bisweilen 
in zierlicher Renaissanceform mit Zahnschnittfriesen und dgl. 
ausgebildet werden. Recht im Gegensatz zu den gothischen Fa- 
caden verzichten sie auf jede vertikale Gliederung durch Pilaster 
oder Lisenen, dagegen wetteifern sie erfolgreich mit jenen im 
Reiz der durchbrochenen frei aufgelösten Silhouette. Voluten 
und Schnörkel jeder Art bäumen sich in krausem Spiel gegen- 
einander, und mit den gothischen Fialen wetteifern die alla Ru- 
stika gebänderten Pyramiden sammt den Kugeln und den krö- 
nenden Eisenblumen. Man erkennt hier so recht wie der Barock- 
giebel durch die verschiedenen Stadien einer noch einfacheren 
Frührenaissance sich aus der gothischen Form entwickelt hat. An 
Mannigfaltigkeit und Feinheit in der Silhouette sind diese späten 
Bauten den viel gleichartigeren des Mittelalters entschieden 
überlegen. 

Die Hauptbeispiele finden sich am Prinzipalmarkt; No. 32, 
33, 34, 35 (von 1612), 36 (von 1653), 37 (von 1657). Aehnlich 
ebendort No. 43, 44, 48 (von 1627), die Arkadenbögen mit hüb- 
schen Zahnschnitten gesäumt, ferner Bogenstrasse 31 und 36 
(v. J. 1617), letztere ohne Arkaden. Bei allen diesen Facaden 
ist es auffallend, wie sehr jede plastische Gliederung der Fläche 
bis auf die durchlaufenden Gesimse vermieden ist und vielmehr 
die ganze Kraft der Phantasie sich auf die Ausbildung der Sil- 
houette des Giebels concentrirt. 

Am Rathhaus ist die Rückseite in Renaissanceformen durch- 
geführt. Im Innern hat der Friedenssaal, sowie der Saal des 
Erdgeschosses reiche Holzgetäfel der späten Zeit. Auch die Bett- 
lade, angeblich von Johann von Leyden, ist beachtenswerth. 

Im D o m ist ausser einer Anzahl guter Epitaphien und Altäre 
nichts Bemerkenswerthes aus dieser Zeit. Der Kapitelsaal zeigt 
eine Holzvertäfelung der Frührenaissance. 

Der aus den Niederlanden eingedrungene Mischstil von Hau- 
stein und Ziegelbau ist an dem interessanten Rathhaus zu Bocholt 
in anziehender Weise vertreten. 

Wie weit dieser Stil landeinwärts gedrungen ist, beweisen 
zwei Privathäuser in Dortmund. Das eine am Ostenhell- 
weg No. 5, ein Eckhaus mit hohem Seitengiebel vom Jahre 1607, 
mit der Inschrift: Candori cedit invidia. Die Fenster haben 
Entlastungsbögen in Rustika, die einzelnen Steine mit Köpfen 
geschmückt. Die Flächen, jetzt getüncht, sind in Backstein aus- 
geführt. Ein ähnliches Haus in derselben Strasse No. l l /ij vom 
Jahre 1619, hat noch unverputzte Flächen. 



Kap. XVII. Die nordwestlichen Binnenländer. 925 

In der Marienkirche ist die reichgeschnitzte Orgelempore 
ein noch völlig gothisches Werk. Die geschuppten ionischen 
und die kannelirten dorischen Pilaster des rechten Flügels der 
Brüstung gehören offenbar einer späteren Erneuerung an. 

Bei der Reinoldikirche ist der imposante viereckige Thurm 
der Westfagade wohl als das beste und bedeutendste derartige 
Werk unsrer Renaissance zu bezeichnen. Die lisenenartigen Ver- 
stärkungen der Ecken, die Profile der Fenster- und Bogennischen 
mit ihren Einkehlungen erinnern noch an's Mittelalter. Die 
Galerie, welche den hohen viereckigen Bau abschliesst, hat ein 
schönes Gitter von Schmiedeeisen mit prächtigen Blumen auf den 
Ecken. Der achteckige Aufsatz mit seinen beiden Kuppeln, La- 
ternen und der schlanken Spitze hat bei trefflichen Verhältnissen 
einen edlen Umriss. Die Gesammthöhe beträgt 254 Fuss. Die 
Aufführung des Werkes geschah, nachdem der frühere gothische 
Spitzthurm in Folge des Erdbebens von 1640 im Jahre 1659 ein- 
gestürzt war, erst seit 1662 durch die Baumeister Pistor von 
Elberfeld und Johannes Feldmann von Dortmund. 



Rheinland. 

Am Niederrhein sind nur vereinzelte Werke der Renaissance 
zu verzeichnen. 1 ) In Emmerich bewahrt die Kirche einen 
messingenen Taufkessel in den Formen der Frührenaissance. 
Wesel besitzt am Markt ein Giebelhaus ganz von Hausteinen in 
edlen Renaissanceformen durchgebildet. In Xanten zeigt der 
Kreuzgang am Münster Gewölbe mit Renaissanceconsolen, und 
das Münster selbst schöne Epitaphien. In Calcar finden sich 
mehrere Holzschnitzaltäre, theils in gothischen, theils in Früh- 
renaissanceformen. In Joch mehrere Steinbauten mit Erkern und 
ein Stadtthor mit runden Thürmen. In der Kirche zu Kempen 
ein Orgelgehäuse noch aus früher Renaissancezeit. In Düssel- 
dorf bewahrt die Stadtkirche das prächtige Marmorgrab Herzog 
Wilhelms von Jülich -Cleve- Berg (f 1592), wahrscheinlich eine 
niederländische Arbeit. Ein originell in streng classicistischer 
Weise durchgeführtes Werk ist der als Archiv dienende Anbau 
am Rathhaus in Jülich, noch in guter Renaissancezeit errichtet. 
Unsere Abbildung (Fig. 250) giebt über das Einzelne Aufschluss. 



l ) Werthvolle Notizen, unterstützt von trefflichen Zeichnungen hat Herr 
BaurathRaschdorff mir mitgetheilt, dem ich für seine eifrige Förderung 
meiner Studien dankbar bin. 



926 



III. Buch. Renaissance in Deutschland. 



Erst in Köln 1 ) finden wir etwas reichere Ausbeute, aber 
auch hier weitaus nicht im Verhältniss zur Macht und Grösse der 
Stadt. Nach Anlage und Umfang sowie nach der Fülle ehrwür- 
diger Denkmäler von der Römerzeit bis zum Ausgang des Mittel- 
alters gehört die Metropole des Rheinlandes zu den grossartigsten 




Fig. 250. Jülich, fcathhaui 



Städten Deutschlands. Die imposanten, durch Mannichfaltigkeit 
der Formen und Reichthum der Ausbildung unübertroffenen 
Kirchenbauten der romanischen Epoche finden ihre Krönung in 
dem mächtigen gothischen Dome, der wieder eine Anzahl andrer 
Kirchen nach sich zog. Spricht sich in diesen Monumenten der 
stolze erzbischöfliche Sitz aus, so erkennt man in den Profan- 
bauten die seit dem 13. Jahrhundert unaufhaltsam steigende Macht 
des Bürgerthumes. Die günstige Lage am Rhein, verbunden mit 
dem früh errungenen Stapelrechte, die Verbindung mit der Hansa, 
machten Köln zum Hauptstapelplatz des Handels zwischen Nieder - 



*) Ueber Köln verdanke ich orientirende Nachweisungen, die nieinen 
eignen Untersuchungen als Anhalt dienten , dem mit den alten Denkmälern 
wohl vertrauten und eifrig um sie besorgten Herrn F. Frantzen daselbst. 



Kap. XVII. Die nordwestlichen Binnenländer. 927 

und Oberrhein, zwischen Norddeutschland und Holland und den 
süddeutschen Gebieten. Noch jetzt erkennt man in dem gothischen 
Rathhaus mit seinem prächtigen Hansesaal, in dem Gürzenich 
und den grandiosen Befestigungen mit ihren Mauern, Thoren und 
Thürmen die Macht des damaligen Bürgerthums, die im Kampfe 
mit der geistlichen Gewalt endlich soweit erstarkte, dass die 
Erzbischöfe gezwungen wurden ihre Residenz nach Bonn zu verlegen. 

Die Renaissance freilich kommt in der Stadt, deren monumentale 
Bedeutung im Mittelalter wurzelt, nur in bedingter Weise zur 
Geltung. Der bürgerliche Privatbau ist auffallend dürftig, selbst 
im Schluss der Epoche noch unscheinbar; die Rathhaushalle ist 
der einzige profane Prachtbau. Etwas günstiger dagegen stellt 
es sich in Werken kirchlicher Art. Doch auch hierbei handelt 
es sich mehr um einzelne dekorative Arbeiten als um grosse 
Gesammtconceptionen. Nur die Jesuitenkirche am Ausgang der 
Epoche macht eine Ausnahme. 

Bezeichnend für das Verhalten Kölns zu dem neuen Stile ist 
der Umstand, dass das früheste Werk, mit welchem derselbe hier 
auftritt, sich auf den ersten Blick als eine flandrische Arbeit zu 
erkennen giebt. Ich meine den prächtigen, jetzt als Orgelempore 
aufgestellten Lettner in der Capitolskirche, der nachweislich im 
Auftrage des kaiserlichen Raths und Hofmeisters Georg Hackenay 
von einem Künstler in Mecheln gearbeitet und 1524 nach Köln ge- 
bracht wurde. 1 ) Die reichgegliederte Architektur dieses pracht- 
vollen aus weissem und schwarzem Marmor errichteten Werkes, 
namentlich die gebündelten Pfeiler mit ihren Laubkapitälen, Gurten 
und Basen, auch die Nischen der Brüstung mit ihren übers chwänglich 
üppigen Baldachinen zeigen ein originelles Gemisch von spät mittel- 
alterlichen und Frührenaissance -Formen. Und zwar dies Alles 
sowie der Stil der zahlreichen figürlichen Reliefs und Statuetten 
in einer Behandlungs weise, die sofort an flandrische Arbeiten jener 
Zeit erinnert. Die neuerdings veröffentlichten urkundlichen Nach- 
richten bestätigen das Urtheil, welches aus dem künstlerischen Cha- 
rakter des Werkes sich aufdrängt. 

Es dauert nun noch eine Weile, ehe bei einheimischen Meistern 
die Renaissance sich einbürgert. Die ersten Spuren fand ich bei 
einem unscheinbaren Wandepitaph des 1539 verstorbenen Anton 
Keyfeld im nördlichen Chorumgang des Domes. Das kleine Denk- 
mal, von Candelabersäulchen mit hübschen Widderkopfkapitälen 
eingerahmt und von einem Giebel bekrönt, enthält ein gutes Re- 
lief der Auferstehung Christi, dabei der Verstorbene im Geleit 



l )Vg\. L. Ennen in der Zeitschr. f. bild. Kunst VII, 139 fg. 



928 HL Buch. Renaissance in Deutschland. 

seines Schutzpatrons, des h. Antonius. Gleich daneben ein andres 
kleines Grabdenkmal ähnlicher Art, reich mit Pflanzenornament 
in den Pilastern, welche die Tafel einfassen. Als Abschluss ein 
Giebel mit Muschelfüllung, krönendes Laubwerk und Engel mit 
den Marterwerkzeugen, im Hauptfelde Christus am Oelberg betend. 
Die Ornamente vergoldet. Dabei Namenszug und Steinmetzzeichen 
des Meisters. *) Dieselbe Hand, obendrein beglaubigt durch das näm- 
liche Monogramm, findet sich am südlichen Ende des Umgangs 
in dem Denkmal des Hans Scherrerbritzem. Die Behandlung der 
Pilaster ist dieselbe, nur die Kapitale zeigen eine Variation, auch 
tragen sie hier einen Bogen als Abschluss, der mit freiem Orna- 
ment bekrönt ist. Auf der Tafel das edel behandelte Relief des 
Gekreuzigten, der von den heiligen Frauen und Johannes betrauert 
wird. Die Formen deuten auf die Zeit um 1540. 

Interessant ist nun, dass man demselben Meister mit dem 
gleichen Monogramm an dem hübschen kleinen Epitaphium begeg- 
net, welches an der Südwand in der Vorhalle von S. Gereon dem 
1547 gestorbenen Grafen Thomas von Rieneck errichtet wurde. 
Statt des figürlichen Reliefs enthält die Tafel nur eine Inschrift, 
aber eingerahmt rings von zierlich behandelten Wappen; darüber 
ein Aufsatz mit einem grösseren Wappen, wiederum bekrönt von 
einem Giebel mit Muschelfüllung, auf welchem, von Laubwerk 
eingefasst, ein jetzt zerstörter Putto zwei kleinere Wappen hält. 
Das Ganze polychromirt und von decorativem Reiz. (Gegenüber, 
an der Nordwand, dürftige Reste eines ähnlich behandelten Epi- 
taphs, durch eine spätere Inschrifttafel verdrängt). 

Aus gleicher Epoche rührt im Kreuzgang des Stadt. Mu- 
seums das herrliche kleine Grabmal des 1551 verstorbenen Dr. 
juris Petrus Clapis, alias Breitstein, wie die Inschrift ihn nennt: 
ein Werk von delikatester Ausführung, mit feinem Ranken- und 
Laubornament und zwei trefflich gearbeiteten Wappen geschmückt. 
Daneben ein andres von minder zarter Behandlung, aber unten 
mit einem Fries von Putten decorirt, die in schwellend weichem 
Relief ausgeführt sind. Einige prachtvolle Kamine ebendort ge- 
hören bereits der vorgeschrittenen Epoche an. 

Noch einiges aus der Frühzeit in S. Georg. Das Portal der 
Südseite originell componirt, mit Anschiuss an romanische Grund- 
formen (1536). Besonders aber im Chor das Sakramentsge- 
häuse vom J. 1556, in schlankem Aufbau mit dekorirten Pilastern, 
Candelabersäulchen, in Friesen und allen übrigen Flächen mit 



A V H 

Dieser tüchtige Künstler bezeichnet sich \tr 



Kap. XVII. Die nordwestlichen Binnenländer. 929 

zierlichem Laubornament bedeckt. Dazu reiche figürliche Reliefs: 
Abraham und Melchisedech, die Mannalese, der Baum des Lebens, 
oben das Abendmahl, dies Alles freilich nur Mittelgut. 

In S. Gereon besitzt die Krypta einen trefflichen Altar, der 
um 1550 entstanden sein mag. Vier reich dekorirte Pfeiler, da- 
zwischen und daneben vier Heiligenstatuen, und in der Mitte ein 
Crucifixus ; darüber ein ziemlich kraus componirter Aufsatz, eben- 
falls mit feinen Ornamenten der Frührenaissance bedeckt. Das 
reich polychromirte Werk, dessen genauere Untersuchung die 
Dunkelheit des Ortes sehr erschwert, ist aus einem feinen Tuff- 
stein, der in der Eifel bricht, gearbeitet. Ein treffliches Schnitz- 
werk ungefähr derselben Epoche ist in der Oberkirche das schöne 
Orgel gehäuse durch feine lisenenartige Pilaster gegliedert und 
mit elegant gezeichnetem Laubwerk geschmückt, dabei massvoll 
vergoldet. (Die allerliebsten musicirenden Engel wohl ein späte- 
rer Zusatz.) Das Ganze gipfelt hoch oben in drei luftig durch- 
brochenen kuppelartigen Tabernakeln. Ein ungemein brillantes, 
reich mit figürlichen Darstellungen ausgestattetes Werk der 
Schlussepoche dagegen ist das Sakramentsgehäuse. Es trägt 
das Monogramm EH. 

Aus derselben Spätzeit besitzt Maria Lyskirchen eine 
prächtig barocke Orgel und am Hauptportal eine tüchtig ge- 
schnitzte Holzthür von 1614. 

Ein Hauptwerk vom Ausgang unserer Epoche ist aber die 
grossartige Jesuitenkirche, von 1621-1629 erbaut, in der Aus- 
stattung zum Theil noch später (1 639.) Trotz des späten Datums zeigt 
sie die so oft vorkommende Verschmelzung von Gothik und Renais- 
sance, aber in ganz andrem Sinn als die Kirche zu Wolfenbüttel. 
Hier in unmittelbarer Nähe des Meisterwerkes mittelalterlicher 
Construction versteht man die gothischen Formen noch recht 
gut und baut eine dreischiffige Kirche mit hohem Mittelschiff von 
ansehnlichen Dimensionen. Da man der Predigt wegen viel 
Raum bedarf, so giebt man den Seitenschiffen ein vollständiges 
Obergeschoss, unten und oben mit klar entwickelten Sterngewölben. 
Diese ruhen auf schlanken Rundpfeilern mit antikisirenden Kapi- 
talen, von welchen sich aber in halber Schafthöhe die unteren 
spitzbogigen Arkaden ohne alle Vermittlung abzweigen. Auch 
das Mittelschiff hat Netzgewölbe von einfach klarer Composition. 
Die Fenster sind durchweg spitzbogig mit Masswerken, die frei- 
lich nicht mehr sehr edel und organisch sich entfalten, aber doch 
immer noch gutes Verständniss im Sinne der Spätgothik bekunden. 
Dies Alles sowie der polygon geschlossene Chor und die ebenfalls 
polygonen Seitenchöre muthet noch völlig mittelalterlich an. 

Kugler, Gesch. d. Baukunst. V. 59 



930 HI- Buch. Renaissance in Deutschland. 

So hat auch die Fagade ein hohes Spitzbogenfenster, an den 
Seiten kleinere, sämmtlich mit den herkömmlichen Masswerken. 
Aber die Fenster sind in antikisirende Rahmen gefasst, die Strebe- 
pfeiler als mächtige dorische Pilaster entwickelt, die Portale 
vollends, namentlich das mittlere, in den üppigen Formen des 
Barocco durchgeführt. Endlich hat man die Fagade mit einem 
Thurmpaar eingeschlossen, dessen Lichtöffnungen denen der 
romanischen Thurmbauten nachgeahmt sind, nur dass die kleinen 
Theilungssäulen wieder dorische Kapitale zeigen. 

Im Innern darf die Ausstattung mit Schnitzarbeiten als ein 
hochbedeutsames Werk bezeichnet werden. Die Beichtstühle in 
den Seitenschiffen bilden, in Verbindung mit der zwischen ihnen 
fortgeführten Wandvertäfelung eine unvergleichlich wirkungsvolle, 
elegante Bekleidung. Die Formen natürlich schon stark barock, 
aber mit Feinheit gehandhabt, die Composition in ihrer Art ein 
Musterstück, die Ausführung ebenso gediegen wie prachtvoll. 

Der Kölner Profanbau dieser Epoche gipfelt in der herrlichen 
Halle, welche man 1569 dem mittelalterlichen Rathhaus vor- 
zubauen beschloss. Die älteren gothischen Theile des Gebäudes, 
im Innern besonders durch den Hansasaal mit seinen Malereien 
und Sculpturen, im Aeusseren durch den selbständig hinzugefügten 
stattlichen Thurm ausgezeichnet, sind im Uebrigen nicht von 
einem der hervorragenden Stellung der Stadt entsprechenden Werthe. 
Im Sinne der neuen prunkliebenden Zeit sollte nun eine jener 
malerischen „Lauben" hinzugefügt werden, durch welche man 
damals selbst den einfacheren älteren Rathhäusern erhöhten Glanz 
zu geben suchte. Von allen derartigen Rathhauslauben der Renais- 
sancezeit ist ohne Frage die Kölner die prachtvollste. Sie findet 
hauptsächlich Analogieen an den Rathhäusern zu Halberstadt, 
Lemgo, Herford, während man in Lübeck und Bremen weiter- 
gehend sich zu ganzen neuen Fagaden mit Bogenhallen entschloss. 
Diese Lauben bilden im Erdgeschoss stets eine offne Halle, welche 
in Köln vor ihrer den neueren Bedürfnissen entsprechenden jüngsten 
Umgestaltung zugleich als Stiegenhaus die in doppelten Läufen 
aufsteigende Treppe zum Rathssaal enthielt. Das obere Geschoss 
besteht abermals aus einer offnen Halle von vornehmen Verhält- 
nissen, gleich dem ganzen Bau stattlich angelegt und reich ge- 
schmückt (Fig. 251). In Composition, Gliederung und Ornamentik 
spricht sich ein classicistischer Sinn aus, aber keineswegs in 
trockner, schulmässiger Weise, sondern noch mit dem anziehen- 
den dekorativen Spiel, der liebenswürdigen Freiheit, welche 
sonst nur die Frührenaissance kennt. Dahin gehört auch der an der 
oberen Halle zur Verwendung gekommene Spitzbogen, der gleich- 




Fig. 251. Rathhaus zu Kola. 



Kap. XVII. Die nordwestlichen Binnenländer. 933 

wohl in antiker Form gegliedert und eingerahmt ist. Durch ihn 
ist eine gewisse Uebereiustimmung mit den grossen Spitzbogen- 
fenstern des anstossenden älteren Baues bewirkt worden. Die 
auf reich dekorirte Stylobate gestellten korinthischen Säulen beider 
Geschosse mit den stark vorspringenden verkröpften Gebälken und 
dem mächtigen Consolengesims, die prächtigen stark auskragenden 
Schlusssteine unter den vortretenden Theilen des Gebälks, die 
Medaillonköpfe in den unteren Friesen und Zwickeln, die Victorien 
in den oberen Bogenfeldern, endlich die abschliessende, an den 
vorspringenden Theilen geschlossene, an den untergeordneten 
Zwischenfeldern durchbrochene Balustrade, das Alles sind Elemente 
jener durchgebildeten Renaissance wie sie seit Sansovino's Biblio- 
thek als Ausdruck höchster Pracht sich eingebürgert hatte. Da- 
gegen gehört das steile Dach mit seinen Lucarnen und dem in 
der Mitte der Fagade vorgesetzten Dacherker, der in seiner Nische 
die Statue der Justitia trägt, zu den Elementen nordischer Kunst. 
Auch die Gewölbe der Halle, deren Rippen aufs Eleganteste mit 
Perlschnüren, deren Schlusssteine mit Rosetten und Masken de- 
corirt sind, zeigen noch gothische Construction. 

Die Anmuth, die leichte Schlanckheit der Verhältnisse in 
diesem schönen Bau wird durch die feinste ornamentale Aus- 
bildung bis ins Einzelne noch erhöht. Selbst die Unterseite der 
Archivolten, welche über den vortretenden Säulen ausgespannt sind, 
zeigt köstliche Füllungen graziös sculpirter Rosetten. Die Stylo- 
bate haben elegante Masken, die in ein Rahmenwerk von aufge- 
rollten und zertheilten Bändern eingelassen sind. Auch die Stei- 
gerung vom Einfacheren zum Reicheren ist fein beachtet: so 
haben die unteren Säulen uncannelirte Schäfte, die oberen weit schlan- 
keren gegürtete Schäfte, am unteren Theil ornamentirt, am oberen mit 
Canneluren versehen. Am Dacherker bilden endlich hermenartige 
Karyatiden die Einfassung, diese freilich nicht eben sehr organisch 
verwendet. Zu den zahlreichen Inschriften, welche den ganzen 
Bau verschwenderisch schmücken, kommen an den Brüstungen 
der oberen Halle noch figürliche Reliefs, die indess gleich dem 
übrigen plastischen Schmuck keinen hervorragenden Werth haben. 
Die elegante Wirkung ist nicht wenig durch das Material bedingt, 
welches im Erdgeschoss aus einem schönen schwärzlichen .mar- 
morartigen Stein von Namur, im oberen Stock aus einem leider 
stark verwitterten feinkörnigen gelben Sandstein besteht. Fassen 
wir Alles zusammen, so haben wir es mit einem der feinsten 
Werke der Renaissance in Deutschland zu thun. 

Als Urheber des Baues wird man jenen Meister zu betrachten 
haben, welcher laut Rathsprotokoll am 30. März 1569 beauftragt 



934 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

worden war, für das neue Portal „einen Patron anzufertigen," 
nachdem man am 23. Juli 1567 beschlossen hatte das alte bau- 
fällige Portal zu beseitigen und durch ein neues zu ersetzen. 1 ) 
Der untere Theil sollte von Namürer Stein gemacht werden, für 
das Uebrige bezog man die Steine von Notteln im Münsterlande 
und von Weibern; die Treppenstufen kamen von Andernach. 
Jener Meister, der dann auch die Ausführung des Baues erhielt, 
wird uns als Wilhelm Vernickel aus Köln bezeichnet. Weitere 
Nachrichten über diesen trefflichen Künstler scheinen zu fehlen. 
Im Jahre 1573 stellt der Kath unterm 4. Mai dem Meister das 
Zeugniss aus, dass er das Portal zur Zufriedenheit vollendet habe. 
Ursprünglich hatte die Halle eine flache Decke, die erst 1617 
durch ein Gewölbe ersetzt wurde. Dass Vernickel unter dem 
Einfluss der eleganten Renaissance des benachbarten Flanderns 
stand, erkennt man aus seinem Werke deutlich. Um so werth- 
voller, dass er gegen mehrere niederländische Künstler siegreich 
auftrat, die offenbar zu einer Concurrenz veranlasst worden waren. 
Wenigstens hatte ein Heinrich van Hasselt schon 1562 einen Plan 
eingereicht, der noch vorhanden ist. Im städtischen Archiv näm- 
lich bewahrt man mehrere alte Pläne, welche auf den Bau 
dieser Halle Bezug haben. Einige rühren von Niederländern her, 
beweisen also aufs Neue, (wie schon am Lettner der Capitolskirche), 
dass man hier bei hervorragenden Werken sich noch nicht un- 
bedingt auf einheimische Meister verlassen zu dürfen glaubte. 
Als Zeugniss der verschiedenen damals sich kreuzenden künstle- 
rischen Richtungen haben diese Blätter ein hervorragendes Interesse. 
Einige Bemerkungen über dieselben sind also wohl am Platze. 2 ) 
Der erste Plan, mit der Feder entworfen und in Farbe ge- 
setzt, ist bezeichnet: „Lambertus Sudermann alias Suavius fecit 
anno 1562." Diese Inschrift beweist beiläufig, dass Lambert Suter- 
mann mit L. Suavius (bei Vasari „Lamberto Suave da Liege") 
identisch ist. Der Entwurf zeigt einen etwas trocken klassischen 
Bau; unten geschlossene Wandflächen mit eingelegter Marmor- 
fassung. Dartiber in den Brüstungen Reliefs von weissem Marmor. 
Die obere offene Halle auf gekuppelten dorischen Säulen, deren 
Schäfte von Marmor, die Kapitale und Basen von Bronce. Als 
Abschluss eine Attica mit ionischen Pilastern, die aber durch 
Marmortafeln mit Emblemen und Ornamenten fast ganz verdeckt 
sind. Die Bogenfüllungen haben Reliefs, darüber noch liegende 



') Die histor. Notizen verdanke ich Herrn Dr. Ennen. — 2 ) Die zuvor- 
kommende Güte des Stadtarchivars Herrn Dr. Ennen verschaffte mir die 
eigene Anschauung dieser Blätter. 



Kap. XVII. Die nordwestlichen Binnenländer. 935 

Zwickelfiguren. In der Mitte baut sich eine Aedicula auf mit 
korinthischen Säulen und einem Giebel, den ein Adler krönt. Auf 
den Seiten sind Statuen aufgestellt, deren zwei sich komisch 
genug an die Aedicula lehnen. Das Figürliche, in dem allegorisch - 
sententiösen Geschmack der Zeit erfunden und mit reichlichen 
Inschriften erläutert, ist weder in Gedanken noch in der Zeichnung 
sonderlich geistreich. 

Der zweite Plan rührt inschriftlich ebenfalls von einem Nieder- 
länder jenem oben erwähnten Hinrick van Hasselt. Doppelhalle, 
unten wie oben mit flachgedrückten korbartigen Burgunderbögen 
sich öffnend. Unten Rustica mit facettirten Quadern, die Pfeiler 
mit vorgelegten dorischen Pilastern. Oben in der Mitte ein breiter 
Bogen auf ionischen Pfeilern, an beiden Seiten die Oeffnungen 
getheilt, durch Pfeiler mit schwarz gezeichneten Flächenornamen- 
ten. Die obere Ordnung bekleidet mit ionischen Pilastern, welche 
in wunderlich verzierte Hermen und Karyatiden auslaufen. Dann 
als Abschluss ein breiter Fries, attikenartig, in der Mitte als durch- 
brochene Balustrade behandelt, auf deren Eckpostamenten eine 
weibliche Figur und ein Krieger als Wappenhalter. Alle Friese 
dekorirt mit Blumenranken, dazwischen Affen, Vögel und andere 
Thiere. Die Schlusssteine der Bögen phantastische Köpfe, Masken 
u. dgl. Ueber den Seitenarkaden Schilder mit aufgerollten Barock- 
rahmen. Das Ganze eine reizlose Mischung heimischer und an- 
tiker Formen, von einem mittelmässigen Künstler nicht eben ge- 
schickt mit der Feder gezeichnet. 

Der dritte, nicht mit Namen versehene ist ein Palladianer der 
strengen Observanz. Grosse Zeichnung, mit Tusche lavirt, geo- 
metrischer Aufriss, aber mit perspektivischer Andeutung der Halle, 
unten nach dem Beispiel mancher palladianischer Bauten zu 
Vicenza eine dorische Säulenhalle ohne Stylobate, aber mit Tri- 
glyphenfries. Dahinter ein Tonnengewölbe mit Gurten auf dorischen 
Wandpfeilern. Oben eine streng ionische Säulenhalle mit weiten 
Intercolumnien, die durch ein Gebälk verbunden sind. Die Halle 
flach gedeckt, das Gebälk auf -ionischen Pilastern ruhend. Eine 
durchbrochene Balustrade bildet den Abschluss, in der Mitte durch 
ein kümmerlich erfundenes grosses Kreisfeld mit dem Wappen 
bekrönt, beiderseits von einer Sphinx gehalten. Der Eindruck 
des Ganzen am Meisten dem Palazzo Chieregati verwandt, doch 
nüchtern und von geringer Erfindungskraft. 

Der vierte Plan zeigt eine Variante von derselben Hand, 
die hier auf reichere Prachtentfaltung abzielt. Die untere Bogen- 
halle ist auf Pfeiler gestellt, vor welche korinthische Säulen auf 
Stylobaten treten. Die obere Halle hat Compositasäulen, am 



936 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Mittelbau zu dreien gruppirt. Die Bogenzwickel haben hier Vic- 
torien, im Uebrigen mancherlei Ornament. Den Abschluss bildet 
eine Balustrade, in der Mitte mit hübscher Akanthusranke ge- 
füllt; darüber derselbe runde Aufsatz, wie am vorigen Projekt. 

Der fünfte Entwurf, in zwei Varianten vorhanden, ist der 
zur Ausführung angenommene. Die eine zeigt genau die An- 
ordnung des wirklich errichteten Baues, die andere wahrscheinlich 
zuerst vorgelegte mit 1571 bezeichnet 1 ) bietet mehrere interessante 
Abweichungen. Erstlich hat der Entwurf drei Dacherker, die 
seitlichen rund, der mittlere mit Giebel geschlossen. Bei der 
endgültigen Kedaction hat man die seitlichen Aufsätze fortgelassen, 
die Balustraden und ebenso das Consolengesims kräftiger ausge- 
bildet, die oberen Säulen gegürtet und den oberen Schafttheil 
kannelirt, die Bögen oben und unten abwechselnd mit eleganten 
Schlusssteinen ausgestattet, während der erste Entwurf dieselben 
unten gar nicht, oben dagegen überall zeigt. Auch die Anordnung 
der Karyatiden am Dachgiebel ist abweichend, und jener ursprüng- 
lich organischer. 

Im Ganzen wird man zugestehen müssen, dass die Kölner 
Stadtbehörde in der Auswahl richtiges Yerständniss und glück- 
lichen Griff bekundet hat, was von modernen städtischen Collegien 
in ähnlichen Fällen nicht immer behauptet werden kann. 

Die übrigen Theile des Rathhauses, soweit sie unsrer Betrach- 
tung anheimfallen, sind nicht von gleicher Bedeutung. Doch be- 
wahrt der grosse Saal herrliche Holzarbeiten mit schöner Intarsia, 
1603 von Melchior Reidt hergestellt. Besonders die Thür ist ein 
Prachtstück von Zeichnung und Ausführung, selbst die tiefe 
Laibung der Nische ganz mit köstlich eingelegter Arbeit ge- 
schmückt. Auch die Decke zeigt treffliche Gliederung in Stuck, 
mit eingesetzten Kaisermedaillons, zum Theil vergoldet und be- 
malt. Ebenso ist die Thür des Conferenzzimmers, aus dem Zeug- 
hause hierher versetzt, eins der elegantesten Werke der Intarsia, 
aus derselben Zeit herrührend, die Ornamente im Blech- und 
Schweifstil des beginnenden Barocco ausgeführt. 

Dieser Schlussepoche gehört nun auch der sogenannte ,. Spa- 
nische Bau." Er liegt dem Hauptbau des Rathhauses mit der 
nach Westen schauenden Halle gegenüber und schliesst mit ihm 
den kleinen Platz ein, welcher sich als Mittelpunkt der ganzen 
Anlage darstellt und auf der nördlichen wie südlichen Seite 
durch kräftige Barockportale mit den benachbarten Strassen in 



*) Dies späte Datum ist, da damals der Bau schon in voller Ausfüh- 
rung war, auffallend. 



Kap. XVII. Die nordwestlichen Binnenländer. 937 

Verbindung steht. Diese Portale sammt dem Spanischen Bau 
gehören derselben Epoche, etwa um 1600, an. Die niederländische 
Spätrenaissance mit ihren Backsteinmassen und den hohen in 
Sandstein ausgeführten Fenstern herrscht hier. Das Erdgeschoss 
aber ist in kraftvoller Kustica aus Quadern mit horizontalen 
Bändern errichtet. In der Mitte öffnet sich die Facade mit fünf 
offenen Bögen, die in eine Halle mit gothischen Kreuzgewölben 
führen. Ein Portal an der Seite zeigt ein prächtiges Gitter von 
Schmiedeisen; auch die kraftvollen Eisengitter der Fenster an 
der Südseite des Baues sind beachtenswerth. Die Mitte der 
Fagade krönt ein hoher und breiter Barockgiebel mit Schweifen 
und Voluten. Alles das ist derb, einfach, kraftvoll. 

Im Innern enthält dieser Bau im Erdgeschoss ein Zimmer 
mit elegant geschnitztem Wandgetäfel, durch kannelirte ionische 
Pilaster gegliedert, und mit reich dekorirten Friesen abgeschlossen. 
Die Decken sind überall durch gothische Kreuzgewölbe mit 
schönen Schlusssteinen gebildet. Eine Wendeltreppe führt ins 
obere Geschoss, wo ein Saal mit einer eleganten Stuckdecke von 
1644 geschmückt ist. An der westlichen Rückseite des ausge- 
dehnten Baues führt ein besondrer Eingang zu einer der pracht- 
vollsten, ganz in Holz geschnitzten Wendeltreppen; vielleicht die 
eleganteste von allen noch vorhandenen! 

Von städtischen Monumenten ist ausserdem nur etwa noch 
das Zeughaus zu nennen, ein schlichter Backsteinbau derselben 
Epoche, durch zwei einfache Staffelgiebel und ein reiches schon 
stark barockes Portal in Sandstein bemerkenswerth. An der 
Seitenfacade ein achteckiger Treppenthurm, oben mit hübschem 
Wappen decorirt. 

Die Wohnhäuser unsrer Epoche stehen in Köln durchaus 
nicht im Verhältniss zur Bedeutung des Bürgerthums der mäch- 
tigen Stadt. Das Wenige von früherem Datum ist ohne Schmuck 
und künstlerische Eigenthümlichkeit ; die spärlichen reicheren 
Bauten gehören schon dem Barocco an. Zuerst behalten die 
hohen Giebelfagaden mit ihren von Fenstern ganz durchbrochenen 
Geschossen noch den Charakter des Mittelalters, namentlich die 
Fenster mit den steinernen Kreuzpfosten und die schlichten 
Staffelgiebel, deren Absätze höchstens durch leichte Voluten- oder 
Bogenabschlüsse bekrönt werden. So das hohe Eckhaus am 
Heumarkt und dem Seidmachergässchen. Ein stattlicher Giebel 
mit kräftig ausgebildeten Voluten Heumarkt No. 24. Reich ge- 
schnitzt der Balken zum Aufwinden der Lasten in der oberen 
Dachluke. Solche hübsch decorirte Balken finden sich noch an 
manchen Häusern. Ausnahmsweise mit hübsch ornamentirten 



938 III- Buch. Renaissance in Deutschland. 

Friesen das Haus No. 20 ebendort. Eine zierliche kleine Facade 
an demselben Platz No. 11 hat ein classicistisches Gepräge be- 
sonders durch die Bogenfenster. Am Alten Markt 20 und 22 
sodann das einfach behandelte Haus zur goldenen Bretzel mit 
Doppelgiebel, die Voluten mit runden Scheiben geschmückt; 
datirt 1580. Ein schlichtes Giebelhaus mit Voluten ohne feinere 
Entwicklung Grosse Witschgasse No. 36 vom J. 1590. Auch 
hier ein prächtig geschnitzter Balken in der Dachluke. An einer 
sonst werthlosen Facade ebenda No. 58 ein hübsch behandeltes 
figürliches Relief, von zwei Putten gehalten. Eine der pracht- 
vollsten Wendeltreppen findet sich in dem Hause No. 25 am 
Minoritenplatz, in edlem Stil mit reichen Ornamenten und ele- 
ganten Gliederungen durchgeführt. Diese holzgeschnitzten Trep- 
pen, die nicht bloss an den Geländern und Brüstungen, sondern 
oft auch an den Unterseiten der Stufen dekorirt sind, bilden eine 
besondere Eigenthümlichkeit der Kölner Bürgerhäuser. 

Schliesslich sind noch einige späte aber um so prächtigere 
Nachzügler zu erwähnen. Eine stattliche Fagade am Filzengraben 
No. 24, mit zwei besonders hohen Stockwerken über dem Erd- 
geschoss; die Fenster mit steinernen Kreuzpfosten, aber im 
Halbkreis geschlossen; der Giebel mit reich verschlungenen und 
durchbrochenen Schweifbögen, auf den unteren Ecken zwei Bewaff- 
nete mit Lanzen. Die Hofseite des ansehnlichen Baues ist durch 
drei hohe Volutengiebel ausgezeichnet. Noch viel später, schon 
aus voller Barockzeit, das Haus zur Glocke, am Hof No. 14 
gelegen. Die Facade mit ihrem einfachen Staffelgiebel mag 
früherer Epoche angehören ; aber das mit derben Fruchtschnüren, 
Masken u. dgl. geschmückte Portal und die innere Ausstattung 
lassen den späten Barockstil erkennen. Der breite und hohe 
Flur mit seinen stuckirten Balken ist ein schönes Beispiel der 
alten Kölner Hauseinrichtung. Nach der Rückseite schliesst sich 
ein grosser, hoher, reichlich erleuchteter Saal an, dessen Decke 
ungemein reiche Stuckdecoration zeigt, in der Mitte ein kraftvolles 
Relief des Mutius Scaevola, der die Hand über das Feuerbecken 
ausstreckt, datirt 1693. Eine gut geschnitzte Wendeltreppe führt 
zum oberen Geschoss, wo ein ähnlicher Saal, nur minder üppig 
geschmückt, sich findet. 

Die reichste Facade dieser Spätzeit, bezeichnet 1696, hat 
das Haus an der Sandbahn No. 8. Das grosse Hauptportal 
mit zwei kleineren zum Keller führenden Pforten verbunden, ist 
eine wahrhaft originelle, acht künstlerische Conception in aus- 
gebildetem Barockstil. Kannelirte korinthische Pilaster fassen 
den Thorbogen ein, und ein ovales Fenster, über dem Portal 



Kap. XVII. Die nordwestlichen Binnenländer. 939 

von Putten gehalten, schliesst die Composition sinnreich ab. Auch 
die Hausthür ist durch treffliches Schnitzwerk in üppigen Formen 
ausgezeichnet. Denselben Charakter hat im Hausflur die Wendel- 
treppe, die an jeder Stufe mit Ornamenten bedeckt und am 
Aufgangspfeiler mit einer kräftigen Figur des Atlas belebt ist. 

Gewiss hat Vieles von solchen Werken innerer Ausstattung 
im Lauf der Zeiten seinen Untergang gefunden. Um so. werth- 
voller sind die wenigen erhaltenen Beispiele, denen sich vielleicht 
noch andere, die mir entgangen sein mögen, anschliessen. — 

In der Umgegend von Köln besitzt Brauweiler in seiner 
Abteikirche zwei Seitenaltäre, der eine minder interessante vom 
J. 1562; der andere von 1552 1 ) ein werthvolles Werk, ungefähr 
im Charakter jenes in der Krypta von S. Gereon, ebenfalls in 
Tuffstein ausgeführt und ursprünglich reich bemalt. Der Aufbau 
über der Mensa beginnt mit einer Predella, welche in Nischen 
die Brustbilder von vier Heiligen zeigt. Darüber erheben sich 
vier reich dekorirte korinthische Pilaster, welche in der Mitte 
eine grosse Nische mit der gegen 4 Fuss hohen Gestalt des 
Antonius Eremita, an den Seiten je zwei kleinere Nischen über 
einander mit halb so grossen Figuren weiblicher Heiligen ein- 
schliessen. Ueber dem Gesims ist die Dedicationstafel als reich 
eingefasster Aufsatz angebracht; die obere Krönung des Ganzen 
bildet ein Kruzifixus. Alle Gliederungen sind mit eleganten Laub- 
Ornamenten im zierlichen Stil der Frührenaissance bedeckt. In 
den oberen Theilen spielt eine Reminiscenz gothischer mit Krabben 
besetzter Bögen hinein. Die Ausführung scheint durchweg von 
grosser Feinheit. Die Pilaster haben zart gezeichnetes Laubwerk, 
Gold auf blauem Grunde. Die korinthischen Kapitale sind ganz 
vergoldet; ebenso die Seitenverzierungen des Aufsatzes. Die 
Figuren in den Nischen haben durchweg Bemalung und Vergol- 
dung; die Nischen sind auf blauem Grund mit silbernen Orna- 
menten bedeckt. 

Rheinaufwärts ist zunächst in Andernach der Leyische 
Hof als ein Steinbau der Spätrenaissance mit prächtigem Barock- 
portal bemerkenswerth. In C ob lenz sind mehrere Erker, so die 
an der Ecke der Kreuzstrasse, zu nennen. Wichtiger ist aber 
die Jesuitenkirche, ein stattlicher Bau der Spätzeit, etwas früher 
als die Kölner, von 1609 — 1617 aufgeführt, und wieder in anderer 
Weise Mittelalter und Antike mischend. Die drei Schiffe werden 
dureh dorische Säulen mit Rundbogen-Arkaden getheilt; auch die 



Nach Notizen des Herrn F. Frantzen und einer trefflichen Aufnahme 
des Herrn Architekten C. Lemmes in Köln. 



940 III- Buch. Renaissance in Deutschland. 

Emporen über den Seitenschiffen öffnen sich in ähnlicher Bogenform 
gegen das Mittelschiff. Dagegen zeigen sämmtliche Räume spät- 
gothische Netzgewölbe; ebenso sind die Fenster spitzbogig mit Fisch- 
blasen-Masswerk ; auch eine stattliche Rose an der Facade ist noch 
in guter spätgothischer Weise gegliedert. Doch spielen bei der 
Behandlung der Details Eierstab und Perlschnur eine grosse Rolle. 
Die Facade erhält nicht blos durch das Rosenfenster, sondern 
auch durch ein lustig dekorirtes Portal mit vier einfassenden 
Säulen und nischenartigem Aufsatz in spielend reichen Früh- 
barockformen lebendige Wirkung. Auch das anstossende Jesuiten- 
collegium zeigt eine tüchtige Behandlung im beginnenden Barocco, 
der südliche Flügel 1588, der westliche 1592, der nördliche ein 
Jahrhundert später erbaut. 

Von den Grabdenkmälern in der Karmeliterkirche zu Bop- 
pard, welche bereits S. 83 kurze Erwähnung fanden, theile ich 
in Fig. 252 das prächtige Wandgrab des Johann von Eltz und 
seiner Gemahlin vom J. 1548 mit. 1 ) Originell ist der Aufbau des 
aus drei Flachnischen bestehenden Monumentes; reizvoll die feine 
Dekoration der Pilaster, der Bogenfüllungen und der wie aus Gold- 
schmiedewerk gearbeiteten Umsäumungen der Nischen. Im mitt- 
leren Felde sieht man die Taufe Christi dargestellt, zu beiden 
Seiten die knieenden Gestalten der Verstorbenen, bei denen selbst 
die Kostüme aufs zierlichste durchgebildet sind. Es ist eine 
Schöpfung von hohem decorativen Reiz. 

Andere elegante Epitaphien sieht man in der Kirche zu 
Meisenheim; doch haben dieselben bei Gelegenheit der fran- 
zösischen Invasionen stark gelitten. 

Besser ist es den anmuthigen Grabmälern in der Pfarrkirche 
zu Simmern ergangen. Eine Seitenkapelle bildet dort ein 
Mausoleum des ehemaligen Pfalzgräflichen Hauses. Zu den zier- 
lichsten Denkmälern der Frührenaissance gehört das Epitaph der 
Pfalzgräfin Johanna, gebornen Gräfin von Nassau und Saarbrück, 
von welchem ich einen der eleganten Pilaster unter Fig. 253 mittheile. 
Das Denkmal wurde wohl bald nach dem Tode der Dame (f 1513) 
durch ihren Sohn Johann II errichtet. Die Figur selbst nicht 
von hervorragendem Werthe. Eine tüchtige decorative Arbeit 
ist sodann das Doppelmonument des eben genannten Pfalzgrafen 
Johann II (f 1557) und seiner ersten Gemahlin Beatrix von Baden, 
wahrscheinlich bald nach ihrem 1535 erfolgten Tode ausgeführt. 
Für seine zweite Gemahlin Marie von Oettin°ren hat der Pfalz<rraf 



') Die Abb. nach einer Zeichnung meines Freundes, des Archit. W. Bogler 
zu Wiesbaden. 



Kap. XVII. Die nordwestlichen Binnenländer. 



943 



dann 1555 ein selbständiges kleineres Denkmal errichten lassen, 
das wiederum die Reliefgestalt der Verstorbenen in einer über- 
aus eleganten Renaissance - 
Nische enthält. Johann II 
zeigt sich in diesen Denk- 
mälern als einer der kunst- 
liebenden Fürsten seiner 
Zeit, wie er auch zu den 
gelehrtesten gehörte. In 
seinem Schlosse, das später 
1689 durch die Mordbrenner- 
banden Ludwigs XIV ein- 
geäschert wurde, errichtete 
er eine Druckerei, aus wel- 
cher unter Leitung seines 
Secretärs Hieronymus Rod- 
ler eine Reihe künstlerisch 
ausgestatteter Werke her- 
vorging (vgl. über s. Kunst 
des Messens S. 138). Rodlers 
Grabmal (f 1539) befindet 
sich ebenfalls in der Kirche 
zu Simmern, und ebendort 
ein überaus elegantes Epi- 
thaph des Johann Stephan 
Rodler (f 1574), wahrschein- 
lich seines Sohnes. Noch 
ein fein behandeltes Denk- 
mal von 1554 an einem Pfei- 
ler derselben Kirche verdient 
wegen seiner edlen Einfach- 
heit Erwähnung. Von dem 
zierlichen Charakter der 
dortigen Arbeiten geben wir 
ein weiteres Zeugniss in 
unsrer Fig. 254, welche das 
bloss durch Wappen und 
Inschrifttafel geschmückte 
Epitaph der Pfalzgräfin Alberta vom J. 1553 darstellt. Dies 
Werk bewegt sich noch ausschliesslich in den Formen einer an- 
muthigen Frührenaissance, ohne dass irgendwie barocke Elemente 
sich einmischten. Das imposanteste aller dieser Denkmäler ist 
das Doppelmonument, welches Richard, der letzte Pfalzgraf von 




fcUti 



Fig. 253. Simmern. Vom Grabmal der Pfalzgräfin 
Johanna. (Raschdorff.) 



944 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Simmern, sich und seiner Gemahlin Juliane von Wied bald nach 
deren Tode (f 1575) errichten Hess. Es enthält die beiden 
lebensgrossen Statuen des fürstlichen Ehepaares in einer prächtig 
mit vortretenden Säulen und biblischen Reliefs decorirten nischen- 
artigen Halle und trägt die üppigen, schon vielfach barock umge- 
bildeten Formen der Spätrenaissance. Als Verfertiger darf man 
vielleicht den Meister Johann von Trarbach ansehen, der als Schult- 
heiss und Bildhauer zu Simmern lebte, das oben S. 84 erwähnte 
prächtige Epitaph des Grafen Michael in der Kirche zu Wert- 
heim schuf und 1568 laut noch vorhandenem Contrakt das ähnlich 
behandelte Grabmal des Grafen Ludwig Casimir von Hohenlohe 
für die Kirche von Oehringen arbeitete. 1 ) — 

Nur dürftig ist es um die Renaissance in dem durch seine 
gewaltigen Römerwerke wie durch die grossartigen Denkmale des 
Mittelalters hervorragenden Trier bestellt. Die Stadt selbst trägt 
weder in öffentlichen noch in bürgerlichen Privatbauten irgend- 
wie ein bemerkenswerthes Ergreifen des neuen Stiles zur Schau. 
Am meisten kommt derselbe auch hier, dem geistlichen Charakter 
des Bischofsitzes entsprechend, in einigen kirchlichen Werken zur 
Erscheinung. 

In der Liebfrauenkirche sind in den dem Eingang benachbar- 
ten beiden Polygonen die Balustraden an der hochliegenden 
Wandgalerie im elegantesten Stil der Frührenaissance durchgeführt. 
Die trennenden Pilaster haben ein köstliches Laubornament in 
zart behandeltem Relief. 

An der Nordseite von S. Matthias sind einige Reste stark 
zerstörter Epitaphien durch die Feinheit ihrer Arbeit bemerkens- 
werth . 

Das Bedeutendste besitzt der Dom in zwei bischöflichen 
Grabmonumenten, welche ohne Frage zu den herrlichsten derartigen 
Werken unsrer Renaissance gehören. Beides sind Wandgräber 
von stattlicher, ja grossartiger Anordnung und überaus reicher De- 
coration. Das frühere hat Erzbischof Richard von Greifenklau 
(f 1531) sich noch bei Lebzeiten 1525 errichten lassen. Zwei lang- 
gestreckte Pilaster umrahmen eine Nische, in welcher eine Relief- 
darstellung des Gekreuzigten, von der b. Helena und Magdalena 
sowie der herrlich ausdrucksvollen eines Holbein würdigen Gestalt 
des Verstorbenen verehrt, welcher von S. Petrus empfohlen wird. Vor 
die Pfeiler sind in etwas lockerer Composition unten und oben 
kleinere Pilaster mit Heiligenfiguren gestellt. Ueber dem elegant 
decorirten Gesims bildet das prachtvoll ausgeführte Wappen des 



') Becker im Kunstbl. 1838. No. 89: vergl. 1833 No. 29. 




Kugler, Gesch. d. Baukunst. V 



Kap. XVII. Die nordwestlichen Binnenländer. 947 

Erzbischofs, von zwei Greifen gehalten, den Abschluss. Alle 
Flächen sind mit köstlichen miniaturartig gearbeiteten Ornamen- 
ten der feinsten Frtihrenaissance bedekt. Besonders reizvoll der 
untere Fries mit Rankenwerk und Figürlichem von geistreicher 
Erfindung und Lebendigkeit. Das zweite Monument ist dem 1540 
gestorbenen Erzbischof Johann von Metzenhausen gewidmet. In 
der grossen Mittelnische die lebensvolle, meisterlich behandelte 
Gestalt des Verstorbenen; in den kleineren Seitennischen Petrus und 
Paulus. In der oberen Krönung Delphine, welche in Ranken aus- 
laufen, auf denen übermüthig spielende Putten reiten. Auf den 
Ecken zwei ritterliche Heilige, ganz oben Christus am Kreuz mit 
Maria und Johannes. Auch hier das architektonische Gerüst aufs 
Ueppigste mit Ornamenten bekleidet, die ein etwas derberes Relief, 
nicht die volle minutiöse Feinheit des oben erwähnten Monuments 
zeigen. Die Nischen sind in ähnlicher Weise goldschmiedartig 
gesäumt, wie jenes Denkmal in Boppard; aber das Figürliche ist 
hier dem dortigen weit überlegen. Wiederum später, dabei eins 
der prächtigsten und reichsten Werke seiner Art, ist die Kanzel, 
an welcher die überschwängliche Decorationslust des reif ausge- 
bildeten, schon zum Barocken neigenden Stils zur Entfaltung 
kommt. 

Der Erzbischöfliche Palast, der sich an die gewaltige antike 
Basilica lehnt, zeigt derbe Barockportale und im zweiten Hofe eine 
einfach, aber stattlich angelegte Wendeltreppe auf dreifacher 
Säulenstellung. Das Ganze nicht hervorragend. Ebenso wenig 
können die Bürgerhäuser am Markt mit ihren Barockgiebeln 
Anspruch auf Bedeutung machen. — 

In Zell an der Mosel sieht man ein kleines malerisches Jagd- 
schlösschen, 1542 von Ludwig von Hagen, Erzbischof von Trier, er- 
baut, das durch seine runden Erkerthürme und ein naives Gemisch 
von gothischen und Renaissanceformen anziehend wirkt. Auch im 
Innern zeigen die Wölbungen noch ein Zurückgreifen zu mittelalter- 
lichen Elementen. Zu Bittburg ist der Kobenhof ein zierlicher 
Bau späterer Renaissance von 1576, doch nur theilweis erhalten. 
Sobernheim besitzt ein stattliches schlossartiges Gebäude des 
ausgebildeten Stiles, durch kräftig facettirte Quader und malerischen 
Erkerthurm bemerkenswerth. 

Manches Andre mag noch in den Gegenden der Mosel und 
des benachbarten Rheingebietes einer genauen Lokaluntersuchung 
harren. Werthvolle Notizen in den fleissigen Aufzeichnungen von 
Kugler's Rheinreise 1 ), auf die ich hier nur hinweisen will. Im 



') F. Kugler, Kleine Schriften II. 



948 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

Ganzen sind aber auch in der Trierer Diöcese, ähnlich wie im 
Kölnischen Sprengel, die kirchlichen Werke, die Grabmäler, Kan- 
zeln u. dgl., welche mehr der Plastik und decorativen Kunst als 
der eigentlichen Architektur angehören, weitaus das Werthvollste, 
während der Profanbau, namentlich in bürgerlichen Kreisen nur 
karge Pflege erfährt. 

Anziehender und bedeutender ist der Holzbau dieser Gegen- 
den, dem wir eine zusammenfassende Betrachtung widmen müssen, 
um so mehr als derselbe sich von der niedersächsischen Gruppe 
wesentlich unterscheidet. Während dort nämlich die einzelnen 
Stockwerke so weit wie möglich übereinander vorgekragt werden 
und dadurch jenes reiche plastische Leben, jene energische Glie- 
derung erhalten, von welcher unsre Figg. 53, 235, 237, 238, 239, 
243, 249 mannigfache Anschauung gewähren, sind die rheinischen 
Holzbauten bei möglichst geringem Vorsprung der Stockwerke 
minder kräftig entwickelt, minder plastisch durchgebildet und 
suchen, was ihnen darin an Lebendigkeit abgeht, durch eine mehr 
malerische Ornamentirung der Flächen zu ersetzen. Es ist an 
Stelle jenes kraftvollen Lebens der niedersächsischen Bauten ein 
feinerer malerischer Reiz ihnen eigen. In schlichter fast kunst- 
loser Weise tritt uns dieser Stil an dem unter Fig. 51 auf S. 191 
mitgetheilten Giebelhaus zu Eppingen entgegen. Dort sind alle 
Elemente der Construction ohne dekorative Verhüllung und fast 
ohne ornamentale Ausbildung einfach zum Ausdruck gebracht. 
Etwas zierlicher und reicher stellt sich in Fig. 52 das kleine 
Haus aus Gross -Heubach dar; doch zeigt es bereits künstlerisch 
ausgebildete Eckpfosten und hübsche Muster in den Riegeln der 
Fensterbrüstungen. In noch zierlicherer Weise ist dieselbe Art 
der Dekoration an dem unter Fig. 82 abgebildeten Haus aus 
Schwäbisch -Hall durchgeführt. Man sieht zugleich aus unsern 
Beispielen, dass diese Behandlung des Holzbaues sich nicht blos 
über den Oberrhein, sondern auch über die angrenzenden Gebiete 
Schwabens und Frankens erstreckt. 

Ueberall beruht hier die Composition auf dem Princip, die 
construktiven Elemente möglichst unverhüllt darzulegen und zum 
Ausgangspunkt für die Dekoration zu machen. Daher werden 
die Pfosten besonders kräftig betont und nicht blos durch ge- 
schnitztes Flachornament belebt, wie es unsre Fig. 255 rechts 
zeigt, 1 ) sondern namentlich die Eckpfosten werden kräftiger in 



! ) Diese und die folgenden Abbildungen hat mir die zuvorkommende 
Güte des Herrn Baurath Raschdorff in Köln aus seinen trefflichen Reise- 
skizzen zur Verfügung gestellt. 



Kap. XVII. Die nordwestlichen Binnenländer. 



949 



Säulenform ausgebildet, wobei Canneluren, Gürtungen, Blattwerk 
und anderes Ornament im Sinne der Renaissance zur Verwendung 
kommt, wie dieselbe Figur an zwei Beispielen weis't. Während 
diese Glieder die Verticale betonen, wird die Horizontale durch 









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Fig. 255. Boppard. Pfosten von Holzhäusern. 



das massige Vortreten der Schwellbalken nur bescheiden ange- 
deutet, so dass einige ausgekehlte und abgefaste Glieder, bis- 
weilen wohl als gewundenes Tau charakterisirt, genügen. Nament- 
lich aber fallen die vortretenden Balkenköpfe des niedersächsischen 
Holzbaues völlig fort. 

Im Uebrigen wird die Dekoration der Facaden dadurch be- 
wirkt, dass die Riegel in mannigfachen Formen ausgebildet werden 



950 



III. Buch. Renaissance in Deutschland. 



indem man sie in verschiedenen Biegungen schweift und aus- 
schneidet Diese dem Holzstil durchaus entsprechende Technik 
bringt dann häufig Combinationen hervor, welche an die Gothik 
erinnern. Besonders reich werden durch derartige Ornamente 
die Fensterbrüstungen geschmückt (Fig. 256). Die Fenster selbst 
sind nach der Sitte des Mittelalters in Gruppen angeordnet und 
mit einem Rahmenwerk eingefasst, welches wie dieselbe Figur 
zeigt bisweilen auf hübschen Consolen kräftig vorspringt. Die 




Fig. 256. Boppard. Fensterbrüstungen. 



Pfosten und Rahmen werden abgefast und mit dekorirten Rund- 
stäben gegliedert, auch sonst durch elegantes Ornament von ver- 
schlungenen Bändern, Schuppen, Blättern u. dgl. reich geschmückt. 
Eine selbständige Verdachung, auf einem Zahnschnittgesims ruhend, 
schliesst nach oben solche Fenstergruppe ab. So zeigt es in Fig. 257 
ein hübsches Giebelhaus vom J. 1606 zu Traben an der Mosel. 
Es ist aber stets eine feine Anmuth, welche der Dekoration 
ihr festes Maass anweist. Mit Vorliebe fügt man diesen Fagaden 
kräftig vorspringende Erker hinzu, sei es dass dieselben auf den 
Ecken polygon ausgekragt sind, wie ein besonders originelles 
Beispiel an einem Hause von 1572 in Rhense vorkommt, oder 
dass die Mitte der Fagade durch solchen Vorbau ausgezeichnet 
wird wie an dem unter Fig. 258 mitgetheilten Hause zu Ober- 
lahnstein vom J. 1663. Der Einfluss der Renaissance spricht 



Kap. XVII. Die nordwestlichen Binnenländer. 



951 



sich bei diesen Gebäuden hauptsächlich durch die Gliederung 
der Schwellen, Pfosten und Rahmen, sowie durch die Ausbildung 
der Gesimse aus. Denn hierbei kommen die antiken Gliede- 
rungen, die Carniese und andere wellenförmige Glieder, die Zahn- 




Fig. 257. Traben. Von einen Holzhaus. 



schnitte, Perlschnüre, Flechtbänder, Consolen u. dergl. zu viel- 
facher Verwendung. 

Ohne hier auf Einzelnes zu weit einzugehen, mögen ausser 
den Holzbauten in Rhense und Oberlahnstein diejenigen in 
Boppard und Bacharach, sowie an der Mosel in Traben und 
Bremmen besonders genannt werden. Es bedarf kaum der Be- 
merkung, dass manches künstlerisch Werthvolle dieser Art sich 
auch sonst vielfach in andern Orten dieses Gebietes findet. 



952 HI- Buch. Renaissance in Deutschland. 



Nachtrag und Nachwort. 

Wenn ich hiermit meinen Bericht über die Werke der 
deutschen Renaissance beschliesse, so weiss ich sehr wohl, dass 
mein Buch nicht den Anspruch machen kann das Thema er- 
schöpfend behandelt zu haben. Was ein Einzelner bei dem 
jetzigen Stande der Forschung zu bieten vermochte, glaube ich 
erreicht zu haben. Man wird finden, dass ich eine vor Aller 
Augen liegende und doch bis jetzt niemals in's Auge gefasste Er- 
scheinung der Kunstgeschichte an's Licht gebracht und unter 
wissenschaftlichem Gesichtspunkte dargestellt habe. Anderes, das 
alle Welt zu kennen glaubte, habe ich hier zum ersten Mal nach 
seinem inneren Werden dargelegt. So namentlich die verschiedenen 
Entwicklungsstadien unseres Holzbaues in seinen einzelnen Schu- 
len. Es wird nun Aufgabe der Lokalforschung sein auf Grund- 
lage der hier gebotenen wissenschaftlichen Darstellung überall 
das Material weiter zu ermitteln, damit wir allmählich zu einer 
Statistik der deutschen Renaissance gelangen. Einzelne Nachträge 
vermag ich schon hier beizubringen. 

Das auf S. 233 besprochene jetzige Regierungsgebäude in 
Luzern hat seitdem in Ortwein's Renaissance durch E. Berlepsch 
in der 13. Lief, des Werkes eine genauere Aufnahme und Dar- 
stellung gefunden. Ich 'entnehme daraus, dass der Bau für den 
Schultheissen Lucas Ritter seit 1557 durch einen Meister Giovanni 
Lynzo aus Pergine bei Trient begonnen und seit 1561 durch einen 
andern wälschen Meister Peter weitergeführt, dann aber erst nach 
abermaliger Unterbrechung später vollendet worden ist. 

Ueber die Bauten im Elsass liegen mir einige nachträgliche 
Notizen von Professor Woltmann vor. Das schöne Land, welches 
damals in erster Linie an dem Geistesleben der Zeit theilnahm, 
bewährt diese Regsamkeit auch durch die frühe Einbürgerung 
der Renaissance. In Ensisheim, das als Sitz der östereichischen 
Herrschaft von Bedeutung war, ist das Rathbaus ein ansehnlicher 
und malerischer Bau von 1535. Mit zwei rechtwinklig zusammen- 
stossenden Flügeln schliesst es die eine Ecke des Marktplatzes 
ein, in dem einspringenden Winkel mit einem stattlich angelegten 
polygonen Treppenhause. Der längere der beiden Flügel ist im 
Erdgeschoss als offene zweischiffige Halle auf kräftigen Pfeilern 
angelegt, die sich mit einfach behandelten Spitzbögen und einem 
einzelnen nach der Hauptstrasse gehenden Rundbogen öffnet. 
Die Halle ist mit gothischen Netzgewölben überdeckt Ueber ihr 
befindet sich im oberen Geschoss der grosse Saal. Die Gliederung 




Fig. 258. Haus in Oberlahiutein. 



Nachtrag und Nachwort. 955 

der Fagaden geschieht durch einfache Pilaster, die im oberen 
Stock kannelirt sind und zwischen ihnen durch schlanke Cande- 
labersäulen, welche über dem Scheitel der Arkadenbögen ange- 
ordnet sind. Dreifach gruppirte Fenster in gothischer Profilirung, 
das mittlere stets etwas höher hinaufgeführt, durchbrechen die 
einzelnen Wandfelder. Es ist die am Oberrhein übliche Anordnung, 
die wir auch in Mühlhausen und Basel fanden. An der Häuptfront 
gegen die Strasse springt eine zierliche Altane in gothischen 
Formen vor. Der Bau zeigt also durchweg noch die Vermischung 
mittelalterlicher und moderner Elemente. Dem Rathhaus gegen- 
über liegt der Gasthof zur Krone, ein elegant durchgeführter 
Giebelbau der Spätzeit, datirt 1610. Er ist oben auf S. 182 irr- 
thümlich als Privathaus aus Colmar abgebildet, und auf Seite 258 
mit unrichtiger Angabe der Jahrzahl besprochen. 

Ein interessantes Haus sieht man zu Schietstadt in der 
Strassburgerstrasse No. 18, laut Zeugniss der lateinischen Inschrift 
am Erker 1545 durch den damaligen Stadtbaumeister Stephan 
Ziegler erbaut, oder vielmehr „in meliorem faciem restitutum". 
Auch hier tritt noch einiges gothische Detail auf, aber überwiegend 
sind doch die Formen der Renaissance. Von der Begeisterung 
für das classische Alterthum, die grade hier durch die damals 
berühmte gelehrte Schule besonders kräftige Nahrung erhielt, zeugt 
am Gesims des oberen Geschosses die Inschrift: ARCHITECTIS 
VETERIBVS DICATVM. Die Pilaster enthielten nemlich die 
leider zerstörten Medailkmköpfe antiker Architekten und Mathe- 
matiker. Der Name Archimedes ist noch lesbar. Ein späterer 
Giebelbau vom J. 1615 ist das zur protestantischen Kirche ge- 
hörende Haus, ebenfalls mit zweistöckigem Erker ausgezeichnet. 
In Kaisersberg bemerkt man schüchterne Anfänge der Renais- 
sance an einem grossen zweigiebligen Hause vom J. 1521. Ein 
kleineres Haus mit barockem Giebel trägt das Datum 1616 und 
den Namen des Baumeisters Johann Volrhat. Ebendort manche 
anziehende Fachwerkhäuser, darunter ein besonders interessantes 
vom J. 1594. Neben der Kirche ein stattliches Gebäude, ehemals 
wohl Rathhaus mit zwei breiten Rundbogenportalen, einem Trep- 
penthurm und einem Erker, bezeichnet 1604, dabei folgender Vers: 

Dem heyligen Reich ist dises Haus 
Zue Lob und Ehr gemachet aus 
Darin die wahr Gerechtigkeit 
Gehalten wirt zue jeder Zeit. 

In Rap polt sw eiler zeigt ein Brunnen vom J. 1536 in derben 
Formen den neuen Stil noch gemischt mit der Gothik. Rufach 
hat unweit der Kirche einen Ziehbrunnen auf zwei stark verjüngten 



956 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

dorischen Pfeilern in ausgebildeter Renaissance, vom J. 1579. 
Endlich in Weiss enburg ein ungemein elegantes Fachwerkhaus 1 ), 
über steinernem Erdgeschoss der obere Stock aufs zierlichste 
dekorirt, indem die einzelnen Fenster und der vorgekragte Erker 
prachtvoll mit geschnitzten Rahmen und laubgeschmückten Cande- 
labersäulen eingefasst sind. Der kleine Bau vom J. 1599 gehört 
zu den elegantesten Beispielen der oberrheinischen Holzarchitektur. 

Im badischen Lande ist Einiges aus Freiburg nachzutragen. 
Die oben auf S. 278 erwähnte Vorhalle am südlichen Kreuz- 
arm des Münsters ist, wie ich bei neuerer Besichtigung erkannt, 
erheblich später, schon mit starker Anwendung von Metallornamenten 
ausgeführt. Sie trägt an der Ostseite das Datum 1620. Im 
Innern des südlichen und nördlichen Querschiffs zeigen die Em- 
poren mit ihren cannelirten korinthischen Säulen und der eleganten 
Ornamentik den Stil derselben Zeit. Die Balustrade hat gleich 
der an der Vorhalle noch gothische Fischblasen. Ein ansehn- 
licher Bau ist das jetzt als Post benutzte Haus in der Kaiser- 
strasse, welches das Baseler Domkapitel 1588 seinem wegen der 
Reformation ausgewanderten Bischof errichten liess. Die Facade 
hat ein einfaches Portal mit ionischen Pilastern und barockem 
Aufsatz, einen grösseren und einen kleineren Erker, sodann im 
oberen Geschoss drei reiche Nischen mit den Statuen der 
Madonna, Kaiser Heinrich's, und eines Bischofs St. Pantalus. 
Im Hofe links eine Wendeltreppe mit überaus zierlichem Portal, 
am linken Flügelbau sodann eine Inschrifttafel mit der Widmung. 
Im Flur ist ein Seiteneingang mit schönem Eisengitter ver- 
schlossen. 

Sodann sei noch des hübschen Brunnens im Schlosshof zu 
Ettlingen gedacht, der wie unsere Abbildung Fig. 259 beweist, 
die Formen der Spätrenaissance geschmackvoll verwendet zeigt. 

In Oberschwaben enthält die ehemalige Karthäuserkirche zu 
Buchsheim bei Memmingen herrlich geschnitzte Chorstühle, 
den aus Danzig in Fig. 11 auf S. 89 dargestellten verwandt, 
aber noch meisterlicher geschnitzt, noch üppiger decorirt. 
Ausserdem ist der Hochaltar eins der prachtvollsten Werke des 
beginnenden Barocco, den auf S. 220 erwähnten Altären in 
Ueberlingen auffallend ähnlich. 2 ) Die Entstehung der ganzen 
Ausstattung dürfte um 1640 fallen. 

Zu den frühesten datirten Werken unsrer Renaissance gehört 



') Notiz von Herrn Archit. Haupt in Durlach. — 2 ) Dem Herrn Grafen 
von Waldbott- Buchsheim bin ich für Mittheilung von photogr. Aufnahmen 
dieser Prachtwerke dankbar. 



Nachtrag und Nachwort. 957 

die merkwürdige Votivtafel vom J. 1526, welche man über dem 
Haupteingang des fürstlich Hohenzollernschen Schlosses zu Sig- 
maringen sieht. Es ist eine Sandsteinplatte mit der schlicht und 
empfindungsvoll componirten Gruppe einer Madonna, welche den 




Fig. 259. Brunnen im Schlosshof zu Ettlingen. (Baidinger.) 



Leichnam ihres Sohnes auf dem Schoosse hält; daneben kniet 
Felix Graf zu Werdenberg und zu dem Heiligenberge, welchem 
damals Sigmaringen gehörte. Zierlich dekorirte Renaissance- 
pilaster fassen das Bildfeld ein, und hübsche Lorbeergewinde 
häugen darüber ausgespannt. Die Zwickel des Flachbogens, wel- 
cher das Feld abschliesst, sind mit kleinen Drachenfiguren gefüllt. 
Dies ist die einzige mittelalterliche Reminiscenz; alles Uebrige 
trägt den ausgeprägten Charakter der Renaissance. Man darf 



958 HI Buch. Die Renaissance in Deutschland. 

vielleicht auf einen oberrheinischen Meister aus Constanz oder 
Schaffhausen schliessen, wo damals in einzelnen Fällen die Re- 
naissance schon rein zur Anwendung kam. So z. B. in Schaff- 
hausen an den Gewölbender Johanniskirche jene auf S. 240 bespro- 
chenen Arbeiten. Die Bemalung, Gold auf blauem Grund an der 
Einfassung, die Guirlande grün, ist neuerdings aufgefrischt worden. 

Zu S. 431 ist zu bemerken, dass vom Rathhaus in Wies- 
baden nur das Erdgeschoss mit der Freitreppe dem alten Bau 
angehört, das Uebrige 1828 eine Restauration erfahren hat. Daraus 
erklären sich denn auch die auffallenden Formen der oberen Theile. 
Die geschnitzten, vergoldeten und bemalten Füllungen der Fenster 
sind jetzt im Museum zu Wiesbaden aufbewahrt. Sie waren in 
Strassburg durch Jacob Schütterlin gefertigt worden, während die 
Steinmetzarbeit einem Mainzer Meister Cyriacus Flügel übertragen 
war. Als Baumeister wird Talerius Baussendorf genannt, als aus- 
führender Werkmeister Anthoni Schöffer. (Rhein. Kurier 1873. 
No. 108). 

In Unterfranken ist das hohenlohesche Schloss Neuenstein 
als bedeutender Bau der besten Renaissancezeit nachzutragen. 
Es bildet ein mächtiges Viereck, rings von einem tiefen breiten 
Graben umzogen, an drei Ecken mit vortretenden runden Erker- 
thürmen, die einen polygonen Aufsatz haben, eingefasst, während 
an der nordöstlichen Ecke ein offenbar älterer quadratischer 
Thurm mit späterem zopfigem Aufbau dominirend emporsteigt. Die 
Hauptfront, nach Norden gewendet (Fig. 260) enthält in einem 
vorgeschobenen Bau das von zwei Rundthürmen in mittelalter- 
lichen Formen flankirte Portal. Die Brücke, welche hier über den 
Graben führt, ist nach aussen durch einen originellen Triumph- 
bogen in derber Renaissanceform abgeschlossen. Der viereckige 
Hauptthurm scheint gleich dem Portalbau noch dem Mittelalter 
anzugehören , wie denn diese Theile schon durch ihr vorzügliches 
Quaderwerk sich von dem übrigen in Bruchstein ausgeführten 
Bau auffallend unterscheiden. Das ganze Äussere ist im Uebrigen 
schmucklos; die gekuppelten Fenster zeigen spätgothisches Rah- 
menprofil. An der Westseite ist ein grosser halbrunder Vorbau 
ausgeführt, der im Hauptgeschoss als Altane mit kräftiger Ba- 
lustrade abgeschlossen wird. Die Jahrzahl 1564, welche man 
sammt den Wappen des Grafen Ludwig Kasimir und seiner Ge- 
malin von Solms am Hauptportal sieht, bezieht sich auf die Zu- 
sätze und Umgestaltungen, welche diese Theile im Zusammen- 
hang mit dem durchgreifenden Umbau des Schlosses unter jenem 
Grafen erfahren haben. Das Originellste sind die pavillonartigen 
Aufsätze der Thorthürine. Acht kräftig profilirte korinthisirende 



Nachtrag und Nachwort. 



959 



Säulen, unmittelbar auf der Dachschräge der Thürme sich erhe- 
bend und durch breite Spitzbögen verbunden, tragen die gothisch 
profilirten Rippengewölbe und das geschweifte Kuppeldach dieser 
kecken Aufsätze. 

Ein gewölbter Thorweg (A in Fig. 261) *) führt in den 
schmalen aber ziemlich tiefen Hof, der ohne reichere architek- 




JiM?. 



Fig. 260. Schloas zu Neuenstein. (L. Neher.) 



tonische Ausbildung gleichwohl durch einige originell behandelte 
Portale bemerkenswerth ist. Zur Linken des Eintretenden bei 
B sieht man eine kleine zu einer Wendeltreppe führende Pforte, 
deren Säulen schüchtern und unsicher behandelte Frührenais- 
sancekapitäle zeigen, während die Basis spätgothische Rauten- 
muster hat. Man wird diese Theile kaum später als 1530 setzen 
dürfen. Durch die Wappen Graf Albrechts III (f 1551) und 
seiner Gemalin von Hohenzollern ist in der That die Erbauung 
in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts gesichert. Alle andern 



') Den Grundriss verdanke ich gütiger Mittheilung S. Durchl. des Fürsten 
von Hohenlohe- Waidenburg. 



960 



III. Buch. Renaissance in Deutschland. 



Formen tragen übereinstimmend das Gepräge der ausgebildeten 
Renaissance. So zunächst in der Ecke rechts vom Eingang bei 
C das polygone Stiegenhaus mit vorgelegter Freitreppe, die zu 




Fig. 261. Schloss zu Neuenstein. Grundriss des Erdgeschosses. 

einem Portal von derb facettirtem Quaderwerk führt. In dem 
Halbkreisbogen, der dasselbe abschliesst, sieht man eine originelle 
Darstellung des Glücksrades, auf welchem eine kleine Figur steht, 
während zwei andere sich daneben befinden. Die Spindel- 
treppe, welche hier in die oberen Räume führt, ist an der Unter- 
seite mit eingekerbten Profilen im Renaissancestil dckorirt. Das 



Nachtrag und Nachwort. 961 

Hauptportal aber ist in der südwestlichen Ecke des Hofes bei 
D an der dort befindlichen Haupttreppe angebracht, die ebenfalls 
in einem polygonen Stiegenhause liegt. Hier hat der Baumeister 
an den schlanken einfassenden Säulen und den breiten Pilastern, 
vor welchen sich dieselben erheben, sowie an den Friesen reiches 
Ornament von recht guter Erfindung und Ausführung verwendet, 
dessen Motive die bekannten Formen der ausgebildeten Renais- 
sance verrathen. Darüber erhebt sich eine Attika mit den reich 
behandelten Wappen des Erbauers Graf Ludwig Kasimir und 
seiner Gemalin, eingefasst von einer männlichen und weiblichen 
Figur. Dann kommt ein zweiter Fries, und darüber schliesst ein 
Flachbogenfeld mit der ruhenden Figur eines Flussgottes 
den schlanken Aufbau des Ganzen. Die Treppe, deren Spindel 
auf drei feinen vierkantigen Stützen ruht, gehört durch ihre gross- 
artige Anlage, die Meisterschaft der Construction und Gediegen- 
heit der technischen Ausführung zu den hervorragendsten ihrer Art. 
An der Südseite des Hofes bei EE fallen zwei grosse Bogen- 
nischen von beträchtlicher Tiefe auf, welche mit gothischen Netz- 
gewölben dekorirt sind. Sie standen ehemals durch breite fenster- 
artige Oeffnungen mit der dahinter liegenden Küche G in Ver- 
bindung und sind ein weiteres Beispiel jener sinnigen Anlage 
eines Dispensatoriums zur Austheilung der Speisen an Bedürftige, 
wie wir sie im Schloss zu Baden (S. 271) und in der Pilgerlaube 
zu Hämelschenburg (S. 857) angetroffen haben. Die Küche selbst, 
zu welcher man durch den daneben liegenden Thorweg F gelangt, 
ist ein grossartiger Bau, dessen Kreuzgewölbe auf gewaltigen 
Rundsäulen von gothischer Form ruhen. Von den inneren Räumen 
des Erdgeschosses ist sodann an der Ostseite eine schöne Halle 
H, deren Gewölbe auf einer schlanken Rundsäule ruhen, hervor 
zu heben. Es war vielleicht ursprünglich die Schlosskapelle. 
Ihre Verbindung mit den oberen Räumen hat sie durch eine kleine 
Wendeltreppe. Der glanzvollste Raum ist aber der Festsaal K, 
welcher im westlichen Flügel die nördliche Ecke einnimmt. Man 
gelangt zu ihm durch einen unscheinbaren Zugang; aber auch 
hier bildet eine kleine Wendeltreppe die Communikation mit den 
oberen Geschossen, wie denn hier beim völligen Mangel innerer 
Galerieen durch zahlreiche versteckt liegende Wendeltreppen 
solche Verbindungen bewirkt sind. Der Saal, gegen 35 F. breit 
bei 62 F. Länge, zeigt gleich den übrigen Räumen mittelalterliche 
Anlage und Construktion: gothisch profilirte Netzgewölbe auf 
zwei mittleren Rundsäulen ruhend, die gekuppelten Fenster in 
tiefen Wandnischen der gewaltig dicken Aussenmauern liegend. 
An der Ecke giebt ein grosser kreuzförmig ausgebildeter, eben- 

Kugler, Gesch. d. Baukunst V. 61 



962 III. Buch. Renaissance in Deutschland. 

falls gewölbter Erker dem grossartigen Raum besonderen Reiz. 
In ähnlicher Weise sind an den anderen Ecken des Baues die 
vorspringenden Rundthürme verwendet. Der Saal, welcher gleich 
den übrigen Räumen des Schlosses wüst und öde liegt, bewahrt 
mancherlei Spuren einer originellen Dekoration der schon barock 
umgebildeten Spätrenaissance, ohne Zweifel unter Schickhardt 
ausgeführt; denn in seinem handschriftlichen Inventarium sagt 
er: „Newenstein, dem Herrn Craften Grafen zu Hohenlo etc. ge- 
hörig, da ich auch viel gebaut." Man kann von dem inter- 
essanten Werke nicht scheiden, ohne ihm eine verständnissvolle 
Wiederherstellung zu wünschen. 



Ueber den auf S. 776 als Baumeister des Schlosses zu 
Dresden genannten Hans von Dehn- Rot felser ersehe ich nach- 
träglich aus Val. König, geneal. Adelshistorie I, S. 211, dass er 
im J. 1500 geboren, in seiner Jugend auf Reisen in fremden 
Ländern mancherlei Erfahrung und Geschicklichkeit erworben, 
dann von Herzog Georg zum Ober- Rtist und Forstmeister be- 
stellt wurde. Unter Kurfürst Moritz erbaute er das zuerst Schloss zu 
Radeberg, dann das Jagdschloss Moritzburg, das Schloss Senften- 
berg, sammt seinen Festungswerken, vor allem das Residenz- 
schloss zu Dresden. Auch die Stadt selbst wurde durch ihn er- 
weitert und mit Basteien versehen, weshalb sein leben sgrosses 
Bild über dem von ihm erbauten Salomonsthore aufgerichtet ward. 
Er starb 1561 als Oberbaumeister der Festung und des Schlosses 
zu Dresden. 



Zum Schluss fassen wir die wichtigsten historischen Daten 
der deutschen Renaissance in kurzer Uebersicht zusammen, so- 
weit es sich dabei um architektonische Denkmäler handelt. 

Das früheste Werk würde der Wladislavsaal auf dem Hrad- 
schin zu Prag sein, wenn die schon ziemlich ausgebildete Re- 
naissance der Fenster wirklich mit der Jahreszahl 1493 zu 
reimen wäre. Bekanntlich ist dies jedoch nicht ohne gewichtige 
Gründe bestritten worden. Dann folgt der Zeit nach das Haus- 
portal des Federlhof's zu Wien vom J. 1497, ein allerdings noch 
sehr schwächlicher Versuch in den Formen des neuen Stils. 
Sehr naiv ist auch die Renaissance an dem von 1509 datirenden 
Schloss Johannisberg in Schlesien. Ein Werk von bedeuten- 
dem Aufwand dagegen ist der Thurm der Kilianskirche zu Heil- 
bronn, 1513 begonnen und in einem seltsamen Gemisch von 



Nachtrag und Nachwort. 963 

Gothik und Renaissance, ja selbst noch von romanischen Ele- 
menten durchgeführt, das den deutlichsten Beweis von der künst- 
lerischen Gährung jener Tage liefert. 

Zum ersten Male tritt in Deutschland der neue Stil in reinerer 
Form am Portal der Salvatorkapelle zu Wien vom J. 1515 auf. 
Composition und Ausführung* weichen so auffallend von allem bis 
dahin in Deutschland lieblichen ab, dass man wohl an Italiener 
denken muss. Wenige Jahre später (1517) entstand das elegante 
Portal der Domsakristei in Breslau, vielleicht ebenfalls noch 
auf italienische Hände zurückzuführen, obwohl auch für deutsche 
Entstehung sich Manches vorbringen lässt. Mit voller Entschieden- 
heit macht sich italienische Arbeit an der Jagellonischen Kapelle 
zu Krakau vom J. 1520 geltend. Dagegen ist das Portal am 
Stadthaus zu Breslau von 1521 durch die starke Mischung mit 
spätgothischen Formen sicher als deutsches Werk bezeugt. Vom 
J. 1524 datirt das elegante Portal am Arsenal zu Wiener-Neu- 
stadt, sicher von italienischen Händen ausgeführt. 

Fortan tritt der neue Stil in der zweiten Hälfte der zwanziger 
Jahre so vielfach und an so verschiedenen Orten in Deutschland 
hervor, dass eine allgemeinere Aufnahme desselben durch ein- 
heimische Meister nicht mehr zu bezweifeln steht. In Trier 
bringt das Jahr 1525 das glänzende Denkmal des Erzbischofs 
Richard von Greifenklau, in Mainz errichtet Kardinal Albrecht 
von Brandenburg 1526 den originellen Marktbrunnen; in dem- 
selben Jahre stattet dieser kunstliebende Kirchenfürst den Dom 
zu Halle mit der reich geschmückten Kanzel aus. Nun bemäch- 
tigt sich auch das Bürgerthum der neuen Formen: in Görlitz 
finden wir ein Privathaus im Stil der Renaissance von 1526. 
Breslau schliesst sich unmittelbar mit mehreren Bauten an; das 
Kapitelhaus des Doms trägt das Datum 1527; aus dem folgenden 
Jahre 1528 stammt das zierliche Portal im Rathhaus und das 
ähnliche an der Krone. Ein Kirchenportal aus demselben Jahre 
finden wir sodann zu Klausenburg. 

Mit diesen auf verschiedenen Punkten gleichzeitig zusammen- 
treffenden Versuchen hat sich die Renaissance in Deutschland 
zuerst eingebürgert. Mit dem Beginn der dreissiger Jahre wagt 
sie sich, genugsam erstarkt, an die Ausführung grösserer Werke. 
Es ist vor Allem das deutsche Fürstenthum, welches nunmehr 
mächtig in die Bewegung eingreift und ihr in prachtvollen Schloss- 
bauten grössere Aufgaben stellt. Das früheste Datum (1520) 
trägt die Residenz zu Frisieng in ihrem arkadengeschmückten 
Hofe; aber der Stil hat noch das Gepräge unbeholfener provin- 
zieller Befangenheit. Sicherer und lebensvoller breitet er seine 



964 HI. Buch. Renaissance in Deutschland. 

zierlichen Formen schon 1530 an dem Georgsbau des Schlosses 
zu Dresden aus, wie denn vom sächsischen Fürstenhofe nun- 
mehr eine energische Förderung der Renaissance sich vorbereitet. 
Denn mit 1532 sind die frühesten Arbeiten an dem Schlosse zu 
Torgau bezeichnet, und 1533 lesen wir an dem eleganten 
Treppenbau zu Dessau. Von demselben Jahre datirt der ener- 
gische Portalbau des Schlosses zu Liegnitz, der sich freilich 
als Werk niederländischer Künstler zu erkennen giebt. Der ein- 
heimischen Schule dagegen gehören die freilich nur in spärlichen 
Ueberresten erhaltenen Theile des seit 1538 aufgeführten Schlosses 
von Berlin. 

Unterdess war man auch in Süddeutschland nicht müssig 
gewesen, hatte aber mehr als im Norden sich noch auf italienische 
Kräfte gestützt. Das elegante Schloss zu Spital in Kärnthen, 
das um 1530 entstanden sein wird, ist durchaus italienischen Ur- 
sprungs. Dasselbe gilt vom Belvedere zu Prag, das seit 1536 
errichtet wurde. Ebenso waren es italienische Künstler, welche 
seit 1536 die Residenz in Landshut aufführten und mit Fresken 
und Stuckaturen im Sinn der römischen Schule schmückten. Da- 
gegen sind die freilich nicht so erheblichen Bauten am Schloss 
zu Tübingen, vom J. 1537, von Einheimischen im völlig deutschen 
Gepräge durchgeführt. 

Inzwischen treten auch die bürgerlichen Kreise der Renais- 
sance näher. Besonders früh geschieht es im Elsass, wo das 
Rathhaus zu Ober-Ehnheim mit 1523 bezeichnet ist, das von 
Ensisheim die Jahrzahl 1535, und ein freskengeschmücktes Haus in 
Colmar das Datum 1538 trägt. In Nürnberg gehört das Tucherhaus 
von 1533 zu den frühesten dieser Werke, in denen die Renais- 
sance noch stark mit gothischen Reminiscenzen durchsetzt ist. 
Ein Meisterstück edler und verständnissvoller Auffassung des 
neuen Stils bietet dagegen der Saal im Hirschvogelhause vom 
J. 1534. Nicht minder vollendet ist der Vorbau mit Balkon und 
Treppe, welchen die Stadt Görlitz 1537 ihrem Rathhause vor- 
legen Hess. 

Das folgende Decennium bringt uns nur wenige neue Daten ; 
aber es gehören dahin die Bauten, mit welchen Kurfürst Friedrich II 
seit 1 545 das Schloss zu H e i d e 1 b e r g schmückt, sowie die gleichzeitig 
unter Otto Heinrich ausgeführten Theile des Schlosses zu Neu- 
burg. Sodann entsteht seit 1547 der grossartige innere Hof des 
Schlosses zu Dresden mit seinen vier prachtvollen Stiegenhäusern 
und seiner Loggia, von einem deutschen Meister, aber mit Bei- 
hülfe italienischer Werkleute errichtet. Eine völlig italienische 
Arbeit ist das zu gleicher Zeit (1547) entstandene Piastenscbloss 



Nachtrag und Nachwort. 965 

zu Brieg, an dessen Portalbau die spielende Ueppigkeit ober- 
italienischer Dekoration ihren Triumph feiert. Italiener sind 
es sodann auch, welche 1550 das Ratbhaus zu Posen mit seiner 
stattlichen Doppelhalle schmücken. 

Die grössere Kraft liegt aber auch jetzt noch auf Seite der 
fürstlichen Unternehmungen. Seit 1 553 erhebt sich mit den markigen 
Arkadenhallen seines Hofes das Schloss zu Stuttgart. In dem- 
selben Jahre beginnt man in Wismar den originellen Backstein- 
bau des Fürstenhofes. In gleichem Material und Stil folgt 1555 
das Schloss zu Schwerin. Inzwischen war im Süden seit 1553 das 
zierliche Schlösschen Gottesau bei Carlsruhe entstanden, 
und seit 1556 fügte Otto Heinrich dem Schloss zu Heidelberg 
jene Theile hinzu, welche den Stolz der deutschen Renaissance 
bilden. Im Norden ist es sodann das Schloss zu Güstrow, 
welches seit 1558 unter entschiedener Einwirkung französischer 
Auffassung errichtet wird. In demselben Jahre schmückt sich 
die Heldburg mit ihren edel durchgebildeten Erkern, während 
seit 1559 das Schloss zu Oels durchgreifenden Umbau erfährt. 
Die bürgerlichen Kreise folgen auch jetzt noch in zweiter Linie : 
vom J. 1550 ist ein Haus in Weiss enburg, vom J. 1552 das 
Rathhaus zu Mühlhausen zu verzeichnen; in Luzern entsteht 
1557 von italienischer Hand der Prachtbau des Ritterschen Hauses. 

Seit den sechziger Jahren gewinnt die Bewegung an Kraft 
und Umfang besonders dadurch, dass fortan auch das Bürgerthum 
sich mit grösserem Nachdruck dabei betheiligt. Mit 1560 ist 
der Neubau des Schlosses zu Dargun bezeichnet; 1562 liest 
man an der prachtvollen Treppe des Schlosses zu Göppingen; 
seit 1564 erheben sich die reich geschmückten Arkaden des 
Hofes der Plassenburg; mit demselben Datum (1564) sind die 
schönen Portale zu Neuen stein bezeichnet; 1565 liest man 
am Schlosse zu Bernburg, dasselbe Datum findet sich in der 
prachtvoll decorirten Schlosskapelle zu Celle, und 1569 tritt 
der ornamentirte Backsteinbau noch einmal zu Gadebusch auf. 
In demselben Jahre beginnt der Umbau des Schlosses von 
Heiligenberg. Von städtischen Bauten ist zunächst das Rath- 
haus zu Altenburg von 1563 zu nennen; gleich darauf folgt 
die elegante Rathhaushalle zu Köln, während seit 1566 Lüne- 
burg die reiche Ausschmückung seines Rathssaales beginnt, 
Schwein fürt 1564 sein Mühlthor erbaut. 

Die siebziger Jahre bringen schon ein Ueberwiegen der städ- 
tischen Unternehmungen, besonders in Aufführung oder reicherer 
Ausstattung der Rathhäuser. Seit 1570 errichtet Lübeck den ele- 
ganten Hallenbau seines Rathhauses; aus demselben Jahr datirt 



966 HI- Buch. Renaissance in Deutschland. 

der Neubau zu Sehweinfurt. Seit 1572 geht Rothenburg 
an die Errichtung seines dem älteren gothischen Bau vorgelegten 
Rathhauses, und fügt dazu seit 1576 umfangreiche Bauten am 
Spital. Ebenso erhebt sich 1574 das ansehnliche Rathhaus zu 
Emden. Das Hopfsche Haus in Rothenburg trägt die Jahrzahl 
1571, am Haus zum Ritter in Schaffhausen liest man 1570. 
Der originelle Erker in der Martinskirche in Colmar ist mit 1575 
bezeichnet, die Geltenzunft in Bas el mit 1578. An fürstlichen Bauten 
finden wir aus derselben Zeit nur das Schloss zu Offenbach 
von 1572, den Schlosshof zu Stettin von 1575, die Bauten an 
derTrausnitz von 1578 und aus demselben Jahr die Maxburg 
in München. 

Den spätem Verlauf weiter mit Daten zu belegen ist nicht 
von Interesse. Die Bewegung wird immer breiter, zieht alle 
Kreise zu wetteifernder Betheiligung heran; aber sehr bald läuft 
sie in den derben Schwulst des Barockstils aus. 



Damit schliesse ich meine Arbeit, deren Mängel und Lücken 
Niemand besser kennt als ich selbst. Allein es war Zeit endlich 
einmal diesen Gegenstand zu untersuchen und eine zusammen- 
hängende Darstellung zu wagen,* wenn uns nicht der Vorwurf 
gemacht werden sollte eine der wichtigsten Epochen unsrer Ge- 
schichte nur mangelhaft zu kennen, namentlich von der architek- 
tonischen Ausprägung, welche sie gewonnen hat, keine Ahnung 
zu besitzen. Selbst nach dem unvollständigen Material, das mir 
zu Gebote stand und hier zur Verwerthung gekommen ist, muss 
Jedermann den Eindruck einer küntlerischen Bewegung von 
seltener Kraft, Mannigfaltigkeit und Intensität bekommen haben. 
Während der künstlerische Genius Deutschlands nach dem Hin- 
gange Dürer's, Holbein's und der an ihnen herangebildeten Gene- 
ration sich von der Malerei abgewendet, wirft er sich mit ganzer 
Kraft auf das Gebiet der Architektur und der damit verbundenen 
dekorativen Künste. Seit 1540, hie und da auch schon früher, 
entsteht eine immer allgemeiner werdende Lust am Bauen und 
Meissein, die zu einer originalen Umbildung der Architek- 
tur führt. 

Diese interessante, bis jetzt noch nirgends in ihrer ganzen 
Kraft und Tiefe erkannte Wandelung des künstlerischen Ver- 
mögens der Nation hängt innig zusammen mit der einerseits 
durch das klassische Alterthum, andrerseits durch die Reformation 
herbeigeführten Umgestaltung der Lebensanschauungen, die zum 



Nachtrag und Nachwort. 967 

erstenmal im Norden das Aufblühen einer eigentlichen Profan- 
kunst hervorrief. Dazu kommen fördernde Verhältnisse äusserer 
Art: in den Städten ein durch Handel und Gewerb thätigkeit 
reich gewordenes Bürgerthum, das für seine gesteigerten und 
verfeinerten Lebensbedürfnisse im Bau und der glänzenden Aus- 
stattung prächtiger Wohnhäuser einen Ausdruck suchte, zugleich 
kurz vor dem Zusammensturz der alten reichsstädtischen Macht 
und Herrlichkeit diese noch einmal in grossartigen Rathhäusern 
und anderen öffentlichen Bauten verkörperte. Daneben das mo- 
derne Fürstenthum, damals eben zu selbständiger Bedeutung er- 
starkt, voll Eifer nicht blos sein höfisches Leben der feiner ge- 
wordenen Sitte und einer allgemeineren Bildung anzupassen, 
sondern auch den Begriff der modernen Fürstengewalt in staat- 
lichen Neugestaltungen, in Recht und Verwaltung, in Kirche und 
Schule festzustellen und dies ganze vielseitige Streben durch An- 
lage glänzender Schlösser, Lusthäuser und Gärten, aber auch 
durch Gebäude für die Verwaltung, für Schule und Kirche zum 
kräftigen Ausdruck zu bringen. Im Verlaufe der Entwickelung 
schliesst sich dann der Landadel diesen Bestrebungen wetteifernd 
an und verwandelt seine mittelalterlichen Burgen in stattlich ge- 
schmückte Herrensitze. Rechnen wir dazu die unabsehbare Zahl 
von Grabdenkmälern jeglicher Art, welche der religiöse Sinn in 
eigenthümlichem Bunde mit der gesteigerten Werthschätzung der 
Persönlichkeit überall hervorbringt, endlich die nicht geringe Reihe 
von Werken kirchlich dekorativer Kunst, von Kanzeln, Altären, 
Lettnern, Sakramentsgehäusen, Orgeln u. dgl., welche immer noch 
verlangt und ausgeführt wurden, so haben wir eine* Erscheinung 
von kaum übertroffener Mannigfaltigkeit. Erst indem wir diese 
Welt von Schöpfungen erkennen und würdigen, bemächtigen wir 
uns eines unentbehrlichen Materials für das Verständniss der 
grossen Kulturbewegung des 1.6. Jahrhunderts. 

Aber auch die rein ästhetische Seite des Gegenstandes darf 
nicht unterschätzt werden. In unsrer schulmässigen Bildung sind 
wir gar zu schnell geneigt, nach dem Gesichtspunkt sogenannter 
Stilreinheit alle Schöpfungen zu beurtheilen. Wir merken nicht 
dass es gar oft nur die künstlerische Impotenz ist, welche in 
solcher formellen äussern Correctheit einen Deckmantel für ihre 
Armuth sucht. Correkt sind nun die Werke unsrer deutschen 
Renaissance noch weit weniger als die der französischen; auch 
von Stilreinheit kann kaum die Rede sein, wo der ganze Verlauf 
der Entwickelung darin besteht, dass sich die mittelalterliche 
Tradition mit der antiken Formenwelt, dass sich die heimische 
Sitte des Nordens mit der Kunst des Südens in Ausgleich setze. 



968 III- Buch. Renaissance in Deutschland. 

Wer aber das Wesentliche in den künstlerischen Schöpfungen zu 
erkennen weiss, der wird durch die Fülle von origineller Kraft, 
ja durch die naive Genialität in dieser Welt von Kunstwerken 
überrascht und lebhaft ergriffen sein. Da ist nirgends ein schab- 
lonenhaftes Copiren, überall individuelle Freiheit, Frische der 
Conception, lebensvolle Kraft der Ausführung. Alles aber beruht 
auf dem soliden Grunde eines gesund entwickelten, künstlerisch 
inspirirten Handwerks, das bis in die letzten Theile der Ausstat- 
tung sich in seiner ganzen Tüchtigkeit offenbart und den Werken 
dieser Epoche einen beneidenswerthen Hauch von Ursprünglich- 
keit und Anmuth verleiht. Wo solche Vorzüge eine Welt von 
Kunstschöpfungen auszeichnen, — mag sich auch das Form- 
gepräge innerhalb einer durch die Schranken der Zeit und des 
nationalen Bildungsstandes bedingten Auffassung bewegen, die 
nicht mehr die unsrige sein kann, — da ziemt es sich für uns 
wohl, den grossen wesentlichen Zügen einer solchen lebensvollen 
Epoche in gebührender Selbstbescheidung gerecht zu werden. 



Verzeichnisse zum fünften Bande. 

(Geschichte der Renaissance. Drittes Buch: Deutschland.) 



A. Ortsverzeichniss, 



Aarau. 

Glasmalereien aus dem Kloster 
Muri 127. 
Allendorf. 

Fachwerkbauten 909. 
Altenburg. 

Rathhaus 810. 

Schloss 813. 

Privatbau 810. 
Altorf. 

Privathaus : Holzschnitzerei 95. 
Zimmer -Einrichtung 244. 
Amberg. 

Bezirksgericht 287. 

Gebäude f. d. Landescollegien 286. 

Rathhaus 287. 

Schloss (Appell- Gericht) 286. 

Tanzhäuser 288. 

Zeughaus 288. 

Privatbau 287. 
Ambras. 

Burg 617. Oefen 618. 
Andernach. 

Der Leyische Hof 939. 
Annaberg. (Sachsen). 

Schloss 777. 

Stadtkirche: Hauptaltar 775, Sa- 
cristeithür 775. 
Annaberg. (Vintschgau). 

Schlosskapelle: Altartafel 616. 
Aschaffenburg. 

Schloss 204. 253. 446. 

Stiftskirche: Grabmäler 81. 
Assen. (Westphalen). 

Schloss 911. 



Augsburg. 

Allgemeines 403 u. f. 

St. Anna: Thurm 414. 

Augustusbrunnen : Prachtgitter 
111. 

Barfüsser-Kirche: Gestühle, Gitter 
411. 

Barfüsser-Brücke 415. 

Beckenhaus 414. 

Brunnen 212. 422. 

Dom: Eisengitter 111. Gitter und 
Epitaphien 411. 

Fagaden -Decoration 410. 

Fagaden, gemalte 198. 200. 323. 409 
u. f. 

Fleischhalle 210. 

Fuggerhaus: 404 u. f. Wandge- 
mälde 200. 

Gärten 215 u. f. 

Gemälde-Galerie M. 52. (2.) 

Giesshaus 413. 

Maximilians -Museum 406. Erker 
186. 

Rathhaus 207. 415 u. f. Intarsien 
95. Oefen 120. 

Schlachthaus 415. 

Siegelhaus 414. 

Spital, das neue 422. 

St. Ulrich : Chorstühle , Beicht- 
stühle, Schränke, Decoration etc. 
411. 

Weberhaus: Wandmalerei 200. 409. 

Weiserhaus 408. 

Zeughaus 210. 414. Geschützrohre 
114. 

Privatbau 408. 



970 



A. Ortsverzeichniss. 



Augustusburg. 

Schloss 777. 
Aulendorf. 

Schlossgarten : Eisengitter 111. 388. 

B. 

Babenhausen. 

Schloss (Kaserne) 445. 

Privatbau 446. 
Bacharach. 

Holzbau 951. 
Baden-Baden. 

Schloss 264 u. f. 
Baireuth. 

Die alte Eesidenz 514. 
Bamberg. 

Dom: Grabmal 82. 

Alte Bischöfliche Residenz 506. 

Handelsschule 509. 

Mauth- Gebäude 509. 

Michaelskloster 509. 

Neptunsbrunnen 509. 

Rathhaus 509. 

Stift St. Gangolph 509. 

Stift St. Jacob 509. 

Stift St. Stephan 509. 

Privatbau 509. 

Dncpl 

Brünnen 163. 212. 228. 

Gemalte Fagaden 198. 

Bärenfelser Hof: Holztäfelung 230. 

Geltenzunfthaus 228. Fenster 176. 

Museum: M. 59. 60. 69. 70. 71. 74. 

Rathhaus 227. Glasgemälde 127. 
227. Holztäfelung 227. Gross- 
raths-Saal, M. 63. 

Schützenhaus: Glasmalerei 127. 

Spiesshof 230. Fenster 176. Holz- 
täfelung und Holzdecken 230. 
Bebenhausen. 

Kirche: Kanzel 324. 

Fürstliche Bauten 324. Holztäfe- 
lung, Holzdecken, Truhe 324. 
Bensen (bei Bronnbach). 

Schlösschen 644. 
Berchtesgaden. 

Gemalte Fagade 562. 
Berlin. 

Kön. Schloss 706 u. f. Silberpokal 
710. Schwerter 711. 

Kön. Marstall 709. 

Kupferstich-Kabinet M. 63. 

Museum : Pommerischer Kunst- 
schrank 726. 

Neues Museum : Kunstschränke 98. 

Schinkel- Museum: Sc. 7o. 
Bernburg. 

Schloss 844. 



Bibliothek Sc. 69. 

Privatbau 845. 
Bevern (bei Holzminden). 

Schloss 858. 
Biberach. 

Privathaus: Portal 171. 388. Dec. 
176. 
Bielefeld. 

Privatbau 917. 
Birkenwald. (Elsass). 

Schloss 262. 
Bischof-Teinitz. 

Schloss 644. 
Bittburg. 

Kobenhof 947. 
Blatna. (Böhmen). 

Schloss 644. 
Bocholt. 

Rathhaus 922. 
Bolkoburg bei Bolkenhain. (Schlesien). 

Sgraffito- Decoration und farbige 
Fresken 201. 
Boppard. 

Karmeliter -Kirche: Grabmäler 82. 
83. 940. 

Holzbau 949. 951. 

Fensterbrüstungen 950. 
Bozen. 

Pfarrkirche 611. Epitaph 612. 
Hauptportal 612. 

Schloss Runkelstein, siehe R. 

Privatbau 612. 
Brake bei Lemgo. 

Schloss 911. 
Braunschweig. 

Burg 878. 

Gewandhaus: Giebel 184. 878. 

Ehemal. Gymnasium 877. 

Neustädter Rathhans, Sitzungssaal 
Dec. 879. Alterthümer-Sammlung 
873. 

Die alte Waage 873. 

Fachwerkbau 193. 

Privatbau 871 u. f. 
Brauweiler. 

Abteikirche: Altäre 939. 
Bremen. 

Kornhaus 762. 

Krameramthaus (jetzt Gewerbe- 
haus) 766. 

Rathhaus 75S. 

Schütting 762. 

Stadtwaage 762. 

Privatbau 765. 
Bremmen a. d. Mosel. 

Holzbau 951. 
Breslau. 

Dom: Portal 645. 652. Grabmal 648. 

Elisabethkirche : Thurm 667. Grab- 



A. Ortsverzeichniss. 



971 



mäler und Denktafeln 644. 651. 

652. 658. 664. Hochaltar 648. 
Kreuzkirche: Grabmal 661. 
Magdalenen - Kirche : Thurm 668. 

Denktafeln und Epitaphien 652. 

653. 664. Portal 664. 
Kapitelhaus 645. 654. 
Alterthums- Museum Sc. 652. 668. 
Ohlauer Thor 675. 

Rathhaus 645. 648. 653. 656. 

Privatbau 645. 649. 654. 661 u. f. 
665. 
Brieg. 

Piasten-Schloss 649. 674. u. f. 
Fenster 172. Portal 172. Säulen- 
arkaden 163, Sgraffito- Decora- 
tion 201. 

Rathhaus 683. 

Gymnasium 683. 

Stadtschule 675. 

Privatbau 649. 683. 
Brixen. 

Dom 615. 

Bischöfl. Palast 615. 

Privatbau 615. 

Schloss Velthurns, siehe V. 
Bruchsal. 

Privathaus: Portal 274. 
Brück bei Lienz. 

Schloss M. 618. 
Brück a. d. Mur. 

Brunnen mit Eisengitter 111. 595. 
Brunn. 

Privatbau 643. 
Briix. 

Rathhaus 638. 642. 
Buchsheim. 

Karthäuserkirche: Chorstühle und 
Hochaltar 956. 
Büdingen. 

Stadtkirche: Grabmal 911. 

Oberhof 910. 

Privatbau 911. 
Budweis. 

Privatbau 643. 
Biilach. (Schweiz). 

Rathhaus: Einrichtung 249. 
Biitow. 

Schloss 728. 



Calcar. 

Holzschnitzaltäre 925. 
Cannstatt. 

Kirche: Thurm 218. 343. 376. 

Privatbau 183. 184. 377. 
Cassel. 

Martinskirche: Grabmal 908. 



Marstall 908. 

Renthof 908. 

Schloss: Lustgarten 215. 

Privatbau 908. 
Celle. 

Stadtkirche 851. Grabmäler 851. 

Schloss 847. Kapelle 850. 

Rathhaus 851. 

Privatbau 852. 
Coblenz. 

Jesuitenkirche 939. 

Jesuitencollegium 940. 

Privatbau 939. 
Coburg. 

Moritzkirche: Grabmäler 839. 

Ehrenburg 836. 

Gymnasium 210. 839. 

Regierungsgebäude 210. 839. 

Zeughaus 210. 389. 

Die Veste 836. Intarsien 95. Ofen 
119. 
Colmar. 

Privatbau 171. 183. 184. 186. 257 
u. f. Gemalte Facaden 200. 
Constanz. 

Dom: Kapellengitter 111. 280. 

Rathhaus 279. Fenster 176. Ein- 
richtung 279. 280. 

Privatbau 280. 
Cöthen. 

Schloss 843. Lustgarten 215. 

Privatbau 844. 
Orangen bei Schlawe. 

Schloss 710. 
Culmhach. 

Stadtkirche 514. 

Bezirksamt 514. 

Plassenburg siehe P. 

D. 

Dachau. 

Schloss: Holzplafond 95. 
Dachsolder. 

Schloss 286. 
Danzig. 
Klosterkirche: Holzsculptur 92. 
Beischläge 715. 
Das Englische Haus: Portal 162. 

171. 
Die Lange Gasse 716. 
Altstädter Rathhaus 722. Thürme 

207. Gewölbe 208. 
Rechtstädt. Rathhaus 718 u. f. 
Müllergewerkhaus 724. 
Thore 212. Das Hohe Thor 212. 

722. 
Zeughaus 193. 210. 722. Fenster 

176. 



972 



A. Ortsverzeichniss. 



Privatbau 166. 223. 718. Holz- 
schnitzwerk 95. 
Dargun. 

Schlossbauten 189. 744. 
Darmstadt. 

Grossherzogl. Schloss 442 u. f. 

Rathhaus 444. 

Privatbau 445. 
Deinschwang. 

Schloss 286. 
Dessau. 

Herzogl. Schloss 839. 

Rathhaus 842. 

Privatbau 842. 
Dettelbach. 

Wallfahrtskirche 456. 
Dinkelsbühl. 

Privatbau 166. 198. 
Donaueschingen. 

Fürstl. Galerie M. 78. 
Donauwörth. 

Fuggerschloss : Holzdecke 95. 
Dortmund. 

Marienkirche: Orgelempore 925. 

Rainoldikirche : Thurm 925. 

Privatbau 922. 
Dresden. 

Kön. Schloss 156. 158. 160. 203. 
775. 777. 785 u. f. Stallhof 794. 

Bibliothek: Handzeichnungen etc. 
75. 134. 

Kunstkammer 777. 

Kupferstich- Kabinet: Handzeich- 
nungen 150. 

Lusthaus auf der Jungfernbastei 
777. 

Historisches Museum: Waffen u. 
Kunstgewerbl. Gegenstände 99. 
104. 105. 113. 

Privatbau 795. 
Düsseldorf. 

Stadtkirche: Grabmal 925. 



E. 

Eberndorf. 

Kirche: Grabmäler 602. 
Ebreichsdorf bei Wiener Neustadt. 

Schloss 589. 

Friedhof: Grabmal. 569. 
Eggenburg bei Graz. 

Schloss 601. 

Privatbau 592. 

Das gemalte Haus 592. 

Rosenburg, siehe R. 

Burg Schleinitz, siehe S. 
Ehrenburg bei Brunecken. 

Schloss: Sgraffito-Decor. 619. 



Eichstädt. 

Kirche des heil. Grabes4 21. 

Schloss auf dem Willibaldsberg 421. 
Eisleben. 

Andreaskirche : Kronleuchter 834. 
Elgg bei Winterthur. 

Schloss: Einrichtung 125. 249. 
Eltville. (Ellfeld). 

Privathaus 428. 
Emden. 

Die neue Kirche 770. 

Grosse Kirche St. Cosmas und 
Damianus: Grabmal 770. 

Brücke 769. 

Rathhaus 766. 
Emmerich. 

Kirche: Taufkessel 925. 
Ensisheim. (Elsass). 

Rathhaus 952. 

Privatbau 955. 
Eppingen. 

Privathaus 193. 
Erfurt. 

Dom: Epitaphien und Taufstein 
831. 

Michaelskirche: Grabstein 828. 

Severikirche : Kanzel 831. 

Privatbau 825 u. f. 
Ettlingen. 

Schloss: Brunnen 956. 



F. 

Felsenberg bei Graz. 

Schloss 601. 
Frankfurt a. M. 

Brunnen 437. 

Der Römer 432. 

Privatbau: 183. 193. 197. 433 u. f. 
Freiberg. 

Dom : Grabmäler 87. 776. 799. Chor- 
gitter und Kanzel 800. 

Rathhaus 799. 

Privatbau 798. 
Freiburg i. Br. 

Münster: Vorhalle 278. 956. 

Rathhaus 277. 

Universität 277. 

Privatbau 277. 956. 
Freienstein. 

Rohr'sches Haus 710. 
Freising. 

Dom 521. Kapellengitter 111. 

Residenz 156. 167. 519 u. f. Kapelle 
521. 
Freudenstadt. 

Kirche 127. 136. 217. 2 IS. 321. 
333 u. f. 



A. Ortsverzeichnis». 



973 



Stadt -Anlage 332. 

Kaufhaus (Oberanitsgebäude) 333. 

Marktplatz 332. 

Oeffentliche Gebäude 321. 

Rathhaus 333. 

Spital 333. 

Thore 212. 
Freudenstein bei Freiberg. 

Schloss 777. 
Friedenstein bei Gotha, siehe Gotha. 
Friedland. 

Schloss 644. 
Friesach. 

Kirche: Grabmäler 602. 

Brunnen 611. 
Fritzlar. 

Kaserne 909. 
Fürstenried. 

Schlossgarten 216. 
Fiirstenwald. 

Jagdschloss 286. 

G. 

Gadebusch bei Schwerin. 

Schloss 189. 743. 

Rathhaus 744. 
St. Gallen. 

Erker in Holz geschnitzt 249. 

Bei Herrn Kaufmann Meyer: Glas- 
malerei aus dem Kloster Rat- 
hausen 127. 
Gaming. 

Klostergebäude 589. 
Gernsbach. 

Rathhaus 176. 184. 186. 277. 
Gifhorn. 

Schloss 853. 
Gitschin. 

Waldstein - Schloss 644. 
Gmünd. (Schwab. — ) 

Heil. Geist-Spital 384. 

Kornhaus 384. 

Brunnen 163. 212. 387. 

Privatbau 384 387. 
Göllersdorf. 

Schloss 588. 
Göppingen. 

Schloss 203. 321. 323. 
Görlitz. 

Rathhaus 695 u. f. 776. 

Privatbau 699 u. f. 
Goslar. 

Fachwerkbau 193. 
Gotha. 

Kunstkammer: Werke der Klein- 
kunst 833. 

Postgebäude: Portal 832. 

Rathhaus 832. 



Schloss Friedenstein 832. 

Privatbau 832. 
Gottesau bei Carlsruhe. 

Schloss 263. 
Graz. 

Burg 599. Oefen 592. 

Landhaus 595. Wasserspeier 112. 
Ziehbrunnen 596. 

Mausoleum Kaiser Ferdinands II. 
599. 

Privatbau 599. 

Schloss Eggenburg, siehe E. 

Schloss Felsenburg, siehe F. 
Greifenstein, Burg. (Schlesien). 

Sgraffito- Decoration 201. 
Grossheubach bei Miltenberg. 

Erker 197. 
Gross-Steinheim. 

v. Hutten'sches Haus 431 
Grünau bei Neuburg a. D. 

Jagdschloss 296. 
Grunewald bei Berlin. 

Jagdschloss 710. 
Guhlau bei Nimptsch. 

Schloss: Portal 694. 
Güstrow. 

Dom : Prachtgitter 742. Kanzel 743. 

Pfarrkirche: Kanzel, Empore und 
Stuhlwerk 743 

Schloss 737 u. f. Stuckdecoration 
741. 



Haimburg bei Neumarkt. 

Schloss 286. 
Halberstadt. 

Petershof 885. 

Rathhaus 882. 

Rathskeller 880. 

Schuhhof 881. 

Steueramt 885. 

Privatbau 197. 198. 880 u. f. 885. 
Hall. (Schwab. — ) 

Privatbau 197. 323. 
Halle a. d. Sl 

Dom 817. Kanzel und Decor. 816. 

Marienkirche (Marktkirche) Decor. 
818. 

Moritzkirche: Kanzel 818. 

Ulrichskirche : Tabernakel und 
Kanzel 818. 

Friedhof 820. 

Moritzburg 817. 

Rathhaus 819. 

Die alte Residenz 817. 

Stadtwaage, (jetzt Schule) 819. 

Privatbau 819. 



974 



A. Ortsverzeichniss. 



Hallstadt. 

Gasthof zur Post: Hausglocke 
112. 574. 
Hamburg. 

Katharinenkirche : Thurm 757. 

Privatbau 757. 
Hameln. 

Hochzeitshaus 184 900. 

Rattenfängerhaus 184. 899. 

Privatbau 899. 
Hämelschenburg bei Hameln. 

Schloss 854 u. f. 
Hannover. 

Leibnitzhaus 184. 186. 895. 

Privatbau 895. 899. 
Hehlen. 

Schloss 858. 
Heidelberg. 

Schloss 286. 297 u. f. Friedrichs- 
bau 166. 175. 176. 177. 184. 312. 
Kapelle 2 1 7. Otto - Heinrichsbau 
158. 164. 165. 166. 175 176. 302 
u. f. 306. Rudolfsbau 300. 
Rupprechtsbau 300. Der eng- 
lische Bau 316. Königssaal 300. 
Terrasse 316. Gartenanlagen 
215. 317. 

Haus zum Ritter 184. 186. 318. 

Privatbau 319. 
Hellbronn. 

Kilianskirche 156. 218. 320. 377. 

Deutschordenshaus 383. 

Fleischhalle 210. 381. 

Katharinenspital 166. 172. 184. 381. 

Oberamtsgebäude 381. 

Rathhaus 207. 378 u. f. 

Privatbau 383. 
Heiligenberg. 

Schloss 95. 217. 281 u. f. 
Heldburg bei Hildburghausen. 

Schloss 834. 
Helmstädt. 

Ehemal. Universität (Juleum) 859. 
Herford. 

Neustädter Keller 914. 

Rathhaus 914. 

Ziehbrunnen am Markt 914. 

Privatbau 917. 
Hersfeld. 

Rathhaus 909. 
Hildesheim. 

Dom : Lettner 893. 

Brunnen am Markt 893. 

Kaiserhaus 891. 

Knochenhauer- Amtshaus 887. 

Templerhaus 892. 

Privatbau 193. 887. 889 u. f. 
Hirsau. 

Jagdschloss 321. 324. 



Hirschwald bei Amberg. 

Schloss 286. 
Hohenelbe. 

Privatbau 644. 
Hollenegg. (Steiermark). 

Schloss: Oefen 592. 
Höxter. 

Privatbau 900. 
Hülsede bei Lauenau. 

Schloss 858. 



I. 



Jena. 

Burgkeller 831. 

Privatbau 831. 
Jever. 

Kirche: Grabmal 772. 

Schloss: Holzdecke 774. 
Ingolstadt. 

Obere Pfarrkirche St. Maria: Glas- 
gemälde 128. Hochaltar 220. 
1 Innsbruck. 

Franziskaner -(Hof-) Kirche 616. 
Eisengitter 616. Denkmal Maxi- 
milians 88. 617. 

Landschaftshaus 617. 

Museum: Altartafel 616. 

Postgebäude 617. 

Schloss Ambras, siehe A. 
Joch. (Rheinland). 

Stadtthor 925. 

Privatbau 925. 
Johannisberg bei Neisse. 

Schloss 645. 652. 
Ischl. 

Hausglocken 112. 
Jülich. 

Rathhaus 925. 



Kaisersberg. 

Privatbau 955. 
Kempen a. Rh. 

Kirche: Orgelgehäuse 925. 
Kiedrich. 

Rathhaus 431. 
Kirchhausen. 

Schloss 445. 
Kisslegg. 

Ofen 119. 388. 
Klagenfurt. 

Brunnen 6<>3. 611. 

Landhaus 609. 

Rathhaus 609. 

Privatbau 610 



A. Ortsverzeichnis. 



975 



Klausenburg. 

Kirche: Portal 566. 
Klosterneuburg. 

Conventgebäude 589. 
Köln. 

Dom: Epitaph 927. Grabmal 928. 

St. Georg : Portal , Sakraments- 
gehäuse 928. 

St. Gereon : Epitaph 928. Inne- 
res 929. 

Jesuitenkirche 929. 

Kapitolskirche : Lettner 927. 

Maria - Lyskirchen : Orgel, Holz- 
thiir 929. 

Stadt. Museum: Grabmal, Kamine 
928. 

Rathhaus 158. 171. 930. 936 u. f. 

Zeughaus 937. 

Privatbau 937. 
Königswusterhausen. 

Schloss 710. 
Kost. (Böhmen). 

Schloss: Thurm 644. 
Krakau. 

Dom: Jagelionische Kapelle 566. 
570. 

Schloss 570 (2). 

Tuchhalle 638. 

Sgraffito- Reste 201. 
Krems. 

Privatbau 592. 
Krumau. 

(Böhmen). Schloss 644. 
Kuttenberg. 

Privatbau 643. 



Landshut. 

Bezirksamt 531. 

Landschaftshaus (jetzt Post) 531. 

Residenz 157. 292. 522 u. f. Holz- 
decke 95. 

Trausnitz 531 u. f. Geschnitzte 
Bilderrahmen 209. Oefen 119. 
Pfeilerarkaden 167. Rittersaal 
203. 
Lautershofen. 

Schlösschen 286. 
Leipzig. 

Fürstenhaus 184. 186. 806. 

Pleissenburg 805. 

Polizeiamt 805. Rathskeller 805. 

Rathhaus 184. 802. 

Privatbau 186. 801. 809. 
Leitmeritz. 

Rathhaus 643. 
Leitzkau. 

Schloss Münchhausen 710. 



Lemgo. 

Hauptsteueramt 913. 

Rathhaus 911. 

Privatbau 913. 
St. Leonhard. 

Kirche: Grabmäler 602. 
Letzlingen. 

Schloss 710. 
Lichterfelde. 

Schloss 710. 
Liebenstein. 

Schlosskapelle 165. 166. 172. 217. 
218. 383. 
Liegnitz. 

Schloss 649. 668 u. f. 

Gymnasium 672. 

Privatbau 649. 672 u.f. 

Sgraffito-Dekoration 201. 
Linz. 

Museum : Gemalte Fayence-Oefen 
590. 
Lohr. 

Bezirksamt (früh. Schloss) 451. 452. 

Rathhaus 207. 209. (2) 450 u. f. 
London. 

British Museum : A. 64. Sc. 69. M. 
70. 75. 134. 

Kensington-Museum: Schild 106. 
Lorch a. Rh. 

Kirche: Grabmal 83. 

Hilchenhaus 428. 
Löwenberg. (Schlesien) 

Sgraffito-Decoration 201. 
Lübeck. 

Dom: Grabmäler, Kronleuchter 
752. 

Aegidienkirche : Orgel , Lettner, 
Kronleuchter 752. 

Bremer Kapelle : Bronzegitter 752. 

Jacobikirche : Orgel, Kronleuchter 
752. 

Marienkirche: Inneres 752. 

St. Peter: Kronleuchter, Gitter 
752. 

Haus der Kaufleute, Decor. 751. 

Rathhaus 747. 748. 

Zeughaus (ehemal.) 748. 

Privatbau 95. 749 u. f. 
Lüneburg. 

Johanniskirche : Grabmal, Chor- 
stühle etc. 756. 

Rathhaus 754 u. f. Silberkammer 
756. 

Rathsapotheke 754. 

Springbrunnen 756. 

Privatbau 753. 
Luzern. 

Antoniuskapelle 235. 

Franziskanerkirche, Dec. 235. 



976 



A. Ortsverzeichniss. 



Stiftskirche: Taufsteingitter 235. 
Friedhof. : Arkaden 234. 
Rathhaus 233. 

Regierungsgebäude 233. 952. 
Gemalte Facaden 198. 
Privatbau 58. 226. 230. 



M. 

Magdeburg. 

Dom: Grabmal 78. 
Mainz. 

Dom: Chorstühle 92. 427. Grab- 
mal 83. 

Erzbischöfl. Schloss 425. 

Gymnasium 426. 

Judenbrunnen 211. 425. 

Ehemal. Universität (Kaserne) 426. 

Privatbau 426. 427. 
Marburg. (Hessen). 

Herrenmühle 909. 

Rathhaus 909. 

Regierungsgebäude 909. 

Privatbau 910. 
Marburg. (Steiermark). 

Rathhaus 600. 

Privatbau 601. 

Riegersburg, siehe R. 
Markgröningen. 

Brunnen 211. 
Marktbreit. 

Landgerichtsgebäude 453. 

Rathhaus 452. 
Mayenburg bei Völlau. 

Schloss 618. 
Meisenheim. 

Kirche: Epitaphien 940. 
Meissen. 

Dom: Grabplatten 797 

Albrechtsburg 775. 

Privatbau 797. 
Mellenthin. 

Schloss 727. 
Meran. 

Altes Schloss 618. 
Mergentheim. 

Schloss: Treppen 203. 

Deutschordens -Schloss 468. 
Merseburg. 

Dom: Kanzel 823. 

Schloss 821 u. f. Ziehbrunnen 823. 
Metz. 

Kathedrale 253. 
Michelstätten. 

Schloss 589. 
Millstadt. 

Kirche: Grabmäler 602. 
Minden. 

Rathhaus 918. 



Privatbau 918. 
Molk. 

Schalaburg, siehe S. 
Molsheim. 

Fleischhalle 261. 
Mörsburg. (Schweiz). 

Oefen 122. 249. 
Möskirch. 

Kirche: Grabplatte 82. 
Mühlhausen. (Elsass). 

Rathhaus 171. 176. 254 u. f. Ge- 
malte Fagade 184. 200. 256 u. f. 
Glas- und Wandgemälde 257. 
München. 

Frauenkirche: Grabmonument 88. 
Kapellengitter 111. 

Michaels-Hofkirche 541 u. f. Chor- 
stühle 92. Thurm218. 

Akademie der Künste (ehemal. Je- 
suitencollegium) 210. 545. 

Fleischhalle: Frescomalerei 562. 

Der alte Hof (Ludwigsburg) 546. 

Kupferstich-Kabinet : Entwürfe zu 
Rüstungen 106. 

Mariensäule 163. 562. 

Maxburg 546. gemalte Fagade 201. 

Der alte Münzhof. 163. 540. 

Nationalmuseum : Kunstge- 
werbl. Gegenstände, Waffen, 
Schmuck etc. 95 97. 98. 99. 103. 
104. 106. 113. 119. 131. 132. 

Pinakothek M. 57. 77. (2). 

Residenz 546 u. f. 553. Details 
172. 181. 209. Brunnen im Hof 
212. Gemalte Facaden 201. har- 
ten 216. Grottenhof 555. Kaiser- 
vestibül 555. 

Schlosskapelle 219. Glasge- 
mälde 128. 
Schatzkammer: Schmuck- 
gegenstände 103. 

Die sogen. Neue Veste 546. 

Bei Herrn von Hefner-Alten- 
eck: Entwürfe zu Schmuck- 
gegenständen 103. 1<)4. 
Münden. 

Blasiuskirche: Epitaph und Orgel 
903. 

Schloss 900. 

Rathhaus 902. 

Privatbau 902. 
Münster. 

Dom: Epitaphien, Altäre. Kapitel- 
saal 922. 

Rathhaus 922. 

Stadtweinhaus (Stadtwaage) 921. 

Privatbau 921. 
Murau. (Steyermark). 

Schloss 601. Oefen 592. 



B. Verzeichniss der Künstlernamen. 



977 



Muri. 

Kloster: Glasmalerei 127. 



ff. 
Nabburg. 

Rathhaus 288. 
Näfels. 

Gemeindehaus 247. Details der Ein- 
richtung 95. 126. 226. 247.248. 
Negau. (Steyermark). 

Schloss 601. 
Neisse. 

Pfarrkirche: Grabmäler 686. Eisen- 
gitter 689. 

Rathhaus 687. 

Stadtwaage 687. 

Breslauer Thor 689. 

Ziehbrunnen 689. 

Privatbau 649. 688. 
Neuburg. 

Schloss 290 u. f. Details der Ein- 
richtung 294. 
Neuenstein. 

Schloss 958. 
Neuhaus. (Böhmen). 

Schloss 644. 
Neuhaus. (Westphalen). 

Schloss 911. 
Neumarkt. 

Schloss 285. 288. 
Neunkirchen. (Niederösterreich). 

Ziehbrunnen - Gitter 111. 
Neustadt am Waldnab. 

Schloss 288. 
Nikoisburg. 

Schloss 644. 
Nimptsch. 

Schloss 675. 
Nordhausen. 

Rathhaus 833. 
Nördlingen. 

Rathhaus 387. Freitreppe 207. 

Schulhaus 387. 

Reimlinger Thor 387. 
Nürnberg. 

St. Sebald: Sebaldusgrab 78. 218. 

Brunnen 212. 505. 

Festungswerke 505. 

Fleischbrücke 505. 

Fleischhalle 210. 

German. Museum: Kunstgewerbl. 
Gegenstände 102. 119. 120. 121. 

Rathhaus 74. 82. 168. 207 (2). 208. 
500 u. f. Brunnen 82. In der 
Städtischen Sammlung: silberne 
Becher 102. 

Stadtmauern 212. 

Kugler, Gesch. d. Baukunst V. 



Thürme212. 505. 

Das alte Zeughaus 505. 

Privathäuser, Details und Ein- 
richtung derselben 95. 119. 156. 
166. 167. 172. 184. 186. 204. 486 
bis 500. 

Bei Herrn Merkel: Tafelaufsatz 102. 

Bei Herrn Bürgermeister von Stro- 
mer: Nachlass von W. I. Stro- 
mer 222. 

Bei Nürnberg: 

Gleishammer 500. 

Lichtenhof 500. 

Schoppershof 500. 
Nymphenburg. 

Schlossgarten 216. 



0. 

Oberburg. 

Kirche 601. 
Oberehnheim. (Elsass). 

Brunnen 211. 261. 

Die alte Kornhalle 261. 

Rathhaus 261. 
Oberlahnstein. 

Holzhaus 950. 
Oberstrass (bei Zürich.) 

Oefen 125. 
Oberwesel 

Stiftskirche: Grabmal 83 (2). 
Ochsenfurt. 

Rathhaus 452. 

Privatbau 452. 
Oehringen. 

Kirche, Grabmal 944. 
Oels. 

Pfarrkirche: Grabmäler 694. 

Schloss 649. 689. 
Offenbach. 

Isenburg'sches Schlösschen 438. 
Oldenburg. 

Rathhaus 771. 

Schloss 770. 
Olmiiz. 

Rathhaus 643. 

Privatbau 643. 
Osnabrück. 

Privatbau 920. 
Oxford. 

Bodleianische Bibliothek, M. 69. 



P. 

Paderborn. 

Rathhaus 918. 
Pansin bei Stargard. 

Schloss 727. 

62 



978 



A. Ortsverzeichniss. 



Pforzheim. 

Stiftskirche: Grabmäler 84. 
Pfreimdt. 

Franziskanerkirche 288. 

Stadtkirche 288. 

Schloss 288. 
Pilsen. 

Privatbau 643. 
Plassenburg. 

Schloss 509 u. f. Details 167. 171. 
203. 
Plathe. 

Schloss 728. 
Pöllau. 

Kirche 601. 
Posen. 

Rathhaus 705. 
Prag. 

Dom: Eisengitter 111. 641. 

Belvedere, im Bauingarten 210. 624. 

Belvedere Ferdinands 1. 626. Spring- 
brunnen 633. 

Hradschin 624. Krönungssaal 622. 
624. Wladislawsaal 566. 

Altstädter Rathhaus 638. 

Palast Schwarzenberg 638. Sgraf- 
fito-Decor. 201. 

Palast Waldstein 641. Halle 641. 

Ziehbrunnen auf dem kleinen Ring: 
Eisengitter 641. 

Privatbau 641. 

Bei Prag: 

Jagdschloss zum Stern 633 u. f. 
Pragthal. (Unteröstreich). 

Schloss 590. 
Pudagla a. d. Insel Usedom. 

Schloss 727. 
Pürglitz bei Rakonitz. 

Burg: Rittersaal 622. 



R. 

Rappoltsweiler. 

Brunnen 955. 
Rathausen. 

Kloster, Glasmalerei 127. 
Ravensburg. 

Eisenarbeit 112. 388. 
Regensburg. 

Dom: Kreuzgang 156. 289. Grab- 
mal 81. 

Dreifaltigkeitskirche 219. 290. 

St. Emmeram: Glockenthurm 289. 

Neue Pfarrkirche 156. 289. 

Obermünster: Altar 290. 

Rathhaus 290. Modell der Neuen 
Pfarrkirche 289. 

Thon-Dittmer'sches Haus 204. 290. 



Reichenberg. (Böhmen). 

Rathhaus 643. 
Reifenstein bei Sterzing. 

Schloss 618. 
Rhense. 

Holzhaus 950. 
Riegersburg. (Steyermark). 

Schloss 601. Oefen 592. 
Ronneburg in der Wetterau. 

Schloss 910. 
Rorschach. 

Privatbau 249. 
Rosenberg bei Eggenburg. 

Schloss 587. 
Roth am Sand. 

Schloss 470. 
Rothenburg a, T. 

Befestigungswerke 212. 477. 

Brunnen 163. 178. 212. 478. 

Gymnasium 210. 476. 

Mauern und Thore 212. 

Rathhaus 207. 472 u. f. Details 92. 
164. 171. 17. 176. 183. 186. 208. 
223. 

Spital 210. 476. 

Spital -Thor 212. 

Privatbau 478 u. f. Details 95. 112. 
209. 479 u. f. 
Rottweil. 

Brunnen 212. 388. 

Privatbau 388. 
Rufach. 

Ziehbrunnen 955. 
Runkelstein. 

Schloss 618. 



Salzburg. 

Dom 619. 

Franziskanerkirche : Eisengitter 
619. 

Brunnengitter 574. 619. 

Eisenarbeiten 619. 

Friedhof St. Peter 619. 

Friedhof St. Sebastian 619. Eiser- 
nes Grabkreuz 574. 

Residenz: Portalgitter 619. 

Veste Hohen -Salzburg 619. 
Salzuffeln. 

Privatim u Hl 4. 
Schaffhausen. 

Johanniskiiche 240. 

Munoth 243. 

Privatbau 240. 

Gemalte Facjiden 198. 200. 240. 243. 
Schalaburg bei Molk. 

Schloss 5S6. 



A. Ortsverzeichniss. 



979 



Schlackenwerth. (Böhmen). 

Schloss: Lustgarten 215. 
Schleinitz bei Eggenburg. 

Burg 589. 
Schieissheim. 

Schlossgarten 216. 
Schietstadt. 

Privatbau 955. 
Schmalkalden. 

Stadtkirche: Kronleuchter 908. 

Schloss (Wilhelmsburg) 905. Ka- 
pelle 906. 

Privatbau 908. 
Schönfeld (in Franken). 

Schloss 421. 
Schrattenberg. (Steyermark). 

Schloss 601. Oefen 592. 
Schwarz-Kosteletz (bei Böhmischbrod). 

Schloss 644. 
Schweinfurt. 

Gymnasium 210. 465. 

Mühlthor 212. 465. 

Rathhaus 207 (2). 460 u. f Details 
92. 209. 465. 

Privatbau 465. 
Schwerin. 

Schloss 189. 735. 
Schwöbber. 

Schloss 858. 
Seckau. 

Mausoleum Erzherzogs Karls II. 
601. 
Semil. (Böhmen). 

Rathhaus 644. 
Sigmaringen. 

Schloss: Votivtafel 957. 
Simmern. 

Pfarrkirche: Grabmäler 940. 
Smetschna. (Böhmen). 

Schloss 644. 
Sobernheim. 

Schloss 947. 
Söding. (Steyermark). 

Kirche: Flügelaltar 572. 
Spital a. d. Drau. 

Schloss Porzia 603. 

Bezirksamt 607. 

Privatbau (Höfe) 608. 
Stein am Rhein. 

Gemalte Fanden 200. 235. 239. 

Kloster (ehemal.) 235. Details 235. 
236. 

Schützenhaus: Glasmalerei 128. 240. 

Zunfthaus zum Kleeblatt: Glas- 
malerei 128. 239. 

Privatbau, Details und Einrich- 
tung 200. 237. 239. 
Stettin. 

Schloss 726. 



Privatbau 728. 
Steyer. 
Kornhaus 591. 
Hausglocke 112. 
Stixenstein. 

Ziehbrunnen: Gitter 111. 
Stolpen. 

Burg: Portal 775. 
Stralsund. 

Privatbau 728. 
Strassburg. 
Münster 253. 

Frauenhaus beim Münster 260. 
Postamt (ehemal. Rathhaus und 

Börse) 260 (2). 
Privatbau 261. 
Stuttgart. 
Stiftskirche: Grabmal 87. 
Der neue Bau 321. 365. 
K. öffentl. Bibliothek: Schickhards 

Nachlass 222. 336 u. f. 
Gymnasium 376. 
Die alte Kanzlei 210. 320. 321. 370 

u. f. Details 163. 164. 177. 
Kupferstich- Kabinet, M. 73. 
Landschaftshaus 321. 372. 
Lustgarten 215. 216. 358. Lust- 
grotte 321. 367. 
Das Neue Lusthaus 210. 321. 322. 

359 u. f. Details 171. 184. 
Prinzenbau 321. 372. 
Rathhaus 375. 
Das alte Schloss 321 u. f. 348 u. f. 

Details 112. 158. 162. 171. 172. 

203. Kapelle 217. 
Ständehaus 210. 
Privatbau 162. 171. 177. 197. 343. 

375. 
Bei Herrn Oberbaurath v. Egle: 

Kunst-Schrank 96. 



T. 



Thalberg. (Steyermark). 

Burg 601. 
Thienhausen bei Steinheim. 

Schloss 911. 
Thurnau. 

Schloss Giech 514. 
Torgau. 

Schloss 775. 778 u. f. Kapelle 782. 
Details 160. 172. 176. 186. 

Rathhaus 785. 

Privathau 784 u. f. 
Toul. 

Kathedrale 253. 
Traben a. d. Mosel. 

Holzbau 950. 951. 



62* 



980 



A. Ortsverzeichniss. 



Tratzberg. 

Schloss 618. 
Trausnitz siehe bei Landshut. 
Trautenfels. (Steyermark). 

Schloss 601. 
Trier. 
Dom: Grabmäler 83. 944. Kanzel 

947. 
Liebfrauenkirche : Balustrade, Pi- 

laster 944. 
St. Matthias : Epitaphien 944. 
Erzbischöfl. Palast 947. 
Privatbau 947. 
Tschocha bei Mark-Lissa, Lausitz. 
Burg: Sgraffito-Reste und farbige 
Fresken 201. 
Tübingen. 

Stiftskirche: Grabmäler 84. 
Kathol. Convict (Wilhelmsstift) 210. 

321. 328. 
Eathhaus 328. 

Schloss 320. 324 u. f. Details 162. 
172. 321. 327. 328. 



U. 

Ueberlingen. 

Kirche: Altäre 178. 280. Taber- 
nakel 220. 

Münster: Altäre 220. 

Kanzleigebäude 162. 171. 172. 176. 
280. 
Ulm. 

Münster: Portale 397. Thürflügel 
397. Eisengitter 111. 397. Chor- 
gestühl 82. 

Dreifaltigkeitskirche 393. Inneres 
394. 

Spitalkirche: Chorstühle 92. 219. 

Der neue Bau (jetzt Kameralamt) 
392 u. f. 

Brunnen 212. 394 (2). 

Kornhaus 210. 393. 

Rathhaus 320. 389. Gemalte Facade 
391. 

Privatbau 204. 397 u. f. 401. Holz- 
schnitzerei 95. 

Gemalte Facaden 198. 201. 323. 
Urach. 

Kirche: Betstuhl 320. 330. 

Schloss 329. Details 82. 97. 329. 



V. 

Varenholz im Lippe'sehen. 

Schloss 911. 
Velthurns bei Brixen. 

Schloss 618. 



Villach. 

Stadtpfarrkirche ; Einrichtung 602. 



W, 



Wächtersbach. 

Schloss 910. 
Warta. (Schlesien). 

Schloss: Sgraffito-Dekoration 201. 
Weikersheim. 

Schloss 466. Kapelle 217. 468. 
Garten 215. Details der Aus- 
stattung 131. 467. 
Weil (die Stadt). 

Kirche: Tabernakel 88. 220. 
Weimar. 

Stadtkirche : Decoration. Epita- 
phium 825. 

Das alte Schloss 824. Lustgarten 
215. 

Das rothe Schloss 824. 

Cranachhaus 824. 

Das städtische Brauhaus 825. 

Kriminalgebäude: Wappen 825. 

Privatbau 825. 
Weissenburg. (Elsass). 

Privatbau 262 956. 
Wertheim. 

Kirche: Grabmäler S3 u. f. 448. 944. 

Brunnen 211. 44b. 

Rathhaus 450. 

Das Alte Schloss 448. 

Privatbau 450. 
Wesel. 

Privatbau 925. 
Wessely. 

Rathhaus 643. 
Wettingen. 

Klosterkirche: Chorstühle 92. Glas- 
gemälde 127. 
Wien. 

St. Stefan: Grabmäler u. sonstige 

Details 578. 

Deutschordenskirche : Grabmal 58 1 . 

Michaelskirche: Grabmal 5M. 

Salvatorkapelle: Prachtpforte 570. 
578. 

Albertina M. 74. 75. 

Ambraser Sammlung M. 75. Waf- 
fen- und Prachtrüstungen 104. 
1(15. 

Kaiserl. Burg 582. Schweizerhof 
582. Stallung 585. 

Hofbibliothek M. 74. 

Landhaus 585. 

Tirna'sches Haus (Federlhof) : Por- 
tal 566. 



A. Ortsverzeichniss. 



981 



Privatbau 581. 

Gärten 215. 
Wiener-Neustadt. 

Arsenal 570. 

Artillerie -Kaserne 566. 585. 
Wiesbaden. 

Museum 958. 

Rathhaus 431. 958. 
Windhag. (Unterösterreich). 

Schloss 590. 
Winterthur. 

Oefen 125. 126. 249. 
Wismar. 

Fürstenhof 189. 729. 
Wittenberg. 

Schlosskirche. Grabmal 81. 
Wittingau. 

Schloss 644 (2). 

Privatbau 643. 
Wolfenbüttel. 

Marienkirche 217. 863 u. f. 

Eisengitter, Orgel 870. 

Hochaltar 866. 

Taufbecken 869. 

Herzogl. Schloss 870. 

Zeughaus (jetzt Kaserne) 870. 

Apotheke am Markt 8-70. 
St. Wolfgang. (Oberösterreich). 

Kirche: Altargitter 111. 
Wolfsberg. 

Kirche: Grabmäler 602. 
Wolfsburg bei Fallersleben. 

Schloss 853. 
Wülflingen bei Winterthur. 

Herrenhaus: Details der Einrich- 
tung 122. 249. 
Würzburg. 

Dom: Grabmal 82. 

Universitätskirche 217 u. f. 458. 

Bischöfl. Palais 455. 

Festungswerke 212. 

Julius -Hospital 210. 460. 

Rathhaus 111. 454. 



Universitätsgebäude 210. 457. 
Privatbau 204. 455 u. f. 
Wyden bei Andelfingen. (Schweiz). 
Schlösschen: Oefen 249. 



Xanten. 

Münster: Kreuzgang 925. 

Z. 

Zabern. (Elsass). 
Das alte Schloss: Portal 262. 
Privatbau 262. 
Zeilern. (Unterösterreich). 

Schloss 590. 
Zell a. d. Mosel. 

Jagdschlösschen 947. 
Zerbst. 
Nicolaikirche: Epitaphium, Tauf- 
becken 843. 
Bürgerschule 842. 
Rathhaus 843. 
Privatbau 843. 
Zittau. 
Klosterkirche : farbige Fresken 
.201. 
Znaim. 

Rathhaus 592. 
Zürich. 

Brunnen 244. 

Rathhaus 244. Oefen 126. 247. 

Treppengitter 247. 
Stadtbibliothek: bemalter Tisch, 

von Holbein 243. 
Privatbau: Oefen, Decoration und 
sonstige Einrichtung 95. 125. 
126. 244. 247. 
Bei Zürich: 

Haus Bocken: Einrichtung 248. 
Zwickau. 
Marienkirche : Kanzel , Leuchter, 
Stühle, Eisengitter 800. 



B. Verzeichniss der Künstlernamen, 



Aberlin Tretsch 324. 348. 359. 511. 
Aken, Gabriel van 730. 751. 
Albert von Soest 755. 
Albrecht (Görlitz.) 695. 
Aldegrever 76. 
Altdorfer 76 (2). 77. 409. 
Angermaier, Christoph 98. 
Annaberg, Hans von 471. 
Anthony 311. 
Antonelli 524. 528. 
Antonius von Theodor 675. 
Antonius Wilhelm 727. 
Attenstätter , David 98. 

B. 

Bahr, siehe Pari*. 

Bahr, Jacob (aus Mailand) 673. 675. 
Baldewein, Eberhard 910. 
Balthasar von Darmstadt 325. 
Baptista, Johann 725. 
Barth, Wilhelm 722. 
Bartholomeus (von Florenz) 570. 
Bartolommeo (aus Mantua) 524. 
Baumann, Johann 150. 
Baussendorf, Valerius 958. 
Bawor, Jacob, siehe Bahr und Parr. 
Beer, Georg 359 (2) (Behr?) 
Behaim, Hans d. ä. 500. 
Beham 76. 

Bartel 78. 

Hans Sebald 76. 

Behr, Georg 328. (Beer?) 
Benedetto (aus Mantua) 524. 
Benedict von Laun, siehe Laun. 
Benedict, Meister, (aus Krakau) 648. 

(Laun?) 
Benedix 696. 

Benesch von Laun, siehe Laun. 
Benzelt, Balthasar 709. 776. 
Beora, Nicolo 524. 
Beringer, W. 457. 
Bernardin 524. 
Bernhard, Meister (Brieg) 675. 



Berwart, Blasius 348. 353. 511. 
Bestürling, Arnold 775. 
Bles, Harri de 77. 
Bolognese, Giacomo 848. 
Bonallino, Francesco a 736. 
Borno, Francesco a 736. 
Büschel, Caspar 810. 
Both, Ertmar (Ertman) 730. 
Boxberger, Hans 528. 
Brandin, Philipp 742. 
Bruyn, Barthol. de 77. 
Buchmüller, Georg 392. 393. 399. 

Martin 393. 

Buchner, Hans 794. 
Bunz, Joh. Vitus 111. 397. 
Burckh, Jörg 359. 
Burgkmaier 570. 656. 

Hans 52. 403. 409. 

Busch, Peter 348. 
Buschperger, Martin 582. 



Caesar 524. 

Candid, Peter 542. 546. 

Carmis, Jacob von 354. 

Moritz von 357. 

Caspar, Meister (Brieg) 675. 841. 
Caus, Salomon de 317. 370. 
Cesare, Carlo de 777. 795. 
Chiaramella 710. 736. 
Christoph, Meister 83. 
Colins, Alexander 310. 
Colmann, Desiderius 105. 
Colonia, Peter de 444. 
Continelli 570. 
Cranach 76. 
Crenach, Ludwig 783. 
Crispinus, Meister 471. 

D. 

Dehn, Hans (der Rothfelser) 776. 788. 

962. 
Dibold 281. 
Diedrich, Burkhard 864. 



B. Verzeichniss der Künstlernamen. 



983 



Diessart, Karl Philipp 514. 
Dietrich, Wendel 542. 
Dietterlein, Wendel 152. 153. 359. 364. 
Dowher, Adolph 775. 
Düren, Statius von 730. 734. 751. 
Dürer, Albr. 71. 100. 114. 132. 133. 
486. 504. 570. 656. 

E. 

Eggl, Wilhelm 542. 
Erhart 122. 
Erschey, Jacob 414. 
Ertmar 730. 
Eyck, Hubert van 46. 



Feldmann, Johannes 925. 
Ferrabosco di Lagno 634. 
Fischer, Caspar 310. 
Floris, Conrad 742. 
Flügel, Cyriacus 958. 
Fouquiers 316. 
Francesco (aus Mantua) 524. 
Franciscus (aus Italien) 570. 
Francke, Paul 859. 863. 
Friedrich, Lorenz 290. 
Fritzsch, Georg 864. 
Fromiler, Jos. Ferd. 609. 
Furttenbach, Joseph 223. 

G. 

Gabriel van Aken 730. 751. 
Georg (Baumeister, Wismar) 730. 
Gerhard, Hubert 422. 542. 
Giacomo Bolognese 848. 
Giger, Mathias 227. 
Gockel, Kilian 465. 
Gotfro, Elias 908. 
Götz, Sebastian 315. 
Graf, Hans Heinrich 125. 
Graf, Urs 63. 226. 227. 
Grohmann, Nicolaus 810. 
Gysius, Theodorus 601. 

H. 

Haas, (Haasen) Georg 152. 
Habrecht, Isaac 391. 
Hacke, Hans 834. 
Hagenau, Nicolaus von 471. 
Haidern, Jacob 302. 
Haidler, Hans 629. 
Hainhofer, Philipp 99. 
Hanitz, Joseph 414. 
Hanns von Lohr 151. 
Hans von Annaberg 471. 
Hasselt, Heinrich van 934. 935. 
Haubitz, Christoph 743. 



Helleweg, Wilhelm 689. 
Hering, Loyen 82. 

Barthold 752. 

Herle, Simon 722. 
Hieber, Hans 289. 
Hieronymus, Meister 708. 
Hilger, Martin 795. 

Oswald 783. 

Wolf 776. 783. 

Hirschvogel 150. 

Augustin 150. 585. 

Hoffmann (Hofmann) Nicolaus 460. 

818. 819. 820. 

Simon 823. 

Holbein 100. 656. 

- Hans 57. 63. 126. 198. 226. 
227. 230. 
— Hans d. ä. 57 (2) 403. 

Sigmund 57. 

Holl, Elias 321. 412. 



Hanns 412. 

Sebastian 412 u. f. 

Holzer, Johann 409. 
Holzschuher, Eucharius Karl 503. 
Hopfer, Daniel 71. 

Hülst, Esaias van der 369. 

I. 

Jamnitzer 150. 

Albrecht 103. 

Wenzel 102. 103. 

Jarosch, Thoman 633. 
Illalio, Domenico 585. 
Ingen, J. Karl 290. 
Jobsten 696. 

Johann Baptista 725. 

Johann von Trarbach 84. 944. 

Irmisch, Hans 794. 

K. 

Kager, Matthias 409. 

Kai, A. 457. 

Kässmann, Rutger 151. 

Kellerthaler 99. 

Kern, Hans 504. 

Kesselhut, Jacob 444. 

Khnauft, H. G. 531. 

Kircher, Balzer 878. 

Klencke, Hans 800. 

Klenze 549. 

Klinge, Magnus 878. 

König, Peter 562. 

Korb, Hans 359. 

Körner, Stoffel 478. 

Koster Müller 510. 

Krafft, Adam 82. 486. 

Krammer, Gabriel 151. 

Krumper, Hans 542. 546. 555. 562. 

Kummer, Peter 708. 776. 



984 



B. Verzeichniss der Künstlernamen. 



Labenwolf, Pankraz 82. 503. 
Lagno, Ferrabosco di 634. 
Latz, Hieronymus 325. 
Laun, Benedict von 622. 624. 648. 

696. 
Lautensack, Hans Sebald 585. 
Lencker, 150. 
Leyder, Jacob 310. 
Liva, Valentin von 730. 
Löffler, Gregor 633. 
Lohr, Hanns von 151. 
Loth, Ulrich 546. 
Lotter, Hieronymus 802. 
Loyen Hering 82. 
Lüder, 761. 
Lugann, Meister 675. 
Luther, Hans von 324. 
Lynar, Rochus von 708. 777. 
Lynzo, Giovanni 952. 

M. 

Mabuse, Jan van 77. 
Manuel, Niclas 63. 226. 227. 
Maria, Zoan 570. 626. 
Marian, Hans 444. 
Memmhardt, 709. 
Menten, Curt 869. 
Meyer, Joachim 348. 
Miler, Görg 88. 
Muelich, Hans 103. 
Müller, Görg 88. 
Koster Müller 510. 

Kunz 460. 

Wolfgang 541. 

Müllener, Bernhard 131. 
Muntig, Heinrich 667. 



Nikolaus von Hagenau 471. 
Niuron, Peter 708. 841. 
Nosseni, Giov. Batt. 784. 
Giov. Maria 776. 793. 794. 



795. 



O. 



Obbergen, Anthony von 722. 
Orley, Bernhard von 77. 

Nicolaus von 357. 

Oslew, Johannes 694. 
Ostendorfer, Michael 289. 



Pachmayr, H. 531. 
Pahr, siehe Bahr, Parr. 
Palladio 228. 
Parmentana, Vinc de 656. 



Parr, Christoph 735. 

Franciscus 735. 737. 

Joh. Bapt. 735. 

siehe auch Bahr. 

Paul (Baumeister) 736. 
Paumgartner, Ulrich 99. 
Pencz 76. 

Pfau, David 122. 125. 126. 
Peringer, Lienhardt 535. 
Peter, Meister 952. 

de Colonia 544. 

von Pirna 696. 

Philippi, Gerhard 369. 
Pirna, Peter von 696. 
Pistor (von Elberfeld) 925. 
Pleidenwurff, Michael 48. 
Pleydenwurff, Hans 648. 
Plumthal 609. 

Poco, Francesco de 585. 
Ponzano, Antonio 406. 409. 
Pordenone d. j. 410. 
Porti, Battista 585. 

Q. 

Quadro, Gio. Batt. 705. 



Räspell, Hans 708. 
Reidt, Melchior 936. 
Reifenstuel, Hans 546. 
Reinhardt, Georg 771. 
Reumann, Kaspar 460. 
Reuscher, Hans 820. 
Riedinger, Georg 253. 446. 
Riemenschneider, Tilmann 82. 453. 
Rivius, Walther 139. 
Rode, Georg 806. 
Rodler, Hieronymus 138. 
Ronio, s. Speza. 
Roritzer, Wolfgang 289. 
Rospinger, Ludwig 528. 
Ross. Conrad 414. 
Rosskopf, Wendel 696. 
Rotenhammer 409. 
Rothf eiser, siehe Dehn. 
Rüge, Hans 755. 

S. 

Salzmann, Jacob 359. 
Samarina 524. 
Schallantzer, Hermes 585. 
Schäuffelein (Schäufflein) Hans 76. 

387. 
Schedel, Hartmann 48. 
Scheel, Sebastian 616. 
Scheffelt, Peter 392. 399. 
Scheinsberger, Hans 47S. 



B. Verzeichniss der Künstlernamen. 



985 



Schickhardt, Heinrich 336 u. f. 357. 

365. 375. 
Schieferstein, Hans 99. 
Schitterlin, Jacob 938. 
Schlüter 709. 
Schneider, Hans 667. 
Schöffer, Anthony 958. 
Schön, Erhard 76. 150. 
Heinrich 546. 

Martin 253. 

Schröer, Hans 777. 
Schuster, Paul 113. 
Schwabe, Caspar 223. 
Schwarz, Christoph 546. 
Schweiner, Hans 377. 
Seroen, Anton von 776. 
Seusenhofer, Jörg 106. 
Siebenbürger, Alex. 540. 
Sigmann, Georg 106. 
Simon (von Eönnigheim) 328. 
Smid 710. 

Soest, Albert von 755. 
Solizer 260. 

Sommer, Joh. Georg 478. 
Spatio (Spazio) Anthoni de 570. 

Hans de 570. 626. 634. 

Jacopo de 570. 

Speckle (Specklin) Daniel 150 260 (2). 

Speza de Ronio, Andrea 771. 

Statins von Düren 730. 734. 751. 

Stella, Paul della 570. 626. 634. 

Stellauf, Andreas 658. 

Stimmer, Tobias 200. 240. 273. 

Stoer 150. 

Stoss, Veit 82. 486. 

Strauss, Jacob 734. 

Stromer, Wolfgang Jacob 222. 505. 

Sustris, Friedrich 540. 542. 

Sutermann, Lambert 934. 

Syrlin, Jörg 82. 



T. 

Tauchen, Jost 648. 
Theiss, Kaspar 706. 776. 
Theodor, Antonius von 675. 
Tola, Gabriel de 776. 

Benedict de 776. 

Trarbach, Johann von 84. 944. 
Tretsch, Aberlin 324. 348. 359. 511. 
Trost, Hans 626. 



U. 

Ueberreiter, Niclas 522. 
Unger, Georg 505. 
- Peter 505. 
Urs Graf, siehe Graf. 



Vacksterffer , Christian 254* 
Valiento, Antonio 542. 
Verdetz, Alexander de 601. 
Vernickel, Wilhelm 934. 
Vesst, Georg 119 
Victor 524. 
Vi scher, Hermann 81. 
Kaspar 510. 

Peter 78. 486. 504. 570. 648. 

656. 

Vogel, Andreas 793. 

Matthes 449. 

Vogelsang, Ulrich 602. 

Vogt (Voigt), Kaspar 730. 776. 806. 

Volchat, Johann 955. 

Vorrah, Hans 675. 

Vos, Martin de 850. 

Vries, Adrian de 422. 

— — Vredeman de 722. 

W. 

Walch, Sigmund 524. 

Walther, Sebastian 778. 

Weber, Hans 800. 

Weinhart, Kaspar 268. 

Weinher, Hans 542. 

Wendel, Dietrich 542. 

Werner, Hans 810. 

Wilhelm, Antonius 727. 

Wohlgemuth, Michael 48. 486. 

Wolff (aus Nürnberg) 471. 472. 475. 

477. 
Wolmuet, Bonifacius 585 (2). 
Wurzelbauer, Benedict 212. 505. 



Zemin 524. 
Ziegler, Stefan 955. 
Zoan, Maria 570. 626. 
Zuberlein, Jacob 336. 
Zwitzel, Bernhard 522. 



C. Yerzeichniss der Illustrationen. 



Fig. Seite 

1. Thron, nach einem Gemälde 
von Hans Burgkmaier , 
Augsburg 53 

2. Facadenzeichnung von H. 
Holbein in Basel .... 59 

3. Zeichnung zu einem Glas- 
gemälde von H. Holbein, 
Berlin 61 

4. Becher. Zeichnung von H. 
Holbein, Basel 65 

5. Pokal, Zeichnung von H. 
Holbein, Basel 67 

6. Dolchscheide, Zeichnung 

von H. Holbein, Bernburg 70 

7. Aus Dürer's Ehrenpforte 

des Kaisers Maximilian . . 73 

8. Vom Sebaldusgrabe Peter 
Vischers 79 

9. Grabmal des Markgrafen 
Karl, Pforzheim .... 85 

10. Grabmal Eberhards des Mil- 
den, aus der Stiftskirche 

zu Stuttgart 87 

11. Von den Chorstühlen der 
Klosterkirche zu Danzig . 89 

12. Zimmer in Altorf. Nach G. 
Lasius 93 

13. Kunstschrank 97 

14. und 15. Pokale 100 

16. Tafelaufsatz von W. Jam- 
nitzer 101 

17. Aus den Entwürfen zu 
Prachtrüstungen, München 105 

18. Dasselbe 107 

19. Eingang in den Schlossgar- 
ten des Grafen von Königs- 



Fig. Seite 

egg zu Aulendorf, nach 
Dollinger 109 

20. Von einem Schilde in Ra- 
vensburg, nach Dollinger . 112 

21. Glasirter Krug, nach Dol- 
linger 115 

22. Ofen aus Kisslegg, nach 
Dollinger 116 

23. Ofen aus dem Rathhause zu 
Augsburg 117 

24. Ornament an einem Nürn- 
berger Ofen 119 

25. Ofenkachel, Nürnberg . . 120 

26. Dasselbe 121 

27. Ofen aus Oberstrass, nach 
Lasius 122 

28. Glasgemälde aus der Ka- 
pelle der Residenz in Mün- 
chen 129 

29. Erker aus dem Schlosse zu 
Torgau 159 

30. Portal aus der Kanzlei- 
strasse zu Stuttgart .• . . 160 

31. Vom englischen Hause zu 
Danzig 161 

32. Säule aus dem Schlosshofe 

zu Stuttgart 162 

33. Aus dem alten Schlosshofe 

zu Stuttgart 163 

34. Brunnen zu Gmünd (Dol- 
linger) ....... 164 

35. Brunnen zu Rothenburg 
(Bäumer) 165 

36. Kapital von der alten 
Kanzlei zu Stuttgart (Dol- 
linger) 166 



C. Verzeichniss der Illustrationen. 



987 



Fig. 
37. 

38. 



39. 

40. 

41. 

42. 

43. 

44. 

45. 

46. 
47. 

48. 

49. 
50. 

51. 

52. 

53. 

54. 

55. 

56. 

57. 

58. 

59. 

60. 

61. 

62. 

63. 
64. 
65. 



Portal aus Biberach (Dol- 

linger) 

Vom Kanzleigebäude zu 
Ueberlingen, Portal, (Dol- 

linger) . • 

Portal vom Rathhaus zu 

Rottenburg 

Vom Piastenschloss zuBrieg 

(F. Wolff) 

Fenster vom Otto-Heinrichs- 
bau zu Heidelberg (Pfnor) 
Fries vom Friedrichsbau in 
Heidelberg (Pfnor) . . 
Geländer einer Terrasse in 
Stuttgart, nach Leibnitz . 
Säule an einem Altar zu 

Ueberlingen 

Treppengewölbe in der Re- 
sidenz zu München . . . 
Privathaus aus Colmar . . 
Von einem Privathaus zu 
Nürnberg, Giebel .... 
Erker vom Tucher'schen 
Landhaus in Nürnberg . . 
Fürstenhof zu Wismar . . 
Danzig, Zeughaus, hintere 

Fagade 

Wohnhaus zu Eppingen, 

nach Weysser 

Erker aus Grossheubach 

(Weisser) 

Wohnhaus aus Halberstadt 

(Schröder) t . . 

Balkenköpfe und Quer- 
hölzer aus Halberstadt* 

(Schröder) 

Fensterumrahmung aus 
Holz , aus Dinkelsbühl 

(Weysser) 

Fagadenzeichnung von H. 
Holbein 



Seite 


Fig 




67. 


167 






68. 


168 


69. 




70. 


169 


71. 




72. 


173 


73. 




74. 


175 






75. 


177 


76. 




77. 


177 






78. 


178 






79. 


179 




182 


80. 


183 


81. 


185 


82. 


187 






83. 


190 






84. 


191 






85. 


194 


86. 


195 


87. 



Altstädtisches Rathhaus zu 

Danzig 

Decke des Rathhaussaales 
zu Rothenburg (Bäumer) . 
Bassinhalle im Lusthaus zu 

Stuttgart 

Ziehbrunnen aus Markgrö- 
ningen (Weysser) . . 
Brunnen in Rottweil (Weys- 
ser) 

Thurm der Kirche in Cann- 

stadt 

Brunnen in Basel .... 
Basel, Geltenzunft . . . 
Spiesshof zu Basel . . . 
Rathhaus zu Luzern (G. 
Lasius) 



197 

197 

199 

205 

208 

211 

212 

212 

219 I 
228 
229 
230 

234 



s9. 



90. 
91. 
92. 

93. 



Seite 

Haus zum weissen Adler in 

Stein 238 

Zimmer im Seidenhof zu 

Zürich 241 

Rathhaus zu Zürich . . . 245 
Rathhaus zu Mühlhausen . 251 
Haus zu Colmar .... 255 
Erker aus Colmar . . . 259 
Schloss Gottesau . .* . . 264 
Das Schloss Baden. Erd- 

geschoss 265 

Dasselbe. Obergeschoss . 270 
Rathhaus zu Gernsbach . 275 
Rathhaus zu Constanz , 

Hofansicht 279 

Schloss zu Heidelberg, 

Grundriss 298 

Facade vom Otto - Hein- 
richsbau in Heidelberg . 303 
Portal vom Otto - Hein - 
richsbau zu Heidelberg . 307 
Schloss zu Heidelberg , 

Friedrichsbau 313 

Dacherker aus Schwab. 
Hall. (Weysser) .... 322 
Grundriss eines Erkers im 
Schloss zu Tübingen . . 327 
Unterer Grundriss der 
Kirche zu Freudenstadt . 333 
Dasselbe, oberer Grundriss 334 
Altes Schloss in Stuttgart . 
Südöstliche Ansicht . . . 349 
Dasselbe, Grundriss . . 352 
Hof des alten Schlosses in 

Stuttgart 355 

Das ehemalige neue Lust- 
haus in Stuttgart, nach 
einem alten Stich .... 361 

Dasselbe, Grundriss . . 363 
Dasselbe, Querschnitt . . 364 
Der ehemalige Neue Bau 
in Stuttgart ...... 366 

Console auf der Königs- 
strasse zu Stuttgart (Dol- 

linger) 373 

Haus in Cannstatt (Bai- 
dinger) 376 

Thurm der Kilianskirche 

in Heilbronn 379 

Giebel vom ehemaligen 
Katharinenspital in Heil- 
bronn 382 

Schlosskapelle zu Lieben- 
stein (Baidinger) .... 385 
Giebel vom Rathhaus in 

Ulm 390 

Chorstuhl aus der Spital- 
kirche in Ulm 394 



988 



C. Verzeichniss der Illustrationen. 



Fig. Seite Fig. 

100. Grundriss des Erdge- 
schosses des Schadischen 
Hauses in Ulm .... 400 136. 

101. Erker vom Maximilians- 
Museum in Augsburg . . 407 137. 

102 und 103. Modelle zum 

Augsburger Rathhaus . . 417 j 138. 

104. Rathhaus zu Augsburg, : 139. 
. Grundriss des Erdge- 140. 

schosses 418 

105. Dasselbe, Grundriss des 141. 
IL Stockes 419 142. 

106. Rathhaussaal zu Augsburg 420 

107. Hilchenhaus zu Lorch . . 429 143. 

108. Treppe im Hause Limburg 

zu Frankfurt a. M. . . . 432 144. 

109. Salzhaus in Frankfurt . . 435 

110. Schloss in Offenbach . . 439 145. 

111. Dasselbe, Grundriss . .441 

112. Schloss zu Aschaffenburg 447 146. 

113. Brunnen zu Wertheim 
(Weysser) 449 147. 

114. Decken im Rathhaus zu 148 
Lohr 451 

115. Universitätskirche in 152. 
Würzburg 459 

116. Rathhaus in Schweinfurt . 461 

117. Dasselbe, Grundriss des 153. 
Erdgeschosses 463 

118. Dasselbe, Grundriss des 154. 
ersten Stockes 464 155. 

119. Wendeltreppe aus dem 

Schloss zu Mergentheim . 469 156. 

120. Rathhaus zu Rothenburg 473 157 

121. Dasselbe, Grundriss . . 474 { 

122. Geiselbrecht'sches Haus in j 159. 
Rothenburg, Grundrisse . 480 ' 160. 

123. Zimmer im Haffner'schen 

Haus in Rothenburg . . 481 161. 

124. Fagade des Peller -Hauses 

in Nürnberg 487 | 162. 

125. Galerie aus dem Gessert'- 

schen Hause in Nürnberg 488 ( 163. 

126. Hof des Tucherhauses in 
Nürnberg 490 161. 

127. Toplerhaus zu Nürnberg . 493 ; 

128. Hof im Funk'schen Hause 165. 
in Nürnberg 495 

129. Hof im Pellerhaus zu Nürn- Kit». 
berg 4<)7 

130. Rathhaus zu Nürnberg . 501 167, 

131. Alte Residenz zu Bamberg 507 ' 

132. Residenz in Landshut, 168 
Grundriss des Erdge- 
schosses 523 170 

133. Dasselbe, Durchschnitt . 525 

134. Dasselbe, hintere Facade 529 171 

135. Trausnitz bei Landshut, 



Seite 

Grundriss des Erdge- 
schosses 532 

Hof der Trausnitz (Bal- 

dinger) 533 

Trausnitz , Grundriss des 

ersten Stockes 535 

Zimmer aus der Trausnitz 537 
Münzhof in München . .541 
Michaelskirche in München, 

Inneres 543 

Maxburg in München . . 547 
Grundriss der Residenz zu 

München 546 

Kaiserhof in der Residenz 

zu München 551 

Portal der Residenz in 

München 554 

Nische an der Residenz zu 

München 556 

Grundriss einer Treppe in 
der Residenz zu München 557 
Mariensäule in München . 559 
bis 151. Terracotten aus 
Schloss Schalaburg . . . 573 
Von einem Brunnengitter 
in Salzburg (Franz - Jo- 
sephs -Kai) 574 

Grabkreuz vom Friedhof 
S. Sebastian in Salzburg. 5J5 
Hausglocke aus H llstadt 575 
Hof eines Hauses a i Gra- 
ben in Wien 578 

Schlosshof zu Schalaburg 582 
und 158. Holzornamente 
aus Schalaburg .... 587 
Alte G etreidehalle in Steier 590 
Sgraffito-Detail am Korn- 
haus zu Steier .... 591 
Ziehbrunnen in Brück a. d. 

Mur 593 

Hof des Landhauses in 

Gratz 597 

Wasserspeier vom Land- 
haus zu Gratz 599 

Vom Brunnen im Landhaus 

zu Gratz 600 

Vom Brunnengitter in 

Klagenfurt 602 

Fenster von Palast Porzia 

in Spital 604 

Hof des Schlosses Porzia 

in Spital 606 

und 169. Dasselbe, Grund- 
risse 607 

Wohnhaus in Brixen 

(Weysser) 613 

Vom Marktbrunnen zu 
Salzburg »120 



C. Verzeichniss der Illustrationen. 



989 



Fig. 



Seite 



172. 


Wladislavsaal in der Burg 




212. 




zu Prag 


625 


213. 


173. 


Belvedere zu Prag . . . 


627 


214. 


174. 


Brunnen zu Prag . . . 


631 




175. 


Schloss Stern bei Prag . 


635 


215. 


176. 


Dasselbe, Grundriss des 




216. 




ersten Stockes .... 


637 




177. 


Waldsteinhalle in Prag , 




217. 




nach Val. Teirich . . . 


639 




178. 


Wappen am Schloss Johan- 




218. 




nisberg 


645 




179. 


Grabmal Rybisch, in der 




219. 




Elisabethkirche in Breslau 


659 


220. 


180. 


Haus am Ring zu Breslau 


663 


221. 


181. 


Schlossportal zu Liegnitz 


669 




182. 


Portal eines Privathauses 




222. 




in Liegnitz 


673 




183 


bis 185. Grundrisse und 




223. 




Durchschnitt des Schlosses 




224. 




in Brieg (F. Wolff) . . . 


676 




186. 


Dasselbe, Aufriss derHof- 




225. 




Fagade 


677 




187. 


Grundriss des Schlosshofes 




226. 




zu Brieg 


680 


227. 


188. 


Rathhaus zu Brieg, nach 








Lüdecke 


681 


228. 


189. 


Doppelgiebel zu Brieg (C. 








Lüdecke) 


684 


229. 


190. 


Giebelfacade zu Brieg (Lü- 




230. 




decke) . ' 


685 




191. 


Rathhaus zu Neisse . . 


687 


231. 


192. 


Schlossportal zu Oels . . 


690 


232. 


193. 


Schloss zu Oels, Grundriss 








des zweiten Stockwerkes 


691 


233. 


194. 


Hof des Schlosses zu Oels 


692 




195. 


Rathhaus zu Görlitz . . 


697 


234. 


196. 


Rathhaus zu Posen . . . 


703 


235. 


197. 


Grundriss eines Privat- 








hauses zu Danzig (Bergau) 


717 


236. 


198. 


Stephanshaus in Danzig . 


718 




199. 


Vordere Fagade des Zeug- 




237. 




hauses in Danzig .... 


723 


238. 


200. 


Müllergewerkhaus in Dan- 








ziff 


724 


239. 


201. 


"■*& 

Fürstenhof in Wismar . . 


731 




202 


Vorderseite des Schlosses 




240. 




zu Güstrow 


736 


241. 


203 


und 204. Dasselbe, Grund- 








risse 


738 


242. 


205 


Schlosshof zu Güstrow 


740 


243. 


206 


Rathhaushalle zu Lübeck 


749 




207 


Kranzhaus in Hamburg (A. 




244. 




Schröder) 


759 




208 


Rathhaus zu Bremen . . 


763 


245. 


209 


Rathhaus zu Emden . . 


767 




210 


Grabmal in Jever . . . 


773 




211 


Schloss zu Torgau, Grund- 




246. 




riss des I. Stockes . . . 


779 


247. 



Seite 

Dasselbe, Schlosshof . . 781 
Hausportal zu Torgau . . 784 
Schloss in Dresden, Grund- 
riss des Erdgeschosses. . 786 
Dasselbe, Schlosshof . . 789 
Von einem Portal zu Dres- 
den 796 

Haus in der Hainstrasse zu 

Leipzig • . .803 

Giebel vom Rathhaus zu 

Leipzig 805 

Fürstenhaus zu Leipzig . 807 
Rathhaus zu Altenburg . 811 
Kanzel im Dom zu Halle 

a. d. Saale 816 

Giebel am Hause zum 
rothen Ochsen zu Erfurt . 826 
Hausportal aus Erfurt . . 827 
Haus zum Stockfisch in 

Erfurt 829 

Grundriss der Heldburg 
bei Hildburghausen . . . 834 
Dasselbe, Erker .... 837 
Schlosshof zu Dessau, 

Treppe 840 

Vom Schloss zu Bernburg, 

Facade 844 

Schloss zu Celle . . . . , 848 
Schloss Hämelschenburg 

bei Hameln 854 

Universität zu Helmstädt 861 
Fenster der Kirche zu 

Wolfenbüttel 865 

Marienkirche zu Wolfen- 
büttel 866 

Dasselbe, Pfeilerkapitäl . 869 
Alte Waage zu Braun- 
schweig 874 

Gymnasium zu Braun- 
schweig 877 

Schuhhof zu Halberstadt . 883 
Detail an einem Holzhause 

zu Hildesheim 889 

Wedekind'sches Haus zu 

Hildesheim 890 

Kaiserhaus zu Hildesheim 892 
Lettner im Dom zu Hildes- 
heim 893 

Leibnitzhaus zu Hannover 897 
Details vom Hüttischen 
(Holz-) Haus in Höxter . 901 
Details von einem Holzhaus 

aus Münden 903 

Details von einem Fach- 
werkbau zu Allendorf (F. 

Hoffmann) 909 

Schlosshof zu Brake . . 912 
Wohnhaus zu Lemgo . . 915 



990 



C. Verzeichniss der Illustrationen. 



Fig. 

248. Rathhaus zu Paderborn . 

249. Stadtweinhaus zu Münster 

250. Rathhaus zu Jülich . . . 

251. Rathhaushalle zu Köln 

252. Von einem Wandgrab in 
der Karmeliterkirche zu 
Boppard 

253. Vom Grabmal der Pfalz- 
gräfin Johanna in Simmern 

254. Epitaph der Pfalzgräfin 
Alberta in Simmern . . 



Seite Fig. Seite 

919 255. Pfosten von Holzhäusern 

923 zu Boppard 949 

926 256. Fensterbrüstungen aus 

931 Boppard 950 

257. Holzhaus zu Traben . . 951 

258. Haus in Oberlahnstein . . 953 
941 259. Brunnen im Schlosshof zu 

Ettlingen 957 

943 | 260. Schloss zu Neuenstein . . 959 

! 261. Dasselbe, Grundriss des 

945 | Erdgeschosses 960 



Druck von C. Grumbach in Leipzig.